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Der Roman Wenn die Rosen blühen erzählt die Geschichte einer Liebesbeziehung zwischen dem 34-jährigen Hans-Jürgen Ebeling, ein beruflich unzufriedener Beamter in der Widerspruchsabteilung eines Berliner Jobcenters, und der 28-jährigen Natalya Yavorenko, Exportsachbearbeiterin bei einer international agierenden Firma in Kiew, die er bei dem Dating-Portal Ukrainian Women Looking For Love kennen gelernt hat. Nach vielen Skype-Gesprächen, in denen beide ihre Sympathien füreinander entdecken, entschließt sich Ebeling, seine Natalya im Februar 2022 zu besuchen. Er macht sich wenige Tage vor dem Kriegsausbruch auf den eintausendvierhundert Kilometer langen Weg nach Irpin, wo Natalya mit ihrem siebenjährigen Sohn lebt. Seine Reise zu seiner geliebten Natalya gerät jedoch in den Sog eines apokalyptischen Krieges, der das Leben aller auf eine dramatische Weise ändert. Ein packender, herzzerreißender Roman, der in lebendigen Bildern die Verzweiflung, aber auch den Mut und den Lebenswillen der Menschen im Angesicht des Todes schildert
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2022
Carsten Freytag
Wenn die Rosen blühen
Eine deutsch-ukrainische Liebesgeschichte.
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Dienstag, 15. Februar 2022
Mittwoch, 16. Februar 2022
Freitag, 18. Februar 2022
Sonnabend, 19. Februar 2022
Sonntag, 20. Februar 2022
Montag, 21. Februar 2022
Montag, 21. Februar 2022
Montagabend, 21. Februar 2022
Donnerstag, 24. Februar 2022
Die Nacht zum Freitag, 25. Februar 2022
Freitag, 25. Februar 2022
Sonnabend, 26. Februar 2022
Montag, 28. Februar 2022
Dienstag, 1. März 2022
Mittwoch, 2. März 2022
Sonntag, 3. April 2022
Montag, 4. April 2022
Impressum neobooks
Carsten Freytag
WENN
DIE ROSEN BLÜHEN
Eine deutsch-ukrainische Liebesgeschichte
Roman
„Es gibt nur eine Sache, die größer ist als die Liebe zur Freiheit: Der Hass auf die Person, die sie dir wegnimmt.“ (Che Guevara)
Quelle: https://www.careelite.de/freiheit-zitate/ selbstbestimmung-sprueche/
Impressum
Text: © Carsten Freytag 2022
Homepage: carstenfreytag.de
Umschlag: © Carsten Freytag
Verlag: neobooks
Cover: bookcoverzone.com
Natalya Yavorenko hatte es zur Gewohnheit werden lassen, die frisch gewaschene Wäsche ihres Sohns Michail und ihrer Mutter stets am frühen Abend im Wohnzimmer ihrer Dreieinhalbzimmerwohnung vor dem Fernseher zu bügeln, so dass sie das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden konnte. Zudem erleichterte die Ablenkung, die ihr das Fernsehen bot, die mühselige Arbeit, zwei bedrohlich wirkende Berge von Kleidern, ungeordnet in gelben Plastikkörben aufgetürmt, in drei geordnete Stapel glattgebügelter Wäsche zu verwandeln. Während Michail, der vor einem Monat seinen siebten Geburtstag gefeiert hatte, in der kleinen Kammer neben dem Schlafzimmer seiner Mutter mit Dmytro, einem gleichaltrigen Nachbarkind aus der vierten Etage, mit ihren Nintendo-U-Booten Schiffe versenkten, schaute Natalya gespannt auf die hübsche und fürs Fernsehen perfekt gestylte Nachrichtensprecherin des so beliebten Fernsehsenders ICTV. Als der im Scheinwerferlicht strahlendhelle Konferenzraum des Moskauer Kremls eingeblendet wurde und ihr spärlich beleuchtetes, dreißig Quadratmeter großes Wohnzimmer in ein gleißendes Weiß eintauchte, wusste Natalya nicht, ob das Licht der Scheinwerfer oder der überdimensionale weißlackierte Konferenztisch ihre Augen für einen kurzen Augenblick blendeten, so dass sie sich beinah ihren linken Daumen beim Geraderichten des auf dem Bügelbrett ausgebreiteten Sweatshirts am heißen Bügeleisen angesenkt hätte. Erleichtert, ihre Hand noch schnell aus der Gefahrenzone des Bügeleisens zurückgezogen zu haben, starrte Natalya ungläubig auf die Szene, die in ihrer Absurdität in Nichts zu überbieten war. Sie unterbrach das sanfte Hingleiten des Bügeleisens über das blaue Sweatshirt ihres Sohns und stellte es für einen kurzen Augenblick hochkant, um die Nachrichten ungestört zu verfolgen. Nein! Niemals! Wäre sie in die Rolle des deutschen Bundeskanzlers geschlüpft, sie hätte sich geweigert, sich diesem bizarren Bild, das in die Welt hinausging, auszusetzen. Nichts hätte die Distanz zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz deutlicher widerspiegeln können als diese phantasmagorisch inszenierte Sitzordnung am ovalen Konferenztisch, wo sich zwei Politiker aus einer Entfernung von geschätzten sechs Metern um die Zukunft der Ukraine unterhielten. Wäre die Situation nicht so ernst und wäre ihr nicht bewusst, über welche brutale Macht Putin verfügte, sie hätte am liebsten laut losgelacht. Wie klein die beiden Gegenübersitzenden am mächtigen Tisch doch wirkten. Es hattes etwas Karikatureskes. Doch falscher Stolz war angesichts der Ernsthaftigkeit der politischen Situation nicht angebracht, dachte Natalya, so dass sie die verzweifelten Bemühungen des deutschen Bundeskanzlers, einen drohenden Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu verhindern, bewunderte. Der Kommentar des Fernsehreporters zu den verstörenden Bildern aus dem Kreml endete mit einem Zitat des russischen Präsidenten: „Wir sind bereit, den Weg der Verhandlungen zu gehen. Wir wollen keinen Krieg in Europa.“
„Glaubst Du das?“, fragte Natalya ihre Mutter, die es sich auf der Couch bequem gemacht hatte und mit ebenso bangem Interesse die Nachrichten verfolgte. Seit drei Jahren lebte ihre Mutter nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod ihres Ehemanns vor fünf Jahren nun schon bei ihrer Tochter, was trotz der Enge, was ihre Wohnsituation betraf, auch Vorteile aufwies. Oleksandra Petrenko kümmerte sich aufopferungsvoll um ihren nun schon siebenjährigen Enkel. Die Mithilfe ihrer Mutter im Haushalt und in der Betreuung ihres Sohns erleichterte Natalya als alleinerziehende Mutter, ihrer Arbeit als Exportsachbearbeiterin einer international agierenden Kabelfirma, die Kabelbäume für die Autoindustrie herstellte, ungehindert nachzugehen. Obwohl die Arbeit im Haushalt der Tochter Oleksandra manchmal überforderte, schließlich ging sie im Alter von sechsundfünfzig Jahren immer noch einer anstrengenden Arbeit im nahegelegenen Supermarkt nach, gab ihr das gemeinsame Leben im Haushalt ihrer Tochter das sichere Gefühl, nicht im späteren Alter in Einsamkeit zu enden.
Und doch verspürte sie eine beklemmende Angst, aus dieser vertrauten Gemeinsamkeit in wenigen Wochen herausgerissen zu werden, was nicht so sehr in den Unwägbarkeiten der gegenwärtigen politischen Situation begründet war. Sie war sicher, ihre Tochter und ihren Enkel in wenigen Wochen zu verlieren. Allein zurückgelassen in der kleinen Wohnung, die für sie dann viel zu groß war, würden ihr nur die Familienbilder zur Erinnerung bleiben. Und ob ihre Tochter sie mit ihrem Sohn jemals wieder besuchen würde, war ebenso ungewiss wie die Antwort auf die Frage, ob ein Krieg noch zu verhindern war. Oleksandra ließ ihre Sorgen und ihr seelisches Leid ihrer Tochter nicht spüren. Sie wollte nicht zu einer Belastung werden, wenn der Zeitpunkt zum Abschied kommen würde. Und so hatte sie es sich zu eigen gemacht, die hin und wieder aufkommenden negativen Gedanken zu verdrängen und ihr Augenmerk auf das Positive im gegenwärtigen Zusammenleben mit ihrer Tochter und ihrem Enkel zu richten. Vielleicht würde doch noch alles anders kommen.
Von ihrer Tochter angesprochen, gab Oleksandra ihre bequeme Position auf der Couch auf, setzte sich aufrecht, weil sie dieses Thema mit grauenvollen Unbehagen erfüllte. „Wenn er keinen Krieg will, warum hat er dann über hunderttausend Soldaten und all diese Panzer entlang unserer Grenze aufgestellt? Das frage ich dich, Natalya.“
„Glaubst du wirklich, es gibt Krieg?“, fragte Natalya sorgenvoll und warf einen kurzen Blick in die Kammer, in der Michail und Dmytro unbekümmert von den Sorgen der Erwachsenen ihrem Spiel nachgingen. Beruhigt ergriff Natalya das Bügeleisen, um nun die restliche Bügelwäsche in Angriff zu nehmen.
„Putin sagt das eine und tut das andere. Der deutsche Kanzler tut mir nur leid“, sagte Oleksandra, die nun aufgestanden war, um auf das Klingeln an der Wohnungstür zu reagieren. Drei Nachbarn auf der gleichen Etage im achten Stock des im stalinistischen Stil errichteten Plattenbaus standen vor der Tür und baten um Einlass, den Oleksandra ihnen breitwillig gewährte.
„Habt ihr die Nachrichten auf ICTV verfolgt?“, fragte Yelyzaveta Kowalewa aufgeregt und setzte sich unaufgefordert auf die erste Couch, die gerade genug Platz für zwei Gäste bot.
„Das haben wir“, erwiderte Natalya, nun ihr Bügelbrett zusammenfaltend, um es in der kleinen Kammer unterzubringen.
„Ich glaube ihm nicht“, sagte Ulyana Kusmyna, die älteste von den drei Besuchern, „der lügt doch nur, wo er kann.“ Sie suchte nach einem Platz zu sitzen und akzeptierte das Angebot Yelyzavetas, neben ihr auf der Zweiercouch Platz zu nehmen.
„Mama, ich habe Hunger“, klagte Michail, der nun zusammen mit Dmytro, von den aufgeregten Stimmen der Nachbarn angezogen, aus der Kammer kam.
„Ich werde euch beiden gleich etwas zu essen machen“, versprach Natalya den Kindern, was Maria Malynka, eine große kräftige Frau im mittleren Alter und die Dritte im Bund der Besucher veranlasste, den Kindern ein Angebot zu unterbreiten, das sie nicht ausschlagen konnten.
„Ich habe noch viel von dem Borschtsch übrig, die ich aufwärmen kann. Mit ein paar Scheiben frischem Brot ist das doch bestimmt ein gutes Abendessen, was meint ihr?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, hatte Maria die Wohnungstür bereits mit großem Schwung aufgerissen und war voller Tatendrang auf den Flur hinausgestürmt. In der kleinen Gemeinschaft der Nachbarn im achten Stock half man sich gerne gegenseitig. War Ulyana Kusmyna aufgrund ihres doch schon recht hohen Alters von neunundsechzig Jahren das Einkaufen zu beschwerlich, so fand sich immer jemand bereit, der die Einkäufe für sie übernahm. Und wenn weder Natalya oder ihre Mutter aufgrund unerwarteter beruflicher Verpflichtungen Zeit hatten, Michail zu betreuen, so war es kein Problem, Michail für eine bestimmte Zeit von Ulyana Kusmyna beaufsichtigen zu lassen, die Gefallen daran gefunden hatte, Michail stets mit kleinen Geschenken zu verwöhnen, weil ihre Ehe kinderlos geblieben war. Besonders zu Maria Malynka ging Michail gerne, die immer etwas Leckeres zum Essen für ihn bereitstellte. Und so konnte keiner der beiden Jungen das Angebot einer heißen Suppe an diesem Abend ausschlagen, denn sie wussten, dass sie gut schmecken würde. Und Hunger hatten sie allemal.
„Ich verstehe nur nicht“, ergriff Natalyas Mutter das Wort, nachdem sie alle im Wohnzimmer Platz genommen hatten, „was wir getan haben, dass uns Putin so hasst und bereit ist, einen Krieg gegen unser Land anzuzetteln.“
„Es ist Putins Sehnsucht nach vergangener Größe“, sagte Yelyzaveta, die sich noch gut an den Zusammenbruch der Sowjetunion von nunmehr einunddreißig Jahren erinnern konnte, „für ihn existiert die Ukraine nicht als ein eigener, souveräner Staat.“ Yelyzavetas Anstellung bei der Wernadskyi Nationalbibliothek in Kiew gab ihren Worten stets eine gewisse Autorität, galt sie doch unter den Nachbarn als eine gebildete, belesene Frau, die wusste, was in der Welt vor sich ging.
„Das stimmt“, empörte sich Ulyana, „er spricht uns Ukrainern das Recht der Selbstbestimmung ab. Der Zusammenbruch der Sowjetunion ist ein Stachel im Fleisch Putins. Ich sehe noch die Bilder vor mir. Jelzin, Krawtschuk und Schuschkewitsch hielten das Dokument hoch, das das Ende der UdSSR besiegelte, und die sowjetische Flagge über dem Kreml wurde eingeholt. Damals war ich achtunddreißig und ich wusste nicht, wie es weitergehen würde in einer unabhängigen Ukraine.“
„Und Gorbatschow trat als Präsident zurück“, fügte Natalyas Mutter hinzu und ergänzte wehmütig, „ich weiß nicht, warum Perestroika und Glasnost gescheitert sind.“
„Wie dem auch sei, Putin hasst uns, weil wir Janukowitsch vertrieben, haben“, griff Yelyzaveta das eigentliche Thema wieder auf, „ist er nicht mit einem Koffer voller Geld abgehauen? Die Orange Revolution vor nunmehr beinah achtzehn Jahren und letztendlich der Maidan-Aufstand vor acht Jahren, auch wenn er gewalttätig war, beendete den Autoritarismus der prorussischen Regierung Janukowitsch und ebnete den Weg zu einer freien, demokratischen und pro-europäischen Ukraine.“
„Jawoll“
Alle stimmten ihrer Nachbarin kopfnickend zu und bewunderten sie zugleich für ihre eindringliche Rhetorik.
„Und Putin fürchtet, dass diese westlichen Ideen in sein Russland hinüberschwappen werden“, ergänzte Natalya die Ausführungen Yelyzavetas.
„Sehr richtig. Und deshalb will er uns vernichten“, sagte Ulyana traurig. Sie spürte plötzlich die aufkommende Angst, die sich wie eine Schlinge um ihren Hals legte. Sollte sie wirklich noch in ihrem Alter mit ihrem Mann, der fünf Jahre älter war, vor den anstürmenden Russen fliehen müssen? Hatten sich nicht schon russische Truppen in Belarus aufgestellt, um von dort aus auf Kiew vorzudringen? Die Krim war schon annektiert. Im Donbass wurde nun schon seit acht Jahren gekämpft. Putin als Beschützer der Russen. Dort, wo Russen lebten, erhob Putin einen Machtanspruch. Wo sollten sie in ihrem Alter noch hin? Besorgt schaute Ulyana auf ihre Uhr. Sie sollte ihren Mann nicht zu lange allein lassen, der es vorgezogen hatte, Kurkovs Roman Der Milchmann in der Nacht in der gemütlichen, stillen Wohnung zu Ende zu lesen. Wer wusste schon, ob sich jemals wieder die Gelegenheit für eine Lektüre ergeben würde.
Für einen Augenblick saßen sie stumm im Wohnzimmer und gingen, jeder für sich, ihren Gedanken nach. Natalya unterbrach die gedankenvolle Stille, indem sie eine Flasche Krim-Rotwein zur Freude aller aus der Küche holte und fünf Weingläser auf dem Tisch verteilte. Auch wenn es sicherlich keinen Anlass für einen geselligen Abend gab, wollte Natalya ihre Gäste nicht auf dem Trockenen sitzen lassen, zumal man nicht wissen konnte, wann sich wieder eine Gelegenheit für einen gemeinsamen Umtrunk ergeben würde. Und als Maria Malynka mit einer großen Schüssel dampfenden Borschtsch die Wohnung betrat, wurde für jedermann klar, dass die heiße Suppe auch noch für jeweils einen Teller für sie alle ausreichen würde. Und so hätte ein Beobachter der friedlichen Harmonie unter den Nachbarn beinah von einer heiteren Stimmung reden können, wenn nicht die Ungewissheit über die bedrohliche, angsterfüllende Zukunft auf den Seelen der Menschen lastete.
„Hast Du es gehört, Natalya? Der Kreml hat den Rückzug erster Soldaten angekündigt“, rief Yuri Pavlyuk erfreut aus, seinen Blick auf seine Mitarbeiterin im Büro der Kiewer Kabelfirma TKACHUK richtend. Die erbauliche Nachricht im Internet breitete sich wie ein Lauffeuer unter den Angestellten aus, die jubelnd von ihren Bürostühlen aufgesprungen waren. War dies das erste Zeichen einer Entspannung? Das Militärmanöver auf der Krim war beendet, so die Nachricht des russischen Verteidigungsministeriums. Die Soldaten wurden in ihre Heimatgarnisonen zurückbeordert. Auch Natalya hatte ihre Arbeit für einen kurzen Moment unterbrochen, obwohl sie noch vier Aufträge an verschiedene deutsche Autofirmen erledigen musste. Doch diese sensationelle Neuigkeit verdiente einen Moment der Aufmerksamkeit.
„Sogar der NATO-Generalsekretär Stoltenberg zeigt sich optimistisch“, sagte Natalya, die die Nachricht auf dem Monitor ihres Arbeitskollegen schnell überflogen hatte, um sich über die Echtheit dieser Nachricht zu vergewissern. Hatten die Sanktionsandrohungen des Westens Putin doch beeindruckt? Natalya setzte sich wieder an ihren Arbeitstisch und öffnete die Internetseite der Nachricht, um sie noch einmal in Ruhe und in ihrer Ganzheit zu lesen. Allerdings beunruhigte sie die Information, dass die NATO nicht auf Putins Forderung einer Zurückführung der NATO auf den Stand von 1997 eingegangen war. Im Gegenteil. Die NATO plante einen Truppenaufbau in Osteuropa, um die baltischen Staaten vor einer eventuellen Invasion Russlands zu schützen. Sie wusste nicht mehr, was gut oder schlecht war. Sie hoffte nur auf ein baldiges Ende der angespannten Lage.
„Frau Yavorenko, gehen Sie doch bitte wieder Ihrer Arbeit nach.“ Der Chef persönlich, Andriy Tkachuck, hatte sich so unerwartet schnell vor ihrem Bürotisch aufgebaut, dass Natalya keine Zeit mehr geblieben war, die Internetseite mit einem kurzen Mausklick zu entfernen. Auch wenn er volles Verständnis für das Interesse an der Nachricht zeigte, so musste er nun doch seine Mitarbeiterin auf die Dringlichkeit der Erledigung der Arbeitsaufträge hinweisen, denn die Ware nach Deutschland war zum Versand vorbereitet worden und bedurfte nur der Fertigstellung der Rechnungen, die noch heute per E-Mail versandt werden mussten.
„Bitte entschuldigen Sie meine Unaufmerksamkeit, Herr Tkachuk. Es wird nicht wieder passieren“.
„Ist schon gut, Frau Yavorenko. Die Nachricht hat mich genauso erfreut wie alle hier im Büro“, sagte der Inhaber der Firma verständnisvoll und zur Erleichterung Natalyas. Ein letzter aufmunternder Blick und schon war er wieder verschwunden. Andriy Tkachuk hatte die Firma von seinem Vater vor vier Jahren übernommen und den mittelständischen Betrieb auf nun siebenundneunzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ausgebaut, so dass nun eine große Verantwortung für sein Personal auf seinen Schultern lastete. Die größte Anerkennung für seinen wirtschaftlichen Erfolg hatte er vor einem Jahr erhalten, als der Bürgermeister von Kiew seiner Firma einen Besuch abgestattet und seine Arbeit als Zeichen für das Erstarken der ökonomischen Wirtschaftskraft der Westukraine gewürdigt hatte. Eine moderne Wirtschaftskraft, die sich eben nicht nur auf die Agrarwirtschaft als Kornkammer Europas und Nordafrikas begrenzen sollte. Auch wenn vielleicht die Farben der ukrainischen Flagge idealistischer Weise den blauen Himmel und den goldenen Glanz der bis zum Horizont reichenden Weizenfelder symbolisieren sollten, es war an der Zeit, die Westukraine aus dem Dornröschenschlaf des bäuerlichen Landlebens durch die Schaffung moderner, digitaler Industriezweige herauszuführen und einen konkurrenzfähigen Gegenpol zur Kohle- und Stahlindustrie im ostukrainischen Raum zu schaffen, die sich von dem Zusammenbrauch der Sowjetunion nicht mehr so recht erholt hatte. Für diese Überzeugung lohnte es sich, jeden Tag hart zu arbeiten. Davon war Andriy Tkachuck überzeugt. Und kein Krieg würde ihn von diesem Vorhaben abhalten.
Für Natalya Yavorenko war die Anstellung bei der Firma TKACHUK ein Glückgriff gewesen. Das modern geführte Management bot der alleinerziehenden Mutter gleitende Arbeitszeiten an, die ihr bezüglich der Einteilung der Arbeitsstunden die Möglichkeit gab, ihre Bürozeiten nach den Bedürfnissen ihres Kindes einzurichten, wenn ihr Sohn einmal, krank und bettlägerig, nicht die Schule besuchen konnte. Dann verlangte Michail besonders nach seiner Mutter, obwohl er auch seine Großmutter sehr liebhatte. Sicherlich könnte das Gehalt, das immerhin ein Drittel über dem Durchschnittlohns lag, für die Arbeit, die Natalya leistete, noch etwas höher liegen, doch es lag ihr fern, sich bei ihrem Personalchef zu beschweren oder ein Gespräch diesbezüglich zu suchen. Mit dem Gehalt ihrer Mutter als Verkäuferin bei der aufsteigenden Supermarktkette NOVUS, wo sie in der Filiale in Butscha arbeitete, konnten sie sich das Notwendigste leisten und Hunger leiden musste niemand in der Familie.
Ihre Anstellung bei der Firma verdankte sie ihren guten Englischkenntnissen, die sie in der Schule erlernt hatte und sie besonders während ihrer Ausbildung zur Bürofachgehilfin bei einer in Irpin ansässigen kleinen Speditionsfirma vor nunmehr zwölf Jahren vertiefen konnte. Hatte sie erst einmal die lateinischen Schriftzeichen erlernt, spürte sie, wie leicht es ihr fiel, die englische Sprache zu erlernen, wobei ihr besonders der Klang des amerikanischen Englisch, das sie aus unzähligen Filmen kennen gelernt hatte, sehr gefiel. Der Erwerb der englischen Grammatik fiel ihr leicht. Und weil sie die Fremdsprache so liebte, war sie sogar bereit gewesen, während ihrer Ausbildung zusätzlich an zwei Abenden in der Woche eine vierzigminütige Bahnfahrt nach Kiew auf sich zu nehmen, um an einem Englischkurs zum Erwerb des von der Londoner Chamber of Commerce ausgestellten Sprachzeugnisses English for Commerce teilzunehmen. Wie sehr würde sie gerne einmal nach London fahren. Oder doch vielleicht lieber nach New York oder Chicago oder Los Angeles?
Der Personalchef der Firma TKACHUK hatte Natalya unter den einundzwanzig Bewerberinnen für die Anstellung als Exportsachbearbeiterin besonders auf Grund ihres fehlerfreien Briefes eingestellt. Nicht nur, dass ihr Lebenslauf bereits von ihrer außergewöhnlichen Motivation zeugte; der in dem Bewerbungsverfahren zu erstellende Brief, ein Antwortschreiben auf eine Beschwerde eines wichtigen Kunden, zeugte von hervorragenden fremdsprachlichen Kenntnissen im Bereich English for Commerce. Und nachdem der Personalchef sich auch von ihrem flüssigen Englisch in einem Bewerbungsgespräch beeindruckt gezeigt hatte, stand der Anstellung Natalyas nichts mehr im Wege. Und die Tatsache, dass Natalya nun schon seit sechs Jahren bei der Firma tätig und schon beim Vater ihres neuen Chefs angestellt war, konnte durchaus als Zeichen ihrer beruflichen Zufriedenheit interpretiert werden.
Natalya war als eine zuverlässige Bürokraft im Kollegium sehr angesehen. Doch am heutigen Tag konnte sie sich einfach nicht so recht auf ihre Arbeit konzentrieren. Auch wenn sie schon drei E-Mails mit den angehängten Rechnungen an die deutschen Autofirmen in Stuttgart, Rüsselsheim und Wolfsburg verschickt hatte, nahmen düstere Gedanken Besitz von ihr. Natalya war eine junge Frau, die in die Zukunft schaute. Sie lebte nicht für das Heute. Auch wenn es am heutigen Tag Zeichen der Entspannung gab. Beruhigen konnte sie die heutige Nachricht nicht. Natalya wusste nicht mehr genau, in welcher Zeitung sie den Artikel über eine jüdische Familie aus Nazi-Deutschland gelesen hatte, die 1936 nach Palästina ausgewandert war. Die Aussage der Familie, dass der Pessimismus sie vor der Vergasung gerettet hatte, war in Natalya unauslöschlich haften geblieben. Die jüdische Familie, an deren Name sie sich nicht mehr erinnern konnte, hatten das Schlimmste befürchtet und glaubten denen nicht, die in ihrem Optimismus daran festhielten, dass es schon nicht so schlimm werden würde. Die Pessimisten traten die Flucht an, wanderten aus. Die Optimisten endeten in den Gaskammern der Konzentrationslager.
Geprägt von dieser Erfahrung der jüdischen Familie tendierte Natalya eher zum Pessimismus, zumal der Krieg bereits im Donbass seit acht Jahren wütete; in der Ostukraine, wo ihr Ehemann als ukrainischer Soldat bei einem Feuergefecht mit den russischen Separatisten an der Front vor nunmehr sieben Jahren gefallen war. Sie unterbrach ihre Arbeit und betrachtete das Bild ihres getöteten Ehemanns Vitali, das sie auf ihrem Schreibtisch zusammen mit einem Porträt ihres Sohns aufgestellt hatte. Michail hatte seinen Vater nie kennen gelernt. Auch gestern Abend, nachdem sich die Nachbarn verabschiedet hatten, hatte Michail kurz vor dem Einschlafen nach seinem Vater gefragt, als er neben seiner Mutter im Bett Platz genommen hatte. „Dein Vater ist nun im Himmel und schaut auf dich hinunter. Auch jetzt ist er an deiner Seite. Er hat dir gerade einen Gute-Nacht-Kuss gegeben“. Natalya streichelte zärtlich die Stirn ihres Sohns, bevor sie ihm einen Kuss auf die Wange gab. Im Gefühl der mütterlichen Geborgenheit drehte sich Michail beruhigt auf die Seite und legte seinen Kopf auf das warme, weiche Kopfkissen. „Gute Nacht Papa“ waren die letzten geflüsterten Worte, bevor er in einen tiefen Schlaf fiel.
„Hast Du den Auftrag endlich fertiggeschrieben?“ Yuri Pavlyuk hatte sich vor ihrem Schreibtisch aufgebaut und schaute neugierig auf ihren Monitor. „Der Chef will das Schreiben gleich unterzeichnen, so dass es heute noch rausgehen kann.“ Obwohl Natalya ihren Mitarbeiter nicht unsympathisch fand, hatte er doch Züge eines streberhaften Verhaltens, das ihr an ihm missfiel. Vielleich musste man so sein, um Karriere zu machen.
„Gib mir eine halbe Stunde, dann habe ich das Schreiben fertig“, sagte Natalya, ohne Yuri anzuschauen.
„Nun gut, aber wenn ich es dann nicht dem Chef gebe, gibt’s Ärger.“
„Dann stör mich jetzt nicht“.
Yuri entfernte sich von ihrem Schreibtisch. Sie verfolgte ihn mir ihren Augen und sah ihn ins Büro Andriy Tkachuks verschwinden. Streber. Doch nun galt es, sich zu konzentrieren. Sie musste sich von ihren düsteren Gedanken befreien. Eine Liste der Kosten für die Produktion der Kabelbäume musste für die Rechnung einer Autofirma in Birmingham erstellt werden. Trotz der zunehmenden Automatisierung waren immer noch manuelle Abläufe notwendig, um die Drähte und Kabel der Kabelstränge mittels Komponenten wie Klemmen und Steckerkontakten durch Schellen und Kabelbinder miteinander zu verklammern. Doch TKACHUK war nicht nur als Zulieferer für die Autoindustrie erfolgreich. Die Firma bot auch Konfektionen von Kabeln nach individueller Spezifikation an. So bearbeitete Natalya auch Aufträge von Kunden aus unterschiedlichen Branchen. Auch nach Jahren der Mitarbeit in der Firma kam sie aus dem Staunen nicht heraus, wenn eine Bestellung von Kabelbäumen aus einer ihr bis dato unbekannte Branche auf ihrem Bürotisch landete. Wer hätte gedacht, dass sogar TKACHUK-Produkte in der Medizintechnik und in der Freizeitelektronik ihre Anwendung finden würden? Natalya musste zugeben, dass es sie mit Stolz erfüllte, für eine so erfolgreiche Firma arbeiten zu dürfen.
Endlich. Um vierzehn Uhr dreißig fuhr Natalya ihren PC herunter und warf einen erneuten Blick auf die Uhr an der Wand als erneute Rückversicherung, den Arbeitstag beenden zu dürfen. Sie freute sich, Michail früher als sonst von der Schule abholen zu können. Sie stellte sich vor, wie ihr Sohn, überrascht von ihrem plötzlichen Erscheinen, freudestrahlend auf sie zulaufen würde, seine Arme weit ausgebreitet, um seine Mutter in die Arme zu nehmen. Natalya liebte ihren Sohn über alles. Wenn er auch keinen Vater hatte, so sollte er doch besonders die Liebe seiner Mutter spüren. Hastig packte sie ihr Kugelschreiberetui und ihr amerikanisches Kaugummi, das sie besonders vor Mundgeruch schützen sollte, in ihre kleine Tasche und eilte, sich von ihren Kolleginnen und Kollegen flüchtig verabschiedend, zum Ausgang der Firma zu. Die Tatsache, dass sie ihren zehn Jahre alten klapprigen Ford auf dem Firmengelände kostenfrei parken konnte, hatte ihr die Entscheidung erleichtert, mit dem PKW die siebenundzwanzig Kilometer zurückzulegen, um von Irpin nach Kiew hineinzufahren, auch wenn sie manchmal zur Feierabendzeit im Verkehrsstau stecken blieb und die Heimfahrt mehr Zeit beanspruchte als die Fahrt zurück mit der Bahn. Jetzt im Februar war Natalya froh, die Heizung im Auto einschalten zu können und die Musik im Autoradio zu genießen. Auf diese Behaglichkeit im Auto wollte sie nicht verzichten.
Es hatte zu schneien begonnen. Doch der Schnee vermischte sich mit dem Regen zu einem wässrigen Brei und klebte an den Rändern der Windschutzscheibe, die die Scheibenwischer nicht erreichen konnten. Die nasse Kälte mochte Natalya nicht. Vielleicht waren die ungewöhnlich hohen Temperaturen um null Grad Zeichen der globalen Erwärmung, auch wenn im tiefen Osten um Mariupol noch Väterchen Frost seine Herrschaftsansprüche auf diese Region nahe der russischen Grenze einforderte. Natalya dachte nicht daran, sich auch nur einen Augenblick mit dem Problem der globalen Erwärmung zu beschäftigen. Dies war etwas für Menschen, die im satten Wohlstand lebten und in ihrer wohlgenährten Selbstzufriedenheit eine Selbstgerechtigkeit entwickelt hatten, die sich darin äußerte, Menschen im Rahmen des heiligen Kriegs der CO2 Bekämpfung Lebensweisen aufzuzwingen, um sich als Gutmenschen darzustellen, weil sie glaubten, sich um die Zukunft ihrer Kinder und Kindeskinder auf diesem herrliche blauen Planeten Sorgen machen zu müssen. Verächtlich schob Natalya diesen Gedanken beiseite, als sie den Motor ihres Fords startete und langsam zur Schranke des Parkplatzgeländes zufuhr, die sich sofort öffnete, als sich ihr PKW auf kurzer Distanz der Schranke näherte.
Auf die Ivana Mykolaichuka Straße links abbiegend, würde sie in ungefähr zwei Kilometern die Schnellstraße erreichen und die Patona-Brücke überqueren, die sich über den mächtigen Strom des Dneprs erstreckte. Das Problem des Klimawandels erschien ihr absurd und lächerlich im Angesicht der drohenden Kriegsgefahr. Standen nicht schon russische Panzer in Belarus wie hungrige Raubtiere zum Sprung bereit? Die Grenze war nicht weit. Vielleicht einhundertsechzig Kilometer, vielleicht weniger. Wie schnell würden die Panzer in Richtung Kiew vordringen? Natalya war sich sicher, dass, pessimistisch gerechnet, die russische Armee in zwei bis drei Tagen vor Kiew stehen würde. Und dann? Würde Hans-Jürgen wirklich nach Kiew kommen, wie er es versprochen hatte? Würde er sich am Wochenende tatsächlich von Berlin aus auf den Weg nach Kiew machen, um sie zu besuchen? Jetzt? In dieser unsicheren Zeit? Hatte die Online-Beziehung wirklich eine Chance, sich zu einer echten Beziehung zu entwickeln? Es schien eher unwahrscheinlich. Und wenn Hans-Jürgen sie doch besuchen würde? Würde er darauf bestehen, ihren Sohn hier in Irpin bei ihrer Mutter zurückzulassen? Niemals. Das konnte er nicht verlangen. Und ihre Mutter? Natalya wusste, dass es ihrer Mutter das Herz zerreißen würde, wenn sie sich von ihr verabschieden müsste. Gedanklich hatte sie sich darauf eingerichtet. Eine Zukunft in Deutschland. War sie bereit dazu? War Hans-Jürgen bereit, sie und ihren Sohn mitzunehmen? Er würde doch nicht den beschwerlichen Weg in die Ukraine auf sich nehmen, um wieder allein zurückzufahren? Sie unterhielten sich auf Englisch. Sie war sicher, die deutsche Sprache genauso schnell lernen zu können, wie sie Englisch gelernt hatte. Und die Firma? Die Russen würden in ihrem Vernichtungswillen alles zerstören. Auch die Firma TKACHUK.
„He, passen Sie doch auf! Verdammt noch mal!“
Nur in letzter Sekunde hatte sie noch scharf bremsen können, um den Radfahrer nicht anzufahren, den sie beim Abbiegen auf die Schnellstraße an der Ampelkreuzung übersehen hatte. Musste er auch bei Rot die Straße überqueren?
„Verrückt, oder was?“
Um seinen Protest zu unterstützen, schwenkte der Mann seine rechte Hand links und rechts vor seinem Gesicht, wild gestikulierend, hin und her. Was blieb ihr anderes übrig, als mit einer entschuldigenden Handbewegung in Richtung des
erbosten Verkehrsteilnehmers ihren Fehler auf Grund einer kurzfristigen Unaufmerksamkeit einzugestehen So milde gestimmt, beruhigte sich der Fahrradfahrer, der nun wieder auf seinen Drahtesel stieg und seine Fahrt fortsetzte.
Natalya musste sich nun auf das Autofahren konzentrieren. Der Verkehr hatte zugenommen. Schon von Weitem erblickte Natalya beim Überqueren des Dnepr die Mutter-Heimat-Statue auf der rechten Uferseite auf dem Dach des Nationalmuseums der Geschichte der Ukraine. Höher als die Freiheitsstatue in New York, mächtiger als die Christusstatue in Rio De Janeiro ragte die gigantische Frauenskulptur mit hoch in den Himmel erhobenen Schwert und Schild weit über Kiew hinaus und symbolisierte für jeden, der sie erblickte, den Sieg der Roten Armee im vaterländischen Krieg über den Faschismus. Ihre Erhabenheit beeindruckte Natalya ein jedes Mal, wenn sie an der Skulptur vorbeifuhr.
Nachdem Natalya an einer Tankstelle entlang der E 95 kurz angehalten hatte, um für siebenhundert Hrywnja Benzin zu tanken und etwas Schokolade für ihren Sohn zu kaufen, bog sie in den Lesli Ukrainsky Boulevard ein, der sie in Richtung Norden der Stadt führte. Für einen Augenblick überlegte sie, ob sie den Rundfunksender wechseln sollte. Brahms Sinfonie Nr. 3 hatte so etwas Trauriges, Klagendes, das allerdings zu ihrem melancholischen Stimmungsbild passte. Besser wäre doch zum Technosender zu wechseln. Charlotte de Witte, Deborah de Luca oder Nina Kraviz würden vielleicht ihr dunkles Gemüt erhellen. Sie wechselte den Sender nicht.
Dabei war Techno ihre Welt. In einem Technoschuppen in Kiew hatte sie Vitali kennengelernt. Kurz vor Ende ihrer Ausbildung. Er war Soldat auf Heimaturlaub. Er war stolz, wie er sagte, für die Ukraine zu dienen. Im harten Rhythmus des Technos verloren sich Zeit und Ort. Sein Angebot, sie nachts um vier Uhr in seinem Auto nach Irpin nach Hause zu fahren, hatte sie ohne Bedenken sofort angenommen. Rückblickend, durchaus riskant, in den Wagen eines fremden Mannes einzusteigen. Wäre sie nicht eingestiegen, hätte das Schicksal vielleicht eine andere Richtung eingeschlagen. So aber hatte sich eine Beziehung entwickelt, die in der Hochzeit ihren Höhepunkt gefunden hatte. Ihre erste große Liebe, direkt in den Hafen der Ehe. Sie hätte ihn auch geheiratet, ohne bereits ihr Kind im Mutterleib zu spüren. Er würde ein guter, treu umsorgender Vater sein, hatte Vitali gesagt. Er war ja auch schon sechsundzwanzig. Eine gute Zeit, um Vater zu werden. Doch dann war er tot. Im Juli 2015. Gefallen in Schirokino. Ein beschissenes Dorf nahe Mariupol, das die russischen Separatisten einnehmen wollten. Gefallen durch die Hand russischer Separatisten. Ein Scharfschütze, wie ihr gesagt wurde. Die Welt interessierte sich nicht für den Krieg. Das zweite Minsker Abkommen war nicht das Papier wert, auf dem es geschrieben wurde. Putin hielt sich nicht dran. Er zog die schweren Waffen nicht ab. Der Waffenstillstand war da, um gebrochen zu werden. Es folgte Putins Anerkennung der Separatistengebiete. Ein schwerwiegender Verstoß gegen das Minsker Abkommen. Und doch hofierten die großen der Weltpolitik Putin, der keine Konsequenzen zu fürchten hatte. Alle tanzten um ihn herum wie dumme, dressierte Bären um den Dompteur, der die Peitsche in der Hand hielt. Merkel, Hollande, Steinmeier, Obama. Sie alle schwirrten wie Mücken um das gefährliche Licht herum, die Gefahr außer Acht lassend, sich daran verbrennen zu können. Jetzt würde Putin sein Werk beenden. Der Überfall auf ihr Land war unausweichlich. Mozarts Requiem in d-Moll erklang im Radio, sie musste gegen die Tränen ankämpfen. Sie schaltete das Autoradio aus.
Im dichten Feierabendverkehr näherte sie sich dem Majdan Nesaleschnosti, dem so geschichtsträchtigen Unabhängigkeitsplatz im Zentrum Kiews. Die Ironie entging ihr nicht, als sie einen kurzen Blick auf die auf einer hohen Marmorsäule stehende Frauenstatute schaute, die die Friedensliebe des Landes symbolisierte. Von der Ukraine ging doch keine Gefahr aus, und doch trachtete Putin nach der Vernichtung dieses friedliebenden Landes. Ihre Gedanken spielten plötzlich verrückt. Ja, es war vor genau acht Jahren! Scharfschützen schossen auf die Demonstranten. Kurz vor dem Ende ihrer Ausbildung. Natalya, geh nicht zum Majdan, hatten ihre Eltern sie angefleht. Der 17. Februar war ein Montag gewesen. Sie war in der Firma. Hörte nur die Berichte im Radio. Sicherheitskräfte Janukowitschs hatten den Auftrag erhalten, endgültig die Demonstranten vom Majdan zu vertreiben. Und zwar mit allen Mitteln.
Die Demonstranten hatten sich nun mit Pflastersteinen und Molotowcocktails bewaffnet. In den Tagen darauf wurden weiter Schüsse auf Demonstranten und wohl auch auf Sicherheitskräfte abgegeben. Sie hatte nicht mehr die Zahl der Opfer im Kopf. Waren siebzig oder gar einhundert Menschen getötet worden? Wer geschossen hatte, wurde nie aufgeklärt. Es wurde gemunkelt, der russische Geheimdienst. Die Ungereimtheiten wurden nicht aufgeklärt. Dabei hatte doch alles so friedlich angefangen. Sie hatte Bilder vor Augen, als drei Monate vorher Menschen aller Couleur sich auf dem Majdan versammelt hatten: Jung und Alt, Frauen und Männer, Studenten, Familien mit Kindern hatte sie gesehen, die gegen Janukowitschs Verweigerung, den Assoziierungsvertrag mit der EU zu unterzeichnen, Protest erhoben hatten. Janukowitsch handelte ganz im Sinne Putins. Dabei wollten wir uns doch aus den Fängen Russlands befreien und uns der EU anschließen. Die Hoffnung auf Wohlstand und ein Leben in Freiheit setze ungeahnte Kräfte frei. Auch sie war an den Wochenenden mit Vitali dabei gewesen. Sie hatten sogar in der Zeltstadt übernachtet. Sie fühlte sich vereint mit den Menschen, als die Nationalhymne im Chor erklang. Als sie jedoch die zunehmende Radikalisierung wahrnahmen, wohl auch durch rechtsradikale Gruppierungen initiiert, so hatte sie gehört, blieben sie dem Majdan fern. Das Verbarrikadieren des Majdans mit Palletten, mit meterhoch aufgestapelten Autoreifen und mit sonstigen Gegenständen, die herausgerissenen Pflastersteine, zu kleine Hügel aufgebaut, verhieß nichts Gutes. Bürgerkriegsähnliche Zustände. Und dann war er weg. Janukowitsch. Geflohen nach Russland. Und Putin schlug zurück. Die Krim annektiert, den Donbass in Brand gesetzt.
