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Robert ist zwanzig und soeben von zu Hause ausgezogen. Die erste eigene Wohnung, die neue Stadt Kassel, die Uni, die neuen Gesichter. All das wäre Grund genug, nervös zu werden. Doch für Robert gibt es noch einen Grund mehr. Der Grund heißt Hannah. Und Hannah ist in ihm immer mit dabei.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Gewidmet dem Eichhörnchen von gegenüber
Nur weil ich paranoid bin, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht trotzdem hinter mir her sind.
- Jüdisches Sprichwort
Alle im Folgenden beschriebenen Personen und
Handlungen sind frei erfunden. Abgesehen von Personen
des öffentlichen Lebens, die Erwähnung finden.
Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist völlig
unbeabsichtigt.
Hauptbahnhof um 07 Uhr 24
Mündliche Beteiligung
Butterkuchen und belegte Brote
Anadolu II
Feuerzangenbowle
Lippenstift
Sie haben noch zehn Minuten
Ein sonniger Tag
Minus mal minus
Lieber eine Karaffe
Wenn einer geht
Kurzschluss
Einzelzimmer
EIN TROPFEN ALLEIN macht noch keinen Regen. Das Fallen der ersten Tropfen ist nur der Aufgalopp. Bis es richtig losgeht, hast du noch Zeit, dir einen Schirm zu packen oder unter das nächstbeste Dach zu hasten. Oder du machst nichts von alledem, sondern ignorierst den Regen. Nur irgendwann, wenn dir die Nässe den Kragen aufweicht und die ersten Tropfen den Rücken herabrinnen, ist es zu spät. Du kannst es nicht mehr ignorieren. Er ist unweigerlich da, der Regen, und irgendwie musst du dich mit ihm arrangieren.
Montagmorgens schien es besonders häufig zu regnen. Es war, als wollte sich das Wetter in die Stimmung der Menschen einmischen und diese mit einem nassen Feudel noch etwas einweichen, bevor sie in die Schulen, Büros, Fabriken und Universitäten gewischt wurden. Robert konnte sich nicht helfen, doch diese frühmorgendliche Regenstimmung schien dem Vorplatz des Osnabrücker Hauptbahnhofs wie auf den Leib geschnitten. Der gepflasterte Halbkreis mit dem Vordach, die zwei Parkstreifen – einer für Taxis, der andere für private PKW – das hässliche Ungetüm mit dem Kino, dem Fitnesscenter und Mc Donald’s, und am anderen Ende die Bushaltestelle, an der bis zum Bersten mit Schülern und Pendlern gefüllte Gelenkbusse ihre Ladung auf den Vorplatz ausschütteten, als verstreue jemand Brot für die Tauben. Ein Konglomerat des alltäglichen Grauens, eine Spielwiese für die Ängste, Befürchtungen und Neurosen, die mit dem Beginn einer neuen Arbeitswoche einhergingen. Für den morgendlichen Fluchtweg zum Hausarzt, der stets mit dem erfolgreichen Wedeln eines gelben Scheins an sein ultimatives Ziel gelangte, war es zu spät, und außerdem war es nicht mehr ganz so schlimm wie in einigen Jahren auf dem Gymnasium, als jeder einzelne Tag, jede einzelne Stunde inmitten dieses Dreckspacks in der Schule der Überquerung eines Minenfeldes glich, und einem solchen ging man – sofern es irgendwie möglich war – besser aus dem Weg. Da half der nette, nicht viele Fragen stellende Hausarzt im Heimatort allemal, denn sein Abnicken der zweifellos vorhandenen, wenn auch mal mehr, mal weniger starken Symptome, die Robert aufwies, bedeutete mindestens zwei, oftmals sogar noch mehr Tage Aufschub, Durchatmen, Verstecken vor der Welt.
Ach, war das lange her. Gerade mal zwanzig Jahre alt und schon eine Vergangenheit hinter sich herschleppen, so fängt es an, dachte Robert, und bevor man sich versieht, ist man genauso wie die eigenen Eltern. Gedankenverloren nahm Robert sein just bestelltes Croissant und einen gefüllten Kaffeebecher entgegen, schlenderte hinüber zu dem kleinen Seitentisch mit dem Kaffeezubehör und versuchte mehr oder weniger erfolgreich, den Plastikdeckel auf den Becher zu zwängen. Wie immer wollte dieser nicht so ganz passen, stets klappte die eine Seite wieder hoch und sobald man sie niederdrückte, erhob sich die Gegenseite, und so begann diese Woche schon mal genauso nervtötend wie die vorherige. Gestresst klemmte Robert den Deckel mit dem Daumen der rechten Hand zu, während ihm der Kaffee durch die kaum isolierende Pappummantelung des Bechers die Handfläche verbrühte. Unruhig ergriff er mit der Linken seinen Rollkoffer und hetzte zu den Gleisen. Der Osnabrücker Hauptbahnhof war ein Kreuzbahnhof. Von Nord nach Süd verliefen die Gleise zwischen Hamburg und Köln, von Ost nach West zwischen Berlin und Amsterdam. Kassel war von hier aus nicht direkt zu erreichen, weshalb Robert Woche für Woche in Hannover umsteigen musste. Also erstmal runter zum Gleis 11, in den Keller des Bahnhofs. Bevor er die Rolltreppe erreichte, hielt ihn eine Mädchenhand am rechten Arm fest.
»Robert?«
Es war Julia, die wenige Monate zuvor mit ihm Abitur gemacht hatte und zu den wenigen Mitschülern gehörte, denen er nicht mit Ablehnung begegnet war. Sie war jahrelang eine der Klassenschönheiten gewesen und hatte ihre optischen Vorzüge im Verlauf der beiden Jahre vor dem Abitur endgültig perfektioniert. Sie sah fantastisch aus. Regen, Kaffeebecher, Montagmorgen – das alles hatte kaum eine Chance gegen das charmante Lächeln, das Julia ihm zeigte.
»Oh Moin, Julia. Was machst du denn hier?«
Gigantisch kluge Frage, schoss es ihm durch den Kopf, was macht jemand wohl am Hauptbahnhof, montagmorgens um kurz nach sieben.
»Ich muss nach Bremen, zurück zur Uni. Und selbst?«
»Ich muss nach Kassel. Auch zurück zur Uni.«
Julia lachte, bevor sie stutzte.
»Kassel, hm? Wieso bist du denn ausgerechnet dorthin gegangen?«
»Ja nun«, seufzte Robert, der sie genaugenommen dasselbe hätte fragen können, wie er für einen Sekundenbruchteil überlegte, »das war die einzige Uni ohne NC, die mich genommen hat.«
»So kann’s gehen«, sagte sie und blickte ihn prüfend an.
»Was ist los?«
»Ach«, sagte sie und machte eine irritierte Pause, »ich dachte kurz, dass ich … naja, dein Mund sieht fast aus, als hättest du Lippenstift aufgetragen. Hast du noch einen Abschiedskuss von deiner Freundin bekommen, oder was?« Worauf sie erneut lachte, und dies arg übertrieben, wie Robert fand.
»Äh, nein. Ich habe gar keine Freundin.«
»Na dann, vielleicht ja auch das komische Licht hier.«
»Ja, so wird es wohl sein«, murmelte er. »Und du pendelst jetzt auch jede Woche nach Bremen und zurück?«
»Genau. Mal sehen, wie lange das so geht. Mindestens noch so lange, bis ich in Bremen mehr Freunde habe und so. Kennst du ja selbst.«
»Ja, das stimmt. Also dann, ich muss zum Zug. Vielleicht sehen wir uns ja nächsten Montag wieder.«
»Genau. Oder vielleicht am Freitag, wenn wir wieder eintrudeln.« Sie umarmte ihn und sagte dann freundlich:
»Tschüss, Robert. War schön, dir mal zufällig über den Weg zu laufen.«
Dann war sie auch schon verschwunden, und Robert wechselte den Kaffeebecher irritiert und mit Herzrasen von der einen in die andere Hand. Instinktiv kniff er die Lippen zusammen, bis nur noch schmale Schlitze sichtbar blieben, fast so, als wenn man einen Reißverschluss zuzieht. Komisch, dachte er, während er die Rolltreppe nahm und danach durch die Menschenmenge zum Gleis 11 schritt, in der Schule schien Julia nie erfreut, mich zu sehen. Heute sieht man sich ein halbes Jahr später am Bahnhof und auf einmal umarmt sie einen. Was sollte das nun wieder bedeuten?
das nächste mal darf ich nicht vergessen, mir die Lippen
abzuschminken. so etwas darf mir nicht passieren
Der Bahnsteig war rappelvoll und da er wie immer auf eine Platzreservierung verzichtet hatte, stellte Robert sich bereits auf eine anderthalbstündige Fahrt auf dem Koffer sitzend ein, zumindest bis Hannover würde es kaum anders gehen. Komischerweise war ihm das ohnehin lieber. Entweder er ergatterte einen leeren Zug, in dem sich eine freie Auswahl der Plätze bot, oder er mied bewusst den zu engen Kontakt zu fremden Fahrgästen. Seit jenem Tag vor etwa sechs Jahren konnte er andere Menschen kaum noch ertragen, andauernd fühlte er sich beobachtet, kontrolliert, bewertet, und alles in allem schien es ihm nur eine Frage der Zeit, bis jemand mit dem Finger auf ihn zeigen und rufen würde: »Aha, DAS also stimmt nicht mit dir. Du bist doch nicht normal!«
Normal, was war das eigentlich? Gab es einen solchen Zustand überhaupt? Robert konnte sich kaum noch an die Zeit erinnern, bevor er anders als all die anderen geworden war. Komischerweise waren alle Facetten seines Lebens bis zu jenem Einschnitt derart normal, derart durchschnittlich gewesen, dass es lange Zeit unmöglich schien, sich jemals in Gesellschaft fremder Leute unsicher zu fühlen. Aufgewachsen war Robert in einem kleinen Ort im Osnabrücker Land. Wiesen, Felder, eine Kirche und ein Rathaus mit Geschäften, Wohnhäusern und weiter draußen Bauernhöfen rundherum, das war im Wesentlichen die Kulisse seiner Kindheit gewesen. Hinter den Gehöften folgten erste Ausläufer des Waldes, die zum Wandern, Toben, Natur erkunden einluden. Robert war ein Einzelkind. Das Fehlen einer Schwester oder eines Bruders war dank der behüteten Umgebung aber nie ein Thema gewesen. Robert war ein stilles Kind, aber kein Außenseiter. Schon im Kindergarten fand er die ersten Freunde, und diese Entwicklung setzte sich mit der Einschulung fort. Lange war Robert ein kleiner Junge. Noch mit dem Wechsel von der Grundschule auf das Gymnasium gehörte er zu den kleinsten Jungs der gesamten Schule. Mit dem Einsetzen der Pubertät schoss er dann jedoch rasch in die Höhe. Mit fünfzehn, sechzehn war er knapp über einen Meter achtzig groß, hatte einen leichten Bauchansatz, ansonsten aber eine normale, unauffällige Figur. Sein Haar wuchs ihm in einem dunkelbraunen Ton, der an Kastanien im Frühherbst erinnerte, leicht wuschelig und mit einem zaghaften Ansatz von Löckchen auf dem breiten Kopf. Seine Augen besaßen einen unauffälligen Grünton, in etwa wie das Grün der Dollarscheine in Amerika. Er hatte ein normales Verhältnis zu seinen Eltern gehabt, obschon sich immer eine leichte Distanz darüber abgelagert hatte. Mit seiner Großmutter, die ebenfalls bei ihnen in dem zweistöckigen Siedlungshaus wohnte, kam er viel leichter zurecht, auch, weil die alte Frau ihm niemals ernsthaft in sein Leben hineinredete. Und als seine Welt sich dann mit vierzehn vom einen auf den anderen Tag schlagartig um hundertachtzig Grad gedreht hatte, war auch sein Wesen auf links gezogen worden, wie bei einem Pullover, der nach dem Ausziehen die Innenseite außen trägt. Äußerlich war Robert weiterhin durchschnittlich und unauffällig. Innerlich hingegen war er niemals mehr derselbe, fühlte sich niemals mehr normal.
Der Auszug von Zuhause und der Beginn des Studiums machten ihm daher große Angst. Zugleich musste Robert zugeben, dass dieser Neubeginn auch eine riesige Chance bot, aus dem tristen Kämpfen der letzten sechs Jahre auszubrechen und zum ersten Mal im Leben auf eigenen Füßen zu stehen. Nicht selten – besonders, wenn es ihm mal wieder für ein paar Tage besonders schlecht ging – dachte Robert an Szenen und Ereignisse seiner Kindheit zurück, und dann fragte er sich, ob es damals wirklich alles leicht und normal gewesen war, oder ob er sich das nicht viel mehr im Nachhinein eingeredet hatte. Häufig dachte er dann an diesen einen Urlaub an der Ostsee zurück. Er musste so sieben oder acht gewesen sein, und tagsüber verbrachten seine Eltern und er unzählige Stunden am Strand. Während sein Vater Fotos schoss oder weit raus schwamm in das kühle Wasser der Lübecker Bucht, und seine Mutter auf einem ausgebreiteten Handtuch saß und Kreuzworträtsel löste, hastete er selbst durch die flachen Ausläufer der harmlosen Brandung und scheuchte die dort nach Fischen suchenden Möwen auf. Er hatte es geliebt, wie die Vögel kreischend Reißaus nahmen und dann wieder an ihren vormals eingenommenen Flecken Wasser zurückkehrten. Ja, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, waren das womöglich die leichtesten Tage seiner Kindheit gewesen. Nur was kam dann? Wie war er von dort nach hier gekommen? Und wo war sie geblieben, jene Normalität?
Eine Durchsage schallte über den zugigen Bahnsteig und holte Robert wieder zurück in den Montagmorgen.
»Achtung, auf Gleis 11 fährt ein der Inter City Rügen auf dem Weg nach Berlin Hauptbahnhof mit Halt in Minden, Hannover, Berlin Spandau.«
Hektik übernahm die ohnehin wuselige Menge ringsum, doch Robert machte diesen Firlefanz gar nicht erst mit. Sollten sie nur hetzen. Die Endlosschleife deutschen Bahnreisens: Anschluss am selben Bahnsteig, direkt gegenüber, beachten Sie bitte auch die Lautsprecherdurchsagen vor Ort, »erst mal schön die Leute aussteigen lassen, ja, wir haben es ALLE eilig, guter Mann« … trister Alltag in einem tristen Monat. Es war die erste Novemberwoche. Erst zwei Wochen waren verstrichen, seit ihn sein Vater mit dem Wagen in Kassel abgeliefert hatte, tags darauf war sein Studium offiziell losgegangen. Zwei Wochen, also zehn Werktage, und genau, weil dies nicht allzu viel Zeit war, kam es ihm vor, als wäre er immer noch in einer wattierten Nicht-Realität gefangen, eingezwängt zwischen der alten Heimat mit dem immer noch von ihm bewohnten Jugendzimmer im Hause seiner Eltern und der Großmutter und jener neuen, kleinen und eher ungemütlichen Wohnung im grauen Kassel. Kassel, das war schon eine gewisse Ironie, dachte Robert, während der Zug quietschend an Gleis 11 einrollte, seine Fahrt verlangsamte und in qualvoller Langsamkeit, die im krassen Gegensatz zur allgemeinen Hektik der Wartenden vonstattenging, zum Halten kam, die Türen nach weiteren peinigenden Sekunden behutsam geöffnet wurden und die Leute wie wahnsinnig gewordene Lämmchen, die erstmals seit Tagen hinaus auf die Weide dürfen, in den überhitzten, stickigen Zug drängten. Die Ironie bestand darin, vom Landkreis der Stadt Osnabrück in die Stadt Kassel zu ziehen, und es fragte sich schon, ob so ein Schritt nicht zu kurz geraten war, um in den nächsten Lebensabschnitt zu treten, ja, ob für eine wahre Veränderung im Leben nicht der Schritt in eine der beliebten Großstädte vonnöten gewesen wäre, nach Berlin, Hamburg, Köln oder München, wenn nicht sogar ein FSJ oder Praktikum im Ausland, wie es eine der anderen drei schönsten Frauen seines Jahrgangs jüngst in die Tat umgesetzt hatte. Für Robert schien ein solcher Schritt nicht drin, empfand er doch bereits den Vorplatz des Osnabrücker Hauptbahnhofs als wuselig und bedrohlich. Es ließ sich nicht leugnen, Städte per se machten ihm Angst und sorgten mit ihren Müllhaufen, den Alkoholikern und Flaschensammlern, den Kneipen und dem nach Aktionismus schreienden Nachtleben in seinem Inneren für eine Blockade, der er nicht Herr zu werden wusste. Diese merkwürdige Stadt namens Kassel, in der er Zeit seines Lebens nicht einen Schritt getan hatte, sollte nun also für mindestens – man konnte ja nie wissen, wie das mit der Uni und dem Leben so weiterging – drei Jahre seine Heimat sein. Das war verrückt, das schien ihm wie ein schlechter Scherz, und trotzdem bestieg er nun diesen Zug in Richtung Hannover, um dort in den ICE mit Halt in Kassel Wilhelmshöhe umzusteigen. Verrückt war das.
Anders als erwartet war der Zug gar nicht sehr voll, er war in Bad Bentheim gestartet und in Anbetracht der dürftigen Besiedlung der Grenzregion nahe den Niederlanden waren vor Osnabrück kaum Fahrgäste zugestiegen, so dass Robert im zweiten Wagen, den er durchschritt, zwei freie Plätze direkt vor der elektrischen Schiebetür zum Abteilabschnitt fand, seinen Rollkoffer auf die Ablage über den Sitzen wuchtete und sich seufzend auf den Fensterplatz fallen ließ. Die übrigen Plätze boten ein Jammerbild, das Bild eines typischen deutschen Wochenbeginns: zu spät kommende Bundeswehrsoldaten, die in olivgrüner Montur – teils mit Schiffchen auf dem kahlrasierten Schädel – missvergnügt und hie und da gar panisch blickend auf dem Weg in die Kaserne waren. Junge Frauen und Männer mit Laptops oder Ordnern voller Papiere auf den Knien, wie er selbst vermutlich auf dem Weg in eine der vielen überfüllten Universitäten. Ehepaare höheren Alters, die ihren Ruhestand dazu nutzten, nun eben nicht Ruhe zu geben oder in Ruhe zu stehen, sondern um mit einer Bahncard 50 – die Bahncard 100 (auch Black Mamba genannt) war preislich für ihre dürftige Rente unerreichbar – durch die Republik zu hetzen, um Verwandte zu besuchen, den Kindern in ihrer neuen Heimat auf die Nerven, oder im Harz, an der Ostseeküste oder in den Alpen wandern zu gehen. Dazwischen schlecht gekleidete wie auch gelaunte Männer mittleren Alters - teils im Anzug, teils in abgerissenen Jacken - die auf ihrem Weg zur Arbeit waren, Pendler, die zwischen Osnabrück, Minden und Hannover hin- und her fuhren und ihr hart verdientes Geld Wochenende für Wochenende im Baumarkt für neue Fußleisten, Arbeitsflächen für die Küche oder Klobrillen auszugeben hatten, während in den Fernsehgeräten dieser riesigen Ladenhallen gruselige Hilf-dir-selbst-dann-hilft-dir-Gott Videos mit der stets gleichen, männlichen Stimme in Endlosschleife spielten, deren O-Ton in etwa so klang:
»Jetzt können Sie die überstehenden Kanten ganz einfach mit einer Metallsäge abtrennen. Möchten Sie auf Stoßverbinder verzichten, müssen Sie Ihre Sockelleisten auf Gehrung, das heißt im entsprechenden Winkel, zuschneiden. Hierzu benötigen Sie eine Gehrungsschneidlade und die Fuchsschwanzsäge oder eine Gehrungssäge, die Sie für das Verlegen der Sockelleisten in Räumen mit Ecken im 90-Grad-Winkel auf einen 45-Grad-Winkel einstellen. Sockelleisten, die an Kanten enden, schneiden Sie ebenfalls entsprechend auf Gehrung im 45-Grad-Winkel zu. Wenn Sie nach den folgenden 120 Minuten noch ansprechbar sind, drehen Sie die Bundesligakonferenz im Radio lauter, um Ihr Schreien zumindest akustisch zu übertönen.«
Ein Potpourri an Alltagsschicksal, im Grunde war es das, was Robert sah, als er seinen Blick durch den Waggon schweifen ließ. Fortan gehörte er dazu, fortan saß auch er Woche für Woche mittendrin in dieser Heerschar, er war zu einem Pendler mutiert, der zwischen den Welten kreuzte, zu jemandem, der nun zwei Wohnsitze hatte, und der unbedingt daran denken musste, im Rathaus zu Kassel seinen Erstwohnsitz anzumelden. Er zog den Reißverschluss seines Rucksacks auf, um das Notizbuch hervorzukramen, in dem er sich alle wichtigen Termine aufzuschreiben pflegte. Es war die Zeit vor den Smartphones und den Kalender-Apps, noch schrieb man sich SMS und telefonierte … das war’s dann aber auch. Seine Hand tastete an der Wasserflasche und der Mütze vorbei und er meinte schon, den Stift gefunden zu haben, als er bemerkte, dass es Hannahs Lippenstift war. Wie von einem Stromschlag getroffen zuckte seine Hand instinktiv zurück. Robert atmete tief durch und spürte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht fuhr. Dann fand er, wonach er gesucht hatte und zog den Rucksack energisch zu. Was er alles zu tun hatte! Wohnsitzanmeldung, den Hausmeister bitten, sich die (scheinbar defekte) Heizung anzusehen, die ersten zwei Referate vorbereiten, und dann waren da ja noch die vielen neuen Gesichter gewesen, er hatte sich nur wenige Namen merken können – unter anderem waren ihm Gustav und Ludwig im Gedächtnis geblieben – und nun galt es, den sozialen Kreis zu erweitern und diese merkwürdige erste Phase in der ungewollten neuen Stadt mit Kontakten zu füllen, auf dass es ihm leichter fiele, dort zu leben. Oder zumindest zu studieren, zu wohnen und freitags wieder zum Pendler zu werden.
In Hannover hatten sie bedingt durch eine – wie es hieß - Signalstörung hinter Minden satte achtzehn Minuten Verspätung, so dass Robert zum nächsten Gleis hastete, um den Anschlusszug nicht zu verpassen. Wie so oft stellte sich jeglicher Stress als vergeudet heraus, sein ICE hatte sogar fünfundvierzig Minuten Verspätung. Also noch einen Kaffee von einem überteuerten Bahnhofsbäcker besorgen, wieder die Münzen zählen, wieder den Kampf mit dem Pappdeckel verlieren. Im Gegensatz zum ersten Zug war der ICE wirklich überfüllt, so dass Robert im Eingangsbereich vor einer der Türen auf seinem Koffer Platz nahm und ohne Blickkontakt zur Außenwelt in einem Roman von Nick Hornby las. Das Buch behandelte Hornbys autobiografische Beziehung zum Fußballverein Arsenal London. Robert konnte sich gar nicht mehr losmachen von dieser genialen Geschichte und der Idee, anhand eines Elements der eigenen Biografie alle weiteren Bezüge des bisherigen Lebens miteinzuflechten. Derart in das Buch vertieft verging die Fahrt wie im Flug. In Göttingen musste Robert sein Lesevergnügen unterbrechen, weil der mobile Brezelverkäufer zustieg, ein schwarzer Mann mit einem scheinbar recht schweren Rollwägelchen aus Metall, auf dem neben Laugengebäck für 3 Euro 80 das Stück auch Kaffee, Tee, Schokoriegel und unterschiedliche Limonadensorten bereitlagen. Was für ein Job, ging es Robert durch den Kopf, der sich nun neben die bereits notierten zu erledigenden Aufgaben „Nebenjob“ dazuschrieb, denn allmählich dämmerte ihm, dass sein Alltag in Kassel deutlich kostenintensiver ausfallen würde als der bisherige daheim. Während seiner fünfmonatigen Dödelphase zwischen Abitur und beginnendem Studium hatte er im Grunde gar nichts gemacht. Ab und an hatte er den Rasen gemäht, viele Bewerbungen an unterschiedliche Universitäten geschrieben und verschickt, Fußball geguckt und verbissen daran gearbeitet, sein Single-Dasein zu beenden. Alles in allem mit mäßigem Erfolg: der Rasen war niemals fehlerfrei geschnitten, von den Universitäten antwortete lediglich jene aus Kassel positiv, wieder einmal war der FC Bayern deutscher Meister geworden und bei den Mädels lief gar nichts.
Zehn Minuten vor der Ankunft in Kassel begann Robert zu schwitzen und fühlte leichte Magenschmerzen. So war es ihm schon immer ergangen, wenn er aufgeregt war. Dabei hatte er noch Zeit. Zuerst würde er vom Bahnhof aus mit einer der blauen Straßenbahnen zu seiner Wohnung fahren und die Essensreste vom mütterlichen Sonntagsbraten in den Kühlschrank und die frisch gebügelte Wäsche in das Holzregal verfrachten, das ihm einen Kleiderschrank ersetzte. Danach hätte er noch eine gute halbe Stunde, bis er zum Campus aufbrechen müsste. Diese Schonzeit zwischen Ankunft und Beginn der neuen Uniwoche war ihm wichtig, es schien ihm, als könnte er ohne diese weitere kurze Eingewöhnungsphase den Übergang zwischen der alten und der neuen Welt kaum ertragen. Schließlich erspähte er in der Ferne den baumgesäumten Berg mit der Herkules-Statue, dem einzigen Alleinstellungsmerkmal der Stadt, das ihn beim ersten Anblick tatsächlich beeindruckt hatte. Darauf folgten triste, mit unleserlichem Schweinkram beschmierte Betonwände, die zum Lärmschutz errichtet worden waren, und endlich bremste der Zug ganz zaghaft ab und kam in dem anonymen und durch seinen Baustil für steten Zugwind sorgenden Bahnhof zum Stehen. Kassel-Wilhelmshöhe. Robert öffnete per Knopfdruck die Tür, hob seinen Koffer an und stieg als Erster auf den Bahnsteig, um dann schnellstmöglich zur nächsten Rolltreppe zu laufen.
Niemand sah die junge Frau, die gemeinsam mit ihm aus dem Zug gestiegen war. Niemand außer Robert und Hannah selbst.
»SIE SIND HIER NICHT mehr auf der Schule, merken Sie sich das. Ab sofort sind Sie selbst dafür verantwortlich, vorbereitet zu den Veranstaltungen zu erscheinen. Wer damit nicht zurechtkommt, wäre wohl an einem anderen Ort besser aufgehoben, vielleicht hinter dem Tresen einer Bar oder als Forstwirt. Gleichwohl… «, hier genoss Professor Claus eine wohl kalkulierte Kunstpause, » …gleichwohl würden Sie es im Nachhinein womöglich bereuen. Das müssen Sie selbst wissen. Nun gut, fahren wir also fort. Sie alle haben, wie ich annehme, aus dem Reader die Seiten 32 bis 109 gelesen, und sind daher bestens mit dem theoretischen Konstrukt Hans Morgenthaus vertraut.«
Just in diesem Moment traf Roberts Blick auf den von Gustav und beide konnten ein Grinsen nicht unterdrücken. Professor Claus, zuständig für die Vorlesung „Einführung in die Politischen Theorien“, war anscheinend – sofern man die ersten zwei Wochen als Indiz ansehen durfte – das einzig verbliebene, altertümliche Unikat der Universität, das auf diesen jungen Studiengang losgelassen worden war. Ein hochgewachsener, elegant ergrauter Mann, der stets in dunkelblauem Jackett über weißem Hemd, dabei ohne Krawatte, am Pult des riesigen Hörsaals stand und sichtlich bewegt seinen eigenen, schier endlos schwirrenden Monologen lauschte, die im Klang – wenn man als Zuhörer erst einmal weggedriftet war und nicht mehr hinhörte – angenehm an das Summen eines fernen Bienenschwarms, nein, noch eher an das beruhigende Brummen einer Geschirrspülmaschine in der Küche erinnerte, und für eine heimelige Atmosphäre sorgte. Montags von zwölf bis vierzehn Uhr, was in Wahrheit 12 Uhr 15 – hier hatte Robert das berühmte akademische Viertel kennengelernt – bis 13 Uhr 45 bedeutete, hatten sie fortan das Vergnügen mit dem Professor, und da es für die meisten Kommilitonen die erste Vorlesung nach dem alkohol- wie auch schlafreichen Wochenende war, betäubte die einlullende Stimme die anwesende Zwangsgemeinschaft, narkotisierte sie regelrecht, und sorgte dafür, dass die neue Woche zunächst mit angezogener Handbremse losging. Mochte diese Art von Vorlesung auch für heiß ersehnte antiquierte Campusgefühle und daher für einiges Amüsement sorgen, so graute es den meisten Anwesenden umso mehr vor der Abschlussklausur, mit der diese Veranstaltung im noch ach so weit entfernten Februar des kommenden Jahres ein Ende finden sollte. Schon in der ersten Vorlesung hatte Professor Claus die Anwesenden »mit gutem Willen« gewarnt, die ganze Chose nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, schließlich sei »die Schulzeit vorbei«. Den Ernst des Lebens definierte dieser alte Racker auf sehr eigentümliche Weise: nur, wer am Ende des Semesters die Abschlussklausur bestehen und damit den Beweis erbringen würde, die Grundlagen der wichtigen politischen Theorien umfassend verinnerlicht zu haben, sei in der Lage, den weiteren Herausforderungen des akademischen und sonstigen Lebens standzuhalten. Aha, ohne Thomas Hobbes, John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Immanuel Kant, Max Weber, Jürgen Habermas und all die anderen ließ sich der Lebensweg demnach nicht antreten. Interessant war das, irgendwie.
Jemand wie Professor Claus war auf seine ganz eigene Art und Weise von der neuen Realität eingeholt worden, dachte Robert, in etwa so, als wenn ein treuherziger, seit Jahrzehnten auf einem Gutshof etablierter Ackergaul in ein Rennen geschickt worden wäre, um nach Regeln, die zu erfüllen er schon rein körperlich nicht mehr in der Lage war, gegen die neuen Pferde anzutreten, ein Rennen, dessen Regeln sich irgendein obskurer Zirkel mächtiger Herrschaften ausgedacht hatte, wobei das nun wieder ein hanebüchener Vergleich war, wie Robert sich sofort selbst eingestand, denn die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge hatte jemanden wie Claus ja sicher nicht unvorbereitet getroffen, dachte er, da wird schon eine Art von Vorbereitung abgelaufen sein, es werden wohl Rundschreiben, Beipackzettel oder gar Stapel an Unterlagen zur Vermittlung der neuen Regeln an den europäischen Hochschulen an Leute wie Claus ausgehändigt worden sein, nur schien diesen das kaum zu interessieren. Professor Claus sprach immer noch so, als wäre das neue System gar nicht existent, als wäre es nicht mehr als eine aufmüpfige Form der modernen Bildung, die er zwar pro forma zu befolgen, de facto indes noch lange nicht im pädagogischen Alltag dieses Hörsaals umzusetzen hatte, wo käme er – Professor Claus – denn da hin, bitteschön, und diese ganz eigentümliche Art von Protest war ja dann sogar wieder irgendwie bewundernswert und nicht einmal unsympathisch, dachte Robert, bis Professor Claus irgendwann mit seinen Monologen am Ende war und die versammelte Meute junger Menschen in den anbrechenden Montagnachmittag entließ.
Vor dem Hörsaal traf Robert auf Gustav, Ludwig, Timo und Norbert, die er allesamt in der ersten Woche in einem der Hauptseminare kennengelernt hatte. Insbesondere Gustav war ihm von Anfang an sympathisch gewesen, bereits etwas älter als die anderen – die dreißig soeben überschritten - schienen ihm die bedrohlichen Ansagen der Dozenten in Hinblick auf die Abschlussklausuren, die zu haltenden Referate oder bevorstehenden Hausarbeiten, kaum zu imponieren. Im Gegenteil, Gustav legte eine auffallend entspannte und phlegmatische Haltung an den Tag, er war feinfühlig und wachsam, trug sein Nervenkostüm sozusagen öffentlich zur Schau, folglich errötete er schnell. Festgefügten Weltbildern gegenüber zeigte er sich skeptisch.
»Aufgepasst Leute«, sagte er jetzt trocken, »dass ihr mir Professor Claus nicht auf die leichte Schulter nehmt.«
Ludwig, Timo und Norbert feixten, sie waren genau wie Robert eben erst aus dem Abitur oder aus dem Zivildienst in die akademische Welt der Universität geschlittert und genau wie auf Robert wirkte das ganze Brimborium auf sie lediglich wie eine Verlängerung der soeben für beendet gehaltenen schulischen Laufbahn. War das hier denn wirklich so anders? Bislang kaum. Ob es bei Gustav am Alter lag oder daran, dass er bereits einige Jahre Berufserfahrung im kaufmännischen Bereich hinter sich hatte, war nicht klar zu sagen, jedenfalls gingen diese Drohgebärden der Dozenten an ihm komplett vorbei.
»Erstmal etwas essen«, meinte Timo.
»Unbedingt«, pflichtete Robert bei, »welche Mensa nehmen wir?«
»Da ist sie wieder, meine Lieben, die Qual der Wahl.« Gustav gähnte und bemerkte dann: »Wer ist eigentlich auf die Schnapsidee gekommen, auf so einem kleinen Campus gleich drei Mensen einzurichten?«
Tatsächlich hatte diese Frage auch Robert schon in der ersten Woche beschäftigt. Die Universität war zugegebenermaßen gar nicht einmal so klein, aber eben auch Lichtjahre hinter den großen Standorten wie Göttingen, Köln, Hamburg oder München zurück, und trotzdem musste man sich Mittag für Mittag – sofern die unzähligen billigen Dönerläden der Umgebung das Herz nicht zu erfreuen wussten – zwischen gleich drei Mensen entscheiden.
»Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?«, sagte Ludwig. »Currywurst und Pommes, da vorne steht es.«
»Ich bin überzeugt«, sagte Gustav, »rein in die gute Stube.«
Also wieder einmal Mensa II, dachte Robert, und warum auch nicht? Das Menü der Mensen wechselte tagtäglich zwischen drei oder vier warmen Tagesgerichten, zudem gab es noch ein dauerhaftes Büffet mit Salaten, Suppen und den augenscheinlich höchst ungesunden Desserts. In Mensa III tummelten sich die hübschen Frauen und die angehenden Juristen, dort gab es tatsächlich vegetarische und orientalisch angehauchte Gerichte, folglich war das nichts für Leute wie Robert und seine Mitstreiter. Mensa I war riesengroß und hektisch, Mensa II hingegen strahlte einen deutschen Kantinenmief aus, der Robert von Beginn an vertraulich erschienen war. Hier dominierten die Klassiker: Wiener Schnitzel, Kotelett, Hühnerfrikassee, Hähnchen, Backfisch mit Kartoffelsalat, Bauernfrühstück, Königsberger Klopse, Spaghetti oder Penne Bolognese, Leberkäse mit Bratkartoffeln, mehr schlechte als rechte Burger, und an vorderster Front und scheinbar mindestens einmal pro Woche der absolute Klassiker, die unausweichliche Currywurst mit Pommes und kleinem Salat. Man müsste mal ausrechnen, in wie vielen Kantinen, Mensen, Imbissbuden dieses Gericht Mittag für Mittag in deutsche Münder geschaufelt wird, dachte Robert, während er den anderen die Tür aufhielt und sie den miefigen Dunst der Mensa II einatmeten, es mussten zigtausende sein, so häufig, wie dieser Klassiker angeboten wurde. Der Montagmittag machte sich auch in der bei den cooleren Studenten eher unbeliebten Mensa bemerkbar, von der Essensausgabe zog sich eine nur in Zeitlupe vorrückende Warteschlange bis kurz vor den Eingangsbereich, in dem die fünf Männer verharrten und ungläubig auf die Menschenmasse starrten, die darauf wartete, abgefüttert zu werden.
»Das darf nicht wahr sein«, bemerkte Gustav und blickte betrübt.
»Vielleicht sind erst jetzt auch die älteren Semester wieder zurück. Vielleicht lassen die immer die ersten Wochen ausfallen, wegen uns Erstsemestern, und nun sind plötzlich alle wieder am Start«, sagte Robert.
»Na denn«, murmelte Gustav und kratzte seinen Stoppelbart, »ich versuche es mal mit der Currywurst Schlange. Was ist mit euch. Auch Currywurst?«
Die anderen wollten ebenfalls Currywurst, nur Timo entschied sich für Linseneintopf mit Kochwurst. Mehr als zehn Minuten kostete es die vier jungen Männer, bis alle ihr Essen und einen freien Tisch weit hinten an der Fensterreihe, in direkter Nachbarschaft der peu à peu vertrocknenden Zimmerpalmen, ergattert hatten. Robert schnitt unwillig die Currywurst auseinander, die Soße und die labbrigen Pommes waren ein Witz, nur was ließ sich für ihre 2 Euro 10 pro Stammessen schon groß erwarten? Es war in der Tat »unverschämt günstig«, wie Ludwig es in ihrer ersten Woche formuliert hatte. Der Hunger trieb es hinein, und so viel stand fest: nach dem nervösen Morgen, dem Aufeinandertreffen mit Julia am Bahnhof, den Zugfahrten und Professor Claus mit seinen monotonen Vorträgen hatte Robert einen Riesenhunger.
wenn ich noch einmal in diesem monat eine currywurst vorgesetzt
bekomme, fange ich an zu schreien
Robert schob das letzte Restchen des Würstchens beiseite, sein Gesicht lief rot an. Die anderen schienen es nicht bemerkt zu haben.
»Schaut mal, dort drüben«, durchbrach Timo die von Schmatzern und Rülpsern übertönte Gesprächspause, »was für ein Mädchen!«
Zeitgleich wendeten die anderen ihren Kopf, was mehr als ungeschickt und plump ausschaute, es erinnerte an eine Horde Schweine, die abrupt auf einen Bauern starrt, der mit dem vollen Futtereimer den Stall betritt.
»Ich glaube, die habe ich schon mal gesehen«, sagte Ludwig.
»Wo soll das denn gewesen sein?«
»Kuba Club.«
»Ach komm«, sagte Robert, »als ob du sie dann hier wiedererkennen könntest.«
»Nein, wirklich. Sie war am Donnerstag da, jetzt weiß ich es wieder. Und sie hat auf der Tanzfläche mit einem großen Kerl rumgemacht, der war mindestens einsneunzig oder so.«
»Das klingt nicht so unwahrscheinlich«, murmelte Gustav und löffelte seinen Quark mit Himbeeren zu Ende.
»War Donnerstag denn etwas Besonderes im Kuba Club?«
»Ersti-Party«, ging Ludwig nur knapp darauf ein, drehte dann den Kopf wieder um neunzig Grad auf das Objekt ihrer Begierde und starrte so unbedarft auf die junge Frau, dass es selbst Robert peinlich wurde.
»Lasst uns mal lieber gehen«, sagte er daher, »wir sind sowieso schon spät dran für Brehmes Seminar.«
Unwillig und seufzend wie ein paar alte Herren erhoben sich die fünf, zogen ihre Jacken an, ergriffen die Tabletts und machten sich auf in Richtung Ausgang. Während sie die sogenannte Diagonale II entlangschlenderten und vor der kleinen Bibliothek links abbogen, begann es zu nieseln. Schon morgens hatte der Himmel alles andere als vielversprechend ausgesehen, dachte Robert, immerhin war es trocken geblieben – grau und trübe, aber trocken. Damit war es jetzt vorbei, das Sprühen wurde dichter und ein scharfer Ostwind fegte so geballt zwischen den roten Klinkerbauten hindurch, dass es einem grauste. Inzwischen erreichten sie die Überdachung eines modernen Gebäudekomplexes, der an der Nordseite des Campus lag und in dem sich keine Hörsäle, sondern kleinere Räume für Seminare, Nachhilfe und Verwaltungsangelegenheiten befanden. Um 14 Uhr 15 hatten sie ihr Seminar bei Dr. Brehme, einem gedrungenen Mann mittleren Alters mit einer Halbglatze und einer randlosen, modernen Brille, die in Zusammenarbeit mit den dichten, buschigen Augenbrauen dafür sorgte, dass er aussah wie eine Eule. Diese Optik gab dem Mann etwas Eindringliches, und wenn er einen ansah, vermittelte das unmittelbar Respekt, und man konnte als junger Student im ersten Semester gar nicht anders, als Achtung – ja teilweise gar Angst - vor Dr. Brehme zu verspüren. Trotz alledem war er nichts im Vergleich zu Professor Claus, jenem Überbleibsel der alten Schule. Im Gegensatz zu jenem mochte Dr. Brehme optisch zwar einschüchternd wirken, lag seinen Studenten aber schon auf Grund seines Alters emotional und auch fachlich viel näher. So war denn bei Robert der erste Schreck über den bohrenden Blick des Dozenten auch schnell verflogen und er betrat schon deutlich entspannter als in der Vorwoche den Seminarraum, in dem sich die meisten der etwa zwanzig anderen Teilnehmer bereits eingefunden hatten.
Die Currywurst hatte viel Zeit gekostet, so dass die fünf jungen Männer auf den letzten Drücker eintrafen und sich auf fünf unterschiedliche freie Stühle verteilen mussten. Robert setzte sich neben Jasmin, eine hübsche Halbfranzösin, die er schon am ersten Tag in der Einführungsveranstaltung für Politologie flüchtig kennengelernt hatte. Erst jetzt, derweil Jasmin bereitwillig ihren Jutebeutel auf dem Tisch beiseiteschob, erinnerte er sich wieder an ihren Namen. Auf dem Jutebeutel stand der Aufdruck: „Bitte nicht schubsen! Ich habe eine Joghurt im Rucksack.“
Sie bemerkte seinen flüchtigen Blick und sagte: »Ein Geschenk von meiner Schwester.«
»Wie nett.«
»Ist das so?«, fragte Jasmin süffisant.
»Naja, du weißt schon. Studiert deine Schwester auch?«
»Non, sie hat eine Ausbildung zur Industriekauffrau gemacht. Momentan arbeitet sie aber daheim im Restaurant meines Vaters.«
»Cool, ihr habt ein Restaurant?«
»Ach weißt du, es hat eher uns. Beziehungsweise mon père. Meine Mutter lebt inzwischen bei ihrem neuen Lebensgefährten in Straßburg. Ich kann ihn nicht ausstehen.«
Robert nahm einen Schluck aus der Wasserflasche, die er täglich in die Uni mitzubringen pflegte und fragte sich, wie das wohl sein musste, in einem Restaurant zu arbeiten oder gar zu leben, mit den ständig ein- und ausgehenden Gästen, dem Essensgeruch, den Beschwerden und dem Trinkgeldzählen nach Feierabend, da fuhr sie auch schon fort:
»Generell war ich immer mehr ein Papakind. Sagt man das so auf Deutsch, Papakind?«
»Klar, kann man so sagen.«
»Eh bien, als meine Eltern sich getrennt haben, war für mich klar, dass ich bei ihm bleiben möchte. An den Wochenenden kellnere ich jetzt auch im Restaurant, da geht an den Abenden nichts anderes mehr.«
Unterdessen sie erzählte und dabei hier und da leichte sprachliche Patzer ihren Redefluss durchzogen, betrachtete Robert sie verstohlen aus dem Augenwinkel. Sie war wirklich hübsch. Sie hatte zierliche Grübchen um die Mundwinkel und volle Lippen und gelocktes, blondes Haar und einen Leberfleck auf der ihm zugewandten Wange und er konnte nicht umhin, sein Herz schneller schlagen zu spüren und dachte, dass er aufpassen müsste, am Ende verliebt man sich noch und dann will die Frau nichts von einem und es tut nur weh, da hat man dann gar nichts davon, dachte er, wobei andererseits, Jasmin war diejenige, die hier plauderte, nicht er, und falls es etwas zu bedeuten hatte und nicht bloß Freundlichkeit war, weswegen dann so pessimistisch denken, weswegen nicht erst einmal abwarten, was passiert? Schließlich hatten sie erst November, und bis zur Pause über die Weihnachtsfeiertage war es noch lange hin.
lass sie nicht heran, lass sie nicht zu nah heran an uns. sie wird mich sehen
Ein lautes Scheppern unterbrach Roberts Gedanken und Jasmins Redefluss. Es war der Schlüsselbund von Dr. Brehme, der mit Wucht auf dem altertümlichen Tischchen an der Frontseite des Raums landete.
»Tach zusammen«, sagte der Dozent, »wie schön, dass Sie auch in der dritten Woche noch so zahlreich erschienen sind.«
»Als ob wir eine Wahl hätten«, flüsterte Jasmin in Roberts Richtung, und damit hatte sie Recht, das Seminar war schließlich eine von drei Pflichtveranstaltungen, um die für den Bachelor notwendigen „credits“ einzusammeln.
Daher nickte Robert, gleichwohl er das Seminar bislang alles andere als fad empfunden hatte, im Gegenteil, im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter war bei ihm der theoretische Ansatz, wie sie Referate, Hausarbeiten oder Essays zu formulieren und zu strukturieren hatten, durchaus auf Interesse gestoßen, womöglich, weil ihm ein solcher Unterbau vor dem Abitur häufig gefehlt hatte. Wie sollte man auch eine gute schriftliche Arbeit aufbauen, wenn einem dafür sämtliche theoretische Unterfütterung fehlte, dachte er, es war in der Schule letztlich relativ planlos und in den Tag hinein zugegangen, alle schrieben ihr Abitur und thematisch mochte das ja auch passen, aber der Aufbau und die Struktur sämtlicher Arbeiten ließ noch arg zu wünschen übrig, und wie sollte es auch anders sein, noch nie hatten sie von wissenschaftlichen Theorien gehört, noch nie von Fragestellung und Hypothese und unabhängiger und abhängiger Variable, und deshalb fand er die ersten Stunden bei Dr. Brehme aufrichtig interessant, hütete sich indes, den anderen etwas davon zu erzählen. Seine Kommilitonen hätten ihn dafür sicher nicht auf Händen getragen.
»Eines möchte ich heute gleich zu Beginn loswerden«, begann unterdessen ihr Dozent vor sich hinzuplaudern, dabei seine Brille mit einem Brillenputztuch reinigend, »Ihre Beteiligung im Seminar selbst lässt bisweilen noch Luft nach oben. Sie alle haben Ihre Hausarbeiten vergangene Woche abgegeben und diese waren – mit wenigen Ausnahmen – schlichtweg miserabel. Darauf kommen wir später noch und daran werden wir gemeinsam arbeiten, denn schließlich ist dieses Seminar dafür vorgesehen, nicht wahr? Was Ihre mündliche Beteiligung im Seminar selbst anbelangt, nun, da muss ich schon sagen, da … äh, tja, da habe ich mir mehr versprochen.«
