Emilia Galottis Wundersame Rettung - Carsten Freytag - E-Book

Emilia Galottis Wundersame Rettung E-Book

Carsten Freytag

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Beschreibung

Jeder Literaturbegeisterte kennt Emilia Galotti aus dem gleichnamigen bürgerlichen Trauerspiel von Gotthold Ephraim Lessing, die von ihrem eigenen und vom Tugendwahn besessenen Vater Odoardo erdolcht wird, um nicht als Mätresse des notgeilen Prinzen Hettore Gonzaga zu enden. Eine kleine Gruppe mit dem Namen Die Retter der Literaturopfer begibt sich am 13. März 2019 auf eine Zeitreise ins 18. Jahrhundert, um die zum absoluten Gehorsam erzogene Emilia vor ihrem Vater zu retten. Doch sterben muss Emilia auch, schließlich muss die Uraufführung zur Feier des Geburtstags der Herzoginmutter in Braunschweig und zur Ehre Lessings am 13. März 1772 stattfinden. Ein einzigartiger, verrückt-genialer Roman mit einem überraschenden Ausgang, der auf skurrile Weise die Grenzen zwischen den Genren Dramatik und Epik auflöst.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Carsten Freytag

Emilia Galottis Wundersame Rettung

Eine abenteuerliche Zeitreise in 18. Jahrhundert

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Emilia Galottis

Wundersame

Rettung

Roman

Carsten Freytag

„Fantasielose Enge, Intoleranz. Dogmatische Thesen, hohle Begriffe, eigenmächtige Ideale, rigide Systeme. Für mich sind das sehr beängstigende Dinge, die ich von ganzem Herzen verabscheue.“Quelle: https://beruhmte-zitate.de/zitate/1241334-haruki-murakami-fantasielose-enge-intoleranz-dogmatische-thesen/

Impressum

Text: © Copyright Carsten Freytag

2022

Umschlag: © Copyright Carsten Freytag

Verlag:

Ein eisigkalter Wind fegte über die Pinienhaine des herrschaftlichen Landguts Odoardo Galottis. Auf einer Anhöhe liegend, der den weiten Blick auf die majestätischen Stadtmauern der vier Kilometer entfernte Renaissancestadt Sabbioneta freigab, gefror der Wind zu Eiskristallen, die dem Rasen und den sorgsam geschnittenen Hecken des großzügig angelegten Gartens ein silbrig glänzendes Kleid anlegten. Die ersten Schneeflocken, noch spärlich gestreut, tanzten frohlockend in kreisenden Bewegungen, im Wind auf und ab hüpfend, gemächlich vom Himmel hinab, als freuten sie sich auf das baldige Ereignis, das im Haus Odoardos stattfinden würde.

Odoardo fehlte jeglicher Sinn für die Schönheit der einsetzenden Winterlandschaft, als er sich vom Fenster seines Wohnzimmers abwendete, um sich, unruhig auf die Wanduhr schauend, in seinen Ohrensessel setzte. Ein Angestellter seines Landgutes hatte neues Holz im Kamin aufgelegt, das friedlich im Feuer knisterte. Obwohl es behaglich warm im Zimmer war, fröstelte Odoardo. Das gepresste qualvolle Stöhnen aus dem Schlafgemach seiner Frau Claudia, das hin und wieder von lauten Schmerzensschreien übertönt wurde, machten es für ihn unmöglich, eine entspannte Haltung im bequemen Sessel einzunehmen. Zudem gaben die knappen, aber lauten Befehle der Frau Scaleri Odoardo keinen Anlass, sich einer gewissen Sorglosigkeit hinzugeben. Ganz im Gegenteil. Die Aufforderungen der Hebamme, das Ausatmen nicht zu vergessen und weiter zu pressen, trugen zu einer panikartigen Nervosität bei, die auch dem Arzt Balderi nicht entgangen war, den Odoardo vorsichtshalber aus Sabbioneta hatte kommen lassen, um alle Eventualitäten bei der Geburt des ersten Kindes auszuschließen, schließlich waren ihm die Gefahren für seine Frau Claudia, die mit der Geburt eines Kindes einhergingen, durchaus bewusst. Etwaige Komplikationen wie eine drohende Steiß- oder eine Fußgeburt würden Frau Scaleri überfordern und auf Grund dessen die Kunst eines Arztes mit chirurgischen Kenntnissen erfordern. Mit bangen Blicken schaute Odoardo unentwegt auf die braune und von den unzähligen Einsätzen verbeulte Ledertasche des Arztes. Er hoffte inständig, dass Balderi nicht genötigt würde, die Tasche zu öffnen, um das Todeswerkzeug für einen Einsatz bei seiner Frau hervorzuholen. Odoardo wusste für einen Augenblick nicht, ob die erneuten Schmerzensschreie seiner geliebten Frau ihn erschauern ließen oder der Gedanke an den Einsatz der Geburtszange, die seine Frau retten, aber das Kind töten würde. In einer emotionslosen Sachlichkeit, wie es von einem Wissenschaftler zu erwarten war, hatte Balderi Odoardo über die nützlichen Vorteile der Geburtszange informiert. Bei Komplikationen während der Geburt stand die Rettung der Gebärenden im Vordergrund. Mit Hilfe dieses neuen Instrumentes, so hatte Balderi im stolzen Ton eines dem Volk im Wissen überlegenden Wissenschaftlers erklärt, wird der noch formbare Schädel des Kindes mittels der Zange zerquetscht, um das tote Kind anschließend herauszuziehen. Da keine wirkungsvollen Betäubungsmittel zu Verfügung standen, mochte sich Odordo die Qualen nicht vorstellen, die Claudia bei dieser Operation erleiden würde. Vornübergebeugt faltete Odoardo seine Hände zum Gebet.

„Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Nun war es für den Arzt an der Zeit, sich von seinem Stuhl zu erheben, um seine Hand tröstend auf Odoardos Schulter zu legen.

„Beruhigen Sie sich, Galotti, es wird schon gut gehen. Mit Gottes Hilfe werden Sie Vater eines gesunden Kindes werden.“

„Ich hoffe, es wird ein Sohn“.

„Ich verstehe“, sagte Balderi verständnisvoll, „er soll Ihr Landgut übernehmen und die durchaus erfolgreiche Vieh – und Pferdezucht weiterführen.“

Odoardo Galotti war ein angesehener Pferdezüchter, der besonders mit dem Verkauf seiner Pferde an den Adel weit über die Lombardei hinaus einen guten Ruf erhalten und ein kleines, bescheidenes Vermögen erarbeitet hatte. Das vierhundert Quadratmeter große Landhaus mit seinen sechs Zimmern und zwei Bädern zeugte besonders auf Grund des repräsentativen Eingangsbereich, wo im großzügig angelegten Foyer zwei gebogene Treppen links und rechts zu den oberen Räumen führten, von dem kaufmännischen Erfolg Galottis, dessen Stolz darin begründet war, dass er allein durch Fleiß, harte Arbeit und durch jeglichen Verzicht auf Annehmlichkeiten und Zerstreuungen im Leben zu etwas gebracht hatte. Alkohol und Tabak waren ihm genauso verpönt wie der Besuch von Theateraufführungen, Konzerten und, was viel schlimmer war, der Besuch einer Vegghia. Galotti hasste diese Abendgesellschaften. Geschminkte, gepuderte, perückentragende und parfümierte Männer in glockig geschnittenen Justaucorps, die in ihrer aufgesetzten Affektiertheit und Selbstzufriedenheit Klatsch und Tratsch untereinander verbreiteten und sich somit nicht vom plappernden Frauengeschwätz der anwesenden weiblichen Gesellschaft unterschieden. Diese wiederum zeichnete sich besonders darin aus, sich in der Vegghia gegenseitig in ihrer neuesten Mode auszustechen. Kleider von Goldbrokat, besetzt mit Silberspitzen waren das Nonplusultra und zogen der Trägerin des Kleides unverhohlene neidische Blicke auf sich, vor allem dann, wenn sie zusätzlich mit kostbaren Edelsteinen verziert waren. Eingezwängt in Schnürleibern, galt es am Abend auch die Frage zu beantworten, wer denn unter den weiblichen Gästen über die schmalste Taille verfügte. Galotti missfiel dieser ganze Pomp, doch einer Einladung zu einer Vegghia seitens des Adels, was zugleich einer Erlaubnis gleichkam, als Bürgerlicher an einer gesellschaftlichen Veranstaltung des Adels teilzunehmen, konnte sich Galotti schwerlich widersetzen. Die Aufträge, die er während der Abendgesellschaft für die Lieferung neuer Pferde erhielt, waren für ihn lebenswichtig. Und so ging er ganz entgegen seinen Gewohnheiten zu den verhassten Vegghias, auch wenn sie im vierundzwanzig Kilometer entfernten Guastalla stattfanden, wohl bedacht, seinen Missmut nicht zu offenkundig zur Schau zu stellen. Vielleicht hatte Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla und wichtigster Kunde Odoardos, in einem Gespräch mit seinem Lieblingsmaler Conti, der regelmäßiger Gast bei den Abendgesellschaften war, Galottis Charakter am trefflichsten beschrieben: ein alter Degen, stolz und rau, sonst bieder und gut.

Es war Abend geworden. Früh setzte im Januar die Dunkelheit ein. Die beruhigenden Worte des Arztes hatten Galotti ein wenig zur Ruhe kommen lassen. Doch je öfter Galotti zum lieben Gott betete, desto deutlicher musste er sich eingestehen, dass Gottesfürchtigkeit nicht automatisch vor Unheil schützen würde. Zeige sich nicht gerade im Leid der Menschen die Liebe Gottes? Odoardo glaubte, sich an die Worte des Papstes Benedikt XIV. zu erinnern, obwohl er die Bedeutung nicht verstanden hatte, weil sie ihm widersprüchlich erschien. Welches Leid würde er noch ertragen müssen? Jedes siebte Kind wurde bei der Geburt tot geboren. Wenn er Glück hatte, würde seine Frau Claudia die Geburt überleben. Odoardo wusste aber auch, dass viele Frauen nach der Geburt an einem schrecklichen Fieber erkrankten, das sie nach einem langen Todeskampf dahinraffte. Im schlimmsten Fall würde er also zwei geliebte Menschen verlieren. Er wäre wieder allein in dem großen Haus. Einsam und verlassen. Die laute Stimme der Hebamme, die nach dem medicus rief, riss ihn aus den düsteren Gedanken heraus.

„Signore Balderi! Kommen Sie schnell!“

Was hatte das zu bedeuten? Balderi sprang von seinem Stuhl auf und gab Odoardo, der im Begriff war, sich schnell aus dem Ohrensessel zu erheben, gleichzeitig das Zeichen, sitzen zu bleiben, um unnötige Unruhe zu vermeiden. Mit der braunen Ledertasche in der Hand huschte Balderi aus dem Wohnzimmer. Für Odoardo blieb nichts anderes übrig, als die nächsten Minuten, wenn nicht gar Stunden, tapfer zu ertragen.

Das Schlafgemach Claudia Galottis bot ein Bild des Grauens. Doch bei näherer Betrachtung waren es nur die blutbesudelten Betttücher und der blutende Unterleib, aus dem in diesem Augenblick ein kleiner klebriger Klumpen von einem haarigen Kopf hervorlugte, der die bevorstehende Niederkunft des ersten Kindes Odoardo Galottis ankündigte.

„Halten Sie ihre Arme fest“, sagte Frau Scuderi, dabei Balderi fest ins Gesicht schauend, „sie darf ihren Körper trotz ihrer Schmerzen nicht hin- und herdrehen.“

Claudias Schreie wurde lauter und vermischten sich mit den aufmunternden Worten der Hebamme.

„Pressen Sie! Pressen Sie! Ich kann den kleinen Kopf schon sehen.“

Ihr Gesicht von den Wehenschmerzen grausam gezeichnet, heftig stöhnend, glaubte Claudia Galotti in diesem Moment, sterben zu müssen. Doch einem Mutterinstinkt folgend presste sie ihren geschundenen Unterleib so lange, bis sie beim ersten ohrenbetäubenden Protest ihres schreienden Babys in ein erleichtertes Lachen verfiel, das mit Freudentränen in ihren Augen begleitet wurde. So erblickte Emilia Galotti am frühen Abend des 13. Januars 1753 das Licht der Welt.

2

Vielleicht fiel es Odoardo Galotti wesentlich leichter, Emilia mit der in seiner Überzeugung notwendigen Härte zu erziehen, weil er glaubte, ihr nicht die Liebe geben zu können, die er vermutlich einem erstgeborenen Sohn in verschwenderischer Fülle gegeben hätte. Andererseits hätten aber die hohen Erwartungen an einen Sohn, die sich darin geäußert hätten, das Landgut und die Vieh- und Pferdezucht nach Galottis Tod zu übernehmen und erfolgreich weiterzuführen, ebenso zu der strengen erzieherischen Haltung geführt, die er bei Emilia schon in den ersten Monaten nach ihrer Geburt zeigte. Für Galotti war das Schreien des Kindes in den ersten Monaten deutliche Anzeichen von Wildheit, Halsstarrigkeit und Trotz. Das Kind musste von diesem Unkraut früh befreit werden, denn die Erziehung zum Gehorsam war für Odoardo die oberste Voraussetzung für ein gutes und glückliches Leben seiner Tochter.

Claudia Odoardo hingegen hatte es sehr schwer, sich den strengen Erziehungsmethoden ihres Mannes zu widersetzen, denn Odoardo war der Herr im Haus, der Patriarch, dessen Anweisungen es galt, Folge zu leisten, schließlich versorgte er die Familie materiell, was gleichzeitig den sicheren Schutz vor den Unwägbarkeiten des Lebens bedeutete. Dennoch erkämpfte Claudia sich Freiräume, was besonders die emotionale Fürsorge Ihres Kindes betraf, indem sie die Anweisungen Odoardos durchaus befolgte, um sie anschließend zu umgehen.

So begleitete Claudia das liebevolle Stillen ihrer Tochter an der Mutterbrust mit zärtlichem Streicheln ihres warmen, weichen Körpers. Immer wenn Odoardo von der Arbeit auf dem Landgut zurück ins Haus kam und zufällig Zeuge dieser innigen Verbindung zwischen Mutter und Kind wurde, konnte der Hausherr nicht umhin, Claudia in einem ermahnenden Ton zurechtzuweisen.

„Oh Claudia, eitle und törichte Mutter, wie kannst du in deiner Affenliebe das Kind nur so verwöhnen und verzärteln? Es ist zugegebenermaßen ein zartes Pflänzchen, das es zu schützen gilt, das rechne ich dir hoch an, liebe Claudia, doch deine verschwenderische Vergabe von Zärtlichkeiten weckt Begehrlichkeiten und fördert die Genusssucht unseres Kindes und erschwert die Erziehung zur Gehorsamkeit.“

„Wann wirst du dich endlich von dem Zwang zur Härte befreien, der dich daran hindert, dein Kind mit liebevollen Augen zu sehen, lieber Odoardo?“

„Unser Kind soll gehorsam und biegsam sein, das seinen Eigensinn unter Kontrolle hat. Und deshalb ist es erforderlich, schon in jungen Jahren das Kind zu formen. Also gib es mir, so dass Donna Francesca das Kind zu Bett bringen kann.“

Odoardos unmissverständliche Anweisung duldete keinen Widerspruch. Mit schwerem Herzen erhob sich Claudia vom Bett, das Kind sanft in den Armen haltend, und übergab es ihrem Mann, ohne ihn dabei anzuschauen. Der harte raue Händedruck Odoardos, dessen Hände gewohnt waren, schwere Arbeiten auf der Pferdekoppel zu verrichten, weckte das zarte Kind aus seinem satten, sanften Schlaf, das nun zu schreien begann.

„Nun sieh, Odoardo, was du angerichtet hast!“

Wortlos verließ ihr Mann das Zimmer, das schreiende Kind im Schraubstock seiner Arme haltend, und übergab es der Haushälterin, die in der Küche mit dem Zurichten des Abendbrots beschäftigt war. Mürrisch entfernte sich Odoardo aus der Küche und begab sich in seine Stube, um sich beim Lesen der Bibel, solange die Kerzen noch genügend Helligkeit erzeugten, von der Arbeit zu entspannen. Das Studium der Bibel gab ihm in Augenblicken der Unsicherheit, was die Frage nach dem Sinn des Lebens betraf, die befriedigenden Antworten, zumal sie die Richtigkeit seiner Entscheidungen als Herr im Haus bestätigten. Beim Lesen der Epheser 6 glaubte Odoardo, in seinen Erziehungsmethoden bestätigt zu werden.

Ihr Kinder, seid gehorsam euren Eltern in dem Herrn; denn das ist recht. Ehre Vater und Mutter, das ist das erste Gebot, das eine Verheißung hat: auf das dir’s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.

Für einen Augenblick legte Odoardo die Bibel zur Seite, um das Gelesene gedanklich zu verarbeiten. Da von den Kindern von Gott Gehorsam gefordert wurde, war es unerlässlich, die Kinder von Geburt an zum Gehorsam zu erziehen. Und es war Gottes Wille! Und es sollte in seinem Interesse sein, denn ein gutes und langes Leben würde dem gehorsamen Kind prophezeit werden. Und somit stand für Odoardo fest, dass die Affenliebe seiner Frau, Wünsche und falsche Erwartungen beim Kind weckte, die, wenn sie nicht erfüllt würden, zu Ungehorsam führen und besonders die Autorität des Vaters erschweren würde. Und überhaupt: Das sofortige Stillen beim ersten Schrei des Kindes musste ebenso unterbunden werden. Die Erziehung zum Gehorsam beinhaltete auch die Erziehung zur Ordnung als einer der ersten Tugenden. Seine Tochter musste lernen, zu festen Zeiten ihre Nahrung zu sich zu nehmen. Sie sollte lernen, frühzeitig ihre Triebe zu kontrollieren, wenn nicht gar auch auf Triebe zu verzichten, mochte das Kind doch so lange schreien, wie es wollte; und wenn er es mit Schlägen in den Schlaf zwingen müsste.

Bei diesem düsteren Gedanken erinnerte sich Odoardo an eine Bibelstelle, die er nun hastig suchte, denn er glaubte, sogar in der Bibel die göttliche Rechtfertigung für den Einsatz der Rute, die er von seinem Vater nur zu oft und sehr schmerzlich erhalten hatte, gefunden zu haben. Aufgeregt blätterte Odoardo in der Bibel, bis er endlich die Stelle fand, Sirach 30, die ihn zutiefst befriedigte, weil sie ihm als gottesfürchtiger Mensch die Rechtfertigung gab, seine Tochter, sollte es jemals vonnöten sein, körperlich zu züchtigen.

Wer seinen Sohn lieb hat, der hält für ihn die Rute bereit, damit er später Freude an ihm erlebt. Wer seinen Sohn in Zucht hält, der wird sich an ihm freuen und braucht sich bei den Bekannten seinetwegen nicht zu schämen.

Die Frage, warum in Sirach nur der Sohn und nicht die Tochter erwähnt wurde, glaubte Odoardo dahingehend beantworten zu können, dass, und es schloss seine Hoffnung bei dem Gedanken mit ein, Töchter vom Wesen her weniger renitent und halsstarrig waren, so dass sich der Einsatz der Rute erübrigen würde.

So bestätigt in seinem Erziehungsverhalten und in seinen Erziehungszielen, erhob sich Odoardo von seinem Stuhl und trottete müde zur Küche, wo er Claudia erblickte, die seine Tochter, warm in Decken eingehüllt, in ihren Armen hielt und es, ein leises Lied summend, in den Schlaf wog. Odoardo missfiel der Anblick dieser zärtlich-innigen Szene, doch er entschloss sich, um einen Streit am Abend zu umgehen, nur durch ein mürrisches Knurren sein Missfallen zu artikulieren, bevor er sich an den Küchentisch setzte, um die von Donna Francesca zubereitete heiße Suppe, passend zu den eisigkalten Wintertagen, zu löffeln, die sein Inneres wohltuend wärmte.

In diesem Spannungsverhältnis unterschiedlicher Erziehungsstile wuchs Emilia zu einem hübschen Mädchen heran, so dass auch Odoardo nach anfänglicher Enttäuschung über die Geburt eines Mädchens über die Jahre hinweg nicht umhinkam, mit einem gewissen Stolz seiner Frau zu gestehen, dass er in der Tat väterliche Gefühle für Emilia empfand. Sollte jedoch Claudia mit Odoardos Geständnis der Liebe für seine Tochter die Hoffnung auf eine wenig strengere Erziehung seitens des Vaters erhofft haben, so wurde sie eines Besseren belehrt. Odoardo beharrte weiterhin auf eine strenge Erziehung, denn besonders Mädchen waren großen Gefahren außerhalb des Familienkreises ausgesetzt, und es galt nun, besonders Emilia zu einer gottesfürchtigen, tugendhaften jungen Frau zu erziehen, um ihr in einigen Jahren einen ebenso tugendhaften Mann zu finden, mit dem sie eine glückliche Ehe eingehen konnte.

Zum Glück genügte es bei Emilia, aufkommenden Trotz mit einem wortlosen, grimmigen Mienenspiel oder mit einem scharfen Ton in Odoardos Stimme kurzerhand zu unterbinden, so dass sich Emilia ängstlich in ihr Zimmer verzog oder Schutz bei ihrer Mutter suchte. Am ganzen Körper zitternd, ihre beiden Arme um die Taille ihrer Mutter legend, tauchte bei Emilia, immer dann, wenn sie von ihrem Vater gescholten wurde, die Erinnerung an den Sonnabendnachmittag vor drei Jahren auf, als Giulia Giordano, das Nachbarkind, sie besucht hatte und unter Aufsicht ihres Vaters in ihrer Stube spielen durfte.

Die Puppe, die Giulia zum Spielen mitgebracht hatte, weckte Emilias Interesse.

„Du hast aber eine schöne Puppe mitgebracht, Giulia. Darf ich sie mal in den Arm nehmen“.

Odoardo bat Giulia, Emilia doch einmal die Puppe zu überreichen, was sie auch gerne tat, doch nach einiger Zeit verlangte Giulia ihre Puppe zurück, schließlich war es ihre Lieblingspuppe. Doch Emilia weigerte sich, die Puppe zurückzugeben. Sie war doch so schön.

„Willst du Giulia die Puppe nicht zurückgeben?“, fragte Odoardo in einem bewusst väterlichen Ton, um Emilia nicht zu erschrecken.

„Nein.“

„Aber dann hat Giulia keine Puppe mehr“, erwiderte Odoardo, nun einen strengen Blick auf seine Tochter werfend.

„Nein.“

Die Puppe heftig an sich drückend, wandte sie ihrem Vater den Rücken zu, um seinem strengen Blick auszuweichen.

„Ich will aber, dass du Giulia die Puppe zurückgibst. Und zwar sofort!“

Enttäuscht über die Reaktion Odoardos warf Emilia die Puppe vor die Füße ihrer Freundin, die ängstlich stehenblieb und sich nicht bewegte.

„Emilia! Heb sofort die Puppe auf und gib sie deiner Freundin.“

Doch Emilia, Tränen in den Augen, wandte erneut Odoardo ihren Rücken zu, dabei heftig schluchzend. Ihm, dem Vater, den Rücken zuzudrehen, war ein deutliches Zeichen von mangelndem Respekt und unverschämten Ungehorsam. In der plötzlich einsetzenden Stille verhallten Odoardos Schritte zum Bauernschrank gefährlich dumpf und trocken auf dem Parkett des Fußbodens, als er wortlos die unterste Schublade herauszog, um seine Rute theatralisch hervorzuholen. Der Anblick der Rute sollte genügen, Emilia zur Besinnung zu bringen. Drohend baute sich Odoardo vor seiner kleinen, ängstlich zitternden Tochter auf, um auf sie herunterzuschauen. Ihre Tränen, ihr flehentlicher Blick schien sein Mitleid nicht zu erreichen.

„Heb die Puppe auf, Emilia! Oder ich mache Gebrauch von der Rute!“

Doch Emilia war nicht gewillt, die Puppe vom Boden aufzuheben. Von der lauten Stimme ihres Ehemanns angezogen, trat Claudia just in dem Augenblick in die Stube herein, als Odoardo seinen Arm in einer Ausholbewegung zum Schlagen der Rute angesetzt hatte.

„Unterstehe dich, Odoardo, meine Tochter zu schlagen!“, rief sie mutig ihrem Mann zu. In seiner Autorität als Hausherr so untergraben, ergriff Odoardo wutschnaubend die Puppe und seine Tochter und verschwand mit ihr in ein Nebenzimmer. Stumm und hilflos mussten Claudia und Giulia mit anhören, wie die lauten Schläge der Rute auf Emilia einprasselten. Ihre schmerzhaften Schreie, ihr Weinen und ihre flehentlichen Bitten, endlich Einhalt zu gewähren, gingen Claudia durch Mark und Bein. Endlich, nach wenigen Minuten, die wie eine Ewigkeit erschienen, schlich Emilia, noch brennende Schmerzen verspürend, laut schluchzend in ihr Kinderzimmer und übergab Giulia wortlos ihre Puppe.

Besonders auf Grund der Anwesenheit des Nachbarkindes, das alles seinen Eltern brühwarm erzählen würde, war es in Odoardos Augen unumgänglich gewesen, bei seiner Tochter ein Exempel zu statuieren. Jeglicher Zweifel an seiner Autorität als Familienoberhaupt musste unterbunden werden. Nicht auszudenken, welchen Spott er in seiner Nachbarschaft hätte ertragen müssen, wenn sie erfahren hätten, dass der harte Hund eher ein zahmes Lamm war. Um diese Schmach zu umgehen, war Odoardo auch bereit, den unumgänglichen Ehestreit zu ertragen, der sich darin äußerte, dass Claudia jegliche Kommunikation mit ihrem Mann verweigerte, was sich über mehrere Tage, manchmal über Wochen, hinziehen konnte.

Dabei betrachtete er Claudias Verhalten gegenüber Emilia als falsche Mutterliebe. Erst neulich hatte Odoardo wieder einmal das in seiner Ansicht falsche Verhalten seiner Frau kritisiert. Den Grund für Emilias Weinen hatte er eines morgens versucht zu ergründen.

„Warum weinst du denn, Emilia? Was fehlt dir denn?“

„Nichts.“

„Dann hör bitte auf zu weinen, wenn es keinen Grund gibt.“

Nach diesen Worten hatte Odoardo seine Tochter gebeten, in ihre Stube zu gehen, um sich dort auszuweinen, falls sie sich nicht beruhigen könnte. Erst wenn sie sich ausgeweint hatte, sollte sie ihr Zimmer wieder verlassen. Claudia, die neben ihrem Ehemann am frühen Morgen im Wohnzimmer saß und warme Socken für den Winter strickte, nahm all ihren Mut zusammen, um einen Einwand zu äußern.

„Aber vielleicht fehlt ihr etwas. Komm mal her, Emilia.“

Sie nahm Emilia und setzte sie auf ihren Schoß, dabei ihren Kopf streichelnd.

„Tut dir vielleicht der Kopf weh?“

„Ja, und der Bauch tut mir so weh“, sagte Emilia und drückte sich an die Brust ihrer Mutter. Sicherlich lag ihr noch die letzte Mahlzeit im Magen.

„Heute brauchst du nicht zur Schule zu gehen. Nimm dir ein paar Rosinen und Mandeln und geh wieder ins Bett.“

Emilia hatte aufgehört zu weinen und rutsche nun befriedigt vom Schoß ihrer Mutter und trabte leise in ihr Zimmer. Schweigend erhob sich Odoardo aus seinem Sessel, ergriff seinen Spazierstock und verließ früher als sonst das Haus, um auf den Pferdekoppeln nach dem Rechten zu sehen. Er hielt es erneut für einen Fehler Claudias, Emilia diese Freiheiten zu geben. Nicht nur, dass Claudia den Vater gegenüber seiner Tochter ausspielte, indem sie Odoardo als einen Tyrannen und sich selbst als Schutzengel darstellte; schlimmer war es, dass Emilia sich vielleicht eine Lüge zurechtgelegt hatte, um nicht zu Schule zu gehen, was noch mit Rosinen und Mandeln belohnt wurde. Das förderte doch nur den Eigensinn seiner Tochter. Doch einen Streit vom Zaun brechen, konnte sich Odoardo an jenem Morgen nicht leisten, denn es galt, einen neuen Auftrag für zwei Pferde, die am Nachmittag von den neuen Besitzern abgeholt werden würden, zu erfüllen.

3

Herr, erbarme Dich meiner. Erhöre meine Bitte, immer gut und gehorsam meinen Eltern gegenüber zu sein. Ich vergesse manchmal, was ich tun muss, um meinen Eltern zu gefallen. Gib mir Einsicht und Verstand und erlöse mich von den bösen Gedanken, die mich abends vor dem Einschlafen seltsam erregen. Amen.

Emilia, nach Jahren zu einem jungen Mädchen herangereift, konnte sich das seltsame Gefühl, das sie neuerdings vor dem Einschlafen spürte und sie mit Angst erfüllte, nicht erklären. Trotz aufkommender Schuldgefühle genoss sie die Erleichterung, nachdem sie den egoistischen Forderungen des in Wallung versetzen Körpers stets nachgab, um, befriedigt zur Seite gerollt, friedlich in Gottes Obacht einzuschlafen.

Emilia hatte es bisher nicht gewagt, mit ihren Eltern über diese seltsame Erregung zu sprechen. Sie hatte sich im Laufe der Jahre des Eindrucks nicht erwehren können, dass ihre Eltern nicht immer bei der Wahrheit blieben, wenn es um wichtige Lebensfragen ging. Dass Kinder in die Welt kommen wie ein Baum, der plötzlich im Wald aus dem Unterholz herauswächst, war für sie ebenso unglaubwürdig wie die Antwort auf die Frage, warum die Hebamme sofort erkennt, ob das neugeborene Kind ein Mädchen oder ein Junge ist. Emilia glaubte nicht so recht daran, dass ein Junge an seinem breitschultrigen Körperbau zu erkennen war, dessen Hände und Füße einen deutlich größeren Umfang hätten als die eines Mädchens. Emilia hatte wichtige Bibelsprüche verinnerlicht, die sie im Unterricht hatte aufsagen müssen. So hatte sie sich seltsamerweise bei den Antworten ihrer Mutter an Epheser 4, 25 erinnern müssen:

Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit.

Dennoch wäre es Emilia aus Gründen des Gehorsams nicht in den Sinn gekommen, ihre Mutter der Lüge zu bezichtigen. Sie war sich sicher, dass sie eines Tages die richtigen Antworten bezüglich ihrer Fragen erhalten würde.

Ein Ereignis, das Emilia im starken Maße viel mehr belastete und sich wie ein schwerer Stein auf ihr Herz legte, waren die seltsamen monatlichen Blutungen, die sie nun schon seit beinah einem Jahr über sich ergehen lassen musste. Erneut suchte Odoardo Hilfe in der Bibel und fand eine Stelle im 3. Buch Moses, die ihn sehr beunruhigt hatte.

Wenn ein Mann bei seiner Frau liegt zur Zeit ihrer Tage und mit ihr Umgang hat und so den Brunnen ihres Blutes aufdeckt, und sie den Brunnen ihres Blutes aufdeckt, so sollen beide aus ihrem Volk ausgerottet werden.

Nach langen Überlegungen interpretierte Odoardo Emilias Blutungen als ein Gift, das zu einer Gefahr werden konnte. Es galt, dieses Blut, das aus dem Körper ihrer Tochter floss, nicht aufzuhalten. Und so ergab sich Emilia, ein jedes Mal in Blut getränkt, ihrem Schicksal und suchte Halt im Gebet zum lieben Gott.

Odoardo hatte dieses Mal nicht, wie er es sonst üblich zu tun pflegte, Emilias Stube betreten, um mit ihr gemeinsam ein Morgengebet an den lieben Gott zu richten. So entging ihm Emilias Geständnis an den Herrgott, im Alter von nun schon vierzehn Jahren von unzüchtigen Gedanken geplagt zu werden. Seit einem Jahr nun schon hatte es sich Odoardo zur Gewohnheit gemacht, früh morgens vor dem Aufwachen oder abends vor dem Einschlafen in Emilias Zimmer auf leisen Sohlen hineinzuschleichen, um, hinter der Seitenwand ihres Schranks versteckt, Emilias Regungen im Schlaf zu beobachten, bis ihm jedoch nach einigen Minuten immer wieder die Geduld verließ, längere Beobachtungsphasen durchzuführen, und er zufrieden aus ihrem Zimmer schlich. Selbstbefriedigung war für Odoardo ein Akt der Selbstschwächung, die seiner Tochter die Kraft für ein tugendhaftes Verhalten rauben würde. Trotz intensiven Studiums der Bibel fand er keinen schlüssigen Beweis für diesen Akt der Gottlosigkeit. Er würde Emilia von der Last des Leidens befreien, indem er ihr die Folgen ihrer wollüstigen Gedanken vor Augen halten würde. Emilias körperlicher Zerfall wäre unausweichlich. Ihr Gesicht, verrunzelt und mit Geschwüren übersäht, ihr Haar, verdorrt wie Stroh in der heißen Sonne, ihre Augen so trüb, ihr Verstand so stumpf. Diese Prophezeiung würde er seiner Tochter zur Abschreckung in einem eindringlichen Gespräch präsentieren, weil er Emilia so liebte.

Doch zum Glück waren Odoardos pädagogische Maßnahmen zu Bekämpfung des sittlichen Verfalls nicht erforderlich, als er nach Emilias täglichem Morgengebet ihre Kammer betrat, um Emilia mitzuteilen, dass er in Kürze mit dem Einspannen des Pferdes beginnen würde, so dass Odoardo sie in seiner offenen, einspännigen Kutsche

höchstpersönlich zur Stadtschule in Sabbioneta bringen konnte. Die tägliche Begleitung zur Schule hatte Odoardo als Bedingung eingefordert, um Claudias Wunsch zögerlich zu entsprechen, Emilia in einer öffentlichen Schule unterrichten zu lassen. Odoardo missfiel dieser Gedanke. Die Vorstellung, Emilia unter all den Jungen und Mädchen, auch aus niederen bürgerlichen Verhältnissen, für Stunden unbeaufsichtigt zu lassen, bereitete ihm Unbehagen. Sein Einkommen als Rinder- und Pferdezüchter hätte es ihm zweifellos erlaubt, ganz im Stil des Adels, einen Hofmeister für die Beschulung seiner Tochter einzustellen, der seiner Tochter im Haus die Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Rechnens unter Aufsicht des Vaters beigebracht hätte. Der Gedanke, mehrere hundert Gulden pro Jahr einsparen zu können, die eine Einstellung eines Hofmeisters über die Jahre erfordert hätte, und die Gewissheit, in späteren Jahren die Notwendigkeit einer Einstellung eines Hofmeisters zur musikalischen und häuslichen Erziehung seiner Tochter in Erwägung zu ziehen, hatten ihn zur Nachgiebigkeit bewogen. Ferner war Odoardo nicht entgangen, dass Emilias weibliche Vorzüge im Alter von vierzehn Jahren von nun an unübersehbar in Erscheinung traten. Ja, Odoardo musste dies mit einem Anflug von Stolz zugeben - Emilia entwickelte sich zu einer blühenden Schönheit. Es galt nun für den besorgten Vater, äußerste Vorsicht walten zu lassen. Es würde in den nächsten Monaten unweigerlich ein Ende ihres Schulbesuchs erforderlich machen, denn Odoardo war sich bewusst, dass, sobald sich Emilia zu einer reifen Frau entwickelt hatte, ein Schritt genug für einen Fehltritt war. Und vor diesem Schritt musste er Emilia bewahren.

Gekleidet in einem schlichten dreiteiligen Herrenanzug aus Seidensamt mit hohem Stehkragen, sein schulterlanges dunkelgraues Haar zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden, das von einem schwarzen Seidenband in Form gehalten wurde, verzichtete Odoardo vor der Ausfahrt mit der offenen Kutsche bewusst auf seine Perücke, die er nur bei feierlichen Anlässen widerwillig aufsetzte. Sich im Spiegel wohlwollend beobachtend, gefiel ihm seine schlichte Erscheinung, auch wenn er zugeben musste, dass sein Alter von sechsundvierzig Jahren nicht spurlos an ihm vorübergegangen war. Seine Haut war durch die Arbeit auf den Feldern rau und von der Sonne gegerbt, erste Falten auf der Stirn und tiefe Furchen um seine Mundwinkel herum ließen Odoardo noch strenger erscheinen, wenn er sein Gesicht verzog. Sein einstmals dunkles Haar war nun von grauen Strähnen durchsetzt, doch, näher an den Spiegel herantretend, gefiel ihm das, was er sah.

Emilia war froh, dass ihr Vater bei ihrer Kleiderwahl nicht auf das Tragen eines Mieders oder Korsett bestand. Das schlichte Hängekleid war praktisch und bequem und hatte den unschätzbaren Wert, bei den Jungen in der Klasse keinerlei Begehrlichkeiten zu wecken. Odoardo hatte bereits das Kumt über den Hals des Pferdes geschoben und die Zugstränge an beiden Seiten des Kumts angelegt, als Emilia ihren geliebten Vater daran erinnerte, etwas Wichtiges vor der Abfahrt zur Schule vergessen zu haben. Ein Blick zu ihr genügte. Mit einem verständnisvollen Lächeln im Gesicht unterbrach Odoardo das Anschirren des Pferdes und schritt zur prächtig blühenden Rosenhecke hinüber, die er unter dem Fenster neben dem Haupteingang seines Hauses angelegt hatte.

„Nimm die kleine Rose hier, Emilia“, sagte Odoardo und steckte sie, wie gewohnt, sorgfältig, mit Emilias Haarnadel befestigt, in ihr schwarzes Haar.

Der Weg von Odoardos Landgut nach Sabbioneta führte über eine staubige unbefestigte Landstraße, wo jeder größere Stein auf dem Weg die kleine, kaum gefederte Kutsche mit einem heftigen Ruck in die Höhe hob, um sie dann mit einem umso heftigeren Stoß wieder auf dem Boden aufsetzen zu lassen, so dass Odoardo seinen Kaltblüter, ein robuster und charakterlich gefestigter Schwarzwälder Fuchs, nur im Schritttempo führen konnte. So konnte die Fahrt zur Schule mehr als dreißig Minuten in Anspruch nehmen. Erste Überlegungen, mit Emilia gemeinsam auf ihren beiden Hannoveranern nach Sabbioneta im Galopp zu reiten, was sicherlich Emilia auf Grund der Wendigkeit und Lebendigkeit der Warmblüter große Freude bereitet hätte, hatte Odoardo letztendlich verworfen.

Die kleine Stadtschule in Sabbioneta war ein schlichtes, zweigeschossiges Backsteingebäude. Wer die Schule erreichen wollte, musste das Stadttor Porta Imperiale passieren und durch die engen Gassen fahren; am Palazzo Ducale vorbei, dem Hauptsitz des Herzogs von Sabbioneta, bog Odoardo dann nach zwei Kilometern rechts in eine kleine, mit Kopfsteinpflaster ausgelegte, unscheinbare Straße ein, die zu der Stadtschule am Rande der Stadt, nah an der mächtigen Stadtmauer, führte. Odoardo hielt mit seiner Kutsche direkt vor dem Eingang der Schule, wo Paolo Russo, der alte Schulmeister, bereits den baldigen Beginn der ersten Schulstunde mit einer lauten Glocke, die er in seiner rechten Hand mit kräftigen Armbewegungen hin und her schwang, einleitete. Beim Anblick des Schulmeisters verdunkelte sich Emilias Miene, die nun zögerlich vom Kutschbock hinuntersprang und ihre Schultasche vom Vater in Empfang nahm.

„Lern schön!“, sagte ihr Vater zur Ermunterung und wendete die Kutsche, ein kurzes Kopfnicken zum Gruß an den Schulmeister gerichtet, um die Fahrt zurück zu seinem Landgut anzutreten, während weitere Schülerinnen und Schüler, teilweise angeregt unterhaltend, andere teilweise heftig keuchend und verschwitzt, aber froh, es noch rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn geschafft zu haben, den Eingang zur Schule betraten.