Eiskalt wie die Nacht - Elsebeth Egholm - E-Book
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Eiskalt wie die Nacht E-Book

Elsebeth Egholm

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Beschreibung

Hochspannung von Dänemarks Krimikönigin.

Peter Boutrup, der leibliche Sohn Dicte Svendsens, ist fest entschlossen, ein neues Leben zu führen. Als er am Strand eine Leiche findet und in ihr den ehemaligen Mitinsassen Ramses erkennt, wird er jedoch von seiner Vergangenheit eingeholt. Zudem bereitet ihm seine geheimnisvolle und attraktive Nachbarin Felix schlaflose Nächte. Doch dann verschwindet ein junges Mädchen, und im Hafenbecken wird eine verstümmelte Leiche geborgen. Felix’ Mann und Tochter sind bei einem Helikopterunfall tödlich verunglückt, seither leidet sie an schwerer posttraumatischer Amnesie. Die Umstände des Unfalls sind ungeklärt, und als sie mit Peter der Sache nachgeht, kommen sie einer interessanten Verbindung auf die Spur: der tote Ramses und Felix’ Mann hatten miteinander zu tun und waren offenbar beide auf der Suche nach einem untergegangenen Boot mit dubioser Ladung. Währenddessen tappt die Polizei im Dunkeln. Nach einem weiteren brutalen Mord gerät Peter selbst unter Verdacht, und Felix wird vor seinen Augen entführt ...

»Eine Klasse für sich … Egholm rechnet virtuos mit der Krimiformel und schreibt ihren bisher besten Roman.« Berlingske Tidende.

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Elsebeth Egholm

Eiskalt wie die Nacht

Thriller

Aus dem Dänischen von Kerstin Schöps

Impressum

Die Originalausgabe unter dem Titel Tre Hundes nat erschien 2011 bei Politikens Forlag, Kopenhagen.

ISBN 978-3-8412-0498-1

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Copyright © Elsebeth Egholm og JP/Politikens Forlagshus A/S, København 2011

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Umschlaggestaltung capa design, Anke Fesel unter Verwendung eines Motivs von Chris Keller/bobsairport

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Impressum

Inhaltsübersicht

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

KAPITEL 51

KAPITEL 52

KAPITEL 53

KAPITEL 54

KAPITEL 55

KAPITEL 56

KAPITEL 57

KAPITEL 58

KAPITEL 59

KAPITEL 60

KAPITEL 61

KAPITEL 62

KAPITEL 63

KAPITEL 64

KAPITEL 65

KAPITEL 66

KAPITEL 67

KAPITEL 68

KAPITEL 69

KAPITEL 70

KAPITEL 71

KAPITEL 72

KAPITEL 73

KAPITEL 74

KAPITEL 75

KAPITEL 76

KAPITEL 77

KAPITEL 78

KAPITEL 79

KAPITEL 80

KAPITEL 81

KAPITEL 82

KAPITEL 83

KAPITEL 84

KAPITEL 85

KAPITEL 86

Für Pia

KAPITEL 1

Er wollte so schnell wie möglich nach Hause kommen.

Mit jedem Schritt entfernte er sich weiter von der Party und der lauten Musik. Hinter ihm stiegen Silvesterraketen in die Luft und spannten ihre bunten Fallschirme im Nachthimmel auf. Auch der Mond und der Schnee gaben ihres dazu, die Landschaft in Licht zu baden.

Über ihm leuchtete der Himmel, aber vor ihm erstreckte sich das dunkle Meer. Dort herrschte Stille. Es war eine Welt in Schwarz und Weiß. Das neue Jahr hatte seinen Einstand mit einer nie da gewesenen Kältewelle gefeiert und drohte mit weiteren heftigen Schneefällen. Wütend und zähnefletschend, ein böses Omen, wenn man denn an so etwas glaubte.

Er ging gerne spazieren. Da spürte er seinen Körper am besten. Er beeilte sich, um der Kälte keine Chance zu geben, aber seine Gesichtshaut erstarrte zu einer Maske. Er hätte auch das Auto nehmen können, denn er hatte nur ein paar Bier getrunken. Seit der Operation verhielt er sich so. Er hatte kein Interesse mehr daran, seinen Körper weiter zu zerstören. Er rauchte auch nicht mehr. Und mittlerweile hatte er ein Image wie Lucky Luke: lieber ein Glas Milch als einen Whiskey. Nur ab und zu, in Gesellschaft von Freunden, lies er sich gehen und betrank sich.

Je länger er lief, desto unwegsamer wurde die Straße. Er konnte schon die Häuser sehen. Es war nicht weit gewesen von der Silvesterparty hinaus zur Steilküste, wo in zwei der drei alten Fischerhäuser Licht brannte. Das eine gehörte ihm, er hatte mit Absicht Licht angelassen, aber auch im Nachbarhaus, in das vor kurzem eine Frau eingezogen war, waren die Fenster erleuchtet. Bei ihr brannte immer Licht, Tag und Nacht, als würde sie niemals schlafen. Er hatte sie bisher nur ein paarmal gesehen. Einmal hatte er ihr zugenickt, allerdings hatte sie seinen Gruß nicht erwidert. Aber etwas an ihr zog ihn an.

Der Wind hatte den Schnee zu Wehen aufgetürmt und die letzten fünfzig Meter bis zur Haustür versank er bis zu den Knöcheln darin. Sein Namensschild an der Tür war unter Schnee und Eis verborgen. Mit einem Handschuh wischte er die Eiskristalle von seinem Namen: Peter A. Boutrup. Das Schild hatte er aufgehängt, als er vor gut einem Jahr in das Haus zurückgekehrt war. Es war mehr als nur ein Name, es war das Symbol einer Entscheidung: Das hier war sein Leben und seine Zukunft. Seine Vergangenheit musste sich dem fügen.

Vielleicht hatte der Alkohol doch seine Wirkung getan oder aber die Kälte hatte ihm das Gehirn eingefroren, denn erst in diesem Augenblick sah er die Rauchsäule, die aus seinem Schornstein in den Himmel stieg. Außerdem hatte jemand vor der Tür Schnee geschaufelt. Kaum hatte er den Gedanken zugelassen, dass er unerwartet Besuch bekommen hatte, da hörte er schon das Bellen des Hundes.

Er wollte die Tür aufschließen, aber sie war bereits offen. Als er sie aufstieß, stieg ihm der Geruch von Zigaretten in die Nase. Der Hund hörte sofort auf zu bellen und kam ihm mit eingezogenem Schwanz und geduckter Haltung entgegengekrochen, als Zeichen für ein schlechtes Gewissen. Dazu hatte er schließlich auch allen Grund. Im Kamin loderte ein Feuer und Stinger lag ausgestreckt auf dem Sofa und schnarchte laut vor sich hin. Auf dem Couchtisch stand eine leere Wodkaflasche, eine Untertasse hatte Stinger zum Aschenbecher umfunktioniert. Peter zählte neunzehn Zigarettenstummel und schloss daraus, dass sein Neujahrsbesuch erst vor kurzem eingetroffen sein konnte. Seine Kleidung war zerknittert und stank nach Alkohol, Rauch und altem Schweiß, die Socken waren voller Löcher. Die Tattoos auf seinen Armen und Händen waren verschwommen und bedeckt mit Kratzspuren und Kruste, weil Stinger eine Allergie gegen die billige Tinte entwickelt hatte, die ihm unter die Haut geritzt worden war. Wahrscheinlich dasselbe Zeug, das er auch für seine Kunden verwendete. Daher auch sein Spitzname: Stinger aus dem Englischen: to sting – stechen.

»Wach auf, Stinger!«

Erfolglos versuchte Peter, den Mann auf dem Sofa wach zu rütteln, während Kaj neben ihm ein wütendes Knurren vortäuschte. Er konnte sehr aggressiv sein, kannte aber ausgezeichnet den Unterschied zwischen Freund und Feind. Und Stinger war ein Freund, obwohl Peter gerade keine ausgeprägte Sehnsucht nach Besuch verspürte.

Schließlich gab er den Versuch auf, Stinger wach zu bekommen, stellte das Kaminschutzgitter auf und zog wie jede Nacht seine Matratze hinaus auf den Balkon im ersten Stock. Er kletterte in seinen Polarschlafsack und Kaj legte sich dicht neben ihn und vergrub seine Schnauze in seinem Lammfell. Am liebsten hätte er in dieser eiskalten Nacht noch ein paar zusätzliche Hunde als Wärmespender gehabt. Die Aborigines benutzten zahme Dingos, um sich von ihnen in kalten Nächten wärmen zu lassen: einen Hund rechts, einen links und – wenn es so richtig kalt wurde, wie in dieser Neujahrsnacht, dann noch einen oben auf den Bauch. Eine dreihündige Nacht. So könnte man sie nennen. Die Meteorologen hatten bis zu minus dreizehn Grad angekündigt.

Er vergrub sich tief in seinen Schlafsack und spürte den Hundekörper an seiner Seite. Oben am Himmel leuchtete ein Meer aus Sternen und eine letzte Rakete unternahm einen kraftlosen Versuch zu imponieren. Die Kälte biss auf der Haut und er zog den Verschluss so weit zu, wie es ging. Dreihündige Nacht. Das klang nach Frost und Eis und Kälte, aber es schwang auch etwas Unheil verkündendes mit. Die Partygäste liefen dort draußen in der Kälte herum, viele von ihnen in dünner Kleidung und mit Alkohol im Blut. In so einer Nacht konnte der Winter leichte Beute machen.

Kurz bevor er einschlief, begriff er plötzlich, was ihn an der Nachbarin und ihren dunklen Augen so faszinierte. Er hatte sie nur von Weitem gesehen, aber diese Augen und diesen Blick kannte er. Es waren fragende Augen, denen er keine Antwort geben konnte.

Er sah in den Himmel, suchte den hellsten Stern. Er vermisste My schmerzlich.

KAPITEL 2

Am Neujahrsmorgen ging die Sonne auf, färbte das Meer violett und versah den Horizont mit einem Silberfaden. Der Schnee reflektierte die Sonnenstrahlen in alle Richtungen und glitzerte wie Edelsteine, die man aufheben und sich in die Tasche stecken wollte.

Stinger schnarchte unaufhörlich und hörte auch nicht auf, als Peter sich anzog und das Haus verließ. Kaj ließ er zurück, während er sich auf den Weg zu seinem Chef Manfred machte, der zusammen mit Frau und den beiden Kindern in Rimsø wohnte. Am Straßenrand und auf den Wegen lagen Überreste der Silvesternacht in Form von leeren Flaschen, verkohlten Raketenstäben und ausgebrannten Feuerwerksbatterien verstreut. Konfetti, Luftschlangen und ein paar Papierhüte verzierten die Schneedecke.

»Frohes neues Jahr, Peter!«

Gut gelaunt öffnete Manfred die Tür, Jagdtasche und Gewehr geschultert, den Patronengurt um den Bauch gelegt und in Begleitung seines Dackels King. Sie nahmen seinen Allradtrecker und fuhren aus der Stadt in den Wald in der Nähe von Gjerrild, wo Manfred und sein Onkel eine Jagd gepachtet hatten. Insgesamt waren sie zu acht, die Jäger verteilten sich nach einem kurzen Gespräch im Gelände. Peter begleitete Manfred, hatte aber selbst keine Waffe dabei. Bald darauf stapften sie durch die Stille des Waldes und wechselten nur wenige Worte auf der Suche nach frischen Fährten und anderen Wildspuren.

»Hattest du ’nen guten Abend gestern?«

Manfreds Stimme war gedämpft, während sie hintereinander auf einem schmalen Weg durch den Nadelwald liefen. Peter wusste, dass er und seine Frau den Abend zu Hause bei den Kleinen verbracht hatten. Früh zu Bett und früh aus den Federn, so war der Rhythmus in Manfreds und Juttas Leben. Auch er mochte einen gleichförmigen Rhythmus, als wäre seine innere Uhr auf Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gestellt. Manfred und er hatten viele Gemeinsamkeiten.

»Der war ganz okay«, antwortete Peter und setzte seinen Weg durch den Schnee in den schweren Gummistiefeln fort.

»Villy hat eine Party geschmissen.«

Manfred riss auf dem Weg durch den Wald mit seiner Jacke Äste und Zweige ab. Es war zehn Uhr morgens und das Thermometer zeigte minus elf Grad. Manfred war ein kleiner Mann, aber er konnte auf einem Dachfirst herumturnen wie ein Zirkusartist und seine Hände hielten gleichermaßen Säge, Schraubenzieher und Bücher, wofür Peter sehr dankbar war. Und jetzt bahnte er sich einen Weg durch das Unterholz mit derselben Sicherheit, als stünde er auf dem Dach des Pfarrers.

»Schon gefährlich, so eine kalte Neujahrsnacht«, sagte er leise, um die Bewohner des Waldes nicht zu stören. »Freunde von Jutta aus Grenå vermissen ihre Tochter. Sie hatte versprochen, nach der Party nach Hause zu kommen.«

Der Schnee knirschte unter Peters Schuhsohlen, auch er bewegte sich vorsichtig und sprach mit gedämpfter Stimme.

»Es ist doch noch früh. Vielleicht hat sie ja auch ein Bett gefunden, in dem sie übernachtet hat?«

Manfred zuckte zusammen, als ein Ast zurückschnellte und ihm Schnee in den Nacken fiel.

»Klar. Aber sag das mal ihrer Mutter.«

»Ist doch besser als die Alternative.«

Manfred nickte.

»Da bin ich ganz deiner Meinung.«

Sie kamen auf eine Lichtung und liefen eine Weile nebeneinander. Plötzlich nahm der Hund die Witterung auf. Rastlos rannte er hin und her und wirbelte Schnee auf, alle Muskeln gespannt im Jagdfieber.

»Hier, sieh mal.«

Peter beugte sich hinunter und zeigte auf den Waldboden. Dort hatten sich mehrere Wildspuren gekreuzt und den Schnee zertreten. Auf den ersten Blick sah es aus, als hätte jemand mit einem Zahnstocher Kreise in die Sahnehaube einer Torte gezeichnet. Doch bei genauerer Betrachtung konnte man die einzelnen Abdrücke gut voneinander unterscheiden. Auch Manfred beugte sich hinunter und der Hund steckte seine Nase in die Vertiefungen im Schnee.

»Und sieh mal dort!«

In unmittelbarer Nähe lag Losung, Kot, frisch und noch dampfend. Der würzige Geruch von Wild lag in der Luft und man sah deutlich die Spuren, wo die großen Geweihe auf der Suche nach Essbarem durch den Schnee gefegt hatten. Große Flächen der Baumrinden waren abgeschält. Peter senkte seine Stimme zu einem bloßen Flüstern und deutete auf die Abdrücke des Hirsches, die so groß waren wie der Absatz seines Gummistiefels.

»Ausgewachsene Hirsche«, flüsterte Manfred. »Sechs bis acht Stück.«

Sie folgten vorsichtig den Spuren, den Hund jetzt an der Leine. Unter anderen Umständen hätten sie sich über alles Mögliche unterhalten, während sie Hobby und Leidenschaft mit physischer Arbeit verbanden, wozu eine Jagd auch gehörte. Langsam stapften sie durch den Schnee. Sie verstanden sich gut, Manfred und er. Manfred hatte früher Philosophie studiert, bis ihn das Leben in seiner ganzen Härte getroffen hatte und er depressiv geworden war. Da hatte er sich für einen Beruf entschieden, bei dem er seine Hände einsetzen durfte, und war Schreiner geworden. Er kam ursprünglich aus Rimsø und nach seiner Lehrzeit hatte er sich dort mit seiner Rimsø-Tischlerei niedergelassen. Nach drei Jahren im Einmannbetrieb hatte er Peter angestellt. Und er hatte ihn auch nach Verbüßung seiner Haftstrafe wieder eingestellt. Mittlerweile waren sie zu viert, allerdings gab es im Winter immer viel weniger zu tun. Zurzeit hatten sie nur einen Auftrag, ein neues Dach für einen Schweinestall, und Manfred hatte die beiden anderen Angestellten vorübergehend entlassen müssen.

Die Schneedecke wurde immer dicker und sie sanken immer tiefer ein. Während sie so durch den Wald stapften, dachte Peter an Manfred und Stinger, die beiden Gegenpole in seinem komplizierten Leben. Zwei miteinander unvereinbare Welten, zwischen denen er hin und her balancierte: die Gespenster der Vergangenheit, mit denen er sich abzufinden versuchte, und dann die Gegenwart und die Zukunft, wie er sie sich gestalten wollte. Diese beiden Freunde waren sich noch nie begegnet und so sollte es auch bleiben.

Abrupt blieb Manfred vor ihm stehen. Der Hund verharrte still. Peter hob den Blick. Ein Hirsch stand auf der Lichtung vor ihnen, aber der Wind war günstig und er konnte sie nicht wittern. Er trug seine graubraune Winterdecke und darunter spielten seine Muskeln und vibrierten nervös. Seine Nüstern hoben und senkten sich, als würde er eine Gefahr spüren, aber nicht orten können, und mit jedem Atemzug stieß er kleine Dampfwolken aus. Hatte er sie doch gewittert?

Langsam drehte sich Manfred zu Peter um und reichte ihm sein Gewehr. Peter schüttelte den Kopf, aber da Manfred den Arm nicht senkte, nahm Peter schließlich das Gewehr entgegen, legte es an und betrachtete das Tier durch das Zielfernrohr.

Es war ein Vierzehnender und er hatte noch nie zuvor ein so schönes Tier gesehen. Sein Geweih war glatt und von den Bastresten des Spätsommers schon längst befreit. Er hatte ihnen sein Profil zugewandt, als wäre er von einem Sonnenstrahl gefangen worden und wolle sich von seiner besten Seite zeigen.

Peters Zeigefinger lag fest auf dem Abzug. In diesem Augenblick wandte der Hirsch seinen Kopf, während sein Körper reglos stehen blieb. Ein paar Sekunden lang starrte er Peter an, dem bei diesem Blick das Blut in den Ohren rauschte. Dann hatte es den Anschein, als hätte der Hirsch den Mann und sein Gewehr gesichtet. Er warf seinen Kopf in den Nacken, stampfte auf den Boden und sprang mit großen Sprüngen davon.

Manfred unterbrach die Stille. »Du hättest ihn nehmen sollen.«

Peter gab ihm das Gewehr zurück.

»Der war zu alt. Wir sind doch hinter den Jungen her, oder?«

Manfred trat auf der Stelle, sein Hund King hatte schon wieder die Schnauze am Boden und winselte leise.

»Das hätte nichts ausgemacht. Das wäre in Ordnung gewesen.«

Sie sahen sich an und Peter fühlte sich an den Blick des Hirsches erinnert. Aber die Stille war nun nicht mehr so beklemmend wie zuvor, sie war erfüllt von Wärme und Freundschaft und erzählte von dem Risiko, das Manfred eingegangen war: einem Jäger zu vertrauen, der keine Waffe mehr tragen darf.

»Du sollst meinetwegen keine Schwierigkeiten bekommen«, sagte Peter mit so viel Nachdruck in der Stimme, dass damit das Gespräch beendet war. Sie verfielen in erneutes Schweigen und setzten ihren Weg durch den Wald fort.

Als er wieder nach Hause kam, wie immer müde und zufrieden nach vielen Stunden in der Natur, schlief sein Gast noch immer.

Es war halb zwei, als Stingers Schnarchen seine Klangfarbe änderte und der Schlaf leichter, oberflächlicher wurde. Etwa eine Viertelstunde später wachte er mit lautem Husten und Prusten auf. Seine Hand suchte tastend nach der Zigarettenpackung, aber die war leer.

»Hier, bitte.«

Peter gab ihm einen Becher Kaffee. Stinger schlürfte gierig und vergoss dabei die Hälfte.

»Frohes neues Jahr.«

Stinger murmelte eine Antwort aus den Tiefen des Bechers. Peter drehte sich um und ging zurück in die Küche. Er machte Spiegelei, Bacon, Toast und schlachtete noch eine Dose Bohnen, die er im Topf aufwärmte. Als er damit auf einem Tablett ins Wohnzimmer zurückkam, war Stinger immerhin schon so weit, dass er aufrecht saß und sich mit seinen verkrusteten Händen das Gesicht rieb.

»So, was ist los? Womit habe ich die Ehre?«

Stinger sah ihn mit einem beleidigten Blick an.

»Verdammt noch mal, Petter, darf ein Freund nicht einfach mal so vorbeikommen? Das hast du doch immer gesagt, Mann!«

Das stimmte, der Schlüssel lag immer unter dem weißen Stein bereit. Das war seine eigene Schuld. Allerdings fühlte es sich manchmal an, als würde er auf einem Bahnhof wohnen, wenn Kumpel aus seiner Vergangenheit einen Platz zum Schlafen brauchten.

»Hast du Ketchup?«

Stinger betrachtete argwöhnisch den Teller, den Peter ihm gereicht hatte.

»Im Kühlschrank. Kannst dir auch gleich ein bisschen Beluga-Kaviar nehmen, wenn du schon mal da bist.«

»Belu-was?«

»Ach, vergiss es.«

Der Hund folgte Stinger in die Küche und wieder zurück, nicht aus Wachsamkeit, sondern in der Hoffnung, dass dem Gast Essbares vom Teller fallen könnte. Das hatte ihn die Erfahrung gelehrt.

»Ich war mit Ramses verabredet. Das hatten wir abgemacht.«

Stinger drückte so fest auf die Ketchuptube, dass der Inhalt in alle Richtungen spritzte und das Essen wie einen Verkehrsunfall aussehen ließ. Dann begann er das Ergebnis mit Gabel und Messer zu traktieren und knuspriger Bacon flog durch die Luft.

»Haste ihn gesehen?«

Peter schüttelte den Kopf. Kaj nutzte den Augenblick und leckte die Baconkrümel vom Boden.

»Ich wusste gar nicht, dass er entlassen worden ist.«

»Du kriegst aber auch gar nichts mehr mit, was? Der ist schon lange draußen«, sagte Stinger schmatzend. »Wir waren an Silvester verabredet und wollten ’nen Plan machen.«

»Und da habt ihr einfach vergessen, mich einzuladen?«

»Wir haben damit gerechnet, dass du zu Hause bist.«

Peter stach mit seinem Messer in das Gelbe seines Spiegeleis, der Dotter trat aus und vermischte sich mit der roten Tomatensoße der Dosenbohnen.

»Und was ist das jetzt für ein Plan?«

Stinger legte das Besteck beiseite und kratzte sich auf der Hand. Eine Kruste löste sich und die Haut darunter begann zu bluten.

»Das ist der Frost und die Kälte«, sagte er und betrachtete die Wunde. »Die Haut wird so trocken.«

»Was für ein Plan?«

»Wir wollten die Ware von Fischer-Brian abholen, verstehste? Die er damals versteckt hat, bevor er in den Knast musste.«

»Und ihr glaubt wirklich, dass es die gibt?«

Stinger nickte voller Überzeugung.

»Logo, tut die das. Er hat uns genau gesagt, wie wir die finden. Also, jedem einzeln.«

»Jedem einzeln?«

Eine Riesengabel mit Bohnen fand den Weg in Stingers Mund, gefolgt von einem halben Toast, den er vorher einmal durch den Ketchup gezogen hatte.

»Tja, also Ramses weiß ein Teil und ich weiß den anderen.«

Er kaute und schluckte hinunter. »Und zusammen wissen wir genug, um den Scheiß zu finden. Cool, oder? Das sind mindestens drei Millionen, du. Wir können wie die Könige leben, für den Rest unseres Lebens.«

Peter konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

»Dann braucht ihr aber auf jeden Fall einen guten Finanzberater oder müsst früh genug über die Klinge springen. Bei eurem Verbrauch an Zigaretten und Wodka ist die Kohle schnell alle.«

Erneut sah ihn Stinger mit einem beleidigten Gesichtsausdruck an.

»Das ist doch ein Vermögen!«

Um diese Ware rankten sich viele Gerüchte.

»Und was genau weißt du jetzt? Warum ausgerechnet ihr beide? Warum sollte ein sterbender Mann sein größtes Geheimnis gerade euch beiden verraten?«

Stinger wischte mit einem Stück Toast die Matsche auf seinem Teller auf: Bohnen, Ei, Ketchup und das Fett vom Bacon.

»Wir waren doch damals so was wie eine Familie. Weißt du das nicht mehr? Ramses und ich waren wie Söhne vom Alten. Im Knast und auch draußen.«

Peter betrachtete Stinger, der das Toast mit der Matsche in der Hand hielt und herzhaft gähnen musste. Stinger hatte einerseits recht, andererseits war er unglaublich naiv. Die drei hatte tatsächlich eine Art Freundschaft verbunden: Brian, Ramses und Stinger. Aber Ramses war immer käuflich gewesen, schon für eine Handvoll Geld, und Fischer-Brian hatte es geliebt, die Leute gegeneinander auszuspielen und zu verarschen. Peter würde keinem der beiden trauen. Aber wer wusste das schon so genau, vielleicht war Brian in den letzten Monaten seines Lebens sentimental geworden, als ihn der Krebs von innen zerfraß. Vielleicht hatte der sterbende Mann das Bedürfnis gehabt, sich jemandem anzuvertrauen, und Ramses und Stinger waren bei weitem nicht die schlimmsten Vertreter ihrer Art. Idioten, aber im Grunde ihres Herzens gute Menschen. Es gab viele Gerüchte und eines davon besagte, dass Brian in großem Stil Drogen geschmuggelt haben soll. Aber wenn das wirklich zutreffen sollte, wäre das in jedem Fall eine Nummer zu groß für Stinger und Ramses.

»Und was ist dein Teil, was weißt du?«

Stinger kaute sorgfältig weiter und schluckte alles mit Kaffee herunter. Dann wischte er sich mit dem Hemdärmel den Mund ab.

»Du weißt doch, wie verrückt Brian nach Booten war, oder? Alter Kapitän, hat er immer gesagt. Er hatte ein Motorboot, das hieß Molly.«

Peter nickte. Stinger hatte die Kunst des Tätowierens von Fischer-Brian gelernt, der ein echter Seemann gewesen war, mit einem Anker auf dem Unterarm, einer üppigen jungen Frau auf dem Oberarm und einem Seemannsknoten auf der Brust. Es war kein Geheimnis, dass Brians Karriere auch mit diversen Schmuggleraktivitäten geschmückt war, vor allem mit Ware aus dem Baltikum.

»So, und als ihm das alles zu heiß wurde, hat er die Molly irgendwo im Kattegat versenkt«, sagte Stinger und kratzte auf seiner kranken Haut herum. »Die Ware hat er in einer Kiste versiegelt. Das ist der Teil, den ich weiß. Wo die Ware ist, also zum Teil zumindest.«

»Zum Teil?« Peter lächelte. »Und Ramses, was weiß er? Auch so einen Teil?«

Stinger hörte nicht auf zu kratzen. Erneut fiel eine Kruste ab und gab den Blick auf hellrosa Haut frei, so groß wie ein Kronenstück.

»Ramses kennt die andere Hälfte der Position von Molly. Das hat Fischer-Brian selbst gesagt.«

»Und du kennst die erste Hälfte, nehme ich dann mal an?«

Stinger nickte und unterdrückte einen Rülpser.

»Vielen Dank fürs Essen«, sagte er höflich und fügte hinzu, als hätte er die Mahlzeit in einem Dreisternerestaurant eingenommen: »Es hat wunderbar geschmeckt.«

KAPITEL 3

Felix beobachtete, wie der Mann das Haus kurz nach zwei Uhr verließ.

Sie hatte gesehen, wie er an Silvester gekommen war. Der Hund hatte gebellt und der Bewegungsmelder drüben war angegangen und hatte eine Gestalt in Licht getaucht: groß und schlaksig und – zumindest war das ihr Eindruck gewesen – frierend in einer viel zu kurzen Jacke und ohne Mütze oder Handschuhe. Zuerst hatte er an die Tür ihres Nachbarn geklopft, da ihm aber niemand öffnete, hatte er die Klinke heruntergedrückt und versucht die Tür aufzudrücken. Nachdem er eine Weile unschlüssig stehen geblieben war und auf den Schnee gestarrt hatte, war er schließlich zu ihr gekommen und hatte geklingelt.

»Hast du eine Schaufel, die ich mal kurz leihen darf?«

»Die steht drüben im Carport.«

Sie hatte ihm die Richtung mit der Hand gezeigt. Er hatte die Nase hochgezogen, was aber nicht viel geholfen hatte. Also hatte er sich mit dem Ärmel den Rotz weggewischt und dabei hatte sie die Krusten, Narben und die unbeholfenen Tätowierungen auf seiner Handfläche gesehen. Ohne Dank oder ein weiteres Wort war er zum Carport geschlurft, um die Schaufel zu holen. Kurz darauf hatte sie ihn beobachtet, wie er angefangen hatte, Schnee zu schaufeln. Nach etwa zehn Minuten hatte er einen Stein freigelegt, ihn hochgehoben und etwas darunter hervorgezogen. Danach hatte er ihr die Schaufel zurückgebracht, das Haus aufgeschlossen und ausgelassen den Hund begrüßt. Das hatte sie schließlich überzeugt, dass er in Ordnung war. Zusätzlich zu der Tatsache, dass er das Geheimversteck des Schlüssels gekannt hatte.

Und jetzt brach er wieder auf. Allerdings trug er dieses Mal Handschuhe und eine viel dickere Jacke sowie eine Wollmütze auf dem Kopf. Sie erkannte die Jacke wieder. Der Mann von nebenan – Peter A. Boutrup hatte sie heimlich am Klingelschild gelesen, als er mit dem Hund unterwegs war – hatte sie immer an, wenn er mit dem Hund spazieren ging. Das tat er jeden Tag. Es war ein schöner Hund. Ein Schäferhund.

Sie trat vom Fenster weg, wusste aber nicht so richtig wohin. Kälte und Müdigkeit waren eine schlechte Kombination. In diesem Haus fror sie die ganze Zeit. Sie nieste und hustete so viel, dass ihr die Lungen schon wehtaten. Es war, als zöge die Kälte durch alle Ritzen, und sie fühlte sich, als liefe sie auf Watte – so müde war sie. Sie wusste, dass sie etwas essen sollte. Doch jedes Mal, wenn sie das versuchte, blieb ihr der Bissen im Hals stecken. Wenn sie nur schlafen könnte. Aber das Liegen tat so schrecklich weh, allein beim Gedanken an ihr Bett sträubte sich alles in ihr. Nur wenn die Erschöpfung übermenschlich wurde, konnte sie die Warnzeichen ignorieren, sich hinlegen und loslassen. Aber jetzt war sie noch nicht müde genug, darum schaltete sie den Fernseher ein. Das Neujahrskonzert aus Wien wurde übertragen.

Sie mochte die Musik, alles in ihr fing an zu schwingen und zu schaukeln, vor und zurück. Früher einmal, vor der Katastrophe, war für sie das Tanzen ein Freiraum gewesen. Sie hatte keine Tanzausbildung, sondern hatte sich ihre Schritte und Drehungen selbst ausgedacht. Aber ihr Körper war für den Tanz gemacht, das fühlte sie. Nicht um daraus einen Beruf werden zu lassen, es war einfach ein Teil von ihr, so wie Luft zu holen oder einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Sie erhob sich, der Walzer zog sie aus dem Sessel. Zaghaft bewegte sie sich im Takt der Musik. Summend und hin und her wippend drehte sie sich im Kreis, hoch auf die Zehen, wieder runter, bis sie in einen tranceähnlichen Zustand geriet. Aber sie war noch immer sehr schwach und als die Musik verstummte und der Applaus aufbrandete, blieb sie stehen, auf Strumpffüßen, ganz außer Atem, während sich im Kopf noch alles drehte. Plötzlich sah sie nicht mehr das Orchester im Fernseher, sondern Bruchstücke des Unfalls und all die Dinge, die sie damals so verwirrt hatten, bis sie nicht mehr wusste, wer wo was und warum sie war.

Sie schaltete den Fernseher aus. Ihr Herz hämmerte. Der Schweiß lief ihr die Stirn hinunter. Sie brauchte dringend frische Luft, obwohl ihre Müdigkeit unüberwindbar schien.

Sie ging in den Flur und zog sich mehrere Lagen übereinander an. Dann nahm sie ihr Handy und steckte es zur Sicherheit in die Jackentasche. Dabei dachte sie an ihren Nachbarn, Peter A. Boutrup. Er hatte sie vor kurzem gegrüßt, sie aber hatte den Gruß nicht erwidert. Erklären konnte sie sich dieses Verhalten allerdings nicht, vielleicht war sie einfach zu schwach gewesen dafür.

Sie wollte gerade das Haus verlassen, als sie bemerkte, dass er im selben Augenblick die Tür seines Hauses hinter sich geschlossen hatte, um mit dem Hund spazieren zu gehen. Sie hasste solche Situationen und spürte, wie Wut in ihr aufstieg. Was tun? Gefangen von ihrer Unentschlossenheit, blieb sie am Fenster stehen, außerstande, sich zu bewegen, während sie ihm mit Blicken folgte, wie er seine übliche Runde die Steilküste entlang durch knöcheltiefen Schnee stapfend antrat. Der Hund rannte neben ihm her, ausgelassen hüpfend, nachdem er so lange im Haus eingesperrt gewesen war. Er warf kleine Hundekekse in die Luft, die er im Sprung fing, oder er schleuderte sie in den Schnee, damit der Hund danach graben musste.

Erst als sie eine ganze Weile außer Sicht waren, wagte sie sich aus der Tür.

Die Luft war eiskalt und brannte in der Lunge. Es gab keine Alternative, als denselben Weg einzuschlagen, den er mit dem Hund genommen hatte. In alle anderen Richtungen lag der Schnee meterhoch. Mit schnellen Schritten lief sie los, aber darauf bedacht, genügend Abstand zu halten. Kurz darauf sah sie die beiden von Weitem. Sie schienen ganz versunken in sich und ihr Spiel. Eines Tages würde sie ihn grüßen müssen, ein paar Worte wechseln und ihm vielleicht zu verstehen geben, dass sie nicht an einer engen Nachbarschaft interessiert war.

Plötzlich fing der Hund an zu bellen. Sie sah, wie ihr Nachbar abrupt stehen blieb, und tat es ihm nach. Er stand ganz still und sah über die Kante der Steilküste. Sie versuchte seinem Blick zu folgen, aber sie konnte nicht sehen, was er sah. Aber sie spürte, dass sich die Stimmung schlagartig geändert hatte und die Ausgelassenheit wie weggeblasen war.

Peter lehnte sich nach vorne und sah über die Kante der Steilküste. Er musste näher ran, um genauer sehen zu können, warum Kaj angeschlagen hatte. Aber es war schwer, sich im Schnee zu bewegen, und die Entfernung hinunter zum Strand war geradezu schwindelerregend. Er beschloss, Kaj vorzuschicken. Das würde er mit Begeisterung tun.

»Na los.«

Er zeigte zum Strand hinunter.

»Such.«

Der Hund nahm die Aufforderung mit Freude an. Zuerst lief er ein paarmal an der Kante auf und ab, bis er die geeignete Stelle für seinen Abstieg gefunden hatte. Danach ging es rasend schnell. Mit steifen Beinen rutschte und schlidderte er den Abhang hinunter bis zum Strand, wo die Wellen einen Streifen aus Eisstücken zusammengeschoben hatten. Kurz darauf erreichte er den dunklen Fleck zwischen den Steinen. Er schnupperte, umkreiste den Fundort, stieß mit der Schnauze in das dunkle Etwas und jaulte laut auf.

»Verdammt.«

Der Hund konnte sich nicht irren. Ihm blieb nichts anderes übrig, er musste auch dort runter. Aber er ahnte schon, was ihn erwarten würde, während er Kaj nachfolgte und rutschend den Abhang hinunterstolperte.

»Was hast du da gefunden?«

Vorsichtig näherte er sich. Noch nie zuvor hatte er Kaj so erregt gesehen. Die Gestalt vor ihm am Strand war zur Hälfte von Schnee bedeckt, sie lag auf dem Bauch, der Kiefer verdreht mit offenem Mund. Die dunklen Bartstoppeln und die eine schwarze, buschige Augenbraue – seine Augenbrauen waren sein ganzer Stolz gewesen – waren mit Eiskristallen verklebt. Das Haar auch. Es sah aus, als hätte jemand Kunstschnee verstreut, damit sich die weißen Kristalle auf der schwarzen Oberfläche verteilen können. Er trug viel zu dünne Kleidung: eine kurze, schwarze Lederjacke, Jeans und ein Paar Turnschuhe.

Peter kniete sich hin und fühlte nach dem Puls, wusste aber, dass jede Hilfe zu spät kam. Ramses, ein hübscher Idiot und immer für ein Mädchen im Minirock oder für schnelles Geld zu begeistern, lag mausetot vor ihm. Er war sich deswegen so sicher, weil in seinem Rücken ein Loch zu sehen war, das einer Austrittswunde glich. Der Schnee hatte sich rostrot verfärbt. Er vermutete, dass der Ägypter aus nächster Nähe von vorne erschossen worden war. Direkt ins Herz.

Er hörte ein Geräusch und erkannte seine Nachbarin, die oben an der Kante stand und winkte. Sie formte einen Trichter mit den Handschuhen:

»Hallo! Ist es das, was ich vermute?«

Er winkte zurück und nickte. Sie machte sich daran, den Abhang hinunterzuklettern.

»Bleiben Sie da oben«, rief er. »Sie sollten das nicht sehen.«

Aber sie hatte bereits die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Auch sie rutschte und schwankte, schien der Gefahr aber gleichgültig gegenüber zu sein. Sie landete direkt vor seinen Füßen und er streckte reflexartig den Arm aus, um sie aufzufangen. Das war das erste Mal, dass er sie aus nächster Nähe sah, und es fiel ihm schwer, den Blick von ihr zu wenden. Sie war schön und hässlich zugleich. Die Schönheit verbarg sich in ihren Augen, die in einem hellen Türkis leuchteten, das von einem schwarzen Rand gesäumt wurde. Schön waren ihre ovale Gesichtsform und ihr Haar, das sich in vielen dunklen Schattierungen um ihr kreideweißes Gesicht legte, obwohl nur einige wenige Strähnen unter der Mütze hervorlugten. Das Hässliche war die Tatsache, dass sie aussah, als würde sie jeden Augenblick ohnmächtig werden und neben der Leiche zusammenbrechen können. Sie war auffällig, fast unangenehm dünn, die Haut sah wächsern aus und ihre schönen Augen saßen in dunklen, grauschwarzen Höhlen.

»Glauben Sie, ich hätte noch nie eine Leiche gesehen?«

»Haben Sie das denn?«

Er schätzte sie auf Anfang dreißig, so alt wie er selbst. Wie viele Tote konnte sie schon gesehen haben?

Sie antwortete nicht, sondern starrte Ramses an und fuhr sich mit der Hand nervös an den Hals und lockerte den Schal, als würde er zu straff sitzen. Das ganze Jahr über gab es die verschiedensten Vögel an der Küste zu sehen und er war der Ansicht, er hätte sie alle schon gesehen. Aber sie war mit Abstand der exotischste von allen.

»Armer Kerl. Wer ist das?«, fragte sie.

Er zögerte.

»Keine Ahnung. Sie haben nicht zufällig ein Handy dabei?«

Sie steckte die Hand in ihre Jackentasche und reichte ihm das Telefon. Dabei berührte er zufällig ihre Hand und auf einmal verspürte er große Lust, ihr über die Wange zu streicheln. Aber stattdessen tat er etwas, wozu er eigentlich am allerwenigsten Lust hatte: Er rief die Polizei.

KAPITEL 4

»Und sie ist seitdem nicht mehr gesehen worden?«

Mark Bille Hansen, der neue Dienststellenleiter der Ostjütländischen Polizei in Grenå, hatte Kopfschmerzen. Und das lag nicht an einer durchzechten Silvesternacht, sondern an einem Detail in seinem Leben, an das er jetzt nicht denken wollte. Er klopfte sich so lautlos wie möglich ein paar Tabletten in die Handfläche, während die Person am anderen Ende der Leitung weitersprach.

»Wir haben eine Party gefeiert, es war so gegen zwei Uhr morgens. Sie wollte nach Hause gehen, aber keiner von uns konnte sie fahren, darum ist sie zu Fuß gegangen.«

Mark schluckte die Tabletten ohne Wasser hinunter. Während er den Hörer zwischen Kinn und Schulter einklemmte, reihte er die Gegenstände auf seinem Schreibtisch säuberlich auf: die Schreibunterlage, die Kugelschreiber, den Block, das Handy. Den Kaffeebecher platzierte er genau in der äußersten Ecke des Tisches. Das Päckchen Kaugummi legte er daneben. Eine alte Zeitung flog in den Papierkorb.

»Wie weit war ihr Nachhauseweg? Wo wohnte sie und wo fand die Party statt?«

Er notierte sich die Angaben und ließ den Blick durch sein Büro schweifen. Die Möblierung war sparsam, um nicht zu sagen spärlich. Nichts Überflüssiges, keine Dekoration. So mochte er es am liebsten.

»Sie hatte nur so dünne Klamotten an, sagen die anderen. Wir haben Angst, dass sie auf dem Weg erfroren ist.«

Die Sorge konnte er gut verstehen. Ein neunzehnjähriges Mädchen mit Sekt im Blut, dünnem Kleid und bei minus dreizehn Grad mitten in der Nacht unterwegs, klang in seinen Ohren nach einem Selbstmordkommando.

»Haben Sie schon mit der Familie des Mädchens gesprochen?«

»Ja, ich rufe im Auftrag von Ninas Eltern an. Sie sind vollkommen aufgelöst«, erklärte der junge Mann, bei dem die Party stattgefunden hatte. »Ihr Vater ist schon die ganze Stadt abgefahren. Jetzt warten sie und hoffen, dass sie einfach wieder auftaucht.«

Mark hustete so diskret wie möglich, da die Tabletten sich auf ihrem Weg ordentlich Zeit ließen. Was für ein Glück, dass er keine Kinder hatte, über die man sich zusätzlich zu allem anderen Sorgen machen musste.

»Könnte mir einer von Ihnen ein Foto von ihr vorbeibringen? Oder besser noch, schicken Sie mir doch bitte eine Datei mit einem aktuellen Foto, dann können wir eine Vermisstenanzeige aufnehmen.«

»Ist das alles, was Sie tun?«

Der Anrufer klang enttäuscht, aber auch befriedigt, als würde sich die Vermutung bestätigen, dass man von der Polizei nichts anderes erwarten kann, die ohnehin seit Monaten Medienschelte kassierte.

»Wir fordern Verstärkung an und werden eine Fahndung in die Wege leiten.«

Mark beendete das Telefonat. Was hatte der Idiot eigentlich geglaubt? Dass ein junges Mädchen im tiefsten Winter verschwinden könnte, ohne dass sie sich auf die Suche nach ihr machten? Er rief in der Dienststelle in Århus an und skizzierte die Faktenlage. Nachdem er das erledigt hatte, griff er sich seine Jacke und machte sich auf den Weg zu den Eltern der Vermissten, die im Nørrevang wohnten.

Ein leichter Job, war ihm versprochen worden, als er sich auf die Rochade eingelassen hatte. In Grenå würde er zur Ruhe kommen können, statt dem Tod in der Mordkommission in Kopenhagen hinterherhetzen zu müssen. Außerdem – so hatten sie betont – habe er doch Familie in Grenå. Das könnte ihm doch eine große Hilfe sein. Fuck off! Sie hatten leider vergessen zu erwähnen, dass er jeweils eine halbe Tagesreise zum nächsten Krankenhaus zurücklegen musste. Denn es musste dieses bestimmte Krankenhaus sein.

Er hatte schon die Klinke in der Hand, als das Telefon erneut klingelte.

»Polizei Grenå, Bille Hansen.«

Es sollte ein Neujahrsmorgen werden, den er nicht so schnell vergessen würde, dachte er sich, als er dem Bericht des Anrufers zuhörte, der sich als Peter Boutrup vorstellte. In sachlichem und ruhigem Ton gab er an, dass sein Hund eine Leiche am Fuß der Gjerrild Steilküste gefunden habe. Der Mann habe ein Schussloch im Rücken.

Mark beendete das Gespräch, rief Jepsen an und gab ihm einen knappen Überblick über die Lage.

»Fahr in den Nørrevang und befrag die Eltern von dieser Nina. Der Hundesuchtrupp aus Århus wird auch jederzeit eintreffen. Sie wissen, worum es geht, und können sofort loslegen. Wenn was ist, bin ich auf dem Handy zu erreichen, okay?«

Jepsen blinzelte wie ein verschrecktes Tier. Seit sechs Wochen arbeiteten sie zusammen und er schien nach wie vor überrascht, wenn Mark ihm Anweisungen gab. Wie lief es hier in Djursland sonst ab? Mal ein Drink und Süßholzgeraspel? Ein jovialer Klaps auf die Schulter? Das beherrschte er beides nicht.

Jepsen nickte ihm mit geröteten Augen zu. Mark hoffte, dass die Silvesterparty dafür verantwortlich war und diese wilder ausgefallen war als seine eigene Neujahrspleite.

»Ich fahre raus zur Steilküste und sehe mir die Sache mal an. Aber die anderen rücken bestimmt bald alle nach: Rettungswagen, Rechtsmediziner, Kriminaltechniker. Alle, die das können, was wir nicht können.«

Jepsen nickte erneut, mittlerweile mit Panik in den Augen, wahrscheinlich wegen der enormen Gästeliste, die ihm Mark soeben aufgezählt hatte. Richtig begeistert war Mark auch nicht davon. Er zog sich seine Jacke an und ließ seinen Blick ein letztes Mal durchs Büro streifen. Er hätte sich doch für die Karriere beim Militär entscheiden sollen.

»Wir hören voneinander.«

Mit ein bisschen zu viel Nachdruck zog er die Tür hinter sich zu. Århus! Er nahm mehrere Stufen auf einmal und versuchte seinen Ärger darüber zu unterdrücken, dass schon bald Kollegen aus der zweitgrößten Stadt des Landes in den Fluren herumrennen würden, um einen Fall aufzuklären, den er mit einer größeren Mannschaft auch selbst hätte lösen können. Er zweifelte aufrichtig daran, dass einer der Kommissare aus Århus über eine größere Expertise verfügte, als er im Laufe von acht Jahren in Kopenhagen hatte erwerben können. Aber es half ja nichts. Er musste sich an seine Rolle gewöhnen, ein Dorfpolizist zu sein, ohne besondere Befugnisse bei der Aufklärung eines Mordfalles.

KAPITEL 5

Peter folgte der Gestalt mit der schwarzen Daunenjacke, die am Strand auf und ab lief. Sie wollte einfach nicht nach Hause gehen. Er würde bleiben und auf die Polizei warten, hatte er vorgeschlagen. Es war nicht zu übersehen, dass es ihr nicht gut ging. Aber nein. Sie wollte nicht weg, sie konnte sich auch nicht von Ramses losreißen, der aussah, als würde er tierisch frieren, obwohl einem der Verstand das Gegenteil sagte.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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