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Mit zehn Jahren erlebt Tim den vermeidbaren Tod seines Vaters. Dieses traumatische Ereignis markiert den Beginn einer lebenslangen Spirale aus Schuldgefühlen, Einsamkeit und Sucht. In seiner Jugend und im Erwachsenenalter gerät er immer tiefer in den Alkoholismus. Freundschaften, Arbeit, Selbstachtung. Alles geht nach und nach verloren. Der Roman begleitet Tim an seinem vierzigsten Geburtstag: zwischen der rauschhaften Flucht in den Alkohol, Erinnerungen an die Kindheit und der bitteren Erkenntnis, dass er vor den Scherben seines Lebens steht. Nachdem er das Leben eines Hundes rettet und durch die Bekanntschaft mit Maria neue Nähe erfährt, zeigen sich kleine, aber bedeutende Augenblicke der Hoffnung - Momente, in denen er erkennt, dass es auch einen anderen Weg gibt. Die Geschichte stellt die Fragen: • Kann ein Mensch, der sich selbst verloren hat, noch einmal ins Leben zurückfinden? • Gibt es Vergebung für Schuld, die seit Jahrzehnten in der Seele brennt? • Und reicht Hoffnung allein, um die Fesseln der Sucht zu sprengen? Themen und Motive • Schuld und Verdrängung • Alkoholismus als Teufelskreis • Die Suche nach Vergebung und Sinn • Einsamkeit und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit • Hoffnung auf einen Neubeginn
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Seitenzahl: 259
Veröffentlichungsjahr: 2026
Rita Maffini
Emil und der Alkoholiker
Roman
© 2026 Rita Maffini
Stilistisches Lektorat von: Katrina Flamann
Coverdesign von: Renee Rott - Dream Design - Cover and Art
Covergrafik von: Renee Rott
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Rita Maffini, Auf der Höh 2, 35619 Braunfels, Germany.Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]
Anmerkung:
Die Protagonistin Maria spricht gebrochenes Deutsch, deshalb sind in ihren Dialogen verschiedene Deutschfehler enthalten. Diese sind von der Autorin so gewollt.
Alle Verse im Text kommen aus der Feder von
Kerstin Stefanie Rothenbächer aus ihren Gedichtbändern:
›Hand in Hand‹ und ›Ein Meer aus Küssen schenke ich Dir‹
Dieses Buch ist ein Werk der Fantasie. Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen sowie Tatsachen ist rein zufällig.
Triggerwarnung:
Die Geschichte enthält Alkoholszenen, die verstörend wirken können.
Für Mario
Ich hätte mir so sehr gewünscht,
dass ein Emil Teil Deines Lebens geworden wäre.
Motto:
Blicke Deinem Hund in die Augen
und versuche noch einmal zu behaupten,
dass Tiere keine Seele haben.
(Victor Hugo)
Prolog
Heute ist sein vierzigster Geburtstag.
Damals, als er zehn Jahre alt war, zerriss ein einziger Moment sein kindliches Leben. Der Tod seines Vaters – vermeidbar, doch unausweichlich – legte sich wie ein Schatten über seine Seele.
Seit jenem Tag ist er gefangen in einem Kreislauf aus Schmerz und Alkohol, unfähig die Last der Schuld abzuschütteln.
Leeres Herz, das einsam schlägt,
wankte durch den Tag.
Keine Farben in mir drin,
wo einst Freude lag.
Teil 1
Heute und damals
Ich taumle durch den Nebel,
kein Lichtblick ist zu sehen.
Ich hebe die Füße vergeblich
so kann’s nicht weitergehen.
Kapitel 1
Tim schnauft.
Die düsteren Gedanken und Erinnerungen sind wieder da, wie ein Rudel hungriger Wölfe, das sich Nacht für Nacht in sein Bewusstsein frisst.
Dreißig Jahre sind vergangen, doch der Albtraum hält ihn eisern gefangen. Kaum erwacht, tanzen die grausamen Bilder seiner Kindheit vor seinen Augen, besonders jener verfluchte Tag, an dem er zehn wurde.
Ein lautes Klopfen an der Tür verscheucht die Gespenster der Vergangenheit. Schwankend erhebt er sich und stolpert über eine der zahllosen leeren Flaschen, die wie stumme Zeugen seines Verfalls auf dem Boden verstreut liegen. Er schleppt sich zur Tür und öffnet diese schwer atmend.
Peter und Harry stehen in bester Laune mit einer Sektflasche in der Hand vor ihm. Die beiden drängen sich in den Raum.
»Happy Birthday, altes Haus! Hast aber lange gebraucht, um zur Tür zu kommen«, schreit Peter und drückt Tim an sich. Anschließend klopft ihm Harry auf den Rücken.
»Hab geschlafen. Heute Morgen kam Schorschi vorbei und hat mich zum Malochen abgeholt. Musste stundenlang Zementsäcke und Steine schleppen. Ihr wisst doch, der baut gerade zwei Straßen weiter das gelbe Hochhaus. Der Innenausbau ist gerade dran. Es war zwar saukalt, aber die haben trotzdem rangeklotzt.«
»Na, das ist geil, dann hast du bestimmt Kohle, um uns einen auszugeben«, höhnt Peter und entblößt ein Grinsen, das dank seiner gelben Zahnstümpfe grässlich wirkt.
»Klar doch«, entgegnet Tim gut gelaunt.
Harry entkorkt die Flasche, die er in den Händen hält, mit den Worten: »Trink erst mal einen Schluck, Kumpel. Vierzig wird man nicht jeden Tag.«
Tim lässt es sich nicht zweimal sagen, setzt die Flasche an den Mund und leert sie unter mehrmaligem Rülpsen bis zur Hälfte. Anschließend wischt er sich mit dem Ärmel über den Mund und reicht sie weiter. Die Freunde trinken abwechselnd den Rest.
»Habe ich einen Kohldampf!« Tim öffnet den Kühlschrank. Ein übler Geruch und gähnende Leere begrüßen ihn. »Verdammt, ich muss unbedingt was einkaufen.«
»Brauchst du nicht. Wir besorgen uns einen Döner und dann ab zu Hansi. Was hältst du davon?«, ruft Peter ihm lachend zu.
»Gute Idee, so machen wir’s. Wartet mal, ich ziehe mir was über.« Tim durchsucht den Kleiderberg, der sich auf dem Stuhl im Zimmer türmt. Nur schmutzige Fetzen, die nach Rauch und Schweiß riechen.
Zornig greift er nach dem erstbesten Pullover und zieht ihn an. Er nimmt noch seine Jacke, die schon bessere Zeiten gesehen hat, zuckt mit den Schultern und wendet sich seinen Freunden zu. »Lasst uns gehen.«
Auf dem Weg zur Kneipe Bei Hansi essen die drei einen Riesendöner. Anschließend kauft Harry noch Mandarinen bei einem Straßenhändler.
Mit einem lauten »Hallo, Kumpel« wird Tim von den drei anwesenden Kneipengästen begrüßt. Alle scharen sich um den Jubilar, klatschen in die Hände, lachen aus voller Kehle und singen ein Ständchen. »Hoch sollst du leben! Hör mal, Buddy, die Luft ist hier doch ziemlich trocken, findest du nicht?«
Tim versteht den Wink mit dem Zaunpfahl. Mit seinem Geld kann er sich erst einmal spendabel zeigen. »Hey, Hansi, ΄ne Runde Bier für alle, für dich auch, Mann«, schreit er Richtung Theke.
Hurra-Rufe schallen durch den Raum.
Die Biergläser klirren laut, als sie kräftig aneinandergestoßen werden, und sind im Nu geleert. Tim genießt es in vollen Zügen, der King des Abends zu sein. Er fühlt sich für einen Moment, als hätte das Leben ihm doch noch etwas zu bieten. Der eine oder andere krakeelt von Zeit zu Zeit ein Lied und alle singen grölend mit.
Tim hat die Idee, die Mandarinen zu essen und mit den Kernen einen Spuckwettbewerb zu veranstalten. Die Anwesenden sind sofort begeistert. Ein lautes Lachen, ein paar Rufe, und nach lebhaften Diskussionen steht der Plan.
Mit einer Kreide wird eine Linie auf dem Boden gezogen. Die Früchte werden geschält. Ihr süßer Duft liegt in der Luft und vermischt sich mit dem Geruch nach Bier und Schweiß.
Einer nach dem anderen legt ein Stück Mandarine in den Mund, kaut, und spuckt schließlich die Kerne aus.
Alle beugen sich nach vorn, um zu sehen, wie weit sie geflogen sind. An der Stelle, wo der letzte Kern liegen bleibt, zieht jemand mit der Kreide einen Kreis und schreibt den Namen des Werfers hinein. So entsteht nach und nach ein kleines Muster aus weißen Ringen.
Nach ein paar Runden wird der Ehrgeiz größer. Jeder will weiter spucken als der andere. Bald fliegen nicht nur Kerne, sondern auch Witze, Sprüche und Schalenstücke durch die Luft. Der Boden ist übersät mit Schalen, Kreidestrichen und kleinen glänzenden Punkten, ein wildes Durcheinander. Tim muss sich den Bauch vor Lachen halten.
Was für eine Gaudi. Die Grölerei wird immer durchdringender, der Lärm ohrenbetäubender, die Stimmung bombiger. Die Wände der alten Kaschemme scheinen zu beben.
Am Ende ist Harry der Sieger. Er wird von allen mit tollen Sprüchen und Gratulationen überhäuft. Danach wird weiter getrunken und gelacht, bis sich nach und nach die Gäste verabschieden.
Gegen Mitternacht sind nur noch Tim, Peter und Harry übrig. Harry betrachtet wenig begeistert die Gläser auf dem Tisch. »Mist, die sind alle leer.«
Tim steht auf, die anderen zwei bleiben sitzen und stampfen ungeduldig und kräftig mit den Füßen. Er schwankt zur Theke. »Hansi, noch drei Bier und drei Kurze, wenn ich bitten darf.«
Hansi blinzelt hinter schmierigen Brillengläsern, reibt sich den Schnurrbart mit dem Zeigefinger. »Hast du überhaupt noch Geld?«
Tim legt den Inhalt seiner Taschen auf die Theke. »Achtzehn Euro fünfzig.«
Hansi entblößt sein lückenhaftes Gebiss und lächelt schief. »Reicht gerade so! Danach haut ihr aber ab.«
»Hui, hui, Hansi, so gute Gäste wie uns behandelt man freundlicher«, kontert Tim lallend und schlägt kräftig mit der Faust auf das Thekenholz.
»Egal, wenn ihr nicht mehr zahlen könnt, verdünnisiert ihr euch. Kredit gebe ich nicht mehr.«
Tim kann nur noch mühsam zwei Gläser halten. Mit einem Bierglas in der rechten und einem Schnapsglas in der linken Hand wankt er dreimal von der Theke zum Tisch hin und her. Er konzentriert sich angestrengt, um nichts zu verschütten. Schließlich schafft er es, die Gläser abzustellen, ohne dass ein Tropfen daneben geht.
»Uhhh, Tim der Akrobat, bravo, bravo.« Seine Saufkumpane spenden ihm stürmischen Applaus.
Auf Tims Stirn glänzen Schweißperlen, sein ganzer Körper zittert vor Anstrengung. Mit einem Seufzer der Erleichterung – stolz wie Bolle – setzt er sich wieder. Plötzlich kippt der wackelige Stuhl nach hinten und Tim knallt auf den Boden. Er bleibt liegen und reibt sich den Rücken.
Harry und Peter kichern, eilen sofort zu Hilfe. Beim Versuch, ihn hochzuhieven, verlieren auch sie den Halt und schon liegen alle drei auf dem dreckigen Kneipenboden, lachen und johlen aus vollem Hals.
Peter schafft es gerade noch, sich auf die Knie zu stemmen. Mit seinen Händen umfasst er die Arme seiner Kumpel, die immer noch liegen, und versucht, sie hochzuziehen, fällt aber selbst wieder um. Das Gelächter wird noch lauter. Erst als Hans eingreift, schaffen sie es endlich, wieder aufzustehen.
»Hansi, verdammt nochmal, besorge neue Stühle. Die sind ja alle im Eimer«, schreit Tim ihn an.
Hansi läuft rot an. »So, Leute, wer hier im Eimer ist, das seid ihr! Trinkt jetzt aus und hinterher haut ab, Feierabend!«
Irgendwann am frühen Morgen steht Tim mit schlotternden Beinen vor der Tür seiner Bleibe. Die Welt um ihn herum dreht sich sehr schnell, er muss sich mit einer Hand an der Wand abstützen. Mit der anderen sucht er in all seinen Taschen nach dem Schlüssel. Er findet ihn nicht, also stemmt er sich gegen die Tür, die sofort aufgeht. Es ist ihm völlig egal, nicht mehr richtig absperren zu können, es ist eh nichts bei ihm zu holen.
Kapitel 2
Stunden später wacht Tim auf, schnappt nach Luft und riecht angeekelt den eigenen Atem. Seine Blase meldet sich, droht zu zerreißen, er muss ganz dringend aufs Klo. Er versucht vergeblich aufzustehen. Eine Schwindelattacke und entsetzliche Kopfschmerzen hindern ihn daran. Er fällt auf die Matratze zurück.
Ihm wird bewusst, dass er noch vollkommen angezogen ist. Sein verschwitzter Pullover klebt an seinem Oberkörper, der Hosenlatz ist offen, die Jeans völlig kaputt und verdreckt. Er weiß nicht, woher die unzähligen Flecken stammen. Offenbar hat er noch die Kraft gehabt, die Schuhe auszuziehen. Seine großen Zehen lugen aus den Socken hervor.
Der Druck auf der Blase wird unerträglich. Er probiert erneut, sich zu erheben, rollt auf die Seite, stützt sich dabei auf einem Arm und auf einer Hand ab. Langsam und schwerfällig kann er die Beine von der Matratze, die ihm als Bett dient, bewegen und die Füße auf den Boden setzen. Aus der Sitzposition versucht er hochzukommen. Das Einzige, was klappt, ist dass er wie ein Tier auf allen vieren die wenigen Meter, die ihn von der Toilette trennen, zurücklegen kann.
Seinen rechten Ellbogen legt er auf den Rand der Kloschüssel, versucht sich hochzuziehen, um seinen Penis in die Öffnung halten zu können. Dennoch entpuppt sich das Manöver als ein hoffnungsloses Unterfangen. Die Blase entleert sich auf dem Fußboden.
»Verdammte Scheiße«, schimpft er. Da liegt er nun, inmitten seines stinkenden Urins. Seine Kleidung ist völlig durchnässt. Er dreht sich langsam um und kriecht zurück zum Nachtlager. Unfähig, sich auszuziehen, legt er sich mit letzter krampfhafter Anstrengung auf die Matratze und deckt sich mit einer schmuddeligen, löchrigen Decke notdürftig zu.
Sein Mund ist völlig ausgetrocknet, aber ihm fehlt die Kraft, sich etwas zu trinken zu holen.Er schließt die Augen. Der Schlaf übermannt ihn.
Als er wach wird, hat sich das Gedröhne in seinem Kopf verzogen. Stattdessen spürt er darin hunderte von spitzen Nägeln, die ihn foltern. Bei dem Versuch, sich leicht zu bewegen, bohren sie sich immer tiefer hinein. Tim bleibt still liegen und schaut zur Decke. Mehrere Bahnen der einst weiß gestrichenen Tapete hängen grau und zerfetzt herunter. Eine einsame Glühbirne thront wie ein höhnisches Auge über ihm, ein Anblick, der ihn frösteln lässt.
Sein Herz rast. Er glaubt, jede Sekunde sterben zu müssen. Der Uringeruch steigt erbarmungslos in seine Nase. Ihm ist übel, er schluckt seinen Speichel herunter. Er dreht sich behutsam zur Seite, gleitet mit der Zunge über die Lippen und schmeckt seine Tränen.
Eine Welle aus tiefer Traurigkeit, Scham, Hoffnungslosigkeit und Ekel vor sich selbst bricht über ihn herein. Er bleibt eine Zeit lang in derselben Position liegen und reibt sich den Rest des Schlafes aus den Augen.
Im Zimmer ist es fast dunkel. Durch die schmutzigen Fensterscheiben kann er erkennen, dass draußen ein Gewitter mit dumpfem Donnergrollen und starkem, peitschendem Regen tobt. Grelle Blitze erhellen ab und an den Raum.
Es dauert lange, bis er das Matratzenlager verlassen kann. Sein ganzer Körper scheint im Klammergriff des Schmerzes gefangen zu sein.
Ein Brechreiz zwingt ihn dazu, zur Kloschüssel zu eilen. Er kniet davor und übergibt sich mehrere Male. Als sein Magen völlig leer ist, steht er mühevoll auf und dreht sich keuchend zum Waschbecken.
Nach drei Anläufen schafft er es, den Wasserhahn aufzudrehen. Nachdem er ausgiebig Wasser getrunken hat, hält er den Kopf unter den Hahn und lässt das kalte Nass über ihn laufen. Das tut gut und befreit ihn ein wenig von den Schmerzen.
Tim hebt sein von Wasser triefendes Haupt, knipst die Neonlampe über dem am Waschbecken angebrachten Spiegel an und schaut hinein. Mit einem Lappen muss er zuerst die Spiegelfläche abwischen. Was danach zum Vorschein kommt, entlockt ihm ein »Verflucht, verflucht, verflucht.«
Erschrocken schaut er in tiefliegende, gerötete und geschwollene Augen. Angewidert stammelt er: »Wer glotzt dich da an?«
Mit den fahlen Gesichtszügen erkennt er sich kaum wieder. Er schneidet eine Grimasse. Das Gesicht, das zurückstarrt, ist nicht seins, vielmehr das fahle, geisterhafte Antlitz des Todes.
Er stößt einen bekümmerten Seufzer aus. Tränen rinnen ihm die Wangen hinunter. Ein schrecklicher Gedanke erfasst ihn. Heute bin ich vierzig. Seit dreißig Jahren ist mein einziger, wahrer Freund der Alkohol. Ich habe keine Familie, nur zwei Freunde, die noch kaputter sind als ich und ich sehe keine Möglichkeit, diesem Sumpf zu entfliehen. Wie konnte es so weit kommen? Am besten mache ich Schluss.
Ein extrem heller Blitz erhellt das Zimmer. Für einen Moment glaubt Tim, die Natur hätte geantwortet und ihm damit sein Vorhaben bestätigt. Aber will er sich wirklich umbringen? Er überlegt eine Sekunde lang. Schlagartig fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: So kann es nicht weitergehen! Die Sauferei vergiftet seinen Körper und seine Seele.
Er schaut nochmals in den Spiegel.
In gedrückter Stimmung sagt er zu sich selbst: »Nein, ich bin noch nicht so weit, aber ich muss dringend etwas ändern.«
Er trinkt noch mehr Wasser und ächzt danach laut. Auf einmal fühlt er sich alt, krank und hundeelend.Schwerfällig reißt er die stinkenden, nassen Klamotten vom Körper, zieht sich irgendetwas anderes an und macht die grausige Feststellung, dass auch diese Kleidungsstücke ungepflegt sind.
Schweren Schrittes geht er zur Matratze und lässt sich plump darauf niederfallen.
Tausend Gedanken fahren in seinem Kopf Karussell. Wo sollte er überhaupt anfangen, um den Scherbenhaufen aufzulesen, wie konnte er nur seine Lebenssituation so eskalieren lassen und jetzt in einer derartigen Bredouille stecken?
Ja, wie konnte er nur?
Kapitel 3
Tim schließt fest die Augen, woraufhin sein Gedächtnis den Verlauf seiner Kindheit und Jugend freilegt.
Er spürt die Arme seiner Mutter um sich, hört ihre Stimme, die ihm ins Ohr haucht: »Mein kleiner Mann, dir gehört meine ganze Liebe. Timilein, du bist mein Sonnenschein.«
Bis zu seinem achten Geburtstag verlief seine Kindheit wie etwas traumhaft Schönes.
Seine Eltern waren einander von ganzem Herzen zugetan und liebten ihn mit derselben Intensität, die er auch zwischen ihnen immer spüren konnte.
Er erinnert sich an den Tag, als sein Klassenkamerad Karl Geburtstag hatte und ihn zu seiner Feier einlud.
Tim freute sich darauf und dachte an die vielen Süßigkeiten, die er sich hineinstopfen konnte, ohne auf die tadelnden Worte seiner Eltern hören zu müssen, die ihn wieder und wieder ermahnten: »Nicht so viel Zucker auf einmal essen, mein Kind. Zucker ist schlecht für den Körper.«
Was ging ihn damals seine Gesundheit an? Er liebte Schokolade, Gummibärchen und Kuchen. Mit acht Jahren interessierten ihn fürsorgliche Tipps herzlich wenig, er wollte einfach so viel der guten Sachen essen, bis sein Bauch wehtat.
Seine Mutter fuhr Tim mit dem Auto zur Party. Als sie ankamen, nahm sie ihn an die Hand, ging mit ihm ins Haus, gratulierte dem Geburtstagskind und verabschiedete sich mit einem dicken Kuss von ihrem Sohn. »Ich hole dich in vier Stunden wieder ab. Amüsiere dich gut. Ich liebe dich.«
Er hörte nur mit einem Ohr zu und weiß heute nicht mehr, ob er überhaupt etwas erwiderte, da ein paar Jungs zu ihm kamen und ihn aufforderten, mit ihnen Ball zu spielen.
Nach dem Fest holte ihn sein Vater ab.
Tim fragte prompt: »Wo ist Mama?«
Er bekam keine Antwort. Sein Vater nahm ihn stattdessen in den Arm und fing an zu weinen wie ein Schlosshund. Die anwesenden Erwachsenen standen im Kreis um beide herum, niemand sagte ein Wort. Die Kinder hörten auf zu toben. Es wurde still, nur ein Lufthauch war zu spüren.
Tim hatte seinen Vater noch nie in einem solchen Gemütszustand gesehen. Er war sonst stets fröhlich, laut, einnehmend. Er machte laufend Witze, umarmte seine Frau und sagte zu ihr: »Du bist meine Schöne.« Da er sie oft so nannte, mokierte sie sich darüber und lachte.
Diese neue Situation verstand er nicht und fragte abermals, wo seine Mama sei. Sein Vater trocknete mit dem Ärmel die Tränen ab, nahm Tims Hand, drückte sie fest. »Komm, Tim, wir gehen.«
Die Umstehenden schwiegen weiter und machten Platz, damit die beiden aus dem Kreis heraustreten konnten.
Eine Frau trat zu Tim, strich ihm über das Haar und sagte mit trauriger Stimme: »Du armes Kind!«
Sein Vater drückte seine Hand noch fester und brachte ihn zum Auto. Tim blickte zurück. Alle standen noch im Garten, der Ball lag verlassen in einer Ecke. Die Kinder winkten still zum Abschied.
Verstört setzte er sich auf den Beifahrersitz, sah seinen Vater an und fragte mit wütender, lauter Stimme: »Papa, sag mir endlich, wo Mama ist!«
Den leeren Blick, den er zugeworfen bekam, wird er niemals vergessen. Obwohl er damals noch so jung war, verstand er, dass etwas Entsetzliches passiert sein musste. Die wenigen Worte, die der Vater daraufhin von sich gab, sind in Tims Gedächtnis für immer und ewig eingebrannt.
»Tim, Mama ist tot.« Seine Stimme brach, er vergrub das Gesicht in den Händen und sein Körper wurde von Weinkrämpfen geschüttelt.
Tim starrte ihn ungläubig an.
»Was heißt hier tot? Meine Mama? Sie war vorhin noch hier, sie wollte mich abholen …«, entgegnete er schrill.
Sein Vater beruhigte sich ein wenig, stöhnend umarmte er Tim und hielt ihn fest. »Deine Mama wird dich nie wieder abholen. Sie hatte auf dem Rückweg einen Autounfall, wurde ins Krankenhaus gebracht, ihre Verletzungen waren leider so schwer, man konnte sie nicht retten. Wir fahren sofort hin, damit du dich von ihr verabschieden kannst.« Ohne eine Erwiderung abzuwarten, fuhr er los.
Tim erstarrte und schwieg. Eine Leere breitete sich in seinem Inneren aus. Er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte, und blickte seinen Vater verzweifelt von der Seite an. Der schien sich auf das Fahren zu konzentrieren, dabei zuckten die Muskeln seines von Tränen nassen Gesichts.
Die Fahrt dauerte nicht lange, sie erreichten zügig das Krankenhaus. Sein Vater meldete sich am Empfang, sprach mit einem Mann, der hinter einer Glasscheibe saß und danach führte er Tim in den Keller zu einem kleinen Raum, öffnete die Tür. Schweigend traten sie ein.
Tim sah seine Mutter auf einem Bett liegen. Er rannte zu ihr. Ein weißes Tuch bedeckte ihren Körper, nur der Kopf war zu sehen. Sie schien zu schlafen. Tim streichelte ihre Wange, die sich kalt anfühlte. »Mama, Mama, bitte wach auf!« Er schüttelte sie an der Schulter und wiederholte seine Bitte immer lauter. Da er keine Antwort bekam, blickte er hilfesuchend zu seinem Vater, der reglos am Fuße des Bettes stand. Mit versteinerter Miene beobachtete er die Szene und machte keine Anstalten, seinen Sohn zu trösten.
»Papa, sag Mama, dass sie aufwachen soll, bitte, bitte, sie soll aufwachen!«, wimmerte er.
»Sie kann nicht aufwachen, Tim. Sie ist tot.«
»Nein, was heißt tot? Du siehst doch, sie schläft!«
Darauf antwortete sein Vater nicht, sondern nahm ihn an die Hand. »Wir fahren nach Hause, und dann erzähle ich dir, was tot bedeutet.«
Tim versuchte, sich zu widersetzen, er wollte auf keinen Fall ohne seine Mutter wegfahren. Hysterisch fing er an zu schreien. »Lass mich los, ich will hier bei Mama bleiben! Ohne sie fahre ich nicht nach Hause. Bitte, wir müssen sie mitnehmen!«
Da schlug ihm sein Vater wutentbrannt ins Gesicht. Tim war schockiert, beruhigte sich aber und folgte ihm mit gesenktem Kopf.
Sein Vater hatte ihn noch nie geschlagen. Die Wucht dieses Schlages spürt er auch heute noch, wenn er daran denkt.
Zu Hause angekommen, klärte ihn sein Vater genau und schonungslos über den Tod auf und darüber, wie seine geliebte Mama gestorben war.
Von diesem Zeitpunkt an veränderte sich das Leben im Hause Morest grundlegend.
Tim, der zuvor ein strebsamer und fleißiger Schüler gewesen war, wurde von Tag zu Tag lustloser und empfand es als lästige Bürde, den Unterricht zu besuchen.
Er musste mitansehen, wie sein Vater mit der neuen Situation scheinbar überhaupt nicht klarkam. Er wurde schweigsam, lag stundenlang auf der Wohnzimmercouch und schien überhaupt nicht wahrzunehmen, was in seiner Umgebung geschah. Der Fernseher lief Tag und Nacht.
Tim war auf sich allein gestellt. Kam er aus der Schule, betrat er ein Haus, das inzwischen aussah, als hätte ein Wirbelsturm darin gewütet.
Sein »Hallo, Papa« verhallte ungehört.
Früher wartete immer eine leckere Mahlzeit auf ihn, jetzt war nichts mehr vorbereitet. Er machte sich ein Brot mit irgendeinem Belag, den er im Kühlschrank fand, oder aß Cornflakes mit Milch. Manchmal begnügte er sich auch mit Wasser.
Nach einigen Tagen fand er überhaupt nichts Essbares mehr. Sogar alle für den Notfall angesammelten Dosen mit Ravioli, Gemüse oder Kompott waren verbraucht und lagen leer in der Küche herum. Die Wäsche stellte ebenfalls ein Problem dar. Da nichts gewaschen wurde, musste Tim irgendwann schmutzige Kleidung anziehen.
Er versuchte seinen Vater zu motivieren, der seit Tagen in derselben Kleidung auf der Couch lag. »Papa, wir haben nichts mehr zu essen, wir müssen einkaufen. Und meine Klamotten stinken inzwischen. Du musst die Waschmaschine anmachen. Übrigens, du müffelst auch ganz schön.«
Es dauerte ein paar Minuten, bis er die Antwort bekam: »Ja, ja, du Nervensäge, ich schaue, was ich machen kann.« Danach setzte sich sein Vater hin, lachte unsicher, brach in Tränen aus, schrie und winselte, man solle ihn in Ruhe lassen, und war nicht mehr zu beruhigen.
Tim umarmte ihn und musste mitweinen. »Wäre Mama hier, wäre alles in Ordnung.«
Doch kaum hatte er das ausgesprochen, packte ihn sein Vater am Arm, schlug auf ihn ein und schrie aus voller Kehle: »Deine Mama wäre hier, wenn sie dich nicht zu dieser Scheißgeburtstagsparty hätte fahren müssen!« Mehrmals wiederholte er diesen Satz und schlug dabei immer weiter zu.
Mit aller Kraft versuchte Tim, sich zu befreien, und brüllte wie am Spieß. »Hör auf, hör auf, Papa, du tust mir weh!« Sein Flehen blieb ungehört und er konnte sich nicht aus der eisernen Umklammerung befreien. Vor Angst, Schmerzen und Verzweiflung wurde ihm schlecht und er musste sich übergeben. Der Mageninhalt ergoss sich in hohem Bogen über die Brust seines Vaters.
Das genügte, um den Berserker endlich zu stoppen. Er hörte auf, Tim zu schlagen, und starrte konsterniert auf das Erbrochene, das an seinem T-Shirt klebte. Wortlos drehte er sich um und eilte ins Bad.
Schluchzend ging Tim in die Knie und tastete sein Gesicht ab, es brannte wie Feuer. Er hörte die Dusche rauschen, blieb regungslos in der eingenommenen Position hocken, bis sein Vater aus dem Badezimmer kam. Mit nassen Haaren und frischen Klamotten betrachtete er Tim stumm und verließ das Haus.
Mit einiger Mühe stand Tim auf. Sein Körper fühlte sich an, als wäre er durch eine Mangel gedreht worden. Er spürte den körperlichen Schmerz überall, jedoch, was ihm am meisten wehtat, waren seine seelischen Qualen.
Unter schwerer Anstrengung schleppte er sich zum Bett und legte sich energielos und gedemütigt hin. Ihm wurde klar, dass sein Leben nie wieder so sein würde wie früher.
Sein kindlicher Instinkt suggerierte ihm: »Mein Papa hat mich nicht mehr lieb.« Seine Welt brach zusammen. Die Erkenntnis, nicht nur seine Mutter, sondern nun ebenso seinen Vater verloren zu haben, ließ ihn zittern, so stark, dass es gar nicht mehr aufhörte, bis ihn schließlich der Schlaf überwältigte.
Kapitel 4
Die Zukunft gestaltete sich äußerst schwierig für Tim.
Sein Vater sprach kaum noch mit ihm. Er ging jeden Tag zur Arbeit und kam sehr spät nach Hause. Manchmal brachte er Einkäufe mit, die er im Kühlschrank verstaute, doch ansonsten kümmerte er sich kaum noch um Tim. Alle vierzehn Tage kam eine ältere mürrische Frau für ein paar Stunden vorbei, die putzte und die Wäsche wusch.
Tim durfte jeden Tag in der Nachmittagsbetreuung der Schule bleiben. Dort erhielt er eine warme Mahlzeit und Hilfe bei den Hausaufgaben. Mehrere Kinder aus seiner Klasse waren ebenfalls da. Leider wurde Tim von ihnen nahezu ignoriert und oft gemobbt. Die Mitschüler machten abfällige Bemerkungen über seine Familiensituation sowie über seine Kleidung und Schuhe, die nie dem neuesten Stand der Mode entsprachen. Keiner wollte mit ihm spielen und er erhielt auch nie Einladungen zu Geburtstagspartys oder anderen gemeinsamen Aktivitäten.
Karl war der Einzige, der ab und an mit ihm sprach oder gemeinsam mit ihm aß. Dies geschah jedoch selten, denn Karl gab zu, Angst zu haben, selbst zum Opfer des Spotts zu werden.
Seine schulischen Leistungen wurden immer schwächer.
Darüber hinaus hatte Tim das Gefühl, alles verloren zu haben – die Wärme eines Zuhauses, die Freude, die Zuversicht, das Lachen. Er fühlte sich tief einsam. Niemand war da, mit dem er sprechen konnte, niemand, der ihn mochte, ihn von Schuld am Geschehen freisprach oder ihm half, sein Selbstvertrauen wiederzufinden.Nachts, im Bett, weinte sich Tim in den Schlaf und betete, er möge ebenfalls sterben, um mit seiner Mutter wieder vereint zu sein.
Sein Vater wurde zunehmend griesgrämig. An den Wochenenden trank er Unmengen Bier und Schnaps, bis er kaum noch ansprechbar war, anstatt Zeit mit Tim zu verbringen oder etwas mit ihm zu unternehmen.Tim hatte Angst, ein Wort mit ihm zu wechseln, da er weitere Schläge befürchtete. Nach dem ersten schlimmen Vorfall ohrfeigte ihn der Vater nun häufig. Bei jeder Kleinigkeit, die ihm nicht passte, bekam Tim eine heftige Backpfeife oder wurde mit dem Hosengürtel verprügelt.
Manchmal dachte Tim daran, dass in wenigen Wochen sein neunter Geburtstag sein würde. Er träumte davon, ein fröhliches Fest zu feiern und hoffte auf eine Verbesserung seiner Situation.
Der wichtige Tag kam.
In der Schule gratulierte ihm die Lehrerin und die Mitschüler sangen ein gezwungenes Geburtstagsständchen, das von Strophe zu Strophe unter Gelächter verhallte.
Am Abend rechnete Tim damit, ein Geschenk zu bekommen. Doch die Enttäuschung war groß, als er nach Hause kam und seinen völlig betrunkenen Vater auf der Couch schnarchen sah, ohne dass dieser seine Rückkehr überhaupt bemerkte.Die Vorfreude auf ein gemütliches Beisammensein und auf ein Geschenk zerplatzte in einem einzigen Moment.
Niedergeschlagen ging Tim in die Küche, in der ein Tohuwabohu herrschte. Die Spüle quoll vor schmutzigem Geschirr über, auf dem Küchentisch standen unzählige leere und volle Bier-, Schnaps- und Weinflaschen, der Herd war schmutzverkrustet, der Boden unsauber und klebrig, die Küchenschränke standen größtenteils offen.
Maßlos traurig, frustriert und verärgert stand Tim mitten im Chaos. Einen Moment lang ließ er den Blick schweifen, dann ging er zum Küchentisch, nahm eine Flasche Bier, öffnete sie und trank. Nach drei Schlucken verzog er das Gesicht und spuckte den Rest in hohem Bogen aus. »Igitt«, rief er und wischte sich den Mund mit dem Ärmel ab. Die Bierflasche stellte er zurück, spuckte noch einmal in die Spüle und trank hastig etwas Wasser aus dem Hahn. Dann ging er zurück zum Tisch, griff nach einer offenen Flasche mit der Aufschrift »Wodka« und nahm einen Schluck. Das Zeug brannte in seiner Kehle und schmeckte ihm genauso wenig wie das Bier.
Inzwischen wurde ihm etwas übel. Kein Wunder, er hatte seit dem Mittag nichts mehr gegessen. Eilig öffnete er den Kühlschrank und war erleichtert: Er war überraschend gut bestückt. In der Mitte lag sogar sein Lieblingskäse. Zufrieden machte er sich ein Sandwich, ging ins Wohnzimmer, setzte sich an den Esstisch gegenüber der Couch und beobachtete seinen Vater, der mit offenem Mund dalag und laut schnarchte.
Während des Essens spürte Tim eine wohlige Wärme in seiner Brust. Die Übelkeit war verschwunden, da sein Magen mit Brot und Käse gefüllt war. Da ihn eine bleierne Müdigkeit überkam, legte er sich nach dem Zähneputzen ins Bett, las noch kurz aus einem Buch, das er aus der Schulbücherei mitgenommen hatte, und schlief prompt ein.
An diesem Tag begann seine Sucht.
In den nächsten Tagen und Monaten geriet Tims Leben völlig durcheinander. Sein Vater war arbeitslos geworden und hing daher den ganzen Tag betrunken zu Hause herum. Er wurde Tim gegenüber immer aggressiver, feindseliger und gemeiner. Alkohol half Tim, die Unordnung in seinem Inneren zu bändigen, die Widrigkeiten des Alltags, die Tiraden seines Vaters und den fehlenden Rückhalt seiner Freunde zu ertragen. Jeden Abend, bevor er ins Bett ging, trank er etwas Bier und Wodka, Getränke, die im Haushalt nie fehlten. Es beruhigte ihn, es ließ ihn schlafen. Am nächsten Morgen fühlte er sich gerädert, trotzdem versuchte er sich in der Schule zu konzentrieren, damit ihm niemand auf die Schliche kam. Tim war schlau und aß genug, um dadurch die Nachwirkungen des Alkohols zu vertuschen.
Kapitel 5
Diese Misere zog sich bis zu seinem zehnten Geburtstag.
Doch an diesem Tag, wie von unsichtbarer Hand bestimmt, sollte sich das Blatt wenden.
In jenem Jahr hatte er keine großen Erwartungen an eine Feier oder Geschenke. Seine Hoffnungen waren so klein geworden wie ein Flackern.
Ihm war klar, dass der Abend wie jeder der letzten zwölf Monate verlaufen würde. Wenn er nach Hause kam, gab es für ihn zwei Möglichkeiten: Mit etwas Glück würde er kaum wahrgenommen werden. Hatte er jedoch Pech, und sein Vater war noch nicht betrunken genug und schlief, drohte ihm wegen jeder Kleinigkeit eine Tracht Prügel.
Die einzigen, unersetzbaren Stützen in Tims Leben waren inzwischen das Bier und der Schnaps.
Eine verzehrende Sehnsucht nach einer Rückkehr zu alten Zeiten, als seine Mutter noch lebte, quälte ihn. Er wusste jedoch genau, dass dieses Monster nie wieder zu dem netten und liebevollen Vater werden würde, der er einst gewesen war. Aus diesem Grund verabscheute Tim seinen Erzeuger. Dieser Hass hatte mittlerweile eine unermessliche Dimension erreicht. Am liebsten wäre es ihm gewesen, wenn der Tod in Form eines feuerspeienden Drachens seinen Vater in Asche verwandelt hätte.
Statt als Drache kam der Tod jedoch ganz menschlich daher.
Nach der Schule fand Tim alles so vor, wie er es sich ausgemalt hatte. Immerhin schlief sein Vater schon auf der Couch. Tim betrachtete ihn lange. Unerwartet sah er eine erschreckende Szene vor seinem inneren Auge: Sein Vater stieß mit dem Teufel an. Tim schüttelte den Kopf und dachte nur noch daran, dass in der Hölle wohl schon ein Platz an der Bar für seinen Vater reserviert war.
