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Erzählt wird das herzzerreißende und mitleiderregende Migrationsschicksal einer jungen Prostituierten aus den Philippinen. In einer atmosphärisch dichten und psychologisch nachvollziehbaren Erzählweise wird ihr Werdegang, der von fehlender Mutterliebe und von häuslicher Gewalt geprägt ist, geschildert. Doch am Ende strahlt ein Hoffnungsschimmer, einem goldenen Sonnenstrahl gleich, durch die dunklen Wolken ihrer geschundenen Seele
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2023
Carsten Freytag
Wenn Wolken Wandern
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Impressum neobooks
Carsten Freytag
Wenn Wolken Wandern
Roman
„Denn steinerne Grenzen könne Liebe nicht fernhalten,
und was Liebe kann, das wagt Liebe zu versuchen“
(Shakespeare 1564-1616)
Impressum
Texte: © Copyright by Carsten Freytag
c/o OSZ TIEM
Goldbeckweg 8-14
13599 Berlin
Cover: bookcoverzone.comVerlag:
Da, wo ich herkomme, gab es viele Fliegen. Immer, wenn meine Oma Essen gekocht hatte, flogen sie in der Küche aus Stein wild herum und landeten auf dem Reis oder auf dem Fisch, den meine Oma auf den Holztisch gelegt hatte, bevor sie den Fisch in die heiße Pfanne legte. Doch den Fisch sah man nicht, denn der Fisch war von einer schwarzen Schicht wimmelnder Fliegen bedeckt. Meine Oma klatschte in die Hände und die Fliegen gaben den Blick auf den Fisch frei, den sie nun in die heiße Pfanne über der steinernen Kochstelle legte, wo das Feuer nun heiß genug war, um den Fisch zu braten. Jeden Tag gab es Fisch, jeden Tag gab es Reis und jeden Tag gab es die Fliegen, die auf dem warmen Essen landeten und mit unserer linken Hand unaufhörlich weggescheucht werden mussten, bevor wir den trockenen Fisch und den Reis hungrig, wie wir waren, essen konnten. Die Fliegen hatten leichtes Spiel. Unser Haus aus Stein und Wellblech hatte Fenster ohne Fensterscheiben. Wenn im Herbst die Regenzeit begann, war das Haus so feucht, dass der Lehmboden zu Match wurde. Die Fliegen hatten es gut. Auch die Geckos, die träge an unseren Steinwänden hochliefen, hatten es gut. Die Fliegen waren eine willkommene Beute, die sie mit ihrer blitzschnell hervorschießenden Zunge einfingen und vertilgten.
Dort, wo meine Mama mich verprügelt hatte, gab es wenig Fliegen. Nur eine Fliege, die über meinem blutenden Kopf schwirrte, war in meinem Zimmer. Ich verfolgte sie mit meinen blutverklebten Augen und sah, wie sie auf dem Stuhlbein des umgestürzten Tisches landete, so, als wollte sie mich von oben herab betrachten, um zu erfahren, ob ich noch lebte. Der Teppich, auf dem ich schmerzverkrümmt lag, fühlte sich weich an, so, als wollte er mir ein wenig Bequemlichkeit geben. Es war ruhig in meinem Zimmer. Nach dem Geschrei meiner Mama, die mich wütend angebrüllt hatte, und nach dem Lärm der Schläge und Tritte war die Stille beinah himmlisch und legte sich wie ein Kokon über meine verletzte Seele, um mir Ruhe zu geben. Lange blieb ich auf dem Teppich liegen. Auf dem Rücken liegend, sah ich aus dem Fenster. Ich beobachtete das Wolkenspiel am hellgrauen Himmel. Große, mächtige dunkelgraue Wolkenberge hatten sich am Himmel in mehreren Schichten bedrohlich aufgetürmt und wanderten erstaunlich tief, aber recht schnell an meinem Fenster vorbei. Dort oben musste es sehr windig sein. Man müsste eine Wolke sein. Aber keine kleine Schäfchenwolke, die hoch oben in der Atmosphäre einen Schleier mit vielen anderen Schäfchenwolken bildet. Nein, so eine Wolke möchte ich nicht sein. Es musste eine bedrohliche Wolke sein. Eine Wolke, die Angst erzeugt. Eine Wolke, die Blitz und Donner mit sich führt und über dem Haus meiner Mutter schwebt. Eine Wolke ist unantastbar. Unerreichbar. Niemand kann eine Wolke schlagen und verletzen. Wenn ich es könnte, würde ich zu den Wolken hinaufsteigen, eine von ihnen werden, würde mit meinen neuen Freunden über Indien hinweg bis nach Südostasien wandern. Nur weg von hier. Immer schneller, immer weiter weg von hier. Sie würden mich tragen bis in meine Heimat, wo die Luft so warm und weich wie Weihrauch ist. Und plötzlich erfüllte mich ein Gefühl der Hoffnung, ein Gefühl von Wärme durchdrang meinen geschundenen Körper, als ein goldener Sonnenstrahl wie als Fingerzeig die Wolkendecke plötzlich durchbrach und mein Gesicht erhellte. Ich hatte plötzlich das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein.
Bei meinem Versuch aufzustehen, spürte ich einen brennenden Schmerz in meinem Unterleib, dort wo meine Mama mich immer getreten hatte, nachdem ich zu Boden gegangen war. Nur der Mann, der irgendwann in mein Zimmer kam, hatte meine Mama davon abgehalten, mich tot zu treten. So wütend war meine Mama gewesen. „Bist du total verrückt geworden! Komm zur Besinnung!“, hatte der Mann gerufen und den nächsten Tritt meiner Mama verhindert, indem er dazwischen gesprungen war. Der Schreck stand ihm im Gesicht geschrieben. Doch ich wusste nicht, ob er mich oder meine Mama beschützen wollte, als er den nächsten Tritt meiner Mama abgefangen hatte. Ich hatte auch erst viel später verstanden, was Besinnung heißt, denn ich war erst vier Jahre in Deutschland.
Ich verfluche die Zeit des Wartens, die mich dazu führt, in meine Vergangenheit zu blicken. Das, was ich glaubte verdrängt zu haben, kommt immer dann zum Vorschein, wenn ich warte oder einsam in meiner kleinen Wohnung bin und nicht weiß, was ich tun soll. Wann kommt er den endlich? Hoffentlich kommt er auch. Wenn er mich jetzt in dieser Situation in Stich lässt, bin ich für immer und ewig verloren. Dann wird es keinen Ausweg mehr geben. Ich liebe ihn. Ich glaube, so etwas wie Liebe zu verspüren. Und er liebt mich. Das sagt er zumindest. Mahal kita. Doch manchmal fühle ich eine beklemmende Angst in mir. Mahal kita. Zu oft habe ich diesen Satz gehört, während die Männer in mir eindrangen. Nicht selten baten Freier mich, den Satz der Liebe und des Lebens in meine Heimatsprache zu übersetzen, als glaubten sie wirklich, mit dieser Lüge, während sie sich in mir wollüstig ergossen, eine tiefere seelische Verbindung mit mir eingehen zu können. Ein Satz, der für mich stets nur Enttäuschung und grenzenlose Ernüchterung mit sich führte. Ein Satz ohne Verheißung und Hoffnung. Ein Satz, der nicht einmal über die Lippen meiner Mutter kam.
Ich versuche, meine Nerven zu beruhigen, indem ich mich versichere, dass Werner es wirklich ernst meint und mich hier herausholt. Und so zwinge ich mich zur Ruhe und schaue trotzdem auf die Uhr, die mir mitteilt, dass Werner schon seit fünf Minuten bei mir sein müsste. Mein Koffer ist gepackt. Die Flucht in der Mitternacht müsste in Sekundenschnelle von statten gehen. Leise die Tür schließen, wortlos schnell das Treppenhaus mit leichten, leisen Schritten heruntereilen und in den vor dem Haus geparkten Wagen hineinspringen, die Wagentür vorsichtig schließen und unauffällig davonfahren. In eine neue Stadt, wo mich keiner kennt, in ein neues Leben ohne Gewalt und Angst.
Meine Mama kam auch nicht mehr in mein Zimmer, um zu schauen, wie es mir ging. Der Mann kam auch nicht mehr. Nur die Kinder, neugierig angezogen von dem Lärm, traten plötzlich leise ein und schreckten zurück, als sie mich blutend auf dem Teppich liegen sahen. Sie waren noch zu jung, um zu verstehen, was vorgefallen war. „Mama“, rief der fünfjährige Jakob, „Geraldine blutet.“ Doch der Hinweis Jakobs führte nicht zu einer medizinischen Versorgung meiner blutenden Wunde. Meine Mama kam nicht mehr.
Der Mann war der Ehemann meiner Mama und hieß Hans-Jürgen, aber ich nannte ihn, wenn ich alleine war oder wenn ich nachdenken musste oder wenn ich mit meinen Freundinnen zusammen war, nur der Mann im Haus, weil er nicht mein Vater war. Und so konnte ich auch nicht Papa zu ihm sagen. Auch seinen Vornamen auszusprechen fiel mir schwer. Vielleicht hätte meine Mama mich früher nach Deutschland holen sollen. Ich war bereits zehn Jahre alt, als ich die Philippinen verlassen hatte, um mit meiner Mama in Deutschland zu leben. Vielleicht war ich schon zu alt, um mich an den Mann zu gewöhnen. Ich musste dem Mann im Haus allerdings zugestehen, dass er sich anfangs Mühe gegeben hatte, mich näher kennen zu lernen, um mit mir klar zu kommen. Im Winter kaufte er mir Schlittschuhe und lud mich mit seinen drei kleinen Söhnen zum Schlittschuhlaufen ein. Mein erster Winter in Deutschland. Der erste Schnee. Im Gegensatz zu den Kindern registrierte ich die tänzelnden Schneeflocken, die sich von Mal zu Mal dichter auf dem Boden versammelten, eher unaufgeregt und gleichmütig. Während ich in Negros nur ein Hemd besaß und eine zerfranste Jeans, trug ich nun dicke Wollsocken, Thermounterwäsche, darüber eine dicke, unbequeme Thermohose, dazu einen pinkfarbenen Pullover und darüber eine wattierte, voluminöse Winterjacke und dazu noch einen roten Schal und dazu noch die Wollhandschuhe und dazu noch die klobigen Winterschuhe, die ich nun gegen Schlittschuhe ersetzt hatte. Und nicht zu vergessen, meine Wollmütze, unter der mein Haar fürchterlich juckte. Und ich bibberte dennoch auf dem zugefrorenen See in der eisigen Kälte, während ich mich ständig beim Versuch, mich auf dem rutschigen Eis voran zu bewegen, auf den Hosenboden setzte, was äußerst schmerzhaft war. Die Antwort auf die Frage des Mannes im Haus, ob mir das Eislaufen Spaß bereitete, konnte er an meinem Gesichtsausdruck ablesen. Weitere Angebote zum Eislaufen lehnte ich dankend ab. Der Mann kaufte mir im Frühjahr ein Fahrrad und lud mich zum Fahrradfahren ein, doch ich hatte keine Lust, ewig in die Pedalen zu treten, um fünfzehn Kilometer zum See zu fahren und zurück. Zu anstrengend. Zu langweilig. Ich zog es vor, mit meinen neuen Freundinnen aus der Gesamtschule, durch die Innenstadt zu bummeln. Der Mann hatte sogar ein Segelboot und lud mich ein, mit seinen Kindern auf dem Kemnader See zu segeln. Ich kann nur sagen: einmal und nie wieder. Zu windig, zu wackelig, zu langweilig. Ständig musste gekreuzt werden, um in eine Richtung zu fahren, weil der Wind ungünstig wehte. Nie ging es gerade aus. Immer nur im Zickzack. Dann richtete sich das Boot plötzlich schräg zur Seite. Und ich hielt mich irgendwo fest, voller Panik, dass das Boot umkippen und wir im aufgewühlten Wasser landen würden. Ich konnte nicht verstehen, warum die Kinder so begeistert waren, wenn das Boot doch in Gefahr war, seitlich umzukippen. Nicht mein Ding. Segeln war für mich abgehakt. Und so kam der Mann im Haus auch nicht mehr in mein Zimmer, um zu sehen, wie es mir ging.
Meinen richtigen Vater habe ich nie kennengelernt. Ich weiß nicht einmal seinen richtigen Namen. Meine Mama hat ihn nie erwähnt, und zwar wohl aus tiefer Enttäuschung darüber, dass der Mann kurz vor der geplanten Hochzeit meine Mama verlassen hatte, weil er sich in eine andere Frau verliebt hatte. Das habe ich von Noel, dem Bruder meiner Mama, gehört. Und meine Mama war da schon schwanger mit mir. Und so erblickte ich am 4. Juli 1995 das Licht der Welt. In Manila. Als ich geboren wurde, war meine Mama ganz allein, ohne Ehemann und ohne Unterstützung ihrer Eltern, die es sich nicht leisten konnten, von unserer Insel Negros aus eine Fähre nach Manila zu buchen, um bei der Geburt dabei zu sein. So musste meine Mama nur mit Hilfe einer Hebamme austragen. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätte mich weggemacht, und ich wäre gar nicht zur Welt gekommen. Vieles wäre mir und ihr erspart geblieben. Doch die strenge katholische Erziehung durch die Eltern, deren Einfluss bis nach Manila reichte, machte es für meine Mama unmöglich, mich wegzumachen. Mit so einer Sünde, sich über Gott hinwegzusetzen, indem das neue Leben als Geschenk Gottes nicht angenommen wird, hätte meine Mama nie wieder ihre Familie in Victorias City auf der Insel Negros besuchen können. Das hat mir meine Mama gesagt, als sie mich irgendwann einmal bei meiner Oma besucht hatte.
Mama war wirklich sehr wütend auf mich. Es musste aber auch irgendwann passieren. Vielleicht hatte ich es auch verdient, von meiner Mama so verprügelt zu werden. Lügen hatte keinen Sinn mehr gehabt. Ein Polizist hatte mich nach Hause begleitet. Die Nachbarn guckten neugierig, als der Polizist an der Haustür klingelte. Meine Mama guckte überrascht, ihr Blick drückte Verwunderung aus, der sich schnell in Wut verwandelte, als sie erfuhr, dass ich beim Klauen vom Ladenbesitzer erwischt worden war. „Na warte ab, das wirst du noch bereuen!“, hatte sie auf Tagalog zu mir gesprochen. Immer, wenn sie wütend war und wenn sie nicht wollte, dass andere ihre Gespräche mit mir verfolgen sollen, sprach sie Tagalog mit mir. Manchmal auch Ilonggo. Ich flüchtete in mein Zimmer, obwohl das Zimmer keinen Schutz vor ihren Schlägen bot, froh für den Moment, ihrem strafenden Blick ausweichen zu können. Der Polizist blieb noch eine kurze Weile. Vorsichtig hatte ich die Zimmertür geöffnet, um mithören zu können, was der Polizist meiner Mama mitzuteilen hatte. Vorwiegend sprach er von den Konsequenzen meiner Straftat. Zugleich versuchte er, meine Mama zu beruhigen, die zusammengesackt kraftlos auf dem Sofa saß und ihren Kopf mit ihren beiden Händen abstützte. Nach vier Jahren in Deutschland verstand ich so gut Deutsch, dass ich dem Gespräch gut folgen konnte. Überhaupt fiel es mir leicht, eine neue Sprache zu lernen. Ilonggo zu Hause in Victorias City ist meine Muttersprache. Tagalog und Englisch kamen in der Grundschule und später in der High School dazu. Auch meine Mama sagte, dass sie schnell eine neue Sprache lerne. „Wenn du viel singst und ein Gefühl für Melodien hast, dann lernst du eine neue Sprache viel schneller“, hatte sie mir einmal gesagt, als sie einmal Zeit für mich hatte. Nur hatte ich niemals Grund zum Singen.
Und was ich dann hörte, verursachte ein breites Grinsen in meinem Gesicht. Ich huschte so leise wie eine Schlange in mein Zimmer zurück, wo ich mich schmunzelnd aufs Bett fallen ließ. Ich würde sicherlich, so hatte der Polizist meiner Mama erklärt, glimpflich davonkommen, da ich bisher nur einmal geklaut hatte und vorher nicht auffällig geworden bin. Das Wort glimpflich kannte ich schon. Meine Klassenlehrerin hatte es mir erklärt, als ich gemeinsam mit meiner Mama zu einer Klassenkonferenz vor einem Jahr eingeladen worden war, weil ich einem Arschloch in die Eier getreten hatte, der mich blöd angemacht hatte. Auch damals sollte ich glimpflich davonkommen. Zwei Wochen den Schulhof fegen und die Kippen entfernen. Und nun sollte ich wieder glimpflich davonkommen. Der Polizist hatte keine Ahnung. Der Mann im Haus hatte keine Ahnung. „Oh, hat deine Mutter dir wieder etwas Neues gekauft?“, fragte er mich, wenn er mich in den neuen Klamotten sah. Seine drei Söhne hatten ebenfalls keine Ahnung. Meine neuen Klamotten interessierten sie aber auch nicht. Und meine Mama hatte auch keine Ahnung. Zum Glück.
Pech war nur, dass ich an jenem Freitagnachmittag, Anfang Juni, erwischt wurde. Auf der anderen Seite war dies doch nur die Konsequenz einer logischen Betrachtung: je öfter ich klaute, desto höher die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden. Und wenn ich die Anzahl meiner Diebstähle in Vergleich zu der Anzahl meiner Verhaftungen setzte, dann war das Ergebnis durchweg positiv. Anders ausgedrückt. Ich war erfolgreich. Nicht in der Schule, aber in der Mitnahme von unbezahlten Gegenständen. Alles, was ich trug, war gestohlen. Meine Schuhe. Meine Jeans, meine Bluse, ja auch der Kunstschmuck, den ich trug, wurde unrechtmäßig erworben. Anders ausgedrückt. Alles war umsonst. Es war leicht, meine Mama anzulügen, weil sie sich keine großen Gedanken um mich machte. „Du hast neue Schuhe?“, fragte meine Mama. „Von meinem ersparten Taschengeld gekauft“, log ich sie an, „und die Bluse hat mir eine Freundin geschenkt, die die Bluse nicht mag.“ Und so weiter. Und so weiter. War ich erfolgreich im Klauen, so war ich auch erfolgreich beim Lügen. Und je mehr ich log, desto stärker glaubte ich an die Lüge, die zu einer unumstößlichen Wahrheit wurde. Ich war so erfolgreich, dass ich die Anführerin eine Diebesbande wurde. Und das nach nur drei Jahren in Deutschland. Ich glaube nicht, dass meine Englischlehrerein an meiner Gesamtschule diesen Weg gemeint hat, den ich eingeschlagen habe, als sie mich in der ersten Schulstunde in Englisch darauf hinwies, dass ich meine Chance, in so einem reichen Land wie Deutschland leben zu können, nutzen muss.
Sicherlich war ich nicht intelligent, aber ich war clever. Einen Dreisatz zu berechnen fiel mir schwer, die mechanische Arbeit mit den ganzen Formeln zu berechnen, bereitetet mir größte Kopfanstrengungen, aber eine Verkäuferin in einem Gespräch so abzulenken, dass sie nicht merkt, wie ich mit flinken Händen die Ohrringe in den Oberteil meiner Bluse rutschen ließ, ist für mich ein Zeichen von Cleverness oder Abgezocktheit, wie es meine Freundinnen bewundernd nannten. Durchtrieben bezeichneten mich diejenigen in der Schule, die mich nicht mochten.
Meine kriminelle Karriere, dieses Wort hatte ich in dem Gespräch zwischen dem Polizisten und meiner Mama aufgeschnappt, hatte in der Gesamtschule begonnen. Wenn der Polizist meine Verhaftung als den möglichen Beginn einer kriminellen Karriere bezeichnete, so kann ich dazu nur sagen, dass sie schon lange vor der Verhaftung stattgefunden hatte.
Alles begann mit dem Wunsch, dem Kaschmir-Klub zuzugehören. Natalia aus Russland war im Kaschmir-Klub, auch Adelina aus Rumänien gehörte dazu, Dorentina aus dem Kosovo und Ute und Monika, zwei deutsche Schülerinnen, hatten die Mutprobe bestanden und waren nun stolze Mitglieder im Kaschmir-Klub. Sie alle trugen stolz ihre teuren Kaschmirpullover nach der bestandenen Mutprobe im Unterricht. Und ich wollte dazu gehören. Ich suchte Kontakt zu Menschen, um aus meiner Einsamkeit herauszukommen. Und ich suchte Anerkennung, die ich bei dem Mann im Haus, bei den drei Söhnen und sogar bei meiner Mama nicht erhalten hatte. Natalia, Adelina, Dorentina, Ute und Monika waren cool. Sie ließen sich nichts gefallen. Ermahnungen von Lehrerinnen und Lehrern prallten bei ihnen ab. Über Einträge ins Klassenbuch lachten sie nur. Wenn sie eine Fünf in einer Klassenarbeit ausgeteilt bekamen, standen sie wortlos auf, gingen zum Papierkorb, zerrissen ihre Klassenarbeiten und warfen die Papierfetzen, höhnisch grinsend, dort hinein. Auf dem Schulhof wurden sie von niemanden blöd angemacht. Sie alle hatten Respekt, wenn nicht sogar Angst vor ihnen, denn sie konnten auch zuschlagen. Den Lehrer ignorierend, prügelten sie sich mit anderen Schülerinnen, wenn es ihrer Meinung nach erforderlich war; auch während des Unterrichts. Und den Freund Dorentinas anzumachen, der die 10. Klasse beendet hatte, war Grund genug gewesen, die Sache im Unterricht sofort mit kräftigen Argumenten zu klären.
Und so klaute ich nicht einen, sondern zwei Kaschmirpullover am Tag der Mutprobe. Von da an gehörte ich zu ihnen. Ich war endlich jemand. In der Gruppe war ich akzeptiert. Wir trafen uns bei mir zu Hause, tranken Tee, den Hans-Jürgen zubereitet hatte. Er war froh, wie er sagte, dass ich endlich Freunde gefunden hatte. Er hatte wirklich keinen Schimmer. Oft trafen wir uns in der Altstadt und zogen los, um Beute zu finden. Kein Geschäft war vor uns sicher. Um als Gruppe nicht aufzufallen, teilten wir uns auf. Nichts war vor mir sicher. Eau de Toilette, CDs, Sonnenbrillen, Modeschmuck, sogar eine Flasche Wodka verfing sich in meinem Mantel. Am Ende teilten wir die Beute bei Natalia auf, deren Mutter nie vor 20 Uhr von der Arbeit als Wurstverkäuferin nach Hause kam. Mein Aufstieg in der Clique vollzog sich automatisch. Je häufiger ich klaute und je wertvoller die Gegenstände, desto größer war die Anerkennung. Sie alle erkannten, dass ich es echt drauf hatte. Ich hätte sogar einen Flachbildschirm geklaut, wenn ich nur einen Weg gewusst hätte, den Fernseher unerkannt aus dem Laden herauszubringen. Irgendwann wurde mir Hattingen zu klein, zu eng, zu gefährlich, so dass ich die Idee hatte, unser Bummeln durch die Innenstädte in größere Orte zu verlegen. Und so traf ich die Entscheidung, wann immer die Zeit es erlaubte, uns am Hattinger Bahnhof zu treffen, um nach Bochum oder vorzugsweise in die Kettwiger Straße in Essen zu fahren, weil es da im Vergleich zu Bochum nur so von Geschäften wimmelte.
Manchmal war meine Oma mit mir und den Brüdern meiner Mama im Jeepney nach Bacolod gefahren, nicht weit weg von Victorias City, und wir guckten uns die Geschäfte im Robinsons Place an. Niemals hatten wir etwas in der Shopping Mall gekauft, niemals waren wir in die Restaurants gegangen, um dort etwas zu essen, weil es zu teuer war, denn wir waren schrecklich arm. Wir waren zum Windowshopping gezwungen. Ich wunderte mich immer wieder über die Menschen, die so viel Geld hatten, im Robinson Place einkaufen gehen zu können. Ich beneidete sie. Sicherlich gehörten viele der Kunden der Familien der Zuckerbarone an, denen die Zuckerrohrfelder gehörten, auf denen die Brüder meiner Mama und alle anderen sacadas, auch minderjährige Kinder, für zweihundertvierzig Pesos am Tag auf den Zuckerrohrfeldern schuften mussten.
Sie hatten alles, hatte Noel mir ungläubig staunend gesagt, als er einmal, was äußerst selten vorkam, einen der reichen Landbesitzer mit spanischen Vorfahren besuchen musste, um für ihn etwas zu erledigen. Eine Hacienda, drei große Autos mit Allradantrieb, Zimmer mir Klimaanlagen oder mit mächtigen Ventilatoren, die an den Zimmerdecken hingen wie übergroße summende Bienen. Wie herrlich kühl und luftig es in den Zimmern war. Zimmer mit Glasscheiben und Tapeten. Eine Terrasse, so groß und breit wie fünf Häuser in unserer Straße. Ein Swimmingpool, von weiten Grünflächen umgeben, in dem zwei Frauen ihre Bahnen zogen. Eine hohe Mauer verhinderte neidische Blicke auf die Hacienda, wenn es denn überhaupt eine Gelegenheit gab, einen Blick auf den Lebensstil der Zuckerbarone zu werfen, denn Mitarbeiter einer Security-Firma mit Walkie-Talkies bewachten die Anlage, die von einem drei Meter hohen Drahtzaun abgeriegelt wurde und wo eine rotweiße Schranke den Zugang auf die Anlage kontrollierte.
„Und dennoch geht es uns besser als denen, die hinter der Anlage leben“, hatte Noel nach seinem Aufenthalt beim Zuckerbaron trotzig gesagt, und ich wusste, was er meinte. Wir hatten ein Haus, direkt an der Straße zu der großen Zuckerrohrfabrik in unserer Stadt. Es war zwar aus Stein und ohne verputzte Wände und ohne Tapeten. Aber es bot ausreichend Schutz in der Regenzeit. Wir hatten zwar keine Toilette mit einer weißen Toilettenschüssel mit fließendem Wasser. Dafür wurde unsere große Grube hinter dem Haus jede Woche geleert, obwohl es nur wenig zu entleeren gab, denn wir verrichteten meistens unsere Notdurft heimlich in den Zuckerrohrfeldern, die direkt neben unserer Straße grenzten. Dafür hatten wir eine Pumpe, die uns täglich frisches Wasser zum Kochen lieferte. Wir hatten Strom im Haus, ein Luxus, der nicht zu unterschätzen war. Außerdem hatten wir immerhin zwei fette Schweine im Hinterhof und drei stolze Kampfhähne, angekettet an einer eisernen Stange, die uns ab und zu beim Wetten Geld einbrachten, sofern sie denn den Hahnenkampf überlebten. Oma Ocampo hatte ihre kleine Rente. Noel, 1977 geboren, musste jetzt schon achtunddreißig Jahre alt sein. Noel verdiente sich sein Geld als Tricycle-Fahrer und Jeffrey, der fünf Jahre ältere Bruder, er musste jetzt schon dreiundvierzig sein, vor dem ich mich wegen seiner Unbeherrschtheit immer gefürchtet hatte, arbeitete in einer Autowerkstatt und brachte regelmäßig Geld, wenn auch nicht viel, mit nach Hause. Gab es keine Fahrgäste zu befördern oder Autos zu reparieren, waren Noel und Jeffrey während der Zuckerrohrernte zwischen Oktober und Mai gezwungen, besonders wenn das Essen zu Hause knapp wurde und die Ehefrauen böse Gesichter machten, mannshohe Grasstauden kurz über dem Erdboden mit einer scharfen Machete zu schneiden. Obwohl die Brüder meiner Mama die schweißtreibende Arbeit in den Zuckerrohrfeldern nicht nur wegen der Ameisen, so groß wie Noels Fingerkuppen, und den handflächengroßen Spinnen hasste, die sich in den Grasstauden versteckten, waren sie froh, durch die zusätzliche Arbeit im Herbst und bis zum Frühjahr ihre Kinder ernähren zu können. Bedrohlich wurde die Lage in den Sommermonaten, wenn es keinen Zusatzverdient gab. Dann durfte der Motor von Noels Tricyle nicht streiken. Dann drohte die Gefahr der bitteren Not.
Dennoch ging es uns besser als den Menschen, die in dem hinter der Wohnanlage beginnenden Slum lebten, wo illegal errichtete wackelige, und daher eher baufällige Hütten, aus Holz und Wellblech bestehend, am Fluss entlangliefen, wo die Menschen gleichzeitig ihr Wasser entnahmen und wo der Kot flussabwärts trieb. Diese Menschen hatten nichts, wir hatten zumindest wenig. Wie gerne hätte ich mir gewünscht, ein zweites Kleid zu besitzen oder für Mamas Bruder Noel, der mit seinem halbzerfetzten T-Shirt Fahrgäste auf seinem reparaturanfälligen Tricycle mitnahm, ein zweites T-Shirt zu kaufen. Nur einmal, als meine Mama mich zusammen mit Hans-Jürgen und den Kindern auf den Philippinen besuchte, um mich nach Deutschland abzuholen, versammelte sich die ganze Familie im Jollibee und wir aßen riesig große Burger, wie ich sie nur aus der Werbung kannte. Ich war so glücklich, endlich einmal nicht nur Fisch und Reis essen zu können. Und es gab Halo-Halo zum Nachtisch.
Nachdem Hans-Jürgen und seine Kinder das Haus verlassen hatten - ich wusste nicht, was sie noch am frühen Abend vorhatten, sie sprachen selten mit mir -, schlich ich mich ins Badzimmer, um das Blut aus dem Gesicht zu waschen. Meine Mama schaute unten im Wohnzimmer Fernsehen. GZSZ war ihre Lieblingssendung, die sie nicht verpassen durfte. Ich konnte hören, wie sie ab und zu lachte, wenn ihr eine interessante Szene in GZSZ Freude bereitete. Dann lachte sie so ungeniert, als hätte sie vergessen, was sie mir Stunden vorher angetan hatte. Manchmal sang sie fröhliche Lieder, nachdem sie mich verprügelt hatte, so, als wäre nichts geschehen. Ich schaute mir die Wunden im Spiegel an. Ich schob mein Unterhemd zusammen mit meiner blutverkrusteten Bluse hoch. Mein Oberkörper war ein blauroter Fleckenteppich, ein schönes Muster, wobei ich mir bereits eine plausible Lüge für den Sportunterricht am nächsten Tag zurechtlegen musste, um das Zeichen der Mutterliebe zu erklären. Wenn Dorentina und die anderen meiner Clique die Verletzungen entdeckten, benötigte ich keine Erklärung. „Hat deine Mutter dir wieder die Fresse poliert?“ würde Dorentina grinsend fragen, und ich würde wieder einmal die sportliche Freizeitbeschäftigung meine Mama mit einem stummen Kopfnicken beantworten.
Für meine Sport- und Klassenlehrerin Frau Meyer, wenn sie sich denn für die Herkunft der blauen Flecken interessieren sollte, müsste jedoch ein Reitunfall herhalten. Ein Sturz vom Pferd hinunter während des Reitunterrichts. Hoffentlich würden dann nicht meine Freundinnen Ohrenzeugen dieser Geschichte sein. Ihr breites Grinsen oder ihr unverhohlenes Gelächter würde die Glaubwürdigkeit meiner erfundenen Geschichte so sehr beeinträchtigen, dass Frau Meyer womöglich noch Rücksprache mit meiner Mama wünschte. Aber ich machte mir wieder einmal zu viele Gedanken, denn immer, wenn mir dieses unvergessliche Zeichen der Liebe wiederfuhr, durfte ich zwei Tage zu Hause bleiben. Ein Entschuldigungsschreiben hatte meine Mama, fröhlich ein Lied aus der Heimat summend, noch am Abend aufgesetzt, um es am nächsten Tag per Email an meine Klassenlehrerin zu senden. Starke, krampfhafte Unterleibsschmerzen sind bei pubertierenden Mädchen immer ein hervorragender und plausibler Entschuldigungsgrund.
Zwei Tage allein zu Hause zu sein, war unter diesen Umständen das schönste, was ich mir vorstellen konnte. Ich hatte meine Ruhe und konnte tun, was ich wollte. Der Mann im Haus war aus dem Haus, um seiner Arbeit als Elektroingenieur nachzugehen, Jacob war im Kindergarten und die beiden älteren Brüder besuchten eine Grundschule, um die gymnasiale Empfehlung anzustreben. Und Mama arbeitete als Haushälterin bei einer katholisch-philippinischen Gemeinde. Halbtags, damit sie sich noch um ihre Tochter kümmern kann, wie sie einmal während der katholischen Messe laut verkündete, so dass alle Gläubigen in der Kirche es vernehmen konnten. Nur kümmerte meine Mama sich nicht viel um mich. Sie nannte es stolz Erziehung zur Selbständigkeit. Immer stand ich morgens alleine auf, bereitete mir mein Frühstück alleine zu, machte mir ein Pausenbrot zurecht, wenn denn noch Zeit war, und verließ das Haus ohne einen Abschiedsgruß. Mama schlief noch. Kein „Bis nachher, Liebes“ oder „viel Spaß in der Schule heute, Geraldine“ oder „wenn du von der Schule kommst, bereite ich dir was Leckeres zu“. Ich verließ das Haus auf leisen Sohlen im dunklen Winter wie im hellen Sommerlicht und schloss leise die Haustür. Es tat mir weh, wenn ich manchmal bei späterem Unterrichtsbeginn sah, wie der Mann im Haus seine Kinder liebevoll betreute, ihre Kleider für den Tag zurechtlegte, das Frühstück und die Pausenbrote zubereitete und sie zum Kindergarten oder zur Schule fuhr. Eine ungewohnte Fröhlichkeit, eine unbekannte Vertrautheit, eine Zärtlichkeit und eine Harmonie, die ich in meinem Leben niemals erlebt hatte. In diesen Augenblicken fühlte ich Wut und Enttäuschung, ja sogar Neid auf die Kinder, und ich zog mich mehr und mehr in mein Schneckenhaus zurück.
Nur wenn ich allein im Haus war, zum Beispiel weil ich erneut an unerklärlichen Unterleibsschmerzen litt, verließ ich mein Schneckenhaus. Ich badete ausgiebig und lang in der herrlichen Badewanne. Ich probierte den Sitz meiner neuen Klamotten, testete das neue Parfüm und schminkte mich wie ein Vamp, so dass niemand mein Alter von vierzehn Jahren nur ansatzweise erahnt hätte. Nicht einmal der Mann im Haus hatte mich auf den ersten Blick wiedererkannt, als ich irgendwann einmal total aufgemotzt von der Schule kam. „Hat dir deine Mutter nicht erklärt, wie man sich dezent schminkt?“, hatte er mir nachgerufen, als ich schon die Treppe zu meinem Zimmer hochgerannt war, um jedes Gespräch mit dem Mann im Haus zu vermeiden. Ich hörte Musik im heiligen Wohnzimmer – Rihanna, Lady Gaga, Pussycat Dolls, Kate Perry dröhnten aus der wuchtigen Stereoanlage - oder ich schaute, auf dem herrlich weichen Sofa sitzend, Comics im Fernsehen, dabei leckeres Eiscreme verschlingend, was mir oft als Nachtisch entging, weil ich keine Lust hatte, zu lange am Essenstisch zu verweilen, wo die Konversation an Lebendigkeit verlor, wenn ich mich zu Tisch setzte. An diesen Tagen meiner Unpässlichkeit fühlte ich mich so frei und unbeschreiblich wohl, so dass ich mir wünschte, sie alle würden nicht mehr wiederkommen. Das ganze Haus wäre für mich ganz allein. Und so beglückt in meinen Gefühlen verspürte ich zugleich erneut ein plötzlich aufkommendes, herrliches Kribbeln zwischen meinen Schenkeln, so dass meine Hand mit einem wohligen Schauer die feuchte Grotte meiner Lust berührte, um meinen fordernden Trieb genüsslich zu befriedigen. Seit zwei Jahren überkam mich dieses neue Gefühl immer häufiger und ich begann, dieses lustvolle Kribbeln mit dem Bild eines jungen Mannes zu verknüpfen, der zärtlich in mich eindrang.
Allerdings sollten diese kurzen Stunden des Glücks, das war mir stets bewusst, nicht lange vorhalten. Sobald meine Mama von der Arbeit zurückkam, zerstörte sie mein Leben als Vamp und Glamourgirl, indem sie mich zur Putzfrau degradierte und ich Aufgaben im Haus erledigen musste, während sie sich, bevor sie das Essen zubereitete, auf die Couch legte, um sich von dem anstrengenden Vormittag zu erholen. Erziehung zur Selbständigkeit erfolgte auf der Basis folgender Anordnungen: „Putz das Klo, auch das Gästeklo, trag den Müll raus, saug die Kinderzimmer der Kinder, räum die Küche auf und wisch den Boden, und wenn dann noch Zeit ist, räum die Abstellkammer auf, die schrecklich aussieht.“ Erziehung zur Selbständigkeit ist auch das eigenständige Zurechtkommen mit den Problemen und Irritationen, die mit den körperlichen Veränderungen einer jungen Frau einhergehen. Mein Blut hatte ich mit elf. Ich hatte schreckliche Angst, als ich das Blut auf dem Bettlacken entdeckte. Hatte ich eine fürchterliche Krankheit? Meine Mama kam, registrierte, was geschehen war und gab mir eine knappe Minute, um mich aufzuklären. Von da an musste ich alleine mit den Wundern der Natur klarkommen. Wenn ich Fragen hatte, wendete ich mich meistens an Dorentina. Sie wusste bereits aus eigener Erfahrung, was Petting und Cunnilingus war, und sie gab mir Tipps, um nicht ungewollt schwanger zu werden. Von ihr erfuhr ich aus erster Hand, wie es sich anfühlt, wenn das harte Glied in die feuchte Vagina eindringt.
Und so bedeutete die Erziehung zur Selbständigkeit selbstverständlich auch, dass ich mich nach der Prügelattacke meiner Mama selbst verarzten musste. Der Umgang mit Pflastern und Mullbinden war mir bereits vertraut, das Jod brannte wie immer höllisch und zur Linderung meiner Schmerzen nahm ich eine Paracetamol oder auch zwei, wenn die Schmerzen nicht weggehen sollten. Niemand kam in mein Zimmer. Niemand fragte danach, wie es mir ging. Unten hörte ich die Kinder mit ihrem Vater spielen. Ich setzte mich auf mein Bett, hörte ein wenig Musik über mein Handy, schrieb einige SMS an meine Freundinnen und kämmte mir vor dem Spiegel ausgiebig mein langes schwarzes Haar, auf das ich so stolz war, wenn es so schön glänzte, bevor ich ins Bett ging, um zu versuchen, irgendwie einzuschlafen. Ich hatte Hunger, aber ich wagte es nicht mehr, die Treppe hinunterzuschleichen, um mir in der Küche leise und unbemerkt ein Butterbrot zuzubereiten.
Ich zwinge mich dazu, die Gedanken an meine Kindheit zu verdrängen. Nur weg mit diesen Gedanken, die doch zu nichts führen und mich in meiner Freiheit einengen, mich gefangen halten. Das Abblendlicht eines Autos lässt meine dunkle Wohnung für Sekunden in weißem Licht erstrahlen. Ich schiebe die Gardine zur Seite, um besser sehen zu können. Doch zu meiner Enttäuschung fährt der Wagen am Haus vorbei und nimmt das Licht mit. Seufzend setze ich mich zurück auf den Stuhl, nicht ohne einen ängstlichen Blick auf die Uhr an der Wand zu werfen, deren tickender Sekundenzeiger bedrohlich die Stille durchbricht. Null Uhr 23. Er muss doch kommen! Er kann mich doch nicht jetzt allein lassen!
Ich lernte Werner am amerikanischen Independence Day kennen, als ich zwanzig wurde und wo, nur acht bis elf Flugstunden entfernt, ein gigantisches Feuerwerk den denkwürdigen Tag der amerikanischen Geschichte umrahmte. Die Ironie, die diese zeitliche Konstellation mit sich brachte, kam mir erst viel später in den Sinn. Folglich war ich nicht bereit, meine Geburt an diesem glorreichen Tag vor zwanzig Jahren als einen historischen Akt der Geschichte zu betrachten. Für meine Mutter war mein Geburtstag, da bin ich mir nun sicher, stets der Tag der qualvollen Erinnerung an die gescheiterte Hochzeit in Manila und die Schande, die sie über ihre Familie in Negros brachte, ein uneheliches Kind in die Welt gesetzt zu haben.
Und so war der Umtrunk zur Feier meines Geburtstags am 4. Juli 2015 an der Theke der Hamburger Bar mit dem bezeichnenden Namen Goldener Stern mit meinen halbnackten Kolleginnen, die noch nicht in männlicher Begleitung waren, eher eine Art ungewollter Zeitvertreib, bevor der nächste Freier zur Tür hereinkam. Und weil es noch für vier meiner Kolleginnen nichts zu tun gab, hatte Manni, der ausnahmsweise gut gelaunt war, eine Flasche Sekt, keinen Champagner, zur Feier des Tages spendiert. „Wir trinken auf Melody, dass sie uns noch viele Jahre hier im Club erhalten bleibt“, rief er laut in die Runde, „von ihr könnt ihr alle noch etwas lernen“. Manni grinste, als er dieses Lob aussprach und sein Glas erhob und mir lächelnd zuprostete. Seine blendendweißen Zähne funkelten im Neonlicht so gefährlich wie die todbringenden Zähne eines mächtigen Hais kurz vor dem Zuschnappen und Verschlingen seiner Beute. Sein Lob bedeutete mir wenig, galt es doch wohl vorwiegend meiner zweifelhaften Fähigkeit, Freier gnadenlos auszunutzen, wenn es um die Entleerung ihrer Brieftaschen und ihrer Hodensäcke geht. Ein Lob als Zeichen seiner Anerkennung für gute Arbeit bedeutete noch nicht, von Manni aufrichtig respektiert und gewürdigt zu werden. Manni regierte mit Zuckerbrot und Peitsche. Wenn mir die Redewendung, von Kolleginnen oft benutzt, am Anfang unbekannt war, so sollte ich doch schnell lernen, was es mit dem Zuckerbrot und der Peitsche auf sich hatte. Seine inszenierte Unberechenbarkeit, die es ihm erlaubte, mir brutal ins Gesicht zu schlagen, wenn er der Meinung war, dass ich nicht genug anschaffte, verlagerte sich noch am gleichen Abend in Sanftmut, wenn ich einen Freier dazu gebracht hatte, zwei Flaschen Champagner für jeweils hundertdreißig Euro zu bestellen, noch bevor ich mit ihm auf mein Zimmer ging, um es ihm zu besorgen, wozu er nach dem Alkoholkonsum gar nicht mehr in der Lage war. So unterschiedlich wie der Wechsel der Gezeiten in Ebbe und Flut war, so unterschiedlich war die Wortwahl Mannis, die uns stets in gefährliche Anspannung hielt. War seiner Meinung nicht genug Geld in die Kasse geflossen, drohte er mit Schlägen, was in der Regel keine leeren Drohungen waren. „Was sitzt du hier rum Melody, du nichtsnutzige faule Schlampe? Geh auf die Straße anschaffen, bevor ich dir deine Scheißfresse polierte“ war Ausdruck seiner Unzufriedenheit, die sich aber schnell in Wohlgefallen verlagern konnte. „Melody, komm mal her. Lass dich umarmen. Du bist meine beste im Stall.“ Ein kleiner Klapps auf den Po und ein Küsschen auf die Wange unterstützten seine Worte ein jedes Mal, dabei gefährlich lächelnd. Man wusste bei Manni nie, woran man dran war. Gefährlich war auch sein attraktives Äußeres, das ihm das unverwüstliche Bewusstsein verlieh, bei Frauen, nicht nur auf Grund seiner Position, das zu bekommen, was er wollte. Manni sah im wahrsten Sinne des Wortes blendend aus. Manni war groß gewachsen und durchtrainiert, ohne überschüssiges Fett. Mannis Körper war bewundernswert. Ganz im Gegensatz zu der Vielzahl an ungepflegten, korpulenten und altersschwachen Freiern, die ausschließlich meinen Körper als menschliche Mülltonne für ihre Körperflüssigkeiten benutzten. Alle neuen Kolleginnen, die Manni von konkurrierenden Zuhältern abgekauft oder selbst ins Milieu eingeführt hatte, kamen um das Vergnügen nicht umhin, besonders einen Teil seines Körpers näher kennen zu lernen, da er sich das Recht vorbehielt, die neue Ware auf ihre Qualität hin genauestens zu überprüfen.
So trugen auch seine langen blond gelockten Haare, die bis zu den Schultern herunterhingen, sein ebenes, feines, makelloses Gesicht, seine blaue Augen, die einen freundlich anstrahlen oder eisige Kälte ausstrahlen konnten, zu seiner dominanten Erscheinung bei. Wie Diamanten funkelten seine weißen Zähne glänzend im halbdunklen Neonlicht der Bar, wenn er lächelte. Zu seiner Lieblingskleidung zählten neben dem langen Pelzmantel aus Fuchsfell auch seine besonders weichen schwarzen Nappalederhosen, wobei er gerne spitze Cowboystiefel trug. Gerne trug er auch Westen aller Art. Eine goldene Rolex als Statussymbol glitzerte an seinem linken Handgelenk. Er war, wie Chantal, seine Lieblingshure sagte, die Inkarnation eines Verführers. Was auch immer das heißen mochte.
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