Elefant Coach - Wenyue Ding - E-Book

Elefant Coach E-Book

Wenyue Ding

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Beschreibung

Der Südchinesische Tiger Jay und seine Freunde haben sich vorgenommen gemeinsam ein Wellness-Resort im südchinesischen Dschungel für internationale menschliche Gäste zu führen. Alles läuft gut, wäre da nicht Sarafina, die hinterhältige Schlange. Frust, Streit, Mobbing, Intrige, Krise oder Chaos? Zum Glück sorgt der indische Elefant Lobado als externer Coach für den ruhenden Pol. Aber werden die Tierfreunde einen Weg durch ihre Konflikte finden und was wird der Preis am Ende dafür sein? Eine Fabel die nicht nur das alltägliche Arbeitsleben auf charmante Weise widerspiegelt.

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Elefant Coach

Das Resort

von

Wenyue Ding

Kirstin Hartmann

Impressum

© 110th / Chichili Agency 2015

EPUB ISBN 978-3-95865-510-2

MOBI ISBN 978-3-95865-511-9

Urheberrechtshinweis

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors oder der beteiligten Agentur „Chichili Agency“ reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Vorwort

Danke, dass Sie „Elefant Coach - das Resort“ heruntergeladen haben. Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen und würden uns über eine Rückmeldung von Ihnen freuen.

Das vorliegende Werk ist der zweite Band der Buchreihe „Elefant Coach“, der die moderne Arbeitswelt in der Fabelform thematisiert. Jeder Band kann unabhängig voneinander gelesen werden. Wir möchten die Gelegenheit nutzen, um all denjenigen, die uns bei der Entstehung des Werks zur Seite gestanden haben, zu danken. Insbesondere gilt unser Dank Lucy Crime, die das Manuskript korrekturgelesen und dabei zahlreiche Tipps zur Verbesserung gegeben hat.

Und Dorothea Kenneweg, die uns bei der Entwicklung des Plots unterstützt und das gesamte Manuskript vorlektoriert hat. Danke auch an die zahlreichen, begeisterten Leser des ersten Bandes „Elefant Coach – die Wandlung“, die durch ihre Downloads, Rezensionen, Rückmeldungen und Empfehlungen uns unterstützt haben.

Herzliche Grüße

Wenyue Ding, Kirstin Hartmann

1

In seinem majestätisch eingerichteten Pavillon mitten im Berg bereute Jay, dass er sich wieder einmal von Sarafina hatte überreden lassen. Nach seiner vollendeten Wandlung zu einem Vegetarier hätte er im Dschungel bleiben können. Doch das Wort Berufung besaß eine verführerische Kraft, die wesentlich dazu beigetragen hatte, das verlockende Angebot anzunehmen. Nachdem die Saftbar zu einem der erfolgreichsten Geschäfte im Dorf geworden war, glaubte er allmählich, dass er für etwas Besseres bestimmt war.

Er betrachtete gern den grünen, schwungvoll gestalteten Neonlichterschriftzug „Pengaheila Resort“ auf dem Dach des Hotels, nicht weit entfernt von einem gigantischen Wasserfall. Auf dem See der Freiheit rauschten die Wellen in einem beruhigenden Rhythmus und küssten sanft den kilometerlangen Strand aus einem ganz besonders feinen Sand. Es machte ihn stolz, Chef dieser spektakulären Anlage zu sein, wenn da nur nicht die damit verbundene Verantwortung wäre.

Die Liegefläche neben der Strandbar war menschenleer, eine ideale Gelegenheit für die Affenbande, unter der Führung von Alcarn, diesen Platz zu belagern. Genüsslich hockten sie auf den Sonnenliegen und pflegten gegenseitig ihr Fell. Bonga, als Stellvertreter von Jay, hatte Alcarn zum Restaurantchef ernannt. Alle Affen der Bande bekamen einen anständigen Job als Koch, Barkeeper, Masseur, Kellner oder Zimmermädchen.

Sarafina war die Finanzmanagerin geworden und Jay oft positiv überrascht, wie gut sie ihr Handwerk verstand. Sie hatte erwähnt, all ihre Fähigkeiten bei ihrem früheren Arbeitsgeber gelernt zu haben, aber als Jay weiter bohren wollte, verheimlichte sie die Details. Ihr Versprechen, als Chinesische Baumlanzenotter besonders mit den Zahlen umzugehen, hatte sie nie gebrochen. Sie gab ihr Wissen über Computer nebst der Internetnutzung auch gern an die Mitarbeiter weiter und es erstaunte Jay, wie schnell Affen lernten.

Trotzdem hatte Jay nicht so ganz geschmeckt, dass Sarafina Dr. Wang ins Spiel gebracht hatte, weil sie Geld für die Renovierung brauchten. Jay hatte alles zu spät erfahren und jetzt diesen unberechenbaren Geschäftsmann, der einst ein leidenschaftlicher Jäger gewesen war, wieder am Hals. Anfangs glaubte Jay, Dr. Wang hätte nach dem Ereignis am Tal der Todes Einsicht bekommen. Doch musste Jay mit der Zeit feststellen, dass Menschen sich selten verändern.

„Mein Bosss“, zischte eine Stimme hinter ihm. Der südchinesische Tiger richtete sich auf, drehte sich um und sah, wie diese giftgrüne Schlange in seine Höhle schlängelte. Es war den Mitarbeitern nur im Notfall erlaubt die Höhle zu betreten. „Seit drei Wochen warten wir vergeblich auf die Gässste. Wenn das ssso weiter läuft, verbrennen wir innerhalb von sechsss Monaten unser ganzesss Geld.“

Sarafinas Botschaft riss Jay aus seinem Tagtraum. Doch er versuchte, seine Unsicherheit zu überspielen: „Ich weiß. Ich habe schon alles in die Wege geleitet.“

„Dann issst ja allesss in bessster Ordnung.“ Sie verschwand schnell aus Jays Blickwinkel. Als sie weit genug weg war, lief er durch den Geheimgang seiner Höhle direkt zu Lobados neuem Zuhause.

Am Baum der Weisheit, der wie ein Riesenschirm ein großes Gebiet überspannte, rollte Lobado gerade seine Zuckerrohre mit dem Rüssel zusammen und steckte sie sich vergnügt ins Maul.

„Wenn nicht schleunigst Gäste kommen, verbrennen wir sehr schnell all unser Geld“, sagte Jay hastig.

Lobado kaute in aller Ruhe seine Zuckerrohre zu Ende und wandte sich erst dann Jay zu: „Wo brennt es?“

„Nein. Es brennt nicht. Aber das Geld wird uns ausgehen, wenn keine Gäste kommen.“ Jay verlor fast die Fassung, weil Lobado so unglaublich langsam dachte.

Unbeeindruckt fragte Lobado: „Wieso kommen die Gäste nicht?“

„Wieso, wieso? Was weiß ich? Keine Ahnung. Ich brauche deinen Rat. Du bist doch der weise Elefant Coach.“

„Du brauchst keinen Rat, sondern nur richtiges Denken“, erwiderte Lobado gelassen. „Gäste kommen, wenn sie eingeladen worden sind. Hast du irgendwelche Gäste eingeladen?“

„Wie soll ich die Gäste einladen?“

„Gewiss. Es ist eine hohe Kunst. Weder du noch Bonga werden jemals in der Lage sein, es zu tun.“

„Werde ich einen neuen Mann brauchen?“

„Oder eine Frau.“ Lobado widmete sich erneut seinen Zuckerrohren. Das Gespräch war für ihn beendet.

Als Jay in Sarafinas Büro eintraf, sagte sie vorsichtig: „Bosss, ich hätte da eine Idee, aber ich weiß nicht, ob ich sie dir vortragen sssoll.“

„Schieß los!“

„Wir sollten eine Stellenausschreibung insss Internet stellen.“ Sie handelte wie immer einen Schritt im Voraus.

Die Bewerbungen ließen nicht lange auf sich warten. Jay verbrachte Stunden damit, Hunderte zu sichten. Viele der Bewerber passten nicht auf das Stellenprofil oder konnten sich nicht richtig in Szene setzen. Schließlich blieben zwei Favoriten übrig: Zarina, eine Przewalski-Stute, die im Augsburger Zoo geboren und später an einen Mongolen verkauft worden war; Und Claria, ein hübsches, tüchtiges westkaukasisches Steinbockweibchen.

Die Vorstellungsgespräche führte Jay in seinem prachtvollen Pavillon. Bonga und Sarafina saßen beratend an seiner Seite. Zarina kam nach dem langen Flug und der Zugfahrt etwas erschöpft an. Sie sah trotzdem sehr entspannt und fröhlich aus. Jay genoss den Anblick ihrer schwarzen, glatten Mähne. Er eröffnete das Gespräch mit den Worten: „Du führst doch ein sehr angenehmes Leben bei deinem mongolischen Kriegervolk. Was reizt dich hierher zu kommen?“

Zarina schmunzelte. „In mir schlummern viele versteckte Potenziale, die darauf warten, geweckt zu werden. Es langweilt mich, immer nur geritten zu werden. Die einzige Herausforderung alljährlicher Reiterspiele, verliert irgendwann ihren Reiz, da ich jedes Mal gewinne.“

„Du scheinst dich gut verkaufen zu können, aber ich brauche Fakten. Erzähl mir mehr darüber, welche Potentiale in dir stecken?“

„Ich spüre genau, wie sich Tiere und Menschen fühlen, wenn sie sich in meiner Nähe befinden.“

Als Sarafina das hörte, zuckte sie einmal.

Zarina warf ihr einen kurzen Blick zu. Dann wechselte sie das Thema: „Außerdem versuche ich immer die Wünsche anderer zu erfüllen. Diese Fähigkeit kann ich gut für den Job im Resort einsetzen, meinst du nicht auch, Jay?“

Jay nickte. „Wann könntest du bei uns anfangen?“

„Sofort. Mit meinem Herrn habe ich so vereinbart, dass ich möglicherweise nicht mehr zurückkehre.“ Zarina wirkte etwas aufgeregt.

„Wir haben noch ein Gespräch, danach treffen wir eine Entscheidung. Vielleicht möchtest du am Strand eine Stunde spazieren gehen.“

Ein Affenmädchen führte Claria zu Jays Quartier. Jay staunte über ihre einzigartige Schönheit. Einer Ziege mit so weißem und glänzendem Fell war er noch nie begegnet. Sie schritt elegant und leicht. Als sie sich geziert zu ihnen hinsetzte, frage Jay: „Wie bist du zu uns gekommen?“

„In der ersten Klasse mit dem Expresszug.“ Claria lächelte frech.

Jay wurde etwas verlegen. „Nein. Ich meine, wie hast du unsere Anzeige gefunden?“

Claria erwiderte: „Offen gesagt bin ich von meiner Herde ausgeschlossen worden, weil die Mädchen wegen meiner Schönheit eifersüchtig waren. Sie zickten herum und wir hatten einen Streit. Schließlich musste ich gehen. Sehr unfair. Oft liegt die Wahrheit in der Hand der Minderheit.“

Jay runzelte die Stirn und fragte gespannt: „Was passierte danach?“

„Ich wurde von einem geschäftstüchtigen Mann gefunden. Er las eure Anzeige und hat mit mir ausgehandelt, dass er, wenn ich den Job kriege, meinen Lohn für ein ganzes Jahr bekommt. Danach bin ich frei.“ Claria sprach mit kalter Bitterkeit.

Jay fragte: „Was befähigt dich zu diesem Job?“

„Nun, mein Sinn für das Schöne, meine Unmittelbarkeit, Leidenschaft, mein Mut und Durchsetzungsvermögen. Genug?“

„Ja, das stimmt, du bringst vieles für den Job mit. Aber wir haben noch eine andere starke Kandidatin. Wenn du am Strand die Sonne genießen möchtest, können wir dir dann bald unsere Entscheidung mitteilen.“

Nachdem Claria zum Strand schlenderte, fragte Jay: „Was meint ihr?“

Ohne Zögern offenbarte Bonga seine Meinung: „Zarina ist wesentlich angenehmer.“

Dagegen verhielt sich Sarafina zurückhaltender: „Im Hinblick auf die Persssönlichkeit möchte ich lieber für Claria stimmen. Sssie hat Stil und bringt die Dinge unmissverständlich auf den Punkt. Aber, Zarina passt vielleicht besser zum Team. Ich bin alssso unschlüssig.“

Jay überlegte kurz und sagte dann entschlossen: „Ehrlich gesagt mag ich beide Mädchen. Da ich in meiner Position zur Entscheidung verdammt bin, stimme ich für Zarina. Die Sitzung ist beendet. Bonga, hole sie bitte hierher.“

„Moment mal, Bosss!“ Sarafina hob den Schwanz, während ihre kleinen Augen sich drehten. „Wasss wäre, wenn wir Zarina alsss Marketingmanagerin und Claria für den Kundenservice einsetzten würden? Sssie scheint eine außerordentliche Fähigkeit zu haben, Probleme zu lösssen.“

Jay blickte tief in Sarafinas Augen und versuchte ihre Absicht zu erahnen, aber er konnte nichts Unstimmiges feststellen. So willigte er ein.

2

Zarina war müde, öffnete trotzdem ihren Augen. Ein Sonnenstrahl fiel direkt auf ihr Gesicht. Die Nebelschwaden hingen über dem See der Freiheit. Sie verließ ihr Quartier und lief direkt zum Eingang des Hotels. Sie sah Bonga, der gerade dabei war, auf sein Dienstfahrrad zu steigen. Von weitem rief Zarina: „Bonga, warte bitte kurz.“ Sie galoppierte flott heran. Kurz vor ihm stoppte sie. Der Sand am Eingang spritzte nach beiden Seiten und sie hinterließ eine Bremsspur.

„Nicht so stürmisch, junge Dame“, rief Bonga und sprang einen Schritt zur Seite.

Zarina antwortete noch ganz außer Atem mit geblähten Nüstern: „Wir fangen gleich mit Werbemaßnahmen an. Wir dürfen keine Zeit verlieren.“

„Heute? Ich kann leider nicht“, erwiderte Bonga. „Muss dringend zum Bauamt. Immer diese endlose Bürokratie!“

„Kannst du nicht einen Angestellten beauftragen? Oder es morgen erledigen? So wichtig kann diese Bürokratie doch gar nicht sein, oder?“

Bonga nickte sprachlos.

Zarina nutzte ihre Chance: „Komm, setz dich auf meinen Rücken!“

Bonga überlegte kurz, schwang sich aber dann mit einem großen Satz auf Zarinas Rücken. Sie fiel aus dem Stand in den Trab und dann in den Galopp.

Als sie sich dem Strand näherten, sahen sie Claria bei ihrer Morgengymnastik.

Zarina rief: „Du hast es gar nicht nötig, so hart zu trainieren. Deine Erscheinung macht jetzt schon jedes Weibchen neidisch.“

Claria lächelte. „Du bist auch nicht gerade die Hässlichste. Was führt euch zu mir?“

Geheimnisvoll sagte Zarina: „Komm einfach mit. Lass dich überraschen.“

Sie führte Bonga und Claria zum Hotelpool. Über die lange dunkelrote Brücke erreichten sie das Thermalbad mit der Heißwasserquelle. Claria freute sich sichtlich und lobte Zarina: „Ein gemeinsames Bad hier? Klasse.“

„Ich bade nicht oft, aber mit zwei hübschen Damen in Begleitung ist es natürlich etwas anderes.“ Bonga sprang ins Wasser und tauchte unter. Als sein Kopf wieder an der Oberfläche erschien, sagte er: „Oh, wie angenehm!“

Zarina stieg andächtig in den Pool. Dieses warme Wasser entspannte ihre Muskeln nach der langen Anfahrt. Das Bad war eingehüllt von einem geheimnisvollen Nebel, der sich durch die kalte Luft und das warme Wasser bildete. Es sah so aus, als wolle die Seele des Wassers dem Himmel ein Stück näher kommen.

Claria räkelte sich im Wasser, schloss genüsslich ihre Augen und ließ sich von den Massagedüsen massieren.

Dagegen plantschte der lebenslustige Bonga wild herum, verließ das Wasser und sprang vom Beckenrand wieder herein. Das Wasser spritzte nach allen Seiten und traf die beiden Damen.

Claria schimpfte. „Könnt ihr Affen nicht eine Minute ruhig sitzen und die Stille genießen?“

Bonga ignorierte sie. Er war schon auf dem Weg, die nächste Wasserbombe platzen zu lassen.

Jetzt reichte es auch Zarina: „Schluss damit, Bonga. Wir wollen hier arbeiten.“

Bonga kletterte vom Beckenrand wieder in den Pool und setzte sich unwillig hin.

Zarina fuhr fort: „So bist du brav, Bonga. Wir sind ein neues Resort und niemand kennt uns. Wie können wir die Leute auf uns aufmerksam machen?“

Bonga kratzte sich auf dem Kopf: „Wir könnten Flyer drucken und diese dann vor dem Eingang des Tempels Zehn Millionen Buddhas verteilen.“

Claria platzte vor Lachen.

„Was gibt es da zu lachen? Den Tempel besuchen jeden Tag tausende Menschen aus aller Welt. Ich habe dort viele Jahre verbracht und kenne einige der Besucher persönlich. Meister Li würde sicher zustimmen.“

„Unsinn. Zu dem Tempel gehen doch überwiegend arme Leute, wie sollen sie denn überhaupt unser exklusives Hotel bezahlen?“, fragte Claria.

„Da hast du nur teilweise recht. Auch viele Touristen kommen dort hin und Geschäftsleute aus der näheren Umgebung, um dort zu meditieren. Übrigens auch Dr. Wang, der unser Projekt mitfinanziert.“

Claria dachte kurz nach. „Es wird nicht genug wohlhabende Leute geben. Außerdem haben diese Geschäftsleute auch nie Zeit für einen Urlaub. Der Tempel ist kein richtiger Ort.“

„Du kannst aber auch nur meckern. Hast du selber eine Idee?“, Bonga schien etwas beleidigt.

„Ich meckere nicht. Bloß habe ich etwas gegen Blödsinn. Ein moderner Affe sollte auch etwas vom Internet gehört haben. Flyer drucken ist doch ein alter Hut. Warum gestalten wir nicht eine Internetseite? So haben wir die Chance, dass es die ganze Welt sieht und nicht nur die Mönche.“

Claria grinste zu Bonga, der verärgert antwortete: „Quatsch, auch eine Internetseite garantiert keine Klicks.“

„Wie wäre es, wenn wir einen Werbespot drehen, den wir dann auf alle bekannten Videoportalen stellen?“, sagte Claria. „Damit kommt unsere Webseite im Suchmaschinen-Ranking ganz nach oben.“

Zarina gab zu Bedenken: „Es gibt aber unzählige Videos im Netz. Nur extrem lustige oder äußerst dramatische Videos locken die Zugriffe und werden auch verbreitet.“

„Vom Drama halte ich nichts“, sagte Bonga. „Wir können zum Beispiel Jay zum Lachen bringen. Habt ihr ihn jemals lachen sehen? Das wird bestimmt lustig.“

„Findest du?“ Claria gefiel die Vorstellung offensichtlich gar nicht.

„Oder wir können Jay vor dem Hoteleingang eine Rede halten lassen, um die Gäste einzuladen“, wich Bonga aus.

Claria kicherte. „Das wirkt eher abschreckend.“

Jetzt war Bonga in seinem Element und hatte schon eine weitere Idee: „Wir können Lobado zum Beispiel bitten, einen Bauchtanz vorzuführen, mit allen seinen Bauchfalten. Menschen lieben Elefanten und im Hintergrund erscheint unser Hotel, mit eingeblendeter Webseite und Telefonnummer.“

Zarina dachte nach. „Elefantentanz kann zwar reizvoll sein. Wir sind aber kein Zirkus. Noch mehr Ideen, die Bezug zu unserem Hotel haben?“

Inspiriert durch Bonga sprudelten nun Ideen aus Clarias Mund: „Wir könnten die Mädchen aus dem Nachbardorf bitten, einen chinesischen Tanz vorzuführen. Die Europäer mögen traditionellen Tanz.“

„Das stimmt“, sagte Zarina. „Aber ist das was Besonderes? Wir brauchen eine originelle Idee, die wirklich auffällt. Was macht unser Hotel so einzigartig?“

„Unser Management besteht komplett aus Tieren“, sagte Bonga. „Und wir haben Affen als Mitarbeiter. Menschen gehen in den Zoo, um Tiere zu beobachten. Bei uns erleben sie Tiere, die Menschen bedienen.“

Zarina lächelte zufrieden: „Okay, lass uns hier weiter spinnen.“

Bonga schlug sich plötzlich an die Stirn. „Wie wäre es, wenn wir Alcarns Affenbande trommeln lassen?“

Zarinas Augen funkelten. „Ja, das klingt gut. Alle Affen tragen eine Hoteluniform. Die Schlagzeile von unserem Spot wird lauten: Affenartig – Pengaheila Resort mit Affenbedienung.“

Selbst Claria musste jetzt zustimmen. „Was haltet ihr von einer Strandparty mit offenem Feuer?“

Zarina war von der Idee überwältigt. Sie freute sich über dieses Ergebnis an ihrem ersten Arbeitstag. Doch erst später fiel ihr ein, dass sie etwas Wichtiges vergessen hatte: Sie hatte Sarafina nicht zu dieser Strategiebesprechung eingeladen.

3

Sarafina hockte auf dem Tisch und tippte mit ihrem Schwanz auf den neuen lilafarbenen Laptop. Nach ihrer neuesten Hochrechnung würde das Geld ungefähr vier Monate reichen. Sie überlegte, wie sie die fehlenden Einnahmen durch geschickte Börsenspekulationen ausgleichen könnte. Aus dem Begriff „Geld vermehren“ ergab die Suchmaschine eine Seitenliste für Aktienspekulation.

In einer kleinen Denkpause warf sie einen flüchtigen Blick aus dem Fenster und sah, dass die arbeitslose Affenbande das Beachvolleyballfeld belagerte. Dann beobachtete Sarafina, dass Bonga fröhlich von der Hotellobby zum Strand lief. Als er am Strand eintraf, flog der Ball genau vor seine Füße. Sie sah, wie er den Ball reflexartig zurück ins Gedränge schoss und die Affen vor Freude jubelten. Bonga kletterte zu Alcan auf den Hochsitz und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Sarafina spürte ein seltsames Gefühl. Sie kroch aus ihrem Finanzbüro und schlängelte sich schnell durch den feinen weißen Sand. Als sie am Strand eintraf, hatte Bonga gerade sein Gespräch mit Alcarn beendet und hüpfte zügig in Richtung Hoteleingang.

„Wozu die Eile, Bonga?“

Bonga erwiderte hektisch: „Ich muss noch zum Bauamt.“

„Die Affenbande liebt den Beachvolleyball. Ich habe sssie schon lange nicht mehr ssso ausgelassen spielen sehen. Die Frage issst, wie lange noch?“

„Was meinst du damit?“

Sarafina blickte in Bongas Augen. „Wir verbrauchen zu schnell unssser Geld. Wenn es weiter ssso läuft, müssen wir bald schließen und alle Mitarbeiter entlassen.“

„Wie kannst du dich als Mitglied des Managements so pessimistisch äußern? Wir hatten doch gerade eine Strategiebesprechung am Thermalpool.“

Sarafina zischte: „Ssso, ssso, eine Strategiebesprechung ohne mich.“ Sie stellte sich beleidigt.

„Es ging um die Strategie im Marketing und dafür ist Zarina zuständig.“

„Natürlich. Wer war noch dabei?“

„Das ist unwichtig.“ Bonga wurde wachsamer.

Sarafina verdrehte ihre kleinen Augen und versuchte Bonga zu hypnotisieren. „Bonga, mein Freund, alsss Mitglied desss Managementsss habe ich dasss Recht zu erfahren, wasss ihr beschlossen habt, nicht wahr? Zumal man für die Umsetzung einer Marketingstrategie auch Geld braucht. Dafür braucht ihr mein Okay, richtig?“

Bonga starrte Sarafina geistesabwesend an. Halb schlafend spuckte er die Worte aus: „Trommelparty am Strand...“

Sarafina grinste, ließ Bonga allein stehen und schlängelte sich zurück zu ihrem Baumquartier. Sie besprühte sich mit ihrem geheimen Duft, den sie aus einem speziellen Laden für Tierdüfte in Nanning, ihrem damaligen Arbeitsort, gekauft hatte. Jay mochte diesen Duft besonders gern.

Als Sarafina am Eingang von Jays Höhle eintraf, verspeiste er gerade sein Zuckerrohr. „Hoffentlich hast du einen wirklich guten Grund hier reinzuplatzen.“

Sarafina ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Ja, ich habe sssogar zwei sssehr wichtige Gründe. Zum einem bringe ich eine neue Prognossse zu unssserer Finanzlage. Zum anderen habe ich gerade erfahren, dasss wir eine Marketingstrategie entwickelt haben. Du weißt sssicher darüber Bescheid?“

Sarafina beobachte, wie sich seine Gesichtszüge von Ahnungslosigkeit innerhalb von Sekunden in Ärger verwandelten. Er stand sprachlos da.

Sarafina kroch näher zu Jay, um sicher zu stellen, dass Jay auch ihr Parfüm riechen konnte. „Zarina hat eine Marketingstrategie entwickelt, bei der die Affen eine wichtige Rolle ssspielen. Schon etwasss komisch. Mehr hat Bonga mir nicht verraten. Mich stört nur, dasss man mich vor vollendete Tatsssachen stellt. Du hast anscheinend von diesssem Plan noch nichtsss gehört.“

„Genug. Lass mich mit Zarina reden.“

Sarafina reagierte blitzschnell. „Du bist der Bosss.“

Auf dem Weg zum Hotel traf Sarafina Claria, die gerade dabei war, die Gegend zu erkunden. „Hallo, du Hübsche. Beim Vorstellungsgespräch war ich die Einzige, die mehr von dir überzeugt war. Alsss ich überstimmt wurde, habe ich vorgeschlagen, eine extra Posssition für dich zu erschaffen.“

„Oh. Danke, dass du ein gutes Wort für mich eingelegt hast. Solltest du dich irgendwann entscheiden, das Hotel zu verlassen, sage mir rechtzeitig Bescheid. Alleine ohne dich würde ich hier ungern bleiben wollen.“

Sarafina schluckte. Dann sagte sie: „Aha, unser Bosss war von eurer Marketingstrategie nicht ganz überzeugt. Ich wünsche Dir noch ein schönen Ssspaziergang.“

„So eine zickige Schlange“, hörte Sarafina Claria murmeln, klar und deutlich.

4

„Sofortige Rücksprache. Jay“, las Zarina den gelben Zettel, den der Affenbote ihr zugesteckt hatte. Ohne zu zögern galoppierte sie zur Jays Höhle. Er saß auf seinem Podest: „Ihr habt eine Marketingstrategie ausgearbeitet. Nun bin ich schrecklich neugierig, alle Details aus erster Hand zu erfahren.“

Zarina schnaubte erregt durch ihre Nüstern. „Eine halbfertige Arbeit wollte ich dir auf keinen Fall präsentieren. Wer hat dir davon erzählt?“

„Das ist unwesentlich.“

Zarina erklärte ihm die Einzelheiten. Als sie von der Trommlerbande von Alcarn schwärmte, funkte Jay dazwischen.

„Ist das nicht sehr kindisch?“

„Was spricht dagegen?“, entgegnete Zarina. „Menschen lieben Affen. Du wirst sehen, es wird ein Riesenerfolg.“

„Was wäre, wenn es nicht funktioniert? Vieles hängt doch davon ab.“ Jay machte plötzlich ein sehr ernstes Gesicht.

Zarina lächelte. „Wenn es nicht klappt, kannst du mich gern fressen.“

Jay schmunzelte. „Selbst wenn ich Fleisch essen würde, mag ich dich zu sehr, um dich zu fressen.“

Zwei Tage danach klopfte Zarina mit ihrem Huf bei Sarafina an die Bürotür. Sie hörte wie Sarafina gerade zu ihrem engsten Mitarbeiter Chen Fei, der ihr die Finanzberichte bereitstellte, sagte: „Danke, du hast mir sssehr geholfen.“ Er grüßte kurz Zarina und verließ den Raum.

Sie erklärte Sarafina knapp den Marketingplan, die Vorgehensweise, die nötigen Ressourcen und wieviel Geld in welchem Bereich benötigt wurde.

„Du hast allesss sssehr gut durchdacht, bis auf einen Punkt.“ Sarafina verdrehte schnell ihre kleinen Augen. „Ein professionellesss Kamerateam? Hassst du nicht auch an eine günstigere Alternative gedacht?“

„Es ist wichtig, uns professionell zu präsentieren. Alles andere wäre ein Erfolgskiller, den wir uns gerade jetzt nicht leisten können.“

Sarafina wippte mit ihrem Schwanz wie mit einem erhobenen Finger: „Aber für allesss gibt es ein Budget. Ein Kamerateam ist absssolut nicht drin.“

„Das ist doch völliger Unsinn.“ Zarina drohte zu platzen.

„Wir können gern Jay dazu holen.“ Schon rief Sarafina ihn an und erreichte, dass er sofort kommen würde.

Während sie auf Jay warteten, lief die Diskussion zwischen ihnen weiter, jedoch ohne ein nennenswertes Ergebnis.

Jay sah genervt aus. „Was ist hier los?“, fragte er ungeduldig.

„Du hast unsss angehalten zu sparen, wo esss geht“, antwortete Sarafina. „Zarina möchte für ihr Video ein Kamerateam engagieren. Das issst pure Geldverschwendung.“

„Ein Kamerateam ist absolut notwendig“, sagte Zarina entschlossen. „Ein Amateurvideo kann uns den Ruf ruinieren.“

Jay wandte sich an Sarafina: „An welche Alternativen hast du denn gedacht?“

„Wir müssen ja nicht dasss Video mit einer Handykamera drehen, aber wir können durchausss eine Videokamera leihen.“

Jay blickte zu Zarina: „Das klingt doch vernünftig, oder?“

„Mir geht es um Professionalität. Natürlich könnten wir eine Videokamera ausleihen. Aber keiner von uns hat ein Drehbuch erstellt, ganz abgesehen von der Regie und dem Licht. Für die Kameraführung brauchen wir einen erfahrenen Kameramann.“

Sarafina widersprach: „Ich habe im Internet viele gute Amateurvideosss gesssehen. Von einer guten Marketingmanagerin hätte ich erwartet, dasss sssie selbst in der Lage ist, ein gutes Drehbuch zu schreiben. Wie sonst kannst du dein hohes Gehalt rechtfertigen?“

So eine falsche Schlange, dachte Zarina und versuchte trotz der Wut, die langsam in ihr aufstieg, ruhig zu antworten: „Wenn wir uns dafür entscheiden, kein Kamerateam zu engagieren, werde ich sicher mein Bestes tun, damit das Endergebnis trotzdem gut wird. Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, welches Risiko wir mit einem Amateurvideo eingehen.“

„Unser Hauptproblem zurzeit ist der Geldflusss. Es geht umsss Überleben. Jay, wenn du dich für das Kamerateam entscheidest, trägssst du die finanzielle Verantwortung.“

Jay atmete tief durch. „Wir probieren es ohne Kamerateam.“

Sarafina grinste unauffällig, doch es entging Zarina nicht. Wutschnaubend suchte Zarina Bonga, der gerade dabei war, mit den Trommlern für die Vorstellung zu proben. Sie weinte und erzählte Bonga, wie Sarafina versucht hatte, das Projekt zu sabotieren.

„Keine Sorge. Ich mache das schon für dich. Im Tempel der Zehn Millionen Buddhas wurde mal ein Spielfilm gedreht. Ich war sogar für eine Nebenrolle besetzt. Da konnte ich genau beobachten, wie der Kameramann filmte. Ein Video zu drehen, ist ein Kinderspiel.“ An dem großen Tag fing die Affenbande schon ab fünf Uhr nachmittags mit einem tosenden Trommelwirbel an, der die Vögel aus der Hotelanlage fluchtartig vertrieb. Dagegen füllten die Bewohner aus der Nachbarschaft den Strand allmählich. Alcarn und seine Küchencrew hatten ein kulinarisches Buffet gezaubert und an der Strandbar mixten die Affen bunte Cocktails. Die Menge jubelte vor Begeisterung, als die Affenbande im Gleichschritt einmarschierte. Bonga filmte alles eigenhändig. Vor lauter interessanten Szenen wusste er gar nicht, womit er anfangen sollte.

Jay stand neben Zarina und lobte sie: „Das ist eine gute Idee mit dem Essen und den Getränken. Bald werden wir uns vor Besuchern nicht mehr retten können, oder?“

Zarina erwiderte: „Mit so vielen Zuschauern hatte ich nicht gerechtet. Ich schätze, wir könnten fast kostendeckend arbeiten. Schade, dass wir kein professionelles Kamerateam dabei haben.“

Als Jay die Worte hörte, wurde er nachdenklich. „Bonga macht es bestimmt gut.“ Dann hielt er inne, zögerte, bis er schließlich mit der Sprache herausrückte: „Zarina, seit ich dich kenne, entwickelt sich in mir ein merkwürdiges Gefühl.“

Zarina drehte den Kopf zu ihm und horchte genau hin.

„Wenn ich dich nicht sehe, denke ich unweigerlich an dich. Wenn ich dich sehe, habe ich ein Kribbeln im Bauch. Manchmal denke ich, dich schon seit einer halben Ewigkeit zu kennen.“

Zarina lächelte. „Kann es sein, dass du in mich verliebt bist? Oje, das kann nicht gut gehen. Chefs dürfen sich nicht in ihre Mitarbeiter verlieben. Ich will nicht sagen, dass ich dein Gefühl nicht schätzen würde.“

„Wenn Verlieben so schön ist, warum dürfen sich Chefs nicht in ihre Mitarbeiterinnen verlieben?“

„Für mich ist romantische Liebe bei der Arbeit tabu. Es würde mich zu sehr von der Arbeit ablenken und wenn die Kollegen mitbekommen, dass du mich deswegen bevorzugst, würdest du eventuell ihren Respekt verlieren.“

Jay nickte verständnisvoll. „In gewisser Hinsicht habe ich das schon getan. Trotz Clarias besserer Qualifikation habe ich den Job dir gegeben. Vom ersten Augenblick an spürte ich mich mehr zu dir hingezogen.“

„Siehst du.“ Zarina protestierte. „Das will ich nicht. Ich will durch meine eigenen Leistungen weiterkommen, nicht durch irgendwelche unklaren Verhältnisse zu dir. Am besten hättest du deine Gefühle für dich behalten.“

Nach einem längeren Schweigen sagte er zu Zarina: „Komm, wir gehen uns jetzt die Vorstellung ansehen.“

*

Die Trommler bildeten gerade eine neue Formation und die Zuschauer jubelten vor Begeisterung. Unter ihnen versteckte sich ein Gast, der sich über den Erfolg der Affen nicht sonderlich freuen konnte. Durch den hohen Geräuschpegel bekam Sarafina nur einen geringen Teil des privaten Gesprächs zwischen Zarina und Jay mit, aber genug, um ihren Plan zu verfolgen. Sie schlängelte sich unauffällig durch die Menge, bis sie bei Claria angekommen war. „Ich habe da zufällig etwasss gehört und dachte, dasss esss dich interessieren könnte.“

Claria erwiderte neugierig: „Du machst alles immer so spannend.“

Sarafina kroch näher zu Claria und flüsterte ihr ins Ohr: „Jay hat sich in Zarina verliebt. Dessswegen hat sssie auch den Marketingjob bekommen, statt du. Ich war Zeuge einesss sssehr intimen Gesprächsss zwischen den beiden.“

Claria wurde plötzlich hellhörig.

Als Sarafina merkte, dass Claria den Köder geschluckt hatte, beschwichtigte sie gleich wieder: „Esss ist nicht der Rede wert. Vergisss esss einfach.“ Dann kroch sie schnell zu ihrem Baumhaus, wo sie sich selbst für ihre gelungene Mission lobte.

5