Einsatztaktik für den Gruppenführer - Hermann Schröder - E-Book

Einsatztaktik für den Gruppenführer E-Book

Hermann Schröder

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Beschreibung

Das Rote Heft 10 gibt den Einsatzleitern, beispielhaft an der Funktion des Gruppenführers dargestellt, Hinweise für richtiges einsatztaktisches Verhalten im Feuerwehreinsatz. Anhand eines Ablaufplans, einem Modell für den immer wieder zu durchlaufenden Führungsvorgang, werden theoretische Hintergründe erläutert und daraus praktische Einsatzhinweise abgeleitet. Das Rote Heft "Einsatztaktik für den Gruppenführer" wendet sich insbesondere an neue Führungskräfte und will ihnen Hilfestellungen bei ihren ersten Einsätzen als Führungskraft geben. Den erfahrenen Einsatzleitern gibt das Buch Anregungen für die Aus- und Fortbildung.

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Seitenzahl: 92

Veröffentlichungsjahr: 2026

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[1]Rotes Heft 10

Einsatztaktik für den Gruppenführer

von

Dipl.-Ing. Hermann Schröder

Ministerialdirigent i.R.ehemals LandesbranddirektorBaden-Württemberg

22., aktualisierte Auflage

Verlag W. Kohlhammer

[2]Wichtiger Hinweis

Der Verfasser hat größte Mühe darauf verwendet, dass die Angaben und Anweisungen dem jeweiligen Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entsprechen. Weil sich jedoch die technische Entwicklung sowie Normen und Vorschriften ständig im Fluss befinden, sind Fehler nicht vollständig auszuschließen. Daher übernehmen der Autor und der Verlag für die im Buch enthaltenen Angaben und Anweisungen keine Gewähr.

22., aktualisierte Auflage 2026

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung:

W. Kohlhammer GmbH, Heßbrühlstr. 69, 70565 Stuttgart

[email protected]

Print:

ISBN 978-3-17-037775-2

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-037777-6

epub: ISBN 978-3-17-037778-3

Für den Inhalt abgedruckter oder verlinkter Websites ist ausschließlich der jeweilige Betreiber verantwortlich. Die W. Kohlhammer GmbH hat keinen Einfluss auf die verknüpften Seiten und übernimmt hierfür keinerlei Haftung.

[3]Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1

Grundsätze der Einsatztaktik

2

Von der Alarmierung bis zum Eintreffen an der Einsatzstelle

2.1

Alarmieren und Ausrücken

2.2

Alarmfahrt zur Einsatzstelle

2.3

Fahrzeugaufstellung

3

Der Führungsvorgang

4

Der Einsatzablauf am Ablaufplan des Führungsvorgangs dargestellt

4.1

Die Lage

4.1.1

Allgemeine Lage

4.1.2

Schadenereignis/Gefahrenlage

4.1.3

Schadenabwehr/Gefahrenabwehr

4.2

Lagefeststellung

4.2.1

Frontalansicht des Schadenobjekts

4.2.2

Befragung »beteiligter« Personen

4.2.3

Vorgehen in den Eingangsbereich/Treppenraum bei Gebäuden oder Blick in das Innere von Objekten (z.B. Fahrzeuginnenraum)

4.2.4

Herumgehen um das Schadenobjekt

4.3

Beurteilung

4.3.1

Welche Gefahren sind erkannt?

4.3.2

Welche Gefahr muss zuerst bekämpft werden?

4.3.3

Möglichkeiten zur Gefahrenabwehr

4.3.4

Welche Möglichkeit der Gefahrenabwehr ist die beste?

4.4

Entschluss (Absicht/Grundzüge/Nachforderung)

4.5

Einsatzbefehl

4.6

Lagemeldung

4.7

Kontrolle und weiterer Führungsvorgang

4.8

Abschließende Maßnahmen

5

Die Aufgaben im Anschluss an die Gefahrenbeseitigung

5.1

Abrücken von der Einsatzstelle

5.2

Wiederherstellen der Einsatzbereitschaft im Feuerwehrhaus bzw. auf der Feuerwache

6

Die Gruppe als Teileinheit

6.1

Die Gruppe im Zugeinsatz

6.1.1

Einsatz getrennt

6.1.2

Einsatz nebeneinander

6.1.3

Einsatz hintereinander

6.1.4

Einsatz geschlossen

6.2

Die Gruppe als nachrückende Einheit bei Großeinsätzen

7

Standard-Einsatz-Regeln (SER) der Gruppe für den Brandeinsatz

8

Lösungen zu den Wissensfragen

Stichwortverzeichnis

[7]Einleitung

Die Feuerwehren stehen bei ihren Einsätzen einer Vielzahl verschiedenartiger und unterschiedlich großer Aufgaben und Herausforderungen gegenüber. Dabei müssen Sie als Führungskraft in Ihrer Funktion als Einsatzleiterin oder Einsatzleiter oder als Einheitsführerin oder Einheitsführer im Einsatz in kürzester Zeit die Ihnen unbekannte Einsatzlage

erfassen (Lagefeststellung),

beurteilen (Beurteilung)

und sich, auf diesen Erkenntnissen aufbauend, für eine möglichst optimale Gefahrenabwehr

entscheiden (Entschluss) und

die Maßnahmen anordnen (Befehl).

Diese vier Teilschritte bilden in der Führungslehre das Grundmodell des Führungsvorgangs; dieses Grundmodell wird als Kreisschema bezeichnet. Sie als Führungskraft durchlaufen im Einsatz ständig diesen Führungsvorgang, der Ihnen eine intellektuelle Höchstleistung bei gleichzeitiger hoher Stressbelastung abverlangt.

Umfangreiche Kenntnisse über die Einsatzmöglichkeiten und -grenzen der Geräte, Fahrzeuge und Löschmittel, über die Unfallverhütungsvorschriften, über die Gefahren aufgrund Art, Material und Konstruktion des Schadenobjekts sowie über Kompetenzen, Regelungen und Vorgaben gemäß einschlägiger Rechtsvorschriften bilden das Basiswissen einer Führungskraft.

[8]Eine ausgeprägte Führungspersönlichkeit ist die Grundvoraussetzung, um der übertragenen Führungsverantwortung gerecht werden zu können. Entschlusskraft, Verlässlichkeit, persönliche Autorität und die Fähigkeit, andere Menschen zu motivieren, sind entscheidende Führungseigenschaften.

Die Qualität einer Führungskraft zeigt sich daran, ob ihr Fachwissen unter einsatztaktischen Gesichtspunkten zum optimalen Einsatzerfolg führt. Fachbezogenes Basiswissen, persönliche Führungsqualität und die Beherrschung der Einsatztaktik sind ein sich gegenseitig beeinflussendes System, in dessen Mittelpunkt der Führungsvorgang als steuerndes Element steht.

Das vorliegende Rote Heft beschreibt diesen Führungsvorgang als zentrales Element der Einsatzführung und ordnet die zugehörigen taktischen Grundregeln den einzelnen Phasen des Führungsvorgangs als konkrete Handlungsanweisungen zu.

Allen Ausführungen in der Lehrschrift liegt die Überlegung zugrunde, dass der Denk- und Handlungsablauf einer Führungskraft wegen der Stressbelastung in der Einsatzphase und der Kürze der verfügbaren Reaktionszeit nicht mehr nur dem eigenen Willen unterliegt, sondern als unwillkürlicher Denk- und Handlungsprozess abläuft. Das heißt, dass das Denken und Handeln nicht mehr nur alleine vom Willen beeinflussbar sind, sondern dass auch eingeübte Handlungsschemata an deren Stelle treten. Fehlen diese Schemata, so sind die Ergebnisse der Denk- und Handlungsabläufe teilweise dem Zufall überlassen. Sie sind dann weder vorhersehbar noch in befriedigender Qualität zu erwarten. Ziel der Taktikausbildung muss es daher sein, einen universell anwendbaren [9]Führungsvorgang und zugehörige klare Einsatzgrundsätze zu vermitteln.

In ►Kapitel 7 sind als Ergebnis des Denk- und Handlungsprozesses für den Wohnungsbrand vier Standard-Einsatz-Regeln (SER) beschrieben. Diese geben für die Erstphase des Einsatzes, unmittelbar nach Eintreffen der Einheit an der Einsatzstelle und aufgrund eines ersten Lageeindrucks, grundsätzliche und immer anwendbare Einsatzmaßnahmen vor. Sie sollen den Führungskräften helfen, die ersten Einsatzmaßnahmen zielgerichtet und sinnvoll zu planen und umzusetzen.

Während der Führungsvorgang auf allen Führungsebenen anwendbar ist, treffen die erläuternden Regeln und Einsatzgrundsätze oft nur für eine bestimmte Führungsebene zu. Das vorliegende Rote Heft stellt Sie als Gruppenführerin oder Gruppenführer in den Mittelpunkt der Ausführungen. Alle Aussagen gelten in gleicher Weise auch für die Staffel und für den Selbstständigen Trupp. Auch die Zugführerinnen und Zugführer nutzen die Aussagen und das gedankliche Vorgehen bei der Abarbeitung des Führungsvorgangs.

Als Gruppenführerin oder Gruppenführer bewältigen Sie insbesondere als Mitglied bei den Freiwilligen Feuerwehren die Mehrzahl der Einsätze in der Verantwortung der Einsatzleiterin oder des Einsatzleiters. Verantwortungsvolle und folgenschwere einsatztaktische Entscheidungen müssen von Ihnen schnell und wohlüberlegt getroffen werden. Bei Großeinsätzen legen Sie durch die Erstmaßnahmen sehr oft auch den Grundstein für den späteren Einsatzerfolg oder aber auch für den Misserfolg.

So stehen Sie als Gruppenführerin oder als Gruppenführer in der Führungshierarchie zwar an »unterster« Stelle, dennoch [10]oder gerade deshalb nehmen Sie für den Einsatzerfolg die zentrale Position ein.

Das vorliegende Rote Heft soll Sie bei der Ausübung Ihrer Führungsaufgabe unterstützen. Als Ergänzung zu den Feuerwehr-Dienstvorschriften soll es in die Einsatztaktik einführen. Für die Aus- und Fortbildung bietet es wertvolle Hinweise bei der Vorbereitung von Planbesprechungen sowie von Plan- und Einsatzübungen.

[11]1Grundsätze der Einsatztaktik

Einsatztaktik ist die Lehre von der Anordnung und der Aufstellung der Einheiten sowie der zweckmäßigen Auftragszuweisung an diese.Die Einsatztaktik hat zum Ziel,

die richtigen Mittel

zur richtigen Zeit

am richtigen Ort

einzusetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss Ihnen als Führungskraft ein leicht erlernbarer Denk- und Handlungsablauf zur Verfügung stehen. Dieser Denk- und Handlungsablauf wird in der Einsatzlehre Führungsvorgang genannt. Sie durchlaufen ihn bei jedem Feuerwehreinsatz mehrmals und erhalten für jede Schadenlage eine eigene individuelle, optimale Lösung.

Bei der Anwendung des Führungsvorgangs gelten folgende vier allgemein gültige, das heißt nicht lagespezifische Taktikgrundsätze:

1. Taktikgrundsatz:Menschenrettung und der Schutz von Menschen haben absoluten Vorrang!

Erster und »Oberster« Taktikgrundsatz ist es, dass immer zuerst die Gefahren für Menschen bekämpft werden müssen.

Dies kann geschehen, indem man die Menschen aus dem Gefahrenbereich, in dem sie sich befinden, in einen sicheren Bereich verbringt – wir sprechen dann von Menschenrettung – [12]oder dass wir durch andere gezielte Einsatzmaßnahmen die im Gefahrenbereich gefährdeten Personen schützen – wir sprechen dann vom Schutz von Menschen.

Menschenrettung beinhaltet drei Möglichkeiten:

Befreien der Personen aus einer lebensbedrohlichen Zwangslage,

Herausführen oder Verbringen der Personen aus dem unmittelbaren Gefahrenbereich in einen sicheren Bereich und/oder

Durchführen lebensrettender Sofortmaßnahmen.

Unter lebensrettenden Sofortmaßnahmen werden dringende beziehungsweise unaufschiebbare medizinische beziehungsweise rettungsdienstliche Maßnahmen verstanden.

Sie können Gefahren für Menschen aber auch bekämpfen, indem Sie diese Menschen an ihrem Aufenthaltsort belassen und ein Einwirken der Gefahr auf diese Personen, beispielsweise durch Vornahme eines Rohres, verhindern und sie dadurch schützen – der Schutz von Menschen.

Merke:

Gefahren für Menschen können Sie abwenden und beseitigen, indem Sie die Personen von der Gefahr »entfernen« (retten) oder indem Sie die Einwirkung der Gefahr auf die Menschen ausschließen oder mindern (schützen).

Schutz von Menschen heißt auch, dass Sie die Einsatzkräfte selbst nicht mehr als unbedingt notwendig gefährden dürfen. Was »notwendig« ist, bleibt der Einzelfallentscheidung überlassen. Ein Abwägen zwischen der Gefährdung der Einsatz[13]kräfte und dem erzielbaren Nutzen ist zwingende Voraussetzung eines jeden Entschlusses.

2. Taktikgrundsatz:Bilden Sie Einsatzschwerpunkte und überfordern Sie die Kräfte nicht!

Bei vielen Einsätzen reichen die in der Erstphase an der Einsatzstelle verfügbaren Einsatzkräfte nicht aus, um alle bestehenden Gefahren sofort und gleichzeitig zu bekämpfen. Dies bereitet immer Probleme und macht es Ihnen als Führungskraft nicht einfach. Getrieben vom Willen, möglichst umfassend zu helfen, wollen Führungskräfte immer alle Gefahren gleichzeitig beseitigen. Wir versuchen dann häufig, eine vermeintlich geschickte Aufteilung unserer Kräfte vorzunehmen. Leicht übersehen wir dabei, dass die Gruppe überfordert ist und die Einsatzmaßnahmen wirkungslos bleiben (vieles wird getan, doch nichts richtig!).

Besser ist es, ein vorrangiges Einsatzziel durch konzentrierten und angemessenen Einsatz von Kräften schnell und sicher zu erreichen. Bilden Sie Einsatzschwerpunkte.

Merke:

Mehr als zwei Einsatzziele gleichzeitig kann eine Gruppe in aller Regel nicht erreichen (z.B. Menschenrettung über tragbare Leitern und Brandbekämpfung mit einem Rohr).

[14]3. Taktikgrundsatz:Fordern Sie rechtzeitig Kräfte nach!

Die Einsatzpraxis zeigt immer wieder, dass weitere benötigte Einsatzkräfte gar nicht oder erst zu spät nachgefordert werden. Dies gilt vor allem, wenn es sich nicht um Kräfte der eigenen Gemeindefeuerwehr handelt, sondern wenn auf benachbarte Gemeindefeuerwehren zurückgegriffen werden muss.

Bedenken Sie immer, dass zwischen der Nachforderung weiterer Kräfte und deren Eintreffen an der Einsatzstelle ein Zeitraum von 15 bis 20 Minuten keine Seltenheit ist. Wer also keine angemessene Reservebildung betreibt und erst nachfordert, wenn beispielsweise die Atemluftflaschen schon leer sind oder wenn ein weiteres C-Rohr vorgenommen werden muss, der sollte sich immer vor Augen führen, was an der Einsatzstelle passiert, wenn 15 Minuten lang keine Menschenrettung oder keine Brandbekämpfung durchgeführt werden können.

Merke:

Jede Führungskraft muss sich bewusst sein, dass die Nachforderung von Einsatzkräften kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Stärke und Weitblick ist.

4. Taktikgrundsatz:Verwenden Sie klare und eindeutige Begriffe!

In der Hektik des Einsatzgeschehens ist die Möglichkeit, im Einsatz Fehler zu machen, sehr groß. Alle vermeidbaren Fehler müssen daher im Voraus ausgeschlossen werden. Hierzu [15]gehört auch, dass Sie sich in der Feuerwehr einer Sprache bedienen, bei der jeder Begriff von jedem Feuerwehrangehörigen gleich verstanden und gleich benutzt wird. Wie jede andere »Branche«, hat auch die Feuerwehr ihre Fachsprache; zahlreiche Begriffe sind sogar genormt.

Alle Feuerwehrangehörigen müssen diese Begriffe bei der Ausbildung und im Einsatz verwenden. Als Führungskraft kommt Ihnen hierbei eine besondere Verantwortung und Vorbildfunktion zu.

Info:

Die Norm DIN 14011 legt über 400 Begriffe für das Feuerwehrwesen fest. Begriffe im Rettungswesen sind in der DIN 13050 definiert.

Praxis-Tipp:

Zwei ebenso typische wie gravierende Fehler sind bei der Verwendung von Geschossbezeichnungen und bei »Retten« und »Bergen« festzustellen:

Verwenden Sie immer nur die Geschossbezeichnung wie 1., 2., … Untergeschoss (UG), Kellergeschoss (KG), Erdgeschoss (EG), 1., 2., … Obergeschoss (OG) und Dachgeschoss (DG).

Vermeiden Sie die Bezeichnung »Stock«. Diese wird häufig umgangssprachlich vor allem im süddeutschen Raum verwendet. So ist der 1. Stock das Erdgeschoss (kommt aus der Zimmermannsbauweise bei Fachwerkhäusern; »den 1. Stock aufschlagen«), der 2. Stock ist das 1. OG.

Wo liegt das Problem? Wenn Sie dem Angriffstrupp beispielsweise befehlen, in den 2. Stock vorzugehen, [16]