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Emotionen als Quelle für Veränderung Dieser Band aus der Reihe Therapeutische Skills kompakt gibt eine fundierte und praxisnahe Einführung in die Emotionsfokussierte Therapie (EFT). Für die EFT sind Emotionen zentraler Bezugspunkt für therapeutische Ziele und Interventionen. Eingebettet in die therapeutische Beziehung werden Klienten unterstützt, sich ihrem schmerzhaften emotionalen Erleben bewusst und akzeptierend zuzuwenden, dieses zum Ausdruck zu bringen und zu reflektieren. So bekommen sie Zugang zu wichtigen Bedürfnissen, Handlungsimpulsen und adaptiven Emotionen, die ein Motor für förderliche Veränderungen sind. Der Band vermittelt die für das praktische Vorgehen relevanten Grundlagen und Konzepte. Fallbeispiele und Praxistipps erleichtern das Verständnis für die zentralen Interventionsprinzipien und therapeutischen Aufgaben wie Stuhl-Dialoge oder systematisches evokatives Erschließen, die diagnoseübergreifend angewendet werden können.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2018
Julia BöckerEmotionsfokussierte Therapie
Reihe Therapeutische Skills kompakt
Über Emotionen lernen wir unsere Bedürfnisse kennen
Für die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) sind Emotionen zentraler Bezugspunkt für therapeutische Ziele und Interventionen. Eingebettet in die therapeutische Beziehung werden Klienten unterstützt, sich ihrem schmerzhaften emotionalen Erleben bewusst und akzeptierend zuzuwenden, dieses zum Ausdruck zu bringen und zu reflektieren. So bekommen sie Zugang zu wichtigen Bedürfnissen, Handlungsimpulsen und adaptiven Emotionen, die ein Motor für förderliche Veränderungen sind.
Dieser Band aus der Reihe Therapeutische Skills kompakt vermittelt die für das praktische Vorgehen relevanten Grundlagen und Konzepte. Fallbeispiele und Praxistipps erleichtern das Verständnis für die zentralen Interventionsprinzipien und therapeutischen Aufgaben wie Stuhl-Dialoge oder systematisches evokatives Erschließen, die diagnoseübergreifend angewendet werden können.
Julia Böcker ist Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis in Wuppertal sowie Ausbilderin am Institut für Emotionsfokussierte Therapie in München, welches die Weiterentwicklung und Anwendung der EFT im deutschen Sprachraum zum Ziel hat.
Copyright: © Junfermann Verlag, Paderborn 2018
Coverfoto: © ArtesiaWells – istockphoto.com
Covergestaltung / Reihenentwurf: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Satz, Layout & Digitalisierung: Junfermann Druck & Service GmbH & Co. KG, Paderborn
Alle Rechte vorbehalten.
Erscheinungsdatum dieser eBook-Ausgabe: 2018
ISBN der Printausgabe: 978-3-95571-731-5
ISBN dieses E-Books: 978-3-95571-732-2 (EPUB), 978-3-95571-734-6 (PDF), 978-3-95571-733-9 (MOBI).
Das vorliegende Buch zeigt: Die Emotionsfokussierte Therapie (EFT) ist dabei, sich in Deutschland zu etablieren. Das ist erfreulich, denn sie bietet etwas, was andere Psychotherapieverfahren in dieser Form nicht bieten: eine klinische Emotionstheorie und eine Theorie emotionaler Veränderung, die erlauben, systematisch mit Emotionen zu arbeiten. Gewiss, andere Verfahren arbeiten auch mit Emotionen. Die allermeisten betrachten Emotionen jedoch nicht als wichtigste Triebkraft therapeutischer Veränderung, und kein anderer therapeutischer Ansatz hat die Rolle von Emotionen im Therapieprozess und den therapeutischen Umgang mit Emotionen so systematisch erforscht wie die EFT. Dies ist das große Verdienst der Arbeitsgruppe um Leslie S. Greenberg mit Robert Elliott, Jeanne Watson, Rhonda N. Goldman und Sandra Paivio als ihren prominentesten Mitgliedern. Ihre sorgfältige theoretische Fundierung und empirische Bestätigung erklären, weshalb sich vor allem Kolleginnen und Kollegen aus Kreisen der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) für EFT interessieren. Denn gerade in der KVT wurden Emotionen in der Theorie, Praxis und Forschung traditionell eine untergeordnete Rolle beigemessen. Die dadurch entstandene Lücke verspricht die EFT zu schließen. Das Interesse aus Kreisen der KVT zeigt sich unter anderem darin, dass die Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen, die unsere Weiterbildungsangebote in EFT wahrnehmen, einen verhaltenstherapeutischen Hintergrund haben. Zudem gibt es gegenwärtig einige Forschungsbemühungen mit dem Ziel, EFT-Prinzipen und -Interventionen in ein kognitiv-verhaltenstherapeutisch geprägtes Behandlungskonzept zu integrieren. So z. B. die Arbeitsgruppen um Prof. Martin Grosse-Holforth in Zürich und um Prof. Franz Caspar in Bern. Dies ist eine schöne Entwicklung, über die wir uns freuen.
Mitunter ist der Enthusiasmus aus Kreisen der KVT so groß, dass die EFT der Dritten Welle der Verhaltenstherapie zugerechnet wird. Dazu zählt sie freilich nicht. Zum einen, weil der Fokus der Verfahren der Dritten Welle nicht auf Emotionen liegt, sondern auf Achtsamkeit, Akzeptanz oder der Arbeit mit ungünstigen Beziehungsmustern, und zum anderen, weil die EFT ein erlebensorientiertes, humanistisches Verfahren ist. Die erlebensorientierten, humanistischen Wurzeln der EFT drücken sich vor allem in zwei Grundannahmen aus:
Die therapeutische Beziehung ist an sich heilsam; sie ist nicht nur Mittel zum Zweck, sondern Ziel an sich.
Die Selbstexploration subjektiven (emotionalen) Erlebens ist die zentrale Quelle therapeutischer Veränderung.
Diese Grundannahmen verwirklichen sich in der therapeutischen Praxis in einer charakteristischen therapeutischen Haltung und der prozessorientierten Arbeit von einem Moment zum nächsten. Diese Haltung bzw. bestimmte Art und Weise, mit Klienten zu sein, könnte man annäherungsweise mit „Gegenwärtigkeit“, „empathischer Einstimmung auf emotionales Erleben“, „Echtheit“ oder „unbedingter Wertschätzung (für Erleben im Unterschied zu Verhalten)“ beschreiben – wobei alle Aspekte zugleich verwirklicht werden sollen. Nur sie erlaubt Klienten, ihr emotionales Erleben sich selbst und ihrem therapeutischen Gegenüber zu offenbaren, es zu erforschen und sich dessen Bedeutungen zu erschließen. Und diesen Prozess wiederum kann man nur fördern, indem man ihn Moment für Moment begleitet, weil sich emotionales Erleben und der Prozess der Bedeutungsbildung eben von einem Moment zum nächsten entfalten.
Ihre Haltung und Prozessorientierung sind es, die EFT ausmachen und von der sich die Teilnehmer der EFT-Weiterbildungen neben der emotionalen Veränderungstheorie und der spezifischen therapeutischen Vorgehensweise angesprochen fühlen. Ohne sie wäre die EFT nur eine Ansammlung von Techniken und entfaltet nicht ihre volle Wirksamkeit. Dies ist aus unserer Sicht bei der Integration von EFT mit anderen Ansätzen wie tiefenpsychologischen, systemischen oder eben kognitiv-verhaltenstherapeutischen Ansätzen zu berücksichtigen. Die Haltung der EFT und ihre Prozessorientierung sind es auch, welche Julia Böcker in diesem Buch eindrücklich zum Ausdruck bringt und die durch jede Zeile dieses Buches hindurchscheinen.
Weder das Fokussieren auf das Erleben von Klienten noch die Art der Beziehungsgestaltung oder ihre Orientierung am Prozess noch viele ihrer Vorgehensweisen hat die EFT „erfunden“. Sie verdankt viel den traditionellen erlebensorientierten Verfahren, insbesondere der Gestalttherapie, der Personzentrierten Therapie und der focusingorientierten Therapie. Sie ist aus ihnen entsprungen, und es werden gute Argumente vorgebracht, sie weiterhin diesen Verfahren zuzuordnen.
Aus unserer Sicht besteht der besondere Beitrag der EFT darin, humanistische, erlebensorientierte Theorien, Vorgehensweisen und Prinzipien auf Emotionen zuzuschneiden, mit den aktuellen Erkenntnissen der affektiven Neurowissenschaften, moderner Emotionstheorie und der Psychotherapieprozess- und Ergebnisforschung zu verbinden, zu systematisieren und durch kontinuierliche Forschung weiterzuentwickeln. Dies verleiht ihr in unseren Augen ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Psychotherapielandschaft. So bietet sie eine integrative Rahmentheorie für das Arbeiten mit Emotionen, die von anderen therapeutischen Schulrichtungen aufgegriffen werden kann.
Das vorliegende Buch von Julia Böcker bietet eine kurzweilige, anregend geschriebene, praxisorientierte Einführung in die Emotionsfokussierte Therapie.
Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen dieses Buches und bei der Beschäftigung mit diesem Verfahren.
München, im Frühjahr 2018Lars Auszra und Imke Herrmann
„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“
(Afrikanisches Sprichwort)
In zahlreichen Einführungskursen zur Emotionsfokussierten Therapie (EFT) werden ihr großes Interesse und Offenheit entgegengebracht. Einerseits interessieren sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen für Möglichkeiten, Emotionen in ihren Klientinnen und Klienten zu aktivieren, dann aber auch für die Vermittlung des Handwerkszeugs, um mit Emotionen hilfreich umgehen zu können.
Wenn ich in diesen Kursen Lehrvideos zeige, sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer oft skeptisch, ob die differenzierte Aktivierung von Emotionen mit Hilfe von Stuhl-Dialogen – Sie werden im zweiten Teil des Buches mehr darüber erfahren – tatsächlich gelingt: „Und das soll funktionieren oder echt sein? Das sind doch Schauspieler! Das kann doch nicht sein, dass man sich auf dem jeweils anderen Stuhl tatsächlich anders fühlt, dass man andere Gedanken und Handlungsimpulse hat?!“ Wer dann aber bereit ist, sich in der Kleingruppenarbeit auf einen Prozess mit eigenen Themen einzulassen, ist erstaunt: „Doch, es macht einen Unterschied! Ich habe deutlich gespürt, dass ich mich anders gefühlt und auch anders gedacht habe. Aber es war auch wichtig, dass ich einfühlsam dabei begleitet wurde.“
Die EFT ist mehr als eine Zusammenstellung hilfreicher Interventionen, die nach einem manualisierten Schema angewendet werden. Als den humanistischen Psychotherapieverfahren zugehörig, stehen das Vertrauen auf menschliche Wachstumstendenzen sowie die therapeutische Beziehung an erster Stelle. Um Wachstumsprozesse zu fördern, ist es die Aufgabe von Therapeutinnen und Therapeuten, basierend auf einer wertschätzenden, Sicherheit gebenden therapeutischen Allianz, Erlebensprozesse von Klienten und Klientinnen anzuregen und zu begleiten. Das Ziel ist, einen emotionalen Verarbeitungsprozess zu fördern, mit dessen Hilfe sie nützliche Informationen aus ihren Emotionen ziehen können. Über Emotionen, gerade auch über die schmerzhaften, lernen wir Menschen unsere zentralen Bedürfnisse kennen, die einen Kompass für die Gestaltung unseres Lebens und unserer Beziehungen bieten.
In diesem Buch ist es mir wichtig, sowohl die Haltung als auch die „Technik“, mit der wir arbeiten, um diesen Kompass zu entwickeln, lebendig werden zu lassen. Emotionsfokussiert zu arbeiten bedeutet, als Therapeutin und Therapeut präsent und kongruent zu sein, sich wertschätzend und akzeptierend in den therapeutischen Prozess einzubringen. Einerseits ist es wichtig, die EFT-spezifischen Konzepte verinnerlicht und so ein Handlungswissen darüber zu haben, welcher therapeutische Schritt als nächster sinnvoll ist, andererseits dürfen Therapeutinnen und Therapeuten von der Theorie nicht so eingenommen sein, dass sie hierüber ihre Präsenz und Empathie verlieren. Mehr noch als das theoretische Rahmenkonzept und individuelle Fallmodell leitet uns das im Hier und Jetzt der Sitzung stattfindende emotionale Erleben unserer Klientinnen und Klienten. Wir arbeiten von Moment zu Moment mit ihnen partnerschaftlich, lassen uns von ihren Themen und emotionalen Prozessen leiten, handeln aber auch prozessdirektiv, wenn es für die Veränderung emotionaler Verarbeitungsschwierigkeiten hilfreich und notwendig ist. Hierbei wiederum leitet uns die Maxime, dass wir nicht modifikatorisch, sondern transformatorisch im Tempo der Klientinnen und Klienten vorgehen. Wir ziehen nicht am Gras, sondern helfen ihm geduldig beim Wachsen.
Die EFT hat sich aus der Psychotherapieprozessforschung entwickelt, in der seit Rogers die Frage gestellt wird: Was genau sollte in einer Therapiesitzung passieren, damit sie einen erfolgreichen Verlauf für den Klienten oder die Klientin nimmt? Die theoretischen Konzepte zur menschlichen Funktionsweise, zu Dysfunktion und Veränderungstheorien beruhen auf diesen Forschungsergebnissen, in die Erkenntnisse aus der neuroaffektiven sowie Emotions- und Kognitionsforschung integriert werden. Es gibt eine umfangreiche Literatur über die Beforschung und Praxis der EFT sowie zu den neuroaffektiven und kognitiven Grundlagen. So ziemlich jede Quelle öffnet die Tür zu weiteren interessanten Artikeln oder Büchern und bemerkenswerten Persönlichkeiten. Sie alle zu berücksichtigen hätte nicht nur den Rahmen dieses Bandes gesprengt, sondern auch meine zeitlichen Ressourcen, die doch in erster Linie meinen Klientinnen und Klienten zugutekommen sollen. Sollte Ihr Interesse geweckt werden, sich intensiver mit der EFT zu beschäftigen, finden Sie am Schluss des Buches, abgesehen von der Literaturliste, hilfreiche Internetadressen.
Zu diesem Buch
Das Buch gliedert sich in zwei Teile. Im ersten werde ich die Wurzeln der EFT, spezifische Konzepte wie den Dialektischen Konstruktivismus, das Verständnis von Dysfunktion, für den Therapieverlauf wichtige Emotionstypen, emotionale Verarbeitungsprozesse sowie zentrale Prinzipien therapeutischen Handelns beschreiben. Im zweiten Teil werde ich Interventionen, in der EFT als Aufgaben bezeichnet, beschreiben und anhand von kleinen Beispielen illustrieren.
Die Anwendung der EFT – wie letztendlich jeder Therapieform – lässt sich nicht theoretisch lernen, sondern erfordert einen ständigen Prozess des supervidierten und reflektierten Tuns und der Selbsterfahrung. Soweit es möglich und sinnvoll ist, habe ich zu einigen Themen Übungen oder Anregungen zur Selbstreflexion formuliert bzw. anderen Quellen entnommen. So hoffe ich, dass Sie während des Lesens neugierig darauf werden, das ein oder andere auszuprobieren.
Noch ein Wort zur Schreibweise: Zugegebenermaßen bin ich nicht den wirklich gendergerecht konsequenten Weg gegangen, dass Sternchen * zu nutzen, um jeglicher Geschlechtszugehörigkeit Rechnung zu tragen. Ich habe mich, abgesehen von der Einleitung, entschieden, im Singular abschnitts- oder kapitelweise abwechselnd die männliche oder weibliche Form, im Plural nur die männliche Form zu verwenden.
Zum Kürzel EFT: Dieses bezieht sich ausschließlich auf die Emotionsfokussierte Therapie, so, wie es im internationalen Sprach- und Schreibgebrauch üblich ist. Die Emotion Freedom Technique, die sich ebenfalls mit EFT abkürzt, ist an keiner Stelle meiner Ausführungen gemeint.
Dank
Bevor es für Sie nun losgeht, möchte ich mich bedanken:
Bei den Menschen, die zu mir als Klientinnen und Klienten in die Praxis kommen und mich ein Stück ihres Weges mitgehen lassen. Mit ihnen lerne ich viel über das Wohl und Wehe des Menschseins und die Möglichkeit zur Weiterentwicklung, die den Mut gibt, auch sehr schmerzhafte Gefühle zuzulassen. Lachen und Weinen liegen so eng beieinander.
Bei Lars Auszra und Imke Herrmann, die sich auf den Weg nach Toronto zu Leslie Greenberg gemacht haben und ihr Wissen und Können (nicht nur) nach Deutschland gebracht haben, um es weiterzugeben. Bei Leslie Greenberg, Rhonda Goldman, Robert Elliott, Sandra Paivio, Joanne Dolhanty, die weite Reisen auf sich nehmen, um die EFT zu lehren, und die gemeinsam mit vielen anderen dazu beitragen, die EFT weiterzuentwickeln.
Bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Kurse für ihre Offenheit, aber auch die zuweilen kritischen Fragen, die mir dabei helfen, nicht auf der Stelle stehen zu bleiben oder mich in Gewissheit zu üben.
Zu guter Letzt beim Junfermann Verlag für die Chance, dieses Buch zu schreiben, und hier insbesondere bei Frau Arnold für ihr hilfreiches, motivierendes Lektorat.
„Wir werden gut daran tun, zu erkennen, daß das Leben ein aktiver Prozess ist. Ob der Reiz von innen oder außen kommt, ob die Umwelt günstig oder ungünstig ist, das Verhalten eines Organismus wird immer darauf gerichtet sein, sich selber zu erhalten (und) zu entwickeln (…).“
(Carl Rogers)
Leslie S. Greenberg gilt als Begründer der Emotionsfokussierten Therapie. Er studierte zunächst Ingenieurswissenschaften, interessierte sich während dieser Zeit für den Existenzialismus und die Phänomenologie in Literatur und Philosophie. Während seiner Tätigkeit im Maschinenbau merkte er, dass er seine Arbeit nicht nur mit dem Verstand erledigte, sondern oftmals aus dem Bauch heraus Probleme löste. Dies weckte sein Interesse an der Psychologie. Bereits als Psychologiestudent an der York University in Toronto begann er eine Ausbildung in klientenzentrierter Therapie bei Laura Rice, die, bevor sie 1970 in der Psychotherapieausbildung und insbesondere Psychotherapieprozessforschung an der York University aktiv wurde, mit Carl Rogers zusammen in Chicago arbeitete. Greenberg lernte zudem Fritz Perls kennen und begann eine Ausbildung in Gestalttherapie bei Harvey Freedman, einem Schüler von Perls und Gründer des Gestaltinstituts Toronto. Diese Erfahrungen und Kontakte prägten Greenbergs Verständnis von Psychotherapie nachhaltig: Er erfuhr sowohl die positive Wirkung einer nicht an Bedingungen geknüpften, von Empathie getragenen therapeutischen Beziehung als auch die hilfreiche Wirkung der Aktivierung emotionalen Erlebens in der Therapiesitzung. In den 1980er-Jahren absolvierte er darüber hinaus Ausbildungen in systemischer und struktureller Familientherapie, was sein Interesse an der Entwicklung einer emotionsfokussierten Paar- und Familientherapie weckte und in ein gemeinsam mit Sue Johnson Ende der 1980er-Jahre geschriebenes Behandlungsmanual mündete.
Die Emotionsfokussierte Therapie basiert auf und gehört entsprechend zu den humanistischen Therapieverfahren (HPT), die sich seit den 1940er-Jahren entwickelt haben. Die Entwicklungslinie der HPT beginnt bei der nondirektiven Therapie (heute Personzentrierte Therapie bzw. Gesprächspsychotherapie), verläuft über prozesserlebensorientierte Therapien wie Focusing und Gestalttherapie, umfasst Psychodrama, die Existenzanalyse / Logotherapie, die Transaktionsanalyse, Körpertherapien, die Integrative Therapie sowie die Pre-Therapy. Was verbindet diese Ansätze miteinander?
„Erlebensorientierte Therapeuten teilen den Glauben an die einzigartige Fähigkeit des Menschen zu selbstreflexivem Gewahrsein sowie eine Theorie menschlicher Funktionsweise, in deren Zentrum die Einzigartigkeit des inneren Erlebens eines jeden Menschen und der speziellen Art, wie er Bedeutung konstruiert, steht.“ (Greenberg, Rice & Elliott 2003, S. 73)
Eine grundlegende Idee ist, dass in jedem Menschen das Bedürfnis sowie das Potential nach Wachstum innewohnen; in der Personzentrierten Psychotherapie und Gestalttherapie als Selbstaktualisierungstendenz, in der EFT als Wachstumstendenz bezeichnet. Das Ziel und der Weg der Therapie sind es, Klienten in einer angstfreien, von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt getragenen Beziehung zu ermöglichen, sich selber zu erforschen und das innere (organismische) Erleben mit dem durch die Sozialisation entwickelten Selbstkonzept in eine wachstumsfördernde Beziehung zu setzen. Der Klient ist der Experte seines inneren Erlebens; der Therapeut der Wegbegleiter, der ihn dabei unterstützt, sich diesem zuzuwenden. Therapie ist dabei immer in den soziokulturellen Kontext eingebunden, da dieser zur Entwicklungsgeschichte einer Person beiträgt.
„Der zentrale Fokus der HP [= Humanistische Psychotherapie, Anm. d. Autorin] ist auf die besondere Fähigkeit des Menschen gerichtet, in diesen Prozessen jeweils einmalige, kreative Lösungen dadurch zu finden, dass er sich als potentiell selbstreflexives Wesen vor dem Hintergrund einer sinnvoll verstandenen Vergangenheit stets im Hier und Jetzt auf eine ebenso als sinnvoll zu verstehende Zukunft hin entwerfen kann und entwerfen muss. Das Menschenbild bzw. die Anthropologie der HP hebt also hervor, dass es zum Wesen des Menschen gehört – also wesentlich ist –, sinnvolle Beziehungen zur Welt, zu anderen Menschen und zu sich selbst zu gestalten.“
(Kriz 2013, S. 66)
Die Vertreter und Anwender der humanistischen Psychologie und Psychotherapie beziehen philosophische Grundlagen mit ein, die sich auf die Phänomenologie und den Existenzialismus beziehen. Sie verstehen sich in ihrer Arbeit durchaus als gesellschaftskritisch. Elliott et al. (2008) führen aus,
„daß (…) ein Teil der Probleme, mit denen sich die PE / EFT [prozesserlebens / emotionsfokussierte, Anm. d. Autorin] Therapie beschäftigt, durch das Aufwachsen in der westlichen Kultur verursacht wird. Dies sind insbesondere die Probleme der Missachtung von Emotionen und der Ungeduld mit psychischem Unwohlsein.“
(S. 23)
Im Folgenden umreiße ich grundlegende Ideen der Gesprächspsychotherapie, des Focusing sowie der Gestalttherapie. Diese sind der unschätzbare Nährboden und Ausgangspunkt der EFT, sowohl das Menschenbild als auch die therapeutischen Interventionen betreffend.
Die Gründerpersönlichkeit C. R. Rogers wurde auf Umwegen Psychotherapeut und Therapieprozessforscher. Seinen eigenen Entwicklungsprozessen folgend, studierte er zunächst zwei Jahre Agrarwissenschaften, wechselte zu den Geschichtswissenschaften und schließlich zur Theologie mit dem Ziel, in den Kirchendienst einzutreten.
„Daß Fragen über den Sinn des Lebens und die Möglichkeit einer konstruktiven Verbesserung des Lebens der Einzelnen mich wahrscheinlich immer interessieren würden, ahnte ich (…). Die Inhalte meines Glaubens hatten sich bereits stark verändert und würden es vielleicht weiterhin tun. Es schien mir eine furchtbare Vorstellung, sich zu einem Gefüge von Glaubensinhalten bekennen zu müssen, um im eigenen Beruf bleiben zu können. Deshalb wollte ich einen Arbeitsbereich finden, der mir die Freiheit der Gedanken beließ.“
(Rogers 2016, S. 24)
Er wechselte zur Psychologie, arbeitete in den 1930er-Jahren in verschiedenen Einrichtungen für Erziehungsberatung und Familientherapie als klinischer Psychologe und erhielt schließlich Professuren in Ohio und Chicago. In dieser Zeit waren die Psychoanalyse und Verhaltenstherapie in der klinischen Praxis verbreitet, der Behaviorismus dominierte die Therapieforschung.
Rogers beobachtete, dass seine Therapien insbesondere dann erfolgreich waren, wenn er nicht als Experte auftrat, sondern den Hilfesuchenden mit Wertschätzung und Interesse im Sinne eines Verstehenwollens gegenübertrat:
„Ich habe Einzel- oder Gruppentherapie nicht effektiv gefunden, wenn ich versuchte, etwas in ein anderes Individuum einzupflanzen, das nicht in ihm vorhanden war, aber ich habe festgestellt, daß diese positive richtungsweisende Tendenz [Selbstaktualisierungstendenz, Anm. d. Autorin] konstruktive Resultate zeitigt, wenn ich die Bedingungen schaffen kann, die dem Wachstum förderlich sind.“
(Rogers 1986, S. 268)
Diese Erfahrungen motivierten ihn, sich genauer mit Therapieprozessen auseinanderzusetzen: Welches Therapeutenverhalten und welche Haltung gegenüber Klienten sind für eine erfolgreiche Therapie förderlich und notwendig?
Im Verlauf der Jahre formulierte er die noch heute bekannten sechs notwendigen Bedingungen förderlicher therapeutischer Prozesse (nach Biermann-Ratjen, Eckert & Schwartz 1997):
Die therapeutische Beziehung (auch: therapeutische Allianz
).
Rogers betonte die Wichtigkeit einer sicheren Umgebung für wachstumsfördernde Prozesse. Therapie soll als Begegnung von Person zu Person stattfinden und von gegenseitigem Interesse und Wertschätzung getragen werden.
Unbedingte Wertschätzung
.
Der Therapeut erkennt an, dass der Klient eine von ihm getrennte Person ist, die eigene Werte und Vorstellungen vom Leben hat.
Empathie / Verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte (VEE).
Der Therapeut soll in jedem Augenblick empfindsam für die Gefühls
bedeutungen
dessen sein, was der Klient schildert. Empathie soll zur Klärung des Erlebens des Klienten beitragen.
Kongruenz
/ Echtheit des Therapeuten.
Therapeuten sollen als Person erkennbar sein und sich im Kontakt mit Klienten ihres eigenen Erlebens bewusst sein.
Inkongruenz
des Klienten.
Das innere Erleben und Selbstbild des Klienten stimmen nicht überein, sodass er sich mit sich selbst uneins, verletzlich oder ängstlich fühlt.
Der Klient nimmt – zumindest ansatzweise – die
Empathie
und nicht an Bedingungen geknüpfte Wertschätzung und Akzeptanz des Therapeuten wahr.
Focusing wurde von Eugene T. Gendlin Ende der 1950er-Jahre entwickelt. Als Philosophiestudent an der Universität von Chicago beschäftigte er sich mit dem „Körper als psychologischer Ort des augenblicklichen Erlebensstroms“ (Feuerstein & Müller 2000b, S. 96) und entwickelte das (Process-)Experiencing-Konzept: Wenn etwas für uns Bedeutsames geschieht, können wir dies körperlich spüren. Wir haben ein mulmiges Gefühl im Bauch, fühlen uns unbehaglich oder kribbelig, wissen aber nicht, was das zu bedeuten hat, und können dieses Etwas nicht benennen.
„Man ist heute gewohnt, alles Körperliche (…) im Sinne der sogenannten Naturwissenschaften zu denken. Die Psychologen erhalten dann nur das Seelische, aber eben leider nur als Überbleibsel. Wir wollen das jetzt ändern. Wir wollen den Körper also nicht mehr nur der gegenwärtigen Naturwissenschaft überlassen, denn das Seelische ist ohne den ihm eigenen Körper nicht zu verstehen. Erlauben wir lieber, dass das Wort ‚Körper‘ den Körper meinen darf, den wir nicht nur von außen beobachten können, sondern auch von innen fühlen.“
(Gendlin & Wiltschko 2016, S. 30)
Das, was wir fühlen, ohne es benennen (symbolisieren) zu können, bezeichnete Gendlin als Felt Sense (Gendlin 2002; 2014; Gendlin & Wiltschko 2016). Dieser ist ein ganzheitliches inneres Erleben, das unsere Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen sowie den Kontext, in dem es entsteht, umfasst.
Gendlin suchte nach Möglichkeiten, seine Ideen praktisch zur Anwendung bringen zu können. Er nahm Kontakt zu Rogers auf, der zu dieser Zeit die Beratungsstelle der Universität Chicago leitete. Eine fruchtbare Zusammenarbeit sollte beginnen. So forschte Gendlin über Psychotherapieprozesse und fand heraus, dass die Art und Weise, wie Klienten das, worüber sie sprechen, im Hier und Jetzt der Therapiesituation erleben, entscheidend für den Therapieerfolg ist. Klienten, die die Fähigkeit und Bereitschaft besaßen, auf ihr körperlich gespürtes, inneres Erleben, den Felt Sense, zu fokussieren und dies in Verbindung mit ihren Schilderungen zu bringen, hatten erfolgreiche Therapieverläufe.
Manche Klienten brachten die Fähigkeit, sich auf ihr inneres Erleben zu konzentrieren und daraus Informationen zu gewinnen, von Anfang an mit ein. Für diejenigen, die diese Fähigkeit nicht per se besaßen, entwickelte Gendlin Focusing als ein Trainingsprogramm.
„Denn das, was wir die Psyche des Menschen nennen, ist aus gestalttherapeutischem Blickwinkel kein Ding, das man wie einen Körperteil anfassen und gegebenenfalls behandeln könnte, sondern vielmehr ein Prozess, an dem man teilnehmen kann.“
(Staemmler 2009, S. 40)
Die Gestalttherapie wurde von Fritz und Lore (Laura) Perls ab den 1940er-Jahren entwickelt. Weitere Mitbegründer waren Paul Goodman und Ralph F. Hefferline. Die Perls waren Psychoanalytiker, die sich für Gestaltpsychologie, die körperbezogene Psychoanalyse Reichs sowie Existenzphilosophie interessierten und in ihre Arbeit aufnahmen. 1951 wurde das Buch Gestalttherapie veröffentlicht, womit auch der Name dieser Therapierichtung in der Welt war.
Fritz Perls integrierte zenbuddhistische Elemente der Achtsamkeit und des Gewahrseins in die Gestalttherapie. Lore Perls, die sich intensiv mit körperlichen Ausdrucksformen beschäftigte, trug durch ihre Workshops maßgeblich zur Verbreitung der Gestalttherapie in Europa bei.
In der Gestalttherapie werden unabgeschlossene Prozesse der Gestaltbildung (bezogen auf Handlungen, Wahrnehmung, Bedürfnisse) zu Ende geführt, denn „diese unvollendeten Handlungen werden in den Hintergrund gedrängt, wo sie ein unbehagliches Gefühl verursachen“ (Polster & Polster 1985, S. 41). Im Praxisteil werde ich die Leere-Stuhl-Arbeit beschreiben, die bei der Verarbeitung unerledigter Gefühle gegenüber wichtigen Bezugspersonen, dem Unfinished Business, hilfreich ist.
Menschen werden als aktiv Gestaltende ihrer Wahrnehmung und ihres Erlebens aufgefasst statt nur als passive Rezipienten von Sinneseindrücken. Eine große Bedeutung wird der Bewusstwerdung jener Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen, die die Selbstaktualisierungstendenz verhindern und blockieren, beigemessen. Hierzu werden Klienten Experimente wie beispielsweise Stuhl-Dialoge angeboten, diese sollen ihnen helfen, sich als aktiv Handelnde ihrer Erfahrungen zu erleben.
Weitere Aspekte der Gestalttherapie, die in die EFT integriert sind, möchte ich kurz umreißen:
Bewusstheit meint eine aufmerksame, lebendige, mit den Sinnen erlebte Verbundenheit des Menschen mit der Welt, wohingegen als Bewusstsein das reflektierte Denken über Erfahrungen bezeichnet wird. In der Gestalttherapie spielt ebenfalls der Leib (der mehr als der physische Körper ist) eine wichtige Rolle, da wir mit ihm unsere Erfahrungen spüren und erleben. Ganzheit vermittelt sich über Emotionen: Diese „sind erstens körperlich spürbar, haben zweitens eine bestimmte Gefühlsqualität und enthalten drittens mehr oder weniger bewusste Gedanken und Bewertungen bezüglich der Situation, in der sie entstehen“ (Staemmler 2009, S. 26). Unsere leiblich-sinnliche Verbundenheit mit der Umwelt orientiert uns hin zu anderen Menschen (Intentionalität), wir sind über unser Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Zuneigung und Berührung miteinander in Kontakt.
Gestalttherapeuten betrachten „die Vorgänge des Erinnerns und Planens als gegenwärtige Funktionen, obwohl sie sich auf die Vergangenheit und Zukunft beziehen“ (Polster & Polster 1985, S. 21).
Basieren die Theorien der Personzentrierten- und Gestalttherapie auf phänomenologischen und experimentalpsychologischen Beobachtungen und daraus gezogenen Schlüssen zur Struktur und den Prozessen der menschlichen Funktionsweise, bezieht die Theorie der EFT zusätzlich Erkenntnisse der affektiven Neurowissenschaften, der Kognitions- und Emotionsforschung mit ein.
Es war nicht das Ziel von Greenberg und seinen Kollegen und Kolleginnen, eine neue Therapieschule zu begründen. Leitend war vielmehr ihr Interesse an der Therapieprozessforschung mit dem Schwerpunkt auf der Frage, welche Klientenprozesse zu erfolgreichen Therapien führen, welche Rolle Emotionen dabei spielen und wie die Forschungsergebnisse in bestehende Therapieschulen integriert werden können. Die Anfang der 70er-Jahre beginnende Forschungstätigkeit fußte auf der prozesserlebensorientierten Methodik (eine ausführliche Darstellung findet sich in Bischkopf 2013) und Aufgabenanalyse (task analysis). Letztere erlernte er bei Juan Pascal-Leone, der bei Jean Piaget und Herman Witkin (ein Wertheim-Schüler) promovierte und sich damit befasste, wie Menschen komplexe Probleme lösen. Anhand der Analyse von Therapieprozessen untersuchten Greenberg und Rice, wann welche Intervention hilfreich ist. Dabei kristallisierten sich zwei wichtige Faktoren für Veränderungsprozesse heraus (Greenberg, Rice & Elliott, 2003):
eine helfende Beziehung im Sinne des klientenzentrierten Konzepts sowie
das Auftauchen spezifischer Probleme hinsichtlich emotionaler Verarbeitungsprozesse auf Seiten des Klienten, die sie als Marker (
Abschnitt 9.3
) bezeichneten.
In neuerer Zeit werden Aspekte wie die emotionale Produktivität (Abschnitt 5.1), störungsspezifische Aspekte (Kapitel 11) oder die Bedeutung von Narrativen (Abschnitt 9.2) beforscht.
Letztendlich führten berufspolitische Notwendigkeiten (Forschungsgelder, Schulen-Denken) zur Namensgebung und Manualisierung der EFT als eigenständiges Therapieverfahren.
Der philosophische Hintergrund, auf den sich emotionsfokussiert arbeitende Therapeuten beziehen, ist eine neohumanistische Perspektive, die durch folgende sechs Aspekte gekennzeichnet ist (nach Elliott et al. 2008):
Erleben (experiencing
).
Hierbei handelt es sich um einen aktiven Prozess, der Wahrnehmung, Gedächtnis, Gefühl, gefühlte Bedeutung, Handlungstendenzen, sprachlich-konzeptuelles Denken als Elemente emotionaler Schemata umfasst.
Wirksamkeit
(agency) und Selbst
bestimmung (self-determination).
Klienten sind aktiv Teilnehmende und Handelnde. Vorgehen und Ziel der Therapie ist es, Wahlmöglichkeiten zu schaffen, was eine direktive, autoritäre Haltung auf Therapeutenseite ausschließt. Auch klinisch beeinträchtigte Klienten sind zu Selbstbestimmung und eigener Orientierung fähig.
Ganzheit
(wholeness).
Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile und sollte in all seinen Facetten beachtet werden, auch in denen, die leidvoll oder widersprüchlich sind. Diese Facetten, die auch Kognitionen und Emotionen umfassen, gilt es, bewusst miteinander zu integrieren. „Unvollständige oder bruchstückhafte Erfahrungen sollten vervollständigt oder abgeschlossen werden, so dass sie sich zu einem Ganzen zusammenfügen können“ (S. 21).
Pluralismus und Gleichberechtigung.
Die verschiedenen Sichtweisen und Lebensentwürfe von Menschen gilt es zu respektieren und in ihrer Vielfalt zu schätzen. Dabei sollen auch die Aspekte einer Person oder der Gesellschaft beachtet werden, die marginalisiert werden oder dysfunktional erscheinen.
Präsenz und Authentizität.
Therapeuten sind auch als Mensch erkennbar. Die therapeutische Beziehung wird von der gegenseitigen Anerkennung als Erlebende und Handelnde getragen. Das von Empathie, Wertschätzung und Echtheit geprägte Beziehungsangebot ermöglicht – sowohl dem Klienten als auch dem Therapeuten – Wachstum und Entwicklung.
Wachstum
.
Biologisch adaptive Prozesse ermöglichen es uns, uns psychologisch zu entwickeln. Unter günstigen Bedingungen können wir so über die gesamte Lebensspanne hinweg ein reichhaltiges Leben führen und auf die Anforderungen, die das Leben an uns stellt, flexibel reagieren.
Zusammenfassung
Die Wurzeln der EFT liegen in humanistischen Therapieverfahren. Sie integriert, basierend auf den Ergebnissen der Therapieprozessforschung, wichtige Aspekte der Gesprächspsychotherapie, des Focusing und der Gestalttherapie. Dem empathischen, wertschätzenden und kongruenten Beziehungsangebot des Therapeuten kommt eine zentrale Rolle zu.Focusing wird sowohl als vollständiger Prozess als auch in Form fokussierender Fragen und einer Focusing-Haltung genutzt, um Klienten einzuladen, ihrem körperlich spürbaren emotionalen Erleben Aufmerksamkeit zu schenken, es in Worte zu fassen und ihm damit einen Sinn zu verleihen.Wie in der Gestalttherapie ist der Bezug zum Erleben im Hier und Jetzt der Therapiesituation relevant. Die in der Vergangenheit entstandenen emotionalen Schemata sollen im gegenwärtigen Moment aktiviert und damit einer Veränderung zugänglich gemacht werden. Klienten sollen sich der verschiedenen Facetten ihres Selbst bewusst werden und diese in ein kohärentes Selbstbild integrieren.Die erkenntnistheoretische Grundlage der EFT ist von der Phänomenologie und dem Existentialismus geprägt. Die Selbstbestimmung sowie eine resiliente Selbstorganisation, aber auch die Fähigkeit, positive Beziehungen zu anderen Menschen eingehen zu können, sollen gefördert werden.„Ich versuche, an nichts zu denken, sondern mich durch langsames, bewusstes Atmen zu beruhigen und mein Gewicht ganz gleichmäßig auf beide Füße zu verteilen, aber ich kann nicht verhindern, dass sich das Gefühl der Minderwertigkeit in mir ausbreitet wie ein Tintenfleck auf einem Löschblatt. Es überschwemmt den Bauchraum, steigt bis unter die Schädeldecke und rinnt in jeden einzelnen Finger.“
(Karen Duve, Dies ist kein Liebeslied)
In der fachwissenschaftlichen Literatur wird zwischen Affekten, primären und sekundären Gefühlen, Stimmungen sowie Emotionen unterschieden (Damasio 2013, 2014, 2015; Merten 2003). Für die Praxis der EFT ist es nicht relevant, sich auf diese sprachlichen Differenzierungen und Definitionen der Grundlagenwissenschaften zu beziehen. Ich verwende die Begriffe Emotion, Affekt und Gefühl und meine damit unser gefühltes Erleben von uns selbst in der Welt.
In der emotionsfokussierten Psychotherapieprozessforschung haben sich bestimmte Emotionstypen als therapeutisch relevant erwiesen, die ich in Kapitel 4 vorstellen werde.
Bis in die Mitte der 1960er-Jahre beherrschten lerntheoretische, behavioristische Konzepte die psychologische Forschungslandschaft. Emotionen fanden als etwas nicht Objektivierbares keine Berücksichtigung. Pointiert formulierte Ulich (1995):
„Stellen Sie sich vor, Sie sagen zu einem Psychologen: ‚Ich habe Angst.‘ Ein orthodoxer Behaviorist oder ein Physiologe hätte Ihnen vor einigen Jahrzehnten dann etwa so geantwortet: ‚Was Sie da in bedauerlich mißverständlicher Weise Ihre ‚Ängste‘ nennen, das ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein meßbarer Zustand Ihres Körpers, z. B. Änderungen im Tonus der Muskulatur, der Drüsen- oder Darmtätigkeit. Man hat Ihnen beigebracht, diese körperlichen Prozesse mit irgendwelchen, letztlich beliebigen Worten zu belegen. ‚Angst‘ ist für uns Wissenschaftler ein hypothetisches Konstrukt, mit dem wir hilfsweise das bezeichnen, was Sie leider nur ganz subjektiv und privat an Ihrem eigenen Körper wahrnehmen können. Ich darf Sie nun bitten, sich ein wenig frei zu machen, damit ich die Elektroden anlegen kann.“
(S. 56)
