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Warum fällt es vielen Menschen so schwer, achtsam mit dem eigenen Körper umzugehen? Warum ist das Befassen mit dem eigenen Körper oft mit Peinlichkeit besetzt? Warum gilt nur als intelligent, wer Würfel im Raum drehen und lange Wörterlisten auswendig lernen kann? Warum geben Menschen die Autorität über ihren physischen Körper so bereitwillig ab an eine Wissenschaft, die ihn in scheinbar unzusammenhängende Einzelteile aufteilt? Maja Storch, Benita Cantieni, Gerald Hüther und Wolfgang Tschacher gehen in "Embodiment" diesen Fragen nach und kommen einmütig zum Schluss: Es ist höchste Zeit, das wichtigste Erfahrungsinstrument des Menschen zurückzuerobern: den Körper. Sie fordern, das Prinzip Embodiment zu berücksichtigen. Wer Menschen berät, therapiert und erforscht, muss immer auch den Körper einbeziehen. Maja Storch beleuchtet, warum und wie die Psyche im Körper wohnt und wie im Zürcher-Ressourcen-Modell-Training (ZRM-Training) mit Embodiment gearbeitet wird. Wolfgang Tschacher zeigt auf, weshalb die Abspaltung des Geistes vom Körper nicht funktionieren kann. Gerald Hüther schildert, wie sich das gut funktionierende Gehirn und der gut funktionierende Körper gegenseitig bedingen. Benita Cantieni liefert schließlich das anatomische Angebot: Richten Sie sich auf, richten Sie sich in Ihrem Körper ein. Für die 4. Auflage wurde der gesamte Text aktualisiert und überarbeitet.
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Seitenzahl: 400
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen
1. Wie Embodiment zum Thema wurde
1.1 Künstliche Intelligenz
1.1.1 Argument 1: Das Phänomen der Täuschungen
1.1.2 Argument 2: Die kombinatorische Explosion
1.1.3 Argument 3: Das symbol grounding-Problem
1.1.4 Embodiment und Glück?
1.2 Echte Intelligenz erfordert Embodiment
2. Wie Embodiment in der Psychologie erforscht wurde
2.1 Einleitung
2.2 Wie der Körper auf die Psyche wirken kann
2.2.1 Paul Ekman und das Facial feedback
2.2.2 Körperhaltung und Emotion
2.2.3 Kopfbewegung und Einstellung
2.2.4 Exkurs zum Thema Ausstrahlung
2.2.5 Handflächenexperimente
2.3 Embodiment und Selbstmanagement
2.3.1 Eine unerwünschte psychische Verfassung mit Embodiment loswerden
2.3.2 Eine erwünschte psychische Verfassung mit Embodiment erzeugen
2.3.3 Das Auftauchen einer unerwünschten psychischen Verfassung mit Embodiment präventiv verhindern
2.3.4 Das Basis-Embodiment: bereit für jede Gelegenheit
2.4 Neue Studien
2.4.1 Körperhaltung und Kreativität
2.5 Verkörperte Kognition – Verkörperung von Metaphern
3. Wie Embodiment neurobiologisch erklärt werden kann
3.1 Cogito ergo sum?
3.2 Die untrennbare Einheit von Soma und Psyche
3.3 Die wechselseitige Abhängigkeit von körperlicher und psychischer Entwicklung
3.4 Der Verlust der Verbindung zum eigenem Körper
3.5 Vom Wiederfinden der verloren gegangenen Einheit
3.6 Verwandlung heißt das Zauberwort
4. Wie gesundes Embodiment selbst gemacht wird
4.1 Die Grundhaltung des Wirbeltieres Mensch
4.2 Typologie der Körperhaltung
4.2.1 Aus der Hölle in den Himmel
4.2.2 Anleitung für sechs schiefe Embodiments
4.3 Gesundes Embodiment selbst erzeugen
4.3.1 Haltung – aber bitte mit Gefühl
4.4 Checkliste für den spontan erlebnisbereiten Körper
4.5 Digitales Embodiment
5. Embodiment im Zürcher Ressourcen Modell (ZRM)
5.1 Theoretische Grundlagen
5.2 Die Theorie von Wilma Bucci
5.3 ZRM-Motto-Ziele
5.4 Die Arbeit mit Embodiment im ZRM-Training
5.4.1 Der Aufbau des Embodiments im ZRM-Training
5.5 ZRM-Embodiment Online
5.6 Embodiment en passant
Fußnoten
Nachbemerkungen
Allgemeines Glossar
Vivatomisches® Glossar
Literatur
Internetadressen
Die Autorinnen und Autoren
Maja Storch
Benita Cantieni
Gerald Hüther
Wolfgang Tschacher
Embodiment
Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen
4., überarbeitete Auflage
Dr. Maja Storch
Institut für Selbstmanagement und Motivation Zürich ISMZ
Scheuchzerstraße 21
8006 Zürich
Schweiz
Benita Cantieni
Bergstraße 33
8700 Küsnacht
Schweiz
www.cantienica.com
Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Gerald Hüther
Vorstand
Akademie für Potentialentfaltung
Zentrale Koordinationsstelle
Wilhelm-Weber- Str. 21
37073 Göttingen
Deutschland
www.gerald-huether.de
www.akademiefuerpotentialentfaltung.org
Prof. Dr. phil. Wolfgang Tschacher
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Bolligenstraße 111
3000 Bern 60
Schweiz
www.embodiment.ch
Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.
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Lektorat: Dr. Susanne Lauri
Herstellung: Daniel Berger
Umschlagabbildung: Dimitry Sunagatov, Fotolia.com
Umschlag: Claude Borer, Riehen
Illustration/Fotos (Innenteil): celch o.r.c., Sandra Cantieni und Ernst Garuper, Zürich
Comics: Ueli Halbheer
4., überarbeitete Auflage 2022
© 2006, 2010 Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
© 2017, 2022 Hogrefe Verlag, Bern
(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-96218-4)
(E-Book-ISBN_EPUB 978-3-456-76218-0)
ISBN 978-3-456-86218-7
https://doi.org/10.1024/86218-000
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkungen
Wie Embodiment zum Thema wurde
Künstliche Intelligenz
Argument 1: Das Phänomen der Täuschungen
Argument 2: Die kombinatorische Explosion
Argument 3: Das symbol grounding-Problem
Embodiment und Glück?
Echte Intelligenz erfordert Embodiment
Wie Embodiment in der Psychologie erforscht wurde
Einleitung
Wie der Körper auf die Psyche wirken kann
Paul Ekman und das Facial feedback
Körperhaltung und Emotion
Kopfbewegung und Einstellung
Exkurs zum Thema Ausstrahlung
Handflächenexperimente
Embodiment und Selbstmanagement
Eine unerwünschte psychische Verfassung mit Embodiment loswerden
Eine erwünschte psychische Verfassung mit Embodiment erzeugen
Das Auftauchen einer unerwünschten psychischen Verfassung mit Embodiment präventiv verhindern
Das Basis-Embodiment: bereit für jede Gelegenheit
Neue Studien
Körperhaltung und Kreativität
Verkörperte Kognition – Verkörperung von Metaphern
Wie Embodiment neurobiologisch erklärt werden kann
Cogito ergo sum?
Die untrennbare Einheit von Soma und Psyche
Die wechselseitige Abhängigkeit von körperlicher und psychischer Entwicklung
Der Verlust der Verbindung zum eigenem Körper
Vom Wiederfinden der verloren gegangenen Einheit
Verwandlung heißt das Zauberwort
Wie gesundes Embodiment selbst gemacht wird
Die Grundhaltung des Wirbeltieres Mensch
Typologie der Körperhaltung
Aus der Hölle in den Himmel
Anleitung für sechs schiefe Embodiments
Gesundes Embodiment selbst erzeugen
Leichtfüßig stehen
Knie auf Achse
Das aufgerichtete Becken
Unterstützende Atmung
Vernetzung am Bauch
Vernetzung der Hüft- und Beinmuskulatur
Unterstützende Atmung
Die Wirbelsäule aufspannen
Der Brustkorb richtet sich nach dem Becken
Unterstützende Atmung
Arme und Schultern lieben die Freiheit
Unterstützende Atmung
Kopf schwebt auf dem Hals
Unterstützende Atmung
Schnelldurchlauf
Haltung – aber bitte mit Gefühl
Checkliste für den spontan erlebnisbereiten Körper
Digitales Embodiment
Embodiment im Zürcher Ressourcen Modell (ZRM)
Theoretische Grundlagen
Die Theorie von Wilma Bucci
ZRM-Motto-Ziele
Die Arbeit mit Embodiment im ZRM-Training
Der Aufbau des Embodiments im ZRM-Training
ZRM-Embodiment Online
Embodiment en passant
Nachbemerkungen
Allgemeines Glossar
Vivatomisches® Glossar
Literatur
Internetadressen
Schlagwortverzeichnis
Die Autorinnen und Autoren
Endnoten
Vorbemerkungen
Dieses Buch ist ein Wagnis. Fachpersonen1 aus vier verschiedenen Disziplinen haben sich zusammengefunden, um ihr Wissen in einem transdisziplinären Projekt zu vereinen. Kooperationspartner sind die Kognitionswissenschaften, die Psychologie, die Neurobiologie und die Körperarbeit. Jede Disziplin ist vertreten durch eine oder einen der Autorinnen und Autoren dieses Buches. Und wir vier haben uns bemüht, unsere Fachbegriffe in die terminologischen Welten der jeweils anderen Welten zu übersetzen, sie gegenseitig zu erklären, zu vereinfachen und abzugleichen.
Das war kein leichtes Unterfangen, aber gewagt haben wir es trotzdem. Und der Mut zu diesem Wagnis entsprang nicht nur dem Verstand, sondern vor allem den Gefühlen, und damit auch dem Körper – denn der Körper ist die Bühne der Gefühle (und des Verstands auch, aber davon später mehr). Vereint hat uns alle vier die Empörung und der Zorn. Hinzu kamen die Freude am Aufbruch, die Neugier auf Entdeckungen und der Wunsch nach einem umfassenderen Verständnis. In diese Verfassung waren wir alle vier auf ganz verschiedenen Entwicklungswegen über viele Jahre hinweg hineingeraten.
Der Grund für unsere energiegeladene Gefühlsmischung war die Tatsache, dass der Körper im öffentlichen Bewusstsein nicht den Stellenwert hat, der ihm zukommt, sowie der Wunsch nach einer verbindenden Vision in der Humanwissenschaft. In der akademischen Psychologie zum Beispiel wurde der Mensch lange Zeit als Reiz-Reaktionsmaschine behandelt. Nur langsam kam es zu Nachbesserungen an dieser Minimaltheorie: Dank der «kognitiven Wende» wurde das Denken irgendwann wieder Gegenstand der wissenschaftlichen Psychologie. Später fand dann noch eine «affektive Revolution» statt und von da an durfte der Mensch auch Gefühle haben, wenn er Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen werden wollte. Die Hirnforschung erweist sich in jüngster Zeit als segensreich für die Psychologie, weil sie die tiefenpsychologischen Ansätze mit der Vorstellung von unbewusst wirksamen Antriebskräften hoffähig macht für die universitäre Welt. Was jedoch nach wie vor in der akademischen Psychologie weitgehend als terra incognita gehandelt wird, ist der Körper und seine Rolle als Mitgestalter von psychischen Prozessen!
Bis auf wenige Ausnahmen, die in diesem Buch entsprechend ausführlich zur Sprache kommen werden, hat der Mensch als Gegenstand der akademisch-wissenschaftlichen Psychologie in der heutigen Zeit keinen Körper. Er verfügt über Denkprozesse, Intelligenz und Informationsverarbeitungskapazität. Ihm widerfahren Affekte, Emotionen und Stimmungen. Er hat sogar unbewusste Motivlagen und Bedürfnisse – aber einen Körper hat er nicht.
Diese Ignoranz zeigt sich konsequenterweise dann auch in anderen Lebensbereichen; ein Beispiel soll das illustrieren: In einem Seminar für Führungskräfte wird unter freiem Himmel ein 30minütiger Workshopteil «Körperarbeit» durchgeführt. Die Teilnehmenden sollen Dehnübungen machen und ihre Fähigkeit schulen, wahrzunehmen, was in ihrem Körper durch diese Übungen an Veränderungen ausgelöst wird. Wo wird es warm, wo spürt man Spannung, wo knackt ein Gelenk? In der Auswertung zu diesem Workshopteil schreibt ein Teilnehmer: «Kam mir vor wie im feel me – touch me Club. War peinlich.» Eine Teilnehmerin schreibt: «Die Körperarbeit war für mich verdächtig nahe an der Esoterik.»
Was ist geschehen mit einer Gesellschaft, in der Menschen es verdächtig und peinlich finden, Körperwahrnehmung zu lernen? Warum ist es okay, einen ganzen Tag lang in ergonomisch ungünstigster Haltung in einem schlecht gelüfteten Seminarraum mit grellem Licht zu kauern? Warum ist es hingegen seltsam, nach draußen zu gehen und dem Körper 30 Minuten lang Ent-Faltung zu verschaffen? Warum kann es möglich sein, dass Menschen in Selbstbewusstseins-Trainings lernen, sich Sätze vorzusagen wie «Ich glaube an mich, ich gebe mein Bestes» ohne dass sie gleichzeitig lernen, wie diese neu gewonnene Einstellung zu sich selbst auch adäquat verkörpert wird? Warum fällt niemandem auf, dass ein Mensch, dessen Körper ein Leben lang in eine ängstliche Haltung hineingewachsen ist, nicht nur mit schierer Gedankenkraft zum mutigen, durchsetzungsstarken Tiger werden kann?
Wieso gilt als intelligent nur der Mensch, der in seiner Gedankenwelt Würfel im Raum drehen kann und Wörterlisten gut auswendig lernt? Woher kommt die Vorstellung, das Gehirn könne als oberste Kommandozentrale, wie ein Exekutivorgan in einer Petrischale, seinen Dienst verrichten, völlig ohne die Kooperation mit all dem, was abwärts vom Hals daran befestigt ist? Und warum fällt es vielen Menschen so unendlich schwer, sich liebevoll um ihren Körper zu kümmern? Warum ist das Befassen mit dem eigenen Körper oft mit Peinlichkeit besetzt oder mit der Vorstellung von Sünde gekoppelt? Und warum besteht die Gefahr, dass man als seriös wissenschaftlich arbeitender Mensch in die Esoterikecke gestellt wird, sobald man die Studierenden bittet, in der Vorlesung einmal ihre Sitzbeinhöcker zu spüren?
Die Empörung über diese Sachlage war es, die uns vier zusammenbrachte. Das Faszinierende an unseren Treffen, die sich teilweise über viele Jahre hinweg entwickelt haben, war die Tatsache, dass wir immer wieder auf Gemeinsamkeiten gestoßen sind, obwohl wir uns dem Thema Körper aus völlig verschiedenen Perspektiven genähert haben. Und irgendwann verkörperte sich die Idee in uns allen, dass wir versuchen könnten, unser Wissen zu bündeln und ein Buch über das Thema «Embodiment» zu schreiben. Obwohl wir alle vier in unserem Sprachgebrauch eigentlich lieber auf Anglizismen verzichten, wenn es nicht unbedingt nötig ist, haben wir uns entschieden in diesem Fall doch das englische Wort zu benutzen, weil sich auf der Basis des Begriffs «Embodiment» eine neue, viel versprechende wissenschaftliche Gemeinschaft zu bilden beginnt. Wir wollten mit unserem Buch ebenfalls einen Beitrag dazu leisten, dass die Perspektive auf den Körper und seine Wirkung auf das menschliche Denken, Fühlen und Handeln vermehrt in den Blickwinkel rückt, sei es im privaten, alltäglichen Umgang mit sich selbst, sei es als Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.
Die Embodiment-Perspektive wurde nicht von uns erfunden, sie bahnt sich seit einiger Zeit an. Wolfgang Tschacher wird erklären, wie es dazu kam. Sie ist jedoch – so unsere Ansicht – noch bei weitem zu wenig beachtet. Sie ist so wichtig, gerade für die Psychologie und für diejenigen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die ihre Arbeit auf eine wissenschaftlich seriöse Basis stellen wollen, dass sich die gesamte Einschätzung der Körperarbeit grundlegend ändern muss. Jede Fachperson, die Menschen berät, therapiert oder erforscht, ohne den Körper mit einzubeziehen, sollte eine Erklärung für dieses Manko abgeben müssen. Maja Storch wird in ihrem Kapitel zeigen, welche beträchtlichen Konsequenzen für viele Aspekte des psychischen Geschehens die Embodiment-Perspektive mit sich bringt. Gerald Hüther fragt sich als Hirnforscher, ob man die Arbeitsweise unseres Gehirns jemals wird verstehen können, wenn man es weiterhin losgelöst vom Körper betrachtet. Sicher ist es bisweilen notwendig, dass man einen Untersuchungsgegenstand präzise abgrenzt und in seine Teile zerlegt. Aber Ziel muss es dabei immer bleiben, die Einzelteile auch wieder zu etwas Ganzem zusammenzufügen. Benita Cantieni schließlich bietet die anatomische Anleitung für eine aufgerichtete Körperhaltung an, die Energie freisetzt, statt Energie zu verbrauchen, eine Haltung, die alles intensiviert – das Denken, das Fühlen, das Wahrnehmen mit allen Sinnen.
Ein Punkt, der uns viel Überlegung gekostet hat, war der Umgang mit den verschiedenen Begrifflichkeiten: ein normales, aber zeitraubendes Problem bei transdisziplinären Unterfangen. Wenn ein Hirnforscher von Repräsentanzen spricht, meint er dann damit dasselbe wie eine Psychologin, die von Repräsentationen spricht? Was verstehen wir unter Geist? Wie verwenden wir den Begriff des Körpers? Streng genommen ist das Gehirn ja auch ein Körperteil, wie führt man dann begrifflich die Unterscheidung ein zwischen den zentralnervösen Prozessen und den Vorgängen im skeletomuskulären System? Was machen wir mit den verschiedenen Fachbegriffen für all die Muskeln, die Benita Cantieni beschreiben muss, um ihre Anleitung für den aufrechten Stand zu verfassen? Wie detailliert beschreibt Wolfgang Tschacher die Theorie selbstorganisierender Systeme? Wir haben diese terminologischen Probleme dadurch gelöst, dass wir ein Glossar erstellt haben, in dem die wichtigsten Fachbegriffe erklärt sind. Auch wenn wir selbstverständlich nicht in der Lage sind, eine Lösung für das Leib-Seele-Problem zu liefern, so können wir uns doch bemühen, die von uns verwandten Begriffe präzise zu definieren. Nur so kann jemand, der anderer Meinung ist, klar sehen, worauf unsere Argumente ruhen.
Wir haben uns dafür entschieden, das Buch in vier Kapiteln abzufassen. Für jedes Kapitel trägt eine Vertreterin bzw. ein Vertreter des entsprechenden Faches die Verantwortung, er oder sie ist Autor bzw. Autorin. Wir vier haben unterschiedliche sprachliche Stile, diese Unterschiede wollten wir nicht glätten. Dieses Buch ist eine Zusammenkunft, soll andere Menschen zum Mitdenken und Zusammenkommen einladen und darum werden Unterschiede als etwas Natürliches betrachtet und dürfen existieren. Trotzdem haben wir über unsere Kapitel natürlich einen regen Austausch gepflegt, uns gegenseitig auf Verständnisschwierigkeiten und auf Vertiefungswünsche hingewiesen. Wir haben versucht, dem Buch eine Gesamtgestalt zu geben und eine gute Architektur zu entwickeln. Die Kapitel sind jetzt so gegliedert, dass sie in der Theorie beginnen, zur Psychologie übergehen, dann die neurobiologischen Grundlagen darstellen und in die Körperpraxis münden. Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich so verhalten, wie es uns vorschwebt, müssten sie beim Körperpraxis-Kapitel so überzeugt sein von der elementaren Kraft des Körpers, dass Sie freiwillig und hoch motiviert den Lesesessel verlassen und mit der Anleitung in der Hand den aufrechten Stand üben. Denn ein Körperbuch, das nur in der Gedankenwelt bleibt, würde einmal mehr das tun, was wir ja gerade ändern wollen, es würde nicht körpergerecht in die Anwendung gehen und den Körper über dem Lesen wieder einmal vergessen. Jedes Kapitel ist aber auch eine in sich abgeschlossene Einheit und kann darum auch je nach Interessenslage für sich alleine gelesen werden. Diese Art der Gliederung war es, die uns nach der Prüfung von vielen Varianten am sinnvollsten erschien.
Dieses Buch bleibt ein Wagnis. Aber wir wissen, worauf wir uns einlassen und wir haben uns bemüht, einen guten Weg einzuschlagen. Wenn unser Wagnis zur Folge hat, dass unsere Leserinnen und Leser auch wagemutig werden und vier verschiedene Kapitel aus vier verschiedenen Perspektiven in vier verschiedenen Sprachstilen und Begriffssystemen lesen, körperliches Neuland betreten und vielleicht sogar Vergnügen dabei haben, dann sind wir zufrieden und unser Mut hat sich gelohnt.
1
Wolfgang Tschacher
Wie Embodiment zum Thema wurde
1.1
Künstliche Intelligenz
Auf die Frage nach dem, was uns Menschen von anderen Tieren unterscheidet, gibt es viele Antworten. Ist es der Altruismus, ist es die Möglichkeit, sich selbst zu reflektieren, oder die Fähigkeit, den overkill auszulösen? Eine menschliche Eigenschaft steht dabei regelmäßig, ausgesprochen oder nicht, im Zentrum: die Intelligenz2.
Vor über 70 Jahren, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, war die westliche Gesellschaft von technologischem Optimismus und großen Erwartungen an die Entwicklung immer raffinierterer Maschinen durchdrungen. Futurologen der Moderne des 20. Jahrhunderts überboten sich mit präzisen Beschreibungen von Zukunftsszenarien, entwarfen utopische Wohnanlagen und Transportsysteme, und beschrieben Roboter, Cyborgs und interstellare Expeditionen. In dieser Atmosphäre des Fortschrittsglaubens ging man allgemein auch davon aus, der Enträtselung des Geistes und Denkens, also der Intelligenz, unmittelbar auf der Spur zu sein.
Entsprechend war in der Massenkultur die Sparte des Science-Fiction im Aufwind. Die Seiten der «Zukunftsromane» bevölkerten intelligente Elektronengehirne und Androiden, die eigenständig handeln und mit Menschen frei kommunizieren konnten. Meistens waren diese Elektronengehirne wesentlich scharfsinniger und rationaler als die Menschen, mit denen sie redeten; sie konnten philosophieren und fachsimpeln. Sie hatten allerdings gewisse Schwierigkeiten mit dem Verständnis menschlicher Emotionen, weshalb spezielle ethische Robotergesetze zu programmieren waren. Drei Grundgesetze der Roboter entwarf Isaac Asimov in seinem Buch «I, Robot».
Erstes Gesetz: Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zulassen, dass ein Mensch zu Schaden kommt.
Zweites Gesetz: Ein Roboter muss Anweisungen von Menschen befolgen, außer wenn solche Anweisungen in Konflikt zum ersten Gesetz stehen.
Drittes Gesetz: Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, sofern dies nicht in Konflikt mit dem ersten oder zweiten Gesetz steht.3
Der Bordcomputer HAL-9000 in Stanley Kubricks Kinofilm «2001: A Space Odyssey» nach dem Roman von Arthur C. Clarke war unter den Ikonen dieser Zeit. HAL entwickelt aufgrund eines logischen Dilemmas nicht vorhergesehene Verhaltensweisen und ermordet, Grundgesetz hin oder her, mehrere Menschen. Nach seinem ersten «Verbrechen» sagt HAL zu David Bowman, dem menschlichen Astronauten:
«I can tell from your voice harmonics, Dave, that you’re badly upset. Why don’t you take a stress pill and get some rest?»
Natürlich muss eine Maschine in einem recht menschlichen Sinne einsichtig und intelligent sein, um hehre Gesetze befolgen oder bösartige Pläne schmieden zu können. Intelligente Elektronengehirne waren aber nicht bloß Phantasiegespinste der Massenkultur des 20. Jahrhunderts. Vertreter der Künstlichen Intelligenz (KI) waren und sind hochangesehene Wissenschaftler in der Informatik, Psychologie und anderen Disziplinen. Sie waren zudem einmal bekannt für sensationelle Ankündigungen, ab wann Maschinen nun wirklich intelligent sein würden, wofür sie ab den 1960er-Jahren Unsummen an Forschungsgeldern erhielten. Alan Turing, nach dem der berühmte Turing-Test für Maschinenintelligenz benannt ist, sagte bereits 1947 intelligente Computer bis zum Ende des 20. Jahrhunderts voraus. Marvin Minsky, Mitbegründer des KI-Labors am Massachusetts Institute of Technology, meinte 1967, dass innerhalb einer Generation das Problem, künstliche Intelligenz zu schaffen, substanziell gelöst sein werde. Auch werde man bald Emotionen auf einer Maschine programmieren können. Hans Moravec von der Carnegie Mellon University in Pittsburgh prognostizierte noch 1979, Maschinen, die genauso gut denken können wie ein Mensch, würden innerhalb von 10 Jahren verfügbar werden. Man stehe nun direkt an der Schwelle zu einem Umschwung vergleichbar nur dem Übergang von lebloser Materie zum Leben.
Heute wissen wir, dass nicht eine einzige dieser Prognosen eingetroffen ist. Vielleicht ist es nicht Zufall, dass gleichzeitig die «großen Erzählungen» der Moderne, zu denen der wissenschaftliche und technologische Erkenntnisfortschritt gehört, von den Philosophen der Postmoderne grundlegend abgelehnt und dekonstruiert wurden4, was die heutige Kultur der westlichen Gesellschaften prägt. Nach einem halben Jahrhundert jedenfalls war die Ernüchterung die KI betreffend so weitgehend, dass man sich ungern an die hochfliegenden Erwartungen und Prophezeiungen erinnerte. Was nun einsetzte, bezeichnet man auch als den «KI-Winter». Bei Ende des KI-Hypes und im magischen Jahr 2000 existierte kein Programm und kein Computer mit auch nur annäherungsweise menschähnlicher Intelligenz; groß angelegte nationale Programme, wie das 1982 gestartete «Fifth Generation Project» Japans, waren komplett gescheitert; viele KI-Firmen, die computerbasierte «Expertensysteme» oder «intelligente Tutoren» entwickelt hatten, gibt es heute nicht mehr; KI-Betriebssysteme, Programmiersprachen wie LISP und PROLOG, KI-Programme und -Computer wurden zu Fällen für das Technikmuseum. Wie war es möglich, dass sich die Wissenschaft im ausgehenden 20. Jahrhundert in dieser Angelegenheit derart radikal getäuscht hatte?
Es fällt auf, dass Maschinen bei Aufgaben versagen, die Menschen problemlos bewältigen (z.B. Fußballspielen), und umgekehrt Probleme, die für Menschen schwierig erscheinen (z.B. Rechnen mit großen Zahlen, Schachspielen), mit Maschinen häufig einfach anzugehen sind. Auffällig ist, dass sich der Großteil der mit Maschinen ungelösten Probleme auf die «Schnittstellen» zur realen Welt und zum Körper bezieht (Tschacher & Scheier, 2003). Schwierigkeiten treten besonders klar zu Tage, wenn aus Computern Roboter werden. Sie sind dann direkt mit ihrer Umwelt über Kameraaugen, Mikrophone, Beine, Räder und Greifarme verbunden: Der Computer bekommt einen Körper – Informationsverarbeitung wird «embodied».
Kann der tiefere Grund für das Versagen künstlicher Intelligenz in der Vernachlässigung der Beziehung zwischen der Informationsverarbeitung («Denken») einerseits und dem Körper und der Umwelt andererseits zu suchen sein? Wir nennen diese Beziehung «Embodiment». Intelligentes Denken bei Menschen findet immer in einem dichten Geflecht von Bezügen statt, ist eingebettet in einen Kontext. Dieses «Konzept Embodiment» ist das Leitmotiv dieses Buches (s. Kasten 1).
Kasten 1
Das Konzept Embodiment: unter Embodiment (deutsch etwa «Verkörperung») verstehen wir, dass der Geist (also: Verstand, Denken, das kognitive System, die Psyche) mitsamt seinem Organ, dem Gehirn, immer in Bezug zum gesamten Körper steht. Geist/Gehirn und Körper wiederum sind in die restliche Umwelt eingebettet5. Das Konzept Embodiment behauptet, dass ohne diese zweifache Einbettung der Geist/das Gehirn nicht intelligent arbeiten kann. Entsprechend kann ohne Würdigung dieser Einbettungen der Geist/das Gehirn nicht verstanden werden. Dies kann man schematisch so darstellen:
Die Gegenposition würde schematisch etwa so aussehen:
Diese «klassische» Gegenposition entspricht der einfachen lernpsychologischen Vorstellung, wonach Reize und Ereignisse («Umwelt») auf einen Organismus einwirken («Gehirn/Geist»), und ihn zu einer motorischen Reaktion, einem Verhalten veranlassen («Körper»). Diese Auffassung ist nicht eigentlich falsch, nur weniger interessant: Sie verleitet uns vor allem nicht dazu, die manchmal subtilen, oft aber auch sehr handfesten Einwirkungen der körperlichen Verfassung auf den Geist zu beachten. Hiervon aber handelt dieses Buch.
Embodiment heißt also nicht einfach nur, dass ein Geist ein Gehirn braucht. Zudem sind die Zusammenhänge nicht ein-, sondern wechselseitig ausgestaltet (zirkuläre Kausalität/Bidirektionalität). Wir benutzen das Wort Embodiment in diesem Buch zusätzlich auch noch in konkreterer Bedeutung: als Verkörperung einer konkreten Emotion in einem Individuum (etwa in Kap. 4, Benita Cantieni), und als habitueller Niederschlag von Lebenserfahrung im Körper (vgl. die Metapher vom schiefen Haus in Kap. 3, Gerald Hüther).
Menschen arbeiten ihr ganzes Leben daran, ihre vielfältigen und täglich verfeinerten Erfahrungen mit ihrem Kontext, ihrer «Einbettung», zu intuitivem Wissen und Handeln zu destillieren. Hubert Dreyfus, ein Philosoph und kritischer Kenner der KI, wies darauf hin, dass menschliche Experten sich nicht nach Regeln richten, mit denen sie isolierte Fakten und Information verknüpfen würden. Menschen erlangen Intelligenz und Expertise offenbar auf eine Weise, die das glatte Gegenteil der Funktionsweise von regelgeleiteten Computersystemen ist. Wahre Experten haben ihr Wissen sprichwörtlich verkörpert: Experten «fühlen», wenn sie richtig liegen, und «sehen» einen guten Lösungsweg. Logische Ableitungen aus Regeln und Fakten, schulgerechtes Schlussfolgern sind dagegen eher die klapperigen Hilfsmittel des Anfängers, des «Novizen». Wahre Expertise verlangt Embodiment!
Gefühl und Kognition hängen eng mit dem Körper und dem nonverbalen Körperausdruck zusammen. Theoretiker und Forscher stellten sich immer wieder die Frage, wie dieser Zusammenhang beschaffen ist. Den meisten Lesern wird die folgende Position sehr einleuchtend erscheinen: Gefühle, Emotionen und geistige Verfassung bestimmen den Körperausdruck. Schon die Sprache legt das nahe: Körperausdruck. «Der Körper ist Spiegel der Seele» – dies entspricht sicher am direktesten der Alltagspsychologie, das heißt der Auffassung, die mit unserer tagtäglichen Selbstbeobachtung sehr weitgehend übereinstimmt. Die Grundidee ist dabei (siehe Grafik «Gegenposition» in Kasten 1): Man denkt, verarbeitet Informationen, will etwas, hat Gefühle und Pläne; dies alles wird anschließend in körperliches Verhalten, Mimik, Kommunikation umgesetzt, womit wir dann auf unsere Welt Einfluss ausüben. Klar, oder? Merkwürdigerweise jedoch weisen viele Untersuchungen genau auf das Gegenteil: Der Körperausdruck, die Körperhaltung bestimmt umgekehrt Kognition und Emotion! «Die Seele als Spiegel des Körpers»? Dieser Gedanke erscheint auf Anhieb vielleicht immer noch befremdlich. Es gibt aber bereits eine Reihe empirischer Belege dafür; Maja Storch wird hierüber, über das Embodiment von Fühlen und Denken, später im Buch noch ausführlich berichten.
Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches ist in der Psychologie und Kognitionswissenschaft viel passiert, und Embodiment hat sich zu einem einflussreichen grundlegenden Paradigma entwickelt. Eine umfassende Darstellung des Embodiment-Ansatzes ist die «4E-Kognition», der zufolge die Kognition verkörpert (embodied), situiert (embedded), enaktiv (enactive) und erweitert (extended) verstanden werden muss. 4E-Kognition, in Kasten 2 erläutert, differenziert unsere nach wie vor gültige Definition in Kasten 1.
Ich möchte im nun folgenden Kapitel, bevor wir auf empirische Studien aus Psychologie und Neurowissenschaft sowie auf praktische Aspekte von Körperarbeit in den Kapiteln 2 bis 4 dieses Buches genauer eingehen werden, diese Zusammenhangsfragen theoretisch betrachten. Eine philosophische Vorbemerkung scheint mir, da wir uns nun ohnehin schon theoretischen Gefilden zuwenden, angebracht: unsere Embodiment-Fragestellung ist Teilaspekt der uralten philosophischen Frage nach dem Zusammenhang von «Leib» und «Seele», also von Körper und Kognition. Gerade das weiter anhaltende Interesse an der Neurowissenschaft hat die Diskussion des Leib-Seele-Problems angeheizt und zu Fragen wie der nach dem Stellenwert des Bewusstseins geführt. Sie ist ein zentrales Feld der heutigen interdisziplinären Debatte: die «Wissenschaft vom Bewusstsein». Der australische Philosoph David Chalmers brachte die Frage mit seinem «Zombie-Gedankenexperiment» auf den Punkt: Stellen wir uns einen Zombie vor, der aussieht und sich verhält und spricht wie ein Mensch, aber innerlich rein gar nichts qualitativ empfindet und kein Bewusstsein hat. Wenn dies auch nur vorstellbar ist, bedeutet es laut Chalmers, dass Bewusstsein eine zur Materie zusätzlich hinzukommende Eigenschaft wäre, was jedem Materialismus widerspricht6. Die wichtigsten Positionen in dieser wohl endlosen Debatte finden sich in Kasten 3.
Kasten 2
Embodiment als «4E-Kognition»7: Von den vier Es sind die ersten beiden bereits in Kasten 1 eingeführt, wo der Geist als verkörpert (embodied) und als in der weiteren Umwelt situiert (Embedded) beschrieben ist.
Der Aspekt «enaktiv» beschreibt nun die Art der Einbettung genauer – die kognitiven Prozesse befinden und entwickeln sich in fortwährenden Rückkopplungsschleifen von Handlung und Wahrnehmung. Dabei ist Wahrnehmung nicht ein passives Abbilden von Umwelt auf eine innere Leinwand, sondern ein aktiver Prozess, bei dem wir Erwartungen und Hypothesen bilden, die an den dauernd neu einlaufenden Sinneseindrücken überprüft werden. Dasselbe bei motorischen Handlungen: Wir haben einen Handlungsplan (etwa, die Kaffeetasse vor mir ergreifen und daraus trinken), der in Hypothesen transformiert wird (was sollte ich, meinem Plan gemäß, zu jedem Moment der Handlung in meinem Arm und in der Hand spüren, was sollte ich sehen?). Diese Hypothesen werden andauernd mit den tatsächlich einlaufenden Wahrnehmungen auf Abweichungen geprüft und die entstehenden Abweichungen minimiert. Wenn dies gelingt, entsteht eine glatte elegante Handlung, und ich trinke den Kaffee. Wenn nicht, muss der Plan modifiziert oder ersetzt werden. Der Enaktivismus betont, dass alle kognitiven Prozesse so funktionieren, sogar auch abstrakte Denk- und Fühlvorgänge zwischen verschiedenen Ebenen des Gehirns8, wenn Umwelt und Motorik nur wenig mit einbezogen sind. Die enaktiven Schleifen bei Handlungen betreffen Geist, Körper und Umwelt und verlaufen unbewusst. Wir nehmen in der Regel nur die Abweichungen wahr.
Der Aspekt «erweitert» (extended) fügt zur Situierung des Geistes («embedded») hinzu, dass wir die Umwelt als Erweiterung der Kognition aktiv benutzen. Hierzu gehören Denkwerkzeuge wie der Terminplaner im Handy, die Zu-tun-Liste an der Wand im Büro, der Chip im Körper eines Cyborgs. Auch die Familienaufstellungen in der systemischen Psychotherapie sind Beispiele dafür, wie der Geist durch Umweltkonstellationen erweitert werden kann.
Wir sprechen im Folgenden viel von Intelligenz und von Kognition, und sollten daher diese Begriffe klären. Beginnen wir mit dem in der Psychologie grundlegenden Begriff der Kognition: Kognition ist unscharf definiert als ein Sammelbegriff für alle die vielfältigen Prozesse des Denkens. Kognition umfasst daher Wahrnehmen, Erkennen, Begriffsbildung, Schlussfolgern, Planen, Problemlösen, Wissen, Erinnern und vieles mehr. Intelligenz bezeichnet eine Eigenschaft von Kognition, nämlich das Denkvermögen. Intelligenz ist die Fähigkeit, sich auf neue Anforderungen kognitiv einstellen zu können, wie auch die Fähigkeit zum Erfassen und Herstellen von neuen Bedeutungen, Beziehungen und Sinnzusammenhängen. Ein elektronischer Taschenrechner zum Beispiel wäre gemäß diesen Definitionsansätzen nicht intelligent, denn er kann sich nicht anpassen und hat natürlich keinen Zugang zu Bedeutungen. Man könnte sich streiten, ob ein Taschenrechner kognitive Prozesse aufweist, würde aber wohl einräumen, dass er einen Aspekt von Kognition, nämlich Rechnen mit Zahlen und Umformen von Symbolen, durchführen oder zumindest simulieren kann. Ein Schüler, der einen Taschenrechner benutzt, wäre ein Beispiel für extended Kognition.
Bereits zu Beginn dieses Kapitels behelligte ich Sie mit der Geschichte der künstlichen Intelligenz (KI), genauer gesagt, mit deren vorläufigem Scheitern. Ich werde auf den jetzt folgenden Seiten erst darlegen, woran man sehen konnte, dass die Konstruktionsversuche der symbolbasierten, «klassischen» KI nicht zu wirklich intelligenten Maschinen geführt haben, sondern stattdessen in den KI-Winter führten (wobei manche Forscher sagten, es sei sogar eine Eiszeit gewesen). Ich stelle also die Frage: Welches waren die Symptome dieses Scheiterns? Und wie ordnen die Experten, die sich nach wie vor um das Thema bemühen (dies sind Computerforscher, Kognitionswissenschaftler, Philosophen), die auftretenden Probleme ein?
Kasten 3
Positionen zum Leib-Seele-Problem («Leib»: Materie, Körper, Gehirn; «Seele»: Geist, Bewusstsein, Denken, Kognition, Psyche)
Materialismus/Physikalismus: Nur die stoffliche Materie und physikalische Wechselwirkungen existieren bzw. können wissenschaftlich sinnvoll beschrieben werden.
Idealismus: Der Urgrund allen Seins ist der Geist (die «Idee»), der sich in der wahrgenommenen Welt ausdrückt. Materielle Wirklichkeit ist nur insofern gegeben, als sie von einem Beobachter wahrgenommen wird, der Wirklichkeit damit in gewissem Sinne erst erzeugt.
Identitätsannahme: Materie und Geist sind beide existent, aber sie sind eigentlich identisch bzw. zwei Seiten desselben.
Dualismus: Es gibt beides, Materie und Geist. Folglich muss geklärt werden, wie diese zusammenwirken. Viele Varianten des Dualismus sind denkbar:
Interaktionismus: Beide existieren gleichberechtigt, haben qualitativ unterschiedliche Eigenschaften, und stehen in stetiger oder gelegentlicher Interaktion
Epiphänomenalismus: Kausal wirksam ist nur die Materie, der Geist ist lediglich Begleiterscheinung der Materie und kann selbst nicht auf diese einwirken
Emergentismus: Materie ist Grundlage des Geistes, dem dann aber eine neue, nichtmaterielle Qualität zukommt
Literatur: Beckermann (2008), Nagel (2013), Pauen (2016)
Mittlerweile hat sich das Feld der KI wieder deutlich erholt und mit veränderten Zielsetzungen erfolgreich Terrain zurückgewonnen. Die neue KI beruft sich auf 4E-Kognition und die Renaissance der konnektionistischen Algorithmen, die mit großen Datensätzen trainiert werden können, wie sie im Internet zur Verfügung stehen. Dieser Ansatz wird heute Machine Learning oder Deep Learning genannt: Der Computer wird nicht eigentlich mehr programmiert, sondern lernt selbst, die Muster aus großen Datensätzen («big data») herauszudestillieren. Auf diese Weise ist es heute möglich, dass Computer mit gesprochenen Befehlen gesteuert werden und auf Fragen natürlichsprachlich antworten können. Computer können Handschriften lesen, Gesichter erkennen und individuelle Vorlieben ihrer Nutzer identifizieren (um sie dann mit Kaufvorschlägen einzudecken9). Computer können Autos fahren und Maschinen im smarten Haushalt steuern. Im Unterschied zur klassischen KI steckt das «Wissen» des Computers nun nicht mehr in der programmierten Verknüpfung vorgegebener Symbole, sondern in den Mustern der Daten, mit denen man das Deep-Learning-System trainiert. Diese Daten bestehen aus vielen (subsymbolischen) Elementen, seien es Pixel von digitalen Fotos oder Videos, Frequenzen von Toneingaben oder beliebigen anderen Einzelheiten eines Dateninputs.
Vielleicht interessieren Sie sich persönlich für Computer und KI nicht sonderlich . . . All dies ist für uns auch nur insofern von Belang, als wir versuchen (und beginnen) zu verstehen, welche Gründe dem Desaster der symbolbasierten KI zugrunde liegen. Die sich daran anknüpfende Folgefrage ist deshalb die für uns hier relevante:
Was lehrt uns das bisherige Scheitern des Traums, vielleicht auch Albtraums, von der Maschinenintelligenz für das Thema «Embodiment»?
Ich möchte hier einen Teil der Antwort, die im folgenden Kapitel gegeben wird, bereits vorwegnehmen, da Sie ihn ohnehin aus der Zielrichtung dieses Buches erahnen werden: Die Vorstellung von Denken und Intelligenz als reiner Kopfgeburt, als rein symbolischer Informationsverarbeitung wie es in der klassischen KI vorausgesetzt wurde, ist eine Sackgasse! Das Verschieben und Transformieren von Bits und Bytes ist bei weitem nicht ausreichend, um intelligentes Denken zu erklären und die Voraussetzungen für Intelligenz zu schaffen. Die menschliche Intelligenz braucht einen Körper, um sich entfalten zu können. Also lassen Sie uns in Ruhe darüber nachdenken, warum . . .
1.1.1
Argument 1: Das Phänomen der Täuschungen
Das Zeitalter der Romantik war in einer ähnlichen Weise wie die Moderne des ausgehenden 20. Jahrhunderts von Automaten außerordentlich fasziniert. Allerhöchstes gesellschaftliches Aufsehen erregte zu dieser Zeit der Schachautomat des österreichisch-ungarischen Hofrats Baron von Kempelen, den dieser 1769 im Auftrag der Kaiserin Maria Theresia mit hoher Kunstfertigkeit baute. Der in Wien vorgeführte «Schachtürke» bestand aus einem fahrbaren Schachtisch, an dem eine lebensgroße Puppe befestigt war, die einen Türken mit Turban und Wasserpfeife vorstellte. Der Tisch selbst war anscheinend mit allerlei Maschinerie, Zahnrädern, Walzen und Hebeln ausgefüllt. Wenn von Kempelen seinen Türken gegen menschliche Schachspieler antreten ließ, lieferte die Maschine meistens ein passables, ja intelligentes Spiel, bewegte die Figuren mit der linken Puppenhand, dies alles begleitet von mechanischen Geräuschen und gelegentlichem Kopfschütteln und Rollen der Puppenaugen.
Private und öffentliche Vorführungen sorgten für beträchtlichen Wirbel; der Schachtürke besiegte ab 1770 die Zarin Katharina die Große und den preussischen König Friedrich II.! Napoleon Bonaparte spielte im Jahr 1809, wobei er mehrere Partien trotz seiner napoleonischen Eröffnung verlor und darüber so zornig war, dass er die Spielfiguren durch den Salon schleuderte. Obwohl es schon vor Bonapartes kleinem Waterloo vereinzelte kritische Veröffentlichungen gab, die einen menschlichen Schachspieler von kleiner Statur im Innern des «Automaten» vermuteten, hielt das Publikum an der Überzeugung fest, dass der «Schachtürke» ein echter Automat sei. Über Jahrzehnte hinweg war der vermeintliche Schachtürken-Automat erfolgreich auf Tournee, ab 1825 schließlich in den USA. Noch 1836 fand es der bekannte amerikanische Schriftsteller Edgar Allen Poe wert, den «getürkten» Automaten in einem Artikel mit einer kriminalistischen Indizienkette zu entlarven (wobei Poe teilweise recht wunderliche Argumente verwendete – zum Beispiel, wenn der Schachtürke eine «reine Maschine» wäre, müsste sie ja jede Partie gewinnen).
Dass es nicht allein der romantischen Mystifikation zuzuschreiben ist, einer solchen «Ente»10 aufzusitzen, zeigen Anekdoten aus der modernen Vergangenheit, dem Zeitalter der «wirklichen» künstlichen Intelligenz ohne doppelten Boden und ohne «Homunculus», was der gut versteckte kleinwüchsige Schachmeister im Innern des Schachtürken wortwörtlich war. Die Hysterie um ELIZA, einem Computerprogramm, das der KI-Pionier Joseph Weizenbaum 1966 schrieb, zeigte dies recht illustrativ. ELIZA wurde entwickelt, um Möglichkeiten zu untersuchen, wie eine Maschine auf eingegebenen natürlichsprachlichen englischen Text sinnvoll reagieren kann. Weizenbaum wählte für sein Programm die Rolle eines «Gesprächspsychotherapeuten», weil er annahm, dass das psychiatrische Interview eine der wenigen normierten Gesprächssituationen darstelle, bei der ein Gesprächspartner ungestraft so tun könne, als wisse er praktisch nichts von der Welt ( I went for a long boat ride. ELIZA: Tell me about boats»). ELIZA weiß ja tatsächlich nichts von der Welt, geschweige denn, was ein «Boot» sein soll. ELIZA durchsucht im Wesentlichen eingegebene Sätze nach Schlüsselworten, transformiert die Sätze und gibt die transformierten Sätze unter Verwendung des Schlüsselwortes wieder aus (z.B. I have trouble with a friend. ELIZA: You say you have trouble with a friend?). Wenn dies nicht funktioniert, verfügt das Programm über eine Reihe anderer Schablonen (z.B. It depresses me a lot. ELIZA: What does that suggest to you?).
Unerwartet für seinen Programmierer wurde ELIZA in kurzer Zeit ungeheuer populär. Benutzer waren nach wenigen Interaktionen oft überzeugt, dass ELIZA sie wirklich verstanden habe und verlangten danach, mit dem Programm endlich im privaten Rahmen ausführlicher kommunizieren zu können. Einige Psychiater setzten ELIZA in den USA zur Behandlung ihrer Patienten ein. Weizenbaum selbst war entsetzt über das Echo, das sein simples KI-Programm gefunden hatte und fragte sich: Wie konnte ein kurzer Kontakt mit einem primitiven Computerprogramm derart machtvolle Wahnideen bei ganz normalen Leuten hervorrufen?11
Wahrscheinlich ist es nicht zielführend, über die Geschichte der KI-Täuschungen entsetzt zu sein, denn sie spricht im Grunde für ein sehr menschliches Phänomen, nämlich die Neigung, Dinge und Vorgänge sinnvoll zu machen, ja zu beseelen. Aus der Gestaltpsychologie weiß man, dass dies bereits in der «Wahr»nehmung geschieht. Grundlage dafür ist die spontan und unbewusst ablaufende Zusammenfügung von einfachen Reizen zu ganzheitlichen Gestalten in der Kognition – vergleichbar der Bildung von Metarepräsentationen, die Gerald Hüther in Kapitel 3 aus neurobiologischer Sicht beschreibt. Man «sieht» in der Regel viel mehr, als faktisch vorhanden ist.
Ich möchte dafür zwei einfache Beispiele anführen: Wenn ich in einem dunklen Zimmer die Lichtpunkte A und B an zwei unterschiedlichen benachbarten Orten abwechselnd aufleuchten sehe, sehe ich nicht etwa eben dieses, sondern vielmehr ein Licht zwischen A und B hin- und herwandern. Diese «Scheinbewegung» wurde bereits 1914 durch den Gestaltpsychologen Max Wertheimer als Phi-Phänomen beschrieben. Eine andere Versuchsanordnung wurde durch die Arbeiten Albert Michottes in der Mitte des vorigen Jahrhunderts angeregt: Zwei Scheiben bewegen sich auf derselben Bahn über einen Bildschirm, wobei die eine Scheibe am linken Bildschirmrand startet und mit konstanter Geschwindigkeit nach rechts wandert, die andere Scheibe vom rechten Rand aus entsprechend nach links wandert. In der Mitte kreuzen sich ihre Wege. Was aber wird wahrgenommen? Manche Beobachter sehen, dass die Scheiben aneinander vorbei gelaufen sind, andere sehen, dass die Scheiben voneinander abprallten und wie Billardkugeln zurücklaufen. In derselben Darstellung können also zwei völlig unterschiedliche Kausalabläufe «gesehen» werden! Man kann dieses Phänomen analog zur Scheinbewegung als «Scheinkausalität» bezeichnen.
Kurzum, menschliche Beobachter tendieren dazu, nicht einfach nur elementare Sachverhalte passiv aufzunehmen, sondern vermutete Zusammenhänge gleich mit-wahrzunehmen; Wahrnehmung ist nie nur nüchterne Abbildung, sondern enthält stets eine ganze Reihe von Unterstellungen. Die meisten dieser Unterstellungen sind völlig unbewusst. Neutral ausgedrückt, handelt es sich um einen Vorgang der Musterbildung, der im Gehirn durch die Ausbildung neuronaler Netze (siehe Kap. 3) vonstatten geht. Zusammengefasst spricht vieles für die Hypothese, dass Wahrnehmung nicht allein abbildet, sondern immer zugleich aktiv Muster bildet.
Bei dieser Tendenz, Zusammenhänge in etwas hineinzusehen, die dort gar nicht vorhanden sein müssen, handelt es sich aber nicht nur um eine Täuschung, sondern zugleich auch um eine große Errungenschaft der Intelligenz. Wir finden diese Tendenz in praktisch allen Bereichen des psychischen Funktionierens, besonders auch in der zwischenmenschlichen Interaktion12. Wir benutzen nämlich, wenn wir eine andere Person beobachten, automatisch die Fähigkeit, uns in diese Person hineinzudenken und hineinzufühlen, als ob wir die Welt geradezu mit den Augen der anderen Person betrachten könnten. Dies geht unter Umständen so weit, dass wir selbst subjektiv Schmerz empfinden können, wenn sich die andere Person verletzt hat (neurobiologisch verantwortlich sind hierfür die so genannten Spiegelneurone, siehe Kap. 3). Häufig unterstellen wir Personen außerhalb von uns, dass sie ähnlich funktionieren, wie wir es von uns selbst wissen (oder zu wissen glauben, denn auch die Selbstwahrnehmung ist keineswegs objektiv). Es handelt sich hierbei also ebenfalls um eine Form der Musterbildung, die nun auch die menschliche Wahrnehmung der sozialen Welt strukturiert. Gerade die Täuschungen und Illusionen, wie im Falle des Schachtürken und der Pseudointelligenz bisheriger Automaten, verdeutlichen das Ausmaß, in dem wir Dinge wahrnehmen, die wir selbst erst in die Welt hineinbefördert haben.
Was habe ich in diesem Abschnitt mittels des Arguments der Täuschung zeigen können? Zunächst einmal, dass bisherige «künstliche Intelligenz» eben stets künstliche «Intelligenz» war. Man hat sich getäuscht, und oft liebend gerne täuschen lassen: Denken Sie an den Schachtürken, an ELIZA als Psychotherapeut, und nicht zuletzt auch an die in den Sand gesetzten Milliarden der symbolbasierten KI-Projekte. Folgerichtig stellte die neuere Entwicklung der KI nach dem KI-Winter nunmehr die Musterbildung und Mustererkennung in das Zentrum. Computersysteme wie Deep Learning, die analog zum Gehirn aus künstlichen neuronalen Netzwerken bestehen, besitzen die entscheidende Fähigkeit, Gestalten in Datensätzen zu erkennen.
Aus der Geschichte der Täuschungen und der zyklisch auftretenden Hypes der KI lässt sich erkennen, was eine unverzichtbare Eigenschaft von menschlicher, tierischer (und eines Tages auch Computer-)Intelligenz ist: die Fähigkeit zur Musterbildung! Wahrnehmung, Denken, Intelligenz funktionieren nur mit dieser aktiven Konstruktionsleistung des Geistes. Musterbildung ist einerseits Voraussetzung für jede Art von Täuschungen, vor allem aber der erste Baustein zu einem tieferen Verständnis von Embodiment.
1.1.2
Argument 2: Die kombinatorische Explosion
Ich werde in diesem Argument unsere Musterbildungstheorie noch etwas erweitern und beginne wieder mit einem Problem der klassischen KI13. Die klassische KI geht davon aus, dass der Kern der Intelligenz in symbolischer Datenverarbeitung besteht. Alles in der wirklichen Welt Vorfindliche muss in Form von digitalen Symbolen oder Verknüpfungen solcher Symbole (Regeln in Form von Wenn-Dann-Aussagen) abgespeichert sein. Eine solche Regel könnte etwa heißen: Wenn ANMALEN (x, f) dann FARBE (x, f). Das bedeutet, unter der Annahme, dass f = rot: «Wenn ich x rot anmale, dann ist die aktuelle Farbe von x rot». Dies ist das simple Grundprinzip, auf dessen Basis in regelbasierten Computern eine Vielzahl von Anwendungen laufen, vom multimedialen Computerspiel bis zum Rechenprogramm und zur Simulationsumgebung für die Wetterprognose.
Stellen wir uns vor, wir wollten ein künstliches System entwickeln, das in Kontakt mit seiner Umwelt steht, diese wahrnimmt und sich in ihr bewegen kann: einen Roboter! Wenn also die natürliche Umwelt eines intelligenten Roboter-Systems komplex ist, muss auch die symbolische Darstellung (Repräsentation) im Innern des Systems (seinem Speicher) entsprechend komplex und umfangreich sein. Dies scheint zunächst ein rein quantitatives Speicherproblem zu sein, entwickelt jedoch eine hohe Brisanz sowohl bei Änderungen der Umwelt als auch bei Änderung der Position des Systems in dieser Umwelt. Jede Veränderung macht es nämlich erforderlich, auch das innere Weltbild entsprechend zu ändern, und dies möglichst in Echtzeit! Dies ist eine Aufgabe, die sehr rasch in eine «kombinatorische Explosion» hineinführt, das heißt eine explosionsartige Zunahme an Berechnungen und Wenn-Dann-Kombinationen, um das symbolische Weltbild wieder auf den aktuellen Stand zu bringen und dort zu halten. Diese Lawine an Rechenanforderungen entsteht dadurch, dass die Folgerungen aus jeder einzelnen Änderung in allen Bereichen des repräsentierten Weltbilds ermittelt werden müssen, da das System nicht a priori «wissen» kann, welche der Änderungen irrelevant und welche überlebenswichtig sind.
Daniel Dennett ist ein Philosoph, der sich immer wieder mit KI-Fragen grundlegend auseinander gesetzt hat14. Er beschreibt das Problem der kombinatorischen Explosion an einem einfachen Beispiel, dem Imbiss zu später Stunde («midnight snack»): Brot ist im Brotkasten, Butter, Wurst und Bier im Kühlschrank, dann braucht man noch Teller, Messer, ein Glas für das Bier, ein Tablett, um alles zum Tisch zu tragen . . . eigentlich keine große Sache. Wenn man aber beginnt, alle erforderlichen Einzelaktionen in einer einem Computer angepassten Form aufzuschreiben, wächst sich der schlichte Imbiss zu einem Wust von Programmschritten aus. Dem symbolbasierten Roboter fehlt ja jegliches Weltwissen, auch das der allereinfachsten Art: Etwa, wenn ich die Butterdose in der linken Hand halte, sollte ich nicht mit der linken Hand nach dem Messer greifen! Oder anderes scheinbar banales Wissen: Wenn ich das Bier auf das Tablett stelle, das Glas daneben stelle, das Tablett zum Tisch trage, ist dann das Bier und das Glas auf dem Tisch? Genaueres aus dem Universum solcher Berechnungen steht in Kasten 4.
Das Berechnen aller Berechnungen, konkret das Abklappern aller in Kasten 3 erwähnten Rahmenaxiome, würde so viel Zeit verbrauchen, dass Bier und Wurstbrot in unerreichbare Ferne rücken. Die meisten Berechnungen sind dabei natürlich von bestechender Irrelevanz für das Imbissziel. Der Roboter wäre auf dem Weg zum Handlungsziel in tiefes hamletartiges Nachdenken versunken.
Ich gebe zu, mit der in endlosem Herumrechnen vertieften, zwangsneurotischen künstlich-intelligenten Kreatur eine Karikatur vorgestellt zu haben. Natürlich haben die Fachleute, die sich über Jahre hinweg mit diesem Problem herumgeschlagen haben, eine ganze Reihe von praktikablen Vorschlägen gemacht, wie man verhindert, dass Rechenzeit sinnlos verpulvert wird. Diese Revisionen der KI sind für uns interessant, denn sie können die Richtung weisen, in die eine bessere Theorie der Intelligenz gehen muss. Ich konzentriere mich hier auf zwei Folgerungen:
Kasten 4: Der Mitternachtsimbiss aus Robotersicht
Wenn man den Imbiss formalisiert, und daran führt in der Informatik kein Weg vorbei, würde ein Symbolverarbeiter verschiedene Aussagen für Bier (x1) und Tablett (x2) kreieren:
Als Zustandsbeschreibungen verwendet er beispielsweise FARBE (x, a) (also: «x hat Farbe a») und POSITION (x, b)
Zur Kennzeichnung von Aktionen benutzt er etwa TRAGE NACH (x, c) (also: «Trage x nach c!») und BEWEGE AUF (x, d).
Wie kann der Roboter nun wissen, dass nach der Aktion BEWEGE AUF (x1, d) die Aussage FARBE (x1, a) weiterhin stimmt? Wohingegen nach der Aktion TRAGE NACH (x1, c) die Aussage POSITION (x1, b) aktualisiert werden muss zu POSITION (x1, c)! Und noch wilder: BEWEGE AUF (x1, x2) und TRAGE NACH (x2, c) ergibt nicht nur POSITION (x2, c), sondern auch POSITION (x1, c).
In der Aussagenlogik der symbolischen KI benutzt man so genannte Rahmenaxiome, um die allgemeinen Effekte und Nichteffekte von Aktionen zu beschreiben. Angenommen, unser Roboter kennt nur 10 Zustände zur Beschreibung seiner Imbisswelt und 20 Aktionen, so müsste er bereits in der Größenordnung von 10 × 20 Rahmenaxiome berücksichtigen und Folgerungen aus ihrer Anwendung ziehen.
Folgerung 1: Es fällt auf, dass die meisten der Berechnungen, die unseren Computer überschwemmen, triviale Erkenntnisse sind: Nein, die Farbe von x1 ändert sich nicht, wenn ich x1 auf x2 stelle! Ich könnte also fordern, jede logische Ableitung nach Relevanz zu beurteilen. Dennett weist darauf hin, dass dann eben eine Lawine von Nicht-Relevant-Berechnungen erfolgen müsste. Also fordern wir besser: Der Imbiss-Computer darf weite Bereiche seiner logischen Ableitungen schlicht nicht durchführen. Kurz, man muss ignorieren können! Der Mitternachtsimbiss erfordert den Tunnelblick auf Bier und Wurstbrot, anderenfalls ereilt uns die kombinatorische Explosion.
Folgerung 2: Es muss einen Weg geben, die Komplexität der Welt zu vereinfachen, gewissermaßen zusammengehörende Dinge zusammen zu behandeln. Im Rahmen unserer Imbisswelt betrifft dies beispielsweise die bewegende Frage «Was ist das überhaupt: Wurstbrot?» Ich, jetzt einmal versuchsweise Vertreter der symbolischen KI, meine damit offensichtlich eine aus zwei Brotscheiben (y1 und y2), Butter (y3), Wurst (y4) bestehende Gestalt, wobei ich sequentiell BEWEGE AUF (y3, y1), BEWEGE AUF (y4, y3), BEWEGE AUF (y2, y4) durchführte . . . Zu beachten war natürlich noch, dass die erste BEWEGE AUF-Aktion mit einem Messer durchgeführt werden muss, das selbst jedoch nicht im Butterbrot belassen werden darf. So ein Butterbrot ist also für mich als Symbolverarbeiter ein Etwas von grausamer Komplexität. Es ist mir zudem nicht in die Wiege gelegt worden, wie ich die nachfolgenden Aktionen BEWEGE AUF (Butterbrot, Tablett) sowie TRAGE NACH (Butterbrot, Esszimmer) durchführen soll: Müssen Brotscheiben, Butter, Wurst je einzeln bewegt und getragen werden? Wenn ja, in welcher Reihenfolge?
Das Wurstbrot-Argument gemäß Folgerung 2 weist in die gleiche Richtung, die oben in Argument 1 wie auch vom Deep Learning eingeschlagen wurde: die der Musterbildung. In der Wahrnehmung wie im Denken insgesamt geht es unablässig darum, die Fülle der Reize und der Gedankeninhalte zusammenzufassen, und zwar unter möglichst geringem Gedankenaufwand. Die Gestalten müssen sich gebildet haben, bevor wir überhaupt ans Kombinieren und Denken denken – nur so entgehen wir der kombinatorischen Explosion.
Manche solcher Musterbildungen sind uns denn auch tatsächlich «in die Wiege gelegt»: Schon Kinder, die keine eigenen Verhaltenserfahrungen mit Schlangen gemacht haben, können vor dem schwarzen, gewundenen Etwas, das da im Augenwinkel auftaucht, erschrecken, bis sie sehen, dass es sich um den neuen Gartenschlauch handelt. Andere Musterbildungen ereignen sich aber auch ohne genetische Bahnung, tagtäglich von neuem. Dieses Zusammenbinden zu Mustern geschieht sinnvoll und zweckhaft (das Tablett gehört nicht zum Wurstbrot, und wir würden trotz der räumlichen Nähe und flachen Form niemals hineinbeißen wollen). Jedenfalls ereignet sich Musterbildung offenbar zeitlich vor weiterer kognitiver Bearbeitung der Reize. Musterbildung geschieht ohne Anwendung expliziter und vorformulierter Regeln sowie ohne Symbolverarbeitung, zumindest ohne bewusste Verarbeitung. Nach welchen Regeln und Gesetzen nun die Dinge unserer Welt als Muster sinnvoll zusammengebunden werden können, ohne dass wir anscheinend irgendeinen Gedanken darauf verschwenden müssen, können wir jetzt noch nicht beantworten. Ich werde auf diese Frage unten wieder zurückkommen.
Abbildung 1.1: Weiße oder schwarze Pfeile? Eine der beiden Pfeilsorten wird zur Figur, und die andere wird als Hintergrund ausgeblendet
Wie steht es nun mit der zuvor genannten Folgerung 1, dem Ignorieren-können, die sich aus der kombinatorischen Explosion ergab? Ein wesentlicher Teil des Ignorierens ist nach unserer Auffassung einfach die Kehrseite der Musterbildung: Wird ein Muster gebildet, rückt der Rest der Welt gleichzeitig sofort in den Hintergrund. Dies erkennen wir schon in einfachsten Darstellungen wie der mit den Pfeilen in Abbildung 1.1: Sie sahen vermutlich zuerst schwarze Pfeile, danach vielleicht auch die weißen, niemals aber beide zugleich. Die gerade nicht aktuelle Pfeilsorte wird ignoriert – weggeblendet.
Ein anderes, beliebtes Beispiel ist das «Cocktail-Party-Phänomen»: Bei einer Party führen Sie ein angeregtes Gespräch und rücken dabei die Gespräche der anderen sich unterhaltenden Gäste vollständig in den Hintergrund. Eventuell hören Sie, dass die andern sprechen, aber nicht, was sie sprechen (es soll aber Leute geben, die vor allem oder ausschließlich hören, was nebenan geredet wird). Es geht hier also um Aufmerksamkeit, und es ist jedem mehr oder weniger bewusst, dass er seine Aufmerksamkeit auf etwas richten kann oder auch muss, will er sich «konzentrieren». Andere Dinge bekommt man dann eben nicht mit. Das Ignorieren geht aber viel weiter, als uns im Alltag bewusst wird. Sehr plastisch wird das in Experimenten zu «Veränderungsblindheit», einem Feld der Kognitionsforschung. Stellen Sie sich vor, Sie würden diesen Text zeilenweise auf einem Bildschirm lesen (was ich als Bücherfreund Ihnen nicht wünsche). Ein trickreicher Experimentator würde fortlaufend und genau messen, auf welche Stellen im Text sich Ihre Augen richten und würde dann Worte zur Linken des Fixationspunktes durch Worte aus sinnlosen Buchstaben ersetzen15, etwa in dieser Art (Original in oberer Zeile, Ersetzung in unterer Zeile, Fixationspunkt unterstrichen):
Sie würden diesen Text auf einem Bildschirm lesen
Xfn brrome vnuihf Nrhm ajx msnem Bildschirm lesen
Sie würden eine Ersetzung des linkes Teiles der Zeile (wie in der unteren Zeile dargestellt) wahrscheinlich nicht bemerken, wenn Ihr Auge auf das Wort «Bildschirm» fixiert! Sie glauben also nur zu sehen, dass da weiterhin sinnvolle Worte stehen, während Ihr Wahrnehmungssystem tatsächlich weit mehr Dinge der Welt ignoriert, als Sie wissen (gut, dass Sie gerade ein richtiges Buch lesen!).
Eine ähnliche Situation entsteht bei der «Wiederholungsblindheit». Damit ist das Phänomen gemeint, dass in einer Serie von Worten, die in rascher Abfolge dargeboten werden, wiederholte Worte oder ähnlich klingende Worte weniger gut entdeckt und erinnert werden. Es ist nicht ganz einfach, dafür ein analoges druckbares Beispiel zu finden, aber vielleicht klappt es mit dieser möglichst schnell zu beantwortenden Frage:
Etwas ganz Ähnliches ist mir selbst schon zugestoßen. Für eine Konferenz (die Herbstakademie 2003 in Ascona) ließ ich ein Plakat drucken, auf dem in großen grünen Lettern in der Kopfzeile prangte:
