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Die Familie ist ein Hort der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit. Wir alle sehnen uns nach diesem Flucht- und Orientierungspunkt, der unsere persönliche Welt zusammenhält und schön macht. Das wichtigste Bindeglied der Familie ist Mami. In diesen herzenswarmen Romanen wird davon mit meisterhafter Einfühlung erzählt. Die Romanreihe Mami setzt einen unerschütterlichen Wert der Liebe, begeistert die Menschen und lässt sie in unruhigen Zeiten Mut und Hoffnung schöpfen. Kinderglück und Elternfreuden sind durch nichts auf der Welt zu ersetzen. Genau davon kündet Mami. Irgendwie erinnerte Marlies Gründing Nathalie an eine Barbiepuppe. Genauso blond, genauso schlank, genauso hohl. Wer immer diese entsetzlichen Blondinenwitze aufgebracht hatte, die jetzt allenthalben kursierten, er mußte zuvor eine Unterhaltung mit Marlies geführt haben. Nathalie Reinke zog unbewußt die Oberlippe über die Zähne, während sie zusah, wie Werner – ihr Noch-Ehemann – dem blonden Püppchen über die zartmanikürte Hand strich. Eine vertrauliche Geste, die das Püppchen beruhigen sollte, aber Püppi wollte sich nicht beruhigen. Püppi wollte ihren Willen durchsetzen, jawohl, und das um jeden Preis. »Du hast ein Recht auf das Haus!« beharrte es eigensinnig, während die Anwälte verzweifelt die Augen rollten. »Wieso soll es deine Frau bekommen? Wir können auch darin wohnen. Oder willst du, daß wir bis an unser Lebensende in dieser Bruchbude von einem Appartement bleiben?« Die »Bruchbude« bestand aus einer Vierzimmer-Luxus-Eigentumswohnung, die Werner seiner Püppi zum Geschenk gemacht hatte, und von deren Balkon aus man einen wunderschönen Rundblick auf die Stadt Wiesbaden und den Taunus hatte. »Liebling«, versuchte Werner, seine Geliebte und zukünftige Ehefrau zu versöhnen. »Natürlich brauchst du nicht ewig in diesem Appartement zu bleiben. Wir werden schon ein hübsches Zuhause für uns finden.« »Ich will aber nicht irgendwas zum Wohnen, sondern das Haus!« beharrte Marlies-Püppi auf ihrem Willen und jetzt glich sie eigentlich gar nicht mehr einer Barbie, sondern eher einer gereizten Katze, die das Fell sträubt. »Du hast es mir versprochen.
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Seitenzahl: 123
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Irgendwie erinnerte Marlies Gründing Nathalie an eine Barbiepuppe. Genauso blond, genauso schlank, genauso hohl. Wer immer diese entsetzlichen Blondinenwitze aufgebracht hatte, die jetzt allenthalben kursierten, er mußte zuvor eine Unterhaltung mit Marlies geführt haben.
Nathalie Reinke zog unbewußt die Oberlippe über die Zähne, während sie zusah, wie Werner – ihr Noch-Ehemann – dem blonden Püppchen über die zartmanikürte Hand strich. Eine vertrauliche Geste, die das Püppchen beruhigen sollte, aber Püppi wollte sich nicht beruhigen. Püppi wollte ihren Willen durchsetzen, jawohl, und das um jeden Preis.
»Du hast ein Recht auf das Haus!« beharrte es eigensinnig, während die Anwälte verzweifelt die Augen rollten. »Wieso soll es deine Frau bekommen? Wir können auch darin wohnen. Oder willst du, daß wir bis an unser Lebensende in dieser Bruchbude von einem Appartement bleiben?«
Die »Bruchbude« bestand aus einer Vierzimmer-Luxus-Eigentumswohnung, die Werner seiner Püppi zum Geschenk gemacht hatte, und von deren Balkon aus man einen wunderschönen Rundblick auf die Stadt Wiesbaden und den Taunus hatte.
»Liebling«, versuchte Werner, seine Geliebte und zukünftige Ehefrau zu versöhnen. »Natürlich brauchst du nicht ewig in diesem Appartement zu bleiben. Wir werden schon ein hübsches Zuhause für uns finden.«
»Ich will aber nicht irgendwas zum Wohnen, sondern das Haus!« beharrte Marlies-Püppi auf ihrem Willen und jetzt glich sie eigentlich gar nicht mehr einer Barbie, sondern eher einer gereizten Katze, die das Fell sträubt. »Du hast es mir versprochen. Das Haus und den Schmuck und…«
»Anscheinend hat der gute Werner mal wieder den Mund zu voll genommen«, platzte Nathalie heraus. Sie wußte, daß es weise gewesen wäre zu schweigen, aber sie konnte sich einfach nicht länger zurückhalten. Dieser Scheidungskrieg nahm immer groteske Formen an. Und die Ursache dafür saß hier vor ihr, blond, glubschäugig und vollbusig. Eine raffgierige kleine Puppenschlange, die den Hals einfach nicht voll bekam.
»Das ist eine Marotte von ihm, müssen Sie wissen«, spottete Nathalie wütend. »Werner verspricht einem das Blaue vom Himmel, wenn er etwas will. Leider vergißt er seine Versprechungen aber rasch, wenn er erst einmal bekommen hat, was er wollte.«
Marlies bekam schmale Augen.
»Bei mir ist er anders!« fauchte sie katzig. »Und ich schwöre Ihnen, daß er sein Wort halten wird. Ich bekomme das Haus und alles, was er mir versprochen hat. Sonst…«
Sie sprach nicht aus, was passieren würde, wenn Werner sich ihrem Willen widersetzte, aber es schien etwas Unangenehmes zu sein, denn er zuckte wie getroffen zusammen.
»Können wir vielleicht einmal vernünftig miteinander reden?« mischte sich Dr. Berger, Werners Anwalt, ein, bevor Werner zu einer Antwort ansetzen konnte. »Ich denke, das Ehepaar Reinke hat im Vorfeld schon bestimmt Dinge besprochen, die wir jetzt fixieren sollten. Dann kann…«
»Was mein Verlobter im Vorfeld gesagt hat, tut nichts zur Sache«, mischte Marlies sich erneut ein. »Wir sind inzwischen übereingekommen, daß wir alles ganz anders haben möchten. Ich bestehe auf der Herausgabe des Hauses und…«
»Jetzt halten Sie sich endlich raus!« platzte Dr. Hoffmann, Nathalies Anwalt, dazwischen. Ihm ging das Gezeter der blonden Dame auf die Nerven, und er war beileibe nicht der einzige! »Lassen Sie uns vernünftig reden. Herr und Frau Reinke, Sie – Herr Reinke – wollten das Haus Ihrer Gattin überlassen, damit sie und die Kinder ihr Zuhause behalten können. An monatlichen Unterhaltszahlungen…«
»Das Haus gehört mir!« Marlies sprang auf und hackte mit ihren spitzen Absätzen auf dem Boden herum. »Ich will das Haus, Werner. Gib mir das Haus!«
»Und wo bitte soll meine Mandantin mit den Kindern wohnen?« fragte Dr. Hoffmann entnervt.
»Das ist doch nicht unsere Sache«, erwiderte Marlies, plötzlich die Ruhe selbst. »Frau Reinke hat meinen Verlobten lange genug ausgenommen. Jawohl, ich sag ›ausgenommen‹! Immerhin war sie seit der Geburt des ersten Kindes nicht mehr berufstätig, hat also die Versorgung der Familie einzig und alleine meinem Verlobten überlassen…«
»Jetzt reicht’s!« Nathalie hatte keine Lust mehr, dieses entwürdigende und alberne Treffen fortzusetzen. »Werner, wenn du nicht in der Lage bist, diese kleine Schla…« Rechtzeitig trat Dr. Hoffmann seiner Mandantin unterm Tisch gegen das Schienbein, so daß Nathalie vor Schreck den Rest des Wortes verschluckte. »In der Lage bist, diese Unterredung ohne die Einflüsterungen deiner Geliebten durchzuführen, sollten wir das Treffen abbrechen. Ich sehe nicht, daß wir momentan zu einer Einigung kommen können.«
»Ich auch nicht«, zischte Marlies. »Werner hat genug bezahlt. Jetzt gehört er mir und wird sich um mich kümmern. Er kann nicht für zwei Familien aufkommen.«
»Wollen Sie nicht einen kleinen Schaufensterbummel machen?« schlug Dr. Berger, am Ende seiner Geduld angelangt, vor. »Ich habe drüben in der Boutique ›Für Sie‹ ein wunderschönes Sommerkleid gesehen, das Ihnen bestimmt hervorragend stehen würde. Und die passenden Schuhe standen auch daneben.«
»Ich brauche kein Kleid, ich brauche ein Zuhause«, schmetterte Marlies den Einwand des Anwalts ab. Sie war wild entschlossen, ihre Pläne durchzusetzen.
Unter dem Tisch hieb sie ihren spitzen Absatz auf Werners Fuß, der daraufhin gequält das Gesicht verzog.
»Ja, also«, begann er sofort loszuhaspeln. »Sie haben es ja gehört und du auch, Nathalie. Was wir da mal so besprochen haben, also das hat keinen Bestand mehr. Weißt du, bei mir hat sich einiges geändert, mußt du wissen. Es ist einfach so, daß ich das Haus brauche. Und ich kann dir leider auch nicht soviel zahlen, wie ich zuerst dachte. Es ist so…« Verlegen wanderten seine Blicke zu Marlies, die zu einem neuen Tritt ansetzte. Als sich ihr Pfennigabsatz in seinen Schuh bohrte, sprach Werner hastig weiter. »Es ist so, daß mir nach der letzten Steuererklärung eigentlich gar nichts mehr geblieben ist. Zum Glück hat mir Marlies unter die Arme gegriffen und ihr Kapital beigesteuert. Dafür mußte ich ihr allerdings die Firma und alle Werte überschreiben. Ja also, ich bin im Grunde ein Habenichts. Tut mir leid, Nathalie…«
Er hatte so schnell gesprochen, daß weder die Anwälte noch Nathalie so richtig begriffen, was er ihnen eigentlich sagen wollte. Dr. Berger und Dr. Hoffmann wechselten ein paar leicht irritierte Blicke miteinander, dann holte Dr. Berger tief Luft und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
»Stimmt, so ist die Sachlage«, hob er an, um eine sichere Haltung bemüht. »Ihr Mann hatte leider in den vergangenen Monaten ein paar Verluste. Dazu kam eine Steuerschuld von mehreren tausend Mark – Herr Braumeister, der Steuerberater Ihres Gatten, kann das besser erklären als ich – jedenfalls ist es so, daß sich Ihr Gatte gezwungen sah, seine Firma in die Hände einer dritten Person zu überantworten, um seine persönliche Habe vor dem Fiskus zu retten.«
Dr. Hoffmann und Nathalie sahen einen Moment betreten drein. Dann hob Nathalie den Kopf und sah abwechselnd in die Gesichter ihres Ehemannes und seiner Geliebten. Selbstzufriedene Siegesgewißheit strahlte ihr entgegen. Die beiden hatten ein hübsches Süppchen angerührt, das ihnen die fettesten Brocken garantierte.
Werner Reinke war nach wie vor der Chef des Betriebes. Aber für den Fiskus war Marlies Gründing mit sofortiger Wirkung als Inhaberin der Bauschreinerei Reinke, nunmehr »Reinke und Co.« anzusehen. Damit konnte sich Werner auch vor allen Unterhaltsverpflichtungen drücken.
Genau das war der Sinn der Sache. Schuldbewußt lächelnd eröffnete Werner seiner Frau, daß er leider total verschuldet sei und deswegen nicht in der Lage, seinen Kindern und ihr die monatlichen Zahlungen zukommen zu lassen. Nach dem Motto »Faß’ einem nackten Mann in die Tasche« hatte er sich allen Verpflichtungen entzogen.
Diese Nachricht traf Nathalie wie ein Schlag ins Gesicht. Als Werner ihr damals eröffnete, daß er sich in seine Sekretärin verliebt hatte und fortan mit ihr leben wollte, war das Paar übereingekommen, die Trennung ohne den ganzen Scheidungskrieg hinter sich zu bringen, den andere Paare in dieser Situation anzetteln.
Eine saubere Trennung, bei der alle Beteiligten ihr Gesicht und ihre Würde behielten, war angestrebt gewesen. Nein, Nathalie hatte sich nicht gegen die Scheidung gewehrt. Sie und Werner hatten sich schon vor langer Zeit auseinandergelebt. Aber um der Kinder willen hatten sie stets versucht, ihre Differenzen in sauberer, anständiger Form auszutragen, vor allem nicht vor den Augen und Ohren der Kinder.
In aller Ruhe hatten sie sich zusammengesetzt und einen Plan aufgestellt. Nathalie sollte das Haus behalten, damit sie und die Kinder ein Dach über dem Kopf hatten. Werner überwies jeden Monat pünktlich einen bestimmten Betrag, der ausreichte, die Famlie zu ernähren. Nathalie arbeitete vormittags in der Boutique einer Freundin, so daß sie finanziell gut über die Runden kam.
Alles schien seinen Gang zu gehen. Man hatte die Achtung voreinander behalten, respektierte sich und ging freundschaftlich miteinander um. Aber dann waren die Zahlungen unregelmäßig geworden, blieben auch mal ganz aus, und schließlich hatte Werner kleinlaut zugegeben, sich in finanziellen Schwierigkeiten zu befinden.
Die Zeiten waren aber auch schlecht. Es gab kaum einen Betrieb in der Baubranche, der nicht über Verluste klagte. Also hatte Nathalie sich verständnisvoll gezeigt und Werner die ausstehenden Unterhaltszahlungen gestundet. Aber jetzt, während sie hier mit ihm an diesem Tisch im Café Walther saß und in die selbstzufriedenen Gesichter des Paares blickte, begriff sie, daß die beiden sie schlichtweg betrogen.
Nathalie selbst hätte noch auf die Zahlungen verzichten können. Was sie jedoch maßlos ärgerte, war die Art und Weise, in der sich Werner seinen Kindern gegenüber verhielt. Es schien gerade so, als wollte er mit seiner Trennung von Nathalie auch seine ganze Vergangenheit abstreifen.
Seine nächsten Worte untermauerten diesen Verdacht.
»Ich kann schließlich nicht dauernd für etwas bezahlen, das lange hinter mir liegt«, erklärte er, ohne den Anflug schlechten Gewissens. »Marlies und ich, wir wollen unser eigenes Leben aufbauen, Kinder haben. Nein, ich bin noch nicht zu alt, Babys zu haben. Aber wenn ich für drei andere Kinder bezahlen muß, kann ich mir keinen weiteren Nachwuchs mehr leisten.«
»Das hättest du dir vielleicht vorher überlegen sollen!« platzte Nathalie heraus. Ihr Anwalt tippte ihr unter dem Tisch warnend ans Schienbein.
»Sie können sich nicht so ohne weiteres Ihren Verpflichtungen entziehen«, fiel er Nathalie ins Wort, bevor sie fortfahren konnte. »Herr Reinke, Ihren Kindern steht eine gewisse Unterhaltszahlung zu. Sie sind verpflichtet, für die drei zu sorgen.«
Werner warf Marlies rasch einen fragenden Seitenblick zu, dann lehnte er sich zurück. Die über der Brust gekreuzten Arme verrieten, daß er nicht bereit war, auf irgendwelche Friedensangebote der Gegenseite einzugehen.
»Ich sage es noch einmal, ich selbst bin mittellos«, beharrte er auf seinem Plan. »Mir gehört nicht mal das Schwarze unter dem Nagel. Wie also wollen Sie mich dazu bringen, zu zahlen?«
Marlies lächelte boshaft.
»Falls Sie einen Pfennig bei meinem Verlobten finden, dürfen Sie ihn gerne behalten«, verkündete sie großzügig. »Aber vielleicht möchte Frau Reinke ja für meinen Verlobten aufkommen. Ist es nicht so, daß immer der wirtschaftlich stärkere Partner für den Schwächeren aufkommen muß?«
Hier platzte Nathalie endgültig der Kragen. Sie hatte absolut keine Lust mehr, sich diesen Unsinn anzuhören. Marlies war vielleicht dumm wie ein Stuhl, aber sie wußte, wie sie ihre Pfründe sichern konnte. Diese Barbiepuppe besaß nicht einen Funken Ehre oder Anstand in ihrem Modelleib!
»Ich sehe die Unterredung als beendet an!« Bevor Dr. Hoffmann oder sonst jemand am Tisch sie zurückhalten konnte, war Nathalie aufgesprungen und eilte durch den Gastraum auf den Ausgang zu.
»Warten Sie doch, Frau Reinke!« rief ihr ihr Anwalt noch hinterher, aber Nathalie war nicht in der Stimmung, sich weitere Lügen und Frechheiten anzuhören.
Wütend stürmte sie aus dem Gastraum, preschte an der Kuchentheke vorbei, ohne auf die erstaunten Gesichter der Verkäuferinnen zu achten, und riß die Ladentür auf.
»Aua!« Der elegant gekleidete Herr, der sich gerade anschickte, die Konditorei zu betreten, hielt sich krampfhaft am Türrahmen fest. Vor Schreck wußte er gar nicht genau, was ihm mehr weh tat. Die Füße, über die diese aufgebrachte Megäre gerade hinwegtrampelte, seine Brust, an den der Holzkopf der Dame geprallt war, oder seine Finger, die zwischen der Zarge und dem zufallenden Türblatt steckten.
»Verdammt, was stehen Sie da herum!« herrschte Nathalie den heftig Malträtierten an. »Gehen Sie endlich zur Seite, ich hab’s eilig.«
Die Finger des Mannes steckten immer noch im Türspalt. Vor Schmerzen fiel ihm keine passende Entgegnung ein. Und die Tränen in seinen Augen machten es ihm unmöglich, die Xanthippe genauer anzusehen. Er wußte nur eins: Falls er seine Finger jemals wieder würde gebrauchen können, würde er sie dieser Frau um den Hals legen und zudrücken.
Nathalie drängelte sich rücksichtslos an ihm vorbei. In diesem Moment gelang es dem Mann endlich, seine Finger zu befreien. Der Schmerz löste Wut in ihm aus. Eine Wut, die ihn für die Pein momentan unempfindlich machte.
»Sie Trampel!« brüllte er Nathalie an, wobei er heftig die Hand schüttelte. Eine unbewußte Handlung, die eigentlich das Pochen in seinen Fingern beruhigen sollte, von Nathalie jedoch gründlich mißverstanden wurde.
Bevor der Ärmste richtig begriff, was mit ihm geschah, hatte Nathalie ihm eine schallende Ohrfeige versetzt.
»Drohen Sie, wem Sie wollen!« schrie sie ihn an. »Aber nicht mir, verstanden? Mit mir können Sie das nicht machen.«
»Sie sind ja verrückt!« schrie der Ärmste zurück. Er verstand die Welt nicht mehr. Er hatte nichts anderes vorgehabt, als sich ein Kuchenstückchen zu kaufen, und jetzt befand er sich mitten in einem Krieg. Diese Frau konnte nicht ganz normal sein! »So was wie Sie dürfte überhaupt nicht frei herumlaufen! Sie gehören eingesperrt. Sie sind ja eine Gefahr für die Umwelt.«
»Und Sie sind ein aufgeblasener Angeber!« tobte Nathalie zurück. »Aber was will man schon von einem Ihres Geschlechts verlangen! Ich sage bloß ›Männer‹. Bah!«
»Himmel, eine militante Emanze!« Der Fremde wedelte erneut mit der Hand, ließ den Arm aber rasch sinken, als er das Aufblitzen in Nathalies Augen bemerkte. »Ihr Mann sollte Sie am Herd festbinden, anstatt Sie frei in der Stadt herumlaufen zu lassen.«
»Und Sie sollten sich überlegen, was Sie sagen«, lautete die Gegenoffensive. »Das heißt, falls einer wie Sie überhaupt denken kann.«
Der Mann schnappte empört nach Luft. Diesen Umstand nutzte Nathalie, ihm noch ein wütendes »Dummschwätzer!« an den Kopf zu werfen und davonzustürmen. Sie war so wütend, daß sie am liebsten jeden Passanten, der ihr entgegenkam, gebissen hätte.
Zum Glück gab sie diesem Verlangen nicht nach. Zornig stieg sie in ihren Wagen und brauste davon, während ihr Opfer kopfschüttelnd die Konditorei betrat.
Dort erlöste ihn kaltes Wasser und ein Glas Cocnac von den schlimmsten Qualen. Der Ärmste schimpfte noch auf die rücksichtslose Megäre, die ihn beinahe amputiert und reichlich ramponiert hatte, als Nathalie längst ihren Wagen in die stille Seitenstraße lenkte, in der sie seit fünfzehn Jahren mit ihrer Familie lebte.
*
Regina Klee wohnte direkt nebenan und freute sich immer, wenn sie auf Stephanie, den jüngsten Sproß der Familie Reinke, aufpassen durfte. Da den Klees selbst Kindersegen bisher versagt geblieben war, besaß Regina noch diesen unerschütterlichen Glauben, daß alle Kinder nett, süß und liebenswert sind. Davon konnte sie auch Steffis manchmal beachtlichen Dickkopf nicht abbringen.
»War sie artig?« wollte Nathalie wissen, als sie ins Wohnzimmer kam, in dem Steffi ihre gesamte Legokollektion ausgebreitet hatte.