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Seit 1964 können Besucher des Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris in einem eigens hierfür eingerichteten Raum das Monumentalwerk des Malers und Grafikers Raoul Dufy (1877-1953) bewundern: La Fée Électricité. Das Werk entstand im Auftrag der Pariser Compagnie Parisienne de distribution d'électricité anläßlich der Weltausstellung für Kunst und Technik 1937. Die niederländische Kunsthistorikerin Marga Bijvoet führt den Betrachter durch Dufys Panorama der Wissenschafts- und Kulturgeschichte, angeleitet von Lukrez' De rerum natura.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
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Anrufung der Venus:
Mutter der Aeneaden, der Menschen und der Götter Wonne, Venus, Spenderin des Lebens, du bist es, die unter den ruhig gleitenden Zeichen des Himmels das Schiffe tragende Meer, das frucht tragende Land belebt. Dir verdankt alles Belebte Empfängnis, den ersten Blick auf der Sonne Licht. Dich, sobald du nahest, Göttin, fliegen die Winde, die Wolken des Himmels, dir sendet die vielgestaltig schöpferische Erde liebliche Blumen empor, dir lacht hell die Fläche des Meeres; und der Himmel, ruhig nun, ist durchflossen von gleißendem Licht.
Lukrez, Über die Natur der Dinge1
1 Titus Lucretius Carus, De rerum natura, Über die Natur der Dinge. Neu übersetzt (und reich kommentiert) von Klaus Binder, Galiani, Berlin, 20152, S.39.
I
Dufys Farbenkosmos
Dufy und die Weltausstellung von 1937
Die Exposition universelle de Paris
Die Pariser Weltausstellungen 1855-1937
II
Olympische Götter
Drei griechische Philosophen
Philosophen, Denker und Wissenschaftler
Musik und Architektur
III
Von der Fee zur
Fée électricité
Lukrez
La Fée: Eine Reise in der Zeit
Liste der ›
savants et penseurs‹
Biographische Anmerkungen
Seit 1964 können Besucher des Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris in einem besonders hierfür eingerichteten Raum das Monumentalwerk von Raoul Dufy bewundern: La Fée Électricité. Das Gemälde war ein Auftrag der Pariser Elektrizitätsgesellschaft Compagnie Parisienne de distribution d’électricité für die Weltausstellung für Kunst und Technik 1937 und begrüßt nunmehr gewissermaßen den Besucher des Museums; ja, man kommt als Besucher schwerlich daran vorbei: Kaum hat man den Eingang durchschritten, wird man wie automatisch zur breiten Treppe linkerhand geleitet. Oben angekommen erscheint das große Gemälde in U-Form. Die Augen des Besuchers richten sich als erstes auf das gegenüberliegende Ende des Saals, eine in lichtem blau gehaltenen Fläche, gekrönt von einem in dunklem blau abgesetzten Fries, die den malerischen Hintergrund für die darin eingezeichneten Motive bilden.
»Dufy beschäftigte sich schon immer mit optischen Effekten, nicht nur beim Zeichnen und Mischen der Farben auf der Palette, sondern auch und vor allem mit der Reaktion der Farben untereinander, wenn sie auf der Leinwand nebeneinander gestellt werden und so einen quantitativen und qualitativen Einfluss aufeinander ausüben.«2
Über den skizzenhaften Umrissen eines Elektrizitätswerks mit Dynamos, Rohrleitungen und Turbinen thront die Götterwelt des Olymp. Von dort schwebt links Hermes' hochgewachsene Gestalt herab, zu erkennen an den geflügelten Sandalen und dem Hermesstab. In der Linken hält er ein besonders unübliches Attribut, ein Füllhorn. Dufy hat Hermes außerdem einen petasos, einen im antiken Griechenland getragenen Filzhut aufgesetzt. Über Gittern, die einen Faraday'schen Käfig andeuten (Faraday steht links neben der Anlage) blitzt es. Der Blitz einer elektrischen Entladung – als Symbol des Lichts – verweist indirekt auf Zeus, der oben auf dem Olymp thront. Dieser Olymp deutet ein Himmelsgewölbe an, das die Maschinen nach oben hin abschließt. Der Gott Zeus (Jupiter) war der Gott des Blitzes und des Donners und damit der Herrscher über die Welt. Inmitten von acht der zwölf olympischen Götter und Göttinnen sieht man (vom Betrachter aus) rechts Hera, Aphrodite und Ares, links stehen Athene, Apollo und Dionysos. Gleich unter Ares steigt Neptun mit wehender Fahne aus den Wolken. Durch eine recht deutliche Trennung der in Blautönen schattierten Maschinen des Elektrizitätswerks darunter hat Dufy den olympischen Göttern eine eigene, in verhältnismäßig dunklem Graublau ausgeführte Sphäre geschaffen.
Wendet sich der Besucher nach rechts, trifft er auf eine vollkommen andere Stimmung. Die große hellrote Fläche rechts oben neben der Fabrik springt zuallererst ins Auge, eingezeichnet mit den Umrissen eines Wasserturms oder einige Vögel im Flug. Während sie den den Blick nicht zu fesseln vermögen, kann die gesamte weitere rechte Seite den Betrachter eine zeitlang beschäftigen: Sie liest sich wie eine spannende Geschichte. In das Farbschema überwiegend heller Grüntöne mischen sich gelbe und rosa Töne. Auf der grünen Fläche – Grasfeld oder Weide – erblickt man drei in eine antike griechische Toga gekleidete Gestalten, die drei griechischen Philosophen, welche wir als jene Universalgelehrte bezeichnen würden, die einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung von Konzepten über das Licht und elektrische Erscheinungen geleistet haben: Aristoteles und Archimedes mit Thales von Milete in ihrer Mitte. Die Weide wird von einem dunkelgrünen Wald ― einem Heiligen Hain ― begrenzt, mit einer auffälligen Eiche voll Vögeln neben einem Acker in einer Art hellrot. Die Luft (oder eine Wasserfläche) beginnt sich aufzuklaren unter der soeben aufgegangenen Sonne. Ein neuer Tag beginnt.
Auf die Figuren wie den Hirten mit seiner Herde auf dem Feld oder den Mönch komme ich später zurück. Zunächst möchte ich den Blick auf einhundertneun wissenschaftliche Entdecker und Philosophen lenken – ›savants-penseurs‹, die von rechts nach links die ganze untere Ebene in Anspruch nehmen, lediglich durch das blaue Elektrizitätswerk geschieden. Sie repräsentieren die westliche Entwicklung der Wissenschaften, von Technik und Philosophie von der Renaissance bis zur Gegenwart – soll heißen, bis 1937, dem Jahr der Entstehung von La Fée Électricité. Diese Abteilung beginnt mit dem Naturphilosophen und Franziskanermönch Roger Bacon und endet – via Blaise Pascal, Leonardo da Vinci, Galileo Galilei, Robert Boyle, Alessandro Volta, François Arago u.a. – bei André-Marie Ampère. Sie waren gewissermaßen die Vorläufer der industriellen Entwicklungen – Physiker, Ingenieure, Elektrotechniker und Wissenschaftler, die den Weg der Kommunikationstechnologie bereitet haben – womit Dufy die Reihe linker Hand beginnend mit Faraday, dem Entdecker der elektromagnetischen Rotation (1821) und der Induktion fortsetzt. In dieser Reihe begegnet man bekannten ebenso wie weniger bekannten Gestalten, darunter Marcel Deprez, Werner von Siemens, Jules Joubert, Anthony Carlisle, Gaston Planté, James Clerk Maxwell, Samuel Morse, Heinrich Hertz, Graham Bell, Thomas Edison und Zénobe Gramme. Auf dieser Seite legt Dufy Nachdruck auf wissenschaftliche Entdeckungen, denen zahlreiche praktische Anwendungen folgten, insbesondere auf dem Gebiet der Kommunikation. Mehr hierzu in der Gruppe der savants-penseurs. Nur soviel:
Anhand der dargestellten Gruppen der Wissenschaftler und Ingenieure nimmt Dufy auf verschiedene notwendige Stufen der technischen und industriellen Entwicklung Bezug. Auf einer gesonderten Ebene skizzierte er die durch sie entworfene neue Welt – eine Welt der motorisierten Transportmittel, Schiffe, Eisenbahnen, Flugzeugen. Von Baukränen, Gerüsten und Hangars der neuen Schiffswerften, wie er sie aus Le Havre und Brest kannte, repräsentiert durch ein Frachtschiff mit großem rotem Bug; von Bahnhöfen und Schienenwegen, der Beginn einer Welt der Reisenden, an die wir uns über die Jahrzehnte gewöhnt habe, die damals aber noch viele Herzen haben höher schlagen lassen. Und schließlich, nicht zu vergessen, eine Welt des künstlichen Lichts, der elektrischen Beleuchtung mit allen dazu gehörenden Effekten. Hierfür wählte Dufy zur Darstellung dieser neuen industriellen und technologischen Motive, Exponenten unserer westlichen Kultur, vorwiegend blaue und grüne mit ins Auge springenden roten und rosa Akzente. Als städtischen Exponenten wählte Dufy selbstredend Paris und natürlich bei Nacht, mit der kürzlich eingeführten elektrischen Beleuchtung von Montmartre mit bunten Neon-Reklametafeln in abendlich blauer Stimmung. Ins Auge fallen die beiden (Festungs-)Türme mit einer Art Lichtballons. Daneben spielt, in blassem Graublau, unter dem grellen Scheinwerferlicht ein grosses Synfonieorchester, begleitet von einem Chor. In diesem Licht fliegt über den Häupter der Musiker unsere Fée Électricité als Zentrum dieser Seite des Freskos.
Dufy malte sie in einen dünnen Schleier gehüllt, ohne Flügel, ihre Händen an den Ohren, als fliege sie der Lichtquelle entgegen. Was den Plan der Farben betrifft, die der Künstler benutzt, fällt auf, daß sich die Skala der überwiegend hellen und grünen Töne über ein vorherrschendes Blau für das Elektrizitätswerk und andere neue Industrien zur anderen Seite des Farbspektrums hin verschiebt. Dufy verwendet hier gemischte Farben, fast einen Regenbogen an Tönen, die zwischen graubraun, orangerot und grünblau abwechseln, um die Gruppen zu unterscheiden.Der helle, beinahe grelle Lichtstrahl ungefähr in der Mitte des Bildes springt so besonders ins Auge. Das Band aus goldgelbem Licht, worin die Fee fliegt, geht über in rotbraune Töne, die nach oben hin ins Schwarz einer dunklen Nacht übergehen. Hier funkeln einzelne Sterne und es leuchtet ein Sichelmond. Im Hintergrund dieser Farbflut sieht der Betrachter eine grafisch dargestellte Skala bekannter europäischer und einzelner außereuropäischer Symbole der Architektur. Links unten noch eben sichtbar sind die Umrisse des Kontrollturms des für die zivile Luftfahrt bestimmten, fast fertiggestellten Flugplatzes von Bourget, Sinnbild der Moderne. Bei all diesen Farbverschiebungen von der einen zur anderen Seite des Spektrums erhebt sich – trotz der Dominanz des Blau – der Gedanke, ob Dufy mit seinem Farbkosmos nicht allein eine wissenschaftlichtechnologische Entwicklung unserer Zivilisation darstellen wollte, sondern darüberhinaus sowohl atmosphärisch als symbolisch auf die Trennung von Mensch und Natur in diesem mechanistischen Weltbild hinweist und – ungeachtet all des Zuversichtlichen, das von diesem Werk ausgeht – auch auf die möglichen Zerstörungen, welche der Fortschritt mit sich bringen würde.
So optimistisch Lucrez De rerum natura eröffnet mit dem Anrufen der Göttin Venus als »Spenderin des Lebens, du bist es, die unter den ruhig gleitenden Zeichen des Himmels das schiffe tragende Meer, das frucht tragende Land belebt. Dir verdankt alles Belebte Empfängnis, den ersten Blick auf der Sonne Licht«, so realistisch er die Entwicklungen der menschlichen Natur und seiner Umgebung mit all ihren positiven und negativen Seiten beschreibt, so pessimistisch endet Buch VI mit einer Darstellung der Pest in Athen. Möglicherweise dachte Lukrez dabei an die chaotischen Verhältnisse seiner Zeit, indem er auf die natürliche Vergänglichkeit von Allem – einschließlich der Götter – wies.
Ehe Dufy die Arbeit an der Fée Électricité aufnahm, hatte er sich in Lucrez' De rerum natura vertieft. Möglicherweise dachte der Künstler bei der Lektüre auch an die Unruhe jener Jahre in Europa. Man sollte nicht vergessen, daß 1937 in Spanien schon ein Bürgerkrieg herrschte. Man kann überdies annehmen, daß die Drohung eines 2. Weltkriegs in der Luft lag. Wie Dufy aber bemerkt: »Sie müssen wissen – in meinem Gemälde gibt es weder Erde noch Himmel; es gibt Farben, deren Beziehungen untereinander den Raum bilden.«3
1936, am 7. Juli, wurde Raoul Dufy zur Teilnahme an der Internationalen Weltausstellung gebeten, die im folgenden Jahr unter dem Motto ›Kunst und Technik des modernen Lebens‹ stattfinden sollte. Die Compagnie parisienne de distribution d’électricité (CPDE) hatte den leitenden Architekten der für die Organisation zuständigen Kommission, Robert Mallet-Stevens (1886-1945), beauftragt, eine zu diesem besonderen Zweck entworfene, zeitlich befristete Konstruktion zu errichten, in der Absicht, »die Großartigkeit der Elektrizität« zum Ausdruck zu bringen und »ihren Wert für die Menschheit« herauszustellen.4 Mallet-Stevens hatte sich schon einen Namen als Erneuerer der modernen Architektur gemacht. In Zusammenarbeit mit Ingenieur, Architekten und Stadtplaner Georges Henri Pingusson (1894-1978) und dem Ingenieur Charles Malégarie (1886-1963), Direktor der 1907 gegründeten CPDE, zudem Archäologe und Amateurkünstler, der die Gesamtleitung innehatte, entwarf er den Palais de Lumière. Pingusson erhielt den Auftrag, der »gesellschaftlichen Rolle des Lichts« einen gebührenden Platz innerhalb der Aktivitäten und dem Programm rund um die Ausstellung zu verschaffen. Dufy sollte für die gesamte hintere Wand der Halle de l’Électricité ein »dekoratives Gemälde« schaffen. Diese große Eingangshalle sollte somit der künftigen Fée gewissermaßen als Mantel dienen. Mehr noch, geplant war eine Konstruktion von »gleichen Ausmaßen, gleichem Format, gleicher Krümmung«, wodurch die Illusion einer panoramischen Projektion entstand.5 Was die Beleuchtung betraf, wurde der Saal, der über kein Tageslicht verfügte, in Übereinstimmung mit dem Thema – und in etwa so wie gegenwärtig – mit künstlichem Licht erleuchtet.
Offenbar hatte Dufy gezweifelt, ob er den Auftrag annehmen wollte und verschiedenen Aussagen zufolge vertiefte er sich in De rerum natura (Über die Natur der Dinge) von Titus Lucretius Carus, ehe er sich auf dieses Abenteuer einließ und zustimmte. Bernard Dorival, der die erste Monografie über die Fée Électricité veröffentlichte, wenngleich fast zwanzig Jahre später, 1953, schreibt: »Er hatte kein bestimmtes Thema, sondern sollte lediglich die Elektrizität verherrlichen. Raoul Dufy dachte nach, las Lucrez noch einmal und erarbeitete innerhalb von drei Wochen einen Entwurf, den er der CPDE vorlegte.«6 Raoul Dufys Gemälde mag daher oberflächlich gesehen die Elektrizität als Phänomen glorifizieren. Bei eingehender Betrachtung begab sich der Künstler aber auf eine ganze Anzahl weiterer Felder, wie noch zu zeigen sein wird.
Zunächst aber ein wenig über die Entstehung von Dufys Werk. In Anbetracht des Umfangs des Unternehmens kam Dufy sowohl technisch als auch inhaltlich nicht ohne die Hilfe einer gewissen Anzahl Mitarbeiter aus. Außerdem benötigte er für die Vorbereitung einen geeigneten Raum. Dieser wurde ihm von der CPDE im Norden von Paris zur Verfügung gestellt, in einem Teil eines Hangars des örtlichen Elektrizitätswerks in Saint-Ouen, Rue des Batelier 14, nicht allzuweit von Montmartre. Hier wurden sowohl alle Vorbereitungen getroffen als auch das Werk ausgeführt, sodaß Konstruktion und Montage vor dem endgültigen Aufbau vor Ort im Palais de la Lumière in ihrer Gesamtheit feststanden.
Zu seinem innersten Kreis der Mitarbeiter gehörten von Anfang an sein Bruder und Maler Jean Dufy, der Maler und Chemiker Jacques Maroger, sowie der Physiker Henri Volkinger, jeder mit einer besonderen Aufgabe betraut. Volkinger beriet ihn unter anderem bei der Wahl der Erfinder und Wissenschaftler, den ›savants‹
