Emma Tucson - Sharela Koch - E-Book
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Emma Tucson E-Book

Sharela Koch

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Beschreibung

Mit einem neuen Job bei einem bekannten Pharma-Konzern will Emma Tucson beruflich durchstarten. Doch bald findet sie heraus, dass ihr neuer Arbeitgeber in Wahrheit ein geheimes Forschungslabor im Niemandsland betreibt. Das US-Militär führt dort erzwungene Versuche an Personen mit übernatürlichen Fähigkeiten durch. Die Vermutung, dass auch in Emma paranormale Talente schlummern, verändert ihr Leben schlagartig und bringt sie in große Gefahr. Wem kann Emma jetzt noch vertrauen?

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Sharela Koch

Emma Tucson

Flucht aus Area 51

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Über das Buch

Mit einem neuen Job bei einem bekannten Pharma-Konzern will Emma Tucson beruflich durchstarten. Doch bald findet sie heraus, dass ihr neuer Arbeitgeber in Wahrheit ein geheimes Forschungslabor im Niemandsland betreibt. Das US-Militär führt dort erzwungene Versuche an Personen mit übernatürlichen Fähigkeiten durch. Die Vermutung, dass auch in Emma paranormale Talente schlummern verändert ihr Leben schlagartig und bringt sie in große Gefahr. Wem kann Emma jetzt noch vertrauen? 

Kapitel 1

„Puh, endlich Wochenende!“ Emma atmete tief durch. Langsam beruhigte sich ihr wild pochendes Herz in der Brust und in ihrem Körper machte sich Erleichterung breit. Vor weniger als einer Stunde hatte es ihr Kollege Marc endgültig geschafft und sie vor versammelter Mannschaft zur Weißglut getrieben.

„Immer lässt er mich die ganze Arbeit machen und sammelt dann für sich die Lorbeeren ein“, schimpfte sie.

Unsanft warf sie ihre Handtasche auf den Beifahrersitz und schaute zum Armaturenbrett. Das Display zeigte neunzehn Uhr. Noch zehn Minuten Fahrt bis zum Mädelsabend. Diesen Lichtblick konnte sie heute wirklich brauchen. Emma seufzte tief und angelte mit ihrem Zeigefinger nach den Wechselschuhen im Fußraum.

„Mist! Immer komme ich zu spät“, tadelte sie sich selbst.

Dann trat sie aufs Gaspedal und düste los, Richtung stadtauswärts.

„Wo bleibst du denn, du alter Workaholic?“, empfing Stacy sie mit gespieltem Vorwurf in der Stimme und umarmte sie herzlich. „Die anderen sind schon da. Jetzt kann unser Filmabend starten. Wir wollten nicht ohne dich beginnen.“

„Du bist viel zu gut für diese Machos in deiner Firma!“, kam nun auch Amy schimpfend aus dem Wohnzimmer und drückte Emma einen riesigen Cocktail in die Hand. Auf deren überraschten Blick antwortete sie: „Savoir vivre nennt man das auf Französisch.“

„Was du nicht sagst!“

„Es bedeutet ‚endlich Feierabend‘“, erklärte Amy theatralisch und kicherte los.

„Die Antwort hätte von Marc sein können“, brummte Emma und zog eine Augenbraue hoch.

„Ja, aber er hätte es tatsächlich geglaubt“, lachte Stacy und lief zurück in Richtung Sofa.

Emma konnte nicht ernst bleiben. Sie folgte ihr grinsend. Stacy wusste immer, wie sie sie aufmuntern konnte.

„Er nervt einfach“, versuchte sie, das Thema zu beenden, obwohl schon wieder der Zorn in ihr hochkochte. Entschlossen griff sie nach der Fernbedienung.

„Habt ihr euch schon für einen Film entschieden?“

Während der Vorspann über den Bildschirm flimmerte, musste sie erst einmal innerlich wieder herunterkommen. Die Enttäuschung schmerzte immer noch. Seit fünf Jahren ackerte sie wie eine Wahnsinnige für die Firma. Nie hatte sie sich in all den Jahren wegen der vielen unbezahlten Überstunden beschwert. Keinen einzigen Tag war sie wegen Krankheit ausgefallen. Fünf Jahre! Dann bot sich endlich die Chance auf einen Karrieresprung und was geschah? Man setzte ihr dieses eingebildete Ekelpaket vor die Nase. So hatte Emma sich ihre berufliche Laufbahn nicht vorgestellt.

Während sie gedankenverloren an ihrem Cocktail nuckelte, überlegte sie weiter.

Das ist nicht das Leben, das ich führen will. Ich muss etwas ändern. Und zwar schnell, sonst drehe ich durch.

Energisch schob sie Alles beiseite. Sie würde sich den Abend mit den Freundinnen nicht von ihren Problemen verderben lassen.

 

***

 

Pünktlich um sieben Uhr morgens saß Emma mit T-Shirt und Shorts bekleidet in ihrer gemütlichen Einzimmerwohnung beim Frühstück. Während sie Ahornsirup auf ihre Waffeln träufelte, pochte ihr Kopf noch von den Cocktails vom Vortag. Doch es hatte ihr gut getan, sich von den Freundinnen ablenken zu lassen.

Wer abends feiert, kann morgens auch aufstehen, hörte sie die Stimme ihres Vaters im Kopf und ein Lächeln huschte ihr übers Gesicht. Sehnsüchtig dachte sie an ihre Eltern. Das Leben ist viel zu kurz, um es zu vergeuden, dachte sie. Sie fühlte einen kleinen Stich im Herz, als sie das Foto an der Wand gegenüber betrachtete. Es zeigte sie im Alter von zwölf Jahren, gemeinsam mit Erik und Elisabeth Tucson vor dem Haus, in dem sie aufgewachsen war. Damals war ihre Welt noch in Ordnung.

Emma nahm einen großen Schluck Kaffee und blinzelte die Tränen aus ihren Augen. Ich werde mein Leben nicht verschwenden. Ich werde etwas bewirken, wiederholte sie das Versprechen, das sie ihrer Mama vor langer Zeit gegeben hatte. Die liebevollen Erinnerungen vermischten sich mit den energischen, fast wütenden Gefühlen vom Vortag. Sofort musste sie wieder an den ganzen beruflichen Ärger der letzten Monate denken.

„Na warte!“, sagte sie und legte ihr Tablet neben die Kaffeetasse. Karriere, ich komme! Denen werde ich es zeigen!, dachte sie entschlossen und tippte in die Suchmaschine: „Stellenanzeige + Wissenschaft“.

Der Nachteil bei Recherchen im Internet ist, dass man dabei ganz leicht die Zeit vergisst. So saß Emma auch zwei Stunden später noch mit ihrer - mittlerweile erkalteten - Waffel in der Hand am Frühstückstisch und starrte auf den Monitor. Selbstzweifel nagten an ihr, als ihre Augen erneut über die Zeilen flogen.

„Die Mühe kannst du dir sparen. Da bewerben sich doch Tausende auf diese Position“, brubbelte der innere Schweinehund in ihr.

Er war aber auch ein richtiger Spielverderber!

„Egal! Wenn ich es nicht versuche, dann werde ich es für immer bereuen. Momentan bin ich noch örtlich flexibel und ungebunden. Entweder jetzt oder nie“, sagte sie laut zu sich selbst und stand abrupt auf, um den Küchentisch abzuräumen. Dabei dachte sie intensiv über den Wortlaut in der Stellenanzeige nach. Dort stand:

 

Wir suchen:

Teamassistent(in) für ein innovatives Wissenschaftsprojekt im Gesundheitsbereich

 

Wir erwarten:

Gute IT-Kenntnisse (Excel, Datenanalyse, Statistikprogramme)Überdurchschnittliche LeistungsbereitschaftVerantwortungsbewusstsein und EigeninitiativeHohe Belastbarkeit und FlexibilitätFähigkeit zu interdisziplinärem ArbeitenStarkes Interesse an Forschung im Bereich GesundheitswesenFremdsprachenkenntnisse sind von Vorteil

 

Wir bieten:

Überdurchschnittliche BezahlungGute AufstiegschancenEinen vielseitigen und interessanten ArbeitsplatzAbwechslungsreicher Arbeitsalltag in internationalem Team

 

Auskunft zur Bewerbung erteilt Ihnen Mr. Strikt unter der Telefonnummer 0173 / 0815- 007

 

 

Die überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft und meine Flexibilität habe ich schon die letzten fünf Jahre bewiesen. Nur hat es nie einer honoriert, dachte Emma voller Bitterkeit. Sie überlegte: Was habe ich schon zu verlieren?

Seufzend schob sie das Tablet zur Seite.

An einem Samstag ist dort doch sowieso niemand erreichbar. Oder?

Ihr Blick fiel auf das Telefon. In ihren Fingern kribbelte es. Vielleicht wäre das endlich die Chance, auch ihre Fremdsprachenkenntnisse anzuwenden? Wozu hätte sie sich sonst in den Sprachferien mehrere Jahre lang mit Konjugationen und Grammatik herumgeplagt? Sie seufzte tief. Mit zitternden Händen griff sie nach dem Hörer und tippte die Nummer ein. Es klingelte. Sie rutschte auf ihrem Stuhl hin und her und starrte auf das Display.

Natürlich hebt keiner ab. Bestimmt haben sie auch Wochenende.  

Gerade als sie auflegen wollte, hörte sie eine kräftige Männerstimme: „H.P. Research, Strikt am Apparat.“

Sein Tonfall klang sachlich. Das gefiel Emma. Sie räusperte sich und wählte ihre Worte mit Bedacht:

„Guten Tag. Emma Tucson hier. Ich habe Interesse an Ihrer Stelle als Teamassistentin und möchte mich näher darüber informieren. Ich bringe Erfahrung mit Fremdsprachen und IT mit.“

Seine kurzen, prägnanten Fragen nach ihrem bisherigen beruflichen Werdegang beantwortete sie rational und pragmatisch. Dann folgte eine Pause, die ihre Geduld stark strapazierte. Aber zumindest hatte sie sein Interesse geweckt. Da war sich Emma sicher.

Endlich sprach er weiter: „Ich erwarte Sie morgen zum Vorstellungsgespräch. 14:00 Uhr im Hilton-Hotel in Henderson. Zimmer 230.“

Mühsam, am liebsten hätte sie laut gejubelt, behielt sie den neutralen Tonfall bei. „Morgen? Sie machen Vorstellungsgespräche an Sonntagen? In einem Hotelzimmer?“

„Wir erwarten für diese Stelle Reisebereitschaft und Flexibilität. Sind Sie damit überfordert?“

„Nein, überhaupt nicht!“, antwortete Emma rasch und hätte sich für ihre impulsive Nachfrage am liebsten selbst geohrfeigt. „Ich werde da sein.“ Gleichzeitig tippte sie sich die Adresse ins Handy.

Nachdem sie aufgelegt hatte, starrte sie lange in die Luft. Was für eine irrsinnige Schnapsidee, dachte sie. Henderson war drei Autostunden von ihr entfernt. Nie im Leben könnte sie täglich eine solche Strecke pendeln und zusätzlich noch regelmäßig Überstunden leisten. Und wie um alles in der Welt sollte sie bis morgen eine perfekte Bewerbungsmappe zusammenstellen und sich auf das wichtige Interview vorbereiten? Beklommen wählte sie Stacys Nummer und schickte ein Stoßgebet zum Himmel.

 Als ihre Freundin abhob, schrie sie fast in den Hörer: „Ich brauche deine Hilfe. Es muss aber sofort sein. Kannst du zu mir kommen?“

„So dringend? Was ist los? Nein, erklär es mir, wenn ich da bin. Ich mach mich auf den Weg.“

Emma atmete auf. Auf Stacy war wirklich Verlass. Emma spürte, wie sich die Anspannung in ihren Schultern langsam legte. Sie begann, an einem Schlachtplan zu arbeiten.

Kurz darauf saßen die beiden Frauen gemeinsam auf dem Sofa und nippten an ihren Teetassen.

„Du hast was?!“, fragte Stacy fassungslos, nachdem sie sich Emmas Geschichte angehört hatte. Mit gerunzelter Stirn fragte sie: „Hast du wirklich Interesse an diesem Job? Mit all dem Pendeln?“

„In Henderson ist doch nur das Vorstellungsgespräch. Der Standort für meine Arbeit muss nicht zwangsläufig auch dort sein“, versuchte Emma mehr sich selbst als ihre Freundin zu überzeugen.

„Also, wenn du das willst, dann schaffst du das auch, Emmi“, ermutigte Stacy sie. „Lass uns mal mit dem Wissen für das Jobinterview beginnen. Große Firmen erwarten, dass man sich im Vorfeld gründlich informiert hat.“ Schon tippte sie eifrig Begriffe in die Suchmaschine.

Nach einer halben Stunde fasste Emma mit sarkastischem Unterton zusammen: „Wow! Die Internetseite spricht mit der gleichen epischen Breite wie Herr Strikt. Unnötiges Blabla brauche ich nicht streichen. Das gibt es hier definitiv nicht.“

Stacy lachte und klopfte ihr auf die Schulter: „Dann hast du endlich die richtige Stelle für dich gefunden! Ein gefühlskalter Eisklotz trifft auf einen anderen. Ihr zwei müsst euch dann ganz sicher toll verstehen.“

„Das ist schlechtes Timing. Du musst dich jetzt nicht darüber lustig machen, dass ich noch Single bin. Mr. Perfect hat sich einfach noch nicht bei mir gemeldet.“

„Du bist doch sowieso mit deiner Arbeit verheiratet“, sagte Stacy halb scherzhaft, halb ernst.

„Dann macht das einen Freund automatisch zu meinem Geliebten?“, konterte Emma und musste grinsen.

„Ach Emmi-Maus! Lassen wir das Suchen nach Internas. Da vergeuden wir nur Zeit. Kopieren wir lieber deine Zertifikate und überlegen, was du morgen anziehen willst.“

„Was hältst du von einem Hosenanzug?“, fragte Emma und zog einen olivfarbenen Blazer aus ihrem Schrank. Sie mochte grün in allen Schattierungen. Grün wie die Hoffnung.

„Damit siehst du aus wie von der Army!“, rief ihre Freundin entrüstet und schüttelte den Kopf. „Das ist viel zu langweilig. Du musst schon selbstbewusster rüberkommen, wenn du gegen all die anderen Bewerber eine Chance haben willst. Fachlich mache ich mir keine Sorgen bei dir, aber du musst an deinem Auftreten arbeiten.“

„Aber wenn ich Professionalität ausstrahlen will, darf es auch nicht zu viel Schnickschnack sein.“

„Ich hab’s! Nimm das Etuikleid mit dem frechen Rückenausschnitt!“

„Oh Stacy! Ich gehe zu einem Jobinterview. Nicht zu einem Date! Der Ausschnitt ist viel zu tief.“

„Emma Tucson!“, sagte Stacy streng und klatschte in die Hände: „Du ziehst das Kleid an. Darüber einen biederen Blazer. Dann sehen sie, dass du total professionell und langweilig sein kannst. Und beim Platznehmen legst du ganz nebenbei den Blazer ab und überzeugst beim Verlassen des Raums noch mit deiner weiblichen Seite.“

Emma schaute ihre Freundin an. „Das klingt total bescheuert!“

„Absolut nicht! Das funktioniert! Du willst doch was wagen. Was hast du schon zu verlieren? No Risk, no Fun.“

 

Kapitel 2

Am nächsten Morgen verteilte Emma die Tagescreme sorgfältig auf ihrem Gesicht. Es hatte fast etwas Meditatives. Sie trug khakifarbenen Lidstrich auf. Dann hielt sie ihren Kopf leicht schräg, um mit der Wimperntusche die kleinen Härchen um ihre Augen zu erwischen. Sie machte sich eigentlich nicht viel aus Make-up und Styling, aber für ein Vorstellungsgespräch schien es ihr richtig, sich dezent zu schminken. Wehe, dieser Aufwand lohnt sich nicht! Sie spürte, wie ihr Ehrgeiz wuchs. Nachdem sie ihre Lippen kastanienrot  angepinselt hatte, zwang sie sich ein Lächeln ab. Zufrieden stellte sie fest, dass die Frau im Spiegel Souveränität ausstrahlte. Positiv denken!, befahl sie sich und zupfte das Kleid ordentlich zurecht. Zum Schluss schlüpfte sie in die schwarzen Pumps und schnappte sich ihre Handtasche und die Bewerbungsmappe. Los geht’s. Henderson, ich komme!

Auf die Minute genau um vierzehn Uhr klopfte Emma an die Zimmertür 230 im Hilton-Hotel.

„Herein“, hörte sie die Stimme von dem gestrigen Telefonat. Mit Herzklopfen trat sie ein. Als erstes bemerkte sie, dass es sich nicht um ein typisches Hotelzimmer mit Bett handelte, was sie doch sehr beruhigte. Die Möblierung ähnelte eher einem Besprechungsraum. Herr Strikt kam ihr entgegen und begrüßte sie mit kräftigem Händedruck. Der Mann um die fünfzig war hochgewachsen und sein muskulöser Oberkörper verriet regelmäßiges Sporttraining. Er stellte sich als Leiter des Projekts vor, der die Ergebnisverantwortung gegenüber der Regierung hatte, für die H.P. Research ein Forschungsinstitut betrieb. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte sie, ob ihr Hosenanzug nicht doch besser zu diesem Anlass gepasst hätte. Schnell verwarf sie den Gedanken wieder und musterte neugierig, die beiden anderen Männer im Raum.

Herr Strikt machte sie bekannt: „Das ist Prof. Dr. Goldstein, unser wissenschaftlicher Leiter. Er ist eine Koryphäe im Bereich der Quantenoptik und Ionen-Interferometrie. Das brauche ich Ihnen sicher nicht zu erklären…“

Dabei schaute er Emma provozierend an. Sie hielt seinem Blick stand und nickte ganz selbstverständlich.  Ohne zu zeigen, ob ihm ihre Reaktion gefiel, deutete er auf den letzten Anwesenden:

„Und das ist Herr Florien. Er promoviert aktuell im Bereich Epidemiologie und schreibt seine Doktorarbeit über unser Projekt.“

Emma schluckte. Es war nicht unbedingt die Anwesenheit von hochkarätigen Akademikern, die sie einschüchterte. Sie machte sich mehr Sorgen über die ungewöhnliche Mischung der Personen vor ihr: Ein Schwarzenegger-Double, ein Seuchenkundler und was zum Geier war dieses Interferometrie-Zeug? Immerhin: Der Typ hatte es geschafft, sie neugierig zu machen. Langeweile würde sie in diesem Job sicher nicht erwarten.

Sie schenkte den Herren ihr bezauberndstes Lächeln und übergab Herrn Strikt hoch erhobenen Hauptes ihre Bewerbungsunterlagen. Dann legte sie ihren Blazer ab und nahm Platz. Das Jobinterview konnte beginnen.

Nach über einer Stunde Frage-Antwort-Spiel musste Emma sich bemühen, ihre Konzentration aufrecht zu halten. Vor allem, da nun ein Vortrag folgte, in dem Herr Strikt die Geheimhaltungsvorkehrungen für die Angestellten erläuterte:

„Sie werden also verstehen, dass für diese wissenschaftlichen Forschungen, die wir betreiben, absoluter Datenschutz gilt und wir uneingeschränkte Vertraulichkeit erwarten“, setzte Herr Strikt seinen Monolog fort.

„Unsere Mitarbeiter werden mit unserem firmeneigenen Flugzeug jeweils sonntags vom North L.A. Airport zu unserem Labor geflogen und kehren Freitagabend wieder heim. Unter der Woche stellen wir kostenfrei Unterkunft und Verpflegung. Sie sehen also, dass wir uns gut um unsere Angestellten kümmern. Zudem liegt Ihr Gehalt deutlich über den Standards. Im Gegenzug erwarten wir ein Höchstmaß an Engagement und Diskretion.“

Emma bemühte sich, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Doch sie konnte sich die Frage, die ihr schon die ganze Zeit auf der Zunge brannte, nicht verkneifen:

„Was genau erforschen Sie eigentlich in Ihrem Unternehmen?“

Herr Strikt wirkte überrascht. Er brauchte einen kurzen Moment, um sich zu sammeln. Dann antwortete er:

„Ganz allgemein geht es um die Gesundheit unseres Landes. Wir entwickeln die Medizin, damit unsere Bevölkerung rechtzeitig und umfassend vor zukünftigen Krankheiten geschützt werden kann. Und ganz konkret: Wir behandeln Patienten, für die es sonst weltweit keine Hoffnung gibt.“

Es klang ein bisschen wie ein auswendig gelernter Werbeslogan. Aber Emma hatte auch keine ausführliche Antwort erwartet. Sie gab sich damit zufrieden.

Er fuhr fort: „Deshalb werden Sie bestimmt verstehen, dass viele Pharmaunternehmen unsere Forschungen mit Adleraugen verfolgen. Das ist ein Grund für unsere strengen Sicherheitskontrollen. Wir müssen Industriespionage mit allen Mitteln unterbinden.“

Emma nickte. Das leuchtete ihr ein.

Herr Florien hatte die Bewerberin durchdringend gemustert. Er nutzte die folgende kurze Pause von Herrn Strikt und warf ein:

„Anscheinend bringen Sie keinerlei Vorkenntnisse im medizinischen und anatomischen Bereich mit? Da frage ich mich, ob sie mit diesem Job nicht überfordert sind.“

Da er inzwischen Emmas Unterlagen durchgeblättert hatte, sollte er die Antwort kennen. Sie begriff, dass er sie testen wollte. In ihrem Kopf hörte sie Stacys Worte: No Risk. No Fun. Also atmete sie tief ein und antwortete so gefasst wie möglich:

„Das stimmt. Solche Fachkenntnisse besitze ich nicht. Das ist der Grund, weshalb ich mich auf die ausgeschriebene Stelle der Teamassistentin im Bereich Datenanalyse bewerbe - und nicht auf Ihren Posten.“

Ein leichtes Funkeln in ihren Augen konnte sie nicht unterdrücken. War ihre Antwort zu barsch gewesen? Anstelle einer Erwiderung blätterte  Herr Florien betont gelangweilt durch ihre Dokumente, als suche er nach genau dieser Information. Für einige Momente war es still im Raum. Emma übte sich in positivem Denken. Das Gespräch hatte schon recht lange gedauert. Wenn sie keine Chancen auf den Job hätte, wäre es bestimmt schon längst beendet gewesen. Und die Qualifikationen, die sie mitbrachte, musste ihre Konkurrenz erst mal überbieten.

„Danke für das Gespräch“, riss Herr Strikt sie aus ihrem Sinnieren. Er erhob sich von seinem Stuhl und erklärte: „Bitte geben Sie uns dreißig Minuten Zeit zur Beratung. Sie können sich währenddessen gerne einen Café an der Hotelbar gönnen.“

Emma fühlte sich von dem abrupten Ende des Jobinterviews komplett überrumpelt. Hatte sie es doch vermasselt? Wie in Trance hing sie ihren Blazer über den Arm und verabschiedete sich mit höflichem Lächeln. Sie verließ den Raum, ohne auch nur im Geringsten über ihren Rückenausschnitt nachzudenken, der ihr zuvor noch so viel Kopfzerbrechen bereitet hatte.

Immer noch völlig durcheinander setzte sie sich an die Hotelbar, schlug ihre Beine übereinander und bestellte einen Cappuccino – obwohl sie nicht wusste, ob Koffein bei all der Aufregung das richtige für ihre Nerven war. Seufzend warf sie einen Blick auf ihr Handy. Das Display zeigte zwei verpasste Anrufe in Abwesenheit. Beide von Stacy. Egal wie es ausgeht, ich habe die besten Freundinnen der Welt, dachte Emma und beschloss, erst zurückzurufen, wenn sie die Entscheidung erfahren hatte. Seufzend ließ sie das Handy wieder in ihre Handtasche gleiten. Als sie aufblickte, traf ihr Blick auf den eines Hotelgasts. Er telefonierte am anderen Ende der Lobby und schien ein Geschäftsmann zu sein. Als er auflegte, kam er zielstrebig auf sie zu.

„Kann ich die hübsche Lady auf einen Drink einladen?“, fragte er ohne Umschweife.

„Nein, danke. Ich habe schon bestellt.“

Emma atmete tief ein. Das ist das denkbar schlechteste Timing für einen Flirt.

„Was treibt eine attraktive Lady wie Sie an einem so wunderschönen Nachmittag allein an eine Hotelbar?“, versuchte der Fremde sie aus der Reserve zu locken.

Doch sie war nicht in Stimmung für solche Spielchen. Sie reagierte nur mit einem Schulterzucken. Als er weiter versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, deutete sie demonstrativ auf ihre Armbanduhr und antwortete:

„Entschuldigen Sie. Aber ich warte hier auf meinen Ehemann. Er müsste jeden Augenblick kommen.“