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Erfolgreiches Praxishandbuch zur wertschätzenden und empathischen Gesprächsführung für Gesundheits-, Erziehungs-, Pflege- und Sozialberufe, das die Themen Empathie und Beziehung in den Mittelpunkt stellt. Der erfahrene Autor führt in die Grundlagen wertschätzend und einfühlsam geführter Gespräche ein und stellt den empathischen Prozess mit seinen Elementen Beobachtung, Gefühle und Bedürfnisse vor. Praxisnah beschreibt er Anwendungsbeispiele, Grenzen, Risiken und Strategien der empathischen Kommunikation für alle Fachberufe in der Medizin, Pflege, Psychologie, Sozialen Arbeit und Pädagogik, die professionell Entwicklungs- und Fürsorgearbeit leisten. Die 2. Auflage wurde inhaltlich vollständig überarbeitet und erweitert, die Grafiken wurden angepasst und erneuert. Die Literatur und Links wurden aktualisiert. Zentrale Konzepte und Interventionen, wie Gefühle, Bedürfnisse, Beziehung, Empathie, sowie Macht und Machtmissbrauch wurden aktualisiert und bearbeitet. Die Themen Vertrauen in Beziehungen, sowie professionelle Nähe und professionelle Distanz wurde aufgenommen und Perspektiven der Bewältigung aufgezeigt. Aus dem Inhalt - Zur Handhabung dieses Buches - Die Bedeutung von Beziehungen - Empathie - Wertschätzende und empathische Gesprächsführung - Anwendung der wertschätzenden und einfühlsamen Gesprächsführung - Die Perspektive der Bewältigung - Fazit und Ausblick - Anhang
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Seitenzahl: 335
Veröffentlichungsjahr: 2025
Uwe Bernd Schirmer
Einfühlsam Gespräche führen
Wertschätzende und empathische Gesprächsführung in der Praxis der Gesundheits-, Erziehungs-, Pflege- und Sozialberufe
2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage
Einfühlsam Gespräche führen
Uwe Bernd Schirmer
Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:
André Fringer, Winterthur; Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Angelika Zegelin, Dortmund
Uwe Bernd Schirmer. Dr. biol. Hum., Dipl. Pflegepädagoge, langjährige Leitungserfahrung in den Bereichen Bildung, Coaching und Entwicklung von Mitarbeitenden der Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe. Aufgabenschwerpunkt in psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen. Forschungsschwerpunkte: Empathie, Gesprächsführung und Patientenedukation. Aktuell als freiberuflicher Trainer und Coach tätig.
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Lektorat Pflege
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Lektorat: Jürgen Georg, Johanna Brauer
Redaktionelle Bearbeitung: Martina Kasper
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: Westend 61, Getty Images
Umschlag: Verlag intern
Druckvorstufe: punktgenau GmbH, Bühl
Format: EPUB
2. vollst. überarb. u. erw. Auflage 2025
© 2025 Hogrefe Verlag, Bern
© 2018 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96331-0)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76331-6)
ISBN 978-3-456-86331-3
https://doi.org/10.1024/86331-000
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Dank
Geleitwort von Tilman Steinert
Geleitwort von Michael Schulz
Vorwort
1 Zur Handhabung dieses Buches
2 Die Bedeutung von Beziehungen
2.1 Beziehungen in Gesundheits-, Sozial- und Erziehungsberufen
2.1.1 Beziehungen als Beruf
2.1.2 Stellenwert der Beziehung in psychosozialen Berufen
2.1.3 Beziehungsgestaltung
2.1.4 Verständnis von Beziehung in der Einfühlsamen Gesprächsführung
2.1.5 Bestandteile einer qualitätsvollen Beziehung
2.1.6 Vertrauen
2.1.7 Beziehung als Herausforderung in Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufen
2.1.8 Beziehungsebenen in helfenden/therapeutischen Prozessen
2.1.9 Einfluss nehmen in Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufen
2.1.10 Zur Bedeutung der gemachten Erfahrungen für Beziehungen
2.2 Kommunikation, die Beziehung fördert
2.2.1 Sprache gestaltet Beziehungen: Trennende oder verbindende Kommunikation
2.2.2 Ziele von Kommunikation
2.2.3 Ziele in der Kommunikation mit Klienten
2.2.4 Nonverbale Kommunikation
3 Empathie
3.1 Zwei Formen der Empathie
3.2 Die Grenzen der Empathie
3.3 Risiken von Empathie
3.4 Empathiefähigkeit lernen und weiterentwickeln
3.4.1 Übung – Eigene Konfliktsituationen bearbeiten
3.5 Herausforderung Gehirn – Im Fluss des Lebens
4 Einfühlsame Gesprächsführung
4.1 Einführung
4.2 Grundlagen Einfühlsamer Gesprächsführung
4.2.1 Innere Haltung und Werte
4.2.2 Grundannahmen in der Einfühlsamen Gesprächsführung
4.2.3 Professionelle Nähe und professionelle Distanz
4.2.4 Arbeitsverständnis beim Anwenden der Einfühlsamen Gesprächsführung
4.2.5 Die Beziehung durch Einfühlsame Gesprächsführung stärken
4.3 Perspektiven der Gesprächsführung
4.3.1 Connection before Correction
4.3.2 Perspektive: Beziehungsorientierung
4.3.3 Perspektive: Bewältigungsorientierung
4.3.4 Überblick: Perspektiven der Einfühlsamen Gesprächsführung
4.4 Der empathische Prozess
4.4.1 Empathie verwirklichen
4.4.2 Empathie und Selbstempathie
4.4.3 Wechselseitige Einflüsse während des empathischen Prozesses
4.4.4 Empathische oder „nicht-empathische“ Reaktion
4.4.5 Empathie bei angenehmen Erfahrungen
4.4.6 Praxisbeispiel Medikamenteneinnahme
5 Anwendung der Einfühlsamen Gesprächsführung
5.1 Überblick: Die drei Komponenten
5.2 Die Komponente Beobachtung
5.2.1 Wahrnehmung
5.2.2 Die Beobachtung in der Einfühlsamen Gesprächsführung
5.2.3 Vorgehen: Komponente 1 – Eine Beobachtung formulieren
5.2.4 Praxisbeispiel zur 1. Komponente: Beobachtung
5.2.5 Übung – Beobachtung
5.3 Die Komponente Gefühle
5.3.1 Gefühle
5.3.2 Übung – Wortschatz für Gefühle
5.3.3 Entstehung und Funktionen von Gefühlen
5.3.4 Körperliche Reaktionen bei Gefühlen
5.3.5 Übung – Was sagt Ihnen Ihr Körper?
5.3.6 Formen von Gefühlen
5.3.7 Schuld und Scham als Gefühle
5.3.8 Gefühle verbalisieren – ein Wortschatz für Gefühle
5.3.9 Gefühlswörter
5.3.10 Die eigene Einstellung zu Gefühlen – Gefühl oder Kognition
5.3.11 Emotionsregulation und psychische Beschwerden
5.3.12 Gefühle in der Einfühlsamen Gesprächsführung
5.3.13 Gefühle: Wer kann wofür Verantwortung übernehmen?
5.3.14 Gefühle und Gedanken unterscheiden
5.3.15 Pseudogefühle: die Verantwortung für die eigenen Gefühle abwälzen
5.3.16 Vorgehen: Komponente 2 – Gefühle explorieren und verbalisieren
5.3.17 Praxisbeispiel zur 2. Komponente: Gefühle
5.3.18 Übung – Gefühle benennen/erfragen
5.4 Die Komponente Bedürfnisse
5.4.1 Bedürfnisse
5.4.2 Arten und Kategorien von Bedürfnissen
5.4.3 Bedürfnisse nuanciert verbalisieren – ein Wortschatz für Bedürfnisse
5.4.4 Erläuterungen zu ausgewählten Bedürfnissen
5.4.5 Die Bedeutung der Bedürfnisse in der Einfühlsamen Gesprächsführung
5.4.6 Vorgehen: Komponente 3 – Bedürfnisse explorieren und verbalisieren
5.4.7 Praxisbeispiel zur 3. Komponente: Bedürfnisse
5.4.8 Übung – Bedürfnisse
6 Die Perspektive der Bewältigung
6.1 Einführung
6.2 Vom Bedürfnis zur Strategie
6.2.1 Gleiche Bedürfnisse, aber unterschiedliche Strategien
6.2.2 Vom (Ver-) urteilen zum Verstehen
6.2.3 Abhängigkeit von anderen Menschen bei der eigenen Bedürfniserfüllung
6.2.4 Vielfalt von Erfüllungsmöglichkeiten eines Bedürfnisses
6.3 Strategien zur Bedürfnisbefriedigung
6.3.1 Regulation mit Beteiligung anderer Personen
6.3.2 Annahme/Akzeptanz
6.3.3 Interventionen – professionelle Unterstützung
7 Fazit und Ausblick
8 Anhang
8.1 Schlüsselunterscheidungen
8.2 Praxisbeispiele
8.2.1 Praxisbeispiel 1
8.2.2 Praxisbeispiel 2
8.3 Übungsblätter Einfühlsame Gesprächsführung
Literaturverzeichnis
Autor
Sachwortverzeichnis
Ich bin dankbar, dass ich bei Dr. Marshall Rosenberg lernen durfte, während er als Lehrer und Mediator um die Welt reiste und einen wertvollen Beitrag zu einem empathischeren Antlitz auf dieser Welt leistete. Sein Werk wird international durch das Center for Nonviolent Communication (CNVC) in Albuquerque/USA (www.cnvc.org) fortgeführt.
Mein Dank gilt auch meinen einfühlsamen, kompetenten, humorvollen und geduldigen Lehrerinnen der Gewaltfreien Kommunikation, insbesondere Ingrid Holler (D), Suna Yamaner (CH), Regula Langemann (CH) und Monika Oboth (D).
Ohne die Unterstützung bei inhaltlichen Diskussionen und beim Verfassen des Textes wäre ich nicht so weit gekommen. Hierfür mein ganz besonderer Dank an Anita Hofmann, Andrea Deitermann, Ilona Herter und Elke Prestin.
Vielen Dank auch an den Programmplaner des Hogrefe Verlags Jürgen Georg sowie die sorgfältige redaktionelle Bearbeitung durch Martina Kasper.
Es war ein jahrelanger und steiniger Weg, bis ich das Buch vollenden konnte. Ich lernte selbst besser und tiefer zu verstehen. Eines ist für mich beeindruckend deutlich geworden: die Bedeutung von Beziehungen für das Leben. Deshalb widme ich dieses Buch allen, die mit mir in Beziehung standen oder stehen. Allen die Freude an Beziehungen haben und manchmal darunter leiden.
Für meine Familie, den Freunden und den Fremden.
Wir leben in einer Zeit, in der die medizinische Versorgung in zunehmendem Maße Teil einer komplexen Gesundheitsindustrie geworden ist und medizinische Diagnostik und Behandlung immer mehr Geräten und Maschinen anvertraut wird – mit teils beeindruckenden, teils auch eher bescheidenen Ergebnissen. Entsprechende Erwartungen machen auch vor meinem Fachgebiet, Psychiatrie und Psychotherapie, nicht halt. Dennoch hat die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte überraschenderweise überwältigende Wirksamkeitsnachweise gerade für psychotherapeutische Interventionen erbracht, also sogenannte „weiche“ Verfahren. Demgegenüber mussten die vermeintlich „harten“ (mit chemischen Substanzen arbeitenden, gut messbaren, an Gehirnrezeptoren ansetzenden usw.) Behandlungen, wie insbesondere die mit Psychopharmaka, doch erheblich Federn lassen und zeigen sich in den meisten Situationen nicht wirksamer als der psychotherapeutische Zugang über das Gespräch. Erstaunlich, weil vor wenigen Jahrzehnten so noch nicht vorstellbar, ist auch, dass diese Wirksamkeitsnachweise für psychotherapeutische Verfahren für mehr oder weniger alle Krankheitsbilder vorliegen, also auch diejenigen, die man früher als rein „organisch“ oder „endogen“ verursacht ansah. Dementsprechend hat sich die ganze Auffassung des Fachgebiets erheblich gewandelt. „Soft skills“ sind nicht mehr nur ein wünschenswertes Beiwerk für Ärztinnen und Ärzte, Pflegende und andere Berufsgruppen, sondern sie gehören zur Kernkompetenz. Kernkompetenz bedeutet immer, dass man viel Gutes tun kann, aber leider auch viel Schaden anrichten kann, wenn man es nicht richtig tut. Das gilt auch für die Gesprächsführung. Gesprächsführung findet keineswegs nur in formell so deklarierten psychotherapeutischen Behandlungen statt, sondern in jeder Interaktion. Und dies betrifft nun keineswegs nur das Gebiet der Psychiatrie und Psychotherapie, sondern die ganze Medizin und, darüber hinausgehend, viele |12|andere Bereiche in Pflege, Versorgung und Pädagogik. Wer selbst schon einmal mit einer akuten, besorgniserregenden Krankheit konfrontiert war, womöglich im Krankenhaus, weiß nur zu gut, welches Gewicht plötzlich jede einzelne Bemerkung der Ärztin oder des Krankenpflegers hat, vielleicht nur dahingesagt, aber schwer belastend empfunden oder Hoffnung spendend, vielfach geteilt mit Angehörigen und, wie ich immer wieder feststelle, oft noch nach Jahrzehnten genau erinnert. In der Krankheit sind wir alle in ungewöhnlichem Maße verletzlich, angewiesen auf Fürsorge, Vertrauen und Empathie. Wer an derartigen Schlüsselpositionen arbeitet, braucht nicht eine vollständige Psychotherapieausbildung, sehr wohl aber Fähigkeiten der Selbstwahrnehmung, eine Befähigung zur Empathie und schließlich auch praktisches Wissen für die Gesprächsführung. Die beiden erstgenannten Eigenschaften kann man nicht aus Büchern lernen, sehr wohl aber das Handwerkszeug, um diese weiterzuentwickeln. Herrn Dr. Schirmer ist dafür zu danken, dass er mit diesem Buch eine wichtige Lücke zu den Themen Beziehung und Empathie in der Gesprächsführung füllt und die notwendigen Kenntnisse fundiert und handlungsorientiert aufbereitet für jedermann zur Verfügung stellt.
Prof. Dr. med. Tilman Steinert
Ärztlicher Direktor, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie I der Universität Ulm (Weissenau) des ZfP Südwürttemberg.
Viele Menschen, die in einen pflegerischen Beruf arbeiten, möchten eine helfende Beziehung anbieten und haben ein Interesse, an den einzigartigen Lebenserfahrungen anderer Menschen teilzuhaben. Hier stellt der Aufbau und Erhalt einer Beziehung eine besondere Herausforderung dar. Gleichzeitig haben die Komplexität des Arbeitsfeldes und die vielfach große Anzahl an zu versorgenden Patienten häufig zur Folge, dass sich Pflegende zurückziehen und andere pflegerische Schwerpunkte setzen. Hinzu kommt ein Mangel an Kompetenzen und Techniken, um Empathie in einer pflegerischen Beziehung zu realisieren. Erst wenn es gelingt, einer anderen Person einfühlsam zu begegnen, können wir zu Menschen, die wir im Rahmen von Pflegekontexten begleiten, tragfähige Beziehungen aufbauen.
Psychische aber auch alle anderen Erkrankungen können existenzielle Krisen und Erschütterungen des Selbstbildes mit sich bringen. Eine Pflegeperson, der ein empathischer Zugang zum Patienten nicht möglich ist, ist hier nur schwer als erfolgreich Handelnde vorstellbar. Empathie ist deshalb unverzichtbar und ein Kernelement pflegerischen Handelns. Gerade in stationären Settings macht es die implizite Machtposition in Pflegesituationen für Betroffene oft schwierig bis unmöglich, offen über Gefühle und Sorgen zu sprechen. An dieser Stelle ist es ein Leichtes, entsprechende zaghafte Signale seitens der Pflegeperson zu übersehen.
Aus der Forschung wissen wir, dass Pflegende nicht in jedem Fall in gleicher Weise zu einfühlsamem Handeln in der Lage sind. Die schwedische Pflegewissenschaftlerin Anna Björkdahl hat Pflegende von akutpsychiatrischen Stationen untersucht und im Wesentlichen zwei Typen herausgearbeitet: Für die eine Gruppe ist die Einhaltung von Regeln und die Kontrolle über die Station wichtig. Die Personen der anderen Gruppe reagieren eher flexibel und verständnisvoll auf den Patienten und streben individuelle Lösungen an. Diese Gruppe arbeitet deutlich |14|mehr mit Empathie. Kenntnisse über Empathie und deren Bedeutung für eine tragfähige Beziehung sollten demnach ein bedeutender und zentraler Gegenstand von Pflegebildung und Pflegeforschung sein.
Die Stärke des vorliegenden Buches liegt vor allem darin, dass das Thema der empathischen Gesprächsführung als zentrale Dimension von Pflege die Bedeutung und fachliche Fundierung erhält, die ihr zusteht. Damit leistet Uwe Schirmer, der das Thema der Kommunikation und Empathie seit vielen Jahren, sowohl als Lehrender, als auch als Wissenschaftler, unermüdlich bearbeitet und weiterentwickelt, der Pflege einen großen Dienst. Vor allem gibt es wichtige Hinweise, wie relativ abstrakte Themen fachlich fundiert verstehbar, lehrbar und anwendbar aufbereitet werden können. Die hier dargelegten Erkenntnisse bieten zudem eine gute Grundlage zu wichtigen weiteren Forschungs- und Entwicklungsfragen. Dabei sollte die konsequente Einbeziehung der Betroffenenperspektive besondere Priorität eingeräumt werden.
Ich wünsche dem Buch viele Leser. Den Lesern wünsche ich, dass sie sowohl aus Fachpersonen als auch aus Personen mit einer Betroffenenperspektive bestehen und die Inhalte dieses Werkes als Grundlage für weitere Entwicklungen hin zu einer humaneren Gesellschaft nutzen.
Prof. Dr. rer. medic. habil. Michael Schulz
Studiengangsleitung Psychiatrische Pflege, Fachhochschule der Diakonie Bielefeld.
Wer unterstützende Beziehungen kennt, weiß: keine Kooperation ohne Kommunikation und ohne Kooperation keine wirksamen Interventionen. Kommunikation ist alles, sie ist allgegenwärtig und Grundlage unseres sozialen Miteinanders. Mit Kommunikation lässt sich im Leben vieles erreichen, ohne Kommunikation zumeist nichts. Die wahre Bedeutung von Kommunikation liegt in ihrer Funktion des Herstellens einer Verbindung zu anderen Menschen. Von Geburt an gehört es zum menschlichen Leben, in Verbindung mit anderen Menschen zu treten. Unsere Entwicklung ist von Anfang an auf Bindung und damit Beziehung angelegt. Die universellen menschlichen Bedürfnisse nach Bindung und Verbundenheit sind ein wichtiger Grund für unsere, in der Evolution angelegte, Fähigkeit zur Empathie. Wir wenden uns den Menschen zu, die feinfühlig und achtsam mit uns umgehen, denen wir vertrauen können. Doch wie kann ich wissen, was DU fühlst und brauchst – Ich bin nicht DU. Damit wir andere besser verstehen und ihre Signale leichter entschlüsseln können, brauchen wir Empathie. Unsere eigene Fähigkeit zur Empathie stellt die wesentliche Voraussetzung zum Aufbau und Erhalt von qualitätsvollen Beziehungen dar, die auf Vertrauen und Annahme beruhen und so einen möglichen Weg für Entwicklung ebnen. Der Fokus zwischenmenschlichen Handelns, auch der des fürsorglichen Handelns im professionellen Kontext, sollte daher auf das ausgerichtet sein, was uns Verständnis und Annahme unseres Gegenübers ermöglicht, also auf das, was uns als Menschen verbindet, anstatt auf das, was uns trennt.
Menschliches Leben ist von der ersten Sekunde seiner Existenz an verletzlich und da ist es wenig verwunderlich, dass es in der Natur des Menschen die natürliche Veranlagung zu Mitgefühl und Fürsorge gibt.
Angehörige der Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe brauchen für professionelles Handeln eine klare Vorstellung davon, wie sie „empathisch“ sein kön|16|nen. Empathie ist kennzeichnend für die Qualität ihrer Arbeit. In Anbetracht der Bedeutung von Empathie brauchen sie, anstatt der in Fachbüchern üblichen Appelle „sei empathisch“, einen offenen und intensiven Diskurs mit welchen Vorgehensweisen Empathie entwickelbar, und das heißt lehr- und lernbar ist.
Der Fokus dieses Buches liegt daher auf der Empathie, ein Versuch, sie zu beschreiben und Möglichkeiten vorzustellen, die Empathie lehr- und lernbar machen können. Bei der Bedeutung von Empathie für eine zwischenmenschliche Beziehung brauchen Experten einen effektiven Weg, um die eigene Empathiefähigkeit weiterentwickeln zu können. Dazu gibt es eine Vielzahl von Fragen: Was sind die integralen Bestandteile von Empathie oder wie wird Empathie erlebbar? Welche Fähigkeiten und Werthaltungen sind erforderlich, um Empathie in der Begegnung mit Menschen zu realisieren?
Dieses Buch hat weder den Anspruch „den“ einzig möglichen Weg von Empathie, noch den „best way“ dafür vorzugeben. Es wird vielmehr eine „wertschätzende und empathische Gesprächsführung“ vorgestellt, deren Kern der kognitive empathische Prozess ist. Dieser empathische Prozess wird als ein „handlungsorientierter Prozess“ beschrieben, der zeigt, wie Empathie umgesetzt werden kann. Was hier nüchtern und technisch klingt, wird durch das eigene Sein bei der Begegnung mit Menschen so stark beeinflusst, dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung geboten ist. Daher werden auch die Themen Werte und Haltungen erörtert.
Neben der Bereitschaft und Fähigkeit zur Empathie braucht es eine Werthaltung, die eine verbindliche, offene und auf Annahme basierende Grundeinstellung als Fundament für die helfende Beziehung bietet. Nur so wird das wachsen können, was Halt, Orientierung und Entwicklungsmöglichkeiten in der Beziehung möglich macht.
Der hier vorgestellte empathische Prozess basiert auf der „Gewaltfreien Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg (2007), die in den vergangenen Jahren weltweit zunehmend an Bedeutung gewonnen hat. In diesem Buch wird eine Übertragung Rosenbergs Arbeit für die praktische Anwendung im Kontext professioneller Interventionen der psychosozialen Berufe vorgestellt.
Ein Hinweis zum Thema Gendern: Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird zumeist auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen bzw. auf eine gendergerechte Schreibweise, z. B. mit Gender-Stern, verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für alle Geschlechter.
Uwe Bernd Schirmer
Die Fähigkeit zur Empathie lässt sich nicht einfach durch Fallbeispiele oder aus Lehrbüchern erlernen, wie etwa beim Aneignen von Faktenwissen. Es braucht eine eigene Beteiligung, ein „Dabeisein“. Empathie lernen ist wie schwimmen oder tanzen lernen. Sie können es nur durch Ihre persönliche Teilnahme schaffen. Um Ihnen dies zu erleichtern, enthält dieses Buch „Beispiele“ mit Situationen, wie Sie sie vermutlich aus Ihrem eigenen Leben und Ihrem Arbeitsumfeld kennen. Außerdem finden Sie darin Übungen, die Ihnen die Reflektion Ihrer eigenen Erfahrungen mit den hier vorgestellten Methoden der „wertschätzenden und empathischen Gesprächsführung“ ermöglichen sollen.
Im Text wird zur besseren Lesbarkeit der Begriff der „Einfühlsamen Gesprächsführung“ verwendet. Er steht gleichermaßen für „wertschätzend und empathisch Gespräche führen“, wie auch für eine „empathische Kommunikation“.
Beispiele und Hinweise zur praktischen Umsetzung
Durch Beispiele sollen Ihnen einerseits theoretische Sachverhalte verdeutlicht werden, und andererseits die praktische Anwendung der einfühlsamen Kommunikation im Praxisfeld der Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe vorgestellt werden. Sie finden hier auch Hinweise zur praktischen Umsetzung.
→ Die Praxisbeispiele sind in diesem Buch durch eine rote Anfangs- und Schlusslinie gekennzeichnet.
Übungen
Um die beschriebene Vorgehensweise kennenzulernen und ein erstes Mal selbst erfahren zu können, empfehle ich Ihnen, die im Buch angebotenen Übungen durchzuführen. Da diese aufeinander aufbauen, ist es wichtig, dass Sie die Abfolge im Buch einhalten. Einige Aufgaben können Sie nur im Sinne der Einfühlsamen Gesprächsführung bewältigen, wenn Sie das Kapitel davor durchgearbeitet haben.
→ Die Übungen sind in diesem Buch rosa hinterlegt.
|18|Kurze Zusammenfassungen und Merksätze
Hier finden Sie stark verkürzte Informationen sowie Aussagen, die besonders wichtig in der Einfühlsamen Gesprächsführung sind.
→ Die Zusammenfassungen und Merksätze sind in diesem Buch grau hinterlegt.
Themen dieses Kapitels sind die Grundlagen und der Stellenwert von Beziehungen im Kontext von psychosozialen Berufen. Dargestellt wird zudem, wie die verbale und nonverbale Kommunikation eine Beziehung fördern kann.
Die Beziehungsgestaltung in psychosozialen Berufen geht mit Herausforderungen einher und setzt für eine qualitativ gute Beziehungsgestaltung ein Verständnis für eine einfühlsame Gesprächsführung voraus. Ein zentraler Aspekt ist der Vertrauensaufbau. Zudem befasst sich dieses Kapitel mit dem Thema Macht in Beziehungen.
Die Mitarbeitenden der Gesundheits- Sozial und Erziehungsberufe wenden sich Menschen zu und führen mit ihnen Gespräche, um sie zu behandeln, zu beraten, zu begleiten, zu pflegen, zu lehren oder zu betreuen. Dieses Buch richtet sich an alle Interessierten, insbesondere an Menschen, die in diesen Berufen professionelle Entwicklungs- und Fürsorgearbeit leisten, wie beispielsweise in der Medizin, Pflege, Psychologie, Sozialen Arbeit, Pädagogik und Erziehung, Arbeits- und Ergotherapie, Logopädie, Geburtshilfe, Physiotherapie, aber auch in der Seelsorge oder Bewährungshilfe. Für sie ist kennzeichnend, dass sie eine akademische oder berufliche Ausbildung erlangt haben. Für alle diese Berufsgruppen werden nachfolgend stellvertretend die Bezeichnungen als Therapeuten, Behandelnde oder Experten verwendet.
|20|Für die Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe (verkürzt: psychosoziale Berufe) ist kennzeichnend, dass Beziehung und menschliche Zuwendung besonders wichtig sind und sie täglich eine Vielzahl von Situationen mit Menschen erleben, bei denen Gespräche zu führen sind. Dabei ist die Kommunikation, verbal oder nonverbal, das wichtigste „Handwerkszeug“, um die Beziehungen zu den Menschen zu gestalten. Nicht immer ist die Kommunikation erfolgreich und kann sogar misslingen, wenn Menschen sich nicht verstehen oder den Inhalt von Botschaften falsch interpretieren. Kommunikation kann dabei verbinden oder trennen, kann unterstützen oder behindern. Gespräche können in vielfältiger Form ein Medium zur Hilfe, Unterstützung, Begleitung oder Beratung, aber auch zur Therapie und Genesung sein. Entsprechend hoch ist der Stellenwert sozialer Interaktionen für die professionell Tätigen in den psychosozialen Berufen. Die Gespräche werden von einer bestimmten Qualität der Beziehung zwischen den Interaktionsbeteiligten geprägt, die für den „Erfolg“ und die „Wirkung“ der professionellen Interventionen (Edukation, Beratung, Therapie) von entscheidender Bedeutung sind.
Die von Rogers, Ende der 1960er Jahre im Rahmen seiner klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie, beschriebenen Basisvariablen „Wertschätzung“ (Wärme und uneingeschränkte Akzeptanz), „Empathie“ und „Kongruenz“ (Echtheit), stellen drei Aspekte einer unverzichtbaren Begegnungshaltung für den Aufbau und Erhalt einer vertrauensvollen Beziehung dar. Das vorliegende Buch befasst sich intensiv mit diesen Basisvariablen – insbesondere mit der Empathie, einer Fähigkeit, die eine helfende Beziehung prägt und als wesentlicher Faktor für deren therapeutische Wirksamkeit gilt (Elliot et al., 2011).
In ihrem beruflichen Alltag begegnen den professionell Tätigen in Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufen vielfältige unangenehme Gefühle, wie Angst, Wut, Ärger, Reizbarkeit, Ungeduld, Misstrauen, Trauer, Mitleid oder Berührung, und zwar bei den Klienten, wie auch bei ihnen selbst. (Anm. d. Autors: Klienten, lat. Cliens, Schutzbefohlener; steht stellvertretend für die Vielzahl von Bezeichnungen von Menschen, die durch Angehörige der Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe begleitet werden, z. B.: Klienten, Patienten, Bewohner, Schüler oder Insasse). Diese Gefühle und die daraus resultierenden Verhaltensweisen nehmen Einfluss auf die Beziehung zu den Klienten und zu ihnen selbst, haben Auswirkungen auf die Qualität der Beziehung, die Zusammenarbeit und die Ergebnisse der Begleitung oder Behandlung (Akerjordet & Severinsson, 2004; Megens & van Meijel, 2006). Der tägliche Umgang mit leidenden Klienten und deren manchmal besorgten, ärgerlichen oder auch vorwurfsvollen Angehörigen kann sehr belastend für die Behandelnden sein.
|21|Dem Selbstverständnis der psychosozialen Berufe liegt nicht selten ein Denken zugrunde, das besagt, dass sie als Experten zuallererst „Defizite“ und „Störungen“ beim Klienten erkennen müssen, um diese dann durch spezifische (evidenzbasierte, manualisierte) Methoden zu beseitigen.
Kein Wunder also, wenn manche Klienten den Eindruck haben, dass die Experten sich auf ihr Verhalten konzentrierten, um Störungen und Symptome bei ihnen zu erkennen. Nicht selten berichten Psychiatrieerfahrene, dass sie eine hierarchisch geprägte Kommunikation erlebten, um sie zu einem bestimmten Verhalten aufzufordern oder das gezeigte Verhalten positiv bzw. negativ zu verstärken. Dies könne bis hin zur „Bestrafung“ von Krisen gehen, etwa wenn ein Klient über stärkere psychische Symptome klagt und das dann ein mehr an Medikamente, ein weniger an Ausgang oder gar der Verlust an Wertschätzung bedeutet. Demgegenüber wünschen sich Klienten und ihre Angehörigen ein wirkliches Zuhören, bei dem ein Verstehen wollen deutlich wird.
Durch Analysieren, Interpretieren, Deuten, Bewerten und Diagnostizieren kann man zu einer Einschätzung über den Klienten gelangen, die dazu legitimiert, Verantwortung an dessen Stelle zu übernehmen, direktiv zu agieren, manchmal so weit, bis die Grenzen zur Entmündigung fließend werden. Dabei kann die Verführung groß sein zu glauben, dass man in kurzer Zeit mehr über den Klienten weiß als dieser über sich selbst. Die Behandelnden als glorreicher Retter des hilflosen Klienten? Der Behandelnde, der allwissend oder gar allmächtig die Ursachen des Leidens „aufdeckt“ und dieses Wissen schon ein weitreichender Teil der Heilung darstellt? Doch „Wissen allein heilt nicht“ (Benecke, 2014).
Experten können die Probleme ihrer Klienten nicht lösen, bestenfalls können sie sie dabei unterstützen. Die Wirkfaktorenforschung der Psychotherapie in den vergangenen Jahren zeigt deutlich, dass die Klienten selbst als entscheidender Faktor für den Erfolg gelten und ihre Beteiligung, durch die Berücksichtigung und Förderung ihres Potenzials, ebenso unentbehrlich ist, wie die Fähigkeit des Therapeuten eine Beziehung zu den Klienten aufzubauen.
Eine wesentliche Herausforderung ist es daher, mit dem Klienten in Verbindung zu kommen, einzutauchen in seine Lebenswelt, seine Bedürfnisse und Möglichkeiten kennenzulernen, ihn mit einzubeziehen, hin zu einer autonomiefördernden und ressourcenorientierten Kooperation.
Die Fähigkeit zur Empathie schafft die Voraussetzung sich aufeinander einzustellen, in eine Verbindung miteinander zu kommen, die Verstehen, Annahme und Vertrauen ermöglicht.
„Die Welt, in der wir leben, entsteht aus der Qualität unserer Beziehungen.“ (Martin Buber)
Emotionale Beziehungen verschiedenster Art können sich entwicklungsfördernd und heilend auswirken. In den unterschiedlichsten Wissenschaftsbereichen wird zunehmend die Bedeutung von Beziehung (Bindung) und Kooperation für Veränderung und Entwicklung bei der Begleitung von Menschen betont. Entwicklungsgeschichtlich ist Bindung für unsere Gattung überlebensnotwendig und ein wesentlicher evolutionärer Überlebensvorteil. Der Mensch ist zuallererst ein Säugetier, das, „koste es, was es wolle“, zur Herde gehören will. Es ist daher wenig verwunderlich, dass die primäre Motivation des Menschen die Suche nach Akzeptanz und Bindung ist (Insel & Fernald, 2004) und als entscheidende Voraussetzung für die biologisch-menschliche Stimulierung des Mittelhirns, auch Motivationssystem genannt, gesehen wird (Bauer, 2010). Joachim Bauer (2006) folgert entsprechend: „Ohne Beziehung gibt es keine dauerhafte Motivation“ (S. 61). Die Evolution hat eben diejenigen bevorzugt, die in der Lage waren, starke soziale Beziehungen einzugehen.
Schon zu Beginn der humanistischen Psychologie hatte Carl Rogers (1973) auf die Bedeutung von Selbstannahme für die Entwicklung hingewiesen: „Wenn ich mich so wie ich bin akzeptiere, dann ändere ich mich“ (S. 33). Gleichzeitig unterstreicht Gordon (1974) die Bedeutung von Annahme durch Mitmenschen: „Wenn ein Mensch fühlt, dass ihn ein anderer wirklich annimmt, wie er ist, dann ist er frei geworden“ (S. 38), sich zu verändern und zu dem zu werden, zu dem er befähigt ist.
Erst die Erfahrung von Annahme schafft die Chance hin zu Entwicklung und Veränderung des Verhaltens. Ein nicht einfacher Umstand, gelegentlich ein Paradoxon, da es nicht selten darum geht, problemhaftes Verhalten zu verändern und gleichzeitig Annahme (Akzeptanz) zu realisieren. Marsha Linehan (1993) identifiziert „acceptance versus change“ als einen paradoxen Schlüsselkonflikt, weshalb Klienten durch professionell tätiges Personal betreut werden müssen.
„Du bist okay und musst dich ändern“.
Die Herausforderung in der Beziehungsgestaltung zu Klienten beinhaltet häufig eben dieses Dilemma von Annahme, um Veränderung zu fördern. In der Dialek|23|tisch-Behavioralen Therapie (DBT) Linehan’s wird die Annahme der Probleme und die Suche nach Lösungen als dialektische Aufgabe verstanden. Dialektisch bedeutet in Gegensätzen denkend. „Du bist okay, so wie du gerade bist, aber du musst dich ändern“. Die Annahme der Person ist an die Aufgabe gebunden, an einigen Persönlichkeitsmerkmalen zu arbeiten und sich zu ändern. So wird von den Betroffenen und den Behandelnden ein aktuelles Problem akzeptiert, ohne es zu bewerten oder zu beurteilen, dem Leitsatz „Don’t judge!“ folgend. Verhalten wird thematisiert, aber nicht bestraft.
Entsprechend besteht für die Beziehung zu Klienten die Forderung des Akzeptierens und Annehmens und das bedeutet das Verhalten und Erleben des Klienten nicht zu bewerten, sondern ihn als „okay“ zu definieren. Doch Vorsicht: Tatsächlich gäbe es ohne die Bewertung des Verhaltens und Erlebens des Klienten gar kein Problem, also auch keinen Bedarf zu Begleitung oder Veränderung. Sachse (2016) bringt dies in seinem Buch zu Beziehungsgestaltung auf den Punkt: „Denn gäbe es gar keine Aspekte des Denkens, Fühlens oder Handelns des Klienten, die veränderungsbedürftig wären, wäre der Klient per definitionem nicht Klient!“ (S. 52). So steht hinter dem Wunsch nach Entwicklung oder Veränderung eben immer auch eine vorausgegangene Bewertung, sowohl vom Behandelnden, aber häufig auch vom Klienten selbst. Damit Menschen Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen können, brauchen sie Einsicht in ihr Verhalten und gleichzeitig Annahme, um dieses verändern zu können. Das mögliche Dilemma von negativer Bewertung und der Forderung nach Annahme wird nur zu lösen sein, wenn der Helfende in der Lage ist, den Klienten zu verstehen (Fremdannahme) und gleichzeitig der Klient sich selbst versteht (Selbstannahme), das heißt, welche Motive (Bedürfnisse) ihn antreiben und welche Annahmen ihn blockieren.
Mitarbeiter der Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe erleben in ihrem beruflichen Alltag immer wieder Klienten mit herausfordernden Verhaltensweisen, wie etwa bei selbst- oder fremdschädigendem Verhalten. Dies ist eine große Schwierigkeit und führt wiederholt zu Situationen, in denen sie mit Machtausübung reagieren. Dafür kann es ganz unterschiedliche Gründe geben, wie etwa den Wunsch, die Situation zu kontrollieren, den Schutz des Patienten, Überforderung oder auch die Vorstellung, dass dies eine professionelle Vorgehensweise sei. Anstatt Macht auszuüben wäre es jetzt hilfreich, mit dem Klienten in Kontakt zu kommen. Anstelle eines korrigierenden Eingreifens, hin zu Kooperation und Beteiligung zu gelangen, um eine Verbindung zum Gegenüber herstellen zu können. Kommt es in einer solchen Situation zu keinem Kontakt mit dem Klienten, ist keine Verhaltensänderung zu erwarten und nicht selten eine Verstärkung der problematischen Strategien zu beobachten, die schließlich zu weiterem Hilfebedarf führen können.
|24|Wie kann eine nachhaltige persönliche Entwicklung gefördert werden, die die Bedeutung von Annahme für die Klienten berücksichtigt? Allein durch Strukturen in psychosozialen Einrichtungen, die auf das Aufstellen und Durchsetzen von Regeln (Verhaltenserwartungen) mit Hilfe von Konsequenzen (Belohnungen und Sanktionen) ausgerichtet sind, wohl kaum. Wird im Alltag verstärkt auf bestimmte Verhaltensweisen der Klienten geachtet, insbesondere solche, die als „problemhaft“ definiert wurden, birgt das die Gefahr, dass Begegnungen einen rigiden, ordnenden und dressurmäßigen Zuschnitt erfahren. Dies kann eine beziehungslose Haltung bei Helfenden und Klienten begünstigen.
Um Missverständnisse an dieser Stelle zu vermeiden: Über die Notwendigkeit von Strukturen und Regeln besteht weithin Einigkeit, über das „Wie“ darf laut nachgedacht werden. Insbesondere dann, wenn Beziehung als wesentlicher „Motivator“ für Entwicklung anzusehen ist und psychosoziale Berufe eben zu dieser Entwicklung beitragen wollen. Wenn nahezu alle Menschen von anderen akzeptiert werden möchten und sich davor fürchten, zurückgewiesen oder ausgegrenzt zu werden (Leary, 2001), ist es wichtig zu sehen, wie eng Menschen miteinander verbunden und wechselseitig voneinander abhängig sind (Hüther & Spannbauer, 2012). Aus neurobiologischer Sicht sind Menschen auf Resonanz und Kooperation ausgerichtet. „Kern aller menschlichen Motivation ist es, zwischenmenschliche Anerkennung, Wertschätzung, Zuwendung und Zuneigung zu finden und zu geben“ (Bauer, 2006, S. 21). Entwicklung ist nur in einer Atmosphäre des Miteinanders und nicht des Gegeneinanders möglich. Der Stellenwert einer qualitätsvollen Beziehung kann dabei gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Das Erleben von Annahme, Vertrauen und Verbindung sind zentrale Aspekte einer qualitätsvollen Beziehung, insbesondere dann, wenn Menschen bei Entwicklung und Veränderung unterstützt werden sollen.
Um Klienten professionell in schwierigen, konfliktbehafteten und manchmal auch kritischen Lebenssituationen begleiten zu können, braucht es eine verbindende zwischenmenschliche Interaktion. Diese Interaktion ist individuell zu gestalten und orientiert sich an der ganz eigenen Art eines Menschen, seinen Möglichkeiten sowie seinen Einschränkungen und führt im Verlauf zu einer Beziehung zwischen den Interaktionspartnern. Wie schwer es für Menschen sein kann, mit dem Gegenüber in eine Interaktion zu treten, verdeutlicht der Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano (2013) in seinem Roman „Im Cafè der verlorenen Jugend“, indem er seine Hauptfigur, die junge Louki, sagen lässt:
|25|„Es war also erlaubt, sich jemandem anzuvertrauen, von sich zu erzählen und ein Mensch, dir gegenüber, interessierte sich für dein Tun und Treiben. Ich war diese Situation so wenig gewohnt, dass ich keine Worte fand“ (S. 75).
Menschen, wie die junge Louki, machen lebenslang Erfahrungen in vielfältigsten Beziehungsformen, z. B. in einer Eltern-Kind-Beziehung, Lehrer-Schüler-Beziehung, Beziehung zu Freunden, Paarbeziehung oder Klient-Behandelnden-Beziehung. Die Notwendigkeit zur Gestaltung einer qualitätsvollen Beziehung zieht sich durch unser ganzes Leben.
Für die Wirksamkeit psychosozialer (helfender) Arbeit ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Interaktion von den professionell Tätigen so gestaltet werden kann, dass eine qualitätsvolle Beziehung aufgebaut, ausdifferenziert und erhalten wird. Wir selbst werden zur herausragenden Intervention. Klienten mit schwierigen Beziehungserfahrungen sollen die Erfahrung machen können, dass Beziehung möglich ist. Durch das Etablieren psychischer Nähe kann für den Klienten eine emotionale Beziehung zu einer zunehmend vertrauten Bindungsperson wachsen, die Schutz und Unterstützung bietet (Zimmermann, 2007). Nähe, verstanden als eine emotionale Verbundenheit, wird so zur Herausforderung und gleichzeitig zu einer Forderung an ihn.
Dabei kann es sein, dass sie Menschen in ihrem Praxisalltag begegnen, die Beziehung in ihrem Leben nicht als stabil und verlässlich erfahren durften. Dieser Mangel an positiven Beziehungserfahrungen erschwert es, an „gute Erfahrungen“ anzuknüpfen. Daher sollten mit dem Beziehungsaufbau die Vorerfahrungen rekonstruiert und geklärt werden.
Kann ein Klient die Beziehung als eine Quelle von Annahme und Vertrauen schätzen, eröffnet ihm dies neue Möglichkeiten. Etwa bei der Bewältigung von intensiven Gefühlen, wie beispielsweise bei Angst, Erschöpfung oder Trauer. Eine Beziehung erfüllt so auch eine psychologische Funktion zur Regulation unangenehmer Gefühle.
Obwohl bei den Gesprächen helfender Professionen teils unterschiedliche Probleme mit unterschiedlichen Herangehensweisen bearbeitet werden, stehen allen grundsätzlich die gleichen Mittel zur Verfügung: Interaktion und Beziehung als Grundlage, sozusagen als Vehikel für ihr professionelles Handeln. Die Ergebnisse der Psychotherapieforschung zu Beziehung sind deshalb für alle Professionen der Gesundheits- und Sozialberufe von Nutzen. Empathie in beruflichen Beziehungen kann als Querschnittaufgabe und gemeinsames Wesensmerkmal aller Gesundheits-, Erziehungs- und Sozialberufe gesehen werden.
|26|Empathie ist keine spezifisch therapeutische Technik, sondern ein bedeutsamer Faktor in der Interaktion zur Gestaltung einer qualitätsvollen Beziehung, der sich wie ein roter Faden durch die Arbeitsfelder aller psychosozialen Professionen zieht.
Umfangreiche Forschung und Publikationen zur Beziehung zwischen Klient und Behandelnden gibt es v. a. in der Psychotherapie, dabei zählt die Bedeutung des Beziehungsfaktors zu den am besten gesicherten Ergebnissen.
Der aktuelle Stand der Psychotherapieforschung zu ihrer Wirksamkeit legt nahe, die Faktoren hierfür in zwei Gruppen zu unterscheiden: einerseits allgemeine Wirkfaktoren und andererseits spezifische Wirkfaktoren (verfahrensspezifische therapeutische Techniken und Methoden). Dabei kommt den allgemeinen Wirkfaktoren ein bedeutsamer Anteil für den Erfolg zu, zumal sich die spezifischen Wirkfaktoren nur über die Realisierung der allgemeinen Wirkfaktoren mobilisieren lassen. Verschiedene Autoren haben eine Reihe von allgemeinen Wirkfaktoren (engl. common factors) vorgestellt. Als besonders bedeutsame allgemeine Wirkfaktoren werden beschrieben:
die Fähigkeit der Behandelnden, eine vertrauensvolle, tragfähige, bedeutungsvolle Beziehung herzustellen und aufrecht zu erhalten,
die Person des Behandelnden, besonders seine empathischen Fähigkeiten sowie
die Klientenvariablen (etwa die aktive Beteiligung der Klienten auch in Bezug auf die Steuerung des therapeutischen Prozesses und die Ressourcenaktivierung).
Neben den Personencharakteristika von Gesprächspartnern gehen auch Kontextfaktoren in das vielschichtige Geschehen mit ein. Dazu gehören sowohl der Kontext, in dem die Begleitung/Behandlung stattfindet (z. B. die Art des therapeutischen Verfahrens oder des Beratungsmodells), als auch ein umfassenderer Kontext, in dem sich die Beziehung entwickelt (z. B. kulturelle Aspekte, Schichtzugehörigkeit, Geschlecht) und das Rollenverständnis auf beiden Seiten (Cahill et al., 2008).
In der Psychotherapieforschung wird ein unterschiedliches Grundverständnis von Psychotherapie deutlich, das auf die Gesprächsführung erhebliche Auswirkungen haben muss. So wird zwischen einem medizinischen und einem kontextuellen/psychosozialen Modell unterschieden (Wampold, 2001; Lutz, 2010).
Beim medizinischen Modell (Trabert & Waller, 2022) wird davon ausgegangen, dass die Klienten eine bestimmte „Störung“ beziehungsweise „Krankheit“ haben, |27|für die es ein psychologisches Erklärungsmodell gibt. Daraus werden dann verschiedene notwendige Veränderungen für den Klienten abgeleitet, aus welchen sich die zur „Behandlung“ notwendigen störungsspezifischen therapeutischen „Interventionen“ (etwa manualisierte Therapien) ergeben, die von Experten durchgeführt werden. Entsprechend liegt hier der Blickwinkel in der Praxis auch auf den spezifischen therapeutischen Techniken.
Im kontextuellen/psychosozialen Modell liegt der Fokus nicht auf einer zu behandelnden Störung, sondern auf dem Versuch, mit dem Klienten sein situatives Erleben zu klären, um ein gemeinsames Verständnis entwickeln zu können. Es geht dabei um die Fragen nach allgemeinen, diagnose- und schulenübergreifenden Wirkfaktoren, wie sie bei den „common factors“ beschrieben sind (Frank & Frank, 1993; Wampold, 2010). Der Beziehungsaspekt wird hier als zentraler therapeutischer Wirkmechanismus angesehen, bei dem die Beziehung bereits Therapie ist.
Wenngleich die Modelle zu den Wirkfaktoren variieren und in der Literatur kontrovers diskutiert werden, zeigt die viel zitierte Schätzung von Lambert (1992; Asay & Lambert, 2001; Lambert & Barley, 2002; Hubble et al., 2001) auf Basis zahlreicher Studien und Metaanalysen, wie hoch der Anteil der einzelnen Faktoren für den Erfolg von Therapie einzuschätzen ist:
40 % Klientenfaktoren beziehungsweise extratherapeutische Ereignisse (schließen z. B. Faktoren mit ein, die in der Lebensgeschichte des Klienten begründet liegen)
30 % Beziehungsfaktoren (Beziehung zwischen Fachperson und Klient)
15 % Hoffnungsfaktoren (Erwartungseffekte, Selbstwirksamkeit, Kontrollerleben) und
15 % Technikfaktoren (spezifische Therapieverfahren/konkrete Interventionen).
Die 40 % Klientenfaktoren erinnern uns auch daran, dass es zwar viele Dinge gibt, die man allein voranbringen kann, aber um ein konstruktives Gespräch führen zu können braucht man mindestens zwei Personen. „It takes two to Tango“. Dies wird immer wieder zur Herausforderung, denn Menschen in Schwierigkeiten entscheiden sich eben nicht immer für den besten Weg, sondern folgen auch ihren Gewohnheiten und Bequemlichkeiten.
Wendet man sich den Klientenfaktoren zu und fragt Klienten danach, was ihnen bei schweren Verläufen geholfen hat, eine Krise zu überwinden, dann rangieren an den vorderen Plätzen weder Medikamente noch konkrete Therapien, sondern Momente von Verbindung, Verständnis, Akzeptanz sowie eine mitfühlende wenngleich professionelle Haltung der Behandelnden, falls sie authentisch erlebt |28|wurde. Eine Übersicht zur Klientenperspektive findet sich bei Bohart und Tallman (2010). Es wird deutlich, dass die Wirkung professionellen Handelns eher auf den allgemeinen Faktoren beruht und dabei die Beziehung den wichtigsten Faktor darstellt.
Es gibt keine Techniken, um Menschen zu verändern, wenn sie es gar nicht wollen.
Die Resultate professioneller Interventionen, wie etwa bei Beratung, Edukation, Pflege oder Therapie, hängen in entscheidender Weise von den Klienten und damit von der Kooperation zwischen Klient und Behandelnden ab. Sie sind das Ergebnis komplexer, sich gegenseitig beeinflussender interpersonaler Prozesse, die nicht durch bloßes Diagnostizieren oder Anwenden einer Technik bzw. eines Verfahrens zur Verhaltensänderung umgesetzt werden können. Ihre Wirkung entfaltet sich in der Interaktion, also in der Begegnung zwischen den beiden. Eine qualitätsvolle Beziehungsgestaltung hat großen Einfluss darauf, wie Klienten ihre Probleme bearbeiten und ist deshalb wesentlich für den Erfolg professionellen Handelns.
Beziehung wird jedoch nicht nur als ein Vehikel oder Mittel angesehen, um den Erfolg von Interventionen zu sichern, sondern Beziehung hat einen eigenen innewohnenden Wert, der selbst hilfreich ist. Psychosoziale Arbeit ist deshalb immer auch beziehungsbasierte Arbeit.
Beziehungen sind für Menschen von existenzieller Bedeutung. Sie beruhen auf dem Prinzip einer wechselseitigen sozialen Handlung, die durch aufeinander bezogene Verhaltensweisen von zwei oder mehr Personen gekennzeichnet sind. Eine soziale Beziehung beinhaltet demnach etwas Interdependentes, also Wechselseitiges und Abhängiges voneinander. Beziehung kann durch eine Reihe von verschiedenen Aspekten gekennzeichnet werden (Sachse, 2016; Sauter et al., 2023; Schröck, 2003):
Beziehungen sind psychologisch betrachtet ein theoretisches Konstrukt: nicht direkt beobachtbar, sondern aus dem Verhalten der Akteure erschließbar. Es stellt sich die Frage: Gibt es ein Verhalten der Interaktionspartner (IP) zueinander und wenn ja, welcher Art ist es? Häufig dient hierzu die Wahrnehmung der non- und paraverbalen Kommunikation der IP.
|29|Beziehungen sind ständigen Veränderungen unterworfen, bei jeder Begegnung muss der Stand der Beziehung rekonstruiert werden.
Beziehungen bedeuten ganze Serien (Anzahl) von Interaktionen mit einer bestimmten Dauer.
„Beziehung“ heißt, bestimmte Erwartungen aneinander zu haben und umfasst die Hoffnung und Erwartung, sich gegenseitig bestimmte Bedürfnisse zu erfüllen, was auch für die Stabilität der Beziehung bedeutungsvoll ist. Beide IP nehmen die Beziehung wahr (Reziprozität).
„Beziehung“ bedeutet, dass die Interaktionspartner (IP) füreinander eine bestimmte Art von Bedeutung oder Wichtigkeit erhalten. „In einer Beziehung sind sich die IP gegenseitig wichtig“ (Sachse, 2016, S. 12).
Die therapeutische Beziehung stellt eine Form der funktionalen Beziehung dar, die von der Wechselwirkung von Klient und Therapeut gekennzeichnet ist. Sie unterscheidet sich von einer persönlichen Beziehung, auch wenn es Überschneidungen zwischen persönlicher und therapeutischer Beziehung gibt. Im Folgenden wird eine Arbeitsdefinition vorgestellt, die eine Orientierung bei der Beziehungsgestaltung erleichtern soll:
Die professionelle therapeutische Beziehung ist eine Beziehung zwischen Behandelnden und einem Klienten. Die Beziehung ist aufgabenorientiert, das heißt, sie dient einem spezifischen Zweck, wird von den Behandelnden aktiv gestaltet und endet, wenn der Zweck erfüllt ist oder wenn deutlich wird, dass er nicht erreicht werden kann.
Beide Beziehungsformen kennzeichnet die Wahrnehmung von Unterstützung und Nähe. Gerade in schwierigen oder gar krisenhaften Lebenssituationen sind Beziehungen für Menschen besonders wichtig. So beurteilen viele Klienten mit psychischen Erkrankungen soziale Beziehungen als den wichtigsten Faktor für ihre Lebensqualität (Angermeyer et al., 2001). Dabei ermöglicht eine qualitätsvolle Beziehung ein Gefühl der Nähe und bietet einen „sicheren Hafen“, gerade dann, wenn es stürmt und die Wellen bedrohlich wirken. Beziehung unterstützt die Entstehung eines inneren Modells von Sicherheit für den Klienten (Siegel, 2010). Der Drang nach Verbundenheit mit anderen Menschen entsteht aus dem menschlichen Bedürfnis nach Zugehörigkeit (Hojat, 2016). Beziehung stellt sozusagen einen heiligen Ort dar, an dem Menschen sich beschützt und geschützt erleben dürfen.
|30|Die persönliche Beziehung unterscheidet sich von einer therapeutischen Beziehung dadurch, dass die Beziehung durch keine Rolle(n) bestimmt ist. Während eine persönliche Beziehung nicht auf ein Endprodukt oder ein Ergebnis abzielt, ist dies in einer therapeutischen Beziehung anders. Auch wenn diese Beziehung zu teilweise (tiefen) persönlichen Begegnungen führt, stellt sie keine private Beziehung dar.
In der Begegnung von Klient und Behandelnden entwickelt sich eine Beziehung, die wesentlich durch die Klienten- beziehungsweise Behandelndenrolle bestimmt wird. Diese Beziehung hat keinen Selbstzweck, sondern dient zumeist der Schaffung eines Arbeitsbündnisses und ist letztlich auf das Erreichen von Zielen sowie die Erfüllung von Aufgaben ausgerichtet.
Eine therapeutische Beziehung, verglichen mit anderen Beziehungen, ist funktional, regelgeleitet, zeitlich eng begrenzt und eingeschränkt (Sachse, 2016). Daraus ergeben sich eine Reihe von Prinzipien für eine professionelle Beziehung, wie sie typisch im Praxisalltag der psychosozialen Berufe sind:
es gibt Ziele und einen Arbeitsauftrag, häufig verbunden mit einem doppelten Mandat für die Mitarbeitenden:
gegenüber dem Klienten und
gegenüber dem Arbeitgeber und der Gesellschaft
es besteht Asymmetrie auf der Basis einer hierarchischen Beziehung, bis hin zur Kontroll- und Bewertungsfunktion
bestimmte Rollen- und Verantwortungsverteilung
ein festgelegtes Setting und Struktur
eingeschränkte Wahlmöglichkeiten
feste Regeln gegenüber Selbstbestimmung.
Die Aufzählung dieser Prinzipien macht deutlich, wie gefährdet Gleichwertigkeit und Selbstbestimmung in solchen Beziehungen sind.
Neben diesen „äußeren Prinzipien“ (gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Berufsverständnis mit Rechten, Pflichten und Rollenerwartungen) begleitet die professionell Tätigen auch ihr „inneres“ persönliches Verständnis zur Beziehungsgestaltung.
Beide Gesprächspartner haben in ihrem Leben von Beginn an Bindungserfahrungen
