Emmas Reise ins Unsichtbare - Mareike Milz - E-Book

Emmas Reise ins Unsichtbare E-Book

Mareike Milz

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Beschreibung

In einer Welt, in der Dinge sichtbar sind, die in der Unseren verborgen bleiben, beginnt Emma nach Verbundenheit zu suchen. Dabei begibt sie sich auf eine erkenntnisreiche Reise durch eine fantastische, wundersame Welt und ahnt dabei nicht, dass sie ihr Weg mehr und mehr zum Ursprung allen Seins führt. Ein spiritueller Märchenroman für alle Suchenden - zum Berühren, Aufwachen und Lieben.

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Seitenzahl: 218

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Für meine Mutter, die stets bedingungslos und felsenfest an mich glaubt. Für meine Tochter, die mehr ist, als ich je zu träumen wagte.

Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen - Erwachsenen, damit sie aufwachen.

Jorge Bucay

Du bist kein Tropfen im Ozean, Du bist ein gesamter Ozean in einem Tropfen.

Rumi

Inhaltsverzeichnis

Erster teil

1. Kapitel: In dem Emma den Ernst ihrer Lage erkennt

2. Kapitel: In dem Jemand nicht gesehen wird

3. Kapitel: In dem Emma den Wert von Nichts begreift

4. Kapitel: In dem sich einige Fragen stellen

5. Kapitel: In dem Emma behütet wird

6. Kapitel: In dem Emma etwas Ursprüngliches sieht

7. Kapitel: In dem Emma etwas von ihrem Kater lernt

8. Kapitel: In dem Emma ein Danke trinkt und bühnenreif ausspricht

9. Kapitel: In dem Emma die Welt sieht

10. Kapitel: In dem nur die Gemeinschaft Bunt ist

11. Kapitel: In dem Emma von ihrem Trauma angesprungen wird

12. Kapitel: In dem Emma etwas über die Essenz von Wünschen lernt

13. Kapitel: In dem sich das Rad stets weiter dreht

14. Kapitel: In dem Emma den Kern der Weltprobleme kennenlernt

15. Kapitel: In dem Kinder verbinden

16. Kapitel: In dem Emma etwas lange Behütetes nutzt

Zweiter teil

17. Kapitel: In dem Emma einen Gedankengang verlässt

18. Kapitel: In dem ein Perspektivwechsel stattfindet

19. Kapitel: In dem Schwarz-Weiß nicht zielführend ist

20. Kapitel: In dem Emma sich ihrem innersten Kampf widmet

21. Kapitel: In dem Emma das Eine fühlt

Epilog

ERSTER TEIL

1. KAPITEL

in dem Emma den Ernst ihrer Lage erkennt

Gedankenverloren starrt Emma ins Leere und doch eigentlich in das bunte Treiben auf dem Hallmarkt. Die Schritte der Passanten schallen in leisen Melodien von den Wänden der aufragenden Gebäude zu ihr herüber. Inmitten der Masse fühlt sie sich alleine. Denn sie ist - so wie viele andere auch - in elementarer Weise anders.

Der Kaffeebecher vor ihr schluckt eine Münze. Emma schaut nicht mal auf. Sie sieht es nicht ein, jemandem dankbar zu sein, der reichlich hat und nur gibt, um sich besser zu fühlen. Stattdessen mustert sie die porösen Steine des Bodens, die zertretenen Zigarettenstummel, die sich in den Fugen sammeln. Doch vor allem und absolut vordergründig betrachtet Emma die darunter fließende Energie.

Während sie einen Punkt fixiert, verschwimmt alles in ihrem Blickfeld, als würde die Welt einfach verschwinden und ein Teil von ihr wünscht sich, sie täte es auch.

»Hey Emma«, reißt Theo sie aus ihrem persönlichen Abgrund. Wie immer hat er zwei Becher Kaffee in der Hand und ein breites Grinsen auf den Lippen.

Emma nervt Theos stetig gute Laune und sie vermutet insgeheim, dass sie nur eine Maske ist, die er trägt, um sich vor der Realität zu schützen. Warum sie Theo mag, weiß sie eigentlich nicht. Er ist nicht wie sie. Ganz im Gegenteil sogar.

»Hey«, murmelt sie und streckt ihren Arm nach dem Kaffeebecher aus.

Ein paar Passanten drehen sich um und schauen mit kritischen Blicken zu Theo, der sich nun im Schneidersitz neben sie auf den kalten Asphalt setzt. Es passt nicht in ihr Bild, dass so jemand wie Theo mit so jemandem wie Emma befreundet ist. Sie kann es ihnen nicht verdenken. In ihr Bild passt es ebenso wenig.

Theo streckt sich gemächlich und blickt sie dann mit seinen durchdringenden blau-grauen Augen an, die dem aufklärenden Himmel nach einem Gewitter gleichen.

»Wie geht es dir, Emmi?«, fragt er und fixiert sie mit dieser Klarheit, die es ihr schwer macht, den Blick abzuwenden.

»Nenn mich nicht so«, feixt sie und nimmt einen Schluck aus ihrem Becher. Lauwarm. Scheiße!

Wie immer ignoriert Theo ihren halbherzigen Ablenkungsversuch und schenkt ihr stattdessen ein verständnisvolles Lächeln. Sie unterdrückt den Impuls, ihn zu boxen. Ein einziges Mal hat sie diesen Fehler begangen, doch Theo hatte sich unmissverständlich davon abgegrenzt. Wesen wie er konnten so etwas. Die hatten es leichter. In allem eigentlich ...

»Unfair!«, flüstert ihr Herz. Emma kann es nicht leiden, wenn es sich zu Wort meldet. Zum Glück macht es das nur selten.

Unrecht hat es just in diesem Moment jedoch nicht. In Wahrheit verabscheut Emma Wesen wie Theo aus tiefster Seele. Sie bekommen alles, stehen in Verbindung und das einfach so. Ohne dafür irgendetwas getan zu haben. Sie sind einfach so. Beschenkt vom Leben.

Eine Welle der Wut überkommt sie, während sie die Energie beobachtet, die in Theo pulsiert. In Wellenform, weißlich schimmernd, strömt sie über seinen Körper hinaus und erreicht sachte ihre Schulter.

»Ist alles okay?«, fragt Theo besorgt und legt ihr behutsam seine Hand auf die Schulter. Von dem hitzigen Energieschub, der ihren Körper wie ein Lichtblitz durchflutet, zuckt sie zusammen. Anstatt seine Hand zurückzuziehen, verstärkt er die Energiezufuhr jedoch, deren Wärme Emma bis in die Knochen kriecht. Ein Gefühl des Friedens breitet sich in ihr aus.

»Hör auf!«, faucht sie und reißt seine Hand etwas zu grob von ihrer Schulter.

Er weiß es vielleicht nicht. Aber sie weiß ganz genau, was solche Energieschübe anrichten können und wie es sich anfühlt, wenn die Energie dann nach und nach wieder verschwindet. Wie sollte er es auch wissen? Er steht ja mit ihr in Verbindung. Er muss sich keine Sorgen darüber machen, wie er an Neue kommt.

Verächtlich blickt Emma zu Boden. Weißlich schimmert darunter die Energie, die sich in unzähligen Fäden, flussähnlich voranbewegt, bis sie schließlich in Theo hineinfließt. In Theo und in all die Wesen, die ebenso von ihr gesegnet sind. In alle. Nur nicht in Emma und ihresgleichen.

»Entschuldige«, sagt Theo mit belegter Stimme, während sie beobachtet, wie ihm ein Teil seiner Energie verloren geht und sich stattdessen in ihrem Körper ausbreitet.

Eigentlich hat sie sich vorgenommen nicht mehr von ihm zu stehlen. Aber diese freiwillig gegebene Energie ist einfach nicht auszuhalten und nur so, kann sie sich eine kleine Portion abzwacken, um über die Runden zu kommen.

Geklaute Energie hat nicht diese verheerenden Folgen, wenn sie vergeht. Sie vergeht einfach. Genauso wie jeder Energierausch vergeht.

Klanglos ...

Na gut, vielleicht mit einem grauen Kater.

»Schon okay«, murmelt Emma schließlich mit schlechtem Gewissen und versucht das Thema zu wechseln, »Wie geht es dir denn?«

Und obwohl er weiß, dass sie selbst auf diese Frage noch nicht geantwortet hat, lässt er sie gewähren. Vermutlich wegen seines Energieverlustes. Oder weil er einfach ein netter Kerl ist.

»Mir geht‘s super. Ich habe endlich eine Galerie für meine Ausstellung gefunden!«

Schon während dieser wenigen Worte, kann sie beobachten, wie er sich mit neuer Energie auftankt und seine Augen zu strahlen beginnen.

»Du musst dir die Galerie unbedingt angucken, Emma. Sie wirkt wie ein Verlies und hat einen wahnsinnig unheimlichen Charakter. Normalerweise machen die auch nur Ausstellungen in diese Richtung, aber ich konnte den Besitzer mit meiner Idee überzeugen.«

Ein gewinnendes Grinsen macht sich auf seinem symmetrischen Gesicht breit und dabei strotzt seine ganze Körperhaltung nur so vor Selbstbewusstsein.

Emma hat noch nie eines seiner Bilder gesehen. Und sie weiß auch, dass sie diese Galerie niemals sehen wird. Nicht, weil er es nicht will, sondern sie. Denn sie ahnt, dass es schon gefährlich genug für sie ist, überhaupt mit Theo befreundet zu sein. In seine Welt darf sie auf keinen Fall eintauchen.

»Du würdest dich selbst verlieren ... und dann wärst du noch weniger als du es jetzt bist. Dann wärst du Nichts!«

Gott, wie Emma es hasst, wenn ihr Herz spricht. Dummerweise macht es das besonders häufig, wenn Theo in ihrer Nähe ist.

»Schön für dich«, versucht sie aufrichtig zu klingen, hört aber selbst den eifersüchtigen Unterton.

Wieder schwappt ein Teil seiner Energie in sie hinein.

Eine Weile schweigen beide. Emma, wegen ihres schlechten Gewissens - Theo vermutlich, um sich wieder aufzuladen. Auch er wirkt jetzt gedankenverloren. Sie mag es, wenn er so ist. Sie fühlt sich ihm dann irgendwie näher. Schweigend und berührungslos kann sie ihn genießen. Nur diese sanfte Wärme. Oberflächlich und ohne Folgen.

»Was für ein schöner Tag«, bemerkt er schließlich, während er lächelnd den Himmel betrachtet. Emma richtet ihren Blick ebenfalls empor, registriert das fade Grau und hätte am liebsten verächtlich geschnaubt, tut es aber nicht. Sie hat heute schon genug Energie von ihm gezogen.

Warum Theo trotzdem immer wieder zu ihr kommt, versteht Emma eigentlich nicht. Doch sie hat aufgehört sich solche Fragen zu stellen. Zu kostbar sind ihr die gemeinsamen Momente.

»Sei vorsichtig!«

Ruckartig steht sie auf: »Lass uns ne Runde gehen.«

Schweigend schlendern die beiden am Straßenrand entlang. Die Fahrbahn ist überfüllt und Emma atmet die Abgase in langsamen, tiefen Atemzügen ein. An der nächsten Ampel bleiben sie stehen. Ihr Spiegelbild wird von einer Pfütze reflektiert und sie sieht, was alle sehen: Theo und sie ... Das passt einfach vorne und hinten nicht zusammen. Und dabei ist er vorne und sie hinten.

Ein vorbeifahrendes Auto fährt zielstrebig durch die Pfütze und ihr Nass spritzt Emma entgegen. Die matschigen Tropfen sprenkeln ihre Hose.

»Du Wichser!«, brüllt sie.

Die Luft trägt eine kleine Portion Energie vom Fahrer zu ihr - dieses Mal hat sie kein schlechtes Gewissen.

»Fuck!«, mault sie und verreibt den Schmutz beim Versuch die Tropfen wegzuwischen nur noch großflächiger.

»Was ist los?«, fragt Theo und ein Blick verrät ihr, dass er nicht einen Tropfen abbekommen hat. Emma verdreht die Augen und lässt seine Frage unkommentiert.

»Ich muss los«, sagt sie und unterdrückt dabei den Impuls ihn zu umarmen. Stattdessen macht sie auf dem Absatz kehrt und ruft aus drei Schritten Entfernung, ohne sich dabei umzudrehen: »Bis bald!«

Die Bahn hält. Emma greift schon wieder in ihre Jackentasche. Es ist noch da.

Wo sollte es auch sonst sein?

Energisch, ja beinahe euphorisch betritt sie den Bahnsteig. Keine Sekunde verliert sie, während sie die triste, schmale Straße überquert und den Parkeingang passiert. Nur noch ein Funke der Energie, die sie sich den Tag über geklaut hat, ist noch übrig. Das wird gleich keine Rolle mehr spielen!

Beinahe andächtig steuert sie auf ihre Lichtung zu. Leere Bierflaschen und Müll ergeben ein paradoxes Mosaik auf dem Boden, unter dem nur schwer die Energieströme auszumachen sind, die zu den Bäumen und Pflanzen führen.

Die Eifersucht, die sie sonst packt, wenn sie Wesen sieht, die in Verbindung stehen, ist hier nicht vorhanden. Die Natur wirkt anders. Emma identifiziert sich nicht mit ihr. Außerdem ist hier alles gleich. Jede Pflanze wird mit Energie versorgt. Es gibt keine Ausnahmen. Nur die Toten sind ausgenommen.

Kurz flackert ein fast verlorenes Bild aus ihrer Vergangenheit auf. Der Tod. Auge in Auge. Nicht sie. Ihre Mutter. Das Wort überhaupt zu denken fühlt sich falsch an. Ihre aufgerissenen Augen, diese nutzlose Hülle hat sich auf Emmas Netzhaut eingebrannt. Vielleicht hätte sie froh sein sollen. Und ein Teil von ihr war es auch. Den anderen Teil hatte sie nach zwei Tagen, als sich der Geruch des Todes schon in der ganzen Wohnung ausgebreitet hatte, für immer weggeschlossen. Sie war keine Mutter. Nicht so, wie sie es hätte sein sollen. Sie war ein scheiß Junkie!

Emma greift in ihre Tasche und zieht das Tütchen hervor, dessen Inhalt kristallen bläulich zu leuchten scheint. Fast eilig zieht sie ihre Jacke aus, legt sie auf den Boden und setzt sich darauf - direkt vor einer dicken Eiche, zu der sternenförmig Energieströme fließen. Sie sitzt gerne hier. Es ist so ruhig. Keine Wesen. Nur sie und die Natur. Und mit ein bisschen Hilfe schafft sie es, sich vorzumachen, die Ströme würden in sie hineinfließen - nicht in den Baum.

Sie öffnet das Tütchen, leckt ihren Finger an und taucht ihn sachte hinein. Wie immer betrachtet sie ihn einen Augenblick. Schon jetzt strahlen die Kristalle ihre bläuliche Energie aus, die in wirren Schlieren ihren Finger hinabgleitet.

»Tu das nicht! Das ist gefährlich.«

Emma schnaubt und steckt sich energisch den Finger in den Mund, als könne sie ihrem Herzen damit irgendetwas beweisen. Von dem bitteren Geschmack verzieht sie das Gesicht und muss ein Würgen unterdrücken. Ihr Körper wehrt sich. So ist es immer. Aber nur beim Einnehmen. Schon bald wird er genießen können. Für einige Zeit wird er spüren, wie es sein muss, in Verbindung zu stehen.

Sie nimmt einen Schluck von dem Kaffeebecher, den sie in einer Kneipentoilette mit Wasser befüllt hat und lehnt sich langsam gegen die Eiche. Ein Vogel zwitschert von einem nahe gelegenen Baum herüber und sie stellt sich vor, dass sein Gesang eine Geschichte wäre. Eine Geschichte über sie.

Sie muss grinsen, während die Kristalle langsam ihre Wirkung entfalten. Es beginnt mit einem leichten Kribbeln, das sich nach und nach in ihrem ganzen Körper ausbreitet. Wärme erfüllt sie und ein Blick nach unten bestätigt ihre Wahrnehmung: Die blaue Energie pulsiert in ihrem Körper. Sie sieht anders aus als die natürliche, weiße Energie. Nicht so fließend, eher verworren und chaotisch.

Emma schließt die Augen und konzentriert sich auf das wohlige Gefühl, das sie vergessen lässt. Immer dumpfer und tiefer sinkt sie in den Rausch hinein, lässt sich von ihm führen. Stellt sich vor zu den anderen zu gehören. Verbunden zu sein. Ihre Vergangenheit auszulöschen. Und dann ... sieht sie plötzlich Theo vor sich. Theo mit seinen Nach-Gewitter-Augen.

Das chaotische Pulsieren wird immer stärker und unregelmäßiger. Hui ... Das war vielleicht doch ein bisschen zu viel des Guten ... Angestrengt versucht sie sich auf etwas anderes zu konzentrieren: auf das Zwitschern des Vogels. Sie spürt, wie sein Gesang in sie eindringt, ihren Körper in Wellen erfasst. Als würden die Noten sich mit jeder einzelnen Zelle verbinden, pulsiert nun ihre Geschichte in ihr und in ihrem Kopf dröhnt es - ein Hall, der sich selbst multipliziert.

Dann spürt sie plötzlich etwas Kühles, Rundes an ihrem Kehlkopf. Intuitiv greift sie danach, ohne ihre Augen zu öffnen. Ihre Finger erfassen eine Kette. Eine Kette mit einem runden Medaillon, das sich anfühlt wie eine Münze.

Eine Kette, die nicht da ist ...

Das Dröhnen in ihrem Kopf schwillt weiter an und das wohlige Gefühl der Kristalle wird langsam von einer dunklen Macht übertönt. Einer Macht, die ihre eigene Geschichte verursacht. Sie krallt sich in ihr fest, saugt sie aus und immer weiter schwillt das Dröhnen an. Immer weiter, immer lauter, immer einnehmender. Sie kriegt keine Luft mehr. Will sterben, damit es endlich endet.

»Stooooopp!!«, hört sie ihr eigenes Geschrei wie aus weiter Entfernung. Als wäre nicht sie es, die ihre Lippen bewegt. Selbst ihre Stimme klingt fremd. Und dann, als sie gerade glaubt, das Dröhnen keine Sekunde länger mehr aushalten zu können, wird es auf einmal totenstill.

Nur ihr Atem durchbricht die Stille. Hektisch und unkontrolliert stößt sie die Luft zwischen ihren Zähnen hervor.

»Öffne deine Augen, Emma«, hört sie Theos Stimme.

Unmöglich! Auf keinen Fall wäre er ihr gefolgt! Na gut, sagen wir, es ist ziemlich unwahrscheinlich.

Sie würde der Anweisung gerne Folge leisten, aber irgendetwas hält sie davon ab.

»Öffne deine Augen, Emma«, ertönt nun eine andere, ihr unbekannte Stimme aus derselben Richtung, wie eben noch Theo zu hören war.

»Lass sie zu!«

»Das ist nicht real«, sagt sie halb zu sich, halb zu der Stimme.

»Was ist schon real?«

Etwas an ihr kommt Emma seltsam vertraut vor. Als hätte sie sie schon einmal vernommen. In einer längst vergessenen Zeit.

Stille. Geäst knirscht. Ein Schritt. Sie kneift ihre Augen so fest zu, wie sie nur kann. Dann flüstert es direkt in ihrem Ohr: »Du musst endlich deine Augen öffnen, Emma!«

Einen Moment spannt sich jeder Muskel ihres Körpers an - ein kläglicher letzter Versuch der Wehr - ehe sie loslässt und langsam ihre Augen öffnet.

Das Licht blendet und sie muss ein paar Mal zwinkern, um zumindest schemenhaft ihre Umgebung erkennen zu können. Sie ist immer noch auf der Lichtung. Doch hockt jetzt etwas vor ihr und schaut sie an. Sie zwinkert erneut, reibt sich die Augen und langsam lichtet sich der Schleier, der sich über ihr Blickfeld gelegt hat.

Zwei durchdringende Augen schauen sie an. Blaugraue Augen.

»Theo?«, stößt Emma hervor und weicht erschrocken zurück, doch der Baum hinter ihr hindert sie daran, Distanz herzustellen.

»Nein«, erwidert das Wesen und fixiert sie weiter. Endlich erlangt sie ihre Sehschärfe vollständig zurück. Das ist nicht Theo. Sie kennt ihn nicht. Oder doch? Sie ist sich nicht sicher.

»Wer bist du?«, fragt Emma und schämt sich sogleich für die Unsicherheit in ihrer Stimme. Es pocht hinter ihren Schläfen und es fällt ihr schwer sich dabei zu konzentrieren. Dieses Mal hat sie definitiv zu viel genommen!

»Ich bin Ernst«, erschallt die Antwort.

»Was willst du von mir?«

Sie lässt ihren Blick an Ernst herunterwandern. Er trägt keine Energie in sich, dafür aber einen Anzug, der ziemlich teuer aussieht. Seine Haare hat er affig zu einem schmierigen Seitenscheitel gestylt. Emma kann sich ein Glucksen nicht verkneifen. Dieser Ernst passt mal so gar nicht hierher, in diese Situation - dann fällt ihr wieder ein, dass sie total auf Drogen ist und Ernst vermutlich tatsächlich nicht real ist.

»Was ist schon real?«, reagiert er auf ihren Gedanken, statt auf ihre Frage.

»Fuck«, entfährt es ihr, während sie sich die Schläfen reibt. Nach einer Weile fragt sie: »Ist das dein Ernst man?«

Er guckt sie so durchbohrend an, dass ihr ein kalter Schauer über den Rücken läuft.

»Nein, Emma. Ich bin DEIN Ernst!«

»Ach, fick dich doch!«, faucht sie, kommt aber nicht umhin, sich dabei ein Schmunzeln verkneifen zu müssen. Einige Momente ist es still. Dann entscheidet sie sich für etwas.

»Okay, mein Ernst also. Und was willst du jetzt genau von mir?«

»Du weißt, was ich will - sonst würdest du mich nicht sehen, Emma. Los, fühle nach!«

Er sagt die Worte mit solch einem Nachdruck, dass sie sich dumm vorkommt, nicht zu wissen, was er meint. In jedem Fall findet sie ihre Halluzination jetzt schon tierisch unsympathisch.

»Du musst mich nicht mögen, Emma - du musst etwas ändern!«

Ernsts Augen bekommen einen Ausdruck, den sie nur schwer deuten kann. Eine Mischung aus Verzweiflung und Tatendrang vielleicht. Er schaut sie an, als würde etwas wahnsinnig Wichtiges vonstattengehen. Etwas Bedeutsames, dessen Zentrum sie (und zwar nur und ausschließlich sie) ist. Diese Ernsthaftigkeit ist definitiv nicht ihr Fall! Mit einem schiefen Lächeln versucht sie die Brisanz, die er um sie herum aufbaut, zu entschärfen.

Ernsts Gesichtszüge bleiben starr.

»Emma, das ist nicht lustig. Ich bin aus einem bestimmten Grund hier ... Ich bin hier, damit du den Ernst deiner Lage erkennst!«

Jetzt kann sie nicht mehr an sich halten und schallendes Gelächter ertönt aus ihrem Mund. Ein Gelächter, das sie schon fast vergessen geglaubt hat. Und als müsse es seine Auferstehung zelebrieren, schwellt es nur noch mehr an, je ernsthafter und besorgter Ernst sie dabei ansieht. Ihr eigenes Lachen hallt nun von Baum zu Baum, durchdringt den Vogel, der eben noch sie durchdrungen hat und mit jedem Laut, mit jedem Schnauben und Quieken, ja sogar mit jedem der gelegentlichen Grunzer, hat sie das Gefühl sich zu befreien. Von etwas, wovon sie nicht genau weiß, was es überhaupt ist. Es ist, als würde sie völlig die Kontrolle verlieren, über sich, über ihren Körper, über ihre Seele. Und irgendetwas passiert da in diesem Moment tief in ihrem Inneren.

Da plötzlich, als ihr Gelächter schon beinahe wahnsinnig klingt, fällt ihr auf, wie ähnlich es sich anhört zu verzweifeltem Weinen. Und kaum dass sie diesen Gedanken zu Ende gedacht hat, rollen schon die Tränen und das eben noch so laut schallende, wohltuende Gelächter entpuppt sich zu einem hysterischen Heulkrampf und grenzenloser Verzweiflung. Den Übergang vom einen zum anderen hätte kein Außenstehender erkennen können.

Ernst läuft energischen Schrittes auf und ab. Er ist sichtlich empört über Emmas Unvermögen ihn einzusehen. Schon seit über einer halben Stunde konfrontiert er sie mit jedem einzelnen fragwürdigen Aspekt ihres mickrigen Daseins - mit eher mäßigem Erfolg.

»Emma, du kannst doch nicht ernsthaft so weiter machen wollen. Ein Leben voller Neid und Rausch. Du wirst zugrunde gehen. Versteh das doch!«

Wie die meisten seiner bisherigen Sätze lässt sie auch diesen einfach in der Lichtung stehen. Ihre Augen brennen und sie hat das Gefühl, als hätte sie jede angestaute Träne der letzten Jahre oder gar der letzten Jahrzehnte hinausgeweint. Mit dem Resultat, dass sie sich jetzt irgendwie leer fühlt und mal so gar nicht in der Lage, dieses Gespräch mit Ernst zu führen.

Während sie so verzweifelt geweint hatte, hat er ihr ein Stofftaschentuch (mit eingraviertem E.d.L.) gereicht und unbeholfen ihre Schulter getätschelt - einige unangenehme Minuten lang. Und kaum dass sie sich halbwegs wieder unter Kontrolle hatte, fing er mit diesem ätzenden, nicht enden wollenden Appell an.

Na gut ... Verstehen kann sie es ja schon, immerhin rennt ihm langsam die Zeit davon. Die Kristalle dürften nicht mehr all zu lange wirken.

»Hör nicht auf ihn!«

Diesen Satz wiederholt ihr Herz schon eine geraume Weile. Sie würde es am liebsten zum Schweigen bringen.

»Emma!«, reißt Ernst sie aus ihren Herzensangelegenheiten. Skeptisch schaut er zu ihr herunter, macht einen großen Schritt auf sie zu und kniet dann vor ihr nieder. Sein schicker Anzug landet dabei mitten in einer zerknüllten Marlboro-Packung.

»Soll es das wirklich für dich gewesen sein? Berauscht von Verbindung träumen? Hassen, Verabscheuen und Energieklauen?«

»Was hab ich denn für eine Wahl?«, fragt sie schließlich mit belegter Stimme, »Nichts kann ich entscheiden. Vielleicht konnte es meine Mutter ... doch die ... hat sich für sich selbst entschieden!«

Ernst schenkt ihr einen mitfühlenden Blick. Seine Stimme wird sanfter, als er sie korrigiert: »Emma, sie konnte sich nicht für deine Verbindung entscheiden, weil sie selbst nicht in Verbindung stand. Wie also hätte sie es dich lehren können? Sie war nicht dazu ...«

»Was meinst du mit LEHREN?«, unterbricht Emma ihn - in ihren Augen flackert Neugierde auf.

»Endlich erreiche ich dich!«, freut sich Ernst, ohne davon seine Mimik beeinflussen zu lassen, »Ich meine damit, dass jedes Wesen lernen kann, sich in Verbindung zu setzen. Es ist eine Wahl, Emma. Und zwar nicht die deiner Eltern, sondern deine!«

»Glaub ihm nicht!«

Man kann sehen, wie es ernsthaft in Emma arbeitet. Sie würde seinen Worten gerne Glauben schenken und doch ergeben sie überhaupt keinen Sinn. Wenn sich jedes Wesen einfach in Verbindung setzen könnte, dann wüsste sie das doch ...

Oder?

»Die Wesen hier wissen nichts und du genauso wenig. Ihr bleibt an einem Ort, ein Leben lang und lernt, was es in diesem zu wissen gibt - Dabei ist da noch so viel mehr als das. Sichtbar ist nur ein Teil der Wahrheit. Du warst nie woanders. Du warst immer nur hier ... Bist du schon mal auf die Idee gekommen, dass es noch mehr hinter dem Horizont da gibt? Dass es woanders anders ist?«

Mit einer ausladenden Geste deutet er in Richtung der untergehenden Sonne.

»Du bist nur eine Halluzination«, entgegnet Emma trotzig, weil er genau ins Schwarze getroffen hat. Tatsächlich war sie noch nie außerhalb von Sichtbar.

»Es ist egal, was ich bin. Du musst mir auch nicht glauben. Aber geh! Geh weg von hier. Mach dich auf den Weg und finde heraus, wie man sich in Verbindung setzen kann. Egal was. Aber alles ist besser, als dein Jetzt.«

Scheiße ... Er hat Recht.

Ernsts Gesichtszüge verlieren etwas von ihrer Eindringlichkeit, zu einem Lächeln lässt er sich jedoch nicht verleiten. Irgendwie verliert auch seine Haut an Farbe. Nein Moment ... Sein ganzes Sein an Substanz: Er beginnt sich vor ihr in Luft aufzulösen.

»Geh, Emma! Zurückkommen kannst du jederzeit. Doch Finden kannst du nur, wenn du suchst«, sind seine letzten Worte, ehe er sie wieder alleine auf der Lichtung zurücklässt.

2. KAPITEL

in dem Jemand nicht gesehen wird

Es ist Nacht. Energielos und verkatert läuft Emma durchs Dunkel. Ohne sich zu verabschieden hat sie Sichtbar verlassen, aus Angst, es sonst gar nicht zu tun. Theo ist ohnehin das einzige Wesen, das ihr (zumindest wenn sie ehrlich zu sich selbst ist) am Herzen liegt. Doch wie hätte sie sich je von ihm verabschieden können?

Seit Stunden läuft sie nun schon die Hauptstraße entlang und wundert sich darüber, dass sie noch nie hier war. Oder sonst irgendwo anders. Sie weiß nicht einmal, welche Städte und Dörfer es außerhalb von Sichtbar gibt. Jetzt, wo sie hier so wagemutig ihren Weg beschreitet, kommt ihr das irgendwie ziemlich beschränkt und kleingeistig vor. Es scheint ihr, als müsse man manchmal erst hinausgehen, um die innere Beschränkung zu erkennen.

Je weiter sie nun vorankommt, desto langsamer werden ihre Schritte. Als würde sie sich mit jedem Schritt auch von ihrem Tempo entfernen. Dem Tempo ihres alten Lebens. Oder es liegt doch nur an dem Kater, der Müdigkeit und der fehlenden Energie.

Die Straßenlaternen tauchen ihren Weg in ein sanftes Orange, während alles um sie herum im tiefen Schwarz versinkt. Es fühlt sich eigenartig an, nicht zu wissen, wo sie sich morgen befinden wird. Ziellos war Emma zwar immer schon, aber diese Ziellosigkeit jetzt, ist anderer Natur. Denn nun ist sie eine Suchende. Und das Ziel jedes Suchenden ist das Finden.

Schon seit einer geraumen Weile ist Emmas Energie aufgebraucht. Ein zähes Gefühl der Leere macht sich seither in ihr breit. Ein Gefühl der Kraftlosigkeit, der Resignation. Als würde nach und nach alles Leben aus ihr weichen - oder das bisschen, das sie ihr Leben nennen kann.

Jeder Schritt kostet sie Kraft. Jeder Atemzug. Ein beklemmender Druck liegt auf ihrem Brustkorb, während sie zu Zweifeln beginnt. Vielleicht hätte sie nicht auf Ernst hören sollen. Sie weiß ja nicht mal, was passieren wird, wenn sie weiterhin ohne Energie auskommen muss. Brauchen Wesen die Energie zum Überleben? Darüber hat Emma noch nie nachgedacht.

Ihre Glieder schmerzen und sie hätte sich am liebsten hingelegt und ihre Augen geschlossen, sich der Müdigkeit und der Leere einfach hingegeben. Doch irgendetwas in ihr treibt sie an, weiterzugehen - immer einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Und mit jedem Schritt verliert sie die Bedeutung.

Die Bedeutung, die sie den Dingen gibt.

Die Bedeutung ihres Weges, der Verbindung, der Energie. Sie ist nur noch ein Wesen, das geht. Keine Emotionen, die sie in die eine oder andere Richtung zerren.

Sie IST einfach nur.

Und es ist ihr egal, was kommt.