Embodimentorientierte Sexualtherapie - Michael Sztenc - E-Book

Embodimentorientierte Sexualtherapie E-Book

Michael Sztenc

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Beschreibung

Der Körper in der Sexualtherapie   - Embodiment und Sexualität: Die Einbindung des Körpers in die Sexualtherapie - Umfassend: Darstellung des Sexocorporel als therapeutisches Vorgehen auf embodimentorientierter Basis. - Theorie und Forschung: Eine Diskussionsgrundlage für die theoretische und empirische Entwicklung innerhalb des Sexocorporel Dieses Buch betrachtet Sexualität aus der Perspektive des Embodiment und entwickelt daraus eine Sexualtherapie mit dem Leitgedanken: Sexualität ist verkörpert. Sexuelles Erleben wird dabei konsequent auf körperliche Prozesse der Wahrnehmung und Handlung zurückgeführt. Das Buch verfolgt drei Ziele: - Embodiment als theoretische Grundlage für eine stärkere Fokussierung auf die Rolle des Körpers in der Sexualtherapie. - Embodiment in der Praxis: Der Ansatz des Sexocorporel. - Embodiment als Metatheorie und Bindeglied zwischen verschiedenen sexualtherapeutischen Verfahren.   Dieses Buch richtet sich an: - Alle Fachkräfte der psycho- und sexualtherapeutischen Versorgung: PsychotherapeutInnen, BeraterInnen, HeilpraktikerInnen   Aus dem Inhalt: Einleitung | Embodiment | Embodimentorientierte Sexualtherapie | Elemente der Prozess-Steuerung | Sexuelle Funktionsstörungen

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Seitenzahl: 364

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Michael Sztenc

Embodimentorientierte Sexualtherapie

Grundlagen und Anwendung des Sexocorporel

Mit einem Geleitwort von Ulrich Clement

Impressum

Dipl.-Psych. Michael Sztenc

LiebesLeben – Paar- und Sexualtherapie

www.sztenc.de

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Besonderer Hinweis

Die Medizin unterliegt einem fortwährenden Entwicklungsprozess, sodass alle Angaben, insbesondere zu diagnostischen und therapeutischen Verfahren, immer nur dem Wissensstand zum Zeitpunkt der Drucklegung des Buches entsprechen können. Hinsichtlich der angegebenen Empfehlungen zur Therapie und der Auswahl sowie Dosierung von Medikamenten wurde die größtmögliche Sorgfalt beachtet. Gleichwohl werden die Benutzer aufgefordert, die Beipackzettel und Fachinformationen der Hersteller zur Kontrolle heranzuziehen und im Zweifelsfall einen Spezialisten zu konsultieren. Fragliche Unstimmigkeiten sollten bitte im allgemeinen Interesse dem Verlag mitgeteilt werden. Der Benutzer selbst bleibt verantwortlich für jede diagnostische oder therapeutische Applikation, Medikation und Dosierung.

In diesem Buch sind eingetragene Warenzeichen (geschützte Warennamen) nicht besonders kenntlich gemacht. Es kann also aus dem Fehlen eines entsprechenden Hinweises nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Schattauer

www.schattauer.de

© 2020 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Jutta Herden, Stuttgart

unter Verwendung eines Gemäldes von Jutta Herden

Lektorat: Mihrican Özdem

Datenkonvertierung: Eberl & Koesel Studio, Altusried-Krugzell

Printausgabe: ISBN 978-3-608- 40053-3

E-Book: ISBN 978-3-608-11641-0

PDF-E-Book: ISBN 978-3-608-20487-2

Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe.

Inhalt

Geleitwort

Zum Autor

Danksagung

I

 Grundlagen

1 Einleitung

2 Embodiment: Theorie

2.1 Zum Begriff Embodiment

2.2 Der 4-E-Ansatz: die Philosophien der Verkörperung

2.2.1 Extended-Mind – der erweiterte Geist

2.2.2 Embedded-Mind – der eingebettete Geist

2.2.3 Embodied-Mind – der verkörperte/eingekörperte Geist

2.2.4 Enactive-Mind – der hervorbringende/inszenierende Geist

3 Embodiment: Forschung

3.1 Forschung in den Kognitionswissenschaften

3.2 Embodiment in den Emotionstheorien

3.2.1 Bewertungstheorien

3.2.2 Basis-Emotionen-Theorien

Wie und wo werden Gefühle erlebt?

Embodimentorientierter Ansatz für die Arbeit mit Emotionen: Alba Emoting

3.3 Embodiment in der Psychologie und Psychotherapie

3.3.1 Embodiment: alter Wein in neuen Schläuchen?

3.3.2 Embodiment in der (körperorientierten) Psychotherapie

3.3.3 Embodiment in der (bio-)psychologischen Forschung

Facial Feedback

Body Feedback

3.3.4 Embodiment in der praktischen Anwendung

Das Züricher Ressourcen-Modell (ZRM)

Prozess- und embodimentfokussierte Psychotherapie (PEP)

Die Emotionale Aktivierungstherapie (EAT)

3.3.5 Zusammenfassung

4 Ist Embodiment die neue Psychosomatik? Ein Modell sexueller Gesundheit

4.1 Das erweiterte biopsychosoziale Modell

4.2 Das Modell sexueller Gesundheit

5 Embodimentorientierte Sexualtherapie

5.1 Eine erste Annäherung

5.2 Embodimentorientierte Sexualtherapie

5.3 Ein biopsychosoziales Modell sexueller Gesundheit: Sexocorporel

5.3.1 Begründer des Sexocorporel

5.3.2 Das Modell

5.4 Die Einheit von Körper und Geist

5.4.1 Der Doppelaspekt der personalen Ebenen

5.4.2 Fokus auf dem Körperlichen und der sexuellen (Inter-)Aktion

5.4.3 Wahrnehmung ist Handlung ist Wahrnehmung ist Handlung …

5.4.4 Selbstregulation und Selbstermächtigung

5.4.5 Phänomenologischer Zugang

5.5 Die Rolle des Körperlichen

5.5.1 Der Körper auf der Ebene der Selbstregulation

Das Gefühl der Verbindung mit dem sexuellen Körper

Die für sexuelle Kontexte relevanten sensomotorischen Kontingenzen

Fähigkeiten, den organismischen Zustand zu regulieren und zu steuern

Zusammenfassung

5.5.2 Der Körper auf der Ebene der strukturellen Kopplung

Das Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit

Attraktionskodes und die Struktur des Begehrens

5.5.3 Der Körper auf der Ebene der sexuellen Interaktion mit anderen (Participatory-Sense-Making)

5.6 Zusammenfassung: das sexuelle Selbst

II

 Praxis

6 Umsetzung des embodimentorientierten Sexualtherapie-Ansatzes

6.1 Allgemeine Leitlinien

6.1.1 Die Settingfrage: Einzel, Paar, Gruppe?

6.1.2 Können oder Wollen?

6.1.3 Enactments: das Übungsdilemma

6.1.4 Resonanz zwischen Körper und Geist

6.1.5 Resonanz zwischen Organismus und Umwelt

6.1.6 Der Umgang mit Paradoxa, Dilemmata und Mehrdeutigkeiten

6.1.7 Phänomenologische Betrachtungsweise

6.1.8 Wahrnehmen ist Handeln ist Wahrnehmen …

6.1.9 Individuelle und partizipatorische Bedeutungserzeugung

6.2 Das Vorgehen im therapeutischen Prozess

6.2.1 Therapeutische Ziele

6.2.2 Elemente des therapeutischen Prozesses

6.3 Die Einbindung des Körpers in die praktische Arbeit

6.3.1 Der sich selbst regulierende Körper

Das Prinzip des embodimentalen Lernens: Erkunden – Variieren – Gestalten

Arbeit mit der Verbindung zum sexuellen Körper

Arbeit an der Fähigkeit der emotionalen Selbstregulation

Die Arbeit mit der doppelten Schaukel

Zusammenfassung

6.3.2 Der Körper in seiner Umwelt

Arbeit an und mit dem Gefühl der Geschlechtszugehörigkeit

Körperarbeit zum Thema sexuelle Selbstsicherheit

Körperarbeit zum Thema Attraktionskodes

6.3.3 Der Körper in der sexuellen Begegnung mit anderen

Erkundungsexperimente zur Aufmerksamkeitssteuerung

Spiel mit Aufmerksamkeit und Synchronisation

Regulierungsprozesse in den verschiedenen Aufmerksamkeitszentren

Steuerungsfähigkeiten des gemeinsamen Prozesses

Prozessregulation durch Bewegungsqualitäten

Prozessregulation durch Führen und Folgen

Verwandtschaft zum Hamburger Modell

6.4 Die Körper im therapeutischen Prozess

7 Sexuelle Funktionsstörungen

7.1 Perspektive des Embodiment

7.2 Lust auf Sex (Begehren)

7.2.1 Lustlosigkeit

Klassifikation

Perspektive des Embodiment

Leitkriterien

Therapeutisches Vorgehen

Sexuelle Resilienz und sexuelle Intelligenz

Sekundäre Lustlosigkeit

7.2.2 Hypersexualität – zu viel Verlangen?

7.2.3 Larvierte Lustlosigkeit

7.3 Lust beim Sex

7.3.1 Erregungs- und Emotionsregulation unmittelbar vor einer sexuellen Interaktion

Arbeit mit den unterschiedlichen Zuständen und Befindlichkeiten

Differenzierung in Emotionen, Kognitionen und somatische Marker

Arbeit an der Erwartungshaltung

Notfalltechniken

7.3.2 Steuerung der sexuellen und emotionalen Erregung beim Sex

Dyspareunie und Vaginismus

Erektionsstörungen

Ejaculatio praecox (EP)

7.3.3 Selbststeuerung am Ende des sexuellen Erregungszyklus (Anorgasmie, Anejakulation)

Anorgasmie bei Männern

Anorgasmie bei Frauen

Anorgasmie bei trans* und inter* Personen

7.4 Störungen der sexuellen Kompatibilität

III

 Resümee

8 Vorteile des Embodiment als Metatheorie

8.1 Embodiment als Metatheorie des Sexocorporel

8.2 Embodiment in anderen psychotherapeutischen Kontexten

8.3 Embodimentorientierte Sexualtherapie in Kombination mit anderen Sexualtherapien

8.4 Embodiment als Metatheorie für die Sexualtherapie

9 Zur Kritik am Sexocorporel

ANHANG

Informationen zum Sexocorporel

Aus- und Weiterbildungen

Veröffentlichungen

Literaturverzeichnis

Glossar

Geleitwort

Na endlich! Seit Jahren sind die Vertreter des Approche Sexocorporelle dabei, in intensiven und gründlichen Weiterbildungen ihren Ansatz zu unterrichten und zu verbreiten. Mündlich. Als »oral tradition«. Warum jahrzehntelang keiner der sprachmächtigen und auftrittsstarken Hauptvertreter sich ans Schreiben gemacht hat, ist ihr gut gehütetes Geheimnis. Dabei wäre es gerade für diejenigen, die das Lesen als verbreitete Kulturtechnik schätzen und die vielleicht die im Gruppenklima des Seminars erfahrene Konzeption noch einmal in Ruhe überdenken wollen, eine gute Vertiefungsmöglichkeit.

Nun ist mit dieser Enthaltsamkeit Schluss. Und das ist gut so. Michael Sztenc hat mit »Embodimentorientierte Sexualtherapie« ein Buch vorgelegt, das theoretische Flughöhe mit praxisnaher Erdung verbindet. Dabei macht er es Leserinnen und Lesern nicht leicht. Er fordert einen ganz schön, gerade in der ersten Hälfte, in welcher er seinen Zugang zur Theorie des Embodiment sehr präzise ausführt – mit dem »Charme einer Denksportaufgabe«, wie er selbst sagt. Also ziemlich brainy. Aber es schadet ja nicht, wenn man etwas intellektuelle Anstrengung braucht, um z. B. den Unterschied zwischen enacted, extended und enagiert zu verstehen. Das ist zwar passagenweise nicht ganz süffig, aber mir gefällt es, dass Michael Sztenc den Sexocorporel-Ansatz so ausführlich theoretisch begründet, gerade weil sonst der Reichtum an körperorientierten Vorgehensweisen die weniger theorie-affinen »Tooligans« leicht verlocken kann, wahllos drauflos zu intervenieren.

Dass es um eine Theorie der embodimentorientierten Sexualtherapie geht und nicht einfach um ein paar kreative Körperübungen mehr, zieht sich als überzeugender Refrain durch das ganze Buch. Man mag ja (wie z. B. ich) die Typologie von Erregungsmodi ein bisschen überbewertet finden. Aber sie ist konsistent begründet und passt zur Theorie. Immerhin ist der Ansatz des Sexocorporel der einzige Sexualtherapie-Ansatz, der diese theoretisch begründet.

So verdient man sich das, was den zweiten Teil des Buches ausmacht: die schwungvolle Talfahrt zur Praxis! Von der Philosophie der Verkörperung zur Beckenschaukel. Vom Narziss zum Goldmund. Dieser Teil lebt vom Vergnügen an der Anschauung von lebendigen Menschen und vitalen »Aufgaben«. Die Fallbeispiele sind instruktiv und anschaulich. Auch wenn sie angenehm kurz gehalten sind, ist spürbar, dass Michael Sztenc nicht nur einen klaren Kopf für die Technik, sondern auch ein Herz für die Klient*innen hat. Da schreibt ein achtsamer Leidenschaftsermöglicher mit professioneller Klugheit und gut dosierter Empathie.

Mit ein paar abgrenzenden Sidesteps zur Systemischen Sexualtherapie und zum Hamburger Modell markiert der Autor sein Terrain, um dann gleich über schulenübergreifende Integration nachzudenken. Recht so! Praktische Integration verlangt klare theoretische Unterscheidungen. Mit diesem Buch sind jetzt aus meiner Sicht die Voraussetzungen gegeben, sich über die Unterschiede und Vereinbarkeiten der verschiedenen Sexualtherapieschulen auseinanderzusetzen. Na dann mal los!

Ulrich Clement

Heidelberg, im März 2020

Zum Autor

Mein Name ist Michael Sztenc, ich bin Diplompsychologe, Klinischer Sexologe ISI (Institut Sexocorporel International), Paar- und Sexualtherapeut, Sexualpädagoge, Gastdozent an der Hochschule Merseburg für Klinische Sexologie, ISI‑Ausbilder für Sexocorporel und Alba-EmotingTM-Teacher.

Ich bin Vorstandsmitglied des Instituts Sexocorporel International und Gründungsmitglied des Instituts für Embodiment und Sexologie sowie des Instituts Sexocorporel Deutschland.

In der therapeutischen Arbeit verbinde ich systemisches Denken mit körperorientiertem Handeln. Die Theorie des Embodiment liefert mir die epistemologischen Grundlagen dafür. Seit ich 2009 mit dem Sexocorporel in Berührung kam, fasziniert mich dieser Ansatz mit seiner konsequenten Berücksichtigung der Rolle des Körpers in all seiner Vielfalt.

Danksagung

Bedanken möchte ich mich bei allen Teilnehmenden meiner Seminare, Weiterbildungen und Workshops sowie bei all meinen Klient*innen! Es gibt kein besseres Lernfeld für mich.

Mein besonderer Dank geht an Sergio Lara Cisternas, von dem ich nicht nur seine Variante des Alba EmotingTM lernen durfte. Er hat mir die Ideen seines Freundes Francisco Varela nähergebracht und mir gezeigt, dass Embodiment viel mehr ist als nur eine Theorie. Bei Beverly Jahn bedanke ich mich für die vielen Stunden embodimentaler Fachsimpelei in Theorie und Praxis.

Ich bedanke mich bei Adele Gerdes, die mir eine Machete samt Kompass in die Hand gegeben hat, als ich mich im philosophischen Dschungel des Embodiment verlaufen hatte. Wertvolle Rückmeldungen habe ich von meinen Probeleser*innen bekommen: Werner Huwiler, Angelika Eck, Birte Nachtwey, Christoph Burkhardt und Volker Kalmbacher. Vielen herzlichen Dank für eure Zeit und euren Hirnschmalz!

Danke auch an Yvi und Florian, in deren Garten der Großteil dieses Buches entstanden ist.

Ein großes und sehr praktisches Dankeschön geht an Heike Kusterer, (m)eine geniale Physiotherapeutin, und Katrin Scherer, die in ihrer Körperschule in Saarbrücken so wundervolle Arbeit leistet. Neben vielen Inspirationen gab es hier nach all den Schreibtischstunden immer wieder Aufrichtung.

Ein sehr spezielles Dankeschön sage ich den Maori Neuseelands, deren Haka mich seit einigen Jahren auf vielfältige Art und Weise begleitet.

Und natürlich bedanke ich mich bei den vielen Menschen, von und mit denen ich Sexocorporel lernen durfte: Werner Huwiler, Linda Andreska, Karol Bischof, Stephan Fuchs, Wolfgang Kostenwein, Peter Gehrig, Francesca Galizia Thiele, Claude Roux-Deslandes, Martine Costes-Peplinski und viele andere mehr.

Last but not least geht ein riesengroßes Dankeschön an die, die sich mit mir am meisten darüber freut, dass dieses Projekt endlich abgeschlossen ist: meine Frau Susanne. Ich danke dir für dein Geben und Nehmen, dein Machen und Geschehenlassen, dein Fördern und Fordern und für all deine Liebe!

I

Grundlagen

1 Einleitung

Man kann nicht nicht kommunizieren mit dem Körper arbeiten.

(In Anlehnung an Paul Watzlawick)

Dieses Buch überträgt die Theorie des Embodiment auf die Sexualtherapie und entwickelt anhand des Sexocorporel-Ansatzes eine embodimentorientierte Sexualtherapie. Es verbindet damit eine umfassende Theorie des Verhältnisses zwischen Körper und Geist mit einem psychotherapeutischen Spezialgebiet. Obwohl Embodiment und Sexualtherapie gut zusammenpassen und viel miteinander zu tun haben, wurden sie bisher noch nicht wirklich systematisch in Verbindung gebracht.

Beide Felder sind alles andere als neu. Die Frage, ob und was Körper und Geist miteinander zu tun haben, beschäftigt Philosoph*innen sowie Forschende der ganzen Welt seit der Antike. Und wenn man Sexualtherapie als eine Sonderform der Psychotherapie betrachtet, hat auch diese eine lange Tradition.

Mit der Entwicklung von neueren Theorien über z. B. dynamische Systeme oder über künstliche Intelligenz, durch Erkenntnisse der (Epi-)Genetik oder auch der Neurobiologie wurde die alte Diskussion über das Verhältnis von Materie/Körper und Geist wieder neu aufgelegt und lange geltende Sichtweisen wurden in Frage gestellt. Es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass der Körper-Geist-Dualismus, die »gute alte cartesianische Spaltung«, ersetzt werden sollte durch eine Sichtweise, die Körper und Geist nicht mehr grundsätzlich trennt, sondern als Einheit betrachtet.

In der Psychotherapie ist ein ähnliches Umdenken am Werk. Die Psychoanalyse, wie Freud sie formulierte, war stets körperorientiert. Es ging Freud immer um eine Verankerung des psychischen Erlebens in körperimmanenten Trieben und Kräften. Auch seine Phasenlehre entwickelte sich entlang der körperlichen Entwicklung von oral über anal zu genital.

Der Behaviorismus als Gegenbewegung dazu orientierte sich am Pragmatismus: klare Reiz-Reaktions-Ketten, durch Lerngesetze determiniert und beschreibbar. Das subjektive Erleben wurde der Blackbox zugeordnet, von deren Komplexität man besser die therapeutischen Finger lässt. Die zweite Welle der Verhaltenstherapie hat die Blackbox geöffnet und zumindest die Kognitionen herausgeholt. Die neue, damals revolutionäre Idee war, dass Gedanken durchaus in der Lage sind, die Reiz-Reaktions-Kette zu modifizieren. Die dritte Welle der Verhaltenstherapie öffnet die Blackbox noch weiter und berücksichtigt auch die Emotionen. Womit sie zwangsläufig beim Körper landet. Das Neue daran war bzw. ist die Vorstellung, dass sich Verhalten gestalten lässt, indem die innere Aufmerksamkeit, die sogenannte Achtsamkeit, auf die körperlichen Prozesse gerichtet wird, die mit Emotionen und Kognitionen einhergehen.

Damit hat die moderne Verhaltenstherapie eine Wirkweise entdeckt, derer sich die humanistischen Therapien schon lange bedient haben. Den humanistischen Vertretern war es allerdings bisher nicht überzeugend gelungen, ihrem Handeln ein theoretisches Gerüst zu unterlegen, das den jeweils zeitgenössischen Ansprüchen an Wissenschaftlichkeit genügte. Gerade im Bereich der körperorientierten Psychotherapien, die überwiegend den humanistischen Ansätzen zuzuordnen sind, wurde oft auf ein ursprünglich von Reich entwickeltes Konzept einer allgemeinen Lebensenergie zurückgegriffen. Das passte zwar sehr schön zu Ideen der östlichen Philosophien, konnte aber in der westlichen Wissenschaft nie Fuß fassen.

Innerhalb der Psychotherapie hat die Sexualtherapie eine Sonderstellung. Lange galt sie nur als Nebendisziplin, denn die grundlegende Idee war, dass sich Sexualität wie selbstverständlich durch eine erfolgreiche Psychotherapie mitentwickelt.

In den 1970er-Jahren wurde die Sexualtherapie eine eigenständige Therapieform, die inzwischen zahlreiche Veränderungen und Entwicklungen durchlaufen hat. Allerdings findet sich in keinem der aktuell renommierten Systeme eine Berücksichtigung des Körpers in der Art, wie es das Modell des Embodiment beinhaltet. Eine Ausnahme ist zu nennen: der Ansatz des Sexocorporel.

Dieser Ansatz wird seit 2004 in Deutschland in Ausbildungen gelehrt und konnte sich inzwischen innerhalb der Sexualtherapien etablieren. Er ist nicht unumstritten, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, dass viele Behauptungen aufgestellt werden, ohne sie wissenschaftlich kausal zu begründen. Das Konzept des Embodiment als Metatheorie füllt genau diese Lücke und macht den Sexocorporel anschlussfähig an bestehende wissenschaftliche Theorien.

Dieses Buch verfolgt drei Ziele:

Embodiment wird als Metatheorie vorgestellt mit der Absicht, stärker auf die Rolle des Körpers in der Psychotherapie zu fokussieren. Es geht dabei nicht darum, einzelne Elemente zu berücksichtigen, wie z. B. erlebnisaktivierende Methoden oder den körperlichen Ausdruck von Emotionen vermehrt einzubeziehen. Es geht vielmehr darum, den Körper als Basis des menschlichen Welterlebens zu betrachten und davon ausgehend ein sexualtherapeutisches System zu entwickeln.

Die hier vorgestellte Sexualtherapie basiert auf dem Ansatz des Sexocorporel. Der Sexocorporel ist ein ausgefeiltes Behandlungssystem, ihm fehlt allerdings eine wissenschaftliche Basis. Die vorliegenden Modelle, mit denen die therapeutische Vorgehensweise begründet wird, sind kaum ausformuliert und genügen modernen wissenschaftlichen Ansprüchen nicht. Ein mögliches Modell wird hier mit dem Embodiment entwickelt und dem Sexocorporel zur Verfügung gestellt.

Ein embodimentorientierter Ansatz versteht sich nicht in Konkurrenz zu den (in Deutschland) bestehenden Sexualtherapien. Es wird hier eine Perspektive entwickelt, die in anderen Systemen fehlt, als nebensächlich betrachtet wird oder nur in Teilaspekten berücksichtigt ist. Wenn Wechselwirkungen und gegenseitige Beeinflussungen als entscheidend betrachtet werden, dann macht das auch vor therapeutischen Systemen nicht halt. Ein drittes Ziel ist somit eine Einladung zum konstruktiven Austausch mit anderen sexualtherapeutischen Ansätzen. Konkret bestehen besonders zur Systemischen Sexualtherapie und zum Hamburger Modell zahlreiche Anschlussmöglichkeiten.

Die Quintessenz des Buches lässt sich auf einen Satz reduzieren: Sexualität ist verkörpert. Das klingt so banal und simpel, dass die meisten Sexualtherapeut*innen erst einmal zustimmen könnten. Natürlich hat Sex mit dem Körper zu tun, aber: Wieso muss man über eine Selbstverständlichkeit ein Buch schreiben?

Gegenfrage: Wenn das so selbstverständlich wäre, wieso wird der Körper dann in Sexualtherapien so wenig berücksichtigt? In der Sexualtherapie wird viel von Begehren gesprochen, dabei wird die Intentionalität der Beteiligten fokussiert: Was wollen die? Was sind ihre wahren Bedürfnisse, Motivationen und Absichten, die sie in sexuelle Handlungen bringen – oder sie vermeiden lassen? Der Körper hat dabei die Rolle der Trägersubstanz, die den Kopf trägt, in welchem sich das Hirn befindet, in dem sich das Wichtige abspielt.

Es ist nicht so, dass der Körper gar nicht in die Sexualtherapie einbezogen wird – schließlich sitzen ja Körper im Therapieraum und tun etwas miteinander. Aber auch wenn auf das körperliche Tun fokussiert wird, wie z. B. in den Übungen des »Sensate Focus«, wird das Geschehen auf seine Bedeutung untersucht, die es für die gemeinsame Beziehung hat. Die direkte Interaktion »Wer tut was wie? Welche Handlung entsteht, welches Erleben?« bildet nur den Hintergrund, von dem auf Bedeutung geschlossen wird. Diese Bedeutung ist, wie im Folgenden dargestellt wird, eine verkörperte.

Wer die Hoffnung hat, innerhalb der körperorientierten Psychotherapie das Thema Sexualität ernsthaft behandelt zu finden, wird ebenfalls enttäuscht. Im »Handbuch der Körperpsychotherapie« (Marlock & Weiss, 2006) gibt es eine umfassende Darstellung bestehender körperpsychotherapeutischer Systeme. Es gibt darin ein einziges Kapitel1 mit 11 Seiten, das sich explizit mit Sexualität beschäftigt. Das Buch hat 999 Seiten.

Die Perspektive, die hier entwickelt wird, geht weit über eine simple Einbeziehung des Körpers hinaus. Sie legt den Körper, oder besser gesagt das Körperliche, dem sexuellen Geschehen zugrunde. Bei dem Tanz von Körper, Emotion, Kognition und Umwelt schreibt sie dem Körper die führende Rolle zu.

Dieses Buch versteht sich als ein erster Entwurf, der weiterentwickelt werden will. Der hoffentlich polarisiert und zu Widersprüchen ver-führt, der neue Fragen eröffnet und zu weiteren Er-Forschungen anregt.

Lässt man den Satz »Sexualität ist verkörpert« etwas wirken, taucht die Frage auf »Verkörpert? Was soll das sein?« Verkörperung bedeutet – ganz allgemein gesagt –, dass die Art und Weise, mit der die vorhandene körperliche Ausstattung genutzt wird, das Erleben und Verhalten dieses Organismus in seiner Umwelt bestimmt. Auf den Kontext menschlicher Sexualität in einer industrialisierten Leistungsgesellschaft übertragen: Die Art und Weise, wie ein Mensch etwas macht, also wie er mit seinem Körper seine Sexualität in Szene setzt (inszeniert/enagiert), geht damit einher, was er dabei körperlich wahrnimmt, fühlt und denkt. Gleichzeitig wirkt sich das, was ein Mensch während einer sexuellen Interaktion fühlt und denkt, auf seine körperlichen Prozesse aus. Das heißt, die Ebenen der Handlung, der körperlichen Wahrnehmung, des emotionalen und kognitiven Geschehens werden stets in ihren Wechselwirkungen berücksichtigt. Und das vor dem Hintergrund der Einbettung in einen soziokulturellen Kontext. So geht ein Kuss mit offenem Mund, weichen Lippen und tiefem Atem mit anderen Wahrnehmungen, Gefühlen und Gedanken einher als eine kurze Lippenberührung mit geschlossenem Mund und Spannung in den Lippen. Ein leidenschaftlicher Zungenkuss unterscheidet sich auf allen Ebenen von einem schnellen Verabschiedungskuss.

Das Buch beginnt mit einer Darstellung der Theorie des Embodiment und leitet daraus relevante Aspekte für die Sexualtherapie ab. Obwohl (bzw. weil) es um körperliches Erleben geht, hat die theoretische Ebene des Embodiment stellenweise den Charme einer Denksportaufgabe. Anschließend werden Forschungsergebnisse aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wiedergegeben, die die Grundannahmen des Embodiment veranschaulichen.

Das 5. Kapitel überträgt die Annahmen des Embodiment und Enaktivismus auf den Bereich der Sexualtherapie. Hier werden die Ableitungen aus dem theoretischen Grundgerüst für den Kontext Sexualtherapie konkretisiert und anhand des Sexocorporel sexualtherapeutisch umgesetzt. Daran schließt eine Beschreibung des therapeutischen Vorgehens an. Kapitel 6 beschreibt die prozesssteuernden Leitlinien und die grundlegenden Prinzipien der Interventionen. Im 7. Kapitel werden die klassischen sexuellen Funktionsstörungen aus einer embodimentalen Perspektive betrachtet. Daraus ergeben sich eine veränderte Einteilung und eine neue Kategorie der sexuellen »Störungen«. Eine Darstellung der Vor- und Nachteile der Kombination von Embodiment und Sexocorporel schließt das Buch mit den Kapiteln 8 und 9 ab.

Die wichtigsten Prinzipien wiederholen sich in den einzelnen Kapiteln, sodass die Kapitel auch einzeln lesbar sind. Diejenigen, denen die Unterschiede zwischen Extended- und Enacted-Mind geläufig sind, können die Kapitel 2 bis 4 getrost überspringen.

2 Embodiment: Theorie

Untersuchen Sie ein Baby, so viel Sie wollen, Sie finden niemals heraus, dass es ein Zwilling ist.

(Ezequiel Di Paolo)

2.1 Zum Begriff Embodiment

Embodiment ist ein sehr inflationär benutzter Begriff. Google findet über 35 Millionen Ergebnisse für den Suchbegriff Embodiment. Gerne wird es als Begründung für körperorientiertes Vorgehen oder Einbeziehung des Körpers herangezogen. Allerdings ist Embodiment ein sehr großes Feld, sodass mit der bloßen Erwähnung des Begriffes alles und nichts gesagt ist.

Eine erste Annäherung an eine befriedigende Definition von Embodiment liefert Geuter (2015, S. 82). Er nennt drei Ebenen, auf denen der Begriff verwendet wird:

Auf theoretischer Ebene wird Embodiment als wissenschaftliches Paradigma verwendet, bei dem von einer doppelten Einbettung ausgegangen wird: Der Geist ist »verkörpert« und diese Geist-Körper-Einheit ist in die Umwelt »eingebettet«. Das entspricht der Grundannahme des Enaktivismus, einer der Hauptthesen des Embodiment.

Auf einer phänomenologischen Ebene beschreibt der Begriff das Phänomen, »sich als man selbst über den eigenen Körper wahrzunehmen« (Giummara et al. 2008, S. 151). Diese Beschreibung spielt auf die Unterscheidung von Körper und Leib an: Der Leib ist der Körper, der man ist – im Gegensatz zum Körper, den man hat.

Auf klinischer Ebene wird Embodiment zur Beschreibung des Prozesses benutzt, »in dem der Patient körperlich wach für alle inneren Vorgänge wird (Aposhyan, 2004, S. 52 f.; Levine, 2011, S. 337) oder die sensorischen, emotionalen und geistigen Aspekte des Selbst innerhalb der Grenzen seiner körperlichen Struktur integriert« (Bloom, 2006, S. 5). Hier wird Embodiment im Sinne der Achtsamkeit interpretiert, als Fähigkeit, seine körperliche Befindlichkeit wahrzunehmen und zu steuern. Ist der eigene Körper »bewohnt«, spürt man ihn und erlebt sich darin »verankert«, oder man lebt im Modus des »Autopiloten«, ohne ein Gewahrsein dessen, wie Denken, Wahrnehmen und Lernen mit dem eigenen Körper verwoben sind. Auf dieser Ebene bezeichnet Embodiment den Aspekt der subjektiv erlebten Selbstwahrnehmung, was im Folgenden auch als organismische Gestimmtheit bezeichnet wird.

Jede der drei Ebenen bildet nur einen Teil des Embodiment ab und auch in ihrer Gesamtheit fehlen wichtige Aspekte.

Das verwirrende am Begriff Embodiment ist die Tatsache, dass er sowohl eine Gruppe von Ansätzen (der 4-E-Ansatz, ▶ Kapitel 2.2) als auch einen Ansatz innerhalb dieser Gruppe selbst bezeichnet, wodurch Kategorienfehler unvermeidlich sind. Leider wird dadurch oft unklar, auf welcher Ebene des Embodiment sich ein Autor befindet, wenn er von Embodiment spricht, und was genau damit gemeint ist.

»In a nutshell«, auf das Wesentliche reduziert, besteht die Gemeinsamkeit der verschiedenen Ansätze lediglich in der Aussage: Körper und Geist haben »etwas« miteinander zu tun. Die einzelnen Ansätze unterscheiden – und widersprechen – sich zum Teil sehr in ihren Ansichten, was denn genau Körper und Geist miteinander zu tun haben, was für das Verständnis nicht gerade hilfreich ist.

Als Bezeichnung für ein grundlegendes Paradigma umfasst Embodiment Theorien aus der Philosophie, der Kognitionspsychologie, der Emotionstheorie, der Soziologie, der Biologie, der Theorie dynamischer Systeme, der Informatik, der Künstlichen Intelligenz (KI) und anderer wissenschaftlicher Disziplinen. Des Weiteren haben sich verschiedene Forschungsbereiche dem Embodiment gewidmet. In den Kognitions- und Emotionswissenschaften, der KI-Forschung sowie auch in der Psychotherapieforschung wurde das Konzept aufgegriffen (▶ Kap. 3).

Eine umfassende Darstellung von Embodiment übersteigt den Rahmen dieses Buches, weshalb es sich auf die Teile des Konzepts beschränkt, die für die Bereiche Sexualität und Sexualtherapie von Bedeutung sind. Damit wird natürlich eine Auswahl getroffen, die im Dienste der Komplexitätsreduktion verschiedene Aspekte ausblendet.

In diesem Kapitel wird die Theorie des Embodiment genauer dargestellt, gefolgt von den Implikationen für Sexualität und den Anwendungsmöglichkeiten innerhalb der Sexualtherapie. Nach der kursorischen Darstellung des 4-E-Ansatzes wird der Enaktivismus ausführlich erläutert, weil dieser die relevanten Aspekte für die Sexualtherapie enthält.

Im Anschluss daran werden die wichtigsten Forschungsergebnisse zum Thema Embodiment dargestellt und die Aspekte zusammengefasst, die für den Kontext Sexualität allgemein und den Kontext Sexualtherapie im Speziellen von Bedeutung sind. Abschließend werden diese Erkenntnisse in den größeren Rahmen eines (sexuellen) Gesundheitsmodells gestellt.

2.2 Der 4-E-Ansatz: die Philosophien der Verkörperung

Embodiment steht als Überbegriff für den sogenannten 4-E-Ansatz. Die 4 E’s bezeichnen vier Modelle aus der Kognitionsforschung: Extended-Mind, Embedded-Mind, Embodied-Mind, Enactive-Mind. Innerhalb des 4-E-Ansatzes steht Embodiment synonym für die Theorie des Embodied-Mind und gilt als Sammelthese für das gesamte Modell (Fingerhut et al., 2013).

Nach dem 4-E-Ansatz wird der Geist betrachtet als

extended: erweitert über die Körpergrenzen,

embedded: eingebettet in die Umwelt,

embodied: eingekörpert/verkörpert,

enactive: enaktiv oder inszenierend-hervorbringend.

2.2.1 Extended-Mind – der erweiterte Geist

Die Theorie des Extended-Mind wird ebenfalls dem Embodiment zugeordnet, obwohl sie nicht zwangsläufig von einer Körper-Geist-Einheit ausgeht.

Das Extended-Mind-Modell bleibt in der Logik des sogenannten Sandwichmodells (▶ Abb. 2-1). Damit ist die Vorstellung gemeint, dass der Geist – wie eine Gurkenscheibe im Sandwich – zwischen den sensorischen Reizen aus der Außenwelt und den motorischen Handlungen nach der kognitiven Verarbeitung eingeklemmt ist.

Abb. 2-1 Sandwichmodell: Der Geist ist zwischen dem sensorischen Input und motorischen Output »eingeklemmt«.

Das entspricht dem (alten) behavioralen Grundgedanken: Ein Reiz trifft auf einen Organismus, wird vom wahrnehmenden Organ in das Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet. Als Reaktion erfolgt ein motorischer Output, begleitet von einigen Gefühlen und physiologischen Anpassungsreaktionen. Zentrale Be- und Verarbeitungsstelle ist das Gehirn. Es bildet den Schnittpunkt, das Interface, zwischen der reizaufnehmenden Sensorik und der handlungsvollziehenden Motorik. Geist und Körper bleiben prinzipiell voneinander getrennt, ebenso wie Kognition (Verarbeitung im Gehirn) und Emotion (körperliches Begleiterscheinen). Auch wenn dieses Modell in seiner modernen Variante beide Wirkrichtungen berücksichtigt (also vom Körper zum Geist und vom Geist zum Körper), bleibt der Grundgedanke der zweier, voneinander getrennter und unabhängiger Entitäten (Körper hier und Geist da). Das Hirn beinhaltet sozusagen den Geist und der Körper hat die funktionale Rolle, das Gehirn durch die Umwelt zu bewegen.

Nach der Idee des erweiterten Geistes bezieht der Geist nun Elemente der Umwelt in sein Handeln mit ein. Er erweitert sich über seine Körpergrenzen hinaus und dehnt sich in die Umwelt aus. Eine solche Erweiterung kann z. B. ein Notizbuch sein oder ein Smartphone.

Davon abzugrenzen ist das Phänomen der Einkörperung. Dabei wird ein externer Gegenstand, z. B. ein Blindenstock oder eine Prothese, Teil des Körperschemas. Solche Hilfsmittel werden quasi transparent und verlieren ihren Fremdkörpercharakter, weil die Umwelt direkt durch diese Hilfsmittel erfahrbar wird (Thompson & Stapleton, 2008).

2.2.2 Embedded-Mind – der eingebettete Geist

Die Idee des eingebetteten Geistes besagt, dass der Geist in seine Umwelt eingebettet ist. Damit ist gemeint, dass gewisse Elemente der Umwelt kognitive und mentale Prozesse unterstützen, ohne deshalb Teil derselben zu sein.

Gibson (1977) ging schon in den 1960er Jahren davon aus, dass die Trennung zwischen wahrnehmendem und bewertendem Subjekt einerseits und objektiv beschreibbarer Welt andererseits auf einem Weltbild beruht, das die Eigenart der biologischen Welt ignoriert. Die für ein Lebewesen relevanten Eigenschaften der Umwelt sind solche, die nur in Relation zum Lebewesen existieren. So hat z. B. dieselbe Eiche eine andere Eigenschaft für einen Biber als für ein Eichhörnchen: Für das Eichhörnchen ist sie Nahrungsquelle und Zufluchtsort, für den anderen ist sie Baumaterial.

Unterschiedliche Aspekte ein und derselben Welt zeigen sich unterschiedlich beschaffenen Organismen. Für einen Organismus sind die Objekte der Welt – je nach seiner organismischen Beschaffenheit – mit einem bestimmten Aufforderungscharakter ausgestattet, sogenannte Affordanzen (Gibson 1977). Um im obigen Beispiel zu bleiben: Eine Eiche bietet einem Eichhörnchen andere Affordanzen als einem Biber. Diese Affordanzen stellen sich dem Organismus unmittelbar, sie müssen nicht über den Umweg interner Repräsentationen im Gehirn interpretiert werden.

1. Transfer zum sexuellen Kontext

Die Idee der Affordanzen ist relevant für den sexuellen Kontext:

Welche Umweltangebote sind für eine Person sexuell relevant? Worauf reagiert sie wie? Was beeinflusst sexuelle Erregung?

Was kann eine Person, in der Rolle als Affordanz für andere, zum Ausdruck bringen? Was situiert sie für andere, kann sie z. B. andere für sich gewinnen oder sexuelle Interaktionen autonom gestalten?

2.2.3 Embodied-Mind – der verkörperte/eingekörperte Geist

Die Theorie des Embodied-Mind schreibt dem Körper die entscheidende Rolle bei der Entstehung mentaler Zustände zu: Mentale Zustände hängen von der körperlichen Beschaffenheit ab und umgekehrt. Zum Beispiel erfüllt der Sehsinn den Zweck des Sehens. Sehen kann auf sehr unterschiedliche Weisen geschehen: Es gibt Organismen, die haben Augen an der Seite des Kopfes, andere haben sie oben auf dem Kopf oder auch vorne. Die unterschiedlichen körperlichen Gegebenheiten werden zu unterschiedlichen optischen Wahrnehmungen und damit unterschiedlichen mentalen Zuständen führen. Aus dieser Grundidee entwickeln sich zwei wichtige Konsequenzen:

Wie ein Organismus die Welt erlebt, ist wesentlich durch seine organismische Beschaffenheit bedingt.

Eine spezifische körperliche Gestalt eines Organismus geht mit entsprechenden mentalen Zuständen einher.

Das bedeutet, mentale/geistige Eigenschaften spiegeln körperliche Eigenschaften wider und umgekehrt.

2. Transfer zum sexuellen Kontext

Übertragen auf menschliche Sexualität heißt das: Das Erleben sexueller Interaktionen ist eng mit der körperlichen Struktur, den körperlichen Handlungen und der körperlichen Gestimmtheit gekoppelt. Daraus folgt:

Eine embodimentorientierte Sexualtherapie muss sowohl die Beschaffenheit der Sexualorgane als auch die Art und Weise ihrer Nutzung berücksichtigen.

Der jeweiligen in einer sexuellen Situation bestehenden körperlichen Gestimmtheit kommt ebenfalls eine konstituierende Rolle beim subjektiven Erleben sexueller Interaktionen zu.

Der Enaktivismus geht noch einen Schritt weiter.

2.2.4 Enactive-Mind – der hervorbringende/inszenierende Geist

Die Theorie des Enactive-Mind (Enaktivismus) betrachtet Körper und Geist als Einheit. Er wendet sich völlig gegen eine Vorstellung, dass der Körper eine Puppe ist, die vom Gehirn gesteuert wird.

Unsere Sprache zwingt uns, in Entitäten und deren Wechselbeziehungen zu denken. So denken wir quasi zwangsläufig in Dichotomien: Körper – Geist, Körper – Hirn, Inhalt – Form, objektive Tatsachen – subjektives Erleben. Enaktivismus ist der Versuch, eine Dichotomie »in ein flüssiges, dynamisches, kontinuierliches Werden von Körpern in Handlung« zu transformieren (Di Paolo et al., 2018, S. 111; Übersetzung des Autors).

Der Enaktivismus geht von einer doppelten Einbettung des Geistes aus:

Wie im Embodiment wird der Geist als verkörpert, als in den Körper eingebettet betrachtet. Von der Bedeutung her wären Ein-körperung wie Ver-körperung als Übersetzung möglich. Die Formulierung der Verkörperung hat sich durchgesetzt und wird auch in diesem Buch beibehalten.

Diese Körper-Geist-Einheit (Organismus) ist in ihre Umwelt eingebettet und interagiert mit ihr wechselseitig.

Diese Körper-Geist-Einheit verhält sich nicht einfach in der Welt, sie verhält sich kontinuierlich zur Welt (Merleau-Ponty, 1966). Damit wird die Welt als Umwelt immer konstituierend miteinbezogen:

»Die Welt ist nicht nur eine Quelle von Informationen, die der Organismus zu verarbeiten hat. Die Welt ist kausal und konstitutiv involviert in die Handlungen und Wahrnehmungen des Organismus.« (Di Paolo et al., 2018, S. 49; Übersetzung des Autors.)

Während das funktionalistische Paradigma die Wirkungsrichtungen vom Organismus zur Umwelt bzw. von der Umwelt zum Organismus betrachtet, fokussiert der Enaktivismus auf das dritte Element »dazwischen«: auf die Beziehung zwischen den beiden und ihre Interaktionen. Die Kernthese des Enaktivismus lautet: Der menschliche Organismus bringt seine Welt aktiv gestaltend hervor, er nimmt sie nicht nur passiv wahr oder als etwas von ihm Getrenntes. Er repräsentiert nicht die Welt in seinem Gehirn, um sie dort zu verarbeiten, er interagiert direkt mit ihr, nämlich mit und durch seine Körper-Geist-Einheit. Deutlich wird das beispielsweise beim Musizieren. Ist eine Musikerin »in der Musik«, benutzt sie ihr Instrument wie einen Teil ihres Körpers, sie nimmt die Musik wahr, die sie macht, und die, die gemeinsam mit anderen entsteht. Sie inkorporiert ihr Instrument und exkorporiert damit die Musik in ihr.

»To enact« bedeutet zum einen, etwas zu inszenieren, etwas in Szene zu setzen oder auch eine Situation zu schaffen (zu situieren), und zum anderen, etwas zu deklarieren, wie z. B. ein Gesetz oder eine Regel zu erlassen. Eine enaktive Theorie der Verkörperung beinhaltet somit zweierlei:

eine Theorie des gelebten Körpers, der subjektiven Erfahrung (Erste-Person-Perspektive: Ich erlebe), wie sie von der Phänomenologie beschrieben wird;

eine Theorie des lebenden Körpers, des Organismus (Dritte-Person-Perspektive: Er – Sie – Es, mein Körper, die Hand, das Nervensystem), wie sie in systemtheoretischen oder ökologischen Theorien dargestellt wird (z. B. Fuchs, 2017).

Fuchs (2017) nennt dies den Doppelaspekt der Person.

3. Transfer zum sexuellen Kontext

Eine embodimentorientierte Sexualtherapie muss diesen personalen Doppelaspekt miteinbeziehen. Das heißt:

Sowohl bei der Beschreibung sexuellen Verhaltens als auch bei dessen Veränderung in der Sexualtherapie ist das subjektive Erleben der Beteiligten sowie das beobachtbare, objektivierbare intra- und interpersonale Verhalten zu berücksichtigen.

Eine enaktive Betrachtung von Sexualität muss bei der unmittelbaren sexuellen Interaktion beginnen: Was machen Menschen mit ihren Körpern, wenn sie Sex machen?

Phänomenologische und systemisch-ökologische Perspektiven sind unverzichtbar.

Der Enaktivismus stellt die theoretische Basis des hier vorgestellten Ansatzes dar und erhält deshalb mehr Aufmerksamkeit als die anderen Embodiment-Richtungen.

Der folgende Abschnitt beschreibt die Grundannahmen des Enaktivismus im Detail:

1. Autonomie. Ein lebender Organismus gilt als autonom, wenn er die Fähigkeit besitzt, sich selbst hervorzubringen und in seiner Umwelt am Leben zu erhalten. Auf der Ebene lebender Organismen wird dieser Prozess der Selbsterhaltung auch als Autopoiese bezeichnet (Varela et al., 1974). Dieses ursprünglich aus der Biologie stammende Konzept wurde auf Systeme im Allgemeinen bzw. soziale Systeme im Speziellen übertragen (z. B. Luhmann, 1984) und gilt als theoretische Grundlage der Systemischen Therapie. Leider ging den deutschsprachigen Systemiker*innen dabei der Körper mitsamt den Emotionen verloren. In den letzten Jahren bemüht sich die Systemische Therapie wie auch die systemische Sexualtherapie, den Bezug zu körperlichem Verhalten und Erleben wiederherzustellen (z. B. Ludewig, 1998; Wagner & Russinger, 2016; Eck, 2016).

4. Transfer zum sexuellen Kontext

Der Enaktivismus, wie er von Varela et al. (1991) konzipiert wurde, hat dieselben epistemologischen Wurzeln wie die Systemische Therapie. Für eine embodimentorientierte Sexualtherapie sollte es grundsätzlich möglich sein, eine Brücke zur systemischen Sexualtherapie zu schaffen und beide Systeme als wechselseitig inspirierend zu betrachten.

Thompson und Stapleton (2008) nennen drei Bedingungen, die ein System erfüllen muss, um als autonom zu gelten: »Die konstituierenden Prozesse

müssen wechselseitig voneinander abhängen und so ein Netzwerk generieren,

bilden gegenüber ihrer Umwelt ein geschlossenes System und

bestimmen einen Bereich von möglichen Interaktionen mit der Umwelt.« (Thompson & Stapleton, 2008, S. 25.; Übersetzung des Autors)

Was lebende Organismen zu kognitiven Wesen macht, ist, dass sie selbständig ihre Umwelt-Interaktionen regulieren. So macht sich der Organismus die Welt zur Umwelt.

Zusammengefasst: Ein lebender Organismus reguliert seine internen Prozesse so, dass er am Leben bleibt und sich fortpflanzt. Gleichzeitig gestaltet er Interaktionen mit der Umwelt selbstständig und auf für ihn sinnhafte Art. Der Organismus bringt somit seinen eigenen kognitiven Raum hervor (Thompson & Stapleton, 2008). Er schafft Bedeutung und kreiert Sinn: Sense-Making.

2. Sense-Making. Sense-Making ist einer der grundlegenden Begriffe des Enaktivismus, weshalb die englische Bezeichnung beibehalten wird. Er beschreibt die aktive Herstellung bzw. Hervorbringung von Bedeutung durch Handeln. Geht es bei der Autopoiese noch um die reine Selbsterhaltung, so ist Sense-Making der nächste Schritt. Der Organismus bewegt sich in und verhält sich zur Welt gemäß seiner sensomotorischen Ausstattung. Autonomie wird zur adaptiven Autonomie, aber nicht im Sinne passiv verstandener Anpassung. Aufgrund seiner körperlichen Ausstattung bringt er bestimmte regelhafte Vorgestalten (Conrad, 1947) hervor, für die bevorzugte Interaktionsbereitschaften bestehen. Die Umwelt bietet wiederum mit ihren Gegebenheiten für diesen Organismus relevante Affordanzen (▶ Kap. 2.2.2). Passen beide zusammen, schließt sich dieser Funktionskreis zu einer sinnvollen Interaktion.

Als Paradebeispiel für diesen Prozess wird häufig ein Experiment angeführt, in dem gezeigt wird, dass bewegliche Bakterien sich in einer Zuckerlösung mit verschiedenen Konzentrationen an die für sie optimale räumliche Position bewegen (z. B. Thompson, 2007; Varela, 1991). Die Fähigkeit der Bakterien, sich zu diesem Ort hinzubewegen, sehen Enaktivist*innen als eine Form der Kognition, was deutlich macht, dass der Kognitionsbegriff sehr weit gefasst ist: Jede Form der Umweltbewertung und der Interaktion mit der Umgebung wird prinzipiell als kognitive Leistung verstanden.

Ein autopoietischer Organismus ist operational geschlossen: Die Prozesse, die die Aufrechterhaltung seiner selbst gewährleisten, finden innerhalb der Grenzen dieses Organismus statt (in der sog. operationalen Domäne). Der Organismus hat also gegenüber der Umwelt klare Grenzen, gleichzeitig ist er mit der Umwelt strukturell gekoppelt: Der Organismus bewegt sich in der Welt und verhält sich zur Welt, je nach seinen organismischen Möglichkeiten (die sog. relationale Domäne) (Maturana & Varela, 1980).

Kognition wird von der klassischen Kognitionswissenschaft der operationalen Domäne zugeordnet. Sie findet demnach innerhalb des Organismus statt, genauer gesagt im Gehirn. Das ist die Stelle, an der der Enaktivismus eine komplett andere Sichtweise hat: Er ordnet Kognition der relationalen Domäne zu. Kognition (und damit Bedeutung) ist demnach etwas, was aus der Interaktion des Organismus mit der Umwelt hervorgeht. Die Bedeutung wird nicht durch interne Verarbeitung errechnet, sondern entsteht durch regelhaftes Verhalten zur Umwelt. Es macht also wenig Sinn, diese Bedeutung ausschließlich im Organismus (bzw. im Gehirn) zu lokalisieren.

Natürlich kommt dem Gehirn bei diesem Prozess eine entscheidende Rolle zu, aber es ist in der Logik des Enaktivismus nicht der Ort, an dem Kognition entsteht oder zu lokalisieren ist: »Kognition ist Sense-Making in Interaktion […] Kognition ist immer ein Prozess, der in der relationalen Domäne auftaucht […]. Sie können ein Baby untersuchen, wie Sie wollen, Sie finden niemals heraus, ob es ein Zwilling ist.« (Di Paolo, 2009, S. 16; Übersetzung des Autors). Damit kommt dem Körper und seinen Wahrnehmungsfähigkeiten aufgrund seiner sensomotorischen Ausstattung eine entscheidende Rolle zu.

Autonomie und Sense-Making sind die grundlegenden Konzepte des Enaktivismus und wurden hier sehr verkürzt dargestellt. Die Diskussionen innerhalb der verschiedenen Strömungen des Enaktivismus (autopoietischer/autonomistischer, sensomotorischer, radikaler Enaktivismus) sind zwar erkenntnistheoretisch interessant, aber für die vorliegende Arbeit mit dem Ziel einer pragmatischen Umsetzung irrelevant.

5. Transfer zum sexuellen Kontext

Die Konzepte der Autonomie und des Sense-Making machen die Fähigkeit zur Selbststeuerung zu einem zentralen Aspekt des Körpers in einer embodimentorientierten Sexualtherapie: Die homöostatische Selbstregulation muss als grundlegend betrachtet werden. Diese kommt sowohl in der Steuerung sexueller Erregung zum Ausdruck als auch in der Emotionsregulation während einer sexuellen Situation. Damit ist eine erste körperliche Ebene benannt: homöostatische Selbstregulation.

3. Sensomotorische Kontingenzen. Wenn ein Organismus dadurch Sinn kreiert, dass er sich mit seinen organismischen Möglichkeiten in der Umwelt verhält, kommt seinem Körper, seiner organismischen Beschaffenheit, eine zentrale Rolle zu. Die Art und Weise, wie er sein Sensorium in die Interaktion einbringt, bestimmt die subjektiven Erfahrungen, die er erleben wird.

Wahrnehmung geschieht dem Enaktivismus nach nicht durch passive Abbildung eines Sinnesreizes und dessen Verarbeitung im Gehirn. Wahrnehmung ist stattdessen immer mit einer Handlung verbunden, und so wie die Handlung die Wahrnehmung beeinflusst, beeinflusst die Wahrnehmung die Handlung. Handlung und Wahrnehmung konstituieren sich also gegenseitig, was durch den Begriff der »Handlung-Wahrnehmung« (engl.: action-perception) zum Ausdruck gebracht wird. Zur Verdeutlichung, dass sich Handlung und Wahrnehmung nicht voneinander trennen lassen, werden beide Begriffe im Folgenden immer in Kombination benutzt. So hat z. B. die sensorische Wahrnehmung einer Lenkrakete direkte Wirkung auf ihre Motorik, was wiederum ihre Wahrnehmung moduliert, die wiederum die Bewegung/Handlung anpasst und so weiter (O’Regan & Noë, 2001).

Für den Enaktivismus ist Wahrnehmung eine Art der Interaktion mit der Umwelt und entsteht durch die regelhafte Anwendung sogenannter sensomotorischer Kontingenzen. Damit ist die Struktur der Regeln gemeint, die die Veränderungen in den Sinnesreizungen durch verschiedene Bewegungsaktivitäten steuern. Übertragen auf das Beispiel der Lenkrakete: »Das Raketenlenksystem ist abgestimmt auf die sensomotorischen Kontingenzen, die Flugzeugverfolgung ausmachen.« (O’Regan & Noë, 2001; übersetzt in Fingerhut et al., 2013, S. 337) Die Lenkrakete steuert sich durch und mit ihren sensomotorischen Kontingenzen zur Verfolgung von Flugkörpern. Allerdings hat eine Lenkrakete kein Bewusstsein, sie schafft sich keinen eigenen Sinn, und Selbsterhaltung ist schon gar nicht ihr Ziel. Ein weniger militantes Beispiel wäre ein Kleinkind, das lernt, Eis zu schlecken. Die Sensorik an Mund, Backen und Zunge gibt Feedback, ob die Hand das Eis an die richtige Stelle bringt.

Jede Sinnesmodalität hat ihre eigenen sensomotorischen Kontingenzen. Die Kontingenzen werden zum einen durch die Beschaffenheit der Sinnesorgane festgelegt und zum anderen durch die Beschaffenheit der Objekte. Des Weiteren »muss ein Organismus auf die Gesetze der sensomotorischen Kontingenzen abgestimmt sein. Das heißt, er muss seine Beherrschung (engl.: mastery) dieser Gesetze aktiv zur Anwendung bringen. [… Die Anwendung der sensomotorischen Kontingenzen macht] nur im Kontext des Verhaltens und der Absichten des Systems oder Individuums in seinem habituellen Umfeld Sinn.« (ebd., Hervorhebungen im Original).

Sensomotorische Kontingenzen folgen Regeln und Gesetzmäßigkeiten, auch wenn diese nicht direkt bewusst sind. Menschen benutzen beispielsweise auch Sprache ohne exakte Kenntnisse der zugrunde liegenden grammatikalischen Regeln. Vereinfacht gesagt geht es darum, dass sowohl Form als auch Inhalt einer Wahrnehmung (was und wie wahrgenommen wird) durch ein Knowing-How entstehen, also durch das regelhafte Verbinden von Sensorik und Motorik.

Buhrmann et al. (2013) spezifizieren die Aussagen wie »ein Organismus muss abgestimmt sein« oder »Beherrschung der sensomotorischen Kontingenzen«. Sie untersuchten sensomotorische Kontingenzen unter der Perspektive dynamischer Systeme und unterscheiden vier Ebenen, die sie im Robotermodell auf ihre Nützlichkeit überprüften:

Sensomotorische Umgebung: Die sensomotorische Umgebung ist für alle Organismen mit derselben körperlichen Beschaffenheit am selben Ort gleich. Auf dieser Ebene beschreibt eine sensomotorische Kontingenz lediglich die Veränderung eines sensorischen Reizes durch eine Bewegung. Zum Beispiel macht der Druck der Finger auf einen Schwamm sensorische Reize.

Sensomotorische Umwelt (Habitat): Sensomotorische Kontingenzen auf dieser Ebene sind individuell für den einzelnen Organismus. Sie beschreiben, wie ein lebendiger Körper sich durch die sensomotorische Umgebung steuert. Auf dieser Ebene kommt zur körperlichen Beschaffenheit die körperliche Befindlichkeit ins Spiel. Wenn die sensomotorische Umgebung den Raum beschreibt, in dem sich der Organismus befindet, so beschreibt die sensomotorische Umwelt die Handlungen, die in diesem Raum stattfinden: Ein Mensch in einem Zimmer kann z. B. sitzen, stehen oder liegen. Oder, um bei dem Beispiel der Autor*innen mit dem Schwamm zu bleiben: Der Schwamm kann maximal gedrückt werden, oder auch so minimal, dass er gerade nicht aus der Hand herausfällt.

Sensomotorische Koordination: Auf dieser Ebene werden sensomotorische Kontingenzen stabil und erfüllen zielgerichtet einen Zweck für den Organismus. Zum Beispiel gibt das Zusammenpressen der Finger eine Information über die Weichheit eines Schwammes oder seine Feuchtigkeit.

Sensomotorische Strategien: Komplexe Aufgaben zu erledigen, erfordert die Vernetzung verschiedenster sensomotorischer Koordinationen. Die Bildung der Regeln, mit denen die Auswahl und Anwendung erfolgt, findet auf der Ebene sensomotorischer Strategien statt. So wäre es durchaus möglich, den Schwamm auf sehr verschiedene Arten auf seine Feuchtigkeit zu testen (mit der flachen Hand gegen einen Gegenstand pressen, im Kreis schleudern etc.). Wenn das Pressen mit der Hand die Aufgabe in einer Situation am besten löst, wird dies zur bevorzugten Strategie.

Die Autor*innen beschreiben damit auf einer sehr formalen Ebene körperliches Lernen, genauer gesagt das Lernen von Wahrnehmung in Verbindung mit Handlung. Das Anwenden sensomotorischer Kontingenzen ist eine Fertigkeit, eine Handlung, die über die gesamte Lebensspanne hinweg gelernt wird und veränderlich bleibt. Die Fähigkeit zur Anwendung dieser Regeln verändert sich mit ihrer Ausübung. Nützliches wird gelernt, altes verlernt, und dieser Prozess läuft so lange, wie ein Organismus am Leben ist.

Diesen Lernprozess untersuchten Di Paolo et al. (2014) genauer. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die enaktive Grundannahme, dass jeglicher Wahrnehmung ein Verständnis unterliegt, das durch aktives sensomotorisches Engagement des Organismus in und mit seiner Umwelt entstanden ist. Sie gehen der Frage nach, wie ein Organismus Neues lernt, und beziehen sich dabei auf Piaget.

Der Gedanke, dass Sensomotorik eine wichtige Rolle spielt, ist alles andere als neu. Er findet schon in den Anfangszeiten des Behaviorismus Beachtung (z. B. Hull, 1937, 1943). Eine frühe systematische Beschäftigung mit sensomotorischen Schemata ist Piagets Äquilibrationstheorie (z. B. 1936, 1975). Äquilibration meint den Prozess der organismischen Selbstregulierung, mit dem der Organismus eine Spannung zwischen sich und der Umwelt reguliert. Dabei stehen ihm zwei Arten von Prozessen zur Verfügung:

Assimilation: das Anwenden bestehender sensomotorischer Schemata

Akkommodation: das Anpassen bestehender sensomotorischer Schemata oder deren Neubildung

Störungen der Äquilibration, also des Gleichgewichts zwischen Anwendung bestehender Schemata und deren Veränderung/Neubildung, sind unvermeidlich und bilden sozusagen die Quelle jeglichen Lernens. Sie treiben Entwicklung voran. Piaget benennt zwei Arten von Störungen: Hindernisse und Widerstände einerseits und sogenannte Lacunae (Lücken in der bestehenden Organisation) andererseits. Äquilibrationsprozesse vollziehen sich nicht nur in der Interaktion zwischen Organismus und Umwelt, sondern auch zwischen einzelnen bzw. Gruppen von sensomotorischen Schemata und auch zwischen einem Schema und dem System als Ganzem.

Di Paolo et al. greifen das Piaget’sche Konzept auf und überführen es in die Theorie dynamischer Systeme. Sie beantworten damit einige Fragen, die die ursprüngliche Theorie sensomotorischer Kontingenzen offenließ:

Der stetige Prozess der Äquilibration führt zur permanenten Entwicklung sensomotorischer Kontingenzen, die verändert und verbessert werden, bis eine gewisse Beherrschung und Meisterschaft in ihrer Anwendung besteht.

Meisterschaft besteht dann, wenn die meisten Störungen der Äquilibration aufgefangen und ausgeglichen werden können.

Lernen von Neuem entsteht durch bzw. besteht in den Prozessen, mit denen erneut der Zustand der Äquilibration angestrebt wird.

Buhrmann und Di Paolo (2015)