Einmal Europa zum Mitnehmen, bitte - Marius Kriege - E-Book

Einmal Europa zum Mitnehmen, bitte E-Book

Marius Kriege

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Beschreibung

Europa befindet sich im Wandel. Die 17 Reisegeschichten aus diesem Buch berichten von den Städten, den Landschaften und den Menschen des Kontinents. Mal humorvoll, mal melancholisch - immer nah dran. Nach dem Lesen dieser Geschichten möchte man am liebsten selbst aufbrechen, um Europa zu bereisen.

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Seitenzahl: 334

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt______________________________

und gott schuf paris

insel aus feuer, eis und wasser

glücklich im regen

streunend durchs licht

silvester in amsterdam

dickes b

stivali colorati

november in stockholm

irgendwo am arsch der heide

gesegnete kykladen

in ein anderes land

im tempel der biere

prager fenstersturz

im wohnzimmer des alten mannes

geburtstag am bosporus

asphalt im hohen norden

heimat ist ein gefühl

Vorwort

Dieses Buch soll ausdrücklich - und das betone ich gleich zu Beginn - Unterhaltung sein. Zerstreuung bieten, Fernweh wecken, hoffentlich Lust auf eigene Reisen machen. Und damit komme ich bereits im Ausgangspunkt in eine Bredouille, da es momentan so viele drängende Fragen für und in Europa gibt, dass ich sie an dieser Stelle nicht einfach ignorieren kann.

Fragen der Dringlichkeit, die in den Geschichten dieses Buches nicht vorkommen. Umso wichtiger, zu fragen: Was für ein Europa haben wir noch, in Zeiten des Brexits, in Zeiten der Flüchtlingsproblematik und tausender Menschen, die auf dem Mittelmeer vor den Zäunen Europas verloren im Meer treiben und nur darauf warten, es betreten zu können? In Zeiten einer Farce um die Rolle der Türkei unter Erdogan, in Zeiten eines US-amerikanischen Präsidenten, der die Abschottung seines Landes von der Welt und von Europa als oberste Diktion sieht? In Zeiten, da eine populistische und offen rechtsgerichtete Partei mit mehr als zehn Prozent der Stimmen in den deutschen Bundestag einzieht?

Doch die Dringlichkeit, von der ich spreche, geht noch weit darüber hinaus. Welchen Umgang mit Natur und den natürlichen Ressourcen verträgt Europa? Welche Nahrungsmittel sind noch sicher, noch unbelastet? Auf welchen Wegen gelangen und unter welchen Lebensbedingungen leben Arbeitskräfte aus Osteuropa bei uns im Westen, Menschen, die jene Jobs machen, die hier niemand mehr machen will - und wenn doch, dann bestimmt nicht zu den gleichen, niedrigen Löhnen?

Gleichzeitig geht es auch darum, dass ich etwas loswerden will, von etwas erzählen. Es gibt immer weniger Konstanten dort draußen. Immer weniger Leute, die Typen sind, die sich bemühen, etwas Gehaltvolles und ernst Gemeintes zu erschaffen. Kreativ zu sein, um der Kreativität willen. Stattdessen leben wir in einer Zeit, in der angesagte Instagram-Paare dafür bezahlt werden, drei Wochen nach Bali zu fliegen und dort Fotos von sich vor dieser Kulisse zu machen. Dies zahlen ihnen dann Geldgeber aus den Medien oder aus der Kosmetik oder Fitness-Industrie und während diese Maschine schneller und schneller läuft und immer mehr junge Leute auf diese Art und Weise in wenigen Wochen mehr verdienen als ein angelernter Handwerker im ganzen Jahr, wundern sich ernsthaft einige Menschen darüber, weswegen dann so viele Menschen, die nicht das Glück haben, mit NICHTS Geld zu verdienen, unzufrieden werden und ein Ventil für ihre Unzufriedenheit suchen. Nichts kommt einfach so aus nichts – alles hat eine Ursache. So auch dies.

All diese Fragen lassen sich nicht einfach von der Hand weisen. Aber gerade, weil sich dieses Europa in einem enormen Umbruchprozess befindet, lohnt es sich, unseren Kontinent aufmerksam und offen zu betrachten und zu bereisen. In die Städte, die Küstenregionen, die Berge aufzubrechen und sich selbst ein Bild zu machen und auf diesem Weg die Menschen zu verstehen, die dort leben. Denn nur, wenn man sich selbst hinauswagt und das >>da draußen<< selbst erlebt, kann man Europa verstehen. Die siebzehn Geschichten aus diesem Buch haben sich in vielen Jahren angesammelt, in ganz unterschiedlichen, nicht direkt zusammenhängenden Reisen und Kurzurlauben.

Nichts wird hier von mir mit erhobenem Zeigefinger dargelegt, nirgends taucht eine großartige >>Metaebene<< auf, kein Ratgeber für den nächsten Urlaub oder irgendwelche >>Top 10<< werden vorkommen. Es geht darum. Geschichten zu erzählen und da es Geschichten sind, weichen sie ab und an leicht von der erlebten Realität ab. Diese Freiheit soll von vornherein klargestellt sein, ebenso wie die Tatsache, dass ich viele Namen in diesen Geschichten geändert habe, damit sich niemand auf den Schlips oder das Kleid getreten fühlen muss. Und letztlich geht es auch darum, Lust auf Europa zu machen und darauf, selbst den Koffer oder den Rucksack zu packen und aufzubrechen, um selbst eigene Geschichten zu erleben.

Daher ist es Zeit für: Einmal Europa zum Mitnehmen, bitte.

Deutsche Nordseeküste, Oktober 2017

UND GOTT SCHUF PARIS

>>Andere Städte sind Städte.

Paris ist eine Welt.<<

Karl V.

Die Nacht war heiß und schwül und dementsprechend früh vorbei. Wir fuhren im ersten Sonnenlicht über die Autobahn durch Luxemburg und meine Freundin schlief auf dem Beifahrersitz. Ruhige, tiefe Atemzüge. Ich kämpfte gegen das Kopfweh, das sich bei grellem Morgenlicht immer einstellt, wenn ich zu wenig Schlaf gefunden habe. So also beginnt es, dachte ich.

Wenige Wochen zuvor war Deutschland Fußballweltmeister geworden, hatte ich zum x-ten Mal geschworen, mit dem Rauchen aufzuhören und mir fest vorgenommen, es erneut mit dem Schreiben zu versuchen. Was man sich halt so vornimmt, wenn die Sommerhitze selbst in unseren Breitengeraden die Gedanken und Wünsche zu einer geleeartigen Masse verklebt. Tja, aber schreib mal, wenn dir ein Thema fehlt! Denkste, das war nicht das Problem. Ich hatte genau sechsundzwanzig Ideen: Kurzgeschichten, Romanzen, Kriminalfälle, härteste Pornographie, Nachbarschafts-Seifenopern, politische Gemengelage, weit entfernte Bilder aus der Kindheit. Nach zwei Sätzen war ich zufrieden, legte Stift und Papier beiseite und nahm mir vor, diesen ersten Sätzen – die ja SO wichtig sind – bald die restlichen zweihundert Seiten folgen zu lassen. Bald, wahrscheinlich schon am nächsten Tag. Und nahm das Blatt Papier nie wieder in die Hand, außer in dem Augenblick, als es zu einem hübschen Ball zerknüllt im Papierkorb landete. Doch kein Grund, sich zu grämen. Spontan hatte ich meiner Freundin vorgeschlagen, für einige Tage nach Paris zu fahren und sie hatte sofort zugestimmt. Zum Schreiben würde sich in der französischen Hauptstadt sicher etwas finden.

Dachte ich an Paris, dachte ich sofort an einige Besuche meiner frühen Kindheit und die Lichterfahrten. Ein Bekannter meiner Familie war Franzose mit italienischem Blut – eine leidenschaftliche Kombination. Zwei, vielleicht dreimal machten wir Urlaub bei ihm und abends fuhren wir mit dem Auto durch das nächtlich erleuchtete Paris. Die Silhouetten von gelblich-weißem Licht auf Stein, auf Eisen, auf Glas und Metall; dies waren die Bilder, die ich oder besser meine Erinnerung Paris zuschrieb. Ich hatte noch keinen Schimmer, welche Bilder sich zu diesem alten Lagerschrank meines Gedächtnisses hinzugesellen würden.

Mit der Sonne kam erneut die Schwüle. Kurz hinter der französischen Grenze klebte mein Rücken am Autositz fest und bis wir die Périphérique befuhren, klebten auch meine Beine und als wir schließlich im Zick-Zack-Kurs Montparnasse auf der Suche nach unserem kleinen Hotel durchsuchten, zerfloss ich zu einem See. All diese Automassen! Ein Crashkurs in Sachen Klischee-Relativierung: Wer mit dem Wagen hier ankommt, dem vergehen die Bilder von großer Architektur und romantischem Flair. Stadt der Liebe, Moulin Rouge, Mona Lisa, die Ufer der Seine, Cafés und Weinstuben, Patisserien, Ludwig XIV. – alle Bilder und Namen werden von den Dünsten der Ringautobahn und den düsteren Häuserschluchten der Banlieue pulverisiert. Achtspurige Straßen, Tunnel, Schlangen, Schemen der Wohntürme zu beiden Seiten – und ein kleiner Fiat mit zwei durchgeschwitzten Verliebten mitten drin in diesem Wahnwitz.

Halb so schlimm, das Parkhaus hatten wir schnell gefunden. In den unendlichen Weiten des Internet hatte ich gelesen, dass man sich einen Parkplatz in einem Parkhaus bereits von zu Hause aus reservieren kann. Man fährt einfach vor, fährt dank Reservierung ohne Druck und Probleme, passiert die Schranke, lenkt ein und – Moment mal. Als wir gerade in die Einfahrt einbogen und auf die Schranke zurollten, stellte sich mir eine nicht unwichtige Frage: Wie passieren wir denn die Schranke? Ich hatte zwar einen Ausdruck mit irgendeiner Reservierungsnummer im Handschuhfach, doch wie sollte dies jetzt konkret ablaufen? Keine Zeit mehr zum Nachdenken, schon standen wir vor der blau-weiß gestreiften Schranke, die uns den Weg versperrte, neben uns der Bedienungskasten mit dem Knopf für Tagesbesucher. Wir waren aber keine Tagesbesucher, Himmel, wir würden das Auto hier drei Tage lang abstellen. Bei einem Stundenpreis von acht Euro läppert sich das. Nach den schweißtreibenden Stunden auf der Autobahn hielt ich es kaum für möglich – aber tatsächlich brach ich erneut in Schweiß aus. >>Ganz ruhig.<< Die Stimme meiner Freundin von rechts, zweifelsfrei lieb gemeint. Ja, bleib doch mal ganz ruhig, wenn du vor einer verschlossenen Schranke in einem Parkhaus in Montparnasse stehst und hinter dir bereits jetzt drei französische Autos mit entnervt gestikulierenden Einwohnern warten, und zwar hupend.

Ganz ruhig.

Mein Glück, dass ich sieben Jahre Französisch gelernt hatte. In einem solchen Augenblick konnten sie sich bezahlt machen. Blöd nur, wenn man bei den Motorengeräuschen und dem Knarren der alten Gegensprechanlage an der Apparatur neben der Schranke bis auf >>Bonjour, monsieur<< KEIN Wort versteht. Ich stammelte mich durch die Erklärung, dass ich eine Reservierung habe, eine Nummer, nur dass ich jetzt nicht durch die Schranke hindurch käme und mit Sicherheit nicht den normalen Einlassknopf zum Tagestarif betätigen wolle. Sagen wir, ich glaubte, dass ich dies erklärte, bis mein unsichtbares Gegenüber mit schwerem Akzent und zweifelsohne - schließlich hatte ich es mit einem Franzosen zu tun – schweren Herzens seinen Zorn über alles Fremde auf dieser Welt runterschluckte und in englischer Sprache erklärte, wir sollten trotz allem erstmal den Knopf drücken, um hineinzugelangen und später dann über unsere Reservierungsnummer die zuvor vereinbarten Kosten erstatten. Gesagt, getan. Als wir nach weiteren fünf Minuten einen freien Parkplatz erreicht hatten, war mein Körper leergeschwitzt und mein Hirn zerfasert. So fängt ein Urlaub schon mal gut an.

An der Rezeption unseres Hotels stellte sich dann Gott sei Dank heraus, dass mein Französisch durchaus gut genug war, um mit den Menschen zu sprechen. Keine Schwierigkeiten beim Einchecken. Tatsächlich fragte der Portier, warum ich ein so gutes Französisch spräche. Waren die sieben Jahre also doch nicht vergeudet. Anschließend führte er uns in ein dunkles, auf den Innenhof ausgerichtetes Zimmer. In Anbetracht der Mittagshitze war es recht angenehm temperiert, das Bett groß und die Matratze gerade so hart, wie Frischverliebte es mögen. Doch trotz der langen Fahrt und meinen durch Schwitzen hervorgerufenen Gewichtsverlust dachten wir gar nicht daran, uns auszuruhen oder uns auf dem Bett erneut ins Schwitzen zu bringen. Wir waren in Paris! Wir wollten uns in die Stadt stürzen.

Der erste Kontakt hatte für uns in der Ringautobahn, der bereits erwähnten Périphérique gelegen, nun machten wir Bekanntschaft mit dem Untergrund. Die Metro von Paris schlängelt sich unterirdisch durch ein gewaltiges, buntes Spinnennetz aus insgesamt vierzehn Linien. Das viertälteste U-Bahn-Netz Europas, und wer zum Beispiel mit der Linie 13 einmal komplett von Châtillon-Montrouge ganz im Süden bis zur Universität von Saint-Denis ganz im Norden fährt, der durchquert Himmel und Hölle, der passiert Licht und Schatten, der kratzt am berühmten, noblen Paris im Zentrum mit seinen Boutiquen und den Reizen einer Weltstadt ebenso wie an den düsteren und beschädigten Vorstadtringen der ach so verschrienen Banlieue. Auch wir entschieden uns zunächst für diese Linie, aber nur zu Beginn. Konkret ging unsere Reise über drei unterschiedliche Fäden dieses Spinnengewebes. Mit der Linie 13 von Gaîté bis zum Gare Montparnasse. Dort wechselten wir auf die dunkelgrüne Linie 12. Weiter über Notre-Dame des-Champs, Rennes, Sèvres Babylone, Rue du Bac, Solférino, Assemblée Nationale und bei Concorde ein letztes Mal umsteigen. Der gold-gelbe Faden der Linie 1 über Tuileries, Palais Royal Musée de Louvre bis Louvre Rivoli. Direkt an der Seine, und von hier war es nur ein Katzensprung bis zum Pont Neuf und bis zur Kathedrale von Notre Dame, wo die berühmten Wasserspeier mit den bösen Zungen rumhängen und seit Jahrhunderten die Menschenmassen weit unter ihnen mit schrecklichen Grimassen verspotten.

Auch die Temperaturen spotteten, und zwar jeder Beschreibung. Es war immer noch nicht abgekühlt. Im Gegenteil, der Nachmittag hatte die Sonne nur noch mehr provoziert und sie in einen glühenden Hochofen verwandelt, der gnadenlos die französische Metropole röstete. Die Trauerweiden am Flussufer hingen schlapp und bräsig ins bräunliche Wasser, das träge vorüberglitt. Auf der anderen Uferseite der Île de la cité hatte die Stadt einen künstlichen Sandstrand aufschütten lassen, mit Minipalmen, Cocktailbar, Hängematten und allem, was dazu gehört. Irgendwie plump, schoss es mir durch den Kopf. Aber warum sollte diese Stadt eine Ausnahme vom weltweiten Budenzauber machen? Genau in dem Augenblick zog eine chinesische Reisegruppe vorüber – Chinesen aus der Mittelschicht waren die neuen Japaner – und zwei Männer schossen mit frisch gezücktem Objektiv massig Fotos von makellosen Französinnen, die sich auf dem makellosen Sandstrand räkelten. Das Surren von Kameras, überhaupt war dies eines der häufigsten Geräusche, das uns zu Ohren kam. Wenn man all diese kleinen, leisen Laute gleichzeitig hören könnte, dann wäre es, als würde man den lieben langen Tag von Salutschüssen begleitet. Fotografieren heißt bewahren. Naja, jedenfalls ist es das, was es für die meisten Menschen bedeutet. Hier bewahrten sie sich selbst (mit Selfie-Sticks) und sie bewahrten sich gegenseitig. Drei Schwestern aus Arizona bewahrten sich vor Notre Dame. Ein älteres Ehepaar bewahrte sich vor einem Ausflugsboot seitlich von Pont Neuf. Ein Vater für die Mutter, ein Freund für die Freundin. Aber warum? Für all die sozialen Netzwerke, die aus diesen Momenten, die keine besonderen waren, Schritte eines Wettbewerbs, eines regelrechten Aufmerksamkeits-Marathons machten, den niemand jemals zu Ende laufen könnte, geschweige denn, ihn gewinnen. Oh, sieh an, Kulturpessimismus. Mag sein. Doch dies war es, was ich sah.

Auch sahen wir wenig später im Jardin des Tuileries den kleinen Triumphbogen, der unweit des Louvre das Sonnenlicht absorbierte und unsere Köpfe weiter briet. Nun aber Schluss – alle haben es begriffen, ja, es war heiß. Um uns Abkühlung und Kultur zu gönnen, verzichteten wir auf die zweieinhalbstündige Warteschlange für die Mona Lisa und schlenderten zurück in Richtung Place de la Concorde, um die Orangerie zu besuchen, wo dieser Tage eine Ausstellung mit den Bildern von Claude Monet zu sehen war. Eine andere Welt. Museen waren mir früher durchweg suspekt, die Atmosphäre machte mir Kopfschmerzen. Nun aber schlich ich von Bild zu Bild und jedes Detail, jedes Fragment der Farben und Formen und der Pinselführung erreichte mich und löste tatsächlich Assoziationen aus. Besonders die Seerosenteiche, in unterschiedlichen Facetten und Stufen, mal von Morgenröte beschienen, mal in tristen Dunst getaucht, ließen mich still stehen. Für jemanden wie mich, der mit Pinsel oder Stift in der Hand noch nie viel anzufangen wusste, sind solche Werke vielleicht sogar eine Form der Provokation. Sieh her, was mit menschlichen Fingern und etwas Farbe möglich ist, du debiler Nichtskönner! Ich übertreibe natürlich, aber diese gefüllten Leinwände, die wir an diesem Nachmittag betrachteten, sprachen mich an. Nicht, weil es Monet war und seine Bilder entsprechend berühmt und gut bezahlt – sondern einfach, weil die Teiche mit den Seerosen mit mir zu sprechen schienen, mir etwas zuflüsterten. Natur in Bildern, dafür hatte ich seit jeher ein Faible. Wird es zu komplex, konstruiert, dann bin ich schnell raus und kann das Ganze nicht ernst nehmen. Expressionisten, haltet euch fern von mir. Ein Spiel mit Farben und Formen aber, das mit den Mitteln der Kunst natürliche Phänomene und Momente, die wir alle schon mal gesehen haben, ohne sie zu sehen, widerspiegelt, das ist groß und wertvoll.

Ein anderer Teich, überwuchert mit anderen Seepflanzen. Ich schwimme nackt im herrlich kühlen Wasser, das frische Nass durchspült die Zwischenräume meiner Zehen bei jeder Bewegung. Welch eine Wohltat. Ich drehe Pirouetten, paddele stärker, dann wieder sanft und treibe einfach umher, bis sich auf einmal eine Art Liane um meine Knöchel schließt und mich nicht mehr loslässt und egal, wie kräftig ich trete oder meine Beine ausschlage - der Knoten um mich wird fester und immer fester und ich drohe, die Kraft zu verlieren und zu versinken. Wusch. Dann wachte ich auf.

Ich lag im Bett unseres Hotelzimmers, meine Freundin neben mir. Es war schwül und warm und ich hatte nackt geschlafen, daher vielleicht mein Bad in Monets Teich. Ein Blick auf die Uhr, viertel nach acht. Noch Zeit für sie und mich, die Matratze zu testen. Nachdem ich sie gefühlvoll und mit guten Argumenten geweckt und anschließend eine Dusche genossen hatte, gingen wir frühstücken – irgendwo in Montparnasse. Viel wurde über Franzosen und ihre Eigenheiten geschrieben und vieles mag überzogen sein, aber Stil, ja, Stil haben sie. Wie die Kellner lautlos zwischen den Tischen schwebten, wie der Mann im Anzug am Nebentisch seine Zigarette hielt, wie die beiden feinen Damen auf der anderen Seite ihre Croissants mit Marmelade bestrichen; Alles wirkte edel, nahezu formvollendet und auch, das muss gesagt sein, affektiert. Ein Bad im Klischee, Frühstück in Paris und danach ein Spaziergang zu denen, die nie mehr frühstücken werden.

Der Cimetière Montparnasse, drittgrößter der berühmten Pariser Friedhöfe, befand sich gleich um die Ecke. Kein Mensch zu sehen, Vormittag, die geschotterten Wege und die kopfsteinbepflasterten Straßen sahen einladend aus. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Friedhöfen lagen hier längst nicht alle Gräber en première ligne, also direkt an den Hauptwegen. Viele Mausoleen und Grabplatten waren kreuz und quer in kleinen Abschnitten abseits der Straßen angelegt, darunter einige meterhohe Gebilde mit Engeln, Kreuzen und anderem morbiden Zierrat obenauf. Der Wind war aufgefrischt und Regenwolken kündigten sich am Himmel an. Endlich Abkühlung. Die Platanen rauschten und bis auf diesen Laut hörten wir nur den Verkehrslärm von jenseits der Mauern und unsere Schritte auf dem Kies. So inspizierten wir also auf gut Glück die Inschriften und trafen eher zufällig (denn einen Lageplan hatten wir nicht) auf Susan Sontag, Éric Rohmer, Alfred Dreyfus und Serge Gainsbourg, nur wenige der berühmten Persönlichkeiten, die hier ihre letzte Ruhe finden sollten. Insgesamt ruhen auf dem Cimetière Montparnasse zigtausende Verstorbene. Wenn die sich alle aus ihren Gräbern erhöben und einen Spaziergang machten, dann feierten die Restaurants einen guten Tag.

Mitten auf dem Friedhof, an einem der kleineren, verzweigten Pfade, blieben wir endgültig stehen. Eine saubere, weiße Sandsteinplatte mit zwei Namen:

Jean Paul Sartre

1905 - 1980

Simone de Beauvoir

1908 – 1986

Wie viele Titel und Aspekte diese Namen beinhalten. Begründer des Existenzialismus, Philosoph, Dichter, Denker, Geliebter. Als Sartre verstarb, waren 50.000 Menschen dem Sarg bis hierher gefolgt, darunter auch Simone, die ihren Lebensgefährten in den letzten, durch Krankheit bestimmten Jahren begleitet und gepflegt hatte. Nun ruhen sie hier nebeneinander, ein verhältnismäßig schlichter Stein über ihren sterblichen Überresten. Das Merkwürdige an einem Friedhof ist dieser Aspekt des Gedenkens, denn letztlich gaukelt ein Todesacker (dieses herrliche alte Wort sollte ruhig öfter Gebrauch finden) die Anwesenheit von jemandem vor, der eben nicht mehr anwesend ist. Sartre ist nicht mehr, folglich ist er auch hier nicht. Und dennoch, die konkrete weiße Platte mit den beiden Namen und den mit Lippenstift aufgehauchten Kussmündern erzeugte für einen Moment das Gefühl, dass wir uns bei ihm befänden, in seiner Nähe, wohingegen er uns natürlich viel näher wäre, wenn wir etwas von ihm läsen. Seltsamerweise schienen die beiden mir durch die Tatsache, dass man ihre Namen und zumindest in Umrissen ihr Werk zu kennen meint, noch toter als all die mir unbekannten Namen, die hier rundherum eingemeißelt waren. Es gibt kein toter als tot – und doch wurde ihr Ende, ihre Nichtexistenz, durch ihre Berühmtheit unterstrichen und trat zwischen allen anderen Toten deutlich hervor.

Dort lagen sie also, ohne jemals wieder aufzustehen oder etwas zu sagen, unter den Füßen der noch atmenden Menschen, die währenddessen durch unterirdische Tunnel rasen, jederzeit tragbare Computer mit sich führen, über die sie miteinander kommunizieren, in Türmen wohnen, durch die Luft fliegen, Geld nur noch in Form von digitalen Zeichen hin und her bewegen, sich manchmal gegenseitig über den Haufen schießen oder in die Luft bomben, sich einen Krebs anrauchen. Und dazwischen wir. Mittendrin. Zwei Verliebte, die einen Friedhof besuchten und wenig später vor dem Regen in ein Café unweit des Friedhofs geflüchtet waren. Hier starrten wir in einen Spiegel auf unsere lebenden Gestalten, die uns mit ihren Espressotassen zuprosteten. An diesem Stehtisch kam man schnell auf morbide Gedanken, doch was soll’s. Bald lägen auch wir unter der Erde, aber noch standen wir hier in einem Pariser Café, und das stand uns gut. Darauf noch etwas trinken und diesmal ruhig etwas Alkoholisches. Wenn schon, denn schon.

Es war immer noch regnerisch, als wir die Steigungen von Montmartre hinaufschnauften. Mit dem Anblick der weiß getünchten Gemäuer, die Sacre Coeur ausmachen, kam eine weitere Erinnerung zurück, die irgendwo in meinem Unterbewusstsein neben den Lichterfahrten von damals konserviert worden war. Ich konnte mich haargenau an die Kirche, ihre märchenhaften Rundtürme und das Kinderkarussell unterhalb des Aussichtspunkts vor dem Gotteshaus erinnern. Im Gegensatz zum Friedhof war es hier oben brechend voll, so dass wir auf einen Besuch in der Kirche verzichteten und sie stattdessen in Ruhe von außen betrachteten. Dann zog uns eine Menschentraube, die ab und an in Applaus ausbrach, in ihren Bann. An einem Laternenpfahl führte ein junger Afro-Franzose unglaubliche Kunststücke mit einem Fußball vor. Er hing – nur durch Muskelkraft und Körperspannung gehalten – seitlich am Mast und hatte den Ball zwischen den Füßen eingeklemmt. Dann balancierte er ihn und die Leute applaudierten erneut. Als er von der Laterne heruntergeklettert war, hielt er den Ball mit magischen Bewegungen in der Luft, zunächst mit beiden Füßen und Beinen, dann mit der Brust, dem Nacken und schließlich balancierte er den Ball perfekt auf seinem Kopf. Dies alles vor der Silhouette der Stadt, die sich in Gänze hinter ihm erstreckte. Ein Häusermeer, das im Vordergrund erhöht mit den weißen Mauern und rot gekachelten Dächern von Montmartre begann, in flachere Teile überging, wo sich Bürotürme und ältere Wohnblocks mit vielen Parkflächen und berühmten Fixpunkten abwechselten. Wir konnten den Eiffelturm, die Champs-Elysées mit dem großen Triumphbogen, Notre Dame und auch La Defénse mit seinen Hochhäusern gut erkennen und mitten hindurch schlängelte sich der glänzende Strom der Seine.

Um unseren Füßen eine Pause zu gönnen, steuerten wir ein anderes Café an, mitten in Montmartre. Es gibt Städte, die man begutachtet, wie man einen Neuwagen begutachten würde. Man wägt ab und macht eventuell sogar eine Probefahrt, aber man möchte ungern sitzen bleiben. Und dann gibt es Städte, in denen man nur zu gern für eine gewisse Dauer bleiben möchte, für mehr als nur ein paar Tage oder Wochen. Spätestens in diesen Straßen und in einem Café wie diesem spürte ich, dass ich durchaus für längere Zeit in Paris leben, mir hier einen Alltag einrichten könnte. Der Raum war hoch, und von der hohen Decke über die Wände bis auf die runden, schweren Tische aus Eichenholz war er mit leeren, umgedrehten Weinflaschen dekoriert, die in dunklen Braun- und Grüntönen schimmerten. Auch unser Wein schmeckte und peux à peux ließen wir die vielen Bilder der letzten anderthalb Tage in uns verschmelzen. Es war recht leer und wir lauschten den Stimmen der beiden jungen Kellnerinnen, die sich über einen gemeinsamen (zweifelsohne männlichen) Bekannten unterhielten. Merkwürdig. In meiner frühen Schulzeit hatte ich diese Sprache und besonders ihre Grammatik, das Konjugieren der unregelmäßigen Verben und die zahlreichen, endlosen Diktate verflucht. In der Schreibform war ich bis heute mit Französisch nicht warm geworden, aber es auszusprechen, die Laute im Mund fließen zu lassen wie einen guten Wein, oder diese Laute aus anderen Mündern zu hören, das gefiel mir mehr und mehr. Dieses Gefühl für die Sprachmelodie war mit Sicherheit ein Bestandteil meines Wunsches, in dieser Stadt für längere Zeit meine Zelte aufzuschlagen – und mit diesem Gefühl, da bin ich ehrlich, hatte ich vor unserer Ankunft nicht gerechnet.

Der Tag ging dahin und der Abend schmückte sich mit einem schicken Sonnenuntergang. Wir gingen in Montparnasse essen. Der Laden hieß La Fournée d’Augustine. Die Karte war gespickt mit unaussprechlichen – na ja, beinahe unaussprechlichen - Köstlichkeiten französischer Raffinesse:

Tartare de poissons mesclun, selon marché

OEuf poché sur lit de légumes grillés

Indémodable magret de canard (sauce aux agrumes ou sauce au poivre, tian de légumes ou purée)

Bavette d’Aloyau

Crème brûlée à la cassonade et à la vanille Bourbon

In etwa zu übersetzen mit:

Tartar vom Fisch und Salat; aber nur manchmal

Pochierte Eier mit gegrilltem Gemüse

Entenbrust mit Zitrusfrucht- oder Pfeffersauce, Gemüse oder Kartoffelpüree

Sirloin Steak mit Charlottensauce, Pommes frites und Salat

Flambierte Creme mit braunem Zucker und Bourbon Vanille

Speisen wie Gott in Frankreich, dazu der Klang von Glas auf Glas, wenn die anderen Gäste anstießen und dazu die bezaubernde Aussicht auf meine bezaubernde Begleiterin. Man kann es nicht leugnen, Paris legte sich ins Zeug und wir hatten keinen Grund zu klagen. Zum Ausklang dieses langen Tages machten wir uns später auf den Weg ins 7. Arrondissement und näherten uns zu Fuß dem nun hell erleuchteten Symbol der Stadt, dem Eiffelturm. Es war brechend voll und hunderte Touristen hatten sich genau wie wir ihren Besuch für den späten Abend aufgehoben. Es kostete uns knapp zwei Stunden, bis wir schließlich ganz oben angelangt waren. Hier oben in schwindelerregender Höhe war es eisig kalt, der Ausblick auf das nächtliche Paris aber mehr als eine Entschädigung. Und doch würde mir dieser Turm am wenigsten in Erinnerung bleiben, wenn ich an Paris dachte. So, wie mich als Kind unsere Lichterfahrten am meisten faszinierten, so würden es diesmal die Seerosenteiche von Monet, der Spaziergang durch Montmartre und der Besuch auf dem Cimetière Montparnasse tun. Und all dies mit meiner Freundin, ihre Hand in der meinen.

Oh, l’amour.

Blieb noch eine Frage: Was war mit dem Parkhaus und den Gebühren für meinen im Voraus gebuchten Parkplatz? Wie ein böser Gnom hatte mir diese Unsicherheit im Magen gelegen, war mit mir durch die Stadt spaziert und mit hinauf auf den Turm gefahren. Was, wenn dies alles im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbar wäre, weil wir nur mit einem Vermögen den Fiat wieder auf die Périphérique bekämen? Letztlich ging es dann gut. Ich nannte einer unsichtbaren Person am Parkautomaten unsere Reservierungsnummer, sie bestätigte Namen und Buchungsdatum und dass die Summe nun über meine Kreditkarte abgebucht würde. Alles halb so wild und so verließen wir bei neuem Sonnenschein das Parkhaus und steuerten in Richtung der belgischen Grenze. Kurz bevor wir diese erreichten und die letzte Mautstation der hiesigen Autobahn passierten, sahen wir auf dem Standstreifen eine Gruppe von Nonnen, die soeben aus einem Minivan stiegen, bevor vier Polizisten ihre Papiere überprüften.

Oh mon dieu, vive la France.

2014

INSEL AUS FEUER, EIS UND WASSER

>>Diese Landschaft, mit Eis und Luft und ohne jeden Baum, ist absolut natürlich und genauso, wie es sein sollte. Nur dann fragen mich die Leute immer nach den Eskimos. Es gibt keine Eskimos auf Island.<<

Björk

Seit anderthalb Stunden sitze ich inzwischen auf meinem Fensterplatz im Flugzeug und es geht und geht nicht los. Von Hamburg aus starten nur zwei Maschinen pro Woche nach Island, daher müssen wir auf Anschlussreisende aus Paris warten, deren Flug Verspätung hat. Merkwürdig nur, dass sie uns trotzdem einsteigen ließen. Ich hätte noch einen Kaffee trinken wollen, ein wenig rumlatschen – stattdessen sitzen wir hier und parken, statt zu fliegen. Ein wenig Zeit also, mich in die Begriffe der isländischen Sprache zu vertiefen. In der Sitzreihe schräg gegenüber ein junges Paar; die beiden sprechen Isländisch. Gurgelnde Laute, märchenhaft wirkende Wortfetzen - und wären sie Teilnehmer beim Glücksrad, würde es teuer: >>Ich möchte zehn Umlaute kaufen.<< Dabei werde ich schon bald erfahren, dass dieser Schein trügt. Ä, Ö und Ü kommen gar nicht so häufig vor, dafür wird das y sehr gern gebraucht. Ach, und es klingt alles altmodisch, auf eine sympathische Art antiquiert.

Meinen Anfangsmonolog habe ich mir bereits eingeprägt:

Góðan daginn, Ég er í fyrsta sinn á Íslandi. Margir sauðfé og margir ský...

(Guten Tag, ich bin zum ersten Mal auf Island. Viele Schafe und viele Wolken...)

Plötzlich kommt Bewegung in die Sache, die fünf noch fehlenden Passagiere trudeln ein und wir rollen in Richtung Startbahn, und dann geht es stur nach Nordwesten, rauf in den hohen Norden. Jahrelang habe ich von Island geträumt, jahrelang war es eine verheißungsvolle Insel weit oben im Nordatlantik. Die Maschine ruckelt und am fernen Wolkenrand sagt die Sonne langsam bless.

Ankunft in Reykjavík. Ortszeit halb ein Uhr nachts. Noch immer ist es ein wenig hell, die Sonne ist gerade erst hinter dem Ozean verschwunden und lässt noch einiges Licht übrig, wie ein Kind, das die Bettdecke etwas anhebt, um jederzeit unter ihr hervorlugen zu können. Das Zweite, das mir auffällt: Der Erdboden neben der Landepiste, auf die wir nun nach einem windgepeitschten Anflug über dem Atlantik aufsetzen, ist kein Erdboden, wie wir ihn in Europa kennen. Nur schwarzes Gestein, schwarz marmorierte Platten aus Vulkangestein sind es – denke ich jedenfalls, ich bin kein Geologe – aber dieser erste Anblick der Insel brennt sich mir sofort ins Gedächtnis. Dann alles modern und wohl organisiert. In einem Bus fahre ich mit vielen anderen die fünfzig Kilometer von Keflavík nach Reykjavík. Mein Sitznachbar ist Timo, ein Student aus Würzburg,, und genau wie ich zum ersten Mal im Land. Dafür war er bereits für ein halbes Jahr in Oslo – in seinem Auslandssemester.

>>Island ist bei Europäern sehr beliebt. Die Skandinavier aber haben mit den Isländern nicht viel zu schaffen. Und sind neidisch.<<

>>Warum sollten sie neidisch sein?<<, frage ich, >>als Insel müssen sie alles importieren, da hat es Norwegen mit seinem Gas und Öl doch besser.<<

>>Mag sein. Aber Island hat Energie ohne Ende – sie kommt ja sprichwörtlich aus dem Boden. Und wird nie aufhören.<<

Nun verstehe ich, worauf er hinaus will. Der Vorteil der vielen aktiven Vulkane, Geysire, der donnernden Wasserfälle; all das lässt sich heutzutage nahezu perfekt in elektrische Energie umwandeln und Island ist, was seinen Forschungsstand angeht, weit vor. Insofern hat er also Recht.

Nach einer kurzen Nacht in einem miefigen Mehrbettzimmer erwache ich erstmals in der isländischen Hauptstadt und begebe mich gleich zum Frühstück in das Zentrum, sofern man hier von Zentrum sprechen kann. Gerade einmal 200.000 Einwohner leben hier, aber diese machen tatsächlich siebzig Prozent der Bevölkerung aus. Dementsprechend ist alles klein, gemütlich und strahlt doch eine internationale, weltstädtische Atmosphäre aus. Wie soll man das nun wieder unter einen Hut bringen? Ich nehme an, eben weil Island so lange Zeit vom Rest der Welt isoliert war, war es ab Mitte des 20. Jahrhunderts offen für Einflüsse von außen. Besonders die Kunst- und Musikszene des Landes mit Berühmtheiten wie Björk, Sigur Rós oder Emilíana Torrini steht repräsentativ für diese moderne Ausrichtung, vor allem in Reykjavík. Mein erstes Frühstück genieße ich in der Bakarí Sandholt. Dielenfußboden, Holzschränke, runde Tische und mit Naturbildern bespickte Wände, die schlagartig Lust machen, aufzubrechen, hinauszufahren, in die ungezähmte Natur des Landes einzutauchen. Starker Kaffee, und das Backwerk passt zur Sprache, altertümlich und auf gewisse Weise urig: Strudel, Plunder, unter Puderzucker begrabene Zimtschnecken, Vollkornbrote mit Lachs und dann die vielen pönnukökurs mit Brombeeren, Himbeeren, Wildbeeren. Als zufriedener Zuckerberg stakse ich später durch kleine Straßen, vorbei an alle Klischees noch übertrumpfenden Holzhäusern in Gelb, Grün und Rot. Viele Cafés, viel Nippes für die Touristen, aber auch zahlreiche Plattenläden, die sich der prominenten Stellung ihrer Insel in der Musikwelt bewusst sind und meistens eine eigene kleine Abteilung mit sveitarfélaga tónlist (lokale Musik) feilbieten. Hier könnte ich stundenlang stöbern, ach was, könnte - ich kann! Überall diese Laute einer Sprache, die sich aus der hiesigen Landschaft zu entwickeln scheint, klare und weite Tonfolgen. Die freundliche, ja gechillte Stimmung wird für mich jäh getrübt, als ich in einem kleinen Supermarkt Wasser und Zigaretten kaufen gehe. In Märkten dieser Größe scheint es üblich, dass die Kunden sich in einer Schlange anstellen, die sich dann aber auf drei Kassen verteilt. Der Erste in der Schlange geht zu der Kasse, die als nächstes frei wird. Gerade, als ich langsam zu der alten Frau mit den grauen Locken gehe, da der vorherige Kunde den Laden verlässt, drückt mich ein junger, strohblonder und schmaler Mann kräftig beiseite und drängelt sich vor. Er tut dies mit einem aggressiven Blick, der keine Missverständnisse zulässt: Du kommst nach mir dran! Die plötzliche Aggression ist rüde und aufbrausend, fast wäre ich gestürzt. Ich halte wohl besser meine Klappe, der Blick der alten Kassiererin aber zeigt mir, dass so etwa wohl jeden Tag vorkommt. Sie blickt ebenso schockiert und überrumpelt, wie ich mich fühle.

Nachmittags besuche ich das hiesige Penismuseum, in dem der Humor den Informationsgehalt klar übertrumpft. Ein paar Tierpenisse in Einmachgläsern, einige Vibratoren, Bücher und Zahlen zu den größten und kleinsten Pimmeln der Tierwelt. Naja, geht so. Allerdings macht das aus Buchenholz geschnitzte Telefon in Phallusform schon was her. Passenderweise weht mir kurz darauf am Hafenbecken eine steife Brise um die Nase, mein Blick geht über das glänzende Wasser weg von der Hauptstadt und auf die grünen Erhebungen auf der anderen Uferseite.

Wie gebannt schaue ich hinüber. Es ist die Landschaft, die mich hierherlockte und die mich nun, da ich so nah dran bin, magisch anzieht. Morgen werde ich aufbrechen.

Mein Mietwagen für die kommenden fünf Tage ist ein schwarzer Toyota Corolla, der hier offensichtlich schon viele Touren mitgemacht hat, strotzt er doch vor Signaturen der Kiesel und Erde, die bei den zahlreichen Fahrten hinaufgesprengt wurden und sich in das Blech hineinfrästen. Eine Tour auf Island wird früher oder später – wenn nicht gar ausnahmsos – über die „Ringstrasse“, den Hringvegur, führen. Bis auf zwei kurze Teilstücke verläuft er komplett asphaltiert einmal in Küstennähe um die gesamte Insel und wird mein Weg sein. Im Uhrzeigersinn möchte ich diese Straße befahren, zunächst in Richtung Norden, an den walreichen Gewässern von Húsavík vorbei, zu der Ebene von Jökulsárgljúfur mit dem berühmten Wasserfall namens Dettifoss. Dann durch die verzweigten Fjorde im Osten und schließlich entlang der bei Touristen beliebtesten Strecke im Süden, bis ich wieder in Reykjavík ankommen werde. Ein Roadtrip durch die isländische Weite, und bereits wenige Kilometer außerhalb der Hauptstadt schlägt mein Herz schneller und die Straße wird zu einem Magneten. Wie frisch und unverbraucht diese Panoramen sind, nach nur einer Stunde ist mein Kopf klar und die karge, dabei aber niemals feindliche, sondern saubere und weite Umgebung legt sich um mich wie ein Textil.

Eine alles dominierende Eigenschaft Islands war mir vorher gar nicht bekannt. Es fehlen die Bäume. Hier und da gibt es Sträucher, an manchem Gehöft oder isoliertem Wohnhaus stehen wenige, nachträglich gepflanzte Birken; aber das ist alles. Daher die Weite, daher der klare, ungestörte Blick über die Ebenen und auf die Berge. Keine Bäume zu sehen, das passt eigentlich nicht zum Bild vom Nordischen, von der hiesigen Natur. Am vulkanischen Boden kann es nicht liegen, und tatsächlich ist dieser heutige Zustand – wenn man so will - eine Folge der frühesten Umweltzerstörung, die in Europa verübt wurde. Als die norwegischen Wikinger im 9. Jahrhundert Island bevölkerten, war die Insel in weiten Teilen mit üppiger Vegetation bedeckt, davon viel Birken- und Weidewald. Der größte Teil dieses Waldes wurde bereits vor Ende des Mittelalters gerodet. Siedlungsgebiete wurden erschlossen und eine weiträumige Holzwirtschaft betrieben, doch vor allem fraßen die eingeführten Schafe ihre Weideflächen derartig kahl, dass die Vegetation sich in den kurzen Polarsommern nicht erholen konnte. Durch den Klimawandel und die starke vulkanische Aktivität zwischen 1600 und 1900 kam es zu einer verstärkten Erosion. Somit wurde Island also nicht auf natürlichem Weg seiner Bäume entledigt. Heute scheinen diese Wälder nahezu unvorstellbar, bei all den leeren Flächen und Berghängen, die ich an diesem ersten Tag passiere.

Die schmale Straße nach Hvammstangi ist körnig und windet sich durch saftig grüne Weiden mit glücklichen Kühen und Schafen. Bauern bessern Zäune aus und rufen mir einen Gruß zu, als ich langsam vorbeiholpere. Niedrige Häuser mit Schindeldächern oder ganz aus Holz, die sich immer um die kleine Kirche in ihrer Mitte ansiedeln. In einem versifften Restaurant esse ich eine Suppe mit Fisch und Kartoffeln, danach mache ich mich auf den Weg, einen Schlafplatz für die Nacht zu suchen. Dieses Land ist teuer, das muss gesagt sein, und mein Roadtrip ist mir momentan nur möglich, wenn ich für ein paar Nächte auf ein Bett verzichte und mit dem Rückraum des Toyota vorliebnehme. Oftmals belebt sich eine Reise erst, wenn das Geld fehlt. Normalerweise bezahlt man doch – außer im Bordell – immer, damit etwas nicht geschieht. Etwa, um nicht unter freiem Himmel zu schlafen, um nicht Hunger zu leiden, um nicht zu Fuß zu gehen. So lege ich mich gegen elf Uhr abends in meinen Schlafsack, ziehe meine Kapuze über den müden Kopf, während in der Ferne ein heller Streifen den späten Sonnenuntergang ankündigt. Doch ach, welch ein Irrtum. In dieser Nacht finde ich kaum Schlaf. Das Reserverad presst mir durch die dünne Karosserie direkt in die Wirbelsäule, es wird bitterkalt, mein Magen grummelt und ist sich erstmal nicht sicher, was er mit der Suppe vom Abend anfangen soll und ich döse und erwache immer wieder aufs Neue, steige aus, um mich mit ein paar Sprints und Sprüngen aufzuwärmen, lege mich erneut hin, starre an das Wagendach und fühle mich einsam. Der Blues kommt angeschlichen, behutsam, aber dann so richtig. Es gibt Seinszustände, die ich zu Hause nie erleben könnte. Anforderungen, Ängste, Langeweile, Konfrontationen und Zumutungen in mir, im Innersten. Wie oft lernt man sich selbst erst in der Fremde, im Ausgesetztsein, kennen. Viele Seiten von mir wären mir nie begegnet, wenn ich immer daheim geblieben wäre.

Als sich das Morgengrauen behutsam andeutet, halte ich die Kälte nicht mehr aus und fahre weiter, wieder auf den Hringvegur. Mit jedem Kilometer werden die Konturen dank des zunehmenden Lichts deutlicher, auf den Berggipfeln zu meiner Rechten liegt ganzjährig der Schnee. Auch der Sommer ist noch überlagert vom langen Winter. Mattes Grau wird zu Lila, zu Rosarot, die Sonne erhebt sich aus ihrem kalten Schlaf. Reinste Morgenluft, picobello zum Wachwerden. Dann trippeln auch noch frei laufende Schafe über die Straße, ich bremse ab und wir betrachten uns. Eifrig kauend gafft mich eines von ihnen abweisend an, aber ich wäre auch pikiert, wenn ein Toyota beim Frühstück durch meine Bude brausen würde. An beiden Seiten hinter den Weiden bemooste Hügel, die mit einem vollkommenen Grün überzogen sind, und genau auf dem höchsten Punkt reißt ein großes schwarzes Pferd berauscht das kurze Gras aus. Man hat keine Zeit, sich zu fragen, ob es dort allein steht, schon tauchen dicke Nebelschwaden das Tier in Grau. Von allen Ebenen dampft dicker Morgennebel empor, als hätte sich Hieronymus Bosch selbst übertroffen und ein noch größerer Maler hätte dann die Idee zu Papier gebracht. Es scheint, als habe ich seit Jahren auf genau solche Bilder gewartet, Bilder, die mich unerklärlich bewegen. Ganz allein mit den Tieren und der Natur, um diese frühe Stunde regt sich kein menschlicher Laut. Ich bin ausgestiegen und ein wenig auf die Weide getreten, mit brummendem Kopf bleibe ich berauscht stehen.

Sobald der Tag ganz anbricht, frühstücken auch die Menschen und ich habe Húsavík erreicht. Die kleine Stadt im Norden Islands war im Grunde der Ort der ersten, nachgewiesenen Besiedlung. Ein schwedischer Wikinger namens Garðar Svavarsson war hier 850 n.Chr. auf der Suche nach einem sagenumwobenen Schneeland hängen geblieben und so hatten sich hier mehr und mehr Menschen angesiedelt. Heute, 1164 Jahre später, esse ich knusprige Brötchen bei zwei jungen Frauen, die in der Bäckerei hinter der Ladentheke angeregt miteinander plaudern. Da sind sie wieder, die fremdartigen Klänge dieser scheinbar naturgegebenen Sprache, die in Lauten und Tönen sowohl das Karge als auch das Reine und die Weite dieser Insel ausdrückt. Daraus entsteht ein Singsang, eine wellenförmige Melodie und Rhythmik. Die Wetterrubrik in der Zeitung, die ich nicht lesen kann, zeigt Aquarelle von Wolken und eine Sonne, die dahinter hervorlugt. Ich habe extremes Glück, es wird ein strahlender Tag. In Reykjavík hat es heute um die 10 Grad, das nennen sie hier Hochsommer.

Kurz darauf fahre ich weiter über den Hringvegur und eine plötzliche Regenfront zieht auf, die mit den üppigen Strahlen der Morgensonne