Eine perfekte Familie - Liane Moriarty - E-Book

Eine perfekte Familie E-Book

Liane Moriarty

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14,99 €

Beschreibung

Joy ist spurlos verschwunden, aber sollen sie ihre Mutter wirklich als vermisst melden? Ein Dilemma für die vier erwachsenen Kinder, denn Vater Stan ist offensichtlich mehr als verdächtig. Bisher galten die Delaneys als Vorzeigefamilie par excellence, doch nun bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Was verheimlicht Stan? Und wer war die Fremde, die erst Wochen zuvor in Joys Leben trat? Den Geschwistern stellt sich aber eine noch viel erschreckendere Frage: Kennen sie ihre Eltern überhaupt?

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DERROMAN

Joy und Stan Delaneys Leben scheint perfekt. Vier wunderbare, erwachsene Kinder. Ein Familienunternehmen, um das sie zu beneiden sind. Die goldenen Jahre des Ruhestands liegen vor ihnen. Warum also ist das Paar so unglücklich?

Eines Nachts klopft eine fremde junge Frau an die Tür von Stan und Joy, blutend nach einem Streit mit ihrem Freund. Die Delaneys sind gern bereit, sie liebevoll aufzunehmen. Aber Savannah will mehr.

Wochen später ist Joy verschwunden und auch von Savannah gibt es keine Spur. Die Polizei verdächtigt Stan, der seine Unschuld beteuert und doch eine Menge zu verbergen hat. Die Geschwister sind schockiert: Was war los bei den Delaneys all die Jahre? Sie müssen ihre Familiengeschichte in einem ganz neuen Licht betrachten.

»Moriarty hat ein Auge für die entscheidenden Details, versteht sich auf den Aufbau von Spannung und hält uns in Atem.«   People Magazine

DIEAUTORIN

Liane Moriarty lebt mit ihrer Familie in Sydney und ist seit Jahren auf den internationalen Bestsellerlisten vertreten. Ihre Romane verkauften sich weltweit über 20 Millionen Mal und werden insgesamt in 46 Ländern veröffentlicht. Mit den Filmadaptionen von »Big Little Lies« und »Nine Perfect Strangers« eroberte die Autorin zudem Hollywood: Die Dramaserien von Produzent David E. Kelley, mit Nicole Kidman jeweils in der Hauptrolle, basieren auf den Romanen von Liane Moriarty.

LIANE

MORIARTY

EINE

PERFEKTE

FAMILIE

Roman

Aus dem australischen Englisch

von Carola Fischer

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Copyright © 2021 by Liane Moriarty

Die Originalausgabe erschien 2021

unter dem Titel Apples Never Fall

bei Macmillan Australia, Sydney

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2022

by Diana Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Antje Steinhäuser

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagmotiv: © plainpicture/Ruth Botzenhardt

Autorenfoto: © Uber Photography

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-641-28723-8V002

www.diana-verlag.de

Für meine Mutter,

in Liebe

Prolog

Das Fahrrad lag neben der Straße unter einer grauen Eiche, der Lenker stakte seltsam verdreht nach oben, als ob man das Rad mit voller Wucht beiseitegeworfen hätte.

Es war früher Samstagmorgen, der fünfte Tag einer Hitzewelle. Im ganzen Staat wüteten immer noch mehr als vierzig Buschfeuer. In sechs Städten waren die Einwohner zur Evakuierung aufgerufen worden, aber hier in den Außenbezirken von Sydney war die Situation nur für Asthmakranke gefährlich. Ihnen wurde geraten, in Innenräumen zu bleiben. Die Rauchwolke über der Stadt war von einem bösartigen Gelbgrau und so dick wie Londoner Nebel.

In den leeren Straßen war es, abgesehen vom Grillengezirpe in Bodennähe, still. Nach unruhigen, heißen Nächten mit wirren Träumen schliefen die Menschen noch, nur Frühaufsteher scrollten gähnend über ihre Handybildschirme.

Das weggeworfene Fahrrad war brandneu, ein Vintage-Modell für Damen: minzgrün, sieben Gänge, mit einem Ledersattel und einem weißen Bastkorb am Lenker. Es weckte die Vorstellung von einer Tour in der kühlen, frischen Luft eines europäischen Bergdorfs, mit einem Béret als Kopfbedeckung statt eines Fahrradhelms, und einem Baguette unter dem Arm.

Auf dem trockenen Gras unter der Eiche lagen vier grüne Äpfel verstreut, als wären sie aus dem Fahrradkorb herausgerollt.

Eine Schar Schmeißfliegen hatte sich an verschiedenen Stellen auf den silbernen Radspeichen niedergelassen, so reglos, dass sie wie tot aussahen.

Das Auto, ein Holden V8 Commodore, wummerte zum Beat von Achtzigerjahre-Rockmusik, als es sich von der Kreuzung her näherte, viel zu schnell für diese ruhige Wohngegend.

Die Bremslichter leuchteten kurz auf, und der Wagen fuhr mit quietschenden Reifen rückwärts, bis er neben dem Fahrrad zum Stehen kam. Die Musik verstummte. Der Fahrer stieg aus, eine Zigarette in der Hand. Dünn, barfuß und mit nacktem Oberkörper trug er nichts weiter als blaue Fußballshorts. Er ließ die Fahrertür offen stehen und ging auf Zehenspitzen – mit tänzelnden, anmutigen Bewegungen – über den bereits heißen Asphalt zu der Grasfläche, wo er in die Hocke ging, um das Fahrrad zu begutachten. Sanft strich er über den platten Vorderreifen, als wäre es das Bein eines verletzten Tieres. Die Fliegen, plötzlich wieder zum Leben erwacht, summten aufgeregt.

Der Mann blickte die leere Straße hinauf, dann in die entgegengesetzte Richtung, zog mit zusammengekniffenen Augen an seiner Zigarette und zuckte die Achseln. Dann griff er mit einer Hand das Rad und stand auf. Er ging zu seinem Wagen und legte das Rad wie eine Neuerwerbung in den Kofferraum, wobei er flink den Schnellspannhebel löste und das Vorderrad ausbaute, damit es hineinpasste.

Er stieg wieder ein, schlug die Autotür zu und fuhr los. Selbstzufrieden klopften seine Finger den Takt von AC/DCs »Highway to Hell« auf dem Lenkrad. Gestern war Valentinstag gewesen, und auch wenn er nicht an diesen kapitalistischen Mist glaubte, würde er das Fahrrad seiner Frau übergeben, mit den Worten »Alles Liebe nachträglich zum Valentinstag, Schatz« und einem ironischen Augenzwinkern, als Wiedergutmachung für ihren letzten Streit, und dann würde er heute Abend wahrscheinlich Glück haben. In der Liebe, nicht im Spiel.

Er hatte kein Glück. Im Gegenteil, er hatte großes Pech. Zwanzig Minuten später starb er bei einem Frontalzusammenstoß und war augenblicklich tot. Der Fahrer eines Sattelschleppers, der von der Interstate kam, übersah ein hinter dem wuchernden Blattwerk eines Amberbaums verborgenes Stoppschild. Anwohner hatten sich schon seit Monaten über dieses Straßenschild beschwert. Es war klar, dass das passieren würde, sagten die Leute, und jetzt war es passiert.

Die Äpfel verfaulten schnell in der Hitze.

1

Unter dem gerahmten Foto von Sonnenblumen bei Sonnenaufgang in der Toskana saßen zwei Männer und zwei Frauen in der hintersten Ecke eines Cafés. Alle waren groß wie Basketballspieler, und als sie sich über den runden Mosaiktisch beugten, berührten sich beinahe ihre Köpfe. Ihre Stimmen waren leise und eindringlich, als ob sie über internationale Spionage-Angelegenheiten sprächen. Das passte überhaupt nicht zu diesem kleinen Vorort-Café an einem schönen sommerlichen Samstagmorgen, wo es nach frisch gebackenem Bananen- und Birnenbrot duftete und leiser Softrock aus der Stereoanlage das geschäftige Zischen und Mahlen der Espressomaschine begleitete.

»Ich glaube, das sind Geschwister«, sagte die Kellnerin zu ihrem Chef. Die Kellnerin war Einzelkind, und Geschwister faszinierten sie. »Sie sehen sich sehr ähnlich.«

»Sie brauchen zu lange, um zu bestellen«, gab der Chef zurück, der eines von acht Kindern war und Geschwister in keinster Weise faszinierend fand. Nach dem heftigen Hagelsturm in der letzten Woche war der tagelange Regen ein Segen gewesen. Die Feuer waren unter Kontrolle, der Rauch hatte ebenso aufgeklart wie die Gesichter der Menschen, endlich kamen wieder Gäste, guter Umsatz, deshalb mussten sie die Tische schnell neu besetzen.

»Sie meinten, dass sie noch keine Gelegenheit gehabt haben, in die Karte zu schauen.«

»Frag sie noch einmal.«

Die Kellnerin ging wieder zu dem Tisch in der Ecke, und ihr fiel auf, dass sie alle in der gleichen Haltung dasaßen, die Füße um die vorderen Stuhlbeine geschlungen, wie um ein Wegrutschen zu verhindern.

»Entschuldigung?«

Sie hörten sie nicht. Sie sprachen alle auf einmal, ihre Stimmen überlagerten sich. Zweifellos waren sie miteinander verwandt. Auch ihre Stimmen klangen ähnlich: leise, tief, rau. Menschen mit Halsschmerzen und Geheimnissen.

»Genau genommen wird sie nicht vermisst. Sie hat uns diese Nachricht geschickt.«

»Ich kann wirklich nicht glauben, dass sie nicht ans Telefon geht. Sie geht immer ran.«

»Dad sagte, dass ihr neues Fahrrad weg ist.«

»Was? Das ist seltsam.«

»Dann … ist sie also einfach mit dem Rad die Straße entlanggefahren, immer dem Sonnenuntergang entgegen?«

»Aber ihren Helm hat sie nicht mitgenommen. Und das finde ich merkwürdig.«

»Ich denke, es ist Zeit, sie als vermisst zu melden.«

»Es ist schon mehr als eine Woche. Das ist zu lange.«

»Wie ich schon sagte, genau genommen wird sie nicht …«

»Sie wird vermisst, im wahrsten Sinne des Wortes, denn wir wissen nicht, wo sie ist.«

Die Kellnerin sprach nun mit einer Lautstärke, die haarscharf an Unhöflichkeit grenzte. »Wollen Sie jetzt bestellen?«

Sie hörten sie nicht.

»Wart ihr schon bei ihnen?«

»Dad hat mich gebeten, nicht vorbeizukommen. Er hat gesagt, er sei ›sehr beschäftigt‹.«

»Sehr beschäftigt? Was muss er denn so dringend tun?«

Die Kellnerin drängte sich geräuschvoll zwischen Stühlen und Wand entlang, damit einer am Tisch sie bemerken würde.

»Du weißt, was passieren könnte, wenn wir sie als vermisst melden?«, sagte der besser aussehende der beiden Männer. Er trug ein Leinenhemd, die Ärmel bis zum Ellbogen hochgekrempelt, Shorts und Schuhe ohne Socken. Die Kellnerin schätzte ihn auf Anfang dreißig, er hatte einen Goatee und strahlte den schlichten charismatischen Charme eines Realityshow-Stars oder eines Immobilienmaklers aus. »Der Verdacht würde auf Dad fallen.«

»Welcher Verdacht?«, fragte der andere, eine verlotterte, bullige, billige Variante des Mannes, der zuerst gesprochen hatte. Er trug keinen Goatee, er brauchte nur dringend eine gründliche Rasur.

»Dass er … du weißt schon.« Die Luxus-Bruderversion fuhr sich mit dem Zeigefinger quer über den Hals.

Die Kellnerin wurde sehr still. Das war die interessanteste Unterhaltung, die sie je bei dieser Arbeit mitbekommen hatte.

»Mein Gott, Troy.« Die Billig-Bruderversion atmete geräuschvoll aus. »Das ist nicht komisch.«

Der andere zuckte die Achseln. »Die Polizei wird fragen, ob es Streit gegeben hat. Und Dad sagt, dass sie sich tatsächlich gestritten haben.«

»Aber deshalb …«

»Vielleicht hatte Dad wirklich etwas damit zu tun«, sagte eine der Schwestern. Die Kellnerin hielt sie für die Jüngste der vier. Sie trug ein kurzes orangefarbenes Kleid mit weißem Blümchenmuster und darunter einen am Hals geschnürten Badeanzug. Ihre Haare waren blau gefärbt (die Kellnerin war neidisch auf diesen Farbton) und am Hinterkopf zu einem feucht-klebrigen, wirren Knoten zusammengebunden. Ihre Arme waren von einer feinen Schicht Sand und Sonnencreme bedeckt, als würde sie direkt vom Strand kommen, obwohl man hier mindestens fünfundvierzig Minuten Autofahrt vom Meer entfernt war. »Vielleicht ist er ausgetickt. Vielleicht ist er letztlich ausgetickt.«

»Hört auf, alle beide«, sagte die andere Frau, die die Kellnerin jetzt als Stammkundin erkannte: Flat White mit Sojamilch, extra large, extra heiß. Sie hieß Brooke. Brooke mit einem »e«. Im Café schrieben sie die Namen der Kunden auf die Kaffeedeckel, und diese Frau hatte einmal zaghaft, aber dennoch bestimmt, darauf hingewiesen – als ob sie es sich nicht verkneifen könnte –, dass das »e« am Ende ihres Namens fehlte. Sie war höflich, sprach aber nicht viel und wirkte gemeinhin etwas gestresst, als ob sie schon wüsste, dass der Tag sich nicht zu ihren Gunsten entwickeln würde. Sie bezahlte stets mit einem Fünfdollarschein und steckte das Rückgeld, eine Fünfzigcentmünze, immer in die Trinkgeldkasse. Und sie war jeden Tag gleich gekleidet: ein blaues Poloshirt, Shorts und Laufschuhe mit Socken. Heute war sie fürs Wochenende angezogen, mit einem Rock und einem Top, doch sie sah immer noch aus wie eine Armeeangehörige außer Dienst oder eine Sportlehrerin, die auf keinerlei Ausflüchte wie Bauchkrämpfe hereinfallen würde.

»Dad würde Mum nie wehtun«, sagte sie zu ihrer Schwester. »Niemals.«

»Oh, mein Gott, natürlich nicht. Das habe ich nicht ernst gemeint!« Die Schwester mit den blauen Haaren hielt die Hände in die Höhe. In dem Moment sah die Kellnerin die Falten um Mund und Augen und erkannte, dass sie nicht jung war, sondern sich nur so kleidete. Sie war eine Frau mittleren Alters in Verkleidung. Aus der Ferne würde man sie auf zwanzig schätzen, aus der Nähe eher auf vierzig. Man hatte das Gefühl, hinters Licht geführt zu werden.

»Mum und Dad führen eine sehr gute Ehe«, sagte Brooke mit einem »e«, und angesichts ihrer leicht gereizten, ehrerbietigen Tonlage dachte die Kellnerin, dass sie trotz ihrer ordentlichen Kleidung die jüngste der vier Geschwister sein könnte.

Der besser aussehende Bruder sah sie fragend an. »Sind wir im selben Elternhaus aufgewachsen?«

»Ich weiß nicht. War es dasselbe Elternhaus? Denn ich habe nie auch nur das geringste Anzeichen von Gewalt bemerkt … Ich meine, wirklich!«

»Egal, es ist ja nicht so, dass ich das glaube. Ich sage nur, dass andere Menschen das glauben könnten.«

Die Frau mit den blauen Haaren blickte auf und bemerkte die Kellnerin. »Entschuldigung! Wir haben immer noch nicht in die Karte geschaut!« Sie nahm die laminierte Speisekarte in die Hand.

»Das ist in Ordnung«, erwiderte die Kellnerin. Sie wollte noch mehr hören.

»Wir sind alle ziemlich durcheinander. Unsere Mutter wird vermisst.«

»O nein. Sie müssen sich … große Sorgen machen?« Die Kellnerin wusste nicht genau, wie sie reagieren sollte. Diese Gäste schienen nicht allzubesorgt. Sie waren alle um einiges älter als sie – musste ihre Mutter daher nicht richtig alt sein? So eine kleine alte Dame? Wie konnte eine kleine alte Dame verschwinden? Demenz vielleicht?

Brooke mit einem »e« zuckte zusammen und sagte zu ihrer Schwester: »Erzähl das den Leuten nicht.«

»Ich bitte um Entschuldigung. Unsere Mutter wird möglicherweise vermisst«, verbesserte sich die Frau mit den blauen Haaren. »Wir haben unsere Mutter kurzzeitig verlegt.«

»Sie müssen jeden Ihrer Schritte zurückverfolgen.« Die Kellnerin ließ sich auf den Witz ein. »Wo haben Sie sie zuletzt gesehen?«

Betretenes Schweigen. Alle am Tisch sahen sie mit den gleichen feuchten braunen Augen und ernstem Gesichtsausdruck an. Alle hatten so dunkle Wimpern, dass es aussah, als hätten sie Wimperntusche aufgetragen.

»Sie haben recht. Genau das sollten wir tun.« Die Frau mit den blauen Haaren nickte bedächtig, als ob sie die dahingeworfene Bemerkung ernst nehmen würde. »Unsere Schritte zurückverfolgen.«

»Wir nehmen alle den Apple Crumble mit Sahne«, unterbrach sie die Luxus-Bruderversion. »Und dann sagen wir Ihnen, wie er uns geschmeckt hat.«

»Gute Idee.« Die Billig-Bruderversion klopfte mit der Speisekarte auf die Tischkante.

»Zum Frühstück?«, fragte Brooke, aber sie lächelte gezwungen, als wäre die Bestellung von Apple Crumble eine Art Insiderwitz. Die vier reichten der Kellnerin erleichtert ihre Speisekarten – mit dem unausgesprochenen »Das hätten wir dann« von Gästen, die froh sind, sich nicht mehr entscheiden zu müssen.

Die Kellnerin schrieb 4 x App Crum auf ihren Notizblock und richtete den Stapel Speisekarten.

»Hört mal«, sagte der nicht ganz so gut aussehende Bruder. »Hat jemand von euch sie angerufen?«

»Kaffee?«, fragte die Kellnerin.

»Wir nehmen alle schwarzen Kaffee«, sagte der besser aussehende Bruder, und die Kellnerin blickte zu Brooke, um ihr die Chance zu geben zu sagen: Nein, den will ich nicht, ich trinke immer einen Flat White mit Sojamilch, extra large, extra heiß, aber sie war gerade dabei, auf ihren Bruder loszugehen. »Natürlich haben wir sie angerufen. Tausend Mal. Ich habe ihr Nachrichten geschickt, E-Mails geschrieben. Du etwa nicht?«

»Also vier schwarze Kaffee?«, fragte die Kellnerin.

Niemand antwortete.

»Okay, vier Becher schwarzer Kaffee.«

»Nicht Mum. Sie.« Der nicht ganz so gut aussehende Bruder stemmte die Ellbogen auf den Tisch und drückte sich die Fingerkuppen an die Stirn. »Savannah. Hat irgendeiner versucht, sie zu erreichen?«

Die Kellnerin hatte keine Ausrede mehr, noch länger zu lauschen.

War Savannah eine weitere Schwester? Warum war sie heute nicht dabei? War sie das schwarze Schaf der Familie? Die verlorene Tochter? Hatte die Erwähnung ihres Namens deshalb einen so unheilvollen Klang für die vier? Und hatte einer sie angerufen?

Die Kellnerin ging zum Tresen, schlug mit der flachen Hand auf die Klingel und knallte die Bestellung der vier auf die Holzplatte.

2

Letztes Jahr im September

Es war kurz vor elf an einem kühlen, windigen Dienstagabend. Blassrosa Kirschblütenblätter wirbelten durch die Luft, als das Taxi langsam an renovierten Eigenheimen vorbeifuhr, jedes mit einem Mittelklassewagen in der Einfahrt und drei ordentlich aufgereihten, verschiedenfarbigen Mülltonnen am Bordstein. Ein Ringelschwanzbeutler, der über eine steinerne Gartenmauer huschte, wurde vom Scheinwerferlicht des Taxis erfasst. Ein kleiner Hund kläffte einmal, dann war er still. Die Luft roch nach verbranntem Holz, geschnittenem Gras und langsam gerösteten Lammfleisch. Die meisten Häuser waren, bis auf das gelegentliche Blinken der Sicherheitskameras, dunkel.

In Nummer neun räumte Joy Delaney Geschirr in die Spülmaschine und hörte sich dabei auf ihren schicken neuen kabellosen Kopfhörern – ein Geschenk ihres Sohnes zu ihrem letzten Geburtstag – die neueste Episode eines Podcasts über Migräne an.

Joy war eine kleine, schlanke, energische Frau mit glänzenden weißen Haaren, die ihr bis zur Schulter gingen. Sie konnte sich nie daran erinnern, ob sie achtundsechzig oder neunundsechzig Jahre alt war, und manchmal bildete sie sich gar ein, dass sie siebenundsechzig war. (Sie war neunundsechzig.) An diesem Abend trug sie Jeans und eine schwarze Strickjacke über einem gestreiften T-Shirt, dazu Wollsocken. Angeblich sah sie »super aus für ihr Alter«. Das hörte sie oft beim Einkaufen von jungen Leuten. Dann lag ihr auf der Zunge zu sagen: Du weißt nicht, wie alt ich bin, du reizendes Dummerchen, woher willst du also wissen, ob ich gut für mein Alter aussehe?

Ihr Ehemann, Stan Delaney, saß in seinem Sessel im Wohnzimmer, einen Eisbeutel auf jedem Knie, und sah sich eine Dokumentation über die berühmtesten Brücken der Welt an, während er geflissentlich Chilikräcker in eine Schachtel Frischkäse tunkte und einen nach dem anderen aß, bis die Packung leer war.

Ihr betagter Staffordshire-Terrier Steffi (nach Steffi Graf benannt, weil sie als Welpe schnell auf den Füßen gewesen war) lag auf dem Fußboden neben Joy und kaute unentwegt auf einem Stück Zeitung herum. Im letzten Jahr hatte Steffi angefangen, auf jedem Papier herumzukauen, das sie im Haus finden konnte, was anscheinend eine durch Stress ausgelöste seelische Erkrankung von Hunden war, auch wenn niemand wusste, warum Steffi gestresst sein sollte.

Immerhin konnte man mit Steffis Papiersucht eher leben als mit dem Laster von Otis, der Katze ihrer Nachbarin Caro, die seit einiger Zeit Kleidungsstücke aus den Häusern in der Sackgasse stahl, darunter auch, sehr zum Verdruss ihres Frauchens, Unterwäsche, die Caro sich schämte, ihren Besitzern zurückzugeben, ausgenommen natürlich Joy.

Joy wusste, dass sie mit ihren riesigen Kopfhörern wie eine Außerirdische aussah, aber das kümmerte sie nicht. Nachdem sie ihre Kinder jahrelang um Ruhe angefleht hatte, konnte sie diese jetzt nicht ertragen. Die Stille brüllte in ihrem sogenannten leeren Nest. Dieses Nest war schon seit vielen Jahren leer, sie hätte also daran gewöhnt sein sollen, aber letztes Jahr hatten sie ihre Tennisschule verkauft, und es fühlte sich an, als ob alles geendet hätte, polternd zum Stillstand gekommen wäre. Auf ihrer Suche nach Geräuschen war sie süchtig nach Podcasts geworden. Oft ging sie noch mit den Kopfhörern ins Bett, damit sie von einem gebieterischen Powertalker in den Schlaf gewiegt wurde.

Sie selbst litt nicht an Migräne, aber ihre jüngste Tochter, daher hörte sich Joy den Podcast des Migräne-Talkers an, um Brooke Tipps und Informationen geben zu können – und auch als eine Art Buße. In den vergangenen Jahren war sie wegen der ungeduldigen Art, mit der sie die »Kopfschmerzen« ihrer Tochter als Kind heruntergespielt hatte, förmlich krank vor Reue gewesen.

»Reue« könnte das Thema meiner Memoiren sein, dachte sie, während sie versuchte, die Reibe neben die Bratpfanne in die Spülmaschine einzuräumen. Ein reuevolles Leben von Joy Delaney.

Am Vortag hatte sie die erste Veranstaltung eines »Wie schreibe ich meine Memoiren«-Kurses in der hiesigen Abendschule besucht. Joy wollte keine Memoiren schreiben, aber Caro hatte den Wunsch, also ging Joy zur Begleitung mit. Caro war verwitwet und schüchtern und hatte sich allein nicht hingetraut. Joy würde Caro helfen, im Kurs eine Freundin zu gewinnen (sie hatte schon eine passende Kandidatin im Auge), dann würde sie aussteigen. Die Dozentin hatte erklärt, dass man zu Beginn des Schreibprozesses ein Thema wählen musste, danach ging es nur noch darum, geeignete Anekdoten zu finden, die das Thema unterfütterten.

»Vielleicht lautet Ihr Thema: ›Ich bin im Armeleuteviertel aufgewachsen, aber seht, was aus mir geworden ist‹«, sagte die Dozentin, und all die Damen mit Perlenohrringen und maßgeschneiderten Hosen nickten ernst und schrieben Armeleuteviertel in ihre brandneuen Notizbücher.

»Nun, zumindest liegt das Thema deiner Memoiren auf der Hand«, sagte Caro zu Joy auf dem Nachhauseweg.

»Tatsächlich?«

»Ja, Tennis. Dein Thema ist Tennis.«

»Das ist kein Thema«, sagte Joy. »›Rache‹ könnte ein Thema sein oder ›Erfolg wider Erwarten‹ oder …«

»Das Buch könnte heißen: Spiel, Satz und Sieg: Die Geschichte einer Tennis-Familie.«

»Aber das ist … wir sind doch keine Tennis-Stars«, sagte Joy. »Wir haben nur eine Tennisschule geleitet und einen kleinen Tennisklub. Wir sind nicht die Familie von Serena und Venus Williams.« Aus irgendeinem Grund fand sie Caros Bemerkung ärgerlich. Sogar verstörend.

Caro sah sie überrascht an. »Was sagst du da? Tennis ist die Leidenschaft deiner Familie. Es heißt doch immer: Folge deiner Leidenschaft! Und insgeheim denke ich: Ach, wenn ich doch nur irgendetwas leidenschaftlich gern täte. So wie Joy.«

Joy hatte das Thema gewechselt.

Nun sah sie von der Spülmaschine auf und dachte an Troy, wie er als kleiner Junge genau in dieser Küche gestanden hatte, den Schläger wie eine Waffe in der Hand, vor Wut ganz rot im Gesicht, Vorwürfe und Tränen in den Augen, die er sich verkneifen würde, und laut geschrien hatte: »Ich hasseTennis!«

»Oh, Frevel!«, hatte Amy ausgerufen, denn als ältestes Kind der Familie fiel es ihr zu, jeden Familienstreit zu kommentieren und dabei schwierige Wörter zu verwenden, die ihre jüngeren Geschwister nicht verstanden, während die kleine, entzückende Brooke unweigerlich in Tränen ausgebrochen war und Logans Gesicht einen ausdruckslosen, leicht debilen Ausdruck annahm.

»Du hasst Tennis nicht«, hatte Joy zu ihm gesagt. Es war ein Befehl. Sie hatte damit gemeint: Du kannst Tennis nicht hassen, Troy. Sie hatte gemeint: Ich habe weder die Zeit noch die Energie, dich Tennis hassen zu lassen.

Joy schüttelte leicht den Kopf, um ihre Erinnerung zu verscheuchen, und versuchte, sich wieder auf den Podcast zu konzentrieren.

» … Zickzacklinien im Blickfeld, flimmernde Punkte und Sterne, Menschen mit Symptomen einer Migräne-Aura sagen, dass …«

Troy hatte Tennis nicht wirklich gehasst. Einige der glücklichsten Erinnerungen ihrer Familie hatten sich auf dem Platz zugetragen. Sogar die meisten. Einige ihrer schlimmsten Momente ebenfalls, aber das war nicht entscheidend, schließlich spielteTroy auch heute noch. Wenn er Tennis wirklich gehasst hätte, würde er mit über dreißig nicht mehr spielen.

War Tennis das Themaihres Lebens?

Vielleicht hatte Caro recht. Stan und sie wären sich möglicherweise nie begegnet, wenn sie nicht beide Tennis gespielt hätten.

Das lag jetzt ein halbes Jahrhundert zurück. Eine Geburtstagsparty in einem kleinen, überfüllten Haus. Köpfe wippten im Takt zu »Popcorn« von Hot Butter. Die achtzehnjährige Joy umklammerte den grünen Stiel ihres Weinglases, das bis zum Rand mit warmem Moselweißwein gefüllt war.

»Wo ist Joy? Du musst Joy kennenlernen. Sie hat gerade ein großes Turnier gewonnen.«

Mit diesen Worten öffnete sich der enge Kreis von Gästen um den Jungen, der mit dem Rücken an die Wand gelehnt stand. Er war ein Riese, außergewöhnlich groß und breitschultrig, das lange, lockige schwarze Haar war zum Pferdeschwanz zusammengebunden, in einer Hand hielt er eine Zigarette und in der anderen eine Dose Bier. In den Siebzigern konnten sportliche Jungen noch rauchen wie ein Schlot. Er hatte ein Grübchen, das erst sichtbar wurde, als er Joy erblickte.

»Wir sollten mal ein paar Bälle schlagen«, sagte er. Sie hatte noch nie so eine Stimme gehört, nicht von einem Jungen ihres Alters. Er sprach so tief und langsam, dass die Leute sich über ihn lustig machten und versuchten, ihn nachzuahmen. Sie sagten, Stan klinge wie Johnny Cash. Er machte das nicht absichtlich. Es war einfach seine Sprechweise. Er sagte nicht viel, aber alles, was er äußerte, klang wichtig.

Sie waren nicht die einzigen Tennisspieler auf der Party, aber die einzigen Champions. Es war Schicksal, so unausweichlich wie im Märchen. Wenn sie sich nicht an diesem Abend getroffen hätten, dann an einem anderen. Tennis war eine kleine Welt.

An diesem Wochenende spielten sie ihr erstes Match. Sie verlor 6–4, 6–4, und dann ging sie aufs Ganze und verlor noch ihre Jungfräulichkeit, obwohl ihre Mutter ihr eingeschärft hatte, Sex hinauszuzögern, wenn sie einen Jungen mochte: »Warum sollte man eine Kuh kaufen, wenn man die Milch umsonst haben kann?« (Ihre Töchter hatten aufgeschrien, als sie das gehört hatten.)

Joy erzählte Stan, dass sie nur wegen seines Aufschlags mit ihm ins Bett ging. Es war ein großartiger Aufschlag. Sie bewunderte ihn immer noch und wartete gespannt auf diesen Bruchteil einer Sekunde, wenn die Zeit stehen blieb und Stan zur Skulptur eines Tennisspielers wurde: gewölbter Rücken, Ball in der Luft, Schläger hinter dem Kopf, und dann … Bumm.

Stan sagte, dass er nur wegen ihres energischen Volleys mit ihr ins Bett gegangen war, und dann flüsterte er mit seiner tiefen, langsamen Stimme in ihr Ohr: Nein, das ist nicht wahr, dein Volley ist verbesserungswürdig, du bist zu nah am Netz. Ich bin mit dir ins Bett gegangen, weil ich deine Beine um meinen Körper spüren wollte, sobald ich sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Joy war entzückt, sie fand das sehr verderbt und poetisch, auch wenn sie die Kritik an ihrem Volley nicht begrüßte.

»… das führt zur Freisetzung von Neurotransmittern …«

Sie blickte auf die Reibe. Sie war mit Mohrrübenresten bedeckt, die in der Spülmaschine nicht abgewaschen würden. Sie säuberte die Reibe in der Spüle. »Warum erledige ich deinen Job?«, fragte sie die Spülmaschine und dachte an die Zeit vor diesem Haushaltsgerät, als sie am Spülbecken gestanden hatte, die Plastikhandschuhe in heißes Spülwasser getaucht, einen meterhohen Stapel dreckiger Teller neben sich.

In letzter Zeit prallte ihre Vergangenheit immer wieder gegen ihre Gegenwart. Gestern war sie panisch aus einem Nickerchen hochgefahren, weil sie gedacht hatte, sie hätte vergessen, eines der Kinder von der Schule abzuholen. Sie brauchte eine ganze Minute, bis sie sich daran erinnerte, dass alle ihre Kinder erwachsen waren: Erwachsene mit Falten und Hypotheken, Abschlüssen und Reiseplänen.

Sie fragte sich, ob sie an Demenz litt. Ihre Freundin Linda, die in einem Pflegeheim arbeitete, hatte ihr erzählt, dass die älteren Damen jeden Tag zur Zeit des Schulschlusses von Rastlosigkeit erfasst wurden, in der Überzeugung, dass sie sich beeilen mussten, um schon lange erwachsen gewordene Kinder abzuholen. Joy waren Tränen in die Augen getreten, als sie das gehört hatte, und jetzt war ihr quasi genau das Gleiche passiert.

»Möglicherweise kaschiert mein herausragender Verstand die Symptome meiner Demenz«, hatte Joy zu Stan gesagt.

»Kann nicht sagen, dass mir das aufgefallen wäre«, hatte Stan erwidert.

»Die Symptome meiner Demenz oder mein herausragender Verstand?«

»Nun, du hattest schon immer Demenz«, hatte er geantwortet, dann war er weggegangen, wahrscheinlich, um eine Leiter hochzusteigen, denn seine Söhne hatten ihm erklärt, dass siebzig zu alt sei, um auf Leitern zu steigen, daher suchte er gern nach einem Vorwand, um genau das zu tun.

Gestern Abend hatte sie sich einen sehr interessanten Podcast angehört: Leben mit Demenz.

Die Reibe weigerte sich, in der Spülmaschine neben der Bratpfanne Platz zu finden. Sie betrachtete die beiden Gegenstände eingehend. Es kam ihr wie ein Puzzle vor, das sie lösen können sollte.

»… triggern eine Erweiterung der Blutgefäße …«, sagte der Migräne-Talker.

Was? Sie musste diesen Podcast zurückspulen und noch einmal von vorne beginnen.

Sie hatte gehört, dass der Ruhestand einen rapiden Rückgang der Gehirnfunktion verursachte. Vielleicht war das mit ihr los. Ihr Frontalhirnlappen verkümmerte.

Sie hatten gedacht, dass sie bereit wären, sich zur Ruhe zu setzen. Der Verkauf der Tennisschule war ihnen als der naheliegende nächste Schritt in ihrem Leben erschienen. Sie konnte nicht ewig Tennisstunden geben, und keines ihrer Kinder hatte Interesse daran, die Schule zu übernehmen. Tatsächlich waren sie sogar auf geradezu beleidigende Weise desinteressiert. Jahrelang hatte Stan die irrige Hoffnung gehegt, dass Logan sich in die Schule einkaufen würde: diese altmodische Vorstellung, dass der älteste Sohn sein stolzer Nachfolger würde. »Logan ist ein wunderbarer Trainer«, hatte er häufig gemurmelt. »Er hat’s drauf. Er hat’s wirklich drauf.«

Der arme Logan hatte vollkommen entgeistert ausgesehen, als Stan ihm zaghaft vorgeschlagen hatte, in sein Geschäft einzusteigen. »Er ist nicht besonders ambitioniert, oder?«, hatte Stan Joy gegenüber bemerkt, und Joy hatte ihn empört angeherrscht, denn sie konnte Kritik an ihren Kindern nicht ertragen, besonders nicht, wenn sie berechtigt war.

Also verkauften sie die Tennisschule an gute Leute zu einem guten Preis. Doch mit diesem Verlustgefühl hatten sie beide nicht gerechnet. Ihnen war nicht klar gewesen, wie sehr die Delaneys’ Tennis Academy ihre Persönlichkeit bestimmt hatte. Wer warensie jetzt? Nur ein weiteres Paar aus der Generation der Babyboomer.

Glücklicherweise spielten sie noch selbst Tennis. Ihre neueste Trophäe stand, stolz und schwer, im Regal, bereit, Eindruck zu schinden, wenn am Vatertag alle zusammenkämen. Stans schmerzende Knie zahlten jetzt den Preis dafür, aber es war ein klarer, solider Sieg über zwei technisch ausgezeichnete Spieler gewesen: Stan und sie hatten am Netz verteidigt, die Mitte angegriffen und immer den kühlen Kopf behalten. Sie hatten es immer noch drauf.

Zusätzlich zu den Turnieren spielten sie jeden Montagabend ein gemischtes Doppel, das Joy vor Jahren initiiert hatte. Allerdings waren diese Begegnungen zuletzt deprimierend gewesen, denn mehrere Spieler waren gestorben. Vor einem halben Jahr war Dennis Christos auf dem Platz tot umgefallen, als er mit seiner Frau Debbie gegen Joy und Stan gespielt hatte. Eine furchtbar traumatische Erfahrung. Joy glaubte, dass Dennis’ Herz die Aufregung, er könnte eventuell einen Break erzielen und Stan sein Aufschlagsspiel abnehmen, nicht verkraftet hatte. Insgeheim gab Joy Stan die Schuld an Dennis’ Tod, weil er ihn in diesem Glauben gewiegt hatte. Er hatte es in dem Spiel absichtlich zum Stand von 40:0 kommen lassen, zu seinem eigenen Vergnügen. Es kostete sie sehr viel Willenskraft, ihm nicht ins Gesicht zu sagen: Du hast Dennis Christos getötet, Stan.

Die Wahrheit sah so aus, dass Stan und sie nicht für den Ruhestand geeignet waren. Ihr sechswöchiger Traumurlaub in Europa war eine Katastrophe gewesen. Sogar Wimbledon. Ganz besonders Wimbledon. Als das Flugzeug bei ihrer Rückkehr wieder in Sydney gelandet war, war ihnen beiden schwindelig vor Erleichterung gewesen, aber das hatten sie nicht zugegeben, nicht ihren Freunden oder ihren Kindern gegenüber, nicht einmal sich selbst gegenüber.

Manchmal probierten sie Dinge, mit denen sich ihre Freunde im Ruhestand die Zeit vertrieben, wie zum Beispiel »ein schöner Tag am Strand«. Joy hatte sich den Fuß an einer Austernschale aufgeschnitten, und sie hatten einen Strafzettel für falsches Parken bekommen. Sie hatte sich an die Tage erinnert gefühlt, wenn sie sich in den Kopf gesetzt hatte, dass Stan und sie mit den Kindern ein schönes Picknick veranstalten würden. Sie hattesich größte Mühe gegeben, so zu tun, als machten sie einen netten Familienausflug. Aber immer ging unweigerlich etwas schief, irgendeiner hatte schlechte Laune, oder sie verfuhren sich, oder es regnete, sobald sie ankamen, dann grollten sie still auf der Rückfahrt, abgesehen von dem regelmäßigen Schniefen desjenigen Kindes, das meinte, zu Unrecht geschimpft worden zu sein.

»Wir sind richtig romantisch geworden, seit wir uns zur Ruhe gesetzt haben«, erzählte ihr eine Freundin in unerträglich munterem Ton, sodass Joy sie am liebsten gewürgt hätte, aber neulich hatte sie zwei Bananen-Milchshakes besorgt, nur so aus Jux, denn die hatten Stan und sie sich immer in Milchbars zum Frühstück gekauft, als sie in den ersten Jahren ihrer Ehe zusammen zu den Turnieren in der Umgebung gereist waren. Sie hatten im Auto übernachtet, um das Geld für ein Zimmer zu sparen, und Sex auf dem Rücksitz gehabt.

Doch offensichtlich konnte sich Stan nicht an die Bananen-Milchshakes erinnern, und auf dem Heimweg hatte er unnötigerweise vehement auf die Bremse getreten, als das Auto vor ihnen ausscherte, und Joys Milchshake war durch die Luft geflogen, sodass ihr Wagen jetzt ständig ekelhaft nach saurer Milch roch: der widerwärtige Geruch des Versagens. Stan behauptete, dass er nichts rieche.

Sie müssten andere Menschen sein, um den Ruhestand mit Anmut und Verve zu umarmen, wie es ihre Freunde taten.

Sie müssten weniger mürrisch sein (Stan auf jeden Fall), und sie bräuchten noch andere Hobbys und Interessen als Tennis. Sie bräuchten Enkelkinder.

Enkelkinder.

Allein das Wort erfüllte sie mit riesigen, komplizierten Gefühlen, die jungen Menschen vorbehalten waren: Sehnsucht, Zorn und – am schlimmsten – giftiger, erbitterter Neid.

Sie wusste, dass ein winziges Enkelkind genügte, um die dröhnende Stille zu stoppen und ihre Tage wieder mit Leben anzufüllen, aber man konnte seine Kinder nicht um Enkel bitten. Wie erniedrigend. Wie gewöhnlich. Sie hielt sich selbst für interessanter und intellektueller als das. Sie war eine Feministin. Eine Sportlerin. Eine sehr erfolgreiche Geschäftsfrau. Sie weigerte sich, dieses spezielle Klischee zu erfüllen.

Es würde passieren. Sie musste nur Geduld haben. Sie hatte vier Kinder. Vier Lose für die Tombola, obwohl zwei ihrer Kinder Singles waren, weshalb sie möglicherweise noch nicht als Los zählten. Aber zwei von ihnen waren in festen Langzeitpartnerschaften. Logan und seine Freundin Indira waren inzwischen seit fünf Jahren zusammen. Sie waren nicht verheiratet, aber das war egal. Indira war ein wundervoller Mensch, und bei ihrer letzten Begegnung hatte sie diesen heimlichtuerischen, rätselhaften Ausdruck im Gesicht gehabt, als wollte sie Joy etwas mitteilen, hielte sich aber zurück: Vielleicht bis sie es bis zur zwölften Schwangerschaftswoche geschafft hatte?

Brooke und Grant waren glücklich verheiratet, eine Hypothek für ein Eigenheim und ein Familienwagen gaben ihrem Leben Beständigkeit. Außerdem war Grant älter, also könnten sie die Ersten sein. Wenn Brooke doch nur nicht ihre eigene Praxis für Physiotherapie eröffnet hätte. Es war bewundernswert – Stan strahlte vor Stolz, wann immer die Sprache darauf kam –, doch ein eigenes Unternehmen zu führen bedeutete Stress, und Migränekranke sollten besonnen mit Stress umgehen. Brooke war zuehrgeizig. Doch mit Sicherheit würde sie sich bald ein Kind wünschen. Und da Brooke stets die neuesten medizinischen Empfehlungen kannte, würde sie wissen, dass sie nicht zu lange warten durfte.

Insgeheim hoffte Joy, dass ihre Kinder ihr die Schwangerschaften mit viel Einfallsreichtum verkünden würden, so wie anderer Leute Kinder das immer auf YouTube taten. Sie könnten zum Beispiel ein Ultraschallbild einwickeln und Joys Reaktion beim Aufmachen filmen: Verwirrung gefolgt von Verstehen, die Hände vor den Mund geschlagen, tränenreiche Umarmungen. Das könnten sie dann auf ihren Social-Media-Kanälen posten! Joy erfährt, dass sie Grandma wird! Das Video könnte viral gehen. Jedes Mal, wenn ihre Kinder zu Besuch kamen, zog sich Joy besonders hübsch an, nur für den Fall.

(Diesen Tagtraum würde sie nie einem Menschen anvertrauen. Nicht einmal dem Hund.)

Der Migräne-Talker flüsterte verführerisch in Joys Ohr: »Sprechen wir über Magnesium.«

»Gute Idee. Los geht’s«, sagte Joy.

Die Bratpfanne und die Reibe hatten zusammen keinen Platz in der Spülmaschine. Es gab keine Lösung. Die Reibe würde draußen bleiben müssen. Sie war bereits sauber. Joy richtete sich auf und bemerkte, dass ihr Ehemann direkt vor ihr stand, als ob er sich teleportiert hätte.

»Meine Güte – verdammt – was zum …?«, schrie sie auf.

Sie schob die Kopfhörer nach hinten um ihren Hals und legte sich eine Hand auf ihr pochendes Herz. »Schleich dich bitte nicht so klammheimlich an mich heran!«

»Warum klopft es an der Tür?« Stans Lippen waren von den Chilikräckern orange gefärbt. Die schmelzenden Eisbeutel hatten feuchte Flecken auf seiner Jeans hinterlassen. Es ärgerte sie, zu ihm aufzusehen, ganz besonders, weil er vorwurfsvoll auf sie herabsah, als ob das Klopfen an der Tür ihr Fehler wäre.

Steffi ließ sich neben Stan nieder, mit vor Wachsamkeit aufgestellten Ohren und glänzenden Augen angesichts der wundervollen Aussicht auf einen Spaziergang.

Joys Augen wanderten zur Küchenuhr. Es war zu spät für einen Lieferanten oder Mitarbeiter einer Marktforschungsumfrage. Zu spät für einen Spontanbesuch von Freunden oder Familie, außerdem machte das keiner mehr, nicht, ohne vorher anzurufen.

Joy betrachtete ihren Ehemann. Vielleicht hatte er Demenz. Aus ihren Recherchen wusste sie bereits, dass der Ehepartner geduldig und freundlich sein musste.

»Ich habe nichts gehört«, sagte sie, geduldig und freundlich. Sie wäre eine ausgezeichnete Pflegerin, obwohl sie ihn wohl eher früher als später auf die Warteliste eines schönen Pflegeheims setzen lassen würde.

»Ich habe ein Klopfen gehört«, behauptete Stan wieder, und sein Kiefer mahlte ausdrucksvoll, wie immer, wenn er verärgert war.

Doch dann hörte Joy es auch: Bumm, bumm, bumm.

Als würde jemand mit der geballten Faust an die Haustür hämmern. Die Türklingel war schon seit Jahren defekt, und häufig klopften Besucher voller Ungeduld, nachdem sie das Klingeln aufgegeben hatten, aber das hier klang nach einem Notfall.

Ihre Blicke trafen sich, und ohne ein weiteres Wort gingen Stan und sie in Richtung Haustür. Sie liefen nicht, aber sie gingen mit großen Schritten eilig den langen Flur entlang. Steffi trottete neben ihnen her und hechelte vor Aufregung. Joys Socken waren rutschig auf den Holzdielen, und sie spürte, dass sie alle drei, Mann, Frau und Hund, ein belebendes Gefühl von Dringlichkeit erfasst hatte. Sie wurden gebraucht. Jemand steckte in einer Krise. Sie würden einen Ausweg finden, denn auch wenn keine Kinder mehr im Haus lebten, hatten sie immer noch diesen Gedanken: Wir sind die Erwachsenen. Wir sind die Problemlöser.

Vielleicht genossen sie diesen schnellen Gang zur Tür sogar, denn es war schon eine Weile her, dass eines ihrer Kinder sie um Geld oder Rat gebeten hatte oder auch nur um eine Fahrt zum Flughafen.

Bumm, bumm, bumm.

»Wir kommen!«, rief Stan.

Erinnerungsfetzen blitzten vor Joys innerem Auge auf: Troy, der mit acht oder neun Jahren nach der Schule wild an die Tür hämmerte und dabei rief: »FBI! Machen Sie auf!« Das machte er noch jahrelang jedes Mal, wenn er vor einer Tür stand, denn er fand das rasend komisch. Oder Amy, die panisch auf die Klingel drückte, als sie noch funktionierte, weil sie wieder einmal ihren Schlüssel verloren hatte und immer dringend zur Toilette musste.

Stan war vor ihr an der Tür. Er öffnete den Türriegel mit einem energischen Drehen seines Handgelenks und riss die Tür auf.

Eine schluchzende junge Frau taumelte ihnen entgegen, als ob sie mit der Stirn an der Tür gelehnt hätte, und fiel direkt in Stans Arme – wie eine Tochter.

3

»Hallo«, sagte Stan verblüfft. Er klopfte ihr unbeholfen auf die Schulter.

Für den Bruchteil einer Sekunde nahm Joy an, dass es tatsächlich eine ihrer Töchter war, aber diese junge Frau reichte Stan kaum bis zur Brust. Joys Kinder waren groß: Die Jungen waren ein Meter fünfundneunzig, Amy war eins zweiundachtzig und Brooke einen Meter fünfundachtzig. Alle hatten breite Schultern, dunkle Haare, olivfarbene Haut, rote Wangen und Grübchen, wie ihr Vater. (»Deine Kinder sehen alle wie riesenhafte spanische Stierkämpfer aus«, pflegte Joys Mutter mit tadelnder Stimme zu sagen, als ob Joy die Kinder wie eine Ware aus dem Regal genommen hätte.)

Die junge Frau war zierlich, mit strähnigen dunkelblonden Haaren und weißer Haut, unter der sich blaue Adern abzeichneten.

»Entschuldigung.« Sie trat einen Schritt zurück, holte bebend Luft, zog die Nase hoch und versuchte, ein Lächeln aufzusetzen. »Es tut mir schrecklichleid. Wie peinlich.«

Die junge Frau hatte eine tiefe Schnittwunde direkt neben der rechten Augenbraue. Glänzende Blutspuren rannen ihr übers Gesicht.

»Es ist in Ordnung, Liebes.« Joy hielt sie energisch an ihrem spindeldürren Oberarm fest, für den Fall, dass sie in Ohnmacht fallen sollte.

Sie würde sie Liebes nennen, bis sie sich an ihren Namen erinnerte. Stan würde keine Hilfe sein. Sie konnte spüren, wie seine Augen Hilfe suchend zu ihr blickten: Wer zum Henker ist das?

Die junge Frau hatte ein winziges Piercing in der Nase, nicht größer als ein Samenkorn, und ein Tattoo, eine grüne Rebe, die sich um ihren blassen Unterarm rankte. Sie trug ein abgetragenes langärmeliges T-Shirt mit alten Fettflecken darauf und zerrissene Jeans. Und um ihren Hals hing eine Kette mit einem Silberschlüssel daran. Ihre nackten Füße waren dunkellila angelaufen vor Kälte. Sie kam Joy vage, verschwommen, nicht wirklich bekannt vor.

Es würde helfen, wenn sie ihren Namen nannte, aber junge Menschen nahmen automatisch an, dass man sich an sie erinnerte. Das passierte ihnen ständig. Ein junger Unbekannter kam geradewegs auf sie zu und winkte fröhlich: »Mr. und Mrs. Delaney! Wie geht es Ihnen? Das ist ja schon ewig her!« Dann musste Joy das ganze Gespräch hindurch bluffen, während sie gleichzeitig ihre mentale Datenbank durchging: ein Tennisschüler? Der erwachsene Sohn eines Klubmitglieds? Ein Freund ihrer Kinder?

»Was ist dir passiert?« Stan deutete auf ihr Auge. Er wirkte erschrocken und auf einmal wie ein alter Mann. »Ist da draußen jemand?« Er spähte über ihre Schulter auf die Straße. Joy wäre es nie in den Sinn gekommen, dass da draußen jemand sein könnte.

»Da draußen ist niemand«, sagte die junge Frau. »Ich bin mit dem Taxi gekommen.«

»Okay, Liebes, wir werden dich verarzten«, sagte Joy.

Die Situation war verwirrend, aber sie würde sich aufklären. Stan wollte immer alles sofort geklärt haben.

Joy schätzte die junge Frau auf Ende zwanzig, genauso alt wie Brooke, aber sie sah nicht aus wie eine von Brookes Freundinnen, engagierte, kultivierte junge Frauen, die immer tausend Dinge im Kopf hatten. Diese junge Frau hatte den Grunge-Look, den Amy bevorzugte, also war sie wahrscheinlich eine ihrer Freundinnen. Das verkomplizierte die Dinge, denn Amy bewegte sich in den unterschiedlichsten Kreisen. Gehörte sie vielleicht der Amateur-Theatergruppe an, für die Amy sich mindestens eine Woche lang begeistert hatte? Eine Freundin von der Uni? Aus ihrem ersten Studium, das sie hingeschmissen hatte? Aus dem zweiten?

»Wie hast du dich verletzt?«, fragte Joy.

»Mein Freund und ich sind in Streit geraten«, sagte die junge Frau. Sie schwankte und presste sich den Handballen auf das blutige Auge. »Ich bin einfach aus der Wohnung auf die Straße gelaufen und in das nächste Taxi gesprungen …«

»Dein Freund hat das getan?«, fragte Stan. »Du meinst, er hat dich geschlagen?«

»So in etwa«, erwiderte die junge Frau.

»So in etwa? Was heißt das?«, sagte Stan. Manchmal konnte der Mann furchtbar schroffsein. »Hat er dich geschlagen oder nicht?«

»Das ist kompliziert«, entgegnete die junge Frau.

»Nein, ist es nicht. Wenn du angegriffen wurdest, sollten wir die Polizei rufen«, sagte Stan.

»Nein.« Sie löste sich aus Joys Griff. »Auf keinen Fall. Ich will nicht, dass die Polizei eingeschaltet wird.«

»Wir müssen die Polizei nicht rufen, wenn du das nicht willst, Liebes«, sagte Joy. »Das ist deine Entscheidung. Komm rein und ruh dich aus.«

Sie war einverstanden, wenn die junge Frau nicht die Polizei einschalten wollte. Sie wollte keine Beamten im Haus.

Als sie unter einer der Deckenleuchten im Flur hindurchgingen, sah Joy, dass die junge Frau älter war, als sie zunächst angenommen hatte. Vielleicht war sie Anfang dreißig? Denk nach, Joy.

Könnte sie eine der Ex-Freundinnen ihrer Söhne sein? Ein paar Jahre lang war es schwierig gewesen, den Überblick über all die jungen Mädchen zu behalten, die in ihrem Haus ein und aus gingen. Beide Jungen waren lange Zeit mit braun gebrannten Blondinen in weißen Turnschuhen zusammen gewesen, die beide Tracey hießen. Stan hatte die beiden nie auseinanderhalten können. Letztlich hatten beide Traceys aus unterschiedlichem Anlass weinend an ihrem Küchentisch gesessen, während Joy Zwiebeln schnitt und tröstende Worte murmelte. Logans Tracey schickte immer noch Weihnachtskarten.

Aber diese junge Frau sah nicht aus wie eine Freundin ihrer Söhne. Troy stand auf top gestylte Prinzessinnen, und Logan hatte es auf sexy Bibliothekarinnen abgesehen, und dieses Mädchen war keines von beidem.

»Dann fiel mir auf, dass ich kein Geld hatte«, sagte sie, als sie die Küche betraten. Sie blieb stehen und legte den Kopf in den Nacken, um die hohe Decke zu betrachten, als wäre sie in einer Kathedrale. Joy folgte ihrem Blick, der durch den Raum zu dem Sideboard mit den vielen gerahmten Familienfotos und Ziergegenständen wanderte, darunter ein schreckliches Paar grinsender Porzellankatzen, die Stans Mutter gehört hatten, bis ihre Augen an der Schüssel mit frischem Obst auf dem Tisch hängen blieben: glänzende rote Äpfel und knallgelbe Bananen. War das Kind hungrig? Sie konnte alle Bananen haben. Joy wusste nicht, warum sie die noch immer kaufte. Sie schienen nur Präsentationszwecken zu dienen. Die meisten wurden letztlich matschig weich und schwarz, und dann schämte sie sich, dass sie sie wegwarf.

»Ich hatte überhaupt nichts bei mir. Kein Portemonnaie, kein Geld: nichts.«

»Setz dich, Liebes.« Joy zog einen Küchenstuhl hervor.

Stan hatte dankenswerterweise aufgehört, in bellendem Ton Fragen zu stellen. Schweigend holte er den Verbandskasten aus dem Schrank über dem Kühlschrank, wo Joy nicht herankam, ohne auf einen Stuhl zu steigen. Er stellte den Kasten auf den Tisch und öffnete den Deckel, da Joy immer Schwierigkeiten mit dem Schloss hatte. Dann ging er zur Spüle und holte der jungen Frau ein Glas Wasser.

»Jetzt schauen wir uns das mal an.« Joy setzte ihre Brille auf. »Tut es sehr weh?«

»Ach, es geht schon. Ich habe eine hohe Schmerzgrenze.« Mit zitternder Hand hob sie das Glas und trank. Ihre Fingernägel waren ungepflegt, sie kaute sie ab. Amy hatte auch lange Zeit Fingernägel gekaut. Und ihr Gesicht strahlte kühle Nachtluft aus, als Joy die Wunde mit Desinfektionsmittel reinigte.

»Du hast also festgestellt, dass du kein Portemonnaie bei dir hattest«, soufflierte Joy, als Stan einen Stuhl hervorzog, die Ellbogen auf dem Tisch abstützte, die Hände faltete und sich mit missbilligendem Blick die Nase an den Fingerknöcheln rieb.

»Ja, ich war wirklich am Anschlag, ich dachte, wie soll ich das Taxi bezahlen, und der Fahrer machte auch keinen freundlichen Eindruck, ich wusste es gleich, er sah aus wie ein Typ, der echt gemein, sogar aggressiv werden kann. Also fuhren wir ziellos herum und …«

»Ihr fuhrt ziellos herum?«, unterbrach Stan sie. »Welche Adresse hast du dem Fahrer gegeben, als du ins Taxi gestiegen bist?«

Joy warf ihm einen warnenden Blick zu. Manchmal war ihm nicht bewusst, wie er auf andere Menschen wirkte.

»Ich habe ihm keine Adresse gegeben. Ich habe nicht nachgedacht. Ich sagte nur: ›Fahren Sie nach Norden.‹ Ich wollte Zeit gewinnen, um mir zu überlegen, wo ich hinwollte.«

»Hat der Fahrer deine Verletzung denn nicht bemerkt?«, fragte Joy. »Er hätte dich direkt ins Krankenhaus bringen sollen, ohne etwas dafür zu verlangen!«

»Falls er die Wunde bemerkt hat, dann wollte er nichts davon wissen.«

Joy schüttelte traurig den Kopf. Die Leute heutzutage.

»Jedenfalls, aus irgendeinem Grund, ich weiß nicht wieso, steckte ich meine Hand in die Hosentasche und – unfassbar – zog einen Zwanzigdollarschein heraus! Das war purer Zufall! Ich habe noch nie Geld in irgendwelchen Taschen gefunden!«

Bei dieser Erinnerung strahlte die junge Frau mit kindlicher Freude.

»Jemand hat ein Auge auf dich«, sagte Joy. Sie schnitt ein Stück Gaze von der Rolle ab.

»Ja, ich weiß. Als sich das Taxometer zwanzig Dollar annäherte, begann ich dem Fahrer völlig willkürlich Richtungen anzugeben. Bitte links abbiegen. Die zweite rechts. Ich weiß auch nicht. Ich war wie im Rausch, folgte einfach immer meiner Nase. Halt. Habe ich mir das gerade ausgedacht? Es klingt lustig, wenn ich es jetzt so sage. Wie folgt man denn seiner Nase?«

Die junge Frau blickte zu Joy auf.

»Nein, das kann man schon so sagen.« Joy tippte sich gegen ihre eigene Nase. »Seiner Nase folgen.«

Sie sah zu Stan hinüber. Er zog mit zwei Fingern an seiner Unterlippe, wie er es immer tat, wenn er etwas missbilligte. Er folgte seiner Nase nirgendwohin. Du brauchst eine Strategie, Kind. Man spielt nicht einfach und hofft darauf zu gewinnen, man legt sich eine Strategiezurecht, wie man gewinnen will.

»In dem Moment, als der Fahrpreis zwanzig Dollar betrug, rief ich: ›Anhalten, bitte!‹ und stieg aus. Draußen war es furchtbar kalt, das hatte ich gar nicht bemerkt!« Sie zitterte heftig. »Und ich war barfuß.« Sie hob ihre schmutzigen Füße in die Höhe und deutete auf ihre Zehen. »Dort stand ich nun am Straßenrand. Meine Füße fühlten sich an wie Eisblöcke. Ich dachte: Du Idiotin, du dämliche Idiotin, was machst du jetzt? Dann wurde mir schwindelig, ich sah mich um, und Ihr Haus schien mir das freundlichste von allen, außerdem brannte Licht, also …« Sie zog an den Ärmeln ihres T-Shirts. »Und jetzt bin ich hier.«

Joy hielt inne, die Gaze in ihrer Hand schwebte in der Luft. »Dann … aber … dann willst du also sagen, dass wir, dass du …« Sie suchte nach einer eleganteren Formulierung, aber ihr fiel nichts ein. »Du kennst uns nicht?«

Jetzt erkannte sie, dass sie sich etwas vorgemacht hatte, zu denken, dass sie diese junge Frau kannte. Sie war ihr bekannt vorgekommen, so wie einem heutzutage jeder bekannt vorkam. Sie hatte eine Fremde in ihr Haus gelassen.

Sie suchte nach Anzeichen für kriminelle Absichten, fand aber keine, obwohl sie nicht sicher war, woran diese zu erkennen waren. Der Nasenstecker war recht hübsch. (Amy hatte sich vor einigen Jahren ein grauenhaftes Lippenpiercing stechen lassen, daher störte sich Joy nicht allzu sehr an einem Nasenpiercing.) Ein grünblättriges Tattoo wirkte nicht bedrohlich. Sie schien in Ordnung zu sein. Vielleicht ein wenig überspannt. Aber sie war freundlich. Sie konnte nicht gefährlich sein. Dafür war sie zu klein. Sie war nicht gefährlicher als eine Maus.

»Und du hättest nicht zu Freunden oder zu deiner Familie gehen können?«, fragte Stan.

Joy sah ihn wieder warnend an. Zwar hatte auch sie diese Frage stellen wollen, doch man musste dafür nettere Worte wählen.

»Wir sind gerade erst von der Gold Coast hierhergezogen«, antwortete sie. »Ich kenne keine Menschenseele in Sydney.«

Stell dir das vor, dachte Joy. Du bist ganz allein, in einer fremden Stadt, und du kannst nicht nach Hause, was bleibt einem anderes übrig, als sich dem Erbarmen fremder Menschen auszuliefern? Sie wusste nicht, was sie in dieser Situation getan hätte. In ihrem Leben hatte es immer genügend Menschen gegeben, auf die sie zählen konnte.

»Möchtest du … vielleicht jemanden anrufen?«, fragte Stan. »Deine Familie?«

»Im Moment ist keiner … so richtig verfügbar.« Sie senkte den Kopf, sodass Joy zwischen verfilzten Haarsträhnen ihren wehrlosen schmalen weißen Hals sah.

»Sieh mich an, Liebes.« Joy presste die Gaze auf die Schnittwunde. »Leg deinen Finger hierhin.« Sie führte ihre Hand zu der Gaze, befestigte das Ganze mit einem Pflaster und seufzte schließlich erleichtert auf. »Bitte sehr. Fertig.«

»Danke.« Die junge Frau blickte Joy mit klaren blassgrünen Augen an, eingerahmt von den hellsten Wimpern, die sie je gesehen hatte. Sie sahen aus, als wären sie mit Goldstaub bedeckt. Joys Kinder hatten alle die dunklen Wimpern von Stierkämpfern. Joy selbst hatte gewöhnliche Allerweltswimpern.

Die junge Frau war überraschend hübsch, jetzt, wo sie kein Blut mehr im Gesicht hatte. Furchtbar hübsch und furchtbar dünn und schmutzig und müde. Joy hatte den überwältigenden Wunsch, ihr etwas zu essen zu machen, ihr ein Bad einlaufen zu lassen und sie anschließend ins Bett zu bringen.

»Ich bin Savannah«, sagte sie jetzt und streckte Joy eine Hand hin.

»Savannah. Das ist ein hübscher Name«, sagte Joy. »Eine Freundin von mir heißt Hannah. Das klingt ähnlich! Nun, vielleicht nicht sehr ähnlich. Savannah. Woher kenne ich diesen Namen? Ach ja, ich glaube, Prinzessin Anne hat eine Enkeltochter, die so heißt. Ein süßes kleines Mädchen, aber etwas ungezogen! Sie ist wohl nicht Prinzessin Savannah, ich glaube, sie hat gar keinen Titel. Nicht, dass dich das interessieren würde. Ich habe mich schon immer für die königliche Familie begeistert. Ich folge ihnen auf Instagram.«

Anscheinend konnte sie nicht aufhören zu reden. So war es immer, wenn sie aufgeregt oder geschockt war, und ihr wurde bewusst, dass das Blut und die Geschichte des gewalttätigen Übergriffs sie aufgeregt, womöglich geschockt hatten. Als sie bemerkte, dass sie immer noch Savannahs eiskalte kleine Hand hielt, drückte sie sie beruhigend und ließ sie dann los.

»Es gibt noch eine andere Savannah, außer der königlichen Enkeltochter. Ich bin sicher, da ist … Ah, jetzt weiß ich es wieder! Meine jüngste Tochter Brooke hat eine Freundin, die gerade ein Baby bekommen hat. Ich würde mit neunzigprozentiger Sicherheit sagen, dass das Kind Savannah heißt, vielleicht war es auch Samantha.«

Ihr fiel ein, dass das Baby tatsächlich Poppy hieß. Das war ihr peinlich, weil es gar nichts mit Savannah oder Samantha zu tun hatte, aber das musste sie ja nicht laut sagen. »Brooke ist noch nicht bereit für ein Baby, weil sie gerade ihre eigene Praxis für Physiotherapie eröffnet hat. Das ist sehr spannend.«

Das war überhaupt nicht spannend, sondern total ärgerlich, aber wie schon ihr Großvater zu sagen pflegte: »Tatsachen verderben eine gute Geschichte.«

»Sie hat alle Hände voll zu tun mit der Praxis. Sie heißt Delaneys Physiotherapie. Irgendwo habe ich ihre Karte. Sie ist wirklich sehr gut. Brooke, meine ich. Meine Tochter. Sehr ruhig und geduldig. Das ist interessant, denn wir hätten nie gedacht …«

»Joy«, unterbrach sie Stan. »Mach mal eine Pause.«

»Wir hätten nie gedacht, dass jemand aus unserer Familie mal einen Heilberuf ergreift …« Joy verstummte. Sie legte sich eine Hand auf den Nacken und spürte, dass sie immer noch die Kopfhörer wie eine massive Statement-Kette um den Hals trug. »Ich hatte mir gerade einen Podcast angehört«, erklärte sie überflüssigerweise. Tatsächlich vernahm sie wie von ferne die blecherne, körperlose Stimme des Sprechers, der immer weiterplauderte, ohne zu merken, dass Joy gar nicht mehr zuhörte.

»Ich mag Podcasts«, sagte Savannah.

»Wir haben dir noch gar nicht unsereNamen genannt! Ich bin Joy!« Joy stellte die Kopfhörer aus und legte sie auf den Tisch. »Und das ist mein mürrischer Ehemann Stan.«

»Danke, dass du mich verarztet hast, Joy.« Savannah deutete auf den Verband in ihrem Gesicht. »Auch wenn ihr keine Ärzte seid, denke ich doch, dass du das tipptopp erledigt hast!«

Tipptopp. Was für ein komisches Wort. Ein Hauch von Vergangenheit.

»Oh, vielen Dank«, sagte Joy. »Ich habe nie … nun.« Sie zwang sich, nicht weiterzusprechen.

»Ich hatte ein gutes Gefühl bei diesem Haus.« Savannah sah sich um. »Sofort, als ich es gesehen habe. Es fühlte sich warm und sicher an.«

»Es ist sicher«, sagte Joy. Sie vermied es, ihren Ehemann anzusehen. »Möchtest du etwas essen, Savannah? Bist du hungrig? Nimm eine Banane! Ich habe auch noch Reste vom Abendessen, die ich aufwärmen kann.« Sie gab ihrem Gast keine Zeit, ihr Angebot anzunehmen, bevor sie den nächsten Vorschlag unterbreitete. »Und dann bleibst du natürlich über Nacht hier.«

Sie war sehr froh, dass ihre Putzfrau, die gute alte Barb, heute hier gewesen war und dass sie zusammen in Amys altem Schlafzimmer Staub gewischt und gesaugt hatten.

»Oh«, sagte Savannah. Sie blickte unbehaglich zu Stan und dann wieder zu Joy. »Ich weiß nicht. Ich könnte einfach …«

Doch es war offensichtlich, dass sie so spät am Abend nirgendwo mehr hingehen konnte, und um nichts in der Welt würde Joy dieses barfüßige zierliche Persönchen wieder in die Kälte hinausschicken.

4

Jetzt

»Wir versuchen, die junge Frau ausfindig zu machen, die letztes Jahr bei Mum und Dad gewohnt hat.«

Die Kosmetikerin, ganz in Weiß gekleidet, kniete vor den riesigen Füßen ihres Kunden und tauchte diese behutsam in ein Fußbad ein. Das Wasser, in dem Rosenblüten schwammen und glatte ovale Kieselsteine den Boden bedeckten, die aussahen, als stammten sie aus einem sprudelnden Bergbach, war warm und parfümiert.

»Sie stand plötzlich vor ihrer Tür. Spätabends.«

Der Kunde, der eine Deluxe-Power-Pediküre gebucht hatte, »eine Luxusbehandlung für den viel beschäftigten Manager«, rieb seine Füße an den Steinen und erzählte weiter, glücklicherweise in annehmbarer Lautstärke. Er hatte sie höflich gefragt, ob sie etwas dagegen hatte, dass er während der Pediküre einige Anrufe erledigte. Die meisten Menschen plärrten einfach drauflos.

»Wahrscheinlich hat sie nichts damit zu tun«, sagte er. »Wir rufen nur jeden an, den Mum kennt.«

Das Handy des Kunden befand sich in der Brusttasche seines lässig weiten weißen Hemds. Er trug AirPods. Der Vater der Kosmetikerin sagte, dass Menschen mit AirPods wie Witzfiguren aussahen. (Ihr Vater war gerade fünfzig geworden, und es rührte sie, dass er glaubte, seine Meinung würde immer noch zählen.) Der Kunde sah nicht aus wie eine Witzfigur. Er war sehr attraktiv.

»Es passt einfach nicht zu Mum, sich so lange nicht zu melden. Normalerweise ruft sie innerhalb von zwei Minuten zurück, völlig außer Atem und entsetzt darüber, dass sie den Anruf nicht gehört hat.«

Die Kosmetikerin nahm etwas Aprikosenkernpeeling und rieb es mit kräftigen Kreisbewegungen in seine rechte Ferse ein.

»Schon klar, aber sie ist nicht einfach so verschwunden. Sie hat uns allen eine Nachricht geschickt, am Valentinstag.« Er hielt inne. »Ich sage dir, was da drin steht. Warte kurz.«

Er holte sein Handy aus der Brusttasche und scrollte mit dem Daumen über den Bildschirm. »Hier ist die Nachricht.« Er las laut vor. »›Tauche ab und werde eine Weile OFF-GRID sein! Ich mache Hortensien 21 Tanz Champagner zum Kikeriki gegen Kabeljaufilet! Spammen nox! In Liebe, Mum.‹« Herz-Emoji. Schmetterlings-Emoji. Blumen-Emoji. Smiley-Emoji. ›Off-grid‹ war in Großbuchstaben.«

Auch die Mutter der Kosmetikerin benutzte viele Emojis beim Nachrichten-Schreiben. Mütter liebten Emojis. Sie fragte sich, was Hortensien Tanz wohl bedeuten könnte.

»Es heißt nur, dass sie die Nachricht ohne ihre Brille geschrieben hat«, sagte der Kunde zu der Person am anderen Ende der Leitung, die sich das Gleiche gefragt haben musste. »Ihre Texte sind immer voller unsinniger Zufallssätze.«

Die Kosmetikerin versuchte, seinen Wadenmuskel zu massieren. Sie hätte genauso gut versuchen können, Granit zu massieren. Er musste Läufer sein.

»Ja«, sagte er. »Ich fahre jetzt zum Haus, um mit Dad zu reden. Mal sehen, ob ich etwas mehr herausbekomme. Nicht, dass er mir etwas erzählen würde …«

In dem Moment bekam er plötzlich einen Krampf im Fuß, und seine Zehen zeigten eine unnatürliche Spreizung.

»Krampf!«, schrie er. Die Kosmetikerin zog gerade noch rechtzeitig ihren Kopf weg.

5

Letztes Jahr im September

Joy ließ leise und entschuldigend die Türklinke einschnappen, als ob Savannah das hören würde und wüsste, dass sie ihre Schlafzimmertür nur schloss, weil sie da war. Ihre ganze Ehe hindurch hatten Stan und sie mit weit geöffneter Tür geschlafen: damit kleine verängstigte Kinder sich nach Albträumen direkt in ihr Bett flüchten konnten, damit sie Teenager durchs Haus poltern hören konnten, betrunken, aber Gott sei Dank unverletzt, damit sie eilig Medikamente verabreichen, Ratschläge geben oder Trost spenden konnten, damit sie jeden Morgen aus dem Bett springen und augenblicklich mit den Aufgaben ihres hektischen, ausgesprochen wichtigen Daseins beginnen konnten.

Früher einmal war das Schließen der Schlafzimmertür ein Zeichen dafür gewesen, dass einer von ihnen an Sex dachte. Jetzt war es ein Zeichen dafür, dass sie einen Gast im Haus hatten.

Einen unerwarteten Gast.

Hoffentlich hatte es Savannah warm und gemütlich in einem alten Nachthemd von Amy, im ehemaligen Schlafzimmer ihrer ältesten Tochter. Amy war ein »Freigeist«, wie Joy es gern ausdrückte, oder »ihr Problemkind«, wie Stan es nannte. Sie wurde dieses Jahr vierzig und wohnte offiziell schon seit zwanzig Jahren nicht mehr zu Hause, doch sie benutzte ihr altes Zimmer immer noch als Möbellager, denn sie schien es nie lange genug an einem Wohnort auszuhalten, um all ihre Besitztümer umzuziehen. Das war zugegebenermaßen ein seltsames Verhalten für eine fast vierzigjährige Frau, und früher einmal hatten Joy und Stan darüber gesprochen, ein Machtwort zu sprechen, und Freunde hatten sie in dieser Absicht bestätigt, als könnte man Amy mit reiner Willenskraft in eine normale Person verwandeln. Amy war Amy, und zurzeit hatte sie einen Job und eine Telefonnummer, ihre Fingernägel waren sauber, und ihre Haare (wenn auch blau) waren nicht von Läusen befallen, und mehr erwartete Joy nicht von ihr, auch wenn es schön wäre, wenn sie die Haare ab und zu kämmen würde.

»Liegt sie im Bett?«, fragte Stan, als er aus dem Bad kam. Er trug Boxershorts und ein weißes T-Shirt mit V-Ausschnitt, aus dem weiße Brusthaare hervorstachen. Stan war ein großer, muskulöser, herrischer Mann, aber im Pyjama hatte er auf Joy immer verletzlich gewirkt.

»Ich denke ja«, sagte Joy. »Sie schien sehr müde zu sein nach dem Bad.«

Sie hatte darauf bestanden, Savannah ein Bad einzulassen. Die Wasserhähne waren nicht leicht zu bedienen. Sie hatte etwas von dem Pfirsichduft-Badeschaum ins Wasser getan, den sie zum Muttertag geschenkt bekommen hatte, und noch zwei flauschige Gästehandtücher neben die Wanne gelegt. Savannahs Anblick hatte Joys Herz erwärmt, als sie gähnend, mit rosigen Wangen und nassen Haarspitzen aus dem Bad getreten war, in Amys viel zu langem Nachthemd, das auf dem Boden schleifte.

Joy konnte den satten Ton tiefer Zufriedenheit in ihrer Stimme hören. Es war die längst vergangene Ur-Befriedigung, ein hungriges, müdes, willfähriges Kind zu füttern und zu baden, und dann dieses saubere Kind im frischen Pyjama ins Bett zu bringen.

»Amys Nachthemd war so lang …« Joy hielt inne. Was zum Henker? Ihr blieb der Mund offen stehen.

»Ach, du liebes bisschen«, sagte sie. »Das ist nicht wahr.«

Ein Stapel unterschiedlichster Gegenstände türmte sich krumm und schief auf ihrer Kommode: Stans altes Laptop, das Joys Meinung nach kaputt war, ihr iPad, das sie nie benutzte, ihr Tischcomputer samt Bildschirm, ihr zehn Jahre alter Fernseher, ein Taschenrechner, ein altes Glas mit Zwanzigcentmünzen, das alles in allem wahrscheinlich zehn Dollar enthielt, wenn überhaupt.

»Ich bin nur vorsichtig«, sagte Stan abwehrend. »Wir wissen nichts über sie. Sie könnte uns nachts ausrauben, und wir würden uns wie Idioten vorkommen, wenn wir morgens die Polizei rufen müssten. ›Stimmt genau, Officer, wir haben ihr Essen gemacht, ein Schaumbad eingelassen, sie ins Bett gebracht, und siehe da, als wir am Morgen aufwachten, waren all unsere weltlichen Besitztümer verschwunden.‹«

»Ich kann nicht glauben, dass du hier durchs Haus schleichst und unsere weltlichen Besitztümer aussteckst.« Sie fuhr mit dem Finger über das Knäuel staubiger Elektrokabel, die von der Kommode herabhingen.

Ach, du lieber Gott, dort stand sein geliebter Laminator, ein Weihnachtsgeschenk von Troy, und dann hatte Stan einen regel