Einsamkeit - Tobias Krieger - E-Book

Einsamkeit E-Book

Tobias Krieger

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Beschreibung

Etwa 5 bis 10% der erwachsenen Bevölkerung geben an, sich ziemlich häufig bis sehr häufig einsam zu fühlen. Darüber hinaus ist Einsamkeit ein Phänomen, welches im klinischen Alltag häufig anzutreffen ist, auch wenn es von Patientinnen und Patienten nicht immer spontan berichtet wird. Das aversive Gefühl der Einsamkeit tritt auf, wenn unser menschliches Grundbedürfnis nach sozialen Beziehungen nicht genügend befriedigt ist. Es zeigt sich bei Betroffenen, die über zu wenige oder qualitativ nicht ausreichend befriedigende Kontakte verfügen. Es ist wichtig, zwischen vorübergehender, situativer und überdauernder Einsamkeit zu unterscheiden. Denn obwohl jede Art von Einsamkeit schmerzhaft ist, ist Einsamkeit nicht immer dysfunktional. Während vorübergehenden und situativ bedingten Einsamkeitsgefühlen in der Regel eine adaptive Funktion zugeschrieben wird, sind überdauernde Einsamkeitsgefühle mit einem hohen Leidensdruck und einer Vielzahl von psychischen und somatischen Beschwerden assoziiert. Überdauernde Einsamkeitsgefühle spielen bei der Entstehung und/oder Aufrechterhaltung verschiedener psychischer Störungen eine zentrale Rolle. Der Band sensibilisiert Fachpersonen für das Thema Einsamkeit, fasst den aktuellen Stand zur Phänomenologie und Verbreitung von Einsamkeit zusammen und nennt verschiedene Risikofaktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung von Einsamkeit. Zudem werden empirische Zusammenhänge von Einsamkeit mit psychischen und somatischen Störungen sowie klinischen Phänomenen wie Suizidalität berichtet. Der Band stellt verschiedene Erklärungsmodelle vor und beschreibt spezifische, darauf aufbauende Interventionsmöglichkeiten. Diese sollen Fachpersonen beim Umgang mit dem Thema Einsamkeit in der Therapie unterstützen und eine auf die individuellen Umstände einer Person abgestimmte Therapie ermöglichen.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Tobias Krieger

Noëmi Seewer

Einsamkeit

Fortschritte der Psychotherapie

Band 85

Einsamkeit

PD Dr. Tobias Krieger, M. Sc.Noëmi Seewer

Die Reihe wird herausgegeben von:

Prof. Dr. Martin Hautzinger, Prof. Dr. Tania Lincoln, Prof. Dr. Jürgen Margraf, Prof. Dr. Winfried Rief, Prof. Dr. Brunna Tuschen-Caffier

Die Reihe wurde begründet von:

Dietmar Schulte, Klaus Grawe, Kurt Hahlweg, Dieter Vaitl

PD Dr. Tobias Krieger, geb. 1981. 2002–2008 Studium der Psychologie in Bern (CH) und Rennes (F). 2009–2014 wissenschaftlicher Assistent am Psychologischen Institut der Universität Zürich. 2013 Promotion. Seit 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern. 2020 Habilitation. Seit 2009 psychotherapeutische Tätigkeit in verschiedenen Institutionen und seit 2018 leitender Psychologe an der Psychotherapeutischen Praxisstelle der Universität Bern.

M.Sc. Noëmi Seewer, geb. 1993. 2013–2020 Studium der Psychologie in Bern. Seit 2020 wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin an der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bern. Seit 2021 Auszubildende im Postgradualen Masterstudiengang Psychotherapie an der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie des Instituts für Psychologie an der Universität Bern.

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autor:innen bzw. den Herausgeber:innen große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autor:innen bzw. Herausgeber:innen und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

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[email protected]

www.hogrefe.de

Satz: Matthias Lenke, Weimar

Format: EPUB

1. Auflage 2022

© 2022 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen

(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-3172-7; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-3172-8)

ISBN 978-3-8017-3172-4

https://doi.org/10.1026/03172-000

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Zitierfähigkeit: Dieses EPUB beinhaltet Seitenzahlen zwischen senkrechten Strichen (Beispiel: |1|), die den Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe und des E-Books im PDF-Format entsprechen.

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1 Beschreibung: Begriffe, Verbreitung und Risikofaktoren

1.1 Begriffe

1.2 Vorkommen und Verbreitung

1.3 Stabilität von Einsamkeit

1.4 Risikofaktoren

1.5 Subjektive Ursachen von Einsamkeit

2 Einsamkeit und Gesundheit

2.1 Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit

2.2 Einsamkeit und psychische Gesundheit

2.3 Einsamkeit und spezifische psychische Störungen

2.4 Einsamkeit und Persönlichkeitsstörungen

2.5 Einsamkeit und Suizidalität

3 Relevante Modelle und Theorien

3.1 Existenzielle Perspektive

3.2 Perspektive der sozialen Bedürfnisse

3.3 Kognitives Diskrepanzmodell

3.4 Evolutionäre Theorie der Einsamkeit

3.5 Kognitives Modell der chronischen Einsamkeit

3.6 Transdiagnostisches modulares Modell chronischer Einsamkeit

4 Diagnostik

4.1 Klassifikatorische Diagnostik

4.2 Dimensionale Diagnostik

4.2.1 Ein-Item-Fragen

4.2.2 Fragebogen zur Erfassung von Einsamkeit

4.2.3 Fragebogen zur Erfassung von objektiver sozialer Isolation

4.2.4 Fragebögen zur Erfassung assoziierter Konstrukte für die Therapieplanung

5 Behandlungsmethoden und therapeutische Interventionen

5.1 Psychoedukation

5.2 Sozialer Kontext und interpersonaler Trigger

5.2.1 Vorübergehende und situative Trigger

5.2.2 Tiefgreifende Veränderungen des sozialen Netzwerks

5.3 Exploration der wahrgenommenen Diskrepanz der sozialen Situation

5.3.1 Evaluation des aktuellen sozialen Netzwerks

5.3.2 Beziehungspanorama

5.3.3 Beziehungserwartungen

5.4 Dysfunktionale Gedanken und Schemata

5.4.1 Frühe Beziehungserfahrungen

5.4.2 Kognitive Umstrukturierung

5.4.3 Umbewertung von Alleinsein – bewusstes Alleinsein

5.4.4 Aufdecken motivationaler Konflikte

5.5 Emotionale Reaktion und deren Regulation

5.5.1 Achtsamkeit

5.5.2 (Selbst-)Mitgefühl

5.5.3 Akzeptanz von Einsamkeitsgefühlen

5.6 Abbau von „kontraproduktivem“ sozialen Verhalten

5.6.1 (Wieder-)Aufbau sozialer Aktivitäten

5.6.2 Komplementarität interpersonalen Verhaltens

5.6.3 Training beziehungsstiftender sozialer Kompetenzen

5.6.3.1 Kontakte initiieren

5.6.3.2 Gespräch aufrechterhalten

5.6.3.3 Selbstöffnung und Authentizität ermutigen

5.6.3.4 Wünsche und Bedürfnisse äußern

5.7 Verzerrte sozial-kognitive Prozesse

5.7.1 Aufmerksamkeitslenkung

5.7.2 Interpretations-Bias

5.7.3 Situationsanalyse

5.8 Umgang mit vorbestehenden körperlichen und psychischen Erkrankungen

6 Kontextfaktoren

6.1 Therapeutische Beziehung

6.2 Einzel- und Gruppensetting

7 Empirische Evidenz

8 Fallbeispiele

8.1 Fallbeispiel: Frau H.

8.2 Fallbeispiel: Herr G.

8.3 Fallbeispiel: Herr N.

9 Weiterführende Literatur und hilfreiche Links

10 Literatur

11 Kompetenzziele und Lernkontrollfragen

12 Anhang

UCLA Loneliness Scale (UCLA-LS)

Kurzfragebogen zur Erfassung von Einsamkeit (LS-S)

Social Network Index (SNI)

Kognitiv-behaviorale Vermeidungsskala (KBVS)

Auswertung der Fragebogen

Karten

Fragen zur differenziellen Indikation

Transdiagnostische modulares Modell chronischer Einsamkeit

Exploration zentraler Elemente des Modells chronischer Einsamkeit

Exploration des sozialen Netzwerks

|1|Einführung

Das Thema Einsamkeit ist in den letzten Jahren zunehmend ins öffentliche Interesse gerückt. In Großbritannien wurde im Jahr 2018 eine Ministerin für Einsamkeit benannt. Seither gibt es auch in anderen Ländern wie Dänemark, Australien oder Japan ähnliche nationale Bestrebungen, auf Regierungsebene etwas gegen soziale Isolation und Einsamkeit zu unternehmen.

Im Jahr 2020 bekam das Thema Einsamkeit durch die Corona-Pandemie erneuten Aufschwung. Die weltweit von Regierungen initiierten Maßnahmen zur Eindämmung des Virus beinhalteten in den meisten Fällen Kontaktverbote und Ausgangssperren, was laut verschiedenen Studien bei vielen Menschen zu einer Zunahme von Einsamkeit führte.

Einsamkeit und soziale Isolation waren jedoch schon vor der Pandemie relevante Themen. Denn Einsamkeit ist oft eine unliebsame Begleiterin in verschiedenen Lebens- und Entwicklungsphasen. Einsamkeit ist also bis zu einem gewissen Grad normal und das Ziel dieses Buches ist es nicht, Einsamkeit zu pathologisieren. Momente der Einsamkeit gehören zum Menschsein dazu und das Gefühl kann uns hilfreiche Informationen über den Grad unserer aktuellen sozialen Verbundenheit liefern. Nichtsdestotrotz gibt es auch Formen der Einsamkeit, die mit einem hohen Leidensdruck und negativen Konsequenzen verbunden sind.

Obwohl Einsamkeit für die allermeisten Menschen ein bekanntes Gefühl darstellt, so ist es doch wichtig, zwischen überdauernden1 Einsamkeitsgefühlen und vorübergehender oder situativ bedingter Einsamkeit zu unterscheiden. Da sich die auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren zwischen einsamen Menschen unterscheiden können, greift ein „One size fits all“-Interventionsansatz zu kurz. Ein individuelles Fallkonzept für Patient:innen, die unter intensiven und überdauernden Gefühlen von Einsamkeit leiden, ist daher von zentraler Bedeutung.

Nicht zuletzt möchten wir auch darauf hinweisen, dass, um das Phänomen Einsamkeit zu verstehen, nicht ausschließlich individuelle Faktoren berücksichtigt werden sollten, sondern auch gesellschaftliche und politische Fakto|2|ren, die direkt oder indirekt Einsamkeit mitverursachen oder verstärken können. Auf solche Aspekte wird jedoch nur am Rande eingegangen. In diesem Buch soll es vor allem um individuelle Ansatzpunkte gehen, die in der öffentlichen Diskussion häufig vernachlässigt werden. Für diese Aspekte von Einsamkeit, die mit einem hohen Leidensdruck und gesundheitlichen Folgen einhergehen – insbesondere in Zusammenhang mit chronischen Einsamkeitsgefühlen, möchten wir Fachpersonen Anregungen zur Behandlung von überdauernder Einsamkeit liefern.

Die Forschung zu chronischer Einsamkeit unterstreicht, dass es sich um ein eigenständiges psychologisches Phänomen handelt, das als transdiagnostisches Konstrukt betrachtet werden kann. Chronische Einsamkeit tritt parallel zu einer Vielzahl psychischer Erkrankungen auf oder kann diese begünstigen und/oder verschlimmern. Trotz einer Überlappung mit verschiedenen psychischen Störungen, gibt es doch einen beachtlichen Anteil an Personen, die unter chronischer Einsamkeit leiden, bei denen jedoch keine diagnostizierbare psychische Störung vorliegt. Aus diesen Gründen sollte chronische Einsamkeit vermehrt in den Behandlungsfokus rücken. Die Entwicklung und Verbreitung evidenzbasierter Interventionen für chronische Einsamkeit steckt jedoch im Vergleich zu anderen psychischen Störungen und Beschwerden noch in den Kinderschuhen.

Nichtsdestotrotz gibt es verschiedene Hinweise, die zeigen, dass psychologische Interventionen Einsamkeit reduzieren können. Dieser Band soll eine Übersicht über das Thema Einsamkeit, theoretische Modelle zum Thema und Interventionsmöglichkeiten geben und auf die empirische Evidenz zu psychologischen Interventionen bei Einsamkeit eingehen. Wir beschränken uns im vorliegenden Band auf die zentralsten Literaturangaben. Auf Anfrage ([email protected]) stellen wir interessierten Leser:innen sehr gerne ein komplettes Verzeichnis der verwendeten Literatur und der beschriebenen Studien zur Verfügung.

An dieser Stelle möchten wir uns bei verschiedenen Menschen bedanken, ohne die dieses Buch nicht möglich gewesen wäre. Herzlichen Dank insbesondere an Anton Käll, Thomas Berger, Andrej Skoko, Yvonne Egenolf, Eveline Frischknecht und Martina Steiner, die uns bei der Erstellung dieses Bandes unterstützt haben, sowie allen Menschen, die mit uns ihre Erfahrungen mit Einsamkeit geteilt bzw. die uns ihre Erfahrungen anvertraut haben.

Bern, Frühjahr 2022

Noëmi Seewer und Tobias Krieger

1

Im Sprachgebrauch hat sich noch kein eindeutiger Begriff herauskristallisiert, wenn es darum geht, langandauernde Gefühle der Einsamkeit zu beschreiben. Im vorliegenden Buch benutzen wir deswegen die Begriffe „überdauernde Einsamkeit“ und „chronische Einsamkeit“ synonym.

|3|1 Beschreibung: Begriffe, Verbreitung und Risikofaktoren

1.1 Begriffe

Einsamkeit wird definiert als die aversive Erfahrung, die auftritt, wenn das Netzwerk sozialer Beziehungen von einer Person entweder quantitativ oder qualitativ als defizitär erlebt wird. Anders gesagt, Einsamkeit tritt auf, wenn eine Person die schmerzhafte Erfahrung macht, dass ihr momentanes soziales Umfeld nicht ausreicht, um ihr Bedürfnis nach Bindung zu befriedigen. Häufig wird auch die fehlende Kontrollierbarkeit oder Veränderbarkeit dieses Zustandes als definierendes Merkmal genannt. Einsamkeit kann als subjektiv wahrgenommene soziale Isolation angesehen werden, da sie von außen nicht beobachtbar ist.

Von dieser subjektiv wahrgenommenen sozialen Isolation ist die objektive soziale Isolation abzugrenzen. Damit ist die objektive Abwesenheit von Bezugspersonen gemeint. Obwohl Einsamkeit und objektive soziale Isolation miteinander zusammenhängen können, so ist es wichtig, die beiden Konstrukte als unterschiedlich und nicht deckungsgleich zu betrachten. Objektive soziale Isolation ist weder eine notwendige noch eine hinreichende Bedingung für Einsamkeit: Eine hohe Anzahl sozialer Kontakte schützt nicht vor dem Gefühl der Einsamkeit, und Einsamkeit ist nicht notwendigerweise mit einer geringen Anzahl sozialer Kontakte verbunden. Das bedeutet, dass man allein sein kann, ohne einsam zu sein, und dass man sich aber auch unter Menschen und in Beziehungen einsam fühlen kann. Tatsächlich zeigt sich, dass die Qualität der sozialen Beziehungen und die Wahrnehmung dieser Beziehungen einen größeren Einfluss auf das Einsamkeitserleben haben als die absolute Anzahl der Beziehungen.

Einsamkeit ist deshalb auch von Alleinsein abzugrenzen. Alleinsein ist ein objektiver Zustand und in vielen Fällen bewusst gewählt. Man kann beispielsweise allein in seinem Büro sitzen, um konzentriert arbeiten zu können, oder man kann allein etwas unternehmen, z. B. ins Kino gehen, ohne sich einsam zu fühlen. Alleinsein hängt zusammen mit vielen positiven Aspekten, wie z. B. Kreativität und Produktivität. Das Ausmaß des Leidens, das eine objektive Isolation verursacht, hängt davon ab, wie freiwillig sie gewählt |4|ist und wie kontinuierlich sie sich über den Lebenszyklus einer Person erstreckt.

Einsamkeit oder subjektive soziale Isolation kann in weitere Facetten unterteilt werden: Intime Einsamkeit (auch: emotionale Einsamkeit) bezieht sich auf das Fehlen einer sehr engen, intimen Beziehung, wie sie z. B. in Paarbeziehungen oder engen Freundschaften zu finden ist. Soziale Einsamkeit (auch: relationale Einsamkeit) hingegen bezieht sich auf einen Mangel an Freundschaften und anderen persönlichen Beziehungen. Kollektive Einsamkeit bezieht sich wiederum auf ein Gefühl der fehlenden Zugehörigkeit zu einer größeren Gemeinschaft.

Einsamkeit kann weiter dahingehend unterschieden werden, ob sie sich auf eine aktuelle und unmittelbare Erfahrung oder auf ein relativ dauerhaftes Erleben von Einsamkeit bezieht (Young, 1982):

Vorübergehende Einsamkeit bezieht sich auf gelegentliche und kurze Phasen der Einsamkeit, die von den meisten Menschen hin und wieder in ihrem Alltag erlebt werden. Diese Einsamkeit kann z. B. an einem Sonntagabend erlebt werden, wenn man allein zu Hause ist. Sie kann aber schon am nächsten Tag vorbei sein, wenn man sich z. B. wieder mit Arbeitskolleg:innen oder Freund:innen trifft.

Im Gegensatz dazu bezieht sich situative Einsamkeit auf die Einsamkeit, die von Personen erlebt wird, die zuvor befriedigende Beziehungen hatten, nun aber mit einer spezifischen Krise bzw. einem Lebensübergang konfrontiert sind, der diese Beziehungen unterbricht, wie z. B. ein Arbeitsplatzverlust, Berentung oder eine Trennung.

Chronische oder überdauernde Einsamkeit bezieht sich auf eine über einen längeren Zeitraum anhaltende Erfahrung von Einsamkeit und damit einhergehende Unzufriedenheit mit sozialen Beziehungen. Dieser Form der Einsamkeit werden zudem längerfristige kognitive und verhaltensbezogene Veränderungen und damit zusammenhängende Schwierigkeiten zugeschrieben. Überdauernde Einsamkeit kann sich aus den anderen Formen der Einsamkeit entwickeln, wenn verschiedene Faktoren zusammenkommen.

In Tabelle 1 werden einige Definitionen von Einsamkeit und verwandten Konzepten in Bezug auf soziale Beziehungen und deren Erleben dargestellt.

|5|Tabelle 1: Einsamkeit und verwandte Konstrukte in sozialen Beziehungen (adapt. nachMann et al., 2017)

Konstrukt

Definition

Einsamkeit

Ein Zustand negativer Affektivität, der mit der Wahrnehmung einhergeht, dass die eigenen sozialen Bedürfnisse nicht durch die Quantität oder insbesondere die Qualität der sozialen Beziehungen befriedigt werden.

Soziale Isolation

Die unzureichende Qualität und Quantität der sozialen Beziehungen zu anderen Menschen auf verschiedenen Ebenen, auf denen menschliche Interaktion stattfindet (Individuum, Gruppe, Gemeinschaft und das größere soziale Umfeld).

Soziale Identität

Das verinnerlichte Gefühl, einer gemeinsamen Gruppe anzugehören, und das damit verbundene Empfinden, Teil eines „Wir“ zu sein, das größer ist als das „Ich“.

Wahrgenommene soziale Unterstützung

Überzeugungen über die Quantität und Qualität der Unterstützung, die durch die Beziehungen und sozialen Kontakte einer Person potenziell verfügbar ist.

Soziales Netzwerk

Ein spezifischer Komplex von Verknüpfungen innerhalb einer definierten Gruppe von Personen mit der zusätzlichen Eigenschaft, dass die Merkmale dieser Verknüpfungen in ihrer Gesamtheit zur Interpretation des sozialen Verhaltens der beteiligten Personen herangezogen werden können.

Soziale Verbundenheit

Ein Bewusstsein eines gemeinsamen Seins mit dem Ziel, eine personale Bindung höherer Qualität zu sichern.

1.2 Vorkommen und Verbreitung

Es liegen unterschiedliche Zahlen zur Verbreitung von überdauernder Einsamkeit vor. Studien zur Prävalenz von Einsamkeit miteinander zu vergleichen wird u. a. dadurch erschwert, dass der Schwellenwert, ab dem eine Person als einsam gilt, in verschiedenen Untersuchungen oft unterschiedlich festgelegt wird. Anders als bei diagnostizierbaren psychischen Störungen liegt für (überdauernde) Einsamkeit kein klar definierter Schwellenwert vor, der allgemeingültig festlegt, ab wann eine Person als einsam eingestuft werden kann. Zudem scheint es einen Unterschied zu machen, ob direkt oder indirekt nach Einsamkeit gefragt wird. Diese Faktoren machen es schwer, genaue Angaben zur Prävalenz oder Verbreitung von (überdauernder) Einsamkeit zu machen.

|6|(Selbst-)Stigma „Einsamkeit“

Studienergebnisse legen nahe, dass Individuen dazu neigen, Einsamkeit als ein Zeichen persönlicher Schwäche oder Unzulänglichkeit zu betrachten. Beispielsweise wurde gezeigt, dass einsame Gleichaltrige durchweg als weniger kompetent, weniger attraktiv, mehr psychologisch belastet und weniger wünschenswert als Freund:in eingestuft wurden. Selbststigmatisierung, d. h. die Internalisierung negativer sozialer Bewertung einer persönlichen Eigenschaft oder eines Verhaltens, im Zusammenhang mit Alleinsein kann dazu führen, dass Alleinsein aufgrund einer negativen Bewertung als Einsamkeit erlebt wird. Es kann angenommen werden, dass bei internaler Attribution der Ursache(n) der eigenen Einsamkeit, diese mehr mit einem Selbststigma behaftet sind. Das Selbststigma kann zudem mitunter ein Grund sein, warum die direkte Erhebung von Einsamkeit (unter Verwendung der Begriffe „einsam“ und „Einsamkeit“) und die indirekte Erhebung (vgl. auch Kapitel 4) zu unterschiedlichen Ergebnissen in Bezug auf das Vorkommen von Einsamkeit führen können.