Spazierengehen - Marius Kriege - E-Book

Spazierengehen E-Book

Marius Kriege

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Beschreibung

Benjamin Rosen ist am Ende. Seine Freundin hat ihn verlassen und ist kurz darauf tödlich verunglückt. Seine Karriere als Schriftsteller geht vor die Hunde. Und dann ist da weiterhin die Pandemie. Selbstverloren entschließt er sich zu einem Spaziergang am Strand. Dabei denkt er nach über sein Leben und die Liebe, über falsche Entscheidungen und über Schuld. Die Frage ist: wie kann man weitergehen, nachdem man alles verloren hat?

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Seitenzahl: 248

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Mehr über Marius Kriege finden Sie im Internet:

https://www.autorenwelt.de/person/marius-kriege

https://www.instagram.com/mariusautor/

Mal zeigt es die Rückseite,

mal die Vorderseite,

ein Ahornblatt im Fallen.

- Japanisches Haiku

Dieses Buch ist ein Roman. Wie in vielen Romanen mögen einige Charaktere vage Vorbilder in der Realität haben. Die Romanfiguren, ihre Eigenschaften, ihre Handlungen und die Ereignisse und Situationen, die sich dabei ergeben, sind rein fiktiv.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

1

Und dann kommt der Schlag. Mit einem dumpfen Klatschen bleibt die Fliege auf dem Holz kleben. Ein letztes Summen, und das war’s dann. Mein Hausschuh hat sie auf der Platte des Beistelltischchens erwischt. Ein rot-schwarzer Haufen Dreck auf Mahagoni. Mus, der Sekunden zuvor noch durchs Zimmer geflogen ist. Gerad noch gelebt. Jetzt nicht mehr. Tote Materie.

Eliane

Während ich den Haufen mit einem Taschentuch vom Holz kratze, genieße ich das Gefühl, diesem niederträchtigen Summen den Garaus gemacht zu haben. Letztlich ist so eine Fliege ein Eindringling. Draußen wechselt die Morgendämmerung in ein graues Tageslicht. Wobei, sicher bin ich mir nicht. Der Wechsel zwischen Hell und Dunkel, zwischen Tag und Nacht, scheint in immer schwerer nachvollziehbaren Rhythmen vonstatten zu gehen. Alles sieht mir aus wie wattiert. Seitdem sie tot ist, fühlt sich die Welt an wie betäubt. Heute wird sie beerdigt, und mit etwas Glück ist es danach vorbei. Danach werde ich vielleicht wieder sehen können.

Ich öffne das Fenster einen Spalt breit. Kalte Herbstluft zieht ins Zimmer, mit Anlauf, wie ein Sprinter auf der Hundertmeterstrecke. Vermengt mit dem Aroma von Algen und Meersalz, morgens immer besonders ausgeprägt. Bis die Flut die Reste der Nacht wieder mitnimmt in den Kanal. Von unterhalb der Klippe ist der Pick-Up zu hören. Ich weiß Bescheid. Monsieur Giroud rangiert sein Boot ins Wasser. Lange wird er nicht mehr hinauskönnen, die Stürme werden jetzt häufiger. Der Kanal ist unruhig. Von Westen zieht eine Gruppe Austernfischer vorüber, gefolgt von einem Reiher. Ein Nachzügler. Macht seinen Weg allein. Kommt mir bekannt vor. Bevor sie von der Klippe gestürzt ist, habe ich mir eingebildet, nicht allein zu sein.

Bevor Eliane starb, glaubte ich noch an die Liebe.

Bevor Eliane starb, habe ich mir noch den Bart rasiert.

Bevor Eliane starb, hatte mein Leben noch eine Richtung.

Bilder tauchen in mir auf: wie sie auf dem Rummel vor mir hergeht; wie wir uns erstmals dieses Haus ansehen; wie sie auf mir sitzt, nackt und selbstvergessen; wie sie ihre Tasse mit heißem Tee umklammert in jener Nacht, in der sie mir die Wahrheit erzählt. Vor drei Tagen hat die Untersuchungskommission der Gendarmerie ihr finales Urteil bekanntgegeben. Ich war dabei, in Dieppe. Der Termin wurde vom Untersuchungsrichter durchgeführt, einem hageren, strengen Mann. Er trug eine Flanellhose und ein Hemd mit einem Marmeladenfleck unter der Brusttasche. Der Tod der jungen Dame sei ein Unfall gewesen, soweit das Ergebnis der Ermittlung. Just an jener Stelle auf der Klippe, an der Mademoiselle den Halt verlor, habe man eindeutige Indizien für die Auflockerung und damit erhebliche Rutschgefahr des aus Geröll bestehenden Wanderweges gefunden. Zudem sei es nicht das erste Mal gewesen, dass eine Person hier durch einen entsprechenden unkontrollierten Sturz zu Tode gekommen ist. Selbstredend sei ein Freitod des Opfers aufgrund der jüngsten Ereignisse in ihrem Privatleben ‒ hierbei warf mir der ermittelnde Hauptmann Clémont, der mich noch am Abend ihres Todes bei mir zu Hause über den Vorfall aufgeklärt hatte, einen mitfühlenden Blick zu ‒ nicht auszuschließen. Weil hierfür aber keinerlei Beweise vorlägen, gehe man von einem Unfall aus. Und das war’s dann. Ich stand von meinem Stuhl auf, verließ das Gebäude und zog die Maske vom Gesicht. Ich ging ein wenig spazieren und gelangte außerhalb von Dieppe an eine Weide. Ein paar Schafe beendeten ihren Tag. Auch sie dumm und ahnungslos, genau wie wir Menschen. Nur, dass diese Schafe sich keine Fragen nach Schuld oder Unschuld stellen. Sie leben ihr Leben und am letzten Tag blöken sie vor Aufregung. Dann fällt ein dumpfer Schuss und ihr Körper verwandelt sich in Fleischerware.

Heute wird Eliane beerdigt. Wie schafft man so etwas? Am besten, man begeht den Tag systematisch. Nicht denken, sondern handeln. Mein schwarzer Anzug passt noch immer perfekt. Das Jackett hatte ich nach der Filmpremiere von >Das Fischerboot< gekauft. Gemeinsam mit Eliane, damals in Rouen. Sie hat ihn letztlich ausgesucht, den Zweireiher. Besserer Geschmack als ich, immer so gewesen. Früher habe ich diese Tatsache lange nicht erkannt. Dann habe ich sie als Kompliment aufgefasst. Guter Geschmack, auch in Sachen Männer. Damit war es dann auch vorbei, wie jetzt feststeht. Der Anzug sitzt. Die Frisur ebenfalls. Zum ersten Mal seit vierzehn Tagen habe ich meinen Bart gestutzt. Weniger zerzaust, sehe ich fast aus wie ein Mensch. Fast. Später die Rue du Bout de Bas hinunter, zu Fuß, weg vom Meer in Richtung Kirche. Auf dem Vorhof stehen etwa dreißig Leute. Die meisten paarweise, wenige allein oder in Gruppen. Ob er auch dabei ist? Wer weiß. Ich kenne nicht einmal Fotos von ihm, habe ihn nie gesehen, geschweige denn in natura. Ist wohl auch besser so. Bis auf Fynn und Thérèse erkenne ich niemanden. Sie nicken mir zu und wollen näher treten, aber ich winke ab. Julien ist nicht gekommen. Vor wenigen Tagen hat er die Normandie verlassen. Vor der Église Notre-Dame hängt die Tricolore an ihrem Fahnenmast im Nieselregen. Selbst wie tot. Im einzigen Hotel vor Ort, im Le Pre Marin, stehen die Fensterläden offen. Bettwäsche wird gelüftet.

Es sind die banalen Dinge, die mir den Boden unter den Füßen wegziehen. Die in schwarz gekleidete Trauergemeinde, die Kirchenglocken, der von See aufziehende Nebel, der just in dem Augenblick dicker wird, als Eliane in ihrem Sarg aus dem Portal der Kirche auf den winzigen Friedhof gerollt wird. So hat sie zu funktionieren, eine Beisetzung christlichen Glaubens. Damit komme ich zurecht. Der kaum wahrnehmbare Verkehrslärm von der D925 aber oder die lüftende Bettwäsche, dort im Hintergrund der Szenerie, diese Kleinigkeiten bringen mich zum Weinen. Sie erinnern mich an eine Zeit, in der die Welt eine helle Kontur hatte. Heimat, sie und ich, gemeinsames Bettenmachen sonntagfrüh. Ich könnte versuchen zu Beten. Das wäre mal was, Auge in Auge mit dem großen Manitu reden, ihm die Meinung geigen. Oder um Hilfe bitten. Doch ich habe nicht das Verlangen danach. Der Katholizismus hat mir immer schon Angst eingejagt. Meine eigene Glaubensrichtung ebenso. Ich glaube, Peter Sloterdijk hat es am besten formuliert: jede Religion besteht im Grunde nur aus Schuldgefühlen mit unterschiedlichen Feiertagen. Also, anstatt zu beten richte ich meine Ray Ban. Trotz des bewölkten Himmels trage ich eine Sonnenbrille, sicher ist sicher. Die landeinwärts jagenden Wolken spiegeln sich auf dem polierten Holz des Sargs. Die Erde, die ich als einer der letzten in das Grab werfe, ist nass vom Regen des gestrigen Tages, sie klebt an meiner Hand, und ich habe kein Taschentuch, um sie abzuwischen.

Nicht zum ersten Mal in unserer Beziehung mache ich mir die Hände schmutzig.

Fortan sind Erinnerungen mein Jetzt. Und irgendwo zwischen den Ritzen der Hirnwindungen klettere ich nun seit Wochen umher, gesichert mit einem dicken Kletterseil und mit einer Stirnlampe auf dem Kopf für die besonders fiesen Stellen, in die kein noch so dünnes Funzeln einer Lichtquelle vorzudringen vermag. Das sind die Stellen, vor denen ich mich am meisten fürchte. Gemeinerweise ziehen mich besonders die dunklen Erinnerungen magisch an, mehr als alles andere. Warum erinnern wir uns im Nachhinein so gern an genau das, was wir am meisten bereuen? Was am meisten weh tut?

Deine wuschelige Haarpracht, wenn wir morgens aufwachen. Wie bei einem Löwen. Deine Sommersprossen unterhalb des Schulterblatts. Dein Geschmackssinn beim Abschmecken der Salate.

Mittlerweise ist es Nachmittag. Die Beerdigung ist erst vor wenigen Stunden geendet. Danach bin ich vom Friedhof direkt nach Hause gegangen und in den Wagen gestiegen. Seit dem Erfolg von >Das Fischerboot< fahre ich einen Audi A8, schwarz metallic, 290 PS. Früher war ich arm wie ein Droschkenkutscher, fuhr folglich in Droschken. Dann kamen zwei vage Erfolge. Erst mit meinem Umzug nach Frankreich kam der Durchbruch. Der Bestseller. Das erst erlaubte Eliane und mir das Haus und die Reisen und den Wagen. Anders gesagt: ohne Erfolg wären Eliane und ich wahrscheinlich glücklich, weil wir uns nie begegnet wären. Mit dem Erfolg von >Das Fischerboot< kamen auch die Lesungen in mein Leben. Mit ihnen stellte sich eine Angst ein, von der ich nichts geahnt hatte: die Angst vor dem Leser. Wie so viele Ängste lernte ich erst mit ihr umzugehen, als dies nicht mehr notwendig war. Wie dem auch sein, dank des Bestsellers also der Audi. Auch der Schreibtisch aus Mahagoni, den ich jahrelang wie eine lockende Mohrrübe vor meinem inneren Auge sah, während es noch nicht so gut lief. Im Nachhinein: Geld verdienen ist leicht, Geld ausgeben nicht.

Also, während Elianes Körper die ersten Stunden der Unendlichkeit in einem Grab herumliegt, bin ich mit dem Wagen nach Rouen gefahren. Dort habe ich bei der Bank mein Konto aufgelöst. Die Formalitäten sind bereits seit voriger Woche erledigt. Dennoch der insistierende Blick des Bankiers. Alte Schule. Sportsakko, Schulterklappen, Schnauzbart. Seine Schuhe sind von Berluti. Derweil er meinen Abschied als Kunde des Hauses mit Unterschriften, dem Ordnen von Unterlagen und allerlei Stempeln abwickelt, erzählt er von seinem Weingut. Irgendwo in der Camargue. Dort soll es noch heute Wildpferde geben, wie uns Elianes Vater einmal versichert hat. Wir haben es niemals dorthin geschafft. Einer von vielen unerledigten Plänen. Bertolt Brecht hat es auf den Punkt gebracht:

Ja, mach nur einen Plan

Sei ruhig ein großes Licht

Und mach dann noch n‘zweiten Plan

Gehen tun sie beide nicht

Ich habe die Bank verlassen, danach bin ich noch am Verlagsbüro vorbeigefahren. Nur, um einen letzten Blick auf die hohen Fenster, den Eingangsbereich mit den Gravuren im Stein, die Rosskastanien an der Straße zu werfen. Auch, um die daneben befindliche Buchhandlung noch einmal zu sehen. Heute ist ein Tag, um sentimental zu werden. Nur noch dieses eine Mal, danach nie wieder. Mit dem Wagen bin ich dann über die Landstraße gefahren. Trotz des herbstlichen Wetters habe ich meine Sonnenbrille aufbehalten. Vielleicht zum Schutz, ich bin nicht sicher. Als ich in Richtung Sotteville-sur-Mer abbog, habe ich eine Reklametafel gesehen, auf der ein Slogan stand: »Liebe ist alles.« Ich habe weggesehen und versucht, diesen Satz aus dem Kopf zu kriegen. Zurück im Ort fühlt sich dieser schon nicht mehr an wie eine Heimat. Selbst die Gebäude, die doch seit Jahren dieselben sind, kommen mir fremd vor, als stünden sie in einem Museum. Losgelöst von ihrer Funktion und Vertrautheit. Dann erreiche ich das Haus und trete ein. Niemand zu sehen, niemand zu hören, kein Kochgeruch zu riechen. Das Haus ist so still wie das Arbeitszimmer eines Pfarrers. Die schwarzen Schuhe und den Anzug gegen Wanderstiefel und meine beigen Mantel eingetauscht. Den Mantel, den du so gemocht hast. Jetzt trete ich aus dem Haus.

Unserem Haus.

Jetzt mein Haus.

Wie oft sind wir gemeinsam oder jeder für sich allein durch diese Tür ins Freie getreten? Wie oft musstest du nochmals zurück, weil du etwas vergessen hattest? In den letzten zwei Jahren war es bei mir höchstens die Maske, die ich mal vergaß. Es passierte mir selten, aber wenn, dann eine Maske. Bei dir komischerweise immer etwas anderes, immer irgendwas ‒ nie aber eine Maske. Kleinigkeiten, die mich nun verrückt machen. Jeden Tag. So viele Jahre deine Stimme, dein Geruch, deine Haare, deine Wärme in diesem Haus. Zuletzt ‒ auch das ist wahr ‒ deine Kälte.

Das Ende war uns nicht gut gelungen, beiden nicht.

Ich verlasse das Haus. Ich werde spazieren gehen. Mir ist nach Bewegung. Wenn ich jetzt daheim bleibe, wird das nicht gut gehen. Erst vor wenigen Tagen ist es mir gelungen, erneut mit dem Kokain aufzuhören. Warum etwas riskieren? Also spazieren gehen. Im Übrigen etwas, das seit Beginn dieser komischen Zeit schwer in Mode gekommen ist. Die Cafés? Geschlossen. Die Restaurants? Geschlossen. Die Kinos? Geschlossen. Ob diese Frage vor Beginn unserer neuen Weltordnung jemals so oft gestellt worden ist? »Wollen wir einfach spazieren gehen?«

Ich spaziere die Rue du Bout de Bas entlang, in Richtung Strand. Nach dem Begräbnis und den Blicken der Trauergemeinde brauche ich Raum und Zeit für mich, ohne Augenzeugen. Ich brauche Luft, die Brandung, die Möwen, verstehen Sie? Sie verstehen mich, natürlich tun Sie das. Ich gehe an ein paar Pferden auf der Weide vorbei. Im Grunde war die Beerdigung banal, keine große Sache. Alle Teile der Handlung ein festes Ritual, dem man immer häufiger beiwohnt, je älter man wird. Das Sterben langweilt einen am Ende genauso wie alles andere, denke ich. Eliane hatte ganz Recht, ich bin kein einfacher Mensch. Ein Mensch, der nichts und schon gar nicht sich selbst auf die leichte Schulter nehmen kann. Das trifft es.

Jetzt biege ich auf die Rue de Beaumont ab. Sie verläuft parallel zum Küstenstreifen. Der Wind vom Kanal ist kühl und feucht. In der Ferne verdecken Nebelschwaden den Horizont, so dass es aussieht, als sei er verwischt worden. Gar nicht mehr vorhanden, der Horizont. Ein Citroën Kastenwagen rumpelt über den vom Meersalz angefressenen Asphalt. Ansonsten ist niemand unterwegs. Nur ich und die Meeresvögel. Rechter Hand toben ein paar Möwen. Sieht aus, als würden sie um ein Stück Beute kämpfen, obschon eine von ihnen das Teil bereits im Schnabel trägt. Lautstark gehen sie aufeinander los, bevor sie eine heftige Böe nutzen und weiter in Richtung Dorf abziehen. Nahe beim Kirchturm gehen sie runter und geraten außer Sicht. Ich gehe weiter und als ich den Einschnitt im Deich erreiche, in dem eine Holztreppe hinab auf den Strand führt, schlage ich den Kragen hoch. Der Wind wird heftiger, hier kann man den Herbst deutlich spüren.

Dann begebe ich mich auf den Strand und bleibe stehen. Es ist Flut, kabbelige See und scharfe Böen wühlen den Kanal auf. Aber nicht dramatisch ‒ für Hochwasser ist es noch zu früh im Jahr. Gleichwohl man sich auf die Gezeiten und das Wetter nicht mehr so verlassen kann, wie es noch bis vor zwanzig, dreißig Jahren gewesen sein muss. Wenn man den Alten vor Ort zuhört, kann man nur mit dem Kopf schütteln. Ein Klimawandel, ein Virus, Kriege und Kriegsängste, und Eliane ist tot. Was für eine Welt.

Jetzt meine Welt

Es ist mir, als sei ich Teil dieser Landschaft geworden, die sich in all der Zeit kaum verändert hat. So oft bin ich hier spaziert, allein oder mit anderen. Ich rieche die Luft, das Meer. Salzig, feucht, leicht moderig vom Seetang und angespülten Meerestieren. Dann lasse ich den Blick schweifen. Nur der vernebelte Horizont, die Wellen, davor die Brandungslinie, einige Seevögel, und dann der nach Osten hin zu den Klippen immer schmaler zulaufende Strand. Ganz langsam gehe ich los. Zunächst stur geradeaus in Richtung Brandung. Der Sand ist fest und schwer, dem Regen der vorigen Tage geschuldet, gemeinsam mit dem hohen Pegelstand hat er den Strand hart gewalzt. Von ferne ertönt ein dumpfes Tuten. Das muss die Drei-Uhr-Fähre aus Le Havre sein, gerade einmal eine halbe Autostunde von hier entfernt. Bevor ich hergezogen bin, bildete die Atlantikküste Frankreichs in meinem Kopf eine relativ strenge Nord-Süd-Linie. Das stimmt nicht. Vielerorts zwischen Cherbourg und Abbeville verläuft der Küstenstreifen exakt von West nach Ost. Eine von vielen Lektionen, seit ich herkam. Auch schon wieder neun Jahre her. Wäre ich damals nicht in die Normandie gezogen, wäre Eliane jetzt noch am Leben, denke ich. Aber sicher sein kann man sich bei sowas selbstverständlich nie. Wieder Denken, so viel Denken, darin habe ich Übung.

QU’EST-CE QUE TU PENSES MAINTENANT?

Ihre Frage - nicht jetzt, sondern damals. Wie oft habe ich diese Frage von ihr gestellt bekommen? Und wie oft habe ich nicht die Wahrheit gesagt.

TU SAIS QUE JE T’AIME, NON?

Wusste ich das, wirklich? Ich denke schon, damals schon. Es ist nicht so, als gäbe es sie nicht, die Liebe. Uns hat es gegeben, also wird die Liebe ebenfalls echt gewesen sein. Zumindest für die erste Zeit.

Mich fröstelt, es ist wahrhaftig noch kälter als heute Früh an ihrem Grab. Wenn der Herbst sich ankündigt, darf man nicht am falschen Ende sparen. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben von Kopf bis Fuß durchchecken lassen. Herz, Kopf, Lunge, Blut, Leber, Nieren, Prostata. Die Wunden auf meinem Handrücken waren noch frisch. Der Arzt: ein älterer Herr mit einem schwarzen Pullover von Hermès. Nachdem er begriffen hatte, dass ich trotz meines Namens wirklich französisch beherrsche - »votre français est presque parfait« - ging er ins Detail. Man müsse das so sehen, unser Körper sei eine Maschine. Und das Auto müsse schließlich auch alle paar Jahre durch den TÜV. Neue Reifen, Ölwechsel, Bremsflüssigkeit, selbst Scheibenwischer seien schließlich praktisch. Dann hatte er etwas von Alkohol und Kokain gefaselt und mir Pillen verschrieben. Zuhause habe ich sie in den Müll geworfen. Dann habe ich an Eliane gedacht und die Pillen lieber in der Stadt entsorgt, als ich mit Julien essen ging. Sicher ist sicher, nicht wahr?

Jetzt jagt mir beim Weitergehen ans Wasser ein Schmerz in den unteren Rücken. Scharf wie ein Messer. Seit zwei Wochen rumort es in meinem Körper. Erst war es der Kopf: Migräneanfälle, klaustrophobische Zustände. Der eigene Schädel fühlt sich an wie eine Gefängniszelle. Als Nächstes kam der Magen an die Reihe. Nun also der Rücken. Ich kenne diese Reaktionen. Eine Form von Katalysator. Spätestens eine Woche nach großen Katastrophen zwingt mich der Körper zur Ruhe, damit ich ihm die nötige Zeit zur Anpassung gebe. Mein sprunghafter Geist und mein Achterbahn-Leben haben ihn zu rasch in diese neue Lage katapultiert.

Doch am Ende zählt nur er.

Der Körper gewinnt immer.

Jetzt erreiche ich die Brandungszone. Der Erdboden hier ist nochmals ein gutes Stück härter als am Strand. Unter meinen Schuhen fühlt er sich an wie Beton, genauso hart und unnachgiebig. Mit meinem schmerzenden Rücken schaffe ich es nur langsam, in die Hocke zu gehen, doch als ich diese Position erreicht habe, ertasten meine Hände das Wasser der heranrollenden Wellen. Kalt und schaumig, die kabbelige See hat den Untergrund des Kanals aufgewühlt. Merkwürdig, wie unterschiedlich ein und dasselbe auf uns wirkt, je nachdem wie wir uns fühlen. Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren auf dieses Meer geschaut und es hat mich beruhigt, erfreut, mir den Kopf aufgeklart, wenn ich beim Schreiben nicht vorankam? Jetzt macht es mir Angst. Alles macht mir Angst.

Eliane und ich sind gern zusammen spazieren gegangen, in den ersten Jahren. Lange Stunden, bei Wind und Wetter. Oft haben wir dabei kaum geredet, es genügte, schweigend die Elemente zu teilen. Während sie ins Land gingen ‒ die Wochen, die Monate, schließlich die Jahre ‒ verkehrte sich diese Übereinkunft in ihr Gegenteil. Heute weiß ich, das ist normal. Kein Grund zur Trauer, der Lauf der Dinge. Wir leben in getrennten Welten, nur scheinbar vereint. Nichts Bleibendes verbindet uns. Es bedarf der gemeinsamen Arbeit, um sich zu verständigen. Letztlich eine Kraftanstrengung unter vielen. Das Leben bewältigen, den Alltag, die Liebe: Arbeit. Widerlich, nicht wahr? Aber verstehen Sie, was ich meine? Natürlich tun Sie das. Alle Beziehungen sind Verhältnisse auf Zeit, alle Verbindungen vorübergehend.

Ich wende mich ab vom Meer und gehe weiter, unweit der Brandung über den harten Sand. Neun Jahre, denke ich bei mir, herrje:

Neun Jahre

2

Pourquoi la France?

So oft hast du mich das gefragt. Die Antwort hängt mit meiner Geschichte zusammen und mit meiner Mutter. Du hast meine Mutter nie kennengelernt, Eliane, ob ihr euch gemocht hättet, weiß ich nicht zu sagen. Dein Leben war in vielerlei Hinsicht härter als meines, auch wenn ich mir mit dem Schreiben keine einfache Aufgabe gestellt habe. Aber der Reihe nach.

Wer bin ich eigentlich? Ich denke, Sie haben ein Recht, das zu fragen. Ich will es Ihnen sagen, wenn auch im Vertrauen.

Mein Name ist Benjamin Rosen. Geboren wurde ich 1975 in Lübeck, Schleswig-Holstein. Ich entstamme einer jüdischen Familie. Und diese Fakten genügen doch schon, um nicht stimmen zu können, nicht wahr? Ein Herr Rosen, jüdischen Glaubens, aus Lübeck. Wie hätte ich nicht Schriftsteller werden sollen. Dabei mochte ich Bücher früher überhaupt nicht. Es war die Musik. Immer. Ich liebte Musik, aber Musik liebte mich nicht. Vieles wurde versucht: Xylophon Unterricht mit vier, Blockflöte mit sechs, Klavier mit neun. Als ich mit siebzehn nach Frankreich umzog und das Klavierspielen aufgab, konnte ich ganze fünf Mozart-Sonaten und die einfachsten Melodien von Bach. Aber sonst? Für Beethoven fehlte es mir an Emphase, für Schönberg an Intelligenz, für Chopin schlicht an allem. Also doch die Literatur.

Meinen Vornamen empfinde ich Zeit meines Lebens als merkwürdig. Er scheint nicht zu meinem Familiennamen zu passen, auch nicht zu meiner Familie. Sicher, es gibt schlimmere Namen. Adolf wäre noch unpassender gewesen. Gibt es Menschen, die heutzutage in Deutschland so getauft werden, werden dürfen? Erst, wenn es wieder Adolfs gibt, haben wir den Zweiten Weltkrieg wirklich hinter uns. Aber dafür wäre der Dritte Weltkrieg nötig, was heißt, dass es in Deutschland tatsächlich für immer vorbei ist mit den Adolfs. Ich habe zwei Brüder, beide älter. Sie leben ihr Leben, ich lebe meines. Wenn wir uns alle Jubeljahre irgendwo auf einem Geburtstag in der Verwandtschaft oder einer Beerdigung begegnen, dann geben wir uns die Hand wie Herren, die sich zufällig im Park treffen. Mehr nicht. Marcus lebt in den Vereinigten Staaten, irgendwo in Maine. Er arbeitet als Anwalt. Christopher lebt in Österreich, nahe Salzburg. Er hat das musikalische Talent unserer Mutter mitbekommen, dazu ein überwältigendes Gehör. Heute arbeitet er als Orchestrator am Mozarteum. Ich wurde der Schriftsteller der Familie. »Wenn ein Schriftsteller in eine Familie geboren wird, dann ist die Familie am Ende«, hat der polnische Literaturnobelpreisträger Czeslaw Milosz gesagt. Gäbe es meine beiden Brüder nicht, träfe dies für Familie Rosen in der Tat zu.

Das Judentum blieb mir zeitlebens verborgen, meine Eltern waren nicht praktizierend. Nur einmal hatte ich in Hinblick auf meine kulturellen Wurzeln und der Frage, inwieweit ich ein »jüdisches Leben« leben sollte, eine Diskussion. Geführt habe ich sie mit Onkel Felix, dem einzigen Bruder meines Vaters. Onkel Felix war im Grunde der einzige Mensch in der Familie, dem die Religion wirklich am Herzen lag und der regelmäßig die Synagoge besuchte, alle Feiertage einhielt und mit Rabbis sprach. Mit Mitte zwanzig - auf der Taufe meines ältesten Neffen ‒ verhörte mich mein Onkel zu meinem Glauben, oder besser Nicht-Glauben. Um der Jude zu sein, der ich nun einmal sei, erklärte ich ihm, sei es weder nötig, in einer jüdischen Nation zu leben, wie er es als junger Mann in Erwägung gezogen hatte, noch dreimal am Tag in einer Synagoge zu beten oder meine Kinder ‒ sofern ich welche haben würde - an den Initiationsriten des jüdischen Glaubens teilhaben zu lassen. Damit wolle ich nicht ausdrücken, dass ich mich meiner Herkunft schäme, im Gegenteil. Gleichwohl sei dies nicht mein Weg, und dies wäre nicht anders, wäre ich zufällig in eine römisch-katholische, muslimische, taoistische oder Pygmäen-Familie geboren worden. Meine Heimat liege weder in der Wüste Negev noch in den Hügeln von Galiläa, meine Heimat sei die Ostseeküste, oder - genauer gesagt - jedwede Küstengegend irgendwo auf der Welt, das Meer eben, und darüber hinaus die Literatur. Mein heiliger Text sei nicht die Bibel, sondern Romane, meine Fürsprecher seien keine Rabbis, sondern Sartre, Mann, Hesse, Proust, Christie, Roth und all die anderen. All das setzte ich Onkel Felix auseinander, so gut es eben ging, und noch bevor er ernsthaft widersprechen konnte, hatten zwei Flaschen eines hervorragenden Beaujolais uns derart träge und handzahm gemacht, dass ich mit einem (verbalen) blauen Auge davonkam.

Unsere Eltern hatten sich auf der alljährlichen Segelregatta in Grömitz kennengelernt. Mein Vater ‒ Philip Rosen ‒ stammte aus Oberschlesien, von wo meine Großeltern in Richtung Dänemark flüchteten, kurz bevor die Nazis Polen überrollten. Fünf Jahre nach Kriegsende erworben sie ein reetgedecktes Haus an der Lübecker Bucht. Und meine Mutter? Sie war zwölf Jahre jünger als mein Vater und wuchs gemeinsam mit ihren vier Schwestern im Saarland auf, als Tochter eines Bäckermeisters und einer Hausfrau. Wann immer genug Zeit und Geld übrig war, machte ihre Familie Ausflüge in das nur einen Katzensprung entfernte Frankreich. Dank meiner Mutter war ich begabt für Sprachen. Ab der siebten Klasse lernte ich Französisch, und es fiel mir leicht.

Es heißt, jedes Leben weise im Rückblick ein paar entscheidende Einschläge auf, und genau wie die Mondoberfläche behält es daraufhin Krater und Furchen zurück. Meine Furche entstand mit fünfzehn, als mein Vater von einem Segelturn auf der Ostsee nicht mehr zurückkehrte. Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Olaf war er Mitte Oktober in Richtung Bornholm unterwegs, als ein plötzlicher extremer Wetterumschwung mit Sturmböen das im Grunde tadellos hochseetaugliche Schiff zum Kentern brachte. Beide Leichen wurden drei Wochen nach dem Unglück am südlichsten Zipfel der dänischen Insel Mon entdeckt. Meinem Vater fehlten zwei Drittel des Gesichts, die Haut hatte sich durch das Salzwasser vom Knochen gelöst. Bis heute träume ich manchmal davon, wie ich an einem Strand entlangspaziere und plötzlich steht mein Vater vor mir. Lebendig und atmend, aber ohne Gesicht. Genau dann wache ich auf und nichts hilft mehr.

Meine Brüder standen zu dieser Zeit bereits fest im Leben, hatten die schulische Laufbahn beendet. Ich selbst blieb in jenem Jahr sitzen, was meine ohnehin mäßigen Leistungen auf dem Gymnasium weiter in die Tiefe riss. Zwei Jahre nach dem Tod meines Vaters hatte meine Mutter einen Franzosen kennengelernt und sich entschlossen, zu ihm in die Nähe von Lyon zu ziehen. Sie nahm mich mit ‒ ich war erst siebzehn und durfte noch nicht selbst entscheiden. So kam ich zum ersten Mal nach Frankreich. Es war die Hölle. Als deutscher Jude unter französischen Jugendlichen. 1991 ‒ in Deutschland wurde soeben die Einheit abgewickelt. Gefeiert wäre zu viel gesagt. Und die ständige Frage: warum zieht ihr denn jetzt nach Frankreich? Was soll das? Die kleine Stadt Vienne mit dem großen Lycée, auf dem ich mich so quälen musste, die kulturellen Unterschiede und der Stempel des hinzugezogenen Fremden waren eine harte Schule. Doch es dauerte nur ein Jahr, dann hatte ich mein Französisch und meinen Körperbau trainiert, hatte Anschluss gefunden und fühlte mich selbstbewusst genug, um zu funktionieren. Es konnte losgehen: das Leben.

Erste sexuelle Erfahrungen, erste schlechte Prosa. So gut ich Französisch sprach, so schlecht konnte ich es schreiben. Also doch auf Deutsch. Die Entfernung zu meinem Heimatland hatte mir seine Sprache ans Herz wachsen lassen. Wie frei man auf Deutsch schreiben konnte! Zu meinem Baccalauréat, das ich sogar mit »gut« abschloss, schenkte mir meine Mutter einen dunkelblauen Anzug von Brioni. Der Weg zum Schriftsteller würde lang ‒ aber mithilfe des Anzugs war ich bereits mit neunzehn ein Schriftsteller-Darsteller. Mich selbst belohnte ich nach dem Schulabschluss mit einer Reise durch Asien, von Indien bis nach Indonesien. Als ich vier Monate später pleite und ausgezerrt von einer Cholera-Infektion nach Europa zurückkehrte, verkrachte ich mich unwiderruflich mit dem Partner meiner Mutter und ging zurück nach Deutschland. In Frankfurt studierte ich sechs Semester Kunstgeschichte an der Goethe Universität. Dies war letztlich pro forma: im Grunde nutzte ich die drei Jahre, um Nacht für Nacht zu schreiben. Mitte der 90er hatte ich das Studium in den Sand und dafür ein erstes Buch in die Welt gesetzt. Das war schon allerhand. Die meisten Leute begreifen nicht, wie schwierig es ist, sein Buch überhaupt in den Buchhandel zu bekommen. Die Zahl der Autoren ist zwar nahezu unbegrenzt, die Räumlichkeiten der Buchläden sind es jedoch nicht. Der Kurzgeschichten-Band >Von damals bis heute und wieder zurück< wurde in einem kleinen, aber anerkannten Verlag aus München veröffentlicht. Die Kritiken waren mäßig bis in Ordnung, in der Schule hätte man von einer 3- sprechen können. Ich hingegen kam mir vor, als hätte ich es geschafft, und warf mich mit allem was ich hatte in das Schreiben. Ich hatte endlich ein Buch in der Hand, das meine Bemühungen rechtfertigte.

Auf der Universität hatte ich Susanna kennengelernt und wir hatten uns verliebt. Weil sie aus der Nähe von München stammte und ich den direkten Kontakt zum Verlag für vorteilhaft hielt, bezogen wir eine kleine, aber geschmackvoll eingerichtete Altbauwohnung in der Nähe des Englischen Gartens. Sie besaß einen Balkon, von dem man den Kirchturm der St. Ludwigs Kirche beinah anfassen konnte. Fortan vertonten die Kirchenglocken unseren Tagesablauf: ein Schlag zur Viertelstunde, zwei Schläge zur halben, drei zur Dreiviertel und zur vollen Stunde ein Schlag und daraufhin die Anzahl Schläge der jeweiligen Uhrzeit. Alsbald hatten wir einen riesigen und aktiven Freundeskreis. Susanna verdiente nicht schlecht als Bankkauffrau, ich verdiente schlecht mit Büchern. Der riesige Vorteil einer Bankkauffrau als Partnerin: das tagsüber eng angelegte Korsett der beruflichen Welt wurde Abend für Abend gegen ein Bohème-Lotterleben eingetauscht. Im Grunde perfekt, wenn man nicht schreiben müsste. Ursprünglich schwebte mir vor, die Zeit zwischen 9 und 12 Uhr sowie zwischen 15 und 18 Uhr am Schreibtisch zu sitzen. Daraus wurde herzlich wenig. Da waren die Glocken, der Kater vom Vorabend, die Freunde, der nahgelegene englische Garten und ‒ als wäre das nicht genug Ablenkung ‒ die zunehmenden Kämpfe gegen die Kritik. Auf den Kurzgeschichtenband war ein erster Roman gefolgt, und die wenigen Rezensionen warfen mir »Deutschlandhass« vor. Das einem Juden entgegenzuschleudern war schon allerhand,