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Ende 2022 reist François-Henri Désérable vierzig Tage lang durch den Iran. In seinem Gepäck nicht viel mehr als »das Reise-Evangelium nach Nicolas«: »Die Erfahrung der Welt« von Nicolas Bouvier. In den fünfziger Jahren hatte der Genfer Schriftsteller, damals Mitte zwanzig, in einem Fiat Topolino den Iran durchquert. Die Lektüre von Bouviers Reisebericht ist für Désérable eine solche »Explosion«, dass er beschließt, dieselbe Reise anzutreten. Aber dann stirbt im Iran die junge Mahsa Amini, nachdem sie von der Sittenpolizei verhaftet und zu Tode gefoltert wurde. Eine Protestwelle erfasst das Land, das Regime reagiert darauf mit noch mehr Repression. Dennoch lässt sich François-Henri Désérable nicht von seinen Plänen abbringen. Er reist in den Iran, wo ihn berührende, ermutigende, aber auch einschüchternde Begegnungen erwarten, in Teheran ebenso wie in weit abgelegenen Dörfern. Im kurdischen Teil des Landes wird er von der Revolutionsgarde festgehalten und des Landes verwiesen. Im Gepäck nunmehr eigene literarische Skizzen.
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Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2024
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François-Henri Désérable
Meine Reise durch den Iran
Aus dem Französischen von Tobias Scheffel und Claudia Steinitz
Edition Blau im Rotpunktverlag
Der Verlag bedankt sich bei folgenden Institutionen für die Unterstützung
Der Rotpunktverlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2021 bis 2025 unterstützt.
Die Originalausgabe ist 2023 unter dem Titel L’usure d’unmonde. Une traversée de l’Iran in den Éditions Gallimard erschienen.
© 2023 Éditions Gallimard, Paris
© 2024 Edition Blau im Rotpunktverlag, Zürich (für die deutschsprachige Ausgabe)
www.rotpunktverlag.ch
Umschlagbild: François-Henri Désérable
Lektorat: Anina Barandun
Korrektorat: Sarah Schroepf
eISBN 978-3-03973-044-5
1. Auflage 2024Das gedruckte Buch enthält Schwarz-Weiß-Fotos.
Für die Iranerinnen wehendes Haar aufrecht im Wind
Paris – Teheran
Teheran – Im Hostel
Teheran – Auf der Straße
Ghom
Kaschan
Auf dem Weg nach Isfahan
Isfahan
Schiras
Straße nach Jasd
Jasd
Kerman
Straße nach Bam
Wüste Lut
Keschit
Bam
Zahedan
Zahedan – Teheran
Teheran – Zurück im Hostel
Täbris
Saqqez
Über den Autor und die Übersetzer:innen
»Hier, wo alles schiefgeht, haben wir mehr Gastfreundschaft, guten Willen, Feingefühl und Unterstützung angetroffen, als zwei Perser auf Reisen in meiner Heimatstadt, wo doch alles bestens geregelt ist, erwarten dürften.«
Nicolas Bouvier
Die Erfahrung der Welt1
1Nicolas Bouvier Die Erfahrung der Welt, Benziger, Zürich 1980 (neueste Auflage: Lenos, Basel 2023), deutsch von Trude Fein und Regula Renschler, S. 237.
»Monsieur Désérable?«
Ich habe nicht die Angewohnheit, Anrufe mit unbekannter Nummer wegzudrücken. Im Unbekannten liegt ein Geheimnis, das nach Aufklärung verlangt. Auch wenn das Geheimnis sich oft genug als Telefonwerbung oder etwas ähnlich Lästiges entpuppt – wenn auf meinem Display eine unbekannte Nummer auftaucht, gehe ich ran.
»Guten Tag, hier ist der Krisenstab des Außenministeriums. Sie haben die französische Botschaft über eine geplante Iranreise informiert. Ich sage es Ihnen klipp und klar: Verzichten Sie darauf! Das Außenministerium hat eine dringende, eine sehr dringende Reisewarnung für den Iran herausgegeben. Wir haben das ganze Gebiet zur roten Zone erklärt, es gibt fast keine Franzosen mehr im Land. Wer noch dort ist, bereitet seine Rückkehr vor, und wer nicht zurückkommt, sitzt im Gefängnis. Im Augenblick sind mehrere französische Bürger in Haft. Die Gefahr einer willkürlichen Festnahme ist sehr hoch, hören Sie, sehr, sehr hoch. Wenn Sie verhaftet werden, denkt man sich irgendeine Anklage aus und verurteilt Sie für Gott weiß was, Spionage, Propaganda, Verschwörung gegen die nationale Sicherheit, die finden einen Grund – die finden immer einen Grund. Sie werden zur Spielfigur, zum Tauschobjekt, wir können Ihnen keinen konsularischen Schutz gewähren, wir können Sie nicht im Gefängnis besuchen, kurzum, wir werden nicht viel für Sie tun können und Sie werden lange sitzen: ein Jahr, zwei Jahre, vielleicht zehn, wer weiß, hören Sie, Monsieur Désérable?«
»Aber ich …«
»Der Iran ist kein Rechtsstaat, Monsieur Désérable. Verzichten Sie auf die Reise.«
»Das würde ich gern, aber …«
In diesem Moment knisterte eine andere Stimme in einem Lautsprecher:
»Meine Damen und Herren, der Flugkapitän und die gesamte Crew freuen sich, Sie auf dem Flug nach Teheran willkommen zu heißen. Bitte legen Sie Ihren Sicherheitsgurt an und vergewissern Sie sich, dass Ihre elektronischen Geräte ausgeschaltet sind oder sich im Flugmodus befinden …«
»Monsieur Désérable? Monsieur Désérable?«
Zuerst hatte ich mir ein Visum besorgen müssen. Darum hatte ich mich im Voraus gekümmert, lange im Voraus, sechzig Tage vor der Abreise. Das genügt, sagte ich mir, du bist safe – aber das war ich nicht. Man bot mir einen Termin in sechs Monaten an. Eine Agentur mit guten Kontakten zur Botschaft war bereit, die Sache in drei Tagen zu klären. Ich müsse nur vierzig Euro auf ein Konto überweisen (Achtung, nicht den Iran im Verwendungszweck erwähnen, sonst werde die Überweisung abgelehnt), um kurzfristig einen Termin zu erhalten. Die halblegale Bestechung funktionierte: Drei Tage später stand ich in der Avenue d’Iena vor der Botschaft der Islamischen Republik.
Der Besuchereingang befand sich in der Nebenstraße. Zuerst betrat man eine Schleuse, gab das Handy ab und wählte je nach Anlass eine Nummer: Geburtsurkunde, Pass, Soziales oder Visum. Im Wartesaal saßen ungefähr zwanzig Personen, ich war der Einzige, der ein Visum beantragte. Eine Freundin hatte mir empfohlen, mich dumm zu stellen, falls man mir Fragen stellen sollte: »Demonstrationen? Was für Demonstrationen?« Ich neige dazu, die Leute, vor allem diejenigen, die Pässe stempeln, nicht unbedingt für Idioten zu halten. Wenn man mich nach meinem Beruf fragen sollte, würde ich »Schriftsteller« sagen. Also so nah am Journalisten wie ein Konditor am Bäcker. Journalisten erteilte die Islamische Republik keine Visa mehr. Sie bot ihnen Kost und Logis, aber hinter Gittern. Und wenn man mich fragen sollte, warum Iran und warum jetzt, würde ich die Wahrheit sagen, ich würde sagen, dass die Reise schon lange geplant war, und ich würde den Namen eines Zauberers der Landstraße aussprechen: Nicolas Bouvier.
Im Juni 1953 trifft sich Bouvier in Belgrad mit seinem Freund Thierry Vernet. Sie sind vierundzwanzig und sechsundzwanzig Jahre alt, sie sind in Genf aufgewachsen und haben sich zehn Jahre zuvor in der Schule kennengelernt; der eine schreibt, der andere malt; sie haben einen Fiat Topolino, zwei Jahre Zeit und Geld für vier Monate. »Unser Programm war vage, aber bei solchen Unternehmungen ist es das Wichtigste, dass man überhaupt einmal losfährt. [...] Wenn die Sehnsucht den ersten Angriffen der nüchternen Vernunft standhält, sucht man nach Gründen für sie. Und findet keine stichhaltigen. Tatsache ist, dass man nicht weiß, wie man diesen Drang nennen soll. Etwas in uns wächst und löst sich aus der Vertäuung, bis man eines schönen Tages, seiner selbst nicht sehr sicher, endgültig aufbricht.«1
Die beiden durchqueren den Balkan, Anatolien, den Iran, der damals schon nicht mehr Persien heißt, machen in Quetta in Pakistan halt und trennen sich anderthalb Jahre später in Kabul. Zehn Jahre nach ihrem Aufbruch veröffentlicht Bouvier einen mit Zeichnungen von Vernet illustrierten Bericht ihrer Reise: Die Erfahrung der Welt.
Als ich mit fünfundzwanzig Jahren Bouvier entdeckte, war das für mich eine Explosion, wie ich sie in meinem Leben als Leser selten erlebt habe. Bei Bouvier wird einem die wahre Größe der Welt und zugleich ihr Herzschlag bewusst. Es wird einem bewusst, dass sie riesig, grandios und schrecklich ist – und dass man nichts von ihr gesehen hat. Von da an kennt man kein schöneres, kein berauschenderes Wort mehr als Reise, treibt einen nur noch ein Gedanke: aufbrechen. Und bald ist es der Weg, der einen treibt, er zieht einen in seinen Bann und wirft einen drei Monate, sechs Monate, zehn Monate später zurück in das sesshafte Leben, an das man sich wieder gewöhnen muss. Die Jahre vergehen, die Jugend macht sich davon, der Rucksack verstaubt irgendwo. Eines Morgens bricht man wieder auf. Unterwegs formuliert man eine Lebensregel, von der man nicht mehr abweichen wird: Die Hälfte seiner Tage verbringt man damit, die Welt zu sehen, die andere, über sie zu schreiben.
Die Erfahrung der Welt war meine Bibel geworden. Das Reise-Evangelium nach Nicolas. An einem Frühlingsnachmittag traf ich im Genfer Vorort Cologny in einem weißen Haus mit grünen Fensterläden Manuel, Bouviers jüngsten Sohn. Er erzählte mir, dass sein Vater mit der linken Hand und mit schwarzem Filzstift geschrieben und dabei Debussy gehört habe; er zeigte mir seine Globen, seine Bibliothek, sein Exemplar von L’Usage du monde, »diese traurige und lustige alte Geschichte«, wie die handschriftliche Widmung seines Vaters lautete. Dann gingen wir zum Grab, dem Grab des heiligen Nicolas: keine Steinplatte, ein winziges Schild (Nicolas Bouvier, 1929–1998), vier Holzlatten, die ein mit Kies gefülltes Rechteck bilden, ein Miniatur-Fiat-Topolino aus Blech, den ein Unbekannter dorthin gestellt hatte, neben einem kleinen glatten Stein, auf dem geschrieben stand: »Und jetzt lehre uns die Erfahrung des Himmels, Nicolas.« Das war am 16. Mai 2019, und ich schwor mir, dass ich ein Jahr später auf seinen Spuren reisen würde. Ich würde in den Iran fahren.
Ein Jahr später herrschte der Lockdown, wir gingen nur noch mit Maske hinaus, eine Stunde am Tag und nur aus zwingenden Gründen. Alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte waren geschlossen, die Grenzen auch. Die des Irans öffneten sich erst im Herbst 2021 wieder. Da hatte ich gerade einen Roman veröffentlicht, das war nicht der richtige Zeitpunkt, um eine lange Reise anzutreten. Macht nichts, dann eben Ende 2022.
Ein Jahr vergeht, eine junge Iranerin aus Kurdistan besucht ihren Bruder, der in Teheran lebt. Ihr Kopftuch bedeckt ihre Haare nicht ausreichend, jedenfalls finden das zwei auf der Straße patrouillierende Schergen der Sittenpolizei, die sie in einen Kastenwagen zerren. Als Grund geben sie an, das Mädchen sei unangemessen gekleidet. Ihr Bruder und ihr Cousin protestieren, die Männer beruhigen sie: In einer Stunde ist sie wieder da, wir wollen sie nur an die geltenden Bekleidungsvorschriften erinnern. Etwas später liegt sie im Koma und wird ins Krankenhaus gebracht. Die Behörden behaupten, man habe sie nicht angerührt, sie sei von selbst zusammengebrochen wie eine welkende Rose, das kommt ja bei zweiundzwanzigjährigen Mädchen so häufig vor. Ein Gehirnscan zeigt einen Schädelbruch, einen Bluterguss, ein Ödem – alles lässt vermuten, dass ihr Kopf von wiederholten, harten Schlägen getroffen wurde. Die Aussagen ihrer Mitgefangenen sind eindeutig: In dem Kastenwagen haben die Männer sie beschimpft und auf der Wache so brutal verprügelt, dass sie das Bewusstsein verloren hat. Einige Tage später wird die Beisetzung der jungen Frau in Saqqez, im iranischen Kurdistan, zum Anlass für eine Demonstration, die von der Polizei aufgelöst wird. Doch der Name Mahsa Amini geht von Mund zu Mund, bald flüstert ihn das ganze Land, bald ruft man ihn aus voller Kehle auf den Straßen, den Plätzen, in den Universitäten von Teheran, Isfahan, Mahabad und Täbris. Und man erlebt Szenen, die man nie für möglich gehalten hätte. In Schiras steht eine junge Frau auf einem Autodach, den Hidschab in der Hand, und ruft: »Tod dem Diktator!«; in Kerman verbrennen Studentinnen ihre Kopftücher und tanzen um das Feuer; in einer Schule in Teheran strecken Schülerinnen mit bloßem Kopf dem Foto von Ajatollah Khamenei den Mittelfinger entgegen; überall im Iran sieht man Frauen mit wehendem Haar und mit einem Stein in der Hand, bereit, das Regime herauszufordern. Doch das Regime lässt den Zorn nicht unbestraft. Acht Wochen nach dem Beginn des Aufstands zählt man die Toten: dreihundertvierzehn, darunter siebenundvierzig Kinder. In Kaswin schneidet sich die Schwester von Javad Heydari über dem Grab ihres Bruders die Haare ab; in Kermanschah steht Roya Piraie aufrecht, mit hartem, unversöhnlichem Blick und rasiertem Kopf, ihr rotes Haar in der Hand, vor dem Grab ihrer Mutter. Und dann füllen sich die Gefängnisse. In kaum sechzig Tagen werden vierzehntausend Iranerinnen und Iraner in die Kerker der Islamischen Republik geworfen – und etwa vierzig Ausländer. Ein Spanier, der zu Fuß zur Fußballweltmeisterschaft in Katar wandert und unterwegs das Grab von Mahsa Amini besucht: im Gefängnis. Eine Italienerin, die auf Instagram erklärt, sie sei beeindruckt vom Mut des iranischen Volkes: im Gefängnis.
In meinem Flugzeug nach Teheran bekam ich es mit der Angst zu tun. Abgesehen von der Crew war ich der einzige Ausländer. Ich hatte keine Ahnung, was mich bei meiner Ankunft erwarten würde. Zwar hatte ich das Visum schließlich erhalten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass man mich bei der Einreise zurückwies, war ziemlich groß, und ich sah mich schon wieder im nächsten Flugzeug nach Paris. Ich versuchte, nicht daran zu denken. Obwohl ich sonst im Flugzeug kein Auge zumachen kann, wachte ich erst zwanzig Minuten vor der Landung auf. Links neben mir stellte ein Mann seine Uhr: In Teheran ist es zweieinhalb Stunden später. Rechts von mir band sich eine Frau ihr Kopftuch um: Wir hatten den iranischen Luftraum erreicht.
Auf dem Flughafen Imam-Khomeini war am Schalter Foreign passports niemand zu sehen. Wozu auch? Es kamen keine Ausländer mehr in den Iran. Dem Zöllner, einem mürrischen, apathischen Mann, hing eine Stoffmaske unter dem Kinn. Er blätterte kurz in meinem Pass und warf einen flüchtigen Blick auf mein Visum. Ebenso gleichgültig gegenüber den Mikroben wie dem Franzosen vor seiner Nase stempelte er ein loses Blatt. Willkommen in Teheran.
An der Rezeption des Hostels empfing mich eine junge Frau mit widerspenstigem Hidschab, der ihr Haar nur zur Hälfte bedeckte. Sie kopierte meinen Pass und gab mir einen Zimmerschlüssel. Ich brachte die Tasche hinauf und packte aus. Ich hatte Hunger.
Wer schläft, isst, stand im Mittelalter an den Herbergen, die sich das Recht vorbehielten, Reisenden das Nachtlager zu verwehren, wenn sie nicht dort essen wollten. Ich hätte sehr gern gegessen. Ich hatte Kohldampf, ich hätte den ganzen Iran verschlingen können und Kuweit zum Nachtisch, aber viel Glück, mein Junge, wenn du kurz vor Mitternacht noch ein offenes Lokal finden willst. Ich ging zur Küche: nichts, nicht mal ein Topf zum Auskratzen. In der Eingangshalle, die auch als Speisesaal diente, verputzte ein junger Mann, höchstens fünfundzwanzig, einen Teller Spaghetti Bolognese. Hatte er gesehen, dass ich nach seinem Teller schielte? Er hatte noch nicht einmal die Hälfte gegessen und bot mir den Rest an. Ich lehnte ab, er bestand darauf. Was mein ist, ist auch dein, sagte er. Er hieß Saeid.
Saeid teilte nicht nur sein Mahl mit mir, er war auch von unersättlicher Neugier: aus welchem Land ich käme, warum ich im Iran sei, welche Städte ich besuchen würde, wie lange ich dort bleiben wolle. Darin erkannte ich eine Herzens- und Geisteshaltung, wie man sie den Iranern nachsagt, die als aufmerksame Gastgeber immer alles über zu Besuch kommende Ausländer wissen wollen. Dann wurde das Gespräch politisch. Ob ich von Mahsa Amini gehört hätte? Und die Demonstrationen, wisse ich etwas über die Demonstrationen? Was hielten die Franzosen davon? Er sei auf der Straße gewesen und werde es wieder tun: Dieses Regime müsse fallen, um jeden Preis. Während Saeid mich kennenlernte, warf mir die junge Frau an der Rezeption, die mir den Zimmerschlüssel gegeben hatte, erst flüchtige, dann immer eindringlichere Blicke zu, bis es mir fast unangenehm wurde; ich fühlte mich beobachtet. Mein bisschen Lebenserfahrung, gepaart mit meinem Wissen über die Liebe und die Mechanismen der Verführung, ließ mir keine Zweifel: Ich gefiel ihr. Man musste nur ihre Körpersprache deuten, das Rot, das ihr in die Wangen stieg, die Blicke, die vertraulich sein sollten, ihre konfusen, nicht zu deutenden Gesten, die ungeschickten Versuche, meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – ein Stift, den sie absichtlich fallen ließ –, und ihre Art, jeden Vorwand zu nutzen, um zu unserem Tisch zu kommen, zuerst, um ihn abzuwischen, dann, um zu fragen, ob alles in Ordnung sei, ob wir noch etwas wollten, eine Flasche Wasser, eine Cola, irgendwas? Kein Zweifel: Sie hatte sich in mich verliebt, es hatte sie getroffen wie ein Blitz, anders konnte man es nicht sagen. Die Bestätigung erhielt ich, als sie einen kurzen Moment ausnutzte, in dem ich allein war, weil mein Gesprächspartner pinkeln musste, um zu mir zu stürzen und mir einen zusammengefalteten Zettel in die Hand zu drücken, auf dem sie mir gewiss mit zitternder Hand und einer Kühnheit, die sie selbst überraschte, einer Schamlosigkeit, die sie nicht von sich kannte, ihre Leidenschaft erklärte. Saeid kam zurück und sie ging sofort wieder zur Rezeption, an ihren Computer, wo sie mir jetzt den Rücken zukehrte, plötzlich ganz in ihren Bildschirm vertieft. Gleichgültigkeit spielen: noch so eine bewährte Verführungstechnik. Saeid nahm das Gespräch da auf, wo wir es unterbrochen hatten. Er wollte wissen, was ich von den Mullahs dächte, ob ich auch vorhätte zu demonstrieren, gegebenenfalls könne er mir Kontakte vermitteln und so weiter. Sein Telefon vibrierte. Er entschuldigte sich und las die Nachricht; ich entfaltete inzwischen das Briefchen und erfuhr endlich, was die junge Frau mir geschrieben hatte:
Beware! This guy: maybe government agent!
1Bouvier, S. 8.
Wir waren nicht viele Europäer in dem Hostel. Die EU-Staaten hatten ihren Bürgern so nachdrücklich davon abgeraten, in die Islamische Republik zu reisen, dass ich in sieben, acht Tagen in Teheran nur einen einzigen getroffen habe. Marek, zweiundzwanzig, Deutscher, strubbeliges blondes Haar, auseinanderstehende Zähne und verschreckte blaue Augen, in denen die Verblüffung darüber stand, dass er hier war und was ihm das Leben für Streiche spielte. Drei Monate zuvor hatte ihm seine Angetraute während der Hochzeitsreise in der Obstabteilung eines Supermarkts am Taksim-Platz in Istanbul mitgeteilt, sie liebe einen anderen – es tue ihr leid, sie werde nach München zurückkehren. Marek hatte die Wassermelone fallen lassen, die er in der Hand hielt. Er hatte Werther und die deutschen Romantiker gelesen: Er war entschlossen, sich in den Bosporus zu werfen. Zwei Tage lang verfolgte er die Idee, dann gab er sie auf. Er konnte keine Melone mehr sehen, ohne zu weinen, na und? Kein Grund, sich umzubringen. Seine frischgebackene Ehefrau hatte das Feingefühl besessen, ihm neben seiner Freiheit auch den Ehering zurückzugeben. Er verscherbelte ihn an einen Juwelier auf dem Basar und kaufte sich ein Fahrrad. In Tagesetappen von fünfzig Kilometern wollte er Asien bis zum Land der Tamilen an der Südspitze Indiens durchfahren. »Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum«, hatte sein Landsmann Keyserling geschrieben.1 Mit jedem Kilometer ließ Mareks Kummer nach: Wenn die Beine schmerzen, tut das Herz weniger weh.
Nicht viele Europäer, aber viele Iraner, ein paar Pakistaner und sieben Afghanen, die per Bus aus Kabul gekommen waren. Sie waren immer zusammen und hielten sich scheu, misstrauisch, furchtsam abseits. Der Ausdruck aneinanderkleben ist vielleicht etwas abgenutzt, aber nie schien er mir so passend. Jeden Morgen sah ich sie gemeinsam frühstücken, dann belagerten sie ebenfalls gemeinsam die Botschaft Mexikos. Dort nahm man es nicht so genau, irgendwann würden die Afghanen ihr Visum bekommen. Um die Form zu wahren, ließen die Mexikaner sie noch etwas zappeln, aber sie wussten ja, dass ihr Land nur eine Zwischenstation war. Danach war’s das Problem der Gringos.
Und dann gab es noch einen achten Afghanen, der sich von ihnen absonderte. Er sprach Englisch, das hatte er in Fayetteville, Arkansas, gelernt, wo er dank eines Stipendiums hatte studieren können. In Kabul aufwachsen, von New York träumen und sich dann im Bible Belt wiederfinden, das ist, als sehnte man sich nach Paris und strandete in der Auvergne, nur ohne Vulkane, dafür mit Rednecks. Zwei Jahre war er dort gewesen, aber er erinnerte sich nur noch an die Walmarts. Habib war gesprächig, liebenswürdig, muskulös. Dreißig Jahre, Arme wie meine Schenkel, Schenkel wie mein Rumpf. Bodybuilder war nicht sein Beruf, nur ein Hobby, das er jedoch sehr ernst nahm: Täglich drei Stunden Gewichte stemmen, jeden Abend Wachstumshormonspritzen und zum Frühstück zwölf – zwölf! – Eier, von denen er nur das Eiweiß aß (das Eigelb sei zu fett, ob ich vielleicht davon wolle?).
In Kabul war er Beamter gewesen und hatte eine gute Stellung, aber dann kamen die Taliban. Afghanistan? Er machte sich keine Illusionen: Das Land war im Eimer. Der Beweis? Für viele Afghanen war der Iran das Paradies. Das lässt tief blicken. Als Habib klar wurde, dass die Taliban bleiben würden, verzog er sich nach Teheran, wo er jetzt auf ein Visum für Australien wartete. Aus Aberglauben behauptete er jedoch vor den anderen, er wolle nach Berlin. Deutschland! Darüber freute sich ein indischer Ingenieur, der im selben Schlafsaal übernachtete. Er war seit kurzem in Rente, hatte weder Frau noch Kinder und keine Haare mehr – sie schienen in seinen Schnurrbart abgewandert zu sein –, ein bisschen gespartes Geld und nicht viel zu erwarten von einem Leben ohne Arbeit. Deshalb hatte Dhananjay beschlossen, das Weite zu suchen. Erst der Iran, später würden die Türkei, Bulgarien und schließlich Griechenland folgen, wo er seinen Lebensabend verbringen wollte. Er träumte von einer kleinen Insel mit einem Namen auf -os, einem weißen Haus mit blauem Dach und Blick aufs Meer, davon, morgens zu angeln, den Fang auf der Terrasse zu grillen und Erinnerungen vorbeiziehen zu lassen, die vor lauter Wiederholen allmählich verblassen und sich auflösen. Vor vierzig Jahren hatte er ein Semester lang am Goethe-Institut in Mumbai einen Deutschkurs besucht. Habib wolle nach Deutschland? Dann müsse er Deutsch lernen. Dhananjay setzte es sich in den Kopf, ihn zu unterrichten. Seine Augen leuchteten, der Afghane wollte nicht so gemein sein, die wohlwollende Begeisterung abzukühlen, und traute sich nicht, ihm sein eigentliches Ziel zu verraten. Also ließ er sich von dem alten Inder jeden Morgen eine Stunde lang die Rudimente des Deutschen beibringen, die dieser noch behalten hatte. Besser noch: Habib gab sich richtig Mühe, füllte sein Heft – ich bin, du bist, er ist usw. –, und Tag für Tag steigerten die Fortschritte des Schülers den Stolz des Lehrers. Die Kanne stand auf dem Samowar bereit, der Tee dampfte in den Gläsern; Habib und Dhananjay waren eifrig am Werk und ich hörte sie ein Kinderlied trällern: Grün, grün, grün sind alle meine Kleider …
Über dieses Reich mit den durchziehenden Untertanen herrschte Sheyda. Man musste sie nicht nach ihrer Meinung fragen, sie zeigte sie offen: langes, braunes, unverschleiertes Haar. Seit sie den Hidschab abgelegt hatte, beschimpfte ihr Onkel sie als dokhtare sabok,
