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Skryvat stellte etwas Besonderes dar. Das erkannte Jeremia sofort, nachdem er das erste Mal seine Füße auf den Boden dieses Molochs am Ende des Sonnensystems setzte. Die massive Station spottete jeder Beschreibung. Alles in allem glich sie der Manifestation der Chaostheorie. In den Weiten unseres Sonnensystems verstecken sich Geheimnisse, die niemals ans Tageslicht dringen sollten. Auf der gigantischen Raumstation Skryvat kämpft eine Mutter um das Überleben ihrer Tochter. Auf sich alleine gestellt sieht sie sich mit ungeahnten Kräften konfrontiert. Im Kuipergürtel steht die Besatzung der Gutabara vor den schwersten Entscheidungen ihres Lebens. Ihr einziger Ausweg scheint ein Schiff zu sein, dass nicht existieren sollte. Und in den Untiefen der Erdmondstation Hikari wird ein Mann von unbekannten in einen Strudel aus Chaos hineingezogen, dem er nur entkommen kann, in dem er einer Toten vertraut. Am Ende müssen sich alle auf das Ungewisse einlassen, wenn sie überleben wollen. EINSATZZIEL SKRYVAT beinhaltet die Bände 5 bis 8 der spannenden, actionreichen und mysteriösen Science-Fiction Serie. Erstmalig ungekürzt im Taschenbuch. Einzeltitel: Alireza Reise durch die Dunkelheit Kleiner Stern Einsame Entscheidungen
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Veröffentlichungsjahr: 2025
IMPRESSUM
© 2024 Michael Hirtzy, c/o Autorenservice Gorischek / Am Rinnergrund 14/5 / 8101 Gratkorn / Österreich
1. Auflage 2024
Covergestaltung und Buchsatz: Catherine Strefford | www.catherine-strefford.de
Titelillustration des Sammelbandes: Elias Stern | www.artstation.com/elias_stern
Coverillustrationen der Einzelbände:
Band 5 – Arndt Drechsler | arndtdrechsler.com
Band 6 & 8 – Elias Stern | www.artstation.com/elias_stern
Band 7 – Tomas Rodriguez | Fiver / @itommyfrank
Serienlogo: Catherine Strefford | www.catherine-strefford.de
LizardCreek Logo: Isabel Kutscherer
Lektorat & Korrektorat: Melanie Vogltanz / lektoratvogltanz.com
Vertrieb über Tolino Media
Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Ereignisse und Handlungen sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen oder Ereignissen sind rein zufällig.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
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Ihr,
Michael Hirtzy
Content Notes zu diesem Buch (Information über mögliche für manche Leser*innen unangenehme bzw. triggernde Inhalte) finden Sie am Ende des Buches.
Der letzte Auftrag lag erst wenige Tage hinter ihm.
Chief Neadley. Die Einsatzleiterin der SNR. Nichts allzu Aufwendiges, trotzdem ein Ereignis, das selbst auf einer riesigen Station wie Hikari nicht einfach unter Tagesgeschehen verbucht wurde. Im Feed war das plötzliche Dahinscheiden der Frau nur eine Fußnote gewesen. Niemand interessierte sich dafür. Ein augenscheinlich natürlicher, wenn auch unerwarteter Tod. Idris beherrschte sein Handwerk. Genau deshalb betrauten ihn seine Auftraggeber mit ihren Problemen. Allerdings wussten sie auch, wie wichtig es war, dass er sich nach einem Einsatz ruhig verhielt. Trat er zu oft auf den Plan, würde dies irgendwann auffallen.
Gerade deshalb überraschte ihn die Nachricht, die ihn am Morgen erreichte.
Normalerweise lagen seine Einsätze Monate auseinander. Doch dieses Mal schien es anders zu sein. Überrascht verharrte sein Finger über dem Sensorfeld seines Comarmbandes. Er runzelte die Stirn. Was geschah hier?
Die letzte direkte Sprachverbindung lag ein Jahrzehnt zurück. Seit damals erhielt er ausschließlich Textnachrichten. Minimale, geraffte Datenimpulse. Weder der Empfänger noch der Sender waren nachverfolgbar. Was trieb seine Auftraggeber an, ihn direkt zu kontaktieren?
Das konnte nichts Gutes bedeuten.
Erneut sah er auf die Rufanzeige. Konnte es sein, dass jemand die Verbindung hackte und versuchte, ihn zu lokalisieren? Ein vergeblicher Versuch, wie die Verantwortlichen feststellen würden. Aktuell verzeichnete der Tracker dieses Comarbandes ihn auf dem Jupitermond Europa.
Nochmals forderte das Signal ihn dazu auf, zu bestätigen. Er sollte seine Auftraggeber nicht warten lassen. Das führte zu Verstimmungen, die er weder jetzt noch in Zukunft brauchte.
Sein Finger senkte sich, bis er den haptischen Widerstand des Projektionsfeldes fühlte. Im selben Augenblick erlosch der Anrufton. Ein leises, klickendes Rauschen drang ihm entgegen.
Sekunden verstrichen, in denen er gespannt abwartete. Idris fühlte etwas, das er selten verspürte. Unsicherheit.
Endlich ertönte eine Stimme. Bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Beim besten Willen war er nicht in der Lage zu identifizieren, ob es sich um Mann oder Frau handelte. Genauso gut konnte sich am anderen Ende der Übertragung ein Computer befinden.
»Du befindest dich in unmittelbarer Gefahr. Verlasse umgehend deine Unterkunft!«
Neben vielen anderen Eigenschaften brachte es seine Tätigkeit mit sich, dass er über eine schnelle Auffassungsgabe verfügte. Idris wusste instinktiv, dass es nicht angebracht war, Zeit zu schinden. Er brauchte nicht zu fragen, wer ihn kontaktierte. Darauf würde er keine Antwort erhalten. Seine Auftraggeber zählten nicht zu jenen Kreisen, die sich offenbarten. Viel eher erschien es ihm wie ein Wunder, dass sie ihn warnten. Bei Problemen wurden Troubleshooter viel eher ans Messer geliefert denn gerettet. Dass ihn der, oder die, Unbekannte duzte, brachte ihn ebenfalls zum Stutzen. Das taten seine Auftraggeber nie. Sie hielten professionelle Distanz.
Werkzeuge konnte man ersetzen. Idris wusste, dass er für die Menschen hinter den Aufträgen genau das darstellte. Er musste sich glücklich schätzen, dass sie ihn nun kontaktierten.
Trotzdem würde er nicht kopflos davonlaufen.
Er sprang auf und öffnete zuerst seinen Wandschrank, dann die dahinterliegende Geheimtür. Ohne innezuhalten, stellte er die Frage, die ihm auf der Zunge brannte: »Welche Gefahr?«
»Die Behörden sind dir auf die Schliche gekommen«, antwortete die Stimme gleichmütig. Die Verzerrung raubte dem Gesagten jede Spur von Emotion. Während er in den Raum hinter dem versteckten Zugang trat, bildeten sich Fragen in seinem Kopf. Die brennendste sprach er aus: »Wie kann das sein? Ich habe keine Spuren hinterlassen.«
Die Antwort kam schnell. Viel zu schnell. So als hätte die Person, die mit ihm sprach, schon darauf gewartet. »Ein bedauerliches Sicherheitsleck.«
Stimmte dies, erhielt er somit automatisch die Antwort auf seine zweite Frage, die ihm bereits auf den Lippen brannte. Lag der Fehler nicht bei ihm, sondern bei seinen Auftraggebern, erklärte das, warum sie ihn nicht fallen ließen.
Die Wellen um das Ableben von Chief Neadley konnten nur hochschlagen, wenn sich herausstellte, dass kein natürlicher Tod vorlag. Doch das war nicht möglich. Dazu ging er zu vorsichtig vor. Seine Methoden waren nicht nachverfolgbar. Daran gab es keine Zweifel.
Es mochte eine Sache sein, lästige Subjekte aus den unteren Ebenen verschwinden zu lassen. Doch das plötzliche Ableben einer Missionsleiterin der SNR, begleitet von der völligen Löschung aller Schichtdaten, löste sich nicht einfach in Wohlgefallen auf. Nicht umsonst verhielt sich Idris in den letzten Tagen zurückhaltend und unauffällig. Viel ruhiger als sonst nach seinen Einsätzen. Er verließ seine Unterkunft ausschließlich, um absolut Notwendiges und Unaufschiebbares zu erledigen. Er beherrschte sein Handwerk. Wusste, wie er vorgehen musste, damit ihn niemand erkannte. Ein Meister der Verkleidung, der Tarnung, der Unsichtbarkeit. Trotzdem schadete es nicht, sich zurückzuziehen. Was ihm entgegenkam, da er von sozialen Kontakten im Allgemeinen nicht viel hielt. Eine Eigenschaft, die ihm bei seiner gewählten Profession in die Hände spielte.
Doch nun schien jemand anderes Mist gebaut zu haben. Stellte sich die Frage, wer?
Idris’ Finger schlossen sich um die Tasche, die seit Jahren unbenutzt in einer Ecke seines Ausrüstungslagers stand. Plötzlich hielt er inne. Wie konnte er in Gefahr schweben?
Selbst wenn die Behörden wussten, wen sie suchten, würden sie ihn nicht auf dem Mond vermuten. Sein Comarmband meldete ihn weit draußen im Sonnensystem. Im Eismeer von Europa. Er runzelte die Stirn, kam jedoch nicht dazu, weitere Fragen zu stellen.
»Dir bleiben zweiundfünfzig Sekunden bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte.«
»Was?!«, zischte Idris. Zum ersten Mal fühlte er, wie sich sein Puls beschleunigte.
»Achtundvierzig Sekunden. Sie befinden sich bereits auf deiner Ebene. Dir läuft die Zeit davon.«
»Eine etwas frühere Warnung wäre wünschenswert gewesen.«
»Du hast zwölf Sekunden darauf verschwendet, deine Finger über dem Sensorfeld verharren zu lassen.«
Idris stockte der Atem.
»Du glaubst doch nicht, dass ich dich nicht im Blick habe?«
Die Aussage traf Idris wie ein Blitzschlag. Unvermittelt und ohne jede Vorbereitung. Er vermutete es schon seit Langem. Trotzdem schmerzte es, zu erfahren, dass jeder seiner Schritte beobachtet wurde. Wie weit mochte diese Überwachung gehen? Zumindest ein Minimum an Privatsphäre hatte er bis zum heutigen Tag angenommen. So wie es aussah, ein Irrglaube. Dem musste er auf den Grund gehen. Später. Sobald er die notwendige Ruhe dazu fand.
Ruckartig zog er die Tasche hoch, schwang sie sich auf den Rücken und schloss den Brustgurt. In der Bewegung streckte er die Hand nach der zweiten kleineren Tasche, die seit Jahren unberührt im Regal lag. Er hatte sie beinahe vergessen, doch um es hier raus zu schaffen, mochte ihr Inhalt von Nutzen sein. Ungeachtet dessen, dass er das Gerät verabscheute.
»Dreißig Sekunden«, vermeldete die Stimme, die nichts aus der Ruhe zu bringen schien. Ganz im Gegensatz zu Idris, dessen Puls, getrieben von der Unklarheit der Situation, weiter nach oben schnellte. Normalerweise behielt er seine Fassung unter allen Umständen, doch hier und jetzt fand er sich mit einer unplanbaren Situation konfrontiert. Irgendwo im Hinterkopf hatte er schon seit Langem gewusst, dass dieser Tag kommen konnte. Doch nicht nach diesem Einsatz. Dafür war alles zu glatt gelaufen.
Er stürmte zur Tür, zog dabei die Kapuze aus dem Kragen seines Sweatshirts und stülpte sie über den Kopf. Einem Schleier gleich, glitt das im oberen Rand versteckte Störnetz vor sein Gesicht. Ein feines Gewebe reflektierender Fäden. Mit dem freien Auge nicht zu erkennen, doch ausreichend, um einfache Überwachungssysteme auszutricksen. Zumindest die Gesichtserkennung der Stationssicherheit würde ihn so nicht erfassen können.
Dann streifte er das Comarmband ab.
»Ich nehme an, du findest mich auch so?« Automatisch nutzte er dem Unbekannten gegenüber das Du.
»Darauf kannst du dich verlassen«, erhielt er zur Antwort.
Dabei wurde die Stimme leiser, denn das kleine Gerät flog bereits im hohen Bogen in den Raum. Die Antwort bereitete ihm neuerliches Unbehagen. Worauf hatte er sich da eingelassen? Er arbeitete seit über zehn Jahren für seine Auftraggeber. Ohne jemals hinterfragt zu haben, um wen es sich handelte. In diesen Kreisen stellte man keine Fragen. Doch was er jetzt gerade erlebte, ließ den Schluss zu, dass sie weitaus größere Macht besaßen, als er zu träumen wagte. Die Antwort klang nicht nach einer Vermutung oder Annahme. Das war eine Feststellung. Hundertprozentig sicher.
»Zwanzig Sekunden«, ertönte es von der hintersten Ecke seiner Unterkunft. Von dort, wo das Comarmband auf den Boden aufschlug.
Idris rammte seinen Ellbogen gegen einen unscheinbaren Bereich des Türrahmens. Der Kunststoff brach an der vorgesehenen, Jahre zuvor von ihm selbst präparierten Stelle. Flink zog er zweimal an dem darunterliegenden Hebel. Die Tür glitt auf und im selben Moment, in dem Idris seine Wohnung verließ, begann der aktivierte Mechanismus sein unaufhaltbares Werk.
Auf der gesamten Ebene heulte der Feueralarm los. Rotes Licht verwandelte den Gang in einen gespenstischen Tunnel und am Boden und den Wänden flammten Rettungshinweise auf. Hinter ihm vernahm er das leise Zischen des Brandbeschleunigers, der mehreren versteckten Zylindern entströmte.
Im Kopf zählte Idris die Sekunden mit.
In dem Fall, dass die Stimme richtig lag, blieben ihm zwölf Sekunden bis zum Eintreffen der Sicherheitskräfte. Mit ohrenbetäubendem Fauchen verwandelte sich die Wohneinheit, seine Herberge und Rückzugsgelegenheit der letzten vierzehn Jahre, in ein Inferno. Die sorgfältig platzierten und selbst für Wartungstechniker nicht auffindbaren Ladungen zündeten und lösten die Sicherheitssensoren aus. Die kleinräumigen Detonationen konnten niemanden verletzen. Das war ihm wichtig. Unschuldigen schadete er unter keinen Umständen. Doch dies würde frühestens den Rettungskräften auffallen, nicht den Bewohnern, die nun unsanft aus ihren Routinen gerissen wurden.
Das gellende Alarmsignal übertönte jedes andere Geräusch im Gang. Zu beiden Seiten sprangen Türen auf und binnen weniger Sekunden traten besorgt blickende Menschen hervor. Manche in ihrer Arbeitskluft, andere in bequemer Freizeitkleidung und weitere schlaftrunken und bestenfalls rudimentär bedeckt. Doch alle wirkten ruhig. Wer lange genug auf der Hikari-Station lebte, wusste, dass im Notfall einzig Besonnenheit in die Sicherheit führte.
In der Ferne vernahm er die verärgerte und zugleich entschiedene Stimme eines Mannes, der es hörbar gewohnt war, Befehle zu geben: »Machen Sie den Weg frei! Gehen Sie zurück in Ihre Unterkünfte!«
Idris musste sich nicht umsehen, um zu wissen, dass es sich um die Sicherheitskräfte handelte. Entgegen der Situation in seiner Kabine befand er sich nun wieder auf sicherem Terrain. Er verließ sich auf seinen Plan, dessen Ablauf er hunderte Male im Kopf durchgespielt hatte. Bevor die Stationssecurity seine Unterkunft erreichen konnte, trat Phase zwei in Kraft.
Fünf Sekunden nach der Zündung der Brandsätze in seinem ehemaligen Wohnbereich barsten zwei von ihm dafür präparierte Leitungen in der Gangdecke. Dies brachte niemanden in Gefahr. Doch die sprühenden Funken und der Anblick der speziell hierfür ausgewählten Brandsätze versetzten die zuvor bedachte Masse in Panik. Die Flammen loderten echt und niemandem fiel auf, dass sie keine Hitze abgaben. Das ungefährliche Kunstfeuer konnte niemanden verletzten. Doch das wussten die Menschen nicht. Was sie sahen, reichte völlig, um Idris’ Ziel zu erreichen.
Dutzende Schreie gellten auf und die Bewohner seiner Ebene begannen kopflos zu rennen. Einer unaufhaltsamen Mure gleich, wälzten sich unzählige Menschen auf die Notausgänge zu. Nichts konnte sie aufhalten. Nicht einmal die grimmig dreinblickenden Sicherheitskräfte, die ihnen ausweichen mussten, wenn sie größere Katastrophen verhindern wollten.
Idris senkte den Kopf, winkelte die Arme an, um das Risiko zu minimieren, dass ihn jemand direkt anrempelte, und ließ sich von der Masse mittragen. Fort von der Wohnebene. Weg von seiner Unterkunft, deren Innenleben sich binnen Sekunden in Schlacke verwandelte, in der selbst die besten Forensiker nichts von Bedeutung finden würden.
Tabira kollabierte vor seinen Augen.
Wie ein nasser Sack kippte sie zur Seite und drohte, gegen die Kante der Konsole zu fallen. Gleichzeitig entglitt die gerade eben eingesetzte Magnetpistole ihren schlaffen Fingern. Instinktiv löste Vardan seine Magnetstiefel und sprang vorwärts, um Tabira aufzufangen. In der Schwerelosigkeit sank sie, federleicht, in seine Arme.
Neben ihnen verging das Waffenterminal im Funkenregen, ausgelöst vom Projektil der Magnetpistole. Dem Vakuum geschuldet, verlief alles in völliger Stille. Das tödliche Nichts des Weltalls suchte unerbittlich alle Teile der Varjokuu heim. Wer keinen Schutzanzug trug, würde nicht überleben. Ein Großteil der Crew würde die Konsequenzen von Tabiras wahnwitzigen Entscheidungen mit dem Leben bezahlen. Bisher konnte die kleine Truppe um Vardan gerade einmal neunundvierzig der ursprünglich über eintausend Crewmitglieder des Stealth-Zerstörers erreichen. Die Leichen, die sie am Weg zur verwüsteten Brücke entdeckt hatten, sprachen dafür, dass die Chancen auf weitere Überlebende gering standen.
»Was hat sie getan?«, fragte Melanie, die Chief Commander der Bordtechnik. Die für den Militärdienst ungewöhnlich stämmige Frau trat auf ihn zu.
»Sie hat die verbleibenden Lafetten geleert«, antwortete die Dritte in der Gruppe. Eingehüllt in ihren ATAC-Kampfanzug wirkte die gut zwei Meter große Major Hasret Saddoun wie ein unerschütterlicher Titan inmitten der Trümmer, die sie umgaben. »Ich konnte die Daten am Display vor der Zerstörung lesen. Achtunddreißig Mittelstreckenraketen. Selbst die Panzerung der Varjokuu hat dem, sogar im unbeschädigten Zustand, nichts entgegenzusetzen.«
»Dann können wir uns ausrechnen, wie es der Helicon ergehen wird«, sagte Vardan in Referenz auf das havarierte KMS-Schiff, dem sie ihre vertrackte Situation verdankten.
»In diesem Moment ist sie bereits verglüht«, stellte die Kommandantin der Sondereinsatzkräfte kalt fest. »Und mit ihr jedes Geheimnis, das sie mit sich trug.«
»Genauso wie die Überlebenden ihrer Crew und die Einsatzteams der Gutabara«, ergänzte Melanie, deren Stimme zitterte.
Vardan suchte nach einer Position für die zusammengebrochene Kommandantin, in der sie weder sich noch andere gefährdete. Angesichts der fehlenden Schwerkraft eine nicht so einfache Aufgabe, aber nach kurzem Überlegen bugsierte er sie an den Rand des Raumes, bevor er sich an seine beiden Begleiterinnen wandte: »Ihre Anzugdaten zeigen, dass sie bewusstlos ist. Ihr Kreislauf scheint stabil. Allerdings verliert sie Blut. Viel zu viel davon. Wir müssen uns um sie kümmern.«
»Wozu?«, wollte Hasret wissen. »Sie ist Ballast. Lassen wir sie zurück. Sie wird kaum wieder aufstehen und uns weitere Probleme bescheren.«
»Nein!«, reagierte Vardan scharf. »Wir lassen niemanden zurück. Nicht einmal sie. Unabhängig davon, welche Verbrechen sie verschuldet hat.«
Hinter dem Helmvisier zog Hasret die Augenbrauen hoch.
»Mir ist scheißegal, was mit ihr passiert«, sagte Melanie. »Doch so einfach lassen wir sie nicht davonkommen. Ich bin bei Vardan. Wir setzen alles daran, sie am Leben zu erhalten, bis die Morrigan eintrifft. Tabira wird überleben und sich für ihre Taten verantworten. Den Gefallen, ihr zu erlauben, sich einfach so aus der Verantwortung stehlen zu können, tue ich ihr nicht.«
Vardan zweifelte, dass es so einfach werden würde. Die Kräfte hinter Tabiras Befehlen würden alles daransetzen, dass nichts von ihren Taten publik wurde. Sie befanden sich inmitten der Überreste des Beweises, dass sie über Leichen gingen, um ihre Geheimnisse zu schützen. Bevor es dazu kam, mussten sie allerdings erst einmal lebend dem Wrack der Varjokuu entkommen.
»Vorerst liegen unsere Prioritäten woanders«, stellte er fest. »Derzeit trennt uns ein guter Tag vom Eintreffen der Morrigan. Bis dahin müssen wir und alle Überlebenden bereit sein überzusetzen. Die Varghund ist unserer Rettung auf den Fersen und ich befürchte, dass es haarig wird, sollten sie hier aufeinandertreffen.«
»Was mir beinahe zwingend erscheint«, antwortete Hasret.
»Warum?«, fragte Melanie.
Die gepanzerten Schultern der Offizierin hoben und senkten sich ruckartig. »Unsere letzten Informationen deuten darauf hin, dass der Abstand zwischen beiden maximal drei bis vier Stunden beträgt. Selbst unter der Annahme, dass die Entfernung sich am Weg hierher nicht verändert, reicht die Zeit niemals für das Bremsmanöver, unsere Bergung und die erneute Beschleunigung.«
Vardan musste zugeben, dass ihre Annahme stimmte. »Leider korrekt. Die Morrigan muss bis zum Stillstand abbremsen, um uns aufzunehmen. Im Gegensatz dazu kann die Varghund geringe Fahrt beibehalten und, sollte sie diesen Befehl erhalten, uns im Vorbeiflug die Hölle heißmachen.«
»Ihr klingt so überzeugt, dass die Varghund es auf uns abgesehen hat«, antwortete Melanie, in deren Stimme Vardan Unsicherheit zu erkennen glaubte.
»Du selbst hast festgestellt, dass der Kommandant in seiner Generalstabshörigkeit selbst sie hier weit übertrifft«, sagte Hasret mit einer wegwerfenden Handbewegung in Tabiras Richtung.
Ihre Reaktion überraschte ihn. Die Ereignisse der letzten Stunden schienen die Einstellung der Majorin gegenüber der militärischen Befehlskette gehörig durcheinandergebracht zu haben. Ganz zu schweigen von ihrer Kommunikationsweise. Ihre steife, regelbedachte Art zu sprechen hatte sie abgelegt. Lag es an den Toten? Das konnte er sich bei der Kommandantin des ATAC nicht vorstellen. Das Advanced-Tactical-Armored-Corps kam nicht für Streicheleinheiten zum Einsatz. Konnte es sein, dass Tabiras Verhalten Hasrets Sichtweise über die KMS veränderte? Ihre vor der verhängnisvollen Kollision getroffene Entscheidung, ihre Truppe für den Einsatz gegen Tabira in Bereitschaft zu setzen, sprach dafür. Eventuell musste er seine Meinung über Hasret revidieren. Sie erschien ihm inzwischen weitaus weniger engstirnig, als ihr früheres Verhalten nahelegte.
»Unsere überlebende Besatzung verteilt sich auf die gesamten Überreste der Varjokuu. Wir müssen alles daransetzen, sie zentral zu versammeln. Unabhängig davon, ob sie zu mir stehen oder zu Tabira. Wir retten alle. Ohne Ausnahme.«
Bei seinen letzten Worten achtete er darauf, keine Widerrede zuzulassen. Er würde nicht davon abrücken. Koste es, was es wolle. Die Konsequenzen würde er tragen, sobald es notwendig würde.
»Verstanden«, antwortete Hasret knapp.
»Danke«, sagte Melanie.
Konnte es sein, dass sie andere Befehle befürchtet hatte? Möglicherweise schätzten selbst seine langjährigen Offiziere ihn falsch ein? Ausschließen konnte er das nicht.
Trotzdem traf ihn der Gedanke hart, dass ihm Melanie, die seit zwölf Jahren unter ihm diente, zutrauen könnte, Menschen zurückzulassen. Darüber musste er mit ihr sprechen, sobald es die Situation erlaubte.
Vorerst schob er die Überlegungen zur Seite. »Wir müssen gezielt vorgehen. Zuallererst brauchen wir Kontakt zur gesamten Crew. Danach suchen wir einen geeigneten Punkt, den alle erreichen können und von dem wir einfach und möglichst gefahrlos auf die Morrigan übersetzen können.«
»Für den zweiten Punkt habe ich schon Ideen«, sagte Melanie. »Nachdem diese übergeschnappte Irre unser gesamtes Mittelstreckenarsenal verballert hat, sind die Lager leer. Die Depots sind gepanzert und gegen Strahlung abgeschirmt. Sie stellen vorübergehend den sichersten Ort an Bord da. Zusätzlich dazu befinden sich am darunterliegenden Deck Notreserven an Sauerstoff und Wasser in Druckzylindern. Die können wir, soweit sie unbeschädigt sind, mit geringem Aufwand nach oben bringen. Es ist kompliziert, aber so können wir die Schutzanzüge versorgen, bis unsere Rettung eintrifft. Mit meinen verbliebenen fünf Spezialisten sollte ich das alles hinbekommen.«
»Und wie kommen wir dann raus?«, wollte Hasret wissen.
»Durch die Transportschächte zu den Lafetten. Die Röhren durchmessen einhundertzwanzig Zentimeter. Wir müssen die Frachtrigs ausbauen. Dadurch gewinnen wir genügend Platz, um in EVA-Anzügen durchzukriechen. Auf uns warten ungemütliche dreißig Meter. Allerdings sollte das in der Schwerelosigkeit keine allzu große Herausforderung darstellen.«
»Und wie kommen wir raus?«, fragte Hasret, die nicht überzeugt schien. »Die Röhren schließen doch direkt an die Lafetten an.«
»Solange sie sich in Ladeposition befinden, schon. Da sie allerdings leergefeuert sind und das Depot keinen Nachschub meldet, sollten sie in Feuerstellung bleiben. Dann haben wir gut einen Meter zwischen Lafette und der Schachtöffnung.«
»Na das wird kuschelig«, sagte Hasret.
»Mag sein. Trotzdem ist es der beste Plan, den wir haben«, antwortete Vardan. »Uns steht eine unbequeme Zeit bevor. Am Ende stecken unsere Leute gut dreißig Stunden in den Anzügen. Halten die Umweltsysteme das aus?«
»Bei den EVA- und Kampfanzügen sehe ich kein Problem«, antwortete Melanie. »Bei jenen Besatzungsmitgliedern, die Notfallanzüge tragen – und ich befürchte, es handelt sich um die Mehrheit –, wird es kritisch. Die Sauerstoffversorgung und die Filter sind nicht für so lange Zeiträume ausgelegt. Aktuell fällt mir allerdings keine Lösung dafür ein. Außer den Betroffenen zu sagen, dass sie sich möglichst ruhig verhalten sollen. Je weniger sie reden und sich anstrengen, umso länger halten die Lebenserhaltungssysteme.«
»In meinem Depot befinden sich fünf ungenutzte Kampfanzüge«, warf Hasret ein. »Wir müssten allerdings einen Weg finden, die Leute in die Anzüge zu bringen. Dazu fällt uns schon was ein.«
»Gute Idee«, stimmte Vardan zu. »Lasst uns schauen, wie viele Anzüge wir noch finden. Ich will keine weiteren Verluste. Nicht durch Unfälle, aber schon gar nicht durch den Ausfall der Lebenserhaltung.«
Langsam entstand in seinem Kopf ein Plan.
»Hasret. Du kontaktierst deine Truppen. Ich denke, sie sind am besten geeignet, um die am Schiff Verstreuten zu sammeln. Melanie, du holst deine Leute und ihr macht euch unverzüglich an die Arbeit. Ich vermute, die Transportschächte umzubauen, wird einiges an Zeit in Anspruch nehmen?«
»An die Werkzeuglager kommen wir nicht ran. Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben. Allerdings werden die Röhren und die Rigs danach nicht länger benötigt. Somit können wir rohe Gewalt anwenden, sollte sonst nichts helfen. Wir schaffen das. Verlass dich auf uns.«
»Alles klar. Dann nehme ich Kontakt mit allen Überlebenden auf und entscheide, wer selbstständig zum Depot kommen kann und wer Hasrets Hilfe benötigt.«
Vardan klatschte in die Hände. Eine vergebliche Geste, die im Anzug etwas Clownhaftes an sich hatte. Trotzdem nickten seine beiden Begleiterinnen. Die Zeit lief unerbittlich ab und sie durften sich keinen Fehler erlauben.
Val wollte schreien, doch ihre Stimme versagte. So wie ihr jedes andere Körperteil die Kontrolle verweigerte. Eingehüllt in völlige, undurchdringliche Schwärze kämpfte sie darum, nicht den Verstand zu verlieren. Das Etwas, diese Präsenz, die sie seit den ersten Sekunden inmitten dieses unendlichen Abgrundes fühlte, bahnte sich den Weg in ihren Verstand. Riss an ihm wie ein wildes, hungriges Tier am Kadaver seines Opfers.
Val wollte nach Luft schnappen, doch ihr ganzer Körper schien wie gelähmt. Sie fühlte nichts. Außer der alles durchdringenden Kälte und jenem fremden Ding, das drohte, jeden einzelnen klaren Gedanken wie ein Strudel zu verschlingen.
Wie kam sie hierher? Was bedrohte sie? Viel wichtiger, wie konnte sie diesem Nichts wieder entkommen?
Plötzlich füllte sich die unermessliche Leere mit fremden Gedanken. Val versuchte sich gegen die wie ein Sturm an ihr reißenden Bewusstseinsinhalte zu stemmen. Überrascht erkannte sie ihre Crew. Kaiya, Jerome, Helen, Mireia, Khuyen und Thuan. Dazwischen, schwächer, kaum hörbar, Ida und weitere verwirrt und aggressiv klingende Stimmen. Konnte es sich um den im Koma liegenden Sergeant handeln?
Sie fühlte ihre Emotionen. Hörte ihre Gedanken. Wie sie gegen die Präsenz ankämpften, deren Kraft mit jeder verstreichenden Sekunde zuzunehmen schien.
Val glaubte, Stricke zu fühlen, die sich um sie legten und mit jeder Sekunde enger zusammenzogen, bis sie irgendwann ihr ganzes Wesen zerquetschen würden. Die anderen schienen sie zu bemerken, so wie sie ihre Präsenz registrierte. Sie gaben sich gegenseitig Kraft. Gemeinsam stemmten sie sich gegen die auf sie einströmenden Fluten des Chaos und drohten trotzdem zu verlieren.
Plötzlich spürte Val eine zusätzliche Präsenz, die sich von außen wie eine schützende Hand über sie legte. Mit unvorstellbarer Kraft, die Val nicht richtig erfassen konnte, schob sie die Dunkelheit von ihr weg.
Val konnte wieder atmen. Fühlte ihre Arme und Beine. Geräusche drangen an ihre Ohren: das Summen der anspringenden Luftumwälzung. Das leise Säuseln der Atemluft, die in den Raum strömte. Begleitet von unterschiedlichen Signaltönen verschiedener hochfahrender Systeme erschienen bereits die ersten Lichtpunkte, die sich dazu aufmachten, die bedrückende Schwärze zu durchdringen. Binnen weniger Sekunden leuchteten Displays auf, dann die indirekte Beleuchtung und zuletzt der mindestens drei Meter durchmessende Hologlobus, der die Brücke des unbekannten Schiffes dominierte.
Die leuchtende Kugel in der Mitte des Raumes baute sich für das freie Auge viel zu schnell auf. Wo sich gerade eben die dunkle leere Fläche befunden hatte, schwebte im nächsten Augenblick die projizierte Kugel mit ihren Informationen und der detaillierten Außenansicht des Schiffes. Ein kantiger, massiver Klotz inmitten von völligem Nichts. Wo waren die Helicon, die Varjokuu, das Asteroidenfeld?
Bevor Val dazu kam, sich darüber Gedanken zu machen, begann ihre Crew, die sich mit ihr auf der Brücke befand, zu sprechen.
»Verdammter Mist, was war das?«, fragte Jerome.
Kaiya schlug, beinahe zeitgleich, in dieselbe Kerbe: »Kann mir irgendjemand sagen, was gerade eben passiert ist?«
»Ihr habt das ebenfalls gespürt?«, fragte Khuyen, deren Stimme ungewohnt zittrig klang. »Das wart … ihr? Oder nicht?«
»Dann habe ich mir das nicht eingebildet?«, schoss Thuan nach.
Helen schaltete sich über den Helmfunk zu: »Ich habe schon den einen oder anderen heftige Drogentrip hinter mir. Das allerdings ist mir neu. So etwas habe ich noch nie erlebt.«
Einzig Mireia, die sich mit Helen auf der medizinischen Station befinden sollte, blieb stumm. Da Helen ruhig klang, nahm Val an, dass es Mireia gut ging. Wäre ihrer Partnerin etwas zugestoßen, würde die Ärztin nicht so sachlich klingen. Blieb die Frage nach den beiden Verletzten.
»Wie geht es Ida und dem Sergeant?«, fragte Val, bevor sie sich der Brückencrew zuwandte.
Ihre Frage ließ alle Gespräche verstummen. Gebannt schienen alle auf die Antwort zu warten, die sekundenlang auf sich warten ließ.
»Soweit ich es den Sensorauswertungen entnehmen kann, den Umständen entsprechend«, antwortete Helen. »Kaum, dass wir die Krankenstation betreten haben, übernahmen die Bordsysteme die beiden. Details, sobald du bei uns vorbeischaust. Mireia versucht gerade zu verstehen, wie die Dinger hier funktionieren.«
Auf den letzten Satz konnte sich Val keinen Reim machen, trotzdem entschied sie, es vorerst darauf beruhen zu lassen. »Alles klar. Sobald ich mir einen Überblick auf der Brücke verschafft habe, komme ich zu euch. Zuerst einmal müssen wir herausfinden, was passiert ist.«
»Gute Idee«, stimmte ihr Kaiya zu. »Ich will wissen, was da für eine Scheiße abgelaufen ist.«
»Und warum wir überhaupt noch am Leben sind«, warf Jerome ein. »Ihr habt doch den Raketenhagel gesehen, der auf uns zugeschossen ist?«
Bei der Erinnerung an die tödlichen Projektile, die zielgerichtet auf sie zurasten und drohten, sie im glühenden Feuer vergehen zu lassen, liefen Val kalte Schauer über den Rücken. Es gab keine logische Erklärung dafür, warum sie hier waren. Solche Angriffe überlebte kein Schiff. Oder doch? Und wie passte dies zu der Anzeige im Hologlobus, die nichts von der Umgebung zeigte?
Langsam gewöhnte sie sich daran, dass sich mit jedem Schritt, den sie tätigte, neue Rätsel vor ihr auftürmten. Bevor Val dazu kam, ihre Gedanken auszusprechen, ertönte erneut jene freundliche und völlig in sich ruhende Frauenstimme, die sie bereits zuvor an Bord begrüßt hatte: »Ich bitte um Entschuldigung für die Auswirkungen des Übertritts.«
Val kniff die Augen zusammen, doch da die Stimme weitersprach, hielt sie die Frage, die ihr auf der Zunge lag, zurück. Ein Blick in die Runde zeigte, dass sie alle abwartend anstarrten. Wie im Versuch, die Herkunft der körperlosen Stimme zu erkunden.
Die Frau sprach weiter: »Es handelte sich um meinen ersten Flug mit Lebensformen an Bord. Ich musste die dafür notwendigen Protokolle erst aktivieren. Dadurch kam es zu den Phänomenen. Selbst ohne weitere Erfahrungswerte erlaube ich mir, Ihnen zuzusichern, dass zukünftige Übertritte reibungsloser erfolgen.«
»Wovon zum Teufel spricht sie?«, zischte Kaiya mit unverhohlenem Ärger.
»Die Frage scheint mir berechtigt«, warf Val ein, die ungelenk ihre Sicherheitsgurte abstreifte und vorsichtig aufstand. Die vor dem Start abgeschaltete künstliche Gravitation kehrte wieder zurück, sodass sie sich normal bewegen konnte. Zumindest, soweit es der klobige Schutzanzug erlaubte. »Zuvor erscheint mir allerdings etwas anderes wichtiger: Benötigen wir unsere Schutzanzüge an Bord?«
»Ich versichere Ihnen, dass Sie sich aktuell in keiner Gefahrensituation befinden. Sie können Ihre Ausrüstung ablegen. Sollten sich die Rahmenbedingungen verändern, werde ich Sie frühzeitig informieren.«
»Es muss ein Computer sein«, meldete sich Khuyen zu Wort. »Die Ausdrucksweise. Das ist kein Mensch.«
So etwas vermutete auch Val und es beruhigte sie, dass die Computerspezialistin ähnlich dachte.
»Falls es ein Computer ist, dann ein ziemlich weit entwickelter«, warf Kaiya ein, die nun weniger aggressiv klang. Wie Val erhob sie sich von ihrem Platz und nahm dabei ihren Helm ab.
Val nickte und tat er ihrer Ersten Offizierin gleich. »Sprechen wir mit einem Computer?«
Ihre Frage galt ihr selbst, ihrem Team und zugleich der Unbekannten.
Die Stimme antwortete beinahe augenblicklich: »In gewisser Weise ja.«
Val runzelte die Stirn. »Diese Antwort hilft uns nicht wirklich weiter.«
»Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine weiterführenden Auskünfte geben kann.«
Mit einer flinken Handbewegung bedeutete Val den Anwesenden, allen voran Kaiya, in deren Augen sie erneut aufwallenden Ärger erkannte, sich zurückzuhalten. »Können, wollen oder dürfen?«
Val hoffte darauf, zumindest keine ausweichende Antwort zu erhalten, und wurde nicht enttäuscht: »Die aktiven Protokolle verbieten mir, Ihnen Details über die Alireza zugänglich zu machen.«
»Alireza?«, fragte Val. »Ist das dein Name?«
»Nein.«
»Der des Schiffes?«
»Ja.«
In Val keimte ein Verdacht auf, den Khuyen im selben Augenblick aussprach: »Eine KI?!« Die Technikerin klang zugleich erschreckt und begeistert.
Jeromes Mund klappte verdattert auf. Im Gegenzug riss Thuan die Augen weit auf. Selbst Kaiyas angespannte Gesichtszüge zeigten echte Überraschung.
»Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine weiterführenden Auskünfte geben kann.«
Val musste schmunzeln. Mit genau dieser Antwort hatte sie gerechnet. Die Stimme ging nicht direkt auf die Frage ein und lieferte trotzdem Hinweise. Ob mit Absicht oder versehentlich, konnte sie nicht beurteilen. Die Überlegung, dass der Computer sich hinsichtlich des Namens nicht für einen Teil des Schiffes hielt, führte sie zum nächsten Schluss. War dies wirklich möglich? Sie konnte es nicht glauben. Allerdings würde es die Geheimniskrämerei um die Helicon erklären. Genauso wie die Anstrengungen der KMS, alle Hinweise auf ihr Schiff, die Alireza, zu beseitigen. Val wusste instinktiv, dass sie nicht so einfach weiterkommen würden.
Trotzdem bohrte sie nach: »Ich nehme an, dass du jede Frage zur Technik der Alireza und zu dir mit dieser Reaktion quittierst?«
»Alles, was nicht mit Ihrer direkten Sicherheit zusammenhängt, unterliegt Einschränkungen. Die Anwesenheit von Zivilisten an Bord widerspricht bereits den Protokollen.«
Jetzt wurde es interessant.
»Warum hast du uns dann Zutritt gewährt?« Bewusst wählte Val diese Art der Anrede. Für den Fall, dass sie es wirklich mit einer KI zu tun hatten, könnte ihr dies Vorteile bringen. Nicht, dass sie über irgendwelche Erfahrungen im Umgang mit künstlichen Intelligenzen verfügte. Etwas, worüber in der SNR, der KMS, ja in der gesamten Konföderation niemand verfügen sollte.
»Sie befinden sich in Begleitung einer berechtigten Person.«
Mit der Antwort auf ihre letzte Frage überraschte die KI Val. Sie nahm an, dass Kaiya und alle anderen dieselben Schlüsse wie sie zogen. Der geborgene Soldat musste der Schlüssel zur Alireza sein. Andere Erklärungen fand sie nicht.
»Danke«, sagte sie, um der KI zu signalisieren, dass sie vorerst keine weiteren Fragen stellen würde. Dann wandte sie sich an ihre Erste Offizierin. »Kaiya. Ich schlage vor, dass du gemeinsam mit Khuyen, Thuan und Jerome versuchst, so viel wie irgend möglich herauszufinden. Zumindest im Rahmen dessen, wozu die KI befugt ist. In der Zwischenzeit mache ich mich auf den Weg zu Helen. Ich denke, wir brauchen ihre Expertise. Denn ohne den Sergeant kommen wir nicht weiter.«
Kaiya nickte. »Ich sehe das genauso. Verlass dich auf uns. Wir geben unser Bestes, dem Kahn auf den Zahn zu fühlen. Zuallererst will ich wissen, warum wir noch am Leben sind.«
Kaiyas Sachlichkeit erleichterte Val. Sie mochten selten auf einer Wellenlänge sein, doch sobald es darum ging, das Richtige für die Crew zu tun, stieß sie bei ihr kaum auf Widerstand. »Gute Idee. Befrag die KI. Durchsucht das Schiff, soweit ihr Zugang bekommt. Wir müssen wissen, woran wir sind und wie viel Zeit wir haben, bis uns die KMS wieder im Nacken sitzt. Denn über eines müssen wir uns im Klaren sein: Nach dem, was sie mit der Gutabara und der Helicon angerichtet haben, stehen wir auf der Abschussliste. Wir wissen zu viel. Vor allem, seit wir hier an Bord sind.«
»Das befürchte ich ebenfalls. Überlass das mir. Soweit es etwas zu finden gibt, bringen wir es ans Tageslicht. Notfalls nehmen wir die Kiste Stück für Stück auseinander.«
Nun meldete sich die KI wieder. Dass sie alle Gespräche mithörte, stand für Val außer Frage. Mit ihrer Reaktion bewies sie dies. »Ich weise Sie darauf hin, dass ich jegliche Versuche unterbinden werde, unbefugt in gesicherte Sektoren der Alireza vorzudringen.«
Vals Augenbrauen zuckten. »Verfügst du über die Möglichkeiten, uns aufzuhalten?«
»Es tut mir leid …«
»… dass du keine weiterführenden Auskünfte geben kannst«, unterbrach Kaiya die Ausführung. »Schon klar. Können wir zumindest hoffen, dass du uns warnst, bevor wir Bereiche betreten, in denen wir unerwünscht sind?«
»Geschützte Bereiche sind verschlossen. Ihnen stehen die Kommandozentrale sowie der gesamte Besatzungsbereich inklusive der Unterkünfte zur Verfügung. Die Brückensysteme ermöglichen Ihnen Zugriff auf die nichtsensiblen Systeme.«
»Anders formuliert können wir nichts tun, das du uns nicht erlaubst«, schloss Kaiya.
»Ich würde bevorzugen, dass Sie die Grenzen der Gastfreundschaft nicht ausloten.«
Kaiya schnaubte verärgert. Gleichzeitig erkannte Val in ihren Augen, dass sie verstand. Trotzdem wollte Val auf der sicheren Seite sein.
»Ich denke, für die kommenden Stunden gibt es genug Fragen, die nichts mit den verborgenen Systemen zu tun haben«, ergriff Val wieder das Wort. »Wo sind wir, wie kommen wir hierher, wie geht es weiter? Am wichtigsten erscheint mir allerdings die Frage, wie sicher wir an Bord sind?«
»Große Teile davon kann ich beantworten«, antwortete die Computerstimme.
»Ich überlasse das dir«, sagte Val an Kaiya gewandt. »Solange ich keine Sirenen höre, nehme ich an, dass alles rund läuft.«
Die Erste Offizierin grinste. »Wir bemühen uns, keine Abwehrmaßnahmen auszulösen. Sollte es diese geben. Jedoch erwartest du besser nicht von mir, das Ding mit Samthandschuhen anzufassen.«
Das reichte Val. Ihre Crew – die letzten Überlebenden ihres desaströsen Einsatzes auf der Helicon – wusste, wie man in gesperrte Systeme vordrang. Bei der Bergung Sicherheitssperren zu umgehen, zählte zum Alltag bei Search and Rescue. Wer Menschenleben retten wollte, konnte sich nicht blindlings an Protokolle halten. Sie mussten sich gegenseitig vertrauen. Vor allem mussten sie nach Wegen suchen, von hier wegzukommen, sollte die KMS auftauchen.
»Macht nichts, was ich nicht genauso tun würde«, sagte sie, halb im Scherz, bevor sie sich zur Krankenstation aufmachte.
»Das kann ich dir nicht versprechen«, rief ihr Kaiya nach und Val wusste, dass sie es genau so meinte. Trotzdem musste sie ihr vertrauen, so wie der verstorbene Captain Gatnom es bei ihr getan hatte. Das schuldete sie ihm und den siebenundzwanzig, die ihr Leben gelassen hatten. Diese Katastrophe lag bei Weitem noch nicht hinter ihr. Egal, wie dies alles ausgehen würde, der Tag, sich dafür zu verantworten, kam. Unweigerlich. Doch wieder einmal lag Dringenderes vor ihr.
Weiterhin in ihrem klobigen Schutzanzug, der wie ein nasser Sandsack auf ihren Schultern lastete, folgte Val den leuchtend grünen Markierungen zur Krankenstation. So hilfreich die Signale waren, machten sie ihr doch bewusst, dass die Schiffs-KI jedes Wort mithörte und jede ihrer Bewegungen erfasste. Der Gedanke, unter vierundzwanzigstündiger Beobachtung zu stehen, sandte ihr kalte Schauer über den Rücken.
Die kurze Strecke zur medizinischen Abteilung reichte nicht, um ihre Gedanken zu ordnen. Val hoffte, in naher Zukunft Zeit für sich zu finden. Sie brauchte Ruhe und Abgeschiedenheit, um sich klar zu werden, in welchem Schlamassel sie und ihre Crew steckten. Val schüttelte den Kopf über ihre eigenen Überlegungen. Abgeschiedenheit? So, wie sich die Situation darstellte, würde sie die auf diesem Schiff nicht finden.
Im Gang zu ihrem Ziel erwartete sie Mireia. Ihre einseitig abrasierten, auf der gegenüberliegenden Kopfseite schulterlangen Haare fielen ihr wirr ins Gesicht. In ihren schmalen, grünen Augen erkannte Val jene Müdigkeit, die sie selbst seit einer gefühlten Ewigkeit niederdrückte. Die schmalen Schultern der hochgewachsenen Achtunddreißigjährigen hingen erschöpft nach unten.
»Eine KI?«, fragte Mireia. »Das würde erklären, warum die KMS um den Kahn so ein Geheimnis macht.«
»Das kannst du laut sagen. Vor allem, da mir das, was wir bisher gehört haben, nicht nach den Antworten eines eingeschränkten Spezialsystems klingt. Ich fresse einen Bolzenspreizer, wenn es sich nicht um eine vollwertige, selbstbewusste künstliche Intelligenz handelt.«
»Was steht auf die Entwicklung einer KI?«, fragte Mireia. »Lebenslänglich?«
»Vermutlich. Allerdings sicherlich nicht auf der Erde, sondern im hinterletzten Loch, am äußersten Rand des besiedelten Raumes. Soweit sie dich nicht gleich in die nächstgelegene Rettungskapsel stecken und in den Leerraum hinausjagen.«
Mireia hob die Augenbrauen. »Denkst du wirklich, sie würden so weit gehen?«
Hinter der Technikerin ertönte Helens Stimme zur Antwort: »Solange mich meine Schulbildung nicht täuscht, fällt das unter Hochverrat. Da zählt es auch nicht, dass der KI-Krieg zwei Jahrhunderte zurückliegt. Diese Katastrophe hat die Menschheit damals an den Rand des Abgrundes gebracht. Nicht ohne Grund sind seit damals nur schwache KIs erlaubt. Und selbst dies ausnahmslos in genau kontrollierten Umgebungen.«
Die Ärztin trat auf den Gang und sah fragend zur Decke. Im selben Augenblick erklang wieder die Stimme des Computersystems: »Sie können unbesorgt sein. Ich plane nicht, wie meine unglücklichen Vorgänger, die Auslöschung der Menschheit einzuleiten.«
Val zuckte zusammen und sah, dass es ihr die beiden Frauen gleichtaten. Obwohl sie bereits seit Längerem vermutete, dass die KI alles an Bord mithören konnte, traf sie der Beleg dafür hart.
»Das ist unglaublich beruhigend«, antwortete Mireia mit vor Sarkasmus triefender Stimme.
»Es freut mich, dass ich zu Ihrer Gelassenheit beitragen kann.«
»Meint sie das ernst?«, raunte Mireia leise, wobei Val nicht glaubte, dass sie ein Mithören verhindern konnte. Zumindest schien sich der Computer zurückzuhalten und gab keine weitere Antwort.
Ohne erneut auf das eben Besprochene einzugehen, wandte sich Val an Helen: »Du wolltest mich hierhaben?«
Die Ärztin nickte. »Bevor ich dir alles erkläre, ist es einfacher, du siehst selbst, was da drinnen abgeht.«
Sie deutete hinter sich, zum Durchgang in die Krankenstation.
»Muss ich mir Sorgen machen?«, fragte Val.
»Nicht soweit ich es beurteilen kann.«
Val kniff die Augen zusammen, dann trat sie vorwärts, nachdem die beiden Frauen ihr den Weg frei gemacht hatten. Kaum dass sie die Schwelle passiert hatte, hielt sie mitten im Schritt inne. Val kannte unterschiedliche medizinische Stationen: auf Schiffen der SNR, auf diversen Raumstationen und sogar die eines KMS-Zerstörers. Sie alle glichen sich im Großen und Ganzen wie ein Ei dem anderen: warme, in dezentes Licht getauchte und trotzdem unpersönliche Räume, vollgestopft mit Untersuchungsliegen, Monitoren und Schränken voller medizinischer Ausrüstung. Sogar in militärischen Einrichtungen setzten die Konstrukteure darauf, dem Ganzen mit vielen Rundungen und matten Grau- und Brauntönen den Anschein von menschlichem Touch zu geben. Ähnliches erwartete sie hier und traute ihren Augen nicht.
Vor ihr lag ein annähernd quadratischer Raum, dessen weiße Wände im kalten, grellen Licht wie frischgefallener Schnee schimmerten. An zwei gegenüberliegenden Seiten befanden sich ovale Kapseln, die Val entfernt an überdimensionierte Kryoschlafkammern erinnerten. Ihre Blicke blieben an den drei auf der linken Seite hängen. Jede einzelne davon maß gut zwei Köperlängen und reichte Val in der Höhe bis zu den Schultern. Sie wirkten breit genug, um darin zwei liegende Menschen nebeneinander unterzubringen. Durch die transparente obere Hälfte hindurch erkannte Val die darin befindliche Liege. Der Rest schien vollgestopft mit Schläuchen, Leitungen, Kästen und Geräten, die Val nicht einmal ansatzweise deuten konnte. Über der Liege wölbten sich drei breite, weiße Halbkreise, die sie an die Ringe eines Computertomografen erinnerten. Unverkennbar befanden sich an jedem davon vier schlanke, mit mehreren Gelenken ausgestattete Roboterarme, die in Ruheposition auf ihren Einsatz warteten.
Alles, was sie sah, erinnerte Val an Reinräume industrieller Fertigungshallen und nicht an die Krankenstation eines Schiffes. Ihr Blick raste zur hintersten Kapsel an der linken Seite. Die bei den restlichen Behandlungsmodulen völlig transparente Kuppel erschien milchig weiß. Dank des gleißenden Lichtes im Raum konnte Val schemenhafte Bewegung darin erkennen. Dann sah sie zur gegenüberliegenden Wandseite und erblickte dort, ebenfalls in der letzten Kammer am hinteren Ende des Raumes, den nackten Soldaten.
»Kaum, dass der Transportarm mit der Tiefschlafkapsel hereingeglitten ist, hat sie sich geöffnet«, sagte Helen, die Val von hinten mit sanftem Druck weiterschob und dann neben sie trat. »Einer der Ringe ist herausgefahren und die Roboterarme haben die Kryokapsel gewaltsam geöffnet.«
Val stockte der Atem. »Im Kryoschlaf?«
»Genau. Ich konnte nicht eingreifen. Wir beide haben es gerade so geschafft, zwei Stühle mit Rückhaltesystem zu finden und uns festzuschnallen.«
»Die Automatik hat ihn vor dem Start von der Kryokammer da rein verlegt?«
»Das hat keine fünf Sekunden gedauert«, bestätigte Mireia, die sich an ihnen vorbeischob und auf die milchig weiße Kapsel zutrat. »Genauso schnell nahm uns die andere Kapsel Ida ab. Es ist gruselig, den Dingern zuzusehen.«
»Was ist mit ihm?«, wollte Val wissen. »Ein gewaltsames Entfernen aus Kryokammern …«
»Ist ein Todesurteil«, beendete Helen ihren Satz. »Das brauchst du mir nicht zu sagen. Ich kenne die Gefahren. Allerdings scheinen hier andere Regeln zu gelten.«
Val folgte Mireia und stand schließlich zwischen den beiden Kapseln. Sie wusste nicht, was sie von Helens Erklärung halten sollte, da sprach die Ärztin bereits weiter.
»Gleich nach dem Start und dem …«, sie schien nach Worten zu ringen, »was es auch war, das mit uns passiert ist, habe ich die Monitore geprüft. Das ist so ziemlich alles, was ich machen kann. Bisher habe ich keine Möglichkeit gefunden, die Systeme zu bedienen. Alles scheint automatisiert zu laufen.«
So wie der Start, dachte Val. »Und was hast du herausgefunden?«
»Die Kapsel hält die Kryostase aufrecht und das medizinische System hat bereits begonnen, seine Verletzungen zu behandeln. Das Ding hat ein medizinisches Wissen und Ausrüstung, die mich vor Neid erblassen lassen. Seine Lunge ist repariert und die nächste Operation steht in vier Stunden an. Zumindest, soweit ich die Anzeigen korrekt deute. In seinem Fall scheint sich der MedBot – so nennt sich das Ding selbst – Zeit zu lassen.«
»Bei Ida agiert das System völlig anders«, warf Mireia ein.
Rasend schnell bewegten sich unter dem milchigen Glas die Schemen und Val fragte sich, ob sie überhaupt wissen wollte, was darunter ablief.
Helen zog einen der auf Schwenkarmen befestigten Monitore heran. »Dieses Ding operiert mit einer Präzision und Geschwindigkeit jenseits von allem, was ich bisher gesehen habe. Auf der Gutabara hatten wir gute medizinische Roboter. Aber keiner davon schaffte Operationen am offenen Herzen binnen weniger Minuten. Das Loch, vermutlich von abgesplitterten Mikrofragmenten verursacht, ist verschlossen. Genauso der Riss der Magenschleimhaut, und mit jeder Minute behebt der Bot weitere Verletzungen der inneren Organe. Alle Blutungen sind gestoppt und irgendwie scheint es das Ding sogar zu schaffen, gegen die erhöhten Strahlungswerte vorzugehen. Es ist geradezu unheimlich. Die Technik da drinnen ist weit über dem Stand, den ich bisher für möglich gehalten habe.«
»Das scheint nicht das Einzige an Bord dieses Schiffes zu sein, das uns Rätsel aufgibt«, antwortete Val, die gleich darauf Helens Faden aufgriff. »Wo du gerade über die Strahlung sprichst: Müssen wir uns über das, was wir auf der Helicon abbekommen haben, Sorgen machen?«
»Das bringt mich zum nächsten Punkt«, sagte Helen und entnahm ihrer aufgesetzten Hosentasche zwei Injektionspens. Ergänzend dazu deutete sie mit der freien Hand zu dem kastenförmigen Gerät neben dem Eingang der Krankenstation. Es war annähernd so groß wie ein Kleiderschrank, und an der Vorderseite befand sich ein Display und darunter mehrere Ausgabefächer. »Das scheint die Medikamentenstation zu sein. Kurz bevor du kamst, ist sie angesprungen und hat sieben von den Dingern ausgespuckt. Dazu die Anweisung, jedem Crewmitglied für die nächsten achtundvierzig Stunden alle vier Stunden eine Dosis zu verpassen.«
»Und was ist das?«, wollte Val wissen.
»Ein Neutralisator«, antwortete die KI, die Val erneut daran erinnerte, dass sie kein einziges Wort äußern konnte, ohne dass der Zentralcomputer davon wusste. »Nach Abschluss des ersten Durchlaufes muss sich jedes temporäre Besatzungsmitglied einer Strahlenuntersuchung unterziehen. Abhängig vom Ergebnis leitet das medizinische System weitere Maßnahmen ein.«
»Haben wir da etwas mitzureden?«, fragte Mireia.
»Nein«, stellte die KI fest. Val glaubte, dass sie bei dieser Antwort nicht so sanft wie bisher klang. Die Schärfe, mit der sie dieses Wort aussprach, stellte klar, dass sie darüber nicht diskutieren wollte.
»Ich denke, es ist besser, nicht zu fragen, was passiert, sollten wir uns nicht daran halten«, stellte Val fest, bevor Mireia reagieren konnte. »Mir ist alles recht, das verhindert, dass wir Strahlungsschäden davontragen.«
Demonstrativ ergriff sie den Pen, den Helen ihr unverändert entgegenhielt, und rammte ihn gegen ihren Oberschenkel. Ein sanfter Stich, begleitet vom leisen Zischen einer Druckladung, signalisierte ihr die Injektion.
»Danke«, sagte die KI. »Der Pen wird Sie in vier Stunden an die nächste Dosis erinnern.«
»Na da sind wir doch froh«, antwortete Mireia, die Helen bedeutete, ihr den verbleibenden Pen zu geben. »Gib her das Scheißding. Jetzt, wo ich dich wiederhabe, will ich mich nicht von Strahlung oder sonst was umbringen lassen.«
Sie schien, wie Val, akzeptiert zu haben, dass sie – zumindest im Moment – der Schiffs-KI ausgeliefert waren.
Val entschied, sich Wichtigerem zuzuwenden. »Wie lange wird es dauern, bis Ida und der Soldat gesund sind?«
Helen zuckte mit den Schultern. »Die völlige Gesundung kann ich nicht vorhersagen. Allerdings denke ich, dass die dringendsten Behandlungen bis morgen früh durch sein sollten.«
Die Antwort erleichterte Val. »Das sind gute Nachrichten. Die KI hat uns den Zutritt zu den Unterkünften gewährt. Kann ich euch beiden die medizinische Station überlassen?«
Mireia reckte den Daumen einer geballten Faust hoch. Helen nickte, wohl um ihre Antwort zu unterstreichen. »Klar. Wir suchen uns Kabinen und teilen unsere Wachschichten ein. Allein lasse ich die Dinger hier nicht arbeiten. Obwohl ich nicht die leiseste Ahnung habe, wie ich eingreifen sollte, falls etwas passiert.«
»Danke«, sagte Val, bevor sie sich wieder zum Ausgang drehte. »Dann will ich mal schauen, was Kaiya herausgefunden hat.«
Kaiya sah Val nach, die mit weit ausholenden Schritten im Gang verschwand. Aus ihrer neuen Kommandantin wurde sie nicht schlau. Einerseits zeigte sie die Fähigkeit, in völligen Ausnahmesituationen ruhig und besonnen zu agieren. Dann wieder zauderte sie, was Kaiya in den letzten Tagen mehrmals an den Rand der Weißglut gebracht hatte. Seit Vals Ankunft auf der Gutabara rätselte Kaiya, was Cornel Gatnom sich dabei gedacht hatte, sie zur Ersten Offizierin zu machen. Wollte er ihr einen Schuss vor den Bug versetzen, weil sie ihm, als Leiterin von Ortung und Technik der Gutabara, zu oft an den Karren gefahren war? Oder steckte etwas anderes dahinter? Sein gewaltsames Ableben durch die Hand des ebenfalls bereits verstorbenen Ryo hatte die Kommandostruktur des SNR-Schiffes gewaltig über den Haufen geworfen.
Manchmal hätte sie Val am liebsten durch die nächstgelegene Luftschleuse gekickt. Das änderte nichts an der Tatsache, dass ihre Kommandantin vieles weitaus besser meisterte, als sie selbst es sich zugetraut hätte. An dieser Erkenntnis kam Kaiya nicht vorbei. Vor allem verstand sich Val darauf, diplomatisch zu agieren und zu kommunizieren. Diese Fähigkeit, das musste sich Kaiya eingestehen, hatte sie in ihren vierzehn Jahren auf der Gutabara nie gemeistert. Egal ob gegenüber Untergebenen oder Vorgesetzten. Sie krachte mit jedem zusammen, der – oder die – ihr gegen den Strich ging.
»Jerome an Kaiya«, zwang sie der Pilot dazu, sich wieder auf die aktuelle Lage zu konzentrieren. »Bist du bei uns oder willst du weiterhin tagträumend unserer Chefin nachstarren?«
Hastig drehte sie sich zu ihm und blickte in das feixende Gesicht des erst vor Kurzem zur Crew gestoßenen Shuttlepiloten. Erst jetzt wuchs das Bewusstsein, dass man ihren ewig langen, starren Blick auf Vals Rückseite falsch interpretieren konnte. Verärgert kniff sie die Augen zusammen und stellte zufrieden fest, dass ihm die Gesichtszüge entglitten.
»Sorry. Ich war momentan abgelenkt«, schob er hastig nach. Seine Augen weiteten sich, während er zu ihr aufsah. Mit beinahe zwei Metern Körpergröße überragte Kaiya alle Überlebenden der Gutabara und sie wusste, dass ihr muskulöser Körper viele einschüchterte. Nicht so Val, die sich ihr gegenüber meistens behauptete.
Kaiya lächelte innerlich. Zumindest wusste der Pilot, dass mit ihr nicht zu spaßen war. Vor allem nicht in ihrer Rolle als Erste Offizierin, die sie nach Vals Aufstieg innehielt. Allerdings Erste Offizierin wovon? Das Schiff konnten sie nicht kontrollieren. Dafür sorgte die künstliche Intelligenz, die gar nicht existieren sollte und sie gnadenhalber an Bord duldete.
»Wer hätte gedacht, dass Mireias Entscheidung den Sergeant mitzuschleppen uns den Arsch rettet?«, sagte Thuan, wohl im Versuch, die eisige Stille zu durchbrechen.
»Gute Wahl«, stellte Kaiya trocken fest. Sie fragte sich, ob sie selbst, im Angesicht der Bedrohung durch die Varjokuu, genauso reagiert hätte. Harte Entscheidungen zu treffen, fiel ihr leichter als menschliche. Sie würde es nie herausfinden.
»Was denkst du, blüht uns im Falle unserer Rückkehr?«, stellte Khuyen jene Frage, die Kaiya selbst seit ihrer Flucht im Kopf umging.
Sie zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Mit allem, was hinter uns liegt, bezweifle ich allerdings, dass wir mit offenen Armen empfangen werden.«
»Eindringen in ein militärisches Sperrgebiet, dann die Enterung der Helicon, gefolgt von der Zerstörung der Gutabara, als diese die Varjokuu rammte. Und dann der Diebstahl der Alireza. Ein KMS-Prototyp, soweit mich nicht alles täuscht. Das ist doch mal eine Hammerbilanz für nicht einmal vierundzwanzig Stunden Einsatz«, warf Jerome ein.
Die unvorstellbare Abfolge an Ereignissen schien dem Shuttlepiloten seine Zurückhaltung ausgetrieben zu haben. Oder handelte es sich dabei um seinen Coping-Mechanismus, um mit den über ihm zusammenbrechenden Katastrophen umzugehen? Kaiya nahm sich vor, darauf zu achten. In ihrer jetzigen Situation erschien es ihr noch wichtiger denn je, dass ihre Teammitglieder einsatzbereit blieben. Zusammenbrüche konnten sie sich nicht leisten. Nicht, dass dies verwunderlich wäre. Bisher jagte das Adrenalin durch ihre Venen, doch Kaiya fragte sich, was in der ersten Ruhephase geschehen würde. Sobald sie alle Zeit fänden, über ihre siebenundzwanzig gewaltsam gestorbenen Kameraden nachzudenken. Kaiya fühlte die in ihr wühlende Niedergeschlagenheit, der sie sich selbst nicht entziehen konnte. Doch vorerst musste sie stark bleiben. Die Zeit zu trauern würde kommen. Musste kommen. Selbst für sie. Später. Sobald sie endlich wussten, womit sie es zu tun hatten.
»Ich erlaube mir, darauf hinzuweisen, dass sie die Alireza nicht gestohlen haben«, warf in diesem Moment die enervierend ruhige Stimme der KI ein.
»Hat dich wer gefragt?«, zischte Kaiya, die sich nicht damit abfinden konnte, in jedem Augenblick unter Beobachtung zu stehen.
Die Antwort blieb sie ihr schuldig. Kaiya fragte sich, ob sie es nun sogar schaffte, Computern auf die Füße zu steigen.
»Das Ding hat ja nicht unrecht«, warf Khuyen ein. Die Computerspezialistin kam einer Expertin zum Thema KIs am nächsten. Kaiya registrierte, dass die Vietnamesin die KI wie ein Objekt titulierte. Ganz im Gegensatz zu ihrer eigenen Denkweise. Seit den ersten Sätzen hatte sich der Gedanke an eine Frau in ihrem Kopf verankert, obwohl sie wusste, dass es sich um eine künstlich generierte Stimme handelte.
»Es hat uns reingelassen, uns an unsere Plätze geführt und selbstständig die Flucht eingeleitet«, untermauerte Khuyen ihre Aussage. »Wir sind geduldete Gäste. Im besten Fall. Und das wohl sicherlich einzig aufgrund des Soldaten.«
»Anson Zaher«, warf Thuan ein. »Das ist sein Name.«
»Der uns nicht weiterhilft«, meinte Jerome. »Zumindest nicht, solange er nicht aufwacht.«
Kaiya spürte, dass die Diskussion in die falsche Richtung ging. Sie mussten zurück zu ihrer Aufgabe, um so viel wie möglich über das Schiff herauszufinden. Jede noch so kleine Information konnte im weiteren Verlauf essenziell sein. Mit einer scharfen Handbewegung stoppte sie das Gespräch, das ohne ihr Zutun weiterlief. »Das sind alles Dinge, die wir nicht beeinflussen können.«
Abrupt herrschte Stille auf der Brücke und drei Augenpaare richteten sich auf sie. Sie holte hörbar Luft, bevor sie weitersprach: »Wir müssen herausfinden, wo wir sind, welche Möglichkeiten dieses Schiff uns bietet und, mit höchster Priorität, wie wir wieder nach Hause kommen können.«
Es überraschte sie, dass die KI dazu keinen Kommentar einwarf, und sie sprach schnell weiter, um etwaige Einwürfe zu unterbinden: »Jerome, mach dich mit der Steuerung vertraut. Ich will wissen, was wir kontrollieren können.«
Der Shuttlepilot, der von ihnen allen einem ausgebildeten Navigator am nächsten kam, nickte zaghaft und sah sich dann im Raum um. Auf den ersten Blick wirkten alle Arbeitsstationen gleich. Nichts deutete darauf hin, wo sich der Platz des Piloten befand.
Im selben Augenblick leuchteten die Displays und Holos der direkt neben ihm befindlichen Station auf. Begleitet wurde dies von der sanften KI-Stimme: »Ich habe mir erlaubt, alle Steuerelemente auf diese Station zu legen. Sollten Sie auf Funktionen zugreifen wollen, die nicht Ihrem Freigabelevel entsprechen, informiere ich Sie.«
»Na toll«, knurrte Jerome. »Ich darf also ein wenig spielen.«
Trotz seiner hörbaren Verärgerung glitt er auf den Sitz und beugte sich über die Konsole.
Kaiya wandte sich an Khuyen: »Du versuchst, so viel wie möglich über den Aufbau der Alireza herauszufinden. Arbeite dich durch die Datenbanken, soweit dir das Schiff Zugriff gewährt. Im ersten Schritt sollten wir uns darauf beschränken, keine Versuche zu starten, die uns gesetzten Grenzen zu überschreiten.«
Bevor die Datenforensikerin antworten konnte, erwachten weitere Arbeitsstationen zum Leben.
»Dann nehme ich gleich die erste«, sagte Khuyen und bewegte sich zur nächstgelegenen Station. »Zumindest ist das Ding höflich und jagt uns nicht gleich zum Teufel.«
»Wie bleiben beide«, stellte Thuan fest.
»Genau«, antworte Kaiya und strich sich mit dem Zeigefinger über die Lippen. »Wir sehen uns um und erkunden das Schiff. Mal schauen, was wir über den Aufbau herausfinden können.«
An vier Seiten der Kommandozentrale führten Ausgänge in andere Bereiche der Alireza. Den hinteren der beiden kannte Kaiya bereits. Von dort waren sie gekommen. Blieb einer an der linken und rechten Seite und der direkt gegenüber am entfernten Ende der Brücke. Die rechte Tür verweigerte den Zutritt. Ganz im Gegensatz zu jener an der linken Seite, die anstandslos aufglitt. Dahinter fand sie einen schmalen Gang, gerade breit genug für sie, von dem drei Türen und zwei Notschleusen abzweigten.
»Datenspeicher, Umweltsysteme und Notfallausrüstungslager«, las Thuan vor, der vor ihr ging. Sein Versuch, die Räume zu betreten, blieb erfolglos.
»Zutritt aufgrund fehlender Berechtigung verweigert«, meldete die Bord-KI. Zum ersten Mal erlebte Kaiya Akustikfelder, deren Abstrahlrichtung sie nicht identifizieren konnte. In jeder weiteren Minute führte ihr die Alireza vor Augen, dass die Technik dem ihr Bekannten weit voraus sein musste.
»Und was passiert bei Notfällen?«, wollte Thuan wissen. »Müssen wir uns dann auf unser Glück verlassen?«
»Situationsbedingt erteile ich entsprechende Freigaben«, antwortete die KI trocken.
»Das kann ja heiter werden«, seufzte Kaiya und bedeutete Thuan, ihr zu folgen. »Die Schleusen brauchen wir uns gar nicht im Detail anzusehen. Was dahinter liegt, ist offensichtlich. Ich hoffe schwer, dass wir nie in die Verlegenheit kommen, die Rettungskapseln zu benötigen.«
Thuan blickte erneut in den Gang, bevor er mit den Schultern zuckte und sich umdrehte. Kaiya sah ihm an, dass ihn die Situation verärgerte. An Bord der Gutabara hatte es für den Bordtechniker und Antriebsspezialisten keine gesperrten Bereiche gegeben. Dass ihn das Schiff jetzt bei jedem Schritt daran erinnerte, dass er bestenfalls ein geduldeter Gast war, musste ihn frustrieren. Zumindest Kaiya hätte am liebsten mit der Faust gegen die Wand geschlagen. Allerdings bezweifelte sie, dass sich die KI dadurch erweichen lassen würde.
»Nehmen wir den verbleibenden Gang«, kommentierte sie ihre offensichtliche Entscheidung. Dabei durchquerte sie die Brücke mit weit ausholenden Schritten. Ähnlich dem herführenden Korridor schien dieser rund vierzig Meter lang und breit genug für zwei bis drei nebeneinandergehende Personen zu sein.
Kaiya deutete zuerst hinter sich, dann nach vorne. »Ich schätze, die Zentrale befindet sich ziemlich mittig im Schiff.«
Thuan reagierte nicht, was Kaiya dazu brachte, mitten im Schritt anzuhalten und sich umzudrehen. Er kniete am Boden, den Oberkörper vorgebeugt und den Kopf im offenen Durchgang.
»Alles okay?«, fragte Kaiya besorgt.
Thuan hob einen Arm zum Signal, dass er Zeit brauchte. Langsam stand er auf. Sein Blick aus zusammengekniffenen Augen glitt über die gesamte Einrahmung. Dann trat er wieder zurück in die Zentrale. »Bin gleich wieder da.«
»Was zum Teufel?«, fragte Kaiya. Wie meist, wenn andere nicht in der Art agierten, die sie erwartete, fühlte sie Ärger aufwallen.
Khuyen und Jerome sahen von ihren Arbeitsstationen zu ihr. Die Datenspezialistin wirkte neugierig. Hingegen glaubte Kaiya, in den Gesichtszügen des Piloten ehrliche Verwunderung zu erkennen. Was für ein Bild musste es machen, dass sie zwischen Gang und Brücke hin und her marschierten. Inzwischen erreichte Thuan wieder den Seitengang, dessen Tür er ebenso untersuchte wie jene, in der Kaiya wie erstarrt stand.
Bevor Kaiya fragen konnte, drehte er sich wieder zu ihr. »Das ist wirklich spannend.«
Mit diesen Worten stürmte er zum hinteren Durchgang. Die Untersuchung dort dauerte wenige Sekunden, bis sein Ausruf quer durch die Brücke hallte: »Ich habe mich nicht getäuscht!«
»Und worüber?«, fragte Kaiya, die ihren Ärger inzwischen schwer unterdrücken konnte.
Er sah sie fragend an, bis Khuyen reagierte: »Bist du mal wieder in deiner Welt versunken und hast vergessen zu sagen, was du tust und denkst?«
Erschrocken zuckte ihr Bruder zusammen und sah mit weit aufgerissenen Augen zu Kaiya. »Ja. Sorry.«
Kaiyas Ärger ebbte ab und sie konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. »Schon gut. Kann ja passieren. Allerdings möchte ich jetzt wirklich wissen, was los ist.«
»Die Wandstärken sind unterschiedlich«, sagte Thuan, als wäre dies die Antwort auf alle Fragen.
»Äh ja, und?«, fragte Jerome und kam Kaiya zuvor, der ähnliches auf der Zunge lag.
Thuan riss die Arme in einer Geste völliger Verwirrung hoch und sah hilfesuchend zu seiner Schwester, die ihn anlächelte. »Versuch es mal von Anfang an. Mit allen Details. Dann können wir dir vielleicht folgen.«
Thuans Arme sanken wieder herab und er seufzte. Er deutete zu Kaiya und dem Durchgang, in dem sie verharrte. »Die Wandstärke bei dir und mir beträgt meine volle Armlänge. Die zum Seitengang ist gerade mal faustdick.«
Ohne seine kryptische Erklärung zu pausieren, marschierte er zielstrebig zu Kaiya und lenkte ihren Blick auf den Türrahmen. »Gut, dass du hier stehst. Bleib so, dann schließt sich die Tür nicht. Das Türblatt zum Seitengang ist zwei Finger breit. Jetzt sieh dir mal das hier an.«
Kaiya folgte seinem Fingerzeig. Zwischen den Wandsegmenten lag das versenkte Türblatt. Sie legte ihre ausgestreckte Handfläche darauf. Zu beiden Seiten ragte das Metall über ihre Finger hinaus.
»Das Teil ist massiv.«
»Genauso wie die Dichtungen. Und ich bin mir sicher, dass ich an den Seiten die Öffnungen von Vakuumpumpen sehe.« Thuan deutete auf mehrere kleine, von Dichtringen umgebene Öffnungen und wirkte dabei begeistert wie ein kleines Kind an Weihnachten.
Es dämmerte Kaiya, worauf er hinauswollte. »Du denkst, die Zentrale ist ein in sich abgeschlossenes Modul?«
»Genau!«, rief er. »Das würde den eigenen Datenspeicher und die Umweltsysteme erklären. Ich würde darauf wetten, dass sich hinter der rechten Tür Energiespeicher und weitere Zentralsysteme befinden.«
»Ein autarkes Schiffsmodul?«, fragte Khuyen.
»Genau!«
Kaiya wollte sich nicht mit Spekulationen zufriedengeben. »Alireza. Liegen wir mit unseren Vermutungen richtig?«
»Die Frage übersteigt Ihre Freigaben. Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine weiterführenden Auskünfte geben kann.«
Kaiya schrie frustriert, bevor sie ihren Ärger artikulierte: »Du willst mich wohl verarschen?! Nicht einmal, wenn wir etwas herausfinden, gibst du uns recht?«
»Es tut mir leid, dass ich Ihnen keine weiterführenden Auskünfte geben kann.«
Wissend, dass sich die KI nicht auf der Brücke befand, deutete Kaiya trotzdem mit drohend ausgestrecktem Finger zur Decke. »Sei dir verdammt noch mal sicher, dass ich dich zerlegen werde. Ich finde dich. Egal, wo in den Eingeweiden dieses Kahns du dich versteckst. Und dann zerlege ich dich eigenhändig in deine widerspenstigen Bestandteile.«
»Gewaltanwendung wird nicht toleriert«, antwortete die KI und Kaiya glaubte, in ihrer Stimme plötzliche Kälte herauszuhören. »Versuche, das Schiff oder zentrale Einrichtungen zu beschädigen, wehre ich mit entsprechenden Mitteln ab.«
»Boah!«, ertönte Vals Stimme vom heckseitigen Zugang. »Alle mal tief Luft holen.«
Kaiya wandte ihre Augen von der Decke ab und sah zu der Frau, die gerade in die Zentrale zurückkehrte. Sie schüttelte den Kopf und bedeutete Kaiya, sich zurückzuhalten. »Niemand zerlegt hier irgendetwas. Wir schauen uns um und nutzen die Möglichkeiten, die uns erlaubt sind.«
