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63 Blätter in einem Schnellhefter, Tagebuch-Aufzeichungen einer aufregenden Zeit. Nur wenig mehr war übrig geblieben von dem Abenteuer, in das sich der junge Soldat Franz Reuter im Sommer 1907 gestürzt hatte und das er 14 Monate später mit seinem Leben bezahlen sollte. Bettina Reuter, Ehefrau des Großneffen, schrieb die Seiten nicht nur ab, sondern ergänzte sie mit vielen interessanten Anmerkungen sowie Informationen durch seitdem veröffentlichtes Material. Zudem wird von einem weiteren Abenteuer in Kamerun berichtet, das 80 Jahre später stattfand und Entwicklungen des Landes seit der Kolonialzeit beschreibt. Mit 23 Abbildungen und 4 Karten ergibt sich insgesamt ein bewegender Eindruck von Einsätzen junger Menschen in Afrika.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das Buch
63 Blätter in einem Schnellhefter, Tagebuch-Aufzeichungen einer aufregenden Zeit. Nur wenig mehr war übrig geblieben von dem Abenteuer, in das sich der junge Soldat Franz Reuter im Sommer 1907 gestürzt hatte und das er 14 Monate später mit seinem Leben bezahlen sollte.
Bettina Reuter, Ehefrau des Großneffen, schrieb die Seiten nicht nur ab, sondern ergänzte sie mit vielen interessanten Anmerkungen sowie Informationen durch seitdem veröffentlichtes Material.
Zudem wird von einem weiteren Abenteuer in Kamerun berichtet, das 80 Jahre später stattfand und Entwicklungen des Landes seit der Kolonialzeit beschreibt. Mit 23 Abbildungen und 4 Karten ergibt sich insgesamt ein bewegender Eindruck von Einsätzen junger Menschen in Afrika.
Die Autoren
Franz Reuter, geboren 1881 in Bielefeld, ergriff zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs wie schon sein Vater den Beruf des Soldaten. Es war vermutlich die Sehnsucht nach fernen Ländern und eine unbändige Lust nach Abenteuern, die ihn schließlich im Juli 1907 nach Afrika brachten. In den hier vorliegenden Tagebuch-Aufzeichnungen beschreibt er anschaulich seinen Marsch durch den Dschungel Kameruns, die Zeit, die er auf seinem kleinen Posten verbrachte und die Auseinandersetzungen zwischen umliegenden Stammesmitgliedern und europäischen Händlern, bis er schließlich bei einem Gefecht eine tödliche Verwundung erlitt.
Bettina Reuter ist 1964 in Berlin geboren und auch dort aufgewachsen. Sie lebt heute zusammen mit ihrem Mann, dem Großneffen jenes Verfassers, in einem kleinen Dorf im Teutoburger Wald, unweit der Heimat Franz Reuters. Schriftliches Erzählen war lange bloß ein Zeitvertreib in Form von Briefen oder in Gestalt ihres Tagebuchs. Im Februar 2020 veröffentlichte sie unter einem Pseudonym einen Band mit Erzählungen.
Berührt durch die Aufzeichnungen und das Schicksal Franz Reuters bilden seine Aufzeichnungen zusammen mit ihren Ergänzungen nun ihr zweites
literarisches Werk.
Was vorher zu sagen wäre
Warum als Soldat nach Afrika??
Tagebuch des Leutnants Franz Reuter 1907- 1908
Beginn und Vorbereitung
Die Reise beginnt
Erster Landgang: Gran Canaria
Das erste Ziel: Deutsch-Südwestafrika
Abschied von Südwestafrika
Ankunft in Kamerun
Kribi
Duala
Von Duala zurück nach Kribi: letzte Vorbereitungen
Abmarsch ins Landesinnere
Auf dem Weg nach Lomie
Lomie
Von Lomie nach Dume-Station
Von Dume-Station nach Dume-Mündung
Der eigene Posten: Dume-Mündung
Ankunft
Stationsleben und erster Patrouillenmarsch
Aufruhr am Kadei
Stationsleben
Ende des Abenteuers
Wieder auf Patrouille
Ärger an der Grenze
Expedition in unbekannte Gebiete - Ruhe vor dem Sturm
Der Überfall und das bittere Ende
Wie es weiterging
In der Familie
In der Politik
Kolonialpolitik
Ein anderes Abenteuer in Kamerun
Karten
Verwendete Quellen:
Abbildungen:
Danke sage ich
Über hundert Jahre sind vergangen seit Franz Reuter in der abwechslungsreichen Landschaft Kameruns seine Erlebnisse und Abenteuer niederschrieb. Jahrzehntelang lagen die Aufzeichnugnen in der Schublade seiner Familie. Irgendwann in dieser Zeit, vermutlich in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, wurden sie herausgenommen und Margot Reuter, Ehefrau des Neffen Franz Reuters, des Lesens der alten Schriftzeichen kundig, schrieb sie säuberlich mit der Schreibmaschine ab. So wie sie vieles im Auftrag ihres Mannes oder anderer niederschrieb. Danach ruhten auch diese 63 Blätter wieder in einer Schublade. Und dann war es wiederum eine Ehefrau, diesmal des Großneffen, die diese Blätter nun wiederum abtippte, jetzt mit Hilfe einer elektronischen Tastatur den Text auf die Festplatte ihres PCs bannte.
Mein Name ist Bettina Reuter und ich habe die Aufzeichnungen in den Habseligkeiten meines Schwiegervaters mit dem gleichen Namen, Franz Reuter, gefunden. Sie haben mich berührt, und ich befand, die offensichtliche Vergeblichkeit des Tuns jenes jungen Soldaten sollte sich nicht länger fortsetzen, sondern endlich ihre Bestimmung finden. Eigentlich hatte ich die Erinnerungen nur abschreiben wollen, um sie dann mit Hilfe dieser neuen Möglichkeit des Selfpublishings nun viel mehr Menschen zugänglich zu machen. Doch ich entdeckte dabei einmal mehr: wir wissen so wenig von der Geschichte unseres Landes und der anderer Länder sowieso. Aus der Kolonialzeit waren mir nur die oberflächlichen Fakten bekannt, die man uns fertig vorsortiert zu vermitteln sucht.
Ich liebe es, anhand von Büchern zu lernen und so neue Welten und auch Geschichte zu entdecken. Daher schätze ich es, wenn es mir beim Lesen eines Buches leicht gemacht wird und ich nicht selbst im weltweiten Netz nachschlagen muss. Die Fakten über die im Manuskript genannten Orte sollten eingefügt werden, ebenso die Bedeutung mancher Begriffe. Und auch die Vorgesetzten und Kameraden, die Franz Reuter erwähnte, wollte ich dem Leser näherbringen, als es allein der Name erreicht; sind sie doch keine Papierhelden sondern tatsächlich lebende Menschen gewesen, die nicht nur in diesem Manuskript eine Rolle spielen, sondern teilweise der Welt ihren mehr oder weniger großen Fußabtritt hinterlassen haben. Informationen darüber kann man teilweise im Internet und auch in gedruckten Büchern nachlesen.
Eine große Hilfe war mir dabei die Dissertation über die Kolonialzeit in Kamerun, die Florian Hoffmann 2007 verfasst hat1. In zwei Bänden wird darin die Geschichte der deutschen Kolonie Kamerun umfassend beleuchtet. Dort fand ich im 2. Teil auch die mir bekannten Lebensdaten jenes Leutnants Franz Reuter abgedruckt. So bleibt er nicht länger der ungreifbare Held eines Manuskripts, gleich einer Romanfigur, sondern gewinnt mehr Realität; wie all die anderen, denen er begegnete, die er festhielt in seinen Aufzeichnungen und die ich alle wiederfand im wissenschaftlichen Werk Florian Hoffmanns.
Ich erwarb gedruckte Exemplare der Dissertation und lernte dadurch viel über die Geschichte der Deutschen Kolonie Kamerun. Das bloße Tagebuch fand durch die Recherche eine nicht unerhebliche Ausweitung und es ist nicht länger nur das Werk Franz Reuters. Und doch glaube ich, dass mein Anteil nur eine Bereicherung dabei ist.
Die Worte des Urhebers ließ ich im Wesentlichen unverändert. Hier und da erlaubte ich mir kleine Änderungen zur besseren Lesbarkeit. So stellte ich die Sätze um, wo sie ungelenk klangen oder kürzte die Sätze, wenn der Urheber allzu viele Information in einem bandwurmartigen Satz unterbringen wollte. Dann wurden daraus zwei neue Sätze gebildet.
Eine Gliederung in Kapitel gab es nicht, diese habe ich vorgenommen und auch deren Überschriften stammen aus meiner Feder, um dem Leser einen Überblick zu geben.
Selbst als Autorin tätig, besitze ich einen anderen Stil. So war die Arbeit an dem Manuskript auch von der Herausforderung begleitet, die Persönlichkeit des Schreibers mit seiner ihm eigenen Ausdrucksweise zu würdigen und nur dann einzugreifen, wenn es gar zu holprig klang. Man muss sich auch vor Augen halten, dass Franz Reuter im Alltag seines Expeditionslebens meist nur wenig Zeit hatte, seine Erlebnisse niederzuschreiben und das Manuskript die erste Urschrift darstellt.
Ich habe die teils für uns altmodisch klingenden Worte beibehalten und auch die Ortsnamen in der damals üblichen deutschen Schreibweise belassen. In den Anmerkungen verwendete ich dann aber nach Hinweis die heute übliche Orthografie.
Auch die für uns heute herablassend klingenden Worte wie Neger, Nigger oder auch Kaffer habe ich belassen und bitte darum, sie mit dem Hintergrund der damaligen Zeit zu lesen. Diese wird hier nur dadurch deutlich, wenn man die Worte nicht vermeidet, sondern benennt. Indem man versucht, den Worten nachzuempfinden, wie sie tatsächlich ausgesprochen wurden und gemeint waren, nur dann kann Geschichte vollständig dargestellt sein und ist nicht länger kurzgefasst durch die heutige, allseits anerkannte Brille.
1 »Okkupation und Militärverwaltung in Kamerun«, Teil I und II, Florian Hoffmann, Cuvillier Verlag Göttingen, 2007
Jener Franz Reuter war für mich lange nur eine Gestalt in der Familiengeschichte meines Ehemannes. Sein Schicksal war bekannt: Soldat bei den »Schutztruppen« in Kamerun und leider auch dort in jungen Jahren verstorben. Sein Fehlen gehörte zur Geschichte dazu, er selbst blieb dahinter verborgen, sein früher Tod war die ganze Geschichte zu seinem Namen.
Für mich ist Familie auch immer ein berührendes und spannendes Netz von Persönlichkeiten, deren Schicksal einander bedingt. Je mehr ich mich den einzelnen Menschen nähere, je besser ich sie erfühle und verstehe, desto näher komme ich auch mir selbst. Mein Leben ist von all dem geprägt, nicht ausschließlich, aber gewisse Grundbedingungen werden dadurch gesetzt. Sie sind die Startpunkte meines eigenen Lebens, von dort aus bin ich es dann, die gestaltet.
Er könnte mir fern sein, jener Franz Reuter. Nur durch meine Heirat des Großneffen bin ich ein Teil des Reuter‘schen Netzes. Deren Schicksale hatten keinen Einfluss auf meine Startbedingungen, wohl aber auf die meines Mannes, indirekt, in gewisser Ferne, und zusammen mit der schweren Geschichte Deutschlands, deren Folgen uns alle geprägt haben.
In den Hinterlassenschaften meines Schwiegervaters entdeckte ich die Tagebuchaufzeichnungen des Franz Reuter: 63 Seiten, mit Hilfe einer Schreibmaschine abgetippt, unscheinbar in einem Schnellhefter abgelegt. Die handschriftliche Urversion ist offensichtlich verloren gegangen oder wurde möglicherweise vom Neffen als nicht mehr benötigt vernichtet. Das wäre ihm zuzutrauen, meinem Schwiegervater mit dem gleichen Namen. Jüngst ergaben vage Hinweise aus der Familie eine neue Spur: möglichlicherweise sind sie dem Detmolder Landesmuseum zur Verfügung gestellt worden. Die Recherche im Anschluss an meine Nachfrage dauert derzeit noch an.
Es war mir eine große Freude, in den letzten Wochen gemeinsam mit Franz Reuter Kamerun zu bereisen. Ich erlebte die ihm aufregend fremde Welt durch seine Augen und ich bin ihm dabei recht nahe gekommen. Mittlerweile kann ich sagen: so gern wäre ich ihm selbst begegnet!
Aber dies wäre wohl kaum geschehen, auch wenn er nicht so jung gestorben wäre. In dem Jahr, als ich geboren wurde, hätte er seinen 83. Geburtstag gefeiert.
Doch sehr gern hätte ich mit ihm »gemütlich« beisammen gesessen, so wie er es mochte und all die Fragen gestellt, die noch offen sind, die Erlebnisse gehört, die unerzählt blieben.
Die Erzählweise der Geschichte eines jeden Landes durch Rückschau erscheint uns sehr vertraut. Es ist so leicht, darin das Geschehen sogleich einer Beurteilung zu unterziehen. Man weiß ja auch wie es ausgegangen ist und wie die Folgen waren. Das Leben wird jedoch nach vorne gelebt, wir wissen heute noch nicht wie die Zukunft verlaufen wird und wie sich politische Situationen entwickeln werden. Wir alle sind im Moment des Geschehens geprägt von den Wertvorstellungen, die uns zu diesem Zeitpunkt umgeben, in der Presse und den übrigen Medien dargelegt, und auch in der Gesellschaft, in der wir uns bewegen.
Wer war nun jener junge Mann, in welche Familie wurde er hineingeboren und wie waren seine Startbedingungen zu dieser Zeit? Es ist ein kleiner Ausflug in die Geschichte der Familie Reuter und der des deutschen Landes nötig, um zu verstehen, warum der junge Franz so frohgemut und unbeschwert zu seinem Abenteuer aufbrach.
Franz Georg Hermann Wilhelm Reuter wurde am 19. November 1881 in Bielefeld geboren. Er war das zweite Kind von Franz Friedrich Rudolf Reuter und seiner zweiten Frau Sophie.
Der Vater selbst war 1842 in einer für Deutschland unruhigen Zeit geboren worden. Und es gab dieses Land noch nicht einmal als solches. Vielmehr gab es nur den »Deutschen Bund«, einen losen Zusammenschluss von eigenständigen Königreichen sowie Herzog- und Fürstentümern. Seit der Neuordnung durch den Wiener Kongress 1815 gehörte das ehemalige Herzogtum Westfalen nun als Provinz Westfalen zum Königreich Preußen und der Großvater Wilhelm, studierter Jurist, diente seinem Herrn als »Königlich Preußischer Justizrath« in der Kreisstadt Höxter.
In eine gutbürgerliche Familie hineingeboren, erlebte Vater Franz die Unruhen der 1848er Jahre wahrscheinlich wenn überhaupt, nur über die strenge Gegenseite der Rebellen: die Justiz. Ab 1861 folgte Vater Franz zunächst dem ungeschriebenen Familiengesetz und studierte wie schon Vater und Großvater ebenfalls Jura. Möglicherweise war eines der behandelten Themen in den Vorlesungen der gemeinsame Verfassungskonflikt Preußens und Österreichs mit Dänemark um das Herzogtum Schleswig. Der Konflikt mündete ab Februar 1864 in den Deutsch-Dänischen Krieg, der bereits nach wenigen Wochen mit der legendären Erstürmung der Düppeler Schanzen im April für Preußen und Österreich erfolgreich entschieden war. Der Friedensschluss im Oktober bescherte Preußen das Herzogtum Schleswig sowie über einen Kauf von Österreichs Rechten auch das Herzogtum Sachsen-Lauenburg. Es war der erste der drei Deutschen Einheitskriege.
Diesen ersten erlebte Vater Franz nur aus der Ferne, bevor er dann sein Studium im Herbst 1864 erfolgreich abschloss. Da war er 22 Jahre jung, die Euphorie des siegreichen Kampfes muss ihn wohl ergriffen haben, denn Franz sen. trat im folgenden Frühjahr zunächst als Einjährig-Freiwilliger in die Armee ein, die er wie geplant als Reservist im Frühjahr 1866 wieder verließ.
Möglicherweise wäre sein Leben und das seiner Söhne ganz anders verlaufen, wenn nicht wenige Wochen später der Deutsch-Österreichische Krieg ausgebrochen wäre. Vordergründig ging es um Konflikte in der Verwaltung der Herzogtümer Schleswig und Holstein, eher Aufhänger zur Klärung als der letzte Tropfen vor dem Überlaufen. Wie so oft in der Weltgeschichte waren wirtschaftliche Fragen und Konflikte der Hintergrund und viel weniger imperialistische Großmannssucht, aber die lässt sich dem ahnungslosen Volk leichter verkaufen und ist besser geeignet, um für die eigene Intention die gute Seite von der bösen deutlich zu unterscheiden.
Seit 1815 rang man nun darum, wie der Nachfolger des Heiligen Römischen Reiches aussehen sollte. Es galt, eine neue Balance in Europa zu finden. Und schon damals begriff man rasch: viele Zollgrenzen und uneinheitliche Gesetze erschweren den Handel und schaffen Nachteile gegenüber dem wirtschaftlich so erfolgreichen England. Wie heute überließ man 1815 die einheitlichen Gesetze späteren Verhandlungen in der Zukunft. Preußen ergriff zusammen mit seinen Verbündeten die Initiative, dies führte zunächst 1834 zum erfolgreichen »Deutschen Zollverein«. Doch eine wirtschaftliche Zusammenarbeit ist eben auch nur ein Bein und führt nicht automatisch zu einem neuen Staat. In den folgenden Jahren wurde heftig diskutiert und um kleindeutsche Lösungen (ohne Österreich) und großdeutsche Lösungen (mit Österreich) gerungen. Für das große Habsburger Reich war damit die Frage verbunden, wie dann Ungarn zu behandeln wäre, eine Abtrennung von Österreich für ein Großdeutsches Reich war undenkbar und führte zum konsequenten Nein der Österreicher für diese Lösung.
Die Unruhen 1848/49 führten schließlich zu vielfältigen Versuchen von Bündnissen und Unionsgebilden: es gab für 6 Monate ein Deutsches Reich, gefolgt von einer Bundeszentralkommission und der Deutschen Union, bevor man 1851 wieder zum vorrevolutionären Deutschen Bund zurückkehrte, der aber nur eine »völkerrechtsvertraglich vermittelte Vereinskompetenz« besaß, also nur den kleinsten gemeinsamen Nenner abbildete. Kommt uns in Bezug auf die EU irgendwie bekannt vor, nicht wahr?
Die strategischen Ideen des preußischen Ministerpräsidenten Bismarck standen unvereinbar denen Österreichs gegenüber: der eine forderte, der Zeitströmung geschuldet, klug ein vom Volk gewähltes Nationalparlament, wodurch das bevölkerungsreiche Preußen einen Vorteil erreicht hätte. Österreichs Ideen für einen künftigen Bundesstaat als »Frankfurter Reformakte« 1863 vorgelegt, beinhalteten eine für jedes Land festgelegte Anzahl von Vertretern und ein Direktorium unter Vorsitz Österreichs. Ein periodischer Wechsel an der Spitze, wie von Preußen vorgeschlagen, war bei dem Vorschlag hingegen nicht vorgesehen. Bismarck war es dann schließlich, der die Lösung des Konflikts auf dem Schlachtfeld herbeiführte durch den Einmarsch der Preußischen Armee in Holstein am 7. Juni 1866, was Österreich natürlich als Angriff eines Bündnispartners wertete und seinerseits zwei Tage später nach erfolgreichem Antrag beim Deutschen Bund die eigenen Truppen und die seiner Verbündeten mobilisierte.
Vater Franz ereilte also kaum einen Monat nach seiner Entlassung als Reservist schon wieder der Rückruf zur Armee im Mai 1866, wie er in seinen Erinnerungen schreibt. Es folgten Wochen voller Anstrengung und Abenteuer für den jungen Mann. Zunächst erlebte er den Erfolg gegen die Hannoversche Armee:
»erst im Hannoverschen Lande wurde es ernster, vorn ertönten Schüsse, Husaren jagten umher und auf einmal war die Chaussee mit Spielkarten übersät, die die abergläubischen Soldaten vor dem Gefecht wegwarfen. Der Marsch nach Hannover wurde mir, da ich seit 4-5 Tagen nicht ins Bett gekommen war, sehr schwer. ... Die Hannoversche Armee war kurz zuvor entwischt, wir hinterher ... über Kassel, Eisenach pp, zogen wir nach Süden und hatten unser erstes Gefecht am 4. Juli bei Dermbach. Hier fiel mein Hauptmann v. Konrezinski und mein guter Freund Leutnant Piehl ... wir zogen ... nach Kissingen. ... rückten unter heftigem Granat- und Gewehrfeuer in die schon genommene Stadt, sahen auf Plätzen unsere Verwundeten und auf Matratzen gebettete Offiziere liegen, die uns beim Vorbeimarsch lustig zuriefen. Draußen vor dem Thor an der mit Kugelspuren übersäten Kirche und dem Kirchhof vorbei ... sahen wir vorwärts unsere Gefallenen liegen. Leutnant Plange stand wie ein Held im tollsten Feuer aufrecht ... naßkalt, nichts zu essen und zu trinken, Lager im Kornfeld auf einem toten Pferd. Von morgens 4 Uhr bis abends im Dunkeln ununterbrochen marschiert und gefochten ... Am 16. Juli Einzug in Frankfurt am Main, Gefecht bei Tauberbischofsheim ... nach Würzburg, Waffenstillstand und Beförderung zum Landwehroffizier.«
So grausam wie es für uns heute klingt, waren es für den jungen Franz offenbar überaus erfüllende Wochen, sodass er sich, nach Höxter zurückgekehrt, entschloss, beim Regiment zu bleiben. Ein Offiziersexamen wurde ihm wegen »Tapferkeit vor dem Feind« erlassen, ab 16. August 1866 diente er als Leutnant im 6. Westfälischen Infanterie-Regiment Nr. 55, das auch für seinen ältesten Sohn Wilhelm eine große Bedeutung erlangen sollte.
Es folgten für Vater Franz glückliche und dann auch erfolgreiche Jahre in der Preußischen Armee.
»Nun kam der Krieg 1870/71, den ich als Adjutant des 2. Bataillons im 55er Regiment mit all seinen Schlachten und Gefechten mitmachte.« Es ist hier nicht nötig die genauen Hintergründe zu beschreiben, die zu diesem neuerlichen Krieg führten. Die politische Situation hatte sich durch die beiden vorhergehenden nicht wesentlich geändert und man suchte noch immer nach einem Modell für ein neues Staats- oder Staatengebilde. Und wie heute werden mitunter Kriege aus vorgeschobenen oder bewusst initiierten Situationen heraufbeschworen, um in einer Zwangssituation Gesetze oder sogar ganze Verfassungen neu zu schreiben und das eigentliche Ziel zu erreichen. Frankreich spielte Bismarck in die Hände und so genügte nur ein kleines Missverständnis im Zusammenhang mit der legendären Emser Depesche, für den Beginn dieses letzten der deutschen Einheitskriege. Bismarck verschaffte es den nötigen Druck auf die Einzelstaaten, um sie endlich einig hinter sich zu versammeln im gemeinsamen Vorgehen gegen Frankreich.
»Am 29.10. rückten wir in Metz ein. Unterwegs brachte mir ein Adjutant das Eiserne Kreuz. Dann lagen wir bis 6. Dezember in Metz ...«, schreibt Vater Franz darüber. Ungeachtet des laufenden Krieges gelang es Bismarck, das Gemeinsame rasch in eine neue Verfassung zu gießen, die am 1. Januar 1871 nun endlich zu dem gewünschten deutschen Nationalstaat, dem Deutschen Kaiserreich führte. Der Waffenstillstand in dem kurzen, aber für Deutschland so erfolgreichen Krieg wurde am 31. Januar unterzeichnet, ein offizieller Friedensvertrag dann am 10. Mai 1871.
Der normale, wenig aufregende Garnisonsdienst ab dem Sommer 1871 behagte dem mittlerweile 29 jährigen Franz sen. dann weniger:
»und ich war entschlossen, meinen Abschied zu nehmen, als ich im September die Nachricht von meiner Berufung zur Kriegsakademie in Berlin erhielt. Drei Jahre Akademie in Berlin, eine Wiederholung der fröhlichen Studentenzeit, im Herbst jeden Jahres noch ca. 3 Monate zum Regiment und zum Manöver.«
In diesen Jahren erhielt Vater Franz an der Preußischen Kriegsakademie eine fundierte Ausbildung. Im Unterschied zu den Kadettenanstalten und Kriegsschulen für Offiziersanwärter bildete die Kriegsakademie Offiziere für den Generalstab aus, heute vergleichbar der Führungsakademie der Bundeswehr. Als Oberleutnant kehrte er zurück zu »seinem« 6. Westfälischen Landwehr-Regiment Nr.55, ab 1881 dann Hauptmann und Kompaniechef. Und bevor er es sich wiederum anders überlegen konnte, wurde er als Lehrer zur Kriegsschule nach Erfurt abkommandiert.
Dazwischen liegen aber auch tragische Ereignisse wie der Tod seiner ersten Ehefrau und der gemeinsamen Tochter 1877 im Kindbett. Doch dem sollten bald wieder glückliche Ereignisse folgen:
»Am 1. Januar 1879 war ich bei Carl Bertelsmann zum Mittagessen geladen, fand dort fröhliche Gesellschaft und mir gegenüber am Tisch Fräulein Sophie Gante vor, eine Freundin meiner verstorbenen Frau. Ihr fröhliches, frisches Gesicht, ihre lebhafte Unterhaltung ließen in mir sofort den Wunsch aufsteigen, sie näher kennen zu lernen. Und ich wurde hierin bestärkt durch einen Traum, den ich bald nach dem Tode meiner ersten Frau gehabt hatte, in welchem mir diese erschienen war und mir sagte: ‚Sophie wird Dich trösten.‘ Ich hatte den Gedanken weit von mir gewiesen, jetzt tauchte er verstärkt wieder auf. Am folgenden Tage schrieb ich ihr einen Brief, dem alsbald eine zusagende Antwort folgte. Am 10. Januar 1879, abends 6 Uhr wurde ich in ihr Haus bestellt und wir verlobten uns zur großen Überraschung des Vaters. Am 28. Juni 1879 fand unsere Trauung im Hause statt und wir machten unsere Hochzeitsreise den Rhein herauf, Schweiz, Meiringen, Interlaken ect.«
Es muss eine überaus glückliche Reise gewesen sein, denn der älteste Sohn Wilhelm erhielt später als Geschenk zu seiner Hochzeit eine Reise der Eltern nach Interlaken, gleichermaßen glückselige Erinnerungen später für Wilhelms Frau Lydia.
Zehn Monate nach jener Hochzeit wurden Franz und Sophie im April 1880 Eltern eben dieses ersten Sohnes. Und nur weitere 18 Monate später, im November 1881, erblickte dann der zweite Sohn, eben jener Franz Reuter, um den es eigentlich in diesem Buch geht, das Licht der Welt.
Die beiden Söhne erlebten ihren Vater als erfolgreichen Berufssoldaten, der nach einer weiteren Station als Lehrer der Kriegsschule im schlesischen Glogau, 1887 als Kompaniechef des 7. Pommerschen Infanterie-Regiments Nr. 54 nach Kolberg versetzt wurde. Dieses wurde 15 Jahre später auch das »Heimat-Regiment« des zweiten Sohnes Franz, verbunden mit vielen schönen Erinnerungen. In Kolberg wurde schließlich im Dezember 1889 der dritte Sohn von Franz und Sophie geboren, Herbert.
Schon seit der Beförderung zum Major 1891 war Vater Franz, noch in Kolberg wohnend, einem Nebenetat des Großen Generalstabs zugeteilt worden. Und noch einen weitere Stufe auf der Karriereleiter stand ihm bevor: mittlerweile im Range eines Oberstleutnant erhielt er 1898 nun die Ehre, zum Großen Generalstab in Berlin berufen zu werden. Man zog wieder einmal um, nun also die Hauptstadt.
Und wiederum ist ein kleiner Ausflug in die Geschichte Deutschlands nötig, um die Bedeutung der Position dieser Gruppierung innerhalb der Armee deutlich werden zu lassen. Dazu müssen wir zurückgehen bis zur Niederlage Preußens und der anderen deutschen Gebiete im Krieg gegen Napoleon 1806. Das einstmals hochgerühmte preußische Militär Friedrichs des Großen war zu dieser Zeit nur noch ein heruntergekommener, schlecht organisierter Haufen, den Napoleon mit seiner neuformierten Armee und modernen Waffen mühelos überrannte.
Wie so oft im Leben der Menschen ist erst eine gehörige Leidenszeit nötig, bis man bereit ist, Änderungen vorzunehmen und von alten, überholten Vorstellungen abzulassen. Und für Preußen und all die anderen Gebiete waren diese Jahre unter französischer Herrschaft durchaus schmachvoll: die Hauptstadt Berlin von Franzosen besetzt, der König in das noch sichere Ostpreußen geflohen. Erst durch eine gründliche Reorganisation des Militärs durch Gerhard von Scharnhorst und August Neidhardt von Gneisenau gelang 1813 in den Befreiungskriegen unter dem Generalfeldmarschall von Blücher ein glorreicher Sieg. Noch heute gibt das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig Zeugnis davon. Als Vater Franz 1842 geboren wurde, waren seit dieser Leidenszeit sowie dem Sieg im Anschluss erst 30 Jahre vergangen.
Die Idee eines Generalstabs war nicht neu, aber in den Jahren ab 1807 wurde sie weiter verfolgt und es entstand die sich später so bewährende, neue Spitzenbehörde innerhalb des Militärs, ab 1821 auch nicht länger dem Kriegsministerium unterstellt. In den verschiedenen Abteilungen erhielten u.a. Führungsoffiziere dort ihre Schulung, um ihrerseits entweder die Truppen auszubilden oder zu führen; in einer anderen Abteilung wurden Kriegsgeschichte und Schlachtpläne der Vergangenheit wissenschaftlich analysiert, in der Abteilung Preußische Landesnahme ein großes topographisches Kartenwerk erstellt und verwaltet. Die wissenschaftlichen Ausarbeitungen durch Carl von Clausewitz trugen in erheblichem Maße zur Entwicklung bei. Der Generalstab wurde Schaltzentrale und nahm bald die höchste Kommandogewalt ein, zuständig für Vorbereitung, Leitung und Ausführung der militärischen Operationen.
Seit der glänzend bestandenen Bewährungsprobe der neuformierten Armee 1866 unter dem neuen Generalstabschef Helmuth von Moltke in den Einigungskriegen war »generalstabsmäßige Planung« ein Begriff, der synonym für gute Planung auch in anderen Bereichen verwendet wurde und bis heute im Sprachgebrauch ist. Spätestens seit dem Sieg 1871 war Deutschland endlich wieder eine wahrnehmbare und geachtete Größe geworden. In den erfolgreichen Gründerjahren setzte sich die glückliche Zeit fort. In dieser Zeit wuchsen die drei Söhne auf, diese Atmosphäre atmeten sie ein. Und sie hörten von den ruhmreichen Erlebnissen des Vaters in den erfolgreichen Kriegen, der letzte lag kaum 30 Jahre zurück.
Auch für uns ist heute die Zeit des Mauerfalls und das Glück des geeinten Deutschlands noch sehr präsent, auch für uns sind seither erst 30 Jahre vergangen.
In diese Führungsbehörde, dem Großen Generalstab in Berlin wurde Vater Franz nun 1898 versetzt, eine Position voller Prestige. Man wohnte gutbürgerlich in einer großen Wohnung mit hohen Räumen im Bezirk Charlottenburg, gegenüber des Kleinen Tiergartens.
Und vermutlich gehörte es in dieser Zeit einfach dazu, dass der älteste Sohn den gleichen Weg einschlagen sollte und bereits in jungen Jahren zur umfangreichen Ausbildung in die Kadettenanstalt geschickt wurde. Es gibt ein Photo von Wilhelm, das ihn 1893, im Alter von 13 Jahren in seiner Uniform zeigt. Bei Franz, dem zweiten Sohn, wurde vermutlich ein anderer Weg gewählt, denn dieser erwähnt in seinen Aufzeichnungen seine Erinnerungen an das Luisenstädtische Gymnasium in Berlin. Dies war der Alternativweg für die Ausbildung zum Soldaten: nach dem Abitur am Gymnasium besuchte man als Fahnenjunker eine Kriegsschule. Nach drei Jahren schloss man den Lehrgang ab und wurde zum Leutnant ernannt. Für den jungen Franz Reuter war dieses Ziel im Januar 1902 erreicht.
Ein Soldat verbringt berufsbedingt viel mehr Zeit mit seinen Kameraden als Menschen anderer Beschäftigung mit ihren Kollegen. Mehr noch als in sonstigen Berufsgruppen werden wohl Beziehungen genutzt für die Besetzung von Positionen. Und so fällt es auf, dass der junge Leutnant Franz in das gleiche 7. Pommersche Infanterie-Regiment Nr. 54 berufen wird, in dem schon sein Vater Kompaniechef gewesen war und Franz somit nach Kolberg zurückkehrt. Und es fällt weiteres auf, das womöglich seinen Weg als Kolonialoffizier beeinflusst hat: in eben diesem Regiment in Kolberg hatte vordem auch ein Soldat mit bekanntem Nachnamen gedient: Oskar von Lettow-Vorbeck. Es ist vermutlich auch kein Zufall, dass Vater Franz einst dorthin berufen worden war, denn vermutlich hatten sich die Wege beider im Krieg 1870 in Metz gekreuzt und sie blieben womöglich im Kontakt. Die Lettow-Vorbecks sind ein altes pommersches Adelsgeschlecht und waren mit vielerlei Nachkommen in der Preußischen Armee vertreten. Einer der bekanntesten ist wohl Paul von Lettow-Vorbeck, der von 1904 - 1906 als Kompaniechef unter Lothar von Trotha in Deutsch-Südwestafrika diente und zugegebener Maßen damit verbunden, zweifelhaften Ruhm erlangte. Allerdings wurden die Zweifel erst in den letzten Jahren laut. Bis dahin gab es zahlreiche Straßen und Schulen, die seinen Namen trugen. Ob nun direkt durch Begegnungen mit Verwandten Lettow-Vorbecks oder indirekt über Artikel und Berichte, der junge Franz interessierte sich sehr für den Dienst in den Kolonialgebieten. Vermutlich war es eher das Fernweh, das Bedürfnis ferne Länder und andere Kulturen zu sehen und weniger das aufregendmartialische Kampfgeschehen, das ihn reizte. Diesen Eindruck gewann ich aus seinen Aufzeichnungen.
Das Ziel als Offizier der Schutztruppen eingesetzt zu werden, war nicht leicht zu erreichen. Viele junge Soldaten interessierten sich für einen solchen Einsatz.
Es seien »abenteuerliche und gewalttätig veranlagte Naturen« und »mißratene Söhne ... hochstehender, einflußreicher Herren«2, so wird in der deutschen Bücherlandschaft gern über die Angehörigen der Schutztruppen berichtet. Es ist das Bild, das man in unserer Zeit zeichnen möchte. Doch die tatsächlichen Umstände sahen anders aus, wie Florian Hoffmann in seiner Dissertation schreibt. In der Schutztruppenordnung wurden »gute dienstliche und außerdienstliche Führung, absolute Zuverlässigkeit, solider Lebenswandel, gute militärische Ausbildung, vor allem im Felddienst und im Schießen, Fähigkeit zu selbstständigem Handeln für alle Chargen« gefordert. Darüber hinaus war nach einer mindestens dreijährigen Dienstzeit als Offizier eine gute dienstliche Qualifikation Bedingung, sowie »ein ruhiger, fester Charakter, klares Urteil, Sicherheit und Festigkeit im Entschluß, Verständniß der Behandlung Untergebener, taktvolles Verhalten gegen Vorgesetzte, kameradschaftlicher Sinn, Schuldenfreiheit und geordnete Verhältnisse ... unbedingte Erfordernisse.«3
Laut Hoffmanns Quellen überstieg die Anzahl der Anwärter den Bedarf um ein Vielfaches und so war eine einwandfreie Beurteilung ohne Ausnahme notwendig. In den Anfängen der Entsendung von Kolonialregimentern gab es kaum eine spezielle Ausbildung oder Vorbereitung. Allerdings wurde darauf geachtet, dass die Soldaten neben den körperlichen Anforderungen auch besondere Eigenschaften und Fertigkeiten besaßen. Eine körperliche Leistungsfähigkeit, Abhärtung und Anspruchslosigkeit war selbstverständlich. Daneben wurden Erfahrungen im Anfertigen von Skizzen für die Kartographie, der Umgang mit meteorologischen Instrumenten, Theodolithen und Sextanten zur Vermessung im Gelände, Grundkenntnisse im Umgang mit Segel- oder Ruderbooten, im Bau von einfachen Unterkünften sowie im Gartenbau und Viehzucht erwartet.
In der Zeit als sich Franz Reuter für den Einsatz bei den Schutztruppen bewarb, war der Besuch des Seminars für Orientalische Sprachen für die Vorbereitung mittlerweile verpflichtend. Darin wurden neben Grundkenntnissen der vorherrschenden Sprachen auch Kenntnisse unter anderen zur astronomischen Ortsbestimmung, Pflanzenkunde, Rechtskunde für Kolonialgebiete und Konsulargeschäfte, Islamkunde und Tropenhygiene vermittelt, so beschreibt es auch Franz Reuter in seinen Aufzeichnungen. Es gab sogar die Vermittlung praktischer Fähigkeiten zur Photographie und chemische Technologien oder, wie es Franz Reuter erlernte, im Präparieren von Tieren.
Für Soldaten gab es in der langen Friedenszeit nur in den Kolonialgebieten eine Möglichkeit zur Auszeichnung oder Bewährung. Auch heute ist es nicht ungewöhnlich, dass das Erlernte natürlich eingesetzt werden soll. Vielmehr ist es eigentlich alltäglich, ohne dass dies in den Medien heute direkt thematisiert wird, dass in Stellvertreter-Kriegen das eingekaufte Material erprobt wird und die eigene Schlagkraft potentiellen Gegnern demonstriert werden soll. Ein ganzer Industriezweig ist heute gerade daran sehr interessiert und bezieht daraus sein Einkommen.
Für den jungen Franz Reuter war schon nach vier Jahren Dienst als Leutnant das Ziel erreicht: er wurde auf die Anwärterliste der Schutztruppen gesetzt.
Erinnern Sie sich, verehrter Leser, an Ihre jungen Jahre? Welche Träume hatten Sie im Alter von 26 Jahren, welche Flausen gab es, über die Sie heute den Kopf schütteln. Und in welche riskanten Abenteuer haben Sie sich gestürzt, die hoffentlich am Ende ein glückliches oder wenigstens glimpfliches Ende fanden? Oder blieben Sie am Ende immer auf sicheren Pfaden und die Heldentaten blieben ein Gedankenspiel?
Nach meiner Beobachtung sind es gerade die letzten Jahre vor dem 30. Geburtstag, in denen wesentliche Reifeprozesse geschehen: die berufliche Ausbildung ist bei den meisten spätestens jetzt abgeschlossen und viele lernen in diesen Jahren durch Versuch und Irrtum welche Ziele ihnen wichtig sind. Oft braucht es leider eine Enttäuschung, eine Desillusionierung, aber auch einen klaren Blick und eine gesunde Portion Reflektion, die uns unsere Sicht auf die Welt infrage stellen lassen. Mit 26 Jahren hat man eher weniger Erfahrungen solcher Art gemacht. Zudem waren vor 100 Jahren die gesellschaftlich anerkannten Wege viel stärker vorgezeichnet und ein Ausreißen geschah eher selten.
Die Entscheidung eines Soldaten, sich den Schutztruppen anzuschließen war zu jener Zeit ein eher prestigereicher Weg. Zudem waren ferne Länder viel weniger bekannt und erreichbar als heute. Der letzte Krieg lag über 30 Jahre zurück, man lebte in einer Zeit ähnlich großer Sicherheit wie heute.
Wie viele junge Menschen begeben sich heute auf Trecking-Touren in die Gebirge Asiens, in die Wüsten Afrikas oder auch in die europäischen Alpen. Und manch einer kehrt auch heute durch leichtsinnige Entscheidungen oder Fehltritte von diesen Abenteuern nicht zurück.
In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hielten uns die Taten der jungen RAF-Anhänger in Aufregung, heute sind es die der NeoNazis. Aus beiden Richtungen gibt es allerdings auch Berichte von jenen, die nach einiger Zeit mit zunehmender Erfahrung reflektieren und den eigenen Weg korrigieren.
Wenn wir heute über die Schutztruppen-Soldaten sprechen, ist der Sog, sich der im Allgemeinen von den Medien und der Literatur kolportierten Meinung anzuschließen groß. Dem Schicksal des einzelnen Menschen wird man dabei nicht gerecht. In diesem Buch wird jedoch das Schicksal eines Einzelnen beleuchtet und soll im Vordergrund stehen. Viel zu wenig wird dies geachtet und muss hinter dem Bewusstsein um die Schuld der Nation zurücktreten.
Hier soll es umgekehrt sein: Franz Reuter soll im Fokus stehen, das urpersönliche Erleben seines Abenteuers, seine Freude an der Natur und sein Handeln sowie die persönlichen Folgen für seine Familie.
Und nicht zuletzt bitte ich darum, sein Leben in dem gesellschaftlichen Hintergrund der damaligen Zeit zu lesen und zu verstehen. Natürlich urteilen wir heute anders, wir wissen viel mehr und die Entwicklung der gesellschaftlichen Meinung und der Erziehung ist voran geschritten. Man nehme nur die Prügelstrafe, die vor 100 Jahren in den Familien noch fast selbstverständlich war. Aber verkennen wir nicht die Realität, wenn wir uns über das vermeintliche Relikt aus einer vergangenen Zeit empören? Ist doch auch heute diese Art der Disziplinierung in vielen Ländern verbreitet und wird sogar in Deutschland nicht selten genutzt. Nur damals empörte sich wohl kaum einer darüber. Das Prügeln galt mehr oder weniger als legitime und übliche Disziplinierungsmaßnahme.
