EMDR für Heilpraktiker - Andreas Zimmermann - E-Book

EMDR für Heilpraktiker E-Book

Andreas Zimmermann

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Beschreibung

<p><strong>Das Nachschlagewerk in der Traumatherapie</strong></p> <p>Es gibt viele Auslöser für Traumata. Dieses Buch zeigt, wie Sie mit EMDR Ihre Patienten nachhaltig bei der Verarbeitung unterstützen.</p> <p>Grundsätzliche Wirkprinzipien des Verfahrens werden beschrieben, ebenso Indikationen und Kontraindikationen. Zahlreiche spezielle Protokolle erläutern das Vorgehen bei Indikationen wie z.B. Angst, Phobie oder Schmerz. Die praktischen Arbeitsmaterialien bringen Ihnen Sicherheit in der Anwendung.</p> <p>Der ideale Begleiter für Heilpraktiker in der EMDR-Ausbildung und danach. Kreative Zusätze ermöglichen Ihnen die Weiterentwicklung der Methode und als Therapeut. Zudem vermittelt Ihnen das Buch, wo die Grenzen als Heilpraktiker liegen und welche Verbote es gibt.</p> <p>Erweitern Sie Ihr Wissen und lernen Sie von dem erfahrenen Psychologen Andreas Zimmermann.</p>

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EPUB

Seitenzahl: 380

Veröffentlichungsjahr: 2020

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EMDR für Heilpraktiker

Andreas Zimmermann

38 Abbildungen

Widmung

Für meine Töchter Anna und Clara

Vorwort

Seit 1996 arbeite ich als Heilpraktiker für Psychotherapie. Die Jahre davor und danach waren geprägt von Aus- und Weiterbildungen in den unterschiedlichsten Verfahren. Mein Wurzeln habe und hatte ich immer im humanistischen Weltbild, das geprägt ist von Wertschätzung, Empathie und Authentizität. Darüber hinaus lernte ich in all den Jahren interessante und wirksame Methoden kennen, die ich in der Praxis bis heute einsetze. Das Spektrum reicht von lösungsorientierten Verfahren über systemische Methoden bis hin zu imaginativen und hypnotherapeutischen Methoden. Dieser Weg war gekennzeichnet von der andauernden Suche nach weiteren Methoden und therapeutischen Schätzen. So gerne ich mit den oben genannten Methoden über viele Jahre gearbeitet habe, so faszinierend war es für mich, in der Arbeit mit EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) meine methodische Heimat zu finden. Einer meiner größten persönlichen Werte ist Freiheit, und diese Freiheit wünsche ich mir natürlich auch in der Arbeit mit Menschen. In der Arbeit mit EMDR habe ich genau diese Freiheit gefunden.

So soll dieses Buch zum einen den Leser mit dieser wunderbaren Methode vertraut machen und ihn zum anderen ganz pragmatisch an die Arbeitsweise des EMDR heranführen. Dieses Buch erhebt dabei nicht den Anspruch, eine grundlegende, verantwortungsvolle und qualitativ notwendige Ausbildung in EMDR zu ersetzen – kein Mensch lernt Auto fahren, Ski laufen oder irgendeine andere Tätigkeit durch das Lesen eines Buches. Angelesenes Wissen ist immer geborgtes Wissen!

Wer verantwortungsvoll mit EMDR arbeiten will, für den ist eine selbsterfahrungsorientierte und umfangreiche Ausbildung unerlässlich. Um mit dieser Methode arbeiten zu können, benötigt der Anwender ein gesundes Maß an Vertrauen im Umgang mit dieser Methode. Und da Vertrauen in erster Linie auf Erfahrung basiert, sollte er auf seinem eigenen Ausbildungsweg die notwendige Sicherheit durch eigene Erfahrungen und Supervision erlangen. Dann kann sich die Sicherheit auch auf die Arbeit mit seinen Klienten übertragen. Entsprechend ist dieses Buch nicht als didaktisches Lehrbuch gedacht, da das verantwortungsvolle Lernen und Anwenden von EMDR ausschließlich durch eine profunde Ausbildung sichergestellt werden kann.

Dieses Buch richtet sich an EMDR-Interessierte, die einen Überblick über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten dieser Methode erhalten möchten, sowie an Kollegen, die bereits eine EMDR-Ausbildung absolviert haben. Angesprochen werden sollen dabei in erster Linie Heilpraktiker und Heilpraktiker für Psychotherapie, daher gehe ich nach einer kurzen Einleitung zu Beginn dieses Buches auf die Mythen, die diesbezüglich rund um EMDR kursieren, sowie auf die Möglichkeiten, Grenzen und rechtlichen Rahmenbedingungen bei der Anwendung von EMDR in der Heilpraktikerpraxis ein. Das Buch soll Neugier und Interesse wecken und veranschaulichen, wie strukturiert und kreativ EMDR in der (Heilpraktiker-)Praxis eingesetzt werden kann. Dem erfahrenen Anwender bietet es zudem die Möglichkeit, über die bisherige Anwendung der Standardarbeit mit EMDR Impulse und Anregungen zu weiteren synergistischen Verknüpfungen mit anderen Arbeitsformen zu erlangen.

Ich bedanke mich von ganzem Herzen bei jedem meiner Patienten und Klienten – mit jeder Zusammenarbeit eröffneten sich auch mir neue Erkenntnisse und Entwicklungen. Dankbarkeit und Demut, die „weisen inneren Instanzen“, denen ich auf meinem beruflichen Weg begegnet bin, bleiben in mir lebendig.

Ich danke Francine Shapiro, die am 18.06.2019 viel zu früh gegangen ist, für die Entwicklung dieser wunderbaren Methode, die meinen gesamten beruflichen Weg verändert und geprägt hat.

Ich bedanke mich bei meiner Mitarbeiterin, Daniela Meyer, die dieses Buch voller Geduld und Eifer für mich auf dem Computer geschrieben hat – mit meiner 4-Finger-Technik hätte es ansonsten vermutlich ewig gedauert.

Mein besonderer Dank gilt auch meiner Lektorin, Stefanie Teichert, die mit dem nötigen objektiven Blick, hoher Kompetenz und umfassendem Engagement einen maßgeblichen Beitrag zu diesem Buch geleistet hat.

Ebenso gilt mein Dank Herrn Christian Böser, der mich geduldig, wertschätzend und konstruktiv bei meinem gesamten Buchprojekt begleitet hat, und ebenso Frau Désirée Schwarz als Projektmanagerin des Thieme Verlags.

Von ganzem Herzen dankbar bin ich meiner Frau Ulrike, die mir den Rücken zum Schreiben freigehalten hat, mir mit ihrer fachlichen Kompetenz immer zum Austausch zur Verfügung steht und mich immer wieder kreativ und intuitiv in der Arbeit mit EMDR inspiriert.

Pocking, im Juni 2020

Andreas Zimmermann

Inhaltsverzeichnis

Titelei

Widmung

Vorwort

Teil I EMDR für Heilpraktiker

1 Einleitung: Was ist EMDR?

2 Mythen rund um das EMDR

2.1 Mythos 1: EMDR dürfen nur approbierte Ärzte und Kassentherapeuten lernen und anwenden

2.2 Mythos 2: EMDR unterliegt dem markenrechtlichen Schutz

2.3 Mythos 3: EMDR darf nicht im Coaching eingesetzt werden

2.4 Mythos 4: Das große Ausbildungsangebot in EMDR spiegelt dessen Nutzen wider

2.5 Mythos 5: EMDR ist eine „Wundertherapie“

3 EMDR in der Heilpraktikerpraxis

3.1 Rechtliches

3.2 Möglichkeiten und Grenzen

4 Entwicklung des EMDR

4.1 Entwicklung der Methode durch Francine Shapiro

4.2 Zur Geschichte der bilateralen Stimulation

4.2.1 Archaische Erkenntnisse

4.2.2 Mesmerismus

4.2.3 Neurohypnose

4.2.4 Hypnose

4.2.5 Neurolinguistisches Programmieren

4.3 Einordnung des EMDR in den Kontext bifokaler multisensorischer Methoden

5 Wirkprinzipien des EMDR

5.1 Allgemeine Einflussfaktoren

5.1.1 Beziehung zwischen Patient und Therapeut

5.1.2 Erwartungshaltung des Patienten

5.1.3 Ressourcen des Patienten

5.1.4 Haltung des Therapeuten

5.1.5 Hormonelle Einflüsse – zur Wirkung von Oxytozin

5.2 Spezifische Wirkung

5.2.1 Entkonditionierung

5.2.2 Aufmerksamkeitsteilung

5.2.3 Veränderung des synaptischen Potenzials

5.2.4 Ressourcen

5.2.5 Musterunterbrechung

6 Standards der Trauma-Arbeit

6.1 Aspekte der Traumasymptomatik

6.2 Trauma und Gehirn

6.3 Traumatypologie

6.4 Allgemeines zur Traumatherapie

6.4.1 Oberster Grundsatz – Stabilität

6.4.2 Phasen der Traumabehandlung

6.4.3 Grundlagen der Traumabehandlung

6.4.4 Übertragung in der Traumatherapie

6.5 Verfahren zur psychischen Stabilisierung

6.5.1 Distanzierungstechniken

6.5.2 Grounding-Techniken

6.5.3 Dissoziationsstopptechnik

6.5.4 Der Notfallkoffer

6.5.5 Der Schutzraum

6.5.6 Ressourcendiagnostik

6.5.7 Ressourcendiagramm

6.5.8 Einsatz von Imaginationsübungen

6.5.9 Positive Triggerreize

6.5.10 Constant Installation of Positive Orientation and Safety (CIPOS) nach J. Knipe

6.5.11 Frühe Interventionen

7 Indikationen und Kontraindikationen

7.1 Kontraindikationen

7.2 Indikationen

8 Das EMDR-Protokoll

8.1 Anamnese

8.2 Vorbereitung

8.2.1 Stoppsignal

8.2.2 Sicherer Ort

8.2.3 Art der Stimulation

8.3 Bewertung

8.3.1 Situation

8.3.2 Schlimmster Moment

8.3.3 Visualisierung: welches Bild?

8.3.4 Negative Kognition

8.3.5 Positive Kognition

8.3.6 Stimmigkeit der Kognition – der VoC-Wert

8.3.7 Emotionale Belastung – der SUD-Wert

8.3.8 Zur Bedeutung des Bewertungsblocks

8.4 Reprocessing

8.4.1 Länge der Sets

8.4.2 Aufmerksamkeit des Patienten

8.4.3 Prozessverläufe von Patienten

8.4.4 Länge der Reprocessing-Phase

8.4.5 Abschluss des Reprocessing

8.5 Verankerung

8.5.1 Ermittlung des VoC- und des SUD-Wertes

8.5.2 Verankerung der positiven Kognition

8.6 Body-Scan

8.7 Abschluss

8.7.1 Tresorübung

8.7.2 Therapietagebuch

8.7.3 Bilder malen

8.7.4 Sicherer Ort

8.8 Überprüfung

9 Die spezifischen Protokolle

9.1 Standardprotokoll

9.2 Angstprotokoll

9.3 Phobieprotokoll

9.4 Protokoll zur Bearbeitung von Zahnarztangst

9.5 Protokoll für die Bearbeitung von Einzeltraumatisierungen

9.6 Protokoll für kurz zurückliegende Einzeltraumatisierungen

9.7 Protokoll zur Veränderung unerwünschter Verhaltensweisen

9.8 Psychosomatikprotokoll

9.9 Schmerzprotokoll

9.10 Trauerprotokoll

9.11 Suchtprotokoll

9.12 Allergieprotokoll

9.13 Tinnitusprotokoll

9.14 Zwangsprotokoll

9.15 Bipolares EMDR-Protokoll

9.16 Narratives Kurzprotokoll

10 Arbeit mit Komplextraumatisierungen

10.1 Ressourcenkaskade

10.2 Umgekehrtes Standardprotokoll

10.3 Kurzprotokoll

10.4 Arbeit mit Affektbrücken

10.4.1 Klassische EMDR-Variante

10.4.2 Imaginative Variante

10.4.3 Timeline

11 EMDR in der Burn-out-Behandlung

11.1 Abgrenzung von der Depression

11.2 Burn-out und Gehirn

11.3 Phasen des Burn-outs

11.3.1 Überlastungsphase

11.3.2 Alarmierungsphase

11.3.3 Knock-out-Phase

11.4 Ziel und Auftrag

11.5 Burn-out-Behandlungsprotokoll

11.5.1 Ausgangslage

11.5.2 Einstieg in die Veränderung

11.5.3 Burn-out-Protokoll

12 EMDR mit Kindern und Jugendlichen

12.1 Allgemeine Voraussetzungen für den Einsatz von EMDR

12.2 Modifikationen des EMDR-Protokolls

12.2.1 Startbild

12.2.2 Bewertung

12.2.3 Bilaterale Stimulation

12.3 Kontraindikationen

13 EMDR mit Babys

13.1 Entwicklungsstadien des Babys

13.2 Das rechte Maß

13.3 Einsatz bilateraler Stimulation beim Baby

13.4 Geburtstraumata und mögliche Folgen

14 EMDR im Coaching und Mentaltraining

14.1 Coaching und Mentaltraining – Definition und Einsatzgebiete

14.2 Einsatz von EMDR im Mentaltraining und Coaching

14.3 Methodik und Anwendungsformen

15 Kreative Erweiterungen in der EMDR-Arbeit

15.1 Wenn der Prozess ins Stocken kommt

15.1.1 Stimulationsbezogene Interventionen

15.1.2 Prozessorientierte Interventionen

15.2 Kognitives Einweben

15.2.1 Unterstützende Interventionen

15.2.2 Kognitives Einweben im engeren Sinn

15.3 Kombination mit anderen Methoden

15.3.1 Imaginationsarbeit

15.3.2 Arbeit mit Ich-Zuständen

15.3.3 Humor

15.3.4 Körperarbeit

15.3.5 Metaphern

16 Weiterentwicklung des EMDR

16.1 Creative Processing EMDR – Verknüpfung von Maltherapie und anderen kreativen Ausdrucksformen mit EMDR

16.1.1 Maltechnik

16.1.2 Aufstellungsarbeit

16.1.3 Arbeit mit Ton

16.1.4 Weitere kreative Ausdrucksformen

16.1.5 Gruppenvarianten

16.1.6 CP-EMDR in der Eigenarbeit und im Coaching

16.1.7 Wirkprinzipien des CP-EMDR

16.2 Brainlog

16.2.1 Das humanistische Weltbild

16.2.2 EMDR

16.2.3 Brainspotting

16.2.4 Bipolares Prinzip

16.2.5 Positive Psychologie

16.2.6 Emotionales Raumgedächtnis

16.3 BiCo-Tools

17 Anforderungen an den Behandler

18 Ausbildung in EMDR

19 Hilfsmittel für die EMDR-Arbeit

19.1 EyEmotion-Glasses und InEars

19.2 Musik mit bilateraler Stimulation

19.3 Naturschallwandler

19.4 Tac/AudioScan

19.5 Hilfsmittel zum Monitoring von EMDR-Sitzungen

Teil II Anhang

20 Glossar

21 Weiterführende Informationen und Bezugsquellen

21.1 Internetlinks

21.2 Bücher zur spezifischen Vertiefung

22 Literatur

Autorenvorstellung

Anschriften

Sachverzeichnis

Impressum

Teil I EMDR für Heilpraktiker

1 Einleitung: Was ist EMDR?

2 Mythen rund um das EMDR

3 EMDR in der Heilpraktikerpraxis

4 Entwicklung des EMDR

5 Wirkprinzipien des EMDR

6 Standards der Trauma-Arbeit

7 Indikationen und Kontraindikationen

8 Das EMDR-Protokoll

9 Die spezifischen Protokolle

10 Arbeit mit Komplextraumatisierungen

11 EMDR in der Burn-out-Behandlung

12 EMDR mit Kindern und Jugendlichen

13 EMDR mit Babys

14 EMDR im Coaching und Mentaltraining

15 Kreative Erweiterungen in der EMDR-Arbeit

16 Weiterentwicklung des EMDR

17 Anforderungen an den Behandler

18 Ausbildung in EMDR

19 Hilfsmittel für die EMDR-Arbeit

1 Einleitung: Was ist EMDR?

Beim Eye Movement Desensitization and Reprocessing, kurz EMDR, erfolgt – vereinfacht ausgedrückt – über gelenkte Augenbewegungen eine Desensibilisierung und psychische Verarbeitung von sog. „belastendem Material“. In der Anfangszeit des EMDR bezog sich die Arbeit spezifisch auf belastendes Material im Sinne psychischer Traumatisierungen (Kap. ▶ 4). Im Laufe der Jahre fand eine deutliche Erweiterung der Anwendung auf viele weitere Indikationen (Kap. ▶ 9) statt, sodass mittlerweile Einschränkungen im emotionalen, kognitiven, körperlichen und verhaltensorientierten Bereich unter diesem Begriff subsumiert werden.

Ein Kernelement des EMDR ist die bilaterale Stimulation, also die wechselseitige Stimulation der Sinne, durch die eine Synchronisation der Gehirnhälften sowie eine innere Reorganisation des dysfunktional wirkenden Traumaerlebens erreicht wird (Kap. ▶ 5.2). Die nicht verarbeiteten Traumafragmente, die im impliziten Gedächtnis gespeichert und im Alltag triggerbar sind, werden dabei in das explizite Gedächtnis transportiert und damit bewusst zugänglich. Im Prinzip funktioniert die Verarbeitung im Gehirn nicht viel anders als im Schlaf während der Rapid-Eye-Movement-Phasen (REM-Phasen) – mit dem kleinen Unterschied, dass das Ganze im Tagesbewusstsein stattfindet.

Durch die Namensgebung „Eye Movement“ kann möglicherweise der Eindruck entstehen, dass die bilaterale Stimulation allein durch Augenbewegungen, d.h. über die visuelle Stimulation durch Winkbewegungen, erfolgt. Da aber jeder Mensch unterschiedlich auf bilaterale Stimulation reagiert, haben sich mittlerweile ebenfalls taktile, auditive und olfaktorische Stimulationen etabliert (Kap. ▶ 8.2.3).

In zahlreichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass mit EMDR deutlich weniger Behandlungssitzungen nötig sind, um ähnliche Verbesserungen zu erreichen, als mit anderen herkömmlichen Therapiemethoden, insbesondere der systematischen Desensibilisierung der Verhaltenstherapie (umfassende Studien hierzu findet der Leser bei Francine Shapiro (2012) ▶ [34]; Kap. ▶ 21.2).

Auch wenn die unterschiedlichsten Prozesse im Körper und Gehirn, die durch die bilaterale Stimulation in Gang gesetzt werden, und die heilende Wirkung des EMDR bis zum heutigen Zeitpunkt nicht allumfassend wissenschaftlich nachgewiesen sind, sprechen die Ergebnisse eine deutliche Sprache. Im Laufe der letzten Jahre sind immer mehr Erkenntnisse in unterschiedlichen Studien veröffentlicht worden, die in ihrer Gesamtheit Stück für Stück als einzelne Mosaiksteine betrachtet werden können, die vielleicht irgendwann dazu führen werden, ein umfassendes Gesamtbild über die Wirkung bilateraler Stimulation darzustellen (Kap. ▶ 5.2.3).

2 Mythen rund um das EMDR

Über kaum eine andere psychotherapeutische Methode kursieren seit Anbeginn so viele Mythen wie über EMDR. Das reicht von der Erwartungshaltung, eine Phobie in nur einer Sitzung „wegwinken“ zu können, über Retraumatisierungen, die durchaus in einschlägigen Internetforen zum Ausdruck gebracht werden, bis hin zu den Möglichkeiten, EMDR zu lernen und anzuwenden. Insofern kann es spannend sein, einen Blick auf die einzelnen Mythen zu werfen, um sie von der Warte des gesunden Menschenverstands, aber auch auf Basis rechtlicher Grundsätze richtigzustellen.

2.1 Mythos 1: EMDR dürfen nur approbierte Ärzte und Kassentherapeuten lernen und anwenden

Es existiert das offizielle EMDR-Netzwerk von Francine Shapiro, das weltweit über die einzelnen Kontinente bis in die einzelnen Länder klare Ausbildungsrichtlinien im Sinne der Qualitätssicherung vorschreibt. Diese Netzwerke wie EMDRIA Deutschland e.V. hier in Deutschland sind eingetragene Vereine. Vereine haben ausschließlich bezogen auf ihre Vereinsmitglieder eine rechtliche Verbindlichkeit. Sie können sich selbstverständlich Satzungen und Regeln geben, die jedoch keinerlei Außenwirkung haben. Die EMDRIA-interne Ausbildung wird sichergestellt durch spezifische Ausbilder, die sich den Anforderungen von EMDRIA verpflichtet haben. Diese haben ihrerseits als Unternehmer das Recht, festzulegen, wen sie in ihrer Ausbildung aufnehmen und wen nicht. Die von EMDRIA anerkannte Ausbildung sieht vor, dass ausschließlich approbierte Ärzte und Kassentherapeuten von diesen Instituten ausgebildet werden. Das ist völlig legitim.

Es ist hingegen ein Trugschluss, dass andere qualifizierte Personen diese Methode nicht lernen dürfen. Gott sei Dank haben die Gründungsväter der Bundesrepublik Deutschland aus den Erfahrungen des Dritten Reiches gelernt und unseren Grundrechten eine enorme Bedeutung verliehen. Zu diesen Grundrechten gehört das Recht der Lehr- und Lernfreiheit. Das bedeutet, ich kann als Interessierter alles lernen, was ich lernen will, wenn ich hierzu einen entsprechenden Lernweg finde. Das zweite Grundrecht, dass hier berührt wird, ist das Recht der Berufsfreiheit. Wenn ich dieses Grundrecht gemäß seiner Bestimmung ausüben will, gehört dazu, die eigene Kompetenz auch im beruflichen Kontext anwenden zu können.

Eine Einschränkung erfahren diese Grundrechte durch andere rechtliche Regelungen, z.B. die Sorgfaltspflicht eines Heilpraktikers oder Heilpraktikers für Psychotherapie. Diese Sorgfaltspflicht beinhaltet, dass ich bei der Arbeit mit Menschen nur Methoden einsetze, die ich lege artis, d.h. vorschriftsmäßig erlernt habe. Lege artis heißt in diesem Fall, dass die Ausbildung selbsterfahrungsorientiert, von Supervisionen begleitet und mit entsprechend notwendigen Ausbildungsinhalten versehen ist. Darüber hinaus braucht es natürlich auch entsprechende Erfahrung und didaktische Kompetenz des Ausbildungsinstituts. Demzufolge begibt sich jeder auf rechtlich dünnes Eis, der sich entweder ohne Ausbildung oder mit einer Ausbildung, die gerade einmal 2–4 Tage dauert, an die Behandlung von Menschen heranwagt.

Merke

Auch Heilpraktiker für Psychotherapie und Coaches dürfen EMDR lernen und damit arbeiten. Voraussetzung ist eine Ausbildung lege artis.

2.2 Mythos 2: EMDR unterliegt dem markenrechtlichen Schutz

Ein weiterer Mythos ist, dass die Bezeichnung „EMDR“ markenrechtlich geschützt sei. Psychotherapeutische Methoden wie auch die Psychoanalyse, die Verhaltenstherapie oder andere Verfahren lassen sich nicht als Wortmarke schützen. Zu EMDR gibt es diesbezüglich eine klare Entscheidung des Marken- und Patentamtes, das sich darauf bezieht, dass diese Methode ein viel zu großes Interesse der Öffentlichkeit mit sich bringt, als dass eine einzelne Person EMDR für sich als Wortmarke reklamieren könnte (nachzulesen im Recherchebereich des deutschen Marken- und Patentamtes). Weiterhin gibt es ein Gerichtsurteil, das in seinem Tenor eindeutig herausstellt, dass derjenige, der angemessen in EMDR ausgebildet wurde, sowohl mit dieser Methode arbeiten als auch in seinem öffentlichen Auftritt als EMDR-Therapeut darauf hinweisen darf.

Merke

EMDR ist nicht als Wortmarke geschützt.

2.3 Mythos 3: EMDR darf nicht im Coaching eingesetzt werden

Darüber hinaus kursiert immer wieder der Mythos, EMDR dürfe nicht im Coaching eingesetzt werden. Solange ein Coach nicht mit den Regelungen des Gesetzes über die berufsmäßige Ausübung der Heilkunde ohne Bestallung (Heilpraktikergesetz) in Konflikt gerät, hat er grundsätzlich absolute Methodenfreiheit.

Laut dem Heilpraktikergesetz darf ein Coach weder Krankheiten diagnostizieren noch sie gemäß dieser Diagnose behandeln. Das schließt sämtliche krankheitsspezifischen Diagnosen der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme in der 10. Revision (ICD-10) oder adäquater Klassifizierungssysteme ein. Beschränkt sich der Coach auf Themen der klassischen Lebensbewältigungshilfe, der Zielerreichung, des Erfolgscoachings sowie den Umgang mit nicht pathologischen Themen und Konflikten, darf er selbstverständlich auch das EMDR als Methode nutzen.

Da durch die bilaterale Stimulation im Rahmen des EMDR sogar schwere Traumata und anderen Pathologien einer Therapie zugänglich gemacht werden können, liegt es nahe, dass das Wirkprinzip der bilateralen Stimulation umso mehr Erfolg bei leichteren Themen und Alltagsproblemen generieren dürfte. Mittlerweile existieren auf dem Markt unterschiedliche Coachingkonzepte auf der Basis bilateraler Stimulation, die allesamt sehr wirksam sind.

2.4 Mythos 4: Das große Ausbildungsangebot in EMDR spiegelt dessen Nutzen wider

Wo ein Markt ist, da blüht ein Angebot, und so hat sich auch das Ausbildungsangebot in EMDR in den letzten Jahren vervielfacht. Für manche Anbieter scheint es interessanter zu sein, Geld mit Ausbildungen zu verdienen anstatt durch die Arbeit mit Klienten. Und so habe ich es erlebt, dass Ausbildungsteilnehmer an einem Sonntag den letzten Tag ihrer Ausbildung abgeschlossen haben und bereits tags darauf, am Montag, ihre Homepage mit eigenem Ausbildungsangebot ins Netz gestellt haben. Ich habe auch erlebt, dass vor dem Hintergrund des finanziellen Aufwands einer EMDR-Ausbildung, Anbieter mit 2- bis 4-tägigen Kursen zu Dumpingpreisen eine EMDR-Ausbildung anbieten. Leider führt dies zu einer starken Verzerrung auf dem Markt. Und bestärkt auch all jene in ihrer Meinung, die sagen, die Ausbildung in EMDR gehöre ausschließlich in das Netzwerk von Francine Shapiro. Wesentlich schlimmer ist allerdings der Schaden, der durch falsch und schlecht ausgebildete Anwender verursacht wird: Dann sind im Bereich der Psychotherapie Retraumatisierungen vorprogrammiert – einmal abgesehen von dem Imageschaden, den EMDR dabei nehmen kann.

Basis für eine verantwortungsvolle therapeutische Arbeit mit EMDR ist eine qualitativ hochwertige Ausbildung durch Ausbilder mit EMDR-spezifischem Erfahrungshintergrund. Unabhängig davon, bei welchem Institut jemand die Ausbildung absolvieren will, sollte er sich eingehend darüber informieren, welche Kompetenz der Ausbilder hat, wo er seine Ausbildung absolviert hat, wie viel Zeit zwischen seiner eigenen Ausbildung und seiner Dozententätigkeit vergangen ist (um genügend Erfahrungen sammeln zu können, sollten einige Jahre dazwischenliegen) und ob der Ausbilder spezifische Erfahrungen im Bereich der Traumatherapie hat. Ferner stellt sich die Frage, ob das Institut von einem seriösen Dachverband (z.B. Verband Deutscher Heilpraktiker e.V.) anerkannt ist. Ergänzend sollte der Ausbilder über eine Zulassung zur Psychotherapie verfügen, die schon einige Jahre besteht, damit sichergestellt ist, dass er über einen entsprechenden Erfahrungshorizont verfügt. Eine EMDR-Ausbildung sollte zudem immer selbsterfahrungsorientiert sein (in 2–4 Tagen sind die Möglichkeiten, eigene substanzielle Erfahrungen mit dieser Methode zu gewinnen, doch stark eingeschränkt). Entsprechend sollte sich eine Ausbildung über mindestens zwei Module erstrecken, sodass der Ausbildungsteilnehmer zwischen den Modulen Zeit und Raum hat, Erfahrungen bei der Anwendung von EMDR zu sammeln und diese im zweiten Modul ggf. supervidieren zu lassen.

Wenn EMDR im Coaching als Ausbildung angeboten wird, stellt sich zu den vorgenannten Kriterien noch die Frage, ob der Ausbilder selbst eine profunde Ausbildung absolviert hat, ob er über einen professionellen mehrjährigen Hintergrund im Businessbereich oder eine entsprechende Klientel verfügt und ob er selbst in einer adäquaten Position tätig war, um auf eigene Erfahrungen zurückgreifen zu können.

Auf alle diese Fragen sollte der Ausbildungsinteressent schlüssige und nachweisbare Antworten erhalten, damit er sich mit einem guten Gefühl und der entsprechenden Sicherheit in dieser Methode ausbilden lassen kann.

Merke

Nur eine qualitativ hochwertige Ausbildung gibt dem Anwender die notwendige Kompetenz und rechtliche Sicherheit.

2.5 Mythos 5: EMDR ist eine „Wundertherapie“

Gerade in einschlägigen Foren im Internet oder auch durch unseriöse Aussagen mancher EMDR-Anwender wird EMDR immer wieder als „Wundertherapie“ deklariert. Somit entsteht die unrealistische Erwartungshaltung, dass ein Problem oder auch eine Pathologie in einer Sitzung einfach „weggewinkt“ werden könnte.

Mir ist zwar in den vielen Jahren meiner Aus- und Weiterbildung keine andere Methode begegnet, die aus meiner Sicht so schnell, so intensiv und auch so nachhaltig gewirkt hat wie EMDR, aber es wäre gefährlich und verantwortungslos, daraus eine Erwartungshaltung oder einen Anspruch an diese Methode ableiten zu wollen. Jeder Klient hat seinen eigenen Rhythmus, sein eigenes Tempo, seinen eigenen Weg. Manche Klienten können tatsächlich in wenigen EMDR-Sitzungen ihr Thema lösen, andere brauchen für ihre Themen unter Umständen wesentlich mehr Zeit.

An der Fragestellung, wie schnell eine Therapiemethode wirkt, ist die eigentliche Methode nur zu einem geringen Prozentsatz beteiligt. Wesentlich wichtiger sind die gute Beziehung zwischen Klient und Therapeut sowie die Haltung und weiteren Wirkaspekte, die im Klienten selbst liegen. Dazu zählen sein Problembewusstsein, seine Beziehungsfähigkeit, seine Ressourcen und sein Zugang zu diesen Bereichen.

Eine ungefähre Aussage über die Zeitdauer einer Therapie mit EMDR lässt sich nur auf der Basis einer intensiven Anamnese treffen – und selbst dann kann sich der Zeitplan während des Arbeitens in die eine oder andere Richtung verändern.

Merke

EMDR ist alles andere als eine Wundertherapie. In der Hand eines qualifizierten Therapeuten lassen sich jedoch – sollte sich der Klient mit dieser Methode wohlfühlen – sehr kraftvolle Heilungswege gehen.

3 EMDR in der Heilpraktikerpraxis

EMDR kann sowohl in der Heilpraktikerpraxis als auch für den Heilpraktiker für Psychotherapie eine ausgezeichnete Ergänzung bieten. Die Arbeit mit EMDR ist gekennzeichnet von spezifischen Protokollen, die sich wiederum auf spezielle Indikationen beziehen. So gibt es Protokolle für Traumata, Angststörung, Phobien, Trauer, Psychosomatik, Sucht und viele mehr (Kap. ▶ 9). Insofern geben die einzelnen Protokolle durch ihre klare Struktur ein hohes Maß an Sicherheit bei der Anwendung. Gleichwohl ist es so, dass z.B. ein Suchtprotokoll oder die Einsatzmöglichkeit verschiedener Traumaprotokolle aus dem Behandler nicht automatisch einen kompetenten Sucht- bzw. Traumatherapeuten macht. Die Anwendung von EMDR sollte somit immer eng verknüpft sein mit der angestammten Kompetenz des Praktizierenden.

In der Regel unterscheidet sich die Arbeit des Heilpraktikers oder Heilpraktikers für Psychotherapie deutlich von der klinischen psychotherapeutischen Arbeit. Unterschiede liegen oftmals im Setting der Therapie, der Kostenübernahme und der Intensität der Pathologie. Daher können wir davon ausgehen, dass in die Praxis des Heilpraktikers oder Heilpraktikers für Psychotherapie oftmals auch andere Patienten oder Klienten kommen. Das können sowohl „leichtere Fälle“, die den klassischen psychotherapeutischen Weg scheuen, als auch sehr schwere Fälle sein, die oftmals schon eine psychotherapeutische Odyssee hinter sich haben oder aufgrund langer Wartelisten keinen Therapieplatz bekommen. Dadurch ist die Klientel sehr heterogen und setzt beim Behandler ein hohes Maß an Selbstreflexion bezüglich der eigenen Behandlungsmöglichkeiten voraus.

Die Arbeit in der Heilpraktikerpraxis weist einige Vorteile gegenüber der kassenärztlich finanzierten Versorgung auf. Zu nennen ist die Methodenfreiheit, d.h. die Wahl der Arbeitsweise, die nicht auf die vom Kassensystem auserkorenen Methoden beschränkt bleibt; vielmehr kann der Heilpraktiker unter dem Gesichtspunkt der Fragestellung, welche Arbeitsweise dem Klienten den größtmöglichen Nutzen bietet, die adäquate Methode frei wählen. Darüber hinaus können die Rahmenbedingungen für das Arbeiten frei gestaltet werden. Das betrifft auch die Dauer der Therapiesitzung. Der Heilpraktiker ist nicht begrenzt auf 1-stündige Therapiesitzungen einmal in der Woche oder alle 14 Tage, die in der Regel auch nur 45 oder 50 Minuten dauern. Vielmehr kann er die Zeitstrukturen auf den Klienten zuschneiden, was gerade in der Arbeit mit EMDR Sinn ergibt. Für eine EMDR-Sitzung sollte sich der Behandler immer 90 Minuten Zeit nehmen.

3.1 Rechtliches

Zusammenfassend gelten für Heilpraktiker und Heilpraktiker für Psychotherapie in der Arbeit mit EMDR folgende Grundsätze. Ausschlaggebend ist – gerade im Kontext der öffentlichen Diskussion zur Qualitätssicherung in dieser Berufsgruppe – die Regelung des Heilpraktikergesetzes und der damit verbundenen vertraglichen und nebenvertraglichen Verpflichtungen der behandelnden Person. Auch wenn diese Verpflichtungen im Heilpraktikergesetz nicht explizit benannt sind, bilden sie eine unumstößliche rechtliche Basis für die heilkundliche Tätigkeit mit Menschen.

Einer der wichtigsten Grundsätze findet sich in der vertraglichen Sorgfaltspflicht des Heilpraktikers. Dies beinhaltet, dass er ausschließlich mit Indikationen und Krankheitsbildern arbeitet, für die er nachweislich geschult ist. So ersetzt eine rein methodische Ausbildung in EMDR niemals die Kompetenz, mit traumatisierten Menschen zu arbeiten. Vielmehr benötigt der Behandler als Ergänzung zur EMDR-Methode eine traumaspezifische Ausbildung.

Darüber hinaus stellt sich bei der Anwendung einer Methode immer die Frage, ob der Behandler über eine Ausbildung nach bestehenden, allgemein anerkannten fachlichen Standards (lege artis) verfügt. Kriterien für eine solche Ausbildung sind Dauer, Umfang und Inhalte in Verbindung mit der Kompetenz und Erfahrung des ausbildenden Instituts.

Ein weiteres Kriterium ist die offizielle Anerkennung durch einen Berufsverband, z.B. den VDH (Verband Deutscher Heilpraktiker e.V.). Ausbildungen, die von Personen geleitet werden, die selbst erst kürzlich ihre Ausbildung absolviert haben, oder Kurse, die im Schnellverfahren in 2–4 Tagen versuchen, EMDR zu vermitteln, können die oben genannten Kriterien keinesfalls erfüllen. In diesem Fall ist der Einsatz von EMDR nicht nur verantwortungslos, sondern auch rechtlich problematisch.

Zwar wird eine rechtliche Konsequenz erst dann greifen, wenn „das Kind in den Brunnen gefallen ist“ und der Patient den Behandler in Regress nimmt, jedoch führt der nicht verantwortungsvolle Einsatz einerseits zur Verwässerung des hohen Qualitätsanspruchs an die Arbeit mit EMDR, andererseits wird damit ein – vor allem für die Patienten folgenschweres – hohes Gefahrenpotenzial für Retraumatisierung und Falschbehandlung geschaffen. Letztendlich bleibt dabei auch noch die Frage zu klären, inwieweit im Einzelfall auch unseriöse Ausbildungsinstitute in die Haftung genommen werden können.

Ganz abgesehen davon kann jedoch derjenige, der eine umfangreiche, kompetente und selbsterfahrungsorientierte Ausbildung genossen hat, die den hohen Qualitätsstandards entspricht, auf rechtlich sicherer Basis EMDR in seiner Praxis einsetzen und auch in seinem öffentlichen Auftritt im Rahmen der werbe- und wettbewerbsrechtlichen Anforderungen an Heilberufe auf diese Methode hinweisen.

3.2 Möglichkeiten und Grenzen

Zwar hat EMDR seinen Ursprung in der Traumatherapie, wurde aber anhand von Erfahrungen in anderen Indikationsbereichen fortwährend weiterentwickelt. Bemerkenswert ist, dass diese Weiterentwicklung in vielen Fällen von wissenschaftlichen Überprüfungen und Studien begleitet wurde, um die Wirksamkeit von EMDR auch über die Traumabehandlung hinaus bei anderen Indikationen nachzuweisen. So sind in den letzten Jahren EMDR-spezifische Methoden und Protokolle entstanden, die gerade für die Heilpraktikerpraxis ein breites Anwendungsfeld bieten. Und es ist davon auszugehen, dass sich in den nächsten Jahren die Einsatzbereiche von EMDR noch deutlich erweitern werden.

Gleichwohl ist EMDR natürlich keine Wundertherapie oder „Eier legende Wollmilchsau“. Wie jede andere Methode auch sollte sie zum Behandler passen und vor allen Dingen zum Klienten. Getreu der Warnung „Wer einen Hammer in der Hand hält, für den sieht alles aus wie ein Nagel“ sollte auch EMDR eingebunden sein in einen gut sortierten therapeutischen Handwerkskoffer. Das faszinierende an dieser Methode ist, dass sich EMDR wunderbar mit anderen Verfahren kombinieren lässt.

Eine Grenze findet EMDR – wie jedes andere traumaspezifische Verfahren auch – in der Stabilität und Arbeitsfähigkeit des Patienten sowie durch spezifische Kontraindikationen, auf die in Kap. ▶ 7.1 noch ausführlich eingegangen wird.

4 Entwicklung des EMDR

EMDR wurde als Methode in den Jahren 1987–1991 von Dr. Francine Shapiro entwickelt. Das Kernelement dieser Methode ist die sog. „bilaterale Stimulation“, die allerdings so alt ist wie die Menschheit selbst. So ist Laufen oder Gehen nichts anderes als taktile (körperliche) bilaterale Stimulation. In Kap. ▶ 4.2 zur Geschichte der bilateralen Stimulation wird deutlich, dass sie untrennbar sowohl mit der menschlichen Geschichte als auch mit modernen Heilverfahren verknüpft ist. Das wirklich Herausragende, was Shapiro geschaffen hat, ist zum einen die Verknüpfung der bilateralen Stimulation und der damit verbundenen Wirkprinzipien mit einer komplexen und gut strukturierten Arbeitsweise und zum anderen die Überprüfung der Wirksamkeit dieser Methode mit anderen wirksamen und etablierten Therapieverfahren. Dazu gehört nicht nur ein gewisses Maß an Genialität, sondern auch eine gehörige Portion Überzeugung und Mut, EMDR dieser Evaluierung auszusetzen.

4.1 Entwicklung der Methode durch Francine Shapiro

Zu eigentlich jeder guten amerikanischen Methode gehört auch eine Vorgeschichte ihrer Entstehung, und so ist es auch beim EMDR. Dr. Shapiro bemerkte bei einem Spaziergang im Park, dass Ängste und stark belastende Gedanken, die sie aufgrund einer bei ihr diagnostizierten Krebserkrankung hatte, ohne eine im Moment auszumachende Ursache verschwanden und auch nicht wieder auftraten. Dieser Zufall inspirierte sie zu weiteren Nachforschungen und sie versuchte herauszufinden, was an diesem Spaziergang anders war als sonst. Sie erkannte, dass es die Bewegungen ihrer Augen waren, zu denen sie durch die speziellen Lichtverhältnisse verleitet worden war. Das warf bei ihr die Frage auf, ob die Bewegung der Augen ursächlich für die Stimmungsverbesserung und das Schwinden der negativen Gedanken war.

Aus der ursprünglich zufälligen Augenbewegung entwickelte Dr. Shapiro das Konzept gezielter Augenbewegungen und erprobte es zunächst an Freunden, Bekannten und Kollegen. Nach dem erfolgreichen Einsatz in diesem Personenkreis führte sie die bilaterale Stimulation bei den ersten Klienten mit gleichermaßen guten Ergebnissen durch. Danach erfolgten eingehende Studien mit Personen – insbesondere Kriegsveteranen und Missbrauchsopfer –, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) litten.

Seit dieser Zeit finden fortwährend intensive Bemühungen statt, EMDR zu evaluieren und die Wirkungsweise dieser Methode wissenschaftlich zu untermauern. Mittlerweile konnten mithilfe dieser Studien, die auch längere Zeiträume umfassen, die hohe Effektivität und die nachhaltige Wirkung von EMDR nachgewiesen werden, sodass EMDR inzwischen weltweit als Behandlungsmethode anerkannt ist.

In Deutschland übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen unter bestimmten Bedingungen die Kosten von EMDR bei der Indikation „PTBS bei Erwachsenen“. Eine Kostenübernahme für „PTBS bei Kindern“ erfolgt bislang nicht. Vermutlich werden aber in den nächsten Jahren die erforderlichen Studien erbracht, die eine Kostenübernahme ermöglichen. Ähnliches gilt für den Einsatz von EMDR in der Schmerzbehandlung.

Auch wenn eine Übernahme der Kosten von EMDR bei gesetzlich Krankenversicherten für Heilpraktiker weniger relevant ist, besteht durchaus die Möglichkeit, dass Privatkassen ihre Leistungskataloge bei nachgewiesener hoher Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von EMDR anpassen und die Kosten übernehmen werden. Die fortlaufenden Studien zum EMDR sind auch diesbezüglich von großem Nutzen.

4.2 Zur Geschichte der bilateralen Stimulation

Wie bereits eingangs des Kapitels erwähnt, ist die bilaterale Stimulation ein Prinzip, das untrennbar mit der menschlichen Entwicklungsgeschichte verbunden ist. So finden wir die bilaterale Stimulation in alten schamanistischen Techniken wieder. Gleichermaßen scheint sie auch ein wichtiges Prinzip der grundsätzlichen Verarbeitung von Belastungen im Sinne der Psychohygiene des Menschen in allen Jahrtausenden gewesen zu sein. Das Interessante ist, dass wir in der heutigen, modernen Zeit die Möglichkeit haben, diese Wirkungsweise nach wissenschaftlichen Kriterien zu erforschen und zu begründen.

4.2.1 Archaische Erkenntnisse

Wenn wir uns auf sehr frühe Zeiten der menschlichen Existenz zurückbesinnen, waren die Menschen damals darauf angewiesen, ohne spezielle psychotherapeutische Interventionen mit belastenden und traumatischen Erlebnissen zurechtzukommen. Wenn sich beispielsweise einige Männer zur damaligen Zeit zur Jagd oder zu Beutezügen aufgemacht haben, war das ein extrem gefährliches Unterfangen. Nie war garantiert, dass ein paar Tage später wieder alle Männer der Gruppe zurückkehren würden, weil auf dieser Expedition der eine oder andere sein Leben lassen musste. So liegt die Vermutung nahe, dass das Laufen und Zurücklegen langer Wegstrecken den Überlebenden dabei geholfen haben könnte, mit diesen Verlusten umzugehen und das Erlebte zu verarbeiten. Wenn sie dann ihre Dorfgemeinschaft wieder erreicht hatten, wurde in der Regel getanzt, getrommelt und gerasselt. Und auch dies ist nichts anderes als taktile und auditive bilaterale Stimulation.

Nicht umsonst dürfte es sich über Jahrtausende hinweg gehalten haben, dass Soldaten ausdauernd marschieren. Bei der Vielzahl traumatischer Erlebnisse, denen sie ausgesetzt sind, könnte diese Form taktiler bilateraler Stimulation eine wichtige Rolle bei deren Verarbeitung spielen.

Sogar in alten christlichen Ritualen hat sich die auditive bilaterale Stimulation fortgeschrieben. In heute eher selten praktizierten wechselseitigen Choralgesängen sitzen Frauen und Männer getrennt im Kirchengestühl und stimmen wechselseitig ihre Gesänge an. Wer das selbst einmal erlebt hat, kann die tiefe Wirkung dieser Form der bilateralen Stimulation nachvollziehen.

Darüber hinaus existieren interessante evolutionsgeschichtliche Hypothesen. So gibt es die Annahme, dass die Menschheit, solange sie als Laufvolk unterwegs war, grundsätzlich recht friedlich eingestellt war. Von dem Zeitpunkt an, an dem der Mensch das Pferd als Transportmittel und insbesondere als Waffe einsetzte, veränderte sich die Menschheitsgeschichte. Reitervölker waren in der Lage, schnell, effektiv und aggressiv gegen andere Völker vorzugehen und neues Land zu erobern, womit ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte begann.

Bemerkenswert ist, dass wir auch heute noch – wenn auch sehr selten – auf unterschiedlichen Kontinenten dieser Welt auf Laufvölker treffen können, z.B. die ursprünglichen Aborigines in Australien. Diese Laufvölker verfügen einerseits über Fähigkeiten, die uns schon lange abhandengekommen sind, wie das Wahrnehmen von Wild oder auch das mentale Kommunizieren über große Distanzen hinweg. Andererseits kennen diese Völker kein persönliches Eigentum. Erzähle ich einem Aborigine, dass das Land, auf dem ich wohne, mir gehört, wird er entweder ein amüsiertes Lächeln oder völliges Unverständnis für mich bereithalten. Wenn wir berücksichtigen, dass – damals wie heute – ein Großteil der Konflikte um das Thema persönliches Eigentum kreist, lässt sich erahnen, wie friedlich es sein könnte, wenn dieses Thema keine Rolle spielte. Es gäbe vermutlich deutlich weniger Konflikte und Kriege, und auch über das Klima und die Umwelt müssten wir uns weniger Sorgen machen. Interessant ist hierzu das Buch von Thom Hartmann ▶ [13]Nimm Dein Problem und geh los!

4.2.2 Mesmerismus

Der Erste, der gezielt die bilaterale Stimulation in der Heilbehandlung einsetzte, war Mitte des 18. Jahrhunderts Franz Anton Mesmer. Mesmer arbeitete sowohl mit einzelnen Patienten wie auch auf Massenveranstaltungen.

Offizielles Wirkprinzip seiner Arbeit war das sog. „Mesmer’sche Fluidum“ bzw. der „animalische Magnetismus“. Durch Streichungen mit seinen Händen oder mit aufgeladenen Eisenstäben im Bereich der Aura seiner Patienten „übertrug“ er diesem Wirkprinzip zufolge seine heilenden Energien. Inwieweit dabei ein Placebo-Effekt eine Rolle gespielt haben kann, mag dahingestellt sein, denn Mesmer wurde als unglaublich charismatischer Mensch beschrieben. Und ob er wirklich heilende Energien übertragen hat, lässt sich heute nicht mehr nachweisen.

Eines aber scheint im Kontext des EMDR von besonderer Bedeutung zu sein: Im späten Alter vertraute Mesmer seinem Biografen James Wyckoff an, dass er in der Einzelarbeit mit Patienten gezielte Winkbewegungen vor deren Augen vornahm und er genau dies als wirksamsten Teil seiner Behandlung betrachtete.

4.2.3 Neurohypnose

James Braid wirkte gegen Ende des 19. Jahrhunderts und gilt als Vater der Hypnose, da er als Erster den Begriff der Neurohypnose verwendete. Braid war inspiriert von der Arbeit Mesmers und setzte sich intensiv mit den Wirkfaktoren der Mesmer’schen Arbeit auseinander.

Braid lernte bei einem Schüler Mesmers, Charles Lafontaine, und kam letztendlich zu dem Schluss, das der Magnetismus überbewertet werde und das eigentliche Wirkprinzip die Winkbewegung vor den Augen des Patienten sei. Hierfür benutzte er eine pendelnde Taschenuhr und bat seine Patienten, sich auf ihr Problem zu konzentrieren, während sie mit den Augen den Pendelbewegungen der Uhr folgten.

Auch Braid erlangte ein hohes Maß an Bekanntheit, und die Erfolge seiner Arbeit eilten ihm voraus. Letztendlich prägte er damit ebenfalls die nachfolgenden therapeutischen Generationen.

4.2.4 Hypnose

Ein maßgeblicher Vertreter der bilateralen Stimulation war Sigmund Freud in seinen frühen Jahren des Schaffens. Von ihm wird berichtet, dass gerade die Zeit, in der er vor allem mit Hypnose arbeitete, seine therapeutisch erfolgreichste Zeit war. So setzte er z.B. bei „hysterischen Patientinnen“ gemeinsam mit seinem Mentor Breuer das wechselseitige Ausstreichen der Körperhälften ein, um die Patientinnen zu beruhigen – oft mit großem Erfolg. Er nutzte somit die taktile bilaterale Stimulation.

In seiner weiteren Arbeit als Hypnosetherapeut setzte Freud auch die visuelle bilaterale Stimulation ein. Während seine Patienten mit den Augen den Bewegungen des Pendels folgten, stiegen sie in ihr Problem ein, und Freud begleitete den Prozess mit Trance- und Heilsuggestionen.

Freud selbst ließ sich außerdem von Techniken bekannter Bühnenhypnotiseure inspirieren. Dazu gehörten unterschiedliche Klopftechniken an bestimmten Körperstellen wie Stirn, Wange und Schlüsselbein. Hier schließt sich der Kreis zu den Klopftechniken, z.B. den Emotional Freedom Techniques (EFT), der Mental Field Therapy (MFT) und vergleichbaren Verfahren.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schien die heilende Hypnose in einen Dornröschenschlaf zu verfallen. Die Gründe hierfür könnten in der damaligen Angst vor dem Mystischen und der Unsicherheit im Umgang mit dieser Methode gelegen haben, jedenfalls erfuhr der therapeutische Einsatz der Methode einen Einbruch.

Für Freud bedeutete das, dass er sich – mit Sicherheit auch getragen von persönlichen Motiven – der Entwicklung der unterschiedlichen psychologischen Konzepte und Theorien (Neurosenlehre, Entwicklungspsychologie, Instanzenmodell und viele andere Schätze, die er der Nachwelt hinterlassen hat) widmete, bis hin zur Entstehung der Psychoanalyse als psychotherapeutische Methode.

4.2.5 Neurolinguistisches Programmieren

Mitte des 20. Jahrhunderts erweckte Milton H. Erickson die Welt der Hypnose mit seiner eigenen Form der Hypnotherapie aus dem Dornröschenschlaf. Er prägte auf diese Weise nachhaltig ganze therapeutische Generationen, was sich schon recht früh in der Human-Potential-Bewegung zeigte.

Davon inspiriert entwickelten Richard Bandler und John Grinder Anfang der 1970er-Jahre eine neue Arbeitsform, die sie Neurolinguistisches Programmieren (NLP) nannten. Ein Baustein dieser Arbeitsweise sind Scheibenwischer-artige Winkbewegungen vor den Augen des Patienten, die im Rahmen der sog. „Eye Motion Therapy“ (EMT) eingesetzt werden. Diese Technik ist dabei nur ein kleiner Bestandteil des riesigen Methodenbaukastens, der das gesamte Instrumentarium des NLP ausmacht und der seitdem ebenfalls ständig weiterentwickelt wird.

Merke

In den unterschiedlichsten modernen Verfahren wie Hypnose, NLP, Psycho-Kinesiologie und anderen Methoden finden wir das Element der bilateralen Stimulation als nachhaltiges Wirkprinzip und Bestandteil der Arbeit.

4.3 Einordnung des EMDR in den Kontext bifokaler multisensorischer Methoden

In den letzten Jahren hat sich rund um die Anwendung unterschiedlicher Arbeitsweisen der Begriff „bifokale multisensorische Methoden“ herausgeprägt. Diese Formulierung bietet unterschiedlichen, gerade in den letzten Jahren bekannter gewordenen Verfahren ein Zuhause. Darunter fallen Arbeitsweisen wie diverse Klopftechniken (EFT, MFT etc., Kap. ▶ 4.2.4), aber auch Techniken, die auf einer Weiterentwicklung oder Ableitung von EMDR beruhen bzw. diesem ähnlich sind. Dazu zählen Eye Movement Integration (EMI), Brainspotting nach David Grand und Brainlog (Kap. ▶ 16).

Im Zuge des zunehmenden Einsatzes verschiedener Klopftechniken sowie bilateraler Stimulation wird sich in den nächsten Jahren vermutlich noch eine größere Methodenvielfalt ergeben. Bei diesen Methoden geht es nicht um die Frage, was besser wirkt, sondern ausschließlich darum, was zu mir als Anwender und vor allem zu meinem Klienten passt.

Alle genannten Methoden haben Vor- und Nachteile und bieten gleichzeitig eine wunderbare synergistische Ergänzung. Insofern ergibt es durchaus Sinn, einige dieser Methoden im eigenen Handwerkskoffer bereitzuhalten.

5 Wirkprinzipien des EMDR

Um die Wirkprinzipien des EMDR zu erschließen, ist es notwendig, sich eingehender mit den Erkenntnissen der modernen Gehirnforschung zu befassen. Einschränkungen bestehen – frei nach dem Spruch „Wenn der Mensch in der Lage wäre, sein Gehirn und sich selbst in aller Gänze zu verstehen, dann wäre er zu dumm dazu“ – in dem systemischen Grundsatz, dass sich ein komplexes System nicht aus sich selbst heraus erklären lässt. Insofern wird es mit Sicherheit Faktoren geben, die die Wirkung von EMDR positiv beeinflussen, und mit Sicherheit wirkt EMDR auch bei unterschiedlichen Patienten sehr verschieden: Jeder Patient hat seinen eigenen Rhythmus, sein Tempo, seine Intensität und seine individuelle Art, Belastungen zu verarbeiten.

Im Folgenden geht es zunächst darum, welche allgemeinen Faktoren Einfluss auf die Psychotherapie nehmen (Kap. ▶ 5.1), um danach der Frage nachzugehen, welche spezifische Wirkung durch EMDR erzielt wird (Kap. ▶ 5.2).

5.1 Allgemeine Einflussfaktoren

Hierbei handelt es sich um Einflussfaktoren, die nicht an einer bestimmten Methode festzumachen sind. Eine große Anzahl von Therapeuten und Forschern (Duncan et al. (2004) ▶ [9]; Hubble et al. (2001) ▶ [16]) konnte als allgemeine Einflussfaktoren die Beziehung zwischen Patient und Therapeut, die Erwartungshaltung des Patienten sowie die Ressourcen des Patienten identifizieren.

5.1.1 Beziehung zwischen Patient und Therapeut

Ein zentraler Satz in der Psychotherapie lautet: „Die Beziehung ist der Quell der Heilung.“ Die Beziehung zwischen Patient und Therapeut scheint somit einen zentralen Einfluss auf die Durchführung und das Ergebnis der Therapie zu haben. Sie sollte geprägt sein von einigen entscheidenden Elementen, die auch Grundlage der humanistischen Therapie sind: Zu nennen sind hier Empathie, Echtheit und Selbstkongruenz sowie die absolute Wertschätzung des Klienten. Dies verlangt seitens des Therapeuten Wärme, Verständnis, Bestätigung und Annehmen des Patienten. Nur auf dieser Basis können das nötige Vertrauen und die erforderliche Sicherheit in der Arbeit mit EMDR entstehen.

5.1.2 Erwartungshaltung des Patienten

Die Hoffnung und Erwartungshaltung des Patienten, die er selbst in die Therapie mit einbringt, prägt maßgeblich das Ergebnis, das sich mit einer Methode wie EMDR erreichen lässt. Hierzu gehört die innere Haltung und Einstellung des Patienten in Bezug sowohl auf die Kompetenz des Therapeuten als auch die Methode. Letztendlich geht es auch um den Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit.

5.1.3 Ressourcen des Patienten

Die mit Abstand größte Kraft zur Heilung und Veränderung liegt mit Sicherheit im Patienten selbst. Dazu gehören sein Weltbild, sein Problembewusstsein, seine Beziehungsfähigkeit und sein Reflexionsvermögen. Ganz entscheidend sind die Ressourcen eines Patienten, sein Bewusstsein hierfür und der Zugang zu ihnen. Ferner sind an dieser Stelle auch seine Motivation, seine Ich-Stärke und die Schwere der Störung zu berücksichtigen.

5.1.4 Haltung des Therapeuten

Ein meines Erachtens entscheidender Aspekt, der in den eingangs genannten Studien nicht berücksichtigt wurde, ist die Haltung des Therapeuten in Bezug auf den Ausgang der Therapie.

Wichtig scheint mir an dieser Stelle der Blick auf den Rosenthal-Effekt, auch Pygmalion-Effekt genannt, sowie die daraus resultierenden Erkenntnisse Watzlawicks.

5.1.4.1 Rosenthal-/Pygmalion-Effekt

Um den Hintergrund dieser Namensgebung zu verdeutlichen, sei an dieser Stelle kurz auf die Geschichte Pygmalions eingegangen. Pygmalion war ein Künstler, der von Ovid beschrieben wurde. Aufgrund schlechter Erfahrungen mit Frauen wandte sich Pygmalion vom weiblichen Geschlecht ab und erschuf eine wunderschöne Elfenbeinstatue, in die er sich schließlich verliebte. Bei einem Fest zu Ehren der Venus bat Pygmalion Athene, die Göttin der Liebe, die Statue zum Leben zu erwecken. Athene erfüllte ihm diesen Wunsch und letztendlich wurde die Liebe der beiden durch ein gemeinsames Kind gekrönt. Diese kleine Geschichte steht als Metapher dafür, dass das, was ein Mensch in seinen Gedanken schafft, durchaus zum Leben erweckt werden kann.

Robert Rosenthal griff diese Idee auf und stellte sich bereits Ende der 1960er-Jahre die Frage, ob das, was ein Versuchsleiter über den Ausgang eines Experiments denkt, also seine Erwartungshaltung, das Ergebnis beeinflussen könnte. Er schickte daraufhin einige seiner Studenten zu einer amerikanischen Highschool, um dort mit den Schülern einer Klasse Intelligenztests durchzuführen. Den Lehrern wurde anschließend vollkommen wahllos gesagt, dass Schüler A, B und C hochintelligent seien und man in der Zukunft noch viel von ihnen zu erwarten habe. Anderen Schülern wurde ebenso wahllos ein geringer bis normaler Intelligenzquotient (IQ) zugeschrieben. Nach einem Jahr traten diese Studenten erneut in dieser Highschool an und führten mit denselben Schülern wieder Intelligenztests durch. Das überaus interessante Ergebnis zeigte, dass ausschließlich die Schüler, denen ein hoher IQ attestiert wurde, nach einem Jahr einen höheren IQ hatten als vorher. Bei den anderen Schülern stellten sich keine Veränderungen ein. Auswertungen von Videos und Tonmitschnitten der Unterrichtsstunden zeigten, dass die Lehrer mit den vermeintlich intelligenten Schülern anders kommunizierten als mit dem Rest der Klasse. Dies zeigte sich in vermehrtem Lob, größerer Anerkennung, höherer Wertschätzung und Ermutigung.

Kritiker Rosenthals entgegneten, dies sei ein typischer „menschlicher Faktor“, der sich auf andere Versuchsanordnungen nicht übertragen lasse. Rosenthal schleuste daraufhin einige seiner Studenten in Versuche mit vermeintlich intelligenten und dummen Ratten ein. Es handelte sich um vorab weder getestete noch selektierte Ratten aus North Dakota – der einzige Unterschied bestand darin, dass sich die einen in einer Kiste mit der Aufschrift „dumm“ und die anderen in einer Kiste mit der Aufschrift „intelligent“ befanden. Auch hier bestätigten sich die Erfahrungen Rosenthals an der Highschool, da die vermeintlich intelligenten Ratten eher in der Lage waren, die Herausforderungen der Versuchsanordnung zu bewältigen, als die Ratten, die vorab als dumm betitelt worden waren. Auch hier zeigte sich, dass die Studenten mit den vermeintlich intelligenten Ratten wohlwollender umgingen als mit den vermeintlich dummen. Rosenthal setzte seine Versuche sogar mit „intelligenten“ und „dummen“ Regenwürmern fort und erzielte dabei dasselbe Ergebnis.

Dieses Phänomen wurde nachfolgend als Rosenthal-Effekt bezeichnet und war richtungsweisend für den Doppelblindversuch in der Forschung.

5.1.4.2 Rosenthal-Effekt in der Psychotherapie

Paul Watzlawick erlangte Kenntnis von diesen Studien und bildete die Hypothese, dass der Rosenthal-Effekt vor der Tür von Ärzten und Therapeuten nicht haltmacht. So lud er in sein Institut nach Palo Alto zwei angesehen, erfahrene und etablierte Psychiater ein. Beiden erzählte er getrennt voneinander, der andere sei ein Schizophrener mit Größenwahn, der glaube, Psychiater zu sein. Watzlawick filmte beide in einem Raum und befragte sie anschließend über ihre Wahrnehmung. Beide bestätigten die Diagnose, bei dem anderen handelte es sich um einen Schizophrenen mit einem gehörigen Schuss von Größenwahn. Letztendlich begannen sich beide in der Sitzung zu behandeln, und je therapeutischer sich der eine verhielt, umso verrückter erschien er in den Augen des anderen.

Watzlawick krönte dieses Experiment mit einem weiteren Versuch. Er schickte fünf seiner Studenten in fünf unterschiedliche psychiatrische Kliniken. Die Studenten stellten sich dort vor und erzählten, dass sie Stimmen hörten, die dumpf, hohl und leer seien, was sich vorzüglich für Interpretationen eignete. Die Studenten wurden stationär aufgenommen und erzählten nach drei Tagen, dass sie Studenten der Uni in Palo Alto seien und definitiv keine Stimmen hörten. Keiner der Studenten konnte ohne das Zutun der Uni wieder die Klinik verlassen. Die Studenten führten nach wissenschaftlichen Grundlagen Protokoll über ihre Erkenntnisse; in den Patientenakten stand dazu vermerkt: „Der Patient ist wieder mit seinem undefinierbaren Geschreibsel beschäftigt.“

Diese Erfahrungen führten vermutlich dazu, dass Watzlawick kein großer Freund klinischer Diagnosen war und die Ansicht vertrat, dass die Diagnose selbst das Symptombild eines Patienten verstärken kann.

5.1.4.3 Innere Haltung des Therapeuten gegenüber dem Patienten

Sowohl die Arbeiten von Rosenthal als auch von Watzlawick verdeutlichen, wie wichtig die innere Haltung des Therapeuten dem Patienten gegenüber ist. Vor jeder therapeutischen Sitzung sollte sich ein Therapeut daher folgende Fragen stellen, um sich durch eine möglichst objektive und konstruktive Haltung auf den Patienten einzustimmen:

Was denke ich über meinen Patienten?

Was denke ich hinsichtlich seines Therapieziels?

Was denke ich hinsichtlich seiner Ressourcen?

Was denke ich hinsichtlich seiner heilenden inneren Instanz?

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass jeder Mensch über seine individuelle Landkarte verfügt, dass er alle Ressourcen hat, die er braucht, und dass die innere, heilende Instanz des Patienten sehr viel weiser ist als der Therapeut mit den ihm zur Verfügung stehenden Interventionen. Letztendlich heißt das: Der Therapeut sollte Abschied nehmen von seinem Therapeuten-Ego.

5.1.5 Hormonelle Einflüsse – zur Wirkung von Oxytozin