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Im Dezember 2023 verabschiedete die Bundesregierung eine »Strategie gegen Einsamkeit«. Gesellschaft und Politik haben mittlerweile die Bedeutung dieser Emotion in allen sozialen Lebensbereichen erkannt. Einsamkeit ist das Gefühl eines Mangels an sozialen Beziehungen, das nicht nur persönliches Leid, sondern auch demokratiegefährdende Potenziale entfalten kann. Ressentiment ist ein Gefühl der Ohnmacht, das eine soziale Polarisierung hervorrufen kann. Dieses Buch veranschaulicht den demokratiegefährdenden Zusammenhang von Einsamkeit und Ressentiment und zeigt auf, dass nur eine Demokratie mit starken öffentlichen Institutionen dieser Radikalisierung Grenzen setzen kann.
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Seitenzahl: 185
Veröffentlichungsjahr: 2024
Jens Kersten | Claudia Neu | Berthold Vogel
Hamburger Edition
Hamburger Edition HIS Verlagsges. mbH
Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Mittelweg 36
20148 Hamburg
www.hamburger-edition.de
© der E-Book-Ausgabe 2024 by Hamburger Edition
ISBN 978-3-86854-445-9
© 2024 by Hamburger Edition
ISBN 978-3-86854-387-2
Gestaltung: Lisa Neuhalfen, Berlin
I Demokratische Relevanz von Einsamkeit und Ressentiment
II Psychological Turn: Emotionen, Strukturen, Werte
III Einsamkeit
Emotion der Einsamkeit
Strukturen der sozialen Isolation
Folgen der gesellschaftlichen Vereinsamung
IV Ressentiment
Emotion des Ressentiments
Strukturen der sozialen Polarisierung
Folgen der gesellschaftlichen Spaltung
V Einsamkeit und Ressentiment
Emotionale Korrelation: Kohäsionsverluste
Strukturelle Korrelation: Vertrauensverluste
Funktionale Korrelation: Integrationsverluste
VI Sozialer Raum
Orte der Einsamkeit
Orte des Ressentiments
Soziale Orte
VII Demokratische Politik
Bewusstsein: Sichtbarkeit und Öffentlichkeit
Vertrauen: Gleichheit und Infrastrukturen
Einsamkeit: Recht und Resilienz
Ressentiment: Dialog und Konflikt
VIII Einsamkeit und Ressentiment als kollektives Schicksal?
Literatur
In den 1980er und 1990er Jahren hatte ein economic turn dafür gesorgt, dass der »Wettbewerb« auch die wissenschaftliche und politische Begriffs-, Prinzipien- und Konzeptbildung bestimmte. Die Digitalisierung führte von den 1990er bis in die 2010er Jahre dazu, dass die »Vernetzung« zum allgegenwärtigen Paradigma in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften wurde: Im digital turn war und ist alles vernetzt. Gespeist aus marktzentriertem Denken einerseits und gänzlich neuer Datenverfügbarkeit andererseits, gewannen sodann im ausgehenden 20. Jahrhundert zwei »neue«, parallel laufende und sich gelegentlich überschneidende Turns an Bedeutung. Vom spatial turn – also der stärkeren Einbeziehung von Raumaspekten in der sozialwissenschaftlichen Empirie und Theorie – wird im sechsten Kapitel noch ausführlich die Rede sein. In diesem Kapitel steht jedoch die sich seit den 2010er Jahren deutlich abzeichnende psychologische Wende – der psychological turn – in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften im Vordergrund.1 Wenn es heute um die Analyse und Reflexion sozialer und politischer, ökonomischer, ökologischer und rechtlicher Entwicklungen geht, wird überwiegend auf psychologische Begriffe, Konzepte und Prinzipien zurückgegriffen – oder vielleicht doch genauer: auf Begriffe, Konzepte und Prinzipien, die jedenfalls auch über eine psychologische Bedeutung verfügen, selbst wenn sie ursprünglich aus anderen Disziplinen und Kontexten stammen: Achtsamkeit, Adaptation, Agilität, Aneignung, Coping, Distancing, Empowerment, Fragilität, Identität, Kränkung, Nudging, Preparedness, Robustheit, Resilienz, Resonanz, Responsivität, Selbst, Singularität und natürlich – allen voran – Vulnerabilität. Sicherlich, die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften haben ebenso wie die öffentliche Meinung »immer« schon psychologische Begriffe, Konzepte und Prinzipien rezipiert, beispielsweise Autonomie, Risiko, (Vor-)Sorge, Verantwortung und Vertrauen. Aber die schiere Quantität und die reflektierte Qualität von psychologischen Begriffen, Prinzipien und Konzepten, die in den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften aufgegriffen werden, gehen weit darüber hinaus: Sie sind Ausdruck eines psychological turn.
Vielfach wird im Rahmen dieses pychological turn schlicht das individuelle Selbst in den Mittelpunkt gestellt. Ganz im Sinne einer neoliberalen Logik geht es dann um Selbstoptimierung, darum, anpassungsfähig und positiv zu sein, sich von Widrigkeiten des Lebens schnellstmöglich zu erholen, sich toxischer Beziehungen zu entledigen und resilient auf Krisen zu reagieren. Was aber, wenn es immer weniger gelingt, negative Erlebnisse in positive Selbsterfahrung umzudeuten? Wenn Armut eben doch nicht »sexy« ist und es nicht zu Germany’s Next Topmodel reicht? Wenn die Corona-Pandemie die psychischen Ressourcen angegriffen und die sozialen Kräfte geschwächt hat? Und wenn man beim Achtsamkeitskurs wieder niemanden kennengelernt hat? In der Corona-Pandemie haben Millionen von Menschen erlebt, wie sich Einsamkeit anfühlt, wie sehr sie schmerzt und ohnmächtig macht. Soziale Isolation wurde zur ersten Bürgerpflicht und deshalb zu einer gesellschaftlichen Lebensform, unter der viele Menschen sehr gelitten haben und bis heute leiden.2 Diese Erfahrung hat sicher dazu beigetragen, Einsamkeit nicht mehr ausschließlich als individuelles Problem wahrzunehmen, das Betroffene allein im hohen Alter und nach Schicksalsschlägen ereilt und das schamerfüllt und still ertragen wird. Die Einsamkeit wird nicht mehr nur als (unvermeidliche) Begleiterscheinung des sozialen, wirtschaftlichen und politischen Wandels verstanden: Vereinsamung etwa als Folge der Auflösung traditioneller Lebensformen und der Individualisierung. Sie wird vielmehr als ein eigenständiges Phänomen wahrgenommen und sieht sich heute deutlich stärker in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und politischen Aufmerksamkeit gerückt als noch vor wenigen Jahren. Dafür spricht auch, dass sich Einsamkeit in praktisch allen sozialen Lebensbereichen der Menschen manifestiert: vereinsamende Armut, isolierte Arbeit, soziale Diskriminierung, identitätsfixierte Singularisierung, konsumistische Kontaktlosigkeit, digitale Introvertierung, demografische Vereinsamung, infrastrukturelles Abgehängtsein, gesundheitliche Risiken und antidemokratische Ressentiments.3 Vor diesem Hintergrund ist heute auch schon von einem »Einsamkeits-Turn«4 die Rede.
Wenn man sich auf diesen psychological turn wissenschaftlich einlässt, wird schnell deutlich, dass insbesondere die Auseinandersetzung mit Einsamkeit und Ressentiment auf eine lange Problem- und Theorietradition zurückblicken kann. Deshalb ist der Einwand, dass Einsamkeit und Ressentiment eigentlich nicht theoriefähig sind, kaum haltbar.5 So sah beispielsweise Hannah Arendt in ihrer Analyse der Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) in der Verlassenheit der Menschen, die sich in den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krisen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat, die individuelle und soziale Grunderfahrung, die in den Totalitarismus führte.6 In der Dienstleistungs-, Wohlstands- und Konsumgesellschaft, die nach 1945 entstanden ist, haben Reuel Denny, Nathan Glazer und David Riesman mit der paradoxen Formulierung »Die einsame Masse« (»The Lonely Crowd«) (1957) den »Wandel des amerikanischen Charakters« zwischen freiheitlichem Autonomieanspruch und konformer Anpassung beschrieben.7 Auf dem Höhepunkt des neoliberalen Strukturwandels analysierte Robert D. Putnam in »Bowling Alone« (2000) den Niedergang »sozialen Kapitals« aufgrund des Verlusts von sozialem Engagement und sozialer Teilhabe als ein zentrales Paradigma des gesellschaftlichen Wandels.8 Und heute bietet Noreena Hertz eine umfassende Phänomenologie des »Zeitalters der Einsamkeit« (2021), in der sie die individuellen und sozialen, ökonomischen und politischen Schattenseiten der kontaktlosen Gesellschaft der Singularitäten ohne Solidaritäten beschreibt.9 Schon diese stichwortartige Aufzählung verdeutlicht, dass die theoretische Reflexion von Einsamkeit keineswegs auf der existenziell abstrakten und zeitübergreifenden Höhe der »Einsamkeit des modernen Menschen«10 erfolgt. Einsamkeit sieht sich vielmehr in ihren konkreten gesellschaftlichen Strukturen und Wertbezügen analysiert, und sie verändert sich zusammen mit ihren sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kontexten.
Dies gilt nicht nur für die Einsamkeitsforschung. Auch die wissenschaftliche Reflexion von Ressentiments wird durch Sozialstrukturen und Wertbezüge geprägt, die wiederum Ausdruck der gesellschaftlichen Entwicklung sind: von Friedrich Nietzsches Polemik der moralgeladenen Ohnmacht (1887)11 und Max Schelers ressentimentgeladener Soziologie des Ressentiments im Kaiserreich (1912)12 über Theodor W. Adornos Kritik des Antisemitismus in der faschistischen Propaganda (1946)13 bis zu Joseph Vogls »List der ressentimentalen Vernunft« im digitalen Kapitalismus (2021),14 Eva Illouz’ Analyse des Ressentiments in undemokratischen Gefühlsstrukturen15 und Cynthia Fleurys psychotherapeutischem Plädoyer, die eigene Verbitterung durch die Öffnung zu einer (postkolonialen) Welt zu überwinden.16 Nimmt man diesen Struktur- und Wertbezug mit in den Blick, so kann man – in Anlehnung an Peter Sloterdijks Geschichte des Zorns17 – von einem Strukturwandel der individuellen, sozialen und politischen Gefühle sprechen. Ganz in diesem Sinn spiegeln auch Einsamkeit und Ressentiment den sozialen und kommunikativen, wirtschaftlichen und politischen Strukturwandel unserer Gesellschaft und Demokratie emotional wider; und vice versa prägen Einsamkeit und Ressentiment wiederum diesen Strukturwandel der bundesrepublikanischen Gesellschaft und Demokratie.
Im Rahmen dieses psychological turn werden nun unterschiedliche Konzepte für das soziale und politische Verständnis von Gefühlen entwickelt und diskutiert. So hat beispielsweise Eva Illouz gerade mit Blick auf die uns interessierenden »undemokratischen Gefühle« den von Martha Nussbaum profilierten Analyseansatz politischer Emotionen aufgegriffen und weiterentwickelt.18 Illouz beschreibt den heute grassierenden Populismus mit einem vierdimensionalen Konzept von Gefühlsstrukturen: Die populistische Kombination der vier Emotionen Angst, Ressentiment, Abscheu und Nationalstolz führt nach ihrer Auffassung zu einer verzerrten Realitätswahrnehmung der Menschen.19 Allein die gefühlstrukturelle Kombination dieser vier starken Emotionen erlaubt es nach der Auffassung von Illouz dem Populismus, empirische Tatsachen zu leugnen und seinen Herrschaftsanspruch auf dieser Grundlage politisch zu legitimieren.20
Wir möchten hier jedoch einen anderen Ansatz für die Beschreibung der Bedingungen und Wirkungen undemokratischer Gefühle wählen. Mit einem dreidimensionalen Konzept aus Emotionen, Strukturen und Werten sollen die Korrelation von Einsamkeit und Ressentiment als undemokratische Gefühle und ihre Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die demokratische Ordnung diskutiert und bewertet werden.21 Die erste Dimension dieses Konzepts sind die Emotionen von Menschen als individuelle, aber auch soziale und kollektive Gefühle: Einsamkeit und Ressentiment. Die zweite Dimension dieses Konzepts bilden die Strukturen, auf die Menschen mit individuellen, sozialen und kollektiven Gefühlen reagieren, aber die auch Menschen in ihren individuellen, sozialen und kollektiven Gefühlen beeinflussen: insbesondere Familien-, Infra-, Kommunikations-, Politik-, Sozial- und Wirtschaftsstrukturen. Die dritte Dimension dieses Konzepts stellen die Werte dar, die in Emotionen und Strukturen zum Ausdruck kommen, mit denen aber zugleich auch Emotionen und Strukturen wiederum bewertet werden: insbesondere Freiheit und Gleichheit, Individualismus und Personalität, Solidarität und Demokratie. Führt man sich dieses dreidimensionale Konzept noch einmal insgesamt vor Augen, wird deutlich, dass es sich um einen offenen und zugleich dynamischen Analyseansatz handelt. Die Korrelation von Einsamkeit und Ressentiment wird nicht statisch, sondern in der gesellschaftlichen Entwicklung begriffen. Dieser offene und zugleich dynamische Analyseansatz bewahrt mit Blick auf Einsamkeit und Ressentiment vor allem auch davor, Begriffe und Konzepte, die im deutschen Kaiserreich profiliert oder zur Kritik von Faschismus und Nationalsozialismus entwickelt wurden, unbesehen auf die aktuellen Problemlagen gesellschaftlicher Entwicklung zu übertragen.
1 Vgl. hierzu und zum Folgenden Kersten, »Wir müssen alle unser Leben ändern«; ders., Die Verfassung öffentlicher Güter, S. 142 ff.
2 Neu/Müller, Einsamkeit, S. 42 ff.; Neu, Place Matters!, S. 20 ff., für einen phänomenologischen Überblick.
3 Hertz, Das Zeitalter der Einsamkeit; Neu/Müller,
