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Die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) ist ein transdiagnostisches Verfahren, das bei einem breiten Spektrum an psychischen Störungen Anwendung finden kann. Wirksamkeitsnachweise liegen insbesondere für die Behandlung von Depressionen und Traumafolgestörungen vor. Der Band liefert eine kompakte Darstellung der emotionsfokussierten Theorie und Beziehungsgestaltung sowie zentraler emotionsfokussierter Interventionen. Psychischen Problemen und Symptomen liegen häufig Schwierigkeiten in der emotionalen Verarbeitung zugrunde. Die EFT zielt auf die Veränderung dieser Schwierigkeiten und rückt das emotionale Erleben von Patientinnen und Patienten und ihren Umgang mit diesem Erleben in den Mittelpunkt therapeutischen Handelns. Die EFT zeigt Wege auf, wie Patientinnen und Patienten ihre Emotionen adäquat verarbeiten und flexibel zur Lösung aktueller Probleme nutzen können. Es geht darum, maladaptive Emotionen nachhaltig zu verändern und einen funktionaleren Umgang mit Emotionen zu fördern. Anhand von zahlreichen Beispielen und Therapiedialogen wird das therapeutische Vorgehen, z.B. bei der Fallformulierung, der Zwei-Stuhl-Technik und der Arbeit mit dem Leeren Stuhl, praxisorientiert beschrieben.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Imke R. Herrmann
Lars Auszra
Emotionsfokussierte Therapie
Fortschritte der Psychotherapie
Band 82
Emotionsfokussierte Therapie
Dr. Imke R. Herrmann, Dr. Lars Auszra
Herausgeber der Reihe:
Prof. Dr. Martin Hautzinger, Prof. Dr. Tania Lincoln, Prof. Dr. Jürgen Margraf, Prof. Dr. Winfried Rief, Prof. Dr. Brunna Tuschen-Caffier
Begründer der Reihe:
Dietmar Schulte, Klaus Grawe, Kurt Hahlweg, Dieter Vaitl
Dr. Imke R. Herrmann, geb. 1977. 1998–2004 Studium der Psychologie in Oxford und München. 2003–2011 Ausbildung in Emotionsfokussierter Therapie bei Leslie S. Greenberg, in Integrativer Traumatherapie sowie zur Psychologischen Psychotherapeutin (Schwerpunkt Verhaltenstherapie). 2006 Gründung des Deutschen Instituts für Emotionsfokussierte Therapie (IEFT). 2007–2011 Psychotherapeutin in der Traumaambulanz der LMU München. Seit 2008 als Dozentin, Lehrtherapeutin und Supervisorin in verschiedenen Ausbildungsinstituten tätig. 2011 Promotion. Seit 2011 niedergelassen in einer eigenen Praxis in München.
Dr. Lars Auszra, geb. 1977. 1998–2004 Studium der Psychologie in Eichstätt und München. 2003–2011 Ausbildung in Emotionsfokussierter Therapie bei Leslie S. Greenberg, in Integrativer Traumatherapie sowie zum Psychologischen Psychotherapeuten (Schwerpunkt Verhaltenstherapie). 2006 Gründung des Deutschen Instituts für Emotionsfokussierte Therapie (IEFT). 2007–2011 Therapeutische Arbeit in der Traumaambulanz der LMU München. Seit 2008 als Dozent, Lehrtherapeut und Supervisor in der Fort- und Weiterbildung von Therapeuten tätig. 2011 Promotion. Seit 2011 niedergelassen in einer eigenen Praxis in München.
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Satz: Sabine Rosenfeldt, Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen
Format: EPUB
1. Auflage 2021
© 2021 Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen
(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-8409-2897-0; E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-8444-2897-1)
ISBN 978-3-8017-2897-7
https://doi.org/10.1026/02897-000
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Vorwort
1 Beschreibung der Methode
1.1 Bezeichnung
1.2 Beschreibung
2 Theorie
2.1 Dialektischer Konstruktivismus
2.2 Klinische Emotionstheorie
2.3 Entstehung von Psychopathologie
2.4 Prinzipien emotionaler Veränderung
2.4.1 Emotionale Verarbeitung
2.4.2 Emotionale Transformation
2.5 Der Prozess therapeutischer Veränderung
3 Diagnostik und Indikation
3.1 Qualität der therapeutischen Beziehung
3.2 Aktivierung
3.3 Emotionstyp
3.3.1 Merkmale sekundärer Emotionen
3.3.2 Merkmale primär adaptiver Emotionen
3.3.3 Merkmale primär maladaptiver Emotionen
3.3.4 Merkmale instrumenteller Emotionen
3.4 Emotionaler Verarbeitungsmodus
3.5 Marker für emotionale Verarbeitungsprobleme
3.6 Fallformulierung
4 Behandlung
4.1 Prinzipien der Beziehungsgestaltung und des therapeutischen Handelns
4.2 Empathie
4.2.1 Reaktionen des empathischen Verstehens
4.2.2 Reaktionen der empathischen Exploration
4.3 Marker und Aufgaben
4.4 Stuhl-Interventionen
4.4.1 Zwei-Stuhl-Dialog für selbstkritische Prozesse
4.4.2 Intervention
4.4.3 Leerer-Stuhl-Dialog für unabgeschlossene Prozesse
4.4.4 Zwei-Stuhl-Inszenierung bei selbstunterbrechenden Prozessen
4.4.5 Reflexion der emotional aktivierenden Arbeit
4.5 Varianten der Methode und Kombinationen
4.5.1 Varianten
4.5.2 Kombinationen
4.6 Probleme bei der Durchführung
4.6.1 Probleme auf Seiten des Therapeuten
4.6.2 Probleme auf Seiten des Patienten
5 Wirksamkeit und Evidenz
5.1 Therapieerfolgsmessung
5.2 Prozessforschung
6 Fallbeispiel
7 Weiterführende Literatur
8 Literatur
9 Kompetenzziele und Lernkontrollfragen
10 Anhang
Informationen für Patientinnen und Patienten
Emotionsliste für die Selbstbeobachtung
Arbeitsblatt: Fallformulierung für Therapeuten
Karte
Fallformulierung
Die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) stellt die Arbeit mit Emotionen in den Mittelpunkt. Sie hat sich aus der Psychotherapieprozessforschung entwickelt und gibt Therapeutinnen und Therapeuten empirisch fundierte Landkarten emotionaler Veränderung an die Hand. Auf diese Weise erlaubt sie ihnen, systematisch mit den Emotionen ihrer Patientinnen und Patienten zu arbeiten und diese als Motor der Veränderung zu nutzen. Obgleich die EFT ein eigenständiges Verfahren ist, kann sie gut in andere Ansätze integriert werden, denn gerade in der Arbeit mit Emotionen haben viele therapeutische Ansätze in Theorie und Praxis eine Lücke hinterlassen.
Ein sprachlicher Hinweis: Wir verwenden im Buch häufig die weibliche Form, also „Therapeutin“ und „Patientin“, meinen aber natürlich stets auch männliche Personen. In einigen Kapiteln nutzen wir abwechselnd die männliche und die weibliche Form. In der Mehrzahl-Form sprechen wir der Einfachheit halber von „Therapeuten“ und „Patienten“.
München, Januar 2021
Imke R. Herrmann
und Lars Auszra
Patienten kommen in der Regel in die Therapie, weil sie sie sich nicht so fühlen, wie sie es sich wünschen oder wie es erträglich wäre. Sie leiden darunter, zu häufig unliebsame Emotionen zu erleben, zu wenig angenehme Emotionen oder insgesamt zu wenig zu fühlen. Emotionen in der Psychotherapie einen zentralen Platz einzuräumen, liegt also auf der Hand. Die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) bietet eine emotional basierte Theorie menschlichen Erlebens und Verhaltens, die empirisch überprüft ist. Aus dieser leiten sich allgemeine Prinzipien der Arbeit mit Emotionen und ihrer Rolle im Prozess therapeutischer Veränderung ab, die über viele verschiedene Störungsbilder hinweg gültig sind. Die EFT gibt Psychotherapeuten theoretisch fundierte, empirisch basierte Methoden an die Hand, um emotionale Veränderung in ihren Patienten zu bewirken.
Wie Therapeuten aus Erfahrung wissen, verhalten sich Patienten in der Regel entsprechend dem, wie sie sich fühlen und oft genug nicht so, wie sie es sich vornehmen oder ihnen ihr Verstand rät. Selbst wenn sie über die Fertigkeiten für bestimmtes Handeln verfügen (z. B. sich abgrenzen oder selbstfürsorglich handeln), setzen sie es häufig nicht um, weil sie beispielsweise Angst haben oder sich ungenügend fühlen. Emotionen wirken als Mediatoren zwischen Fertigkeiten und deren erfolgreicher Anwendung (siehe Kramer et al., 2016). Entsprechend machen Therapeuten die Erfahrung, dass verhaltenstherapeutische und kognitive Interventionen an ihre Grenzen stoßen können, weil tiefer liegende emotionale Prozesse Veränderungen entgegenstehen. Dies erklärt die wachsende Beliebtheit der Emotionsfokussierten Therapie.
Ihre Wurzeln hat die EFT in der humanistisch-erlebensorientierten Tradition der Psychotherapie. Sie integriert eine personzentrierte empathische Beziehungsgestaltung mit erlebens- und gestalttherapeutischen Elementen. Das Fundament der EFT bildet eine reichhaltige Psychotherapieprozessforschung, die mit der Untersuchung von change events in den 1970er Jahren begann. Auf diese Weise entstand das Marker geleitete, prozessorientierte Vorgehen, das so charakteristisch für die EFT ist. Auf Basis dieser Forschung rückte die Rolle von Emotionen zunehmend in den Mittelpunkt, weshalb das ursprünglich |3|Prozess-Erlebensorientierte Therapie genannte Verfahren in Emotionsfokussierte Therapie umbenannt wurde. Aus der Integration von Einflüssen aus Emotionsforschung, Kognitionsforschung und den affektiven Neurowissenschaften entwickelte sich eine dialektisch-konstruktivistische Theorie menschlichen Erlebens und Verhaltens sowie psychotherapeutischer Veränderung, die Emotionen in den Mittelpunkt stellt.
Die Emotionsfokussierte Therapie rückt das emotionale Erleben von Patienten und ihren Umgang mit diesem Erleben in den Mittelpunkt therapeutischen Handelns. Sie gibt Therapeuten ein systematisches Orientierungssystem und wirksame Methoden an die Hand, adaptive Emotionen ihrer Patienten zu nutzen und maladaptive Emotionen nachhaltig zu verändern. EFT-Therapeuten helfen ihren Patienten, ihre Emotionen adäquat zu verarbeiten und sie flexibel zur Lösung aktueller Probleme zu nutzen. So entsteht zum einen ein funktionalerer Umgang der Patienten mit ihren Emotionen. Zum anderen helfen EFT-Therapeuten ihren Patienten Emotionen zu transformieren, wenn diese nicht hilfreich sind. Veränderungen auf emotionaler Ebene werden als Motor für Veränderungen auf Ebene der Kognitionen und des Verhaltens gesehen. Die einzelnen postulierten Veränderungsvariablen und Interventionen wurden intensiv beforscht. Deshalb kann die EFT Therapeuten empirisch basierte Handlungsanweisungen geben, um zielgerichtet mit den Emotionen ihrer Patienten in der Sitzung zu arbeiten.
Die EFT ist ein transdiagnostisches Verfahren, das in einem breiten Spektrum von psychischen Störungen Anwendung findet (Timulak & Keogh, 2020).
Wirksamkeitsnachweise liegen für die Anwendung bei Depression und Traumafolgestörungen vor. Weiterhin gibt es erste Studien, die gute Effekte für die Behandlung von Sozialer Phobie, Generalisierter Angststörung, Essstörungen und in der Paar- und Familientherapie zeigen (mehr dazu in Kapitel 5).
Emotionen sind ein evolutions-basiertes Informationsverarbeitungs- und Problemlösesystem (Frijda, 1986). Sie liefern uns eine schnelle, automatische und vorbewusste Bewertung unserer inneren und äußeren Umwelt in Bezug auf unser Überleben, unser Wohlergehen und unsere Ziele. Diese Be|4|wertung erfolgt in der Form eines Ist-Soll-Vergleiches (Barrett, 2017). Vermittelt wird das Ergebnis dieses Ist-Soll-Vergleiches durch körperlich basiertes Erleben (z. B. Gefühle von Angst, Ärger, Traurigkeit), verbunden mit entsprechenden Handlungsbereitschaften (z. B. in Sicherheit bringen, Grenzen wiederherstellen, Unterstützung mobilisieren), die der Bedürfnisbefriedigung dienen.
Meldet beispielsweise mein visueller Kortex, dass sich ein Objekt (wie zum Beispiel ein herannahendes Auto) auf mich zubewegt, organisiert mich mein Emotionssystem sofort im Sinne meines Wohlergehens und meines Bedürfnisses nach Unversehrtheit und ich bringe mich durch einen Sprung in Sicherheit; und zwar noch bevor ich begriffen haben mag, was eigentlich vor sich geht. Begleitet wird dieser Prozess von einem körperlich basierten Gefühl von Angst und Schrecken. Dies gilt für einfach reflexhafte emotionale Reaktionen wie in diesem Beispiel, aber auch für komplexere emotionale Reaktionen. Berichtet eine Patientin beispielsweise von einem „mulmigen Gefühl“, während sie von einem ersten Date am Vorabend erzählt, so signalisiert ihr das mulmige Gefühl, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Sich diesem Gefühl zuzuwenden und es bewusst wahrzunehmen, verschafft ihr Zugang zu wichtigen Informationen. In der weiteren Exploration symbolisiert die Patientin ihr Gefühl als „leichte Angst“. Auf diese Weise beginnt sie, näher zu bestimmen was das Problematische an dem Treffen war: Ihr Bedürfnis nach Sicherheit war nicht erfüllt, da sie Aspekte des Verhaltens des Date-Partners als grenzüberschreitend empfunden hat. Ihr Angstgefühl hilft ihr, zu definieren, was ihr Problem ist: Mit einem Gegenüber konfrontiert zu sein, das potenziell bedrohlich ist. Im Idealfall orientiert und mobilisiert sie das Angstgefühl nun zu Verhaltensweisen, die ihrem Bedürfnis nach Sicherheit entsprechen (beispielsweise indem die Patientin ihre Grenzen klarer aufzeigt oder den Kontakt abbricht).
Einmal in Gang gesetzt, bestimmen Emotionen unseren Verarbeitungsmodus und beeinflussen „höhere“ kognitive Verarbeitungsprozesse wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis oder Entscheidungsprozesse (z. B. Ohman, Lundquist, & Esteves, 2001; Phelps, Ling, & Carrasco, 2006). Sie beeinflussen das Was (worauf wir Aufmerksamkeit richten, was wir erinnern) aber auch das Wie (eingeschränkt, wie z. B. bei Scham und Angst, oder frei assoziativ, wie z. B. bei Freude und Interesse, vgl. Fredrickson & Losada, 2005) unseres Denkens. Emotionen sind organismische Programme, die uns über wichtige Bedürfnisse informieren und uns so organisieren, dass diese erfüllt werden können. Bezogen auf den Therapieprozess bedeutet emotionale Aktivierung in der Patientin also, dass sie gerade mit etwas in Berührung ist, das mit wichtigen Bedürfnissen, Wünschen und Zielen verbunden ist. Sie sagen uns Therapeuten: Hier geht es um etwas, das für die Patientin wichtig ist. Emotionen sind daher wichtige „Wegweiser“ im therapeutischen Prozess. Ihre Fähigkeit, menschliches Erleben und Verhalten zu organisieren und funktionale Anpassung zu |5|mobilisieren, macht sie darüber hinaus zu einem wichtigen Motor im Veränderungsprozess, den es zu nutzen gilt.
Geboren werden wir mit einfachen, reflexhaften psychomotorischen Programmen, die im Laufe einer Lebensspanne mit unseren Erfahrungen zu neuronalen Netzwerken im Gedächtnis verknüpft werden. Diese emotionalen Netzwerke werden in der EFT Emotionale Schemata (Greenberg, 2011, 2019; Greenberg & Safran, 1987) genannt. Sie verbinden affektive, motivationale, somatische, kognitive und verhaltensbezogene Elemente emotionaler Erfahrungen zu organisierten Einheiten, die schnell und automatisch durch relevante Hinweisreize (also Reize, die mit der Ursprungssituation und der ursprünglichen emotionalen Reaktion verknüpft sind) aktiviert werden können und unser künftiges Erleben und Verhalten prägen.
Beispiel
Hat ein Kind die Erfahrung gemacht, vom Vater angebrüllt und niedergemacht worden zu sein, nachdem es eine Tasse Milch umgeworfen hat, werden alle situativen Elemente dieser Erfahrung (z. B. visuell: Milch überall, Gesicht des Vaters; auditiv: Stimme des Vaters) zusammen mit den damit verbundenen Angst- und Schamgefühlen, damit einhergehenden Körperempfindungen, Handlungsbereitschaften (Fluchtimpuls‚ unsichtbar werden wollen und Handlungshemmung) und Gedanken („Ich mache ständig etwas falsch, ich bin zu blöd“) abgespeichert. Nun wird künftig evtl. schon eine gereizte Stimme des Vaters oder „einen Fehler machen“ zur Aktivierung von Angst und Scham und damit verbundenen Handlungsbereitschaften führen, die darauf abzielen, Sicherheit herzustellen und weiteren Schaden abzuwenden.
Je häufiger sich diese oder ähnliche Erfahrungen wiederholen, und je emotional intensiver sie erlebt werden, desto stärker werden die entsprechenden Verbindungen gebahnt, und je leichter ist das Schema aktivierbar. Diese Art der Informationsverarbeitung erlaubt eine erfolgreiche Anpassung an unsere hochkomplexen Lebenswelten. Erfahrungen müssen nicht immer wieder gemacht und Reize nicht immer wieder linear analysiert werden. Das Gehirn ruft quasi Prototypen von Situationen ab, die auf Erfahrung basieren und mögliche Verläufe vorhersagen. Sie liefern blitzschnell Informationen über die Bedeutung der Situationen für das Wohlbefinden des Individuums und stellen Handlungsbereitschaften her, die eine optimale Anpassung ermöglichen. Da emotionale Schemata neue Erfahrungen integrieren, bleibt unser Emotionssystem ein flexibles, lernendes System.
Dies bringt auch die Möglichkeit maladaptiver emotionaler Reaktionen mit sich, nämlich dann, wenn erlernte emotionale Reaktionen so stark gebahnt sind, dass sie sich nicht verändern, obgleich sich Umstände verändern. Die |6|Reaktion des oben beschriebenen Kindes von Angst und Scham auf Angriffe des Vaters, in Verbindung mit Rückzug, Anpassung und Handlungshemmung, war einmal eine adaptive emotionale Reaktion, im Sinne des Wohlbefindens des Kindes. Reagiert es aber im Erwachsenenalter auf Ausdruck von Ärger durch den Lebenspartner oder den Chef mit Angst und Scham und handelt entsprechend mit Rückzug und Anpassung, ist dies keine adaptive emotionale Reaktion, weil es alternative Handlungsmöglichkeiten gäbe und wichtige Bedürfnisse, wie beispielsweise Autonomie, auf der Strecke bleiben. Die vergangene Erfahrung prägt also das Erleben und Verhalten in der Gegenwart und verhindert so eine gelungene Anpassung an die gegenwärtigen Umstände. Wir sprechen dann von einer maladaptiven emotionalen Reaktion auf Basis eines maladaptiven emotionalen Schemas.
Emotionale Schemata bestehen vorwiegend aus prozeduralen, präverbalen und affektiven Elementen. Sie sind in der Regel nicht bewusst, können jedoch durch episodische Erinnerungen aktiviert und ins Bewusstsein geholt werden, was es in der Therapie zu nutzen gilt. Die einzelnen Elemente eines emotionalen Schemas werden in Abbildung 1 dargestellt (vgl. Greenberg, 2011, 2019).
Abbildung 1: Emotionales Schema (adaptiert von Greenberg, 2011)
|7|Merke
Emotionale Schemata sind der zentrale Fokus therapeutischer Interventionen in der EFT. Adaptive Schemata sollten genutzt (Utilisation) und maladaptive Schemata verändert werden (Transformation). Hierfür müssen sie aktiviert sein, denn nur dann sind sie einer Veränderung zugänglich. Die Aktivierung emotionaler Schemata in der Therapiestunde bildet somit die Grundvoraussetzung erfolgreicher therapeutischer Arbeit mit Emotionen.
Die emotionsfokussierte Theorie der menschlichen Funktionsweise, der Genese von psychischen Schwierigkeiten und von therapeutischer Veränderung fußt auf einer dialektisch-konstruktivistischen Theorie des Selbst (Greenberg & Pascual-Leone, 2001).
In jeder Situation sind immer mehrere unterschiedliche emotionale Schemata gleichzeitig aktiviert, wenn auch meist ein Schema mehr im Vordergrund steht als die anderen. Aus ihrer dynamischen Synthese entsteht unsere aktuelle Selbstorganisation. Dabei bilden die verschiedenen emotionalen Schemata gewissermaßen ein „Parlament“, in welchem jedes Schema eine Stimme hat, und die Mehrheit die Richtung der Selbstorganisation bestimmt. Dies bedeutet auch, dass jederzeit eine neue Selbstorganisation entstehen kann, je nachdem, wie sich die Verhältnisse im Parlament ändern.
Unsere gegenwärtige Selbstorganisation bestimmt unseren grundlegenden Verarbeitungsmodus in einem gegebenen Moment und hinterlässt uns mit einem körperlich vermittelten Gefühl (Felt Sense oder somatischer Marker) dessen, wie wir in der Welt sind (gelebte Geschichte). Zugleich sind wir beständig bemüht, uns den Sinn dieses körperlich basierten Erlebens zu erschließen. Durch kognitive Prozesse wie bewusstes Erleben, (selektive) Aufmerksamkeit, sprachliches Benennen und Erklären konstruieren wir subjektive Bedeutung (erzählte Geschichte). Aus diesem dialektischen Zirkel von körperlich basiertem Erleben und bewussten, kognitiven Prozessen entwickeln bzw. konstruieren wir Augenblick für Augenblick die Bedeutung unseres Erlebens und damit unser Selbst.
Über die Zeit hinweg integrieren wir unsere fortlaufenden Selbstorganisationen zu einer kohärenten Geschichte und gelangen so zu grundlegenden Annahmen über uns und die Welt und zu einer persönlichen Identität (Narrative Identität). Dabei sind die kognitiven Prozesse stets durch den kulturellen Kontext, in dem wir leben, beeinflusst.
|8|Beispiel
Ist jemand in Kindheit und Jugend beständig Erfahrungen von Ablehnung und Abwertung durch zentrale Bezugspersonen ausgesetzt, wird er immer wieder ein körperlich basiertes Gefühl von Scham, „wertlos und nicht liebenswert zu sein“, erleben und entsprechende emotionale Schemata ausbilden. Diese werden stark gebahnt und leicht aktivierbar sein und gleichzeitig höhere kognitive Prozesse, wie z. B. selektive Aufmerksamkeit, so beeinflussen, dass sich dieser Mensch mit höherer Wahrscheinlichkeit auch in künftigen zwischenmenschlichen Beziehungen immer wieder als wertlos und nicht liebenswert erlebt. Folglich wird er sich selbst als „weniger wertvoll“ und die Welt als ablehnend und Quelle von Beschämung erzählen.
