Empathie auf vier Hufen - Birgit Heintz - E-Book

Empathie auf vier Hufen E-Book

Birgit Heintz

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Beschreibung

Was bringt erfahrene, approbierte Psychotherapeutinnen dazu, ihren bewährten Praxissessel zu verlassen, um bei Wind und Wetter mit ihren Patienten in die Natur, zu ihren Pferden zu gehen? In bewegenden Gesprächen mit Patientinnen und Therapeutinnen gewährt Birgit Heintz Einblicke in die faszinierende Wirkung von Pferden in einem erweiterten, tiefenpsychologisch fundierten Setting. Die sehr persönlichen Perspektiven rahmt die Autorin mit aktuellen Erkenntnissen aus Neurobiologie und Säuglingsforschung sowie der Evolutionsgeschichte der Empathie. Resonanzphänomene und Einflüsse auf das Übertragungsgeschehen in dem Beziehungsdreieck Therapeutin–Pferd–Patientin beschreibt sie detailliert. Dieser fundierte Einblick in die Praxis pferdegestützter Psychotherapie ist ein Muss für all diejenigen, die sich sowohl für die psychologischen Zusammenhänge als auch für das Wesen der Pferde interessieren.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Birgit Heintz

Empathie auf vier Hufen

Einblicke in Erleben und Wirkung pferdegestützter Psychotherapie

Mit 22 Abbildungen

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2021, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG,

Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Bildnachweis: Abb. 4b, 4c: Clotilde Peters | Abb. 3, 4a, 8a, 8b, 10: Marika Weiger |Abb. 7, 9, 12: Birgit Heintz

Umschlagabbildung: Nadia Baumgart, Zuneigung

(kolorierte Tuschezeichnung)

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenEPUB-Produktion: Lumina Datametics, Griesheim

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-647-99964-7

Inhalt

Vorwort

Die Stute aus Lehm – Eine alte Erzählung

Einführung

1 Entwicklungslinien und Forschungsbemühungen auf dem Gebiet der pferdegestützten Psychotherapie

2 Das Studienvorhaben – Forschen »mit Seele«

2.1 Wie die Nadel(n) im Heuhaufen – Zur Stichprobe und der Suche nach Interviewpartnern

2.2 Sensibilisierende Konzepte statt festgelegter Hypothesen – Was erschien wichtig?

2.3 Die Fragestellungen

2.4 Hermeneutisches Verstehen – die Methode der »Grounded Theory«

3 Grundsätzliche Wirkfaktoren in der Psychotherapie und ihre Übertragbarkeit

4 Die Faktoren Bindung und Oxytocin

5 Die Bedeutung von Intersubjektivität und Empathie für die therapeutische Beziehung

5.1 Evolution der Empathie und Biologie der Gegenübertragung

5.2 Das Pferd – Ein empathiefähiges Wesen

6 Vorstellung der interviewten Therapeutinnen

Anne-Kristin Siemering

Marika Weiger

Susanne Tarabochia

Angelika Rückl-Kast

Ilka Parent

Barbara von Morgen

7 Auszüge aus den Patientinnen-Interviews

Frau H. (42 Jahre), PTBS

Anna (20 Jahre), Generalisierte Angststörung, diverse Phobien

Sophie (20 Jahre), Zwangserkrankung

Sabine (24 Jahre), Anorexia nervosa, dissoziative Störung

Frau A. (52 Jahre), Generalisierte Angststörung

Frau M. (42 Jahre), PTBS, Selbstverletzung, dissoziative Störung

Herr C. (43 Jahre), PTBS nach Auslandseinsatz

Marilyn (32 Jahre), PTBS, Panikattacken

Frau Sch. (52 Jahre), Generalisierte Angststörung, Panikattacken (zunächst Familienintervention)

Frau E. (58 Jahre), PTBS

Frau F. (54 Jahre), mittelgradige bis schwere Depression (zunächst Familienintervention)

Jessika (13), Kind einer psychisch kranken Mutter

Maja (20), Traumatisierung durch familiäre Gewalt

Bina (18 Jahre), Traumatisierung durch familiäre Gewalt

Valerie (23 Jahre), Kind einer psychisch kranken Mutter

Nora (21 Jahre), Kind drogenabhängiger Eltern

8 Reiche Ernte – Diskussion der Ergebnisse

8.1 Wesentliche Indikationen zur Einbeziehung der Pferde

8.1.1 Schwierigkeiten mit rein sprachgebundener Kommunikation

8.1.2 Erleichterte Anbahnung einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung

8.1.3 Förderung der Wahrnehmung von Körper und Emotionen

8.1.4 Nacherleben von Halt, Angenommen- und Getragensein

Überblick zu Kapitel 8.1

8.2 Die therapeutische Beziehung in der neuen Triade Patientin–Pferd–Therapeutin

Überblick zu Kapitel 8.2

8.3 Erkenntnisgewinn im geschützten Übergangsraum zwischen Praxis und realer Lebenswelt

8.3.1 Das beobachtete Pferd als thematische Ressource

8.3.2 Die Therapeutin-Pferd-Interaktion als Modell

8.3.3 Das Pferd als Übergangsobjekt

8.3.4 Das Pferd als Co-Therapeut

8.3.5 Die Patientin-Pferd-Dyade

Überblick zu Kapitel 8.3

8.4 Körpererfahrung und emotionale Öffnung

Überblick zu Kapitel 8.4

8.5 Dimensionen einer ganz besonderen Verbindung – Intersubjektivität artübergreifend

Exkurs: Verhaltensbeobachtungen in der Pferdeherde

Überblick zu Kapitel 8.5

8.6 Naturerfahrung – Rückbindung an das Leben

Überblick zu Kapitel 8.6

9 Imaginationen, Träume, innere Bilder – Das Pferd als archetypisches Symbol

10 Zusammenschau und Ausblick

Dank

Literatur

Anhang

Die Therapeutinnen

Die Patientinnen

Interviewleitbögen

Vorwort

»Es ist Abend, ein Tag voll langer Schatten und gleißendem Sonnenlicht neigt sich dem Ende zu, alle sind erschöpft. […] Tamino, Hannahs Pferd, steht mit gesenktem Kopf vor ihr. Plötzlich ergreift Tamino die Initiative und streckt seine Nase in die ausgebreiteten Arme der jungen Frau. Er lehnt seine Stirn gegen ihre Brust und blubbert sanft warme Luft aus seinen Nüstern, so dass ein hörbares Geräusch entsteht. Hannah springt zurück, Entsetzen in ihren Augen. Den ganzen Tag hat sie durchgehalten – wegen ihm. Sie ist neben ihm gewandert, hat ihn geführt und sich schaukelnd von ihm durch die Landschaft tragen lassen. Sie hat sich ihm anvertraut. Und nun, in dieser besonderen Umarmung schnaubt er ihr an den Bauch? Er hält dem Entsetzen stand und bleibt Hannah nahe. Da legt Hannah schluchzend ihre Arme um seinen Kopf. Ihr Gesicht sinkt zwischen seine Ohren. Tamino seufzt hörbar. Die junge Frau schluchzt in die Mähne des Pferdes. Ihr feingliedriger Körper bebt. Ich komme näher, überrascht, dass Hannah so viel Kontakt sucht und erträgt. Ich frage sie, ob ich meine Hand auf ihren Rücken legen darf. Hannah nickt still. Ihr Atem wird ruhiger. Tamino löst seinen Kopf aus ihrer Umklammerung und bläst in ihr verweintes Gesicht. ›Es war grauenvoll‹, sagt Hannah ganz leise« (Hedinger u. Zink, 2017, S. 13 f.).

Vor mehr als hundert Jahren erschienen zwei Werke, die beide für das Buch, dessen Lektüre Ihnen nun bevorsteht, wesentliche Grundlagen schufen – obwohl diese unmittelbar hintereinander erscheinenden beiden Publikationen aus dem vorigen Jahrhundert auf den ersten Blick keinerlei Verbindungen miteinander zu haben scheinen außer dem Namen »Hans«, einem Pferd – und dem Phänomen der Triangulierung.

Sigmund Freud hat bereits 1908 wesentliche Teile seines wahrscheinlich bekanntesten psychoanalytischen Konzepts, des »Ödipuskomplexes«, in seiner Fallgeschichte des »Kleinen Hans« herausgearbeitet und sie in seiner berühmten »Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben« veröffentlicht (Freud, 1909). Dieses Kind hatte nach einem traumatischen Vorfall eine Pferdephobie entwickelt. Das Behandlungssetting war sowohl für damals wie auch für heute ungewöhnlich: Der Vater des Jungen erzählte Freud von den Symptomen, Freud erklärte dem Vater seine wesentlichen Gedanken und Interpretationen dazu und der Vater sprach daraufhin mit dem Jungen …

Nur ein Jahr vor Freuds therapeutischen Erfolgen in der Arbeit an einer Pferdephobie veröffentlichte Oskar Pfungst sein Werk »Das Pferd des Herrn Osten« (1907). Wie wahrscheinlich die meisten Leser*innen wissen, handelt es sich bei diesem Pferd um den berühmten »Klugen Hans«, von dem eine wissenschaftliche Kommission ein paar Jahre davor nicht herausfinden konnte, wie diese Situation wissenschaftlich zu erklären sei: Zuschauer*innen riefen dem Besitzer des Pferdes Rechenaufgaben zu, der Besitzer forderte es auf, diese zu lösen, und der Kluge Hans klopfte mit seinem Huf die richtige Zahl.

Die Jung’sche Psychoanalytikerin Birgit Heintz, die in ihrer Pilotstudie Erfahrungen von Therapeut*innen und Klient*innen in der Arbeit mit dem Pferd im Rahmen sorgfältig geplanter und der Eigenart des Gegenstandes »Psychotherapie« methodisch adäquater, achtsam durchgeführter Forschung auf systematische und subtile Weise sehr tiefgehend untersucht hat, hat mir mit ihrem Werk als Leser viel Freude bereitet: Sie hat mich wie wenige Autor*innen auf diesem Gebiet zuvor wieder ein wenig mit diesen Ereignissen des Jahres 1907 und seinen zum Teil fatalen Auswirkungen auf die Wissenschaftslandschaft der Psychologie versöhnt!

Als Oskar Pfungst die Erkenntnis publizierte, dass der Kluge Hans gar nicht rechnete, sondern »nur« durch das Erkennen und exakte Interpretieren von Mikrosignalen der anwesenden Menschen (die diese selbst nicht bewusst wahrnehmen und interpretieren konnten) beim fälschlich als »Rechnen« interpretierten Klopfen mit dem Huf immer dann aufhörte, wenn er an diesen Mikrosignalen eine bestimmte Reaktion »ablesen« konnte, reagierte die Wissenschaftswelt empört über diesen »Betrug« und lenkte die Entwicklung der Psychologie des 20. Jahrhunderts in Richtung Ausschaltung von Effekten, die das Gegenüber auf die zu untersuchenden Personen hat. Der »Interviewereffekt«, eben auch als »Kluger-Hans-Effekt« in die Literatur eingegangen, wurde als zu eliminierender Störfaktor in die Negation verbannt – und damit waren die damals schon entstandenen Chancen für lange Zeit verspielt, die durch die Entdeckung der sensationellen Fähigkeiten des Pferdes entstanden waren: nämlich die Erkenntnis systematisch zu verfeinern und auszubauen, dass Pferde in viel souveränerer Weise unsere Mikrosignale entschlüsseln können, als menschliche Therapeut*innen auch nach langer Schulung es jemals können werden. Gleichermaßen vernachlässigt wurde im Weiteren auch die Triangulierungsebene, die sowohl bei Freuds Kleinem Hans wie auch bei Ostens Klugem Hans eine wesentliche Rolle gespielt hatte. Es hat sehr lange gebraucht, bis beides für eine Bearbeitung von Traumata so genutzt werden konnte, wie wir es bei Tamino, Hannah und ihrer Therapeutin miterleben durften.

Hannah und Tamino haben miteinander in dieser Szene eine Gratwanderung geschafft: Tamino hat sich Hannah zugemutet und hat darauf vertraut, dass Hannah in ihrem tiefsten Inneren, unterhalb der Verkrustungen der Traumatisierung, genauso intuitiv spüren kann, dass Tamino sie mit seiner intimen Annäherung nicht missbraucht, wie Tamino spüren konnte, dass Hannah hinter den Schutzschilden ihrer traumatisierten Persönlichkeit echten und direkten Kontakt ersehnt – und dass sie stark genug ist, den dabei entstehenden Schmerz mit ihm und der Therapeutin gemeinsam auszuhalten.

Die letzten Worte im anfänglichen Zitat deuteten den Durchbruch nur an: Hannah konnte in dieser Szene zum ersten Mal dezidiert von ihrem Missbrauchstrauma erzählen, das therapeutische Team war in der Bearbeitungsphase von Hannahs Trauma angekommen.

Birgit Heintz bringt die Prozesse, die auf beiden Seiten – bei den Klient*innen ebenso wie bei den Therapeut*innen – ausgelöst werden, zur Sprache, nutzt dabei die Ressourcen ihrer eigenen Therapieschule und verbindet schließlich das Forschungsinstrument qualitativer Interviews mit einem Werkzeug der Analytischen Psychologie, der Imagination. Was dadurch konkret erfassbar wird, darf und will ich im Vorwort nicht vorwegnehmen, kann aber festhalten, dass durch diese forschungsmethodische Vorgangsweise die entscheidenden, oft sehr subtilen therapeutischen Prozesselemente am deutlichsten und markantesten sichtbar gemacht werden.

Hans, der Junge, stand Pate bei der Etablierung der psychoanalytischen Wissenschaft, die Birgit Heintz geholfen hat, kluge Wege bei der Erkundung der teilweise noch immer rätselhaften Phänomene zu beschreiten, die wir beobachten können, wenn Therapiepferde als triangulierende »Co-Therapeut*innen« und »Vermittlungstherapeut*innen« helfen, therapeutische Erfolge zu erzielen, die wir ohne sie kaum in dieser Weise erzielen hätten können.

Hans, das Pferd, half letztlich uns allen – nach einer langen Zeit der Ignoranz gegenüber dem eigentlich interessanten Phänomen, das in der lächerlichen Empörung der Wissenschaft, dass das Tier doch nicht rechnen hat können, unterging –, immer tiefer einzudringen in das Geschenk der Möglichkeiten, das die Triangulierung durch das Pferd für Klient*innen und Therapeut*innen bedeuten kann.

Birgit Heintz hat uns nun in ihrem sehr klugen und richtungsweisenden Werk Einblicke in tiefliegende Prozesselemente von Therapien mit Pferden ermöglicht, die die Forschung auf diesem Gebiet enorm befruchten können – weitere Erkundungen dieser Art werden hoffentlich folgen.

Dr. Thomas Stephenson

Die Stute aus Lehm – Eine alte Erzählung

Vor langer Zeit lebte einmal ein armer Junge vom Stamme der Larapihu. Er hatte kein eigenes Pony und sah immer den anderen Kindern beim Reiten zu. Aber er wünschte sich nichts so sehr, wie ein eigenes Pferd. Und einmal, als er zusah, wie die anderen ihre Pferde im Fluss tränkten, nahm er gedankenverloren etwas Lehm in seine Hand und er begann daraus ein Pferd zu formen. Als er fertig war, versteckte er das Pferd unter einem Strauch und kam es jeden Tag besuchen.

In seinen Träumen war es sein eigenes Pferd und er behandelte es, als wäre es lebendig. Eines Tages war der Junge ganz in das Spiel mit seinem Lehmpferd versunken, da musste sein Stamm plötzlich weiterziehen. Die Kundschafter hatten endlich Büffel gesichtet. Die Eltern des Jungen suchten ihn überall, als sie ihn jedoch nirgends finden konnten, machten sie sich schweren Herzens ohne ihn auf den Weg. Als der Junge in das verlassene Lager zurückkehrte weinte er: »Nun bin ich ganz allein und werde meinen Stamm niemals mehr wiederfinden.« Alles was ihm geblieben war, war eine alte Decke. Er weinte bis er schließlich erschöpft und hungrig einschlief. Im Traum jedoch erschien ihm sein Lehmpony und sprach zu ihm: »Kleiner Freund, du bist nicht allein, die Mutter Erde hat mich dir geschenkt, ich bin ein Teil von ihr und lebendig wie sie.« Als der Junge am nächsten Morgen erwachte, war er noch immer traurig. Er lief durch das verlassene Lager und konnte nirgends Trost finden.

Endlich ging er zum Fluss, um nach seinem Lehmpony zu sehen. Wie staunte er, als er an das Ufer trat und dort ein lebendiges Pferd fand. Eine wunderschöne Stute schüttelte ihre Mähne und scharrte ungeduldig mit den Hufen. Und das Pferd sprach zu ihm, genau wie in seinem Traum: »Kleiner Freund, ich will dich zu deinem Volk geleiten, aber vergiss nie, dass ich ein Teil der Mutter Erde bin, steig auf meinen Rücken, doch versuch nicht, mich zu lenken, hör auf mich und eines Tages wirst du der Häuptling deines Stammes sein.« Da stieg der Junge auf und die Stute trug ihn vier Tage lang über die Hügel und durch die Wälder, dann endlich sah der Junge die Tipis seines Stammes vor sich liegen. »Geh nun zu deinen Eltern«, sagte die Stute »aber komm vor Tagesanbruch zu mir zurück, noch will ich nicht gesehen werden, lege mir deine Decke über, um mich vor dem Regen zu schützen.«

Die Eltern waren überglücklich, ihren Jungen wieder zu sehen. Er erzählte ihnen, wie er sie gefunden hatte, aber kurz vor Morgengrauen ging er zu seinem Pony zurück. Weitere vier Tage folgte er dem Stamm, der noch immer die Büffel suchte. Am Abend des vierten Tages sagte die Stute zu ihm: »Jetzt darfst du mich zeigen, reite mich in die Mitte deines Lagers.« Wie staunten sie alle, als sie den armen Jungen auf der schönen Stute sahen. Selbst der Kriegshäuptling war so beeindruckt, dass er den Jungen in sein Tipi einlud und ihm zu essen gab. »Wir sind von Feinden angegriffen worden«, sprach er »wir müssen kämpfen, um die Büffel jagen zu können. Du hast einen weiten Weg hinter dir und hast uns wiedergefunden. Der große Geist hat dir besondere Kräfte gegeben. So reite denn mit uns gegen die Feinde. Ich werde dir eines meiner besten Kriegspferde geben.« Aber der Junge lehnte ab: »Ich werde meine Stute reiten!« – »Es schickt sich nicht für einen Krieger der Larapihu, mit einer Stute in den Kampf zu ziehen!«, grollte der Kriegshäuptling. »Frauen, Kinder und die Alten reiten auf Stuten. Ein junger Krieger wie du sollte niemals eine Stute reiten.«

Aber der Junge bestand darauf, kein anderes Pferd als seine Stute zu reiten, da musste der Kriegshäuptling einwilligen. »Fürchte dich nicht«, flüsterte die Stute ihm zu, als er das Tipi verließ »ich bin ein Teil der Erde. Und niemand kann die Erde verletzen. Streich dir Erde über den ganzen Körper und auch du wirst unverletzbar sein.« Der Junge tat, wie die Stute ihm geraten hatte, und ritt sie mutig mitten in den Kampf. Die Stute war schneller und wendiger als die besten Hengste der erfahrenen Krieger. Kein Pfeil der Feinde konnte ihr etwas anhaben und der Junge führte die Krieger zum Sieg. Endlich war der Weg zu den Büffeln frei. Auch bei der Büffeljagd konnte kein anderes Pferd die Stute übertreffen und der Junge erlegte mehr Büffel als die erwachsenen Männer des Stammes auf ihren schnellsten Büffelpferden. Nun kam selbst der Kriegshäuptling, um seine Stute zu bewundern, und jeder wollte wissen, woher der Junge dieses Wunderpferd bekommen hatte. Aber er schwieg und behielt das Geheimnis seiner Stute für sich.

Die Zeit verging und der Junge vertraute all die Jahre auf die Führung seiner Stute. Wie sie vorausgesagt hatte, wurde er Häuptling seines Stammes. Er hatte viele schöne Pferde, schnelle Kriegsrösser und mutige Büffelpferde. Aber seine Stute war sein größter Schatz, er flocht ihr Adlerfedern in Schweif und Mähne und schützte sie jeden Abend mit seiner besten Decke vor dem Regen. Eines Nachts erschien ihm die Stute wieder im Traum: »Mein Freund«, sprach sie: »Nun bist du Häuptling und hast die Kraft der Mutter Erde. Es ist die Erde, die dir deine Kraft gibt, nicht ich. Ich bin nur ein Teil von ihr. Meine Zeit ist gekommen, ich möchte zu ihr zurückkehren. Bitte, gib mich frei.«

Da erhob sich der Häuptling von seinem Lager und trat in die Dunkelheit hinaus. Dort stand seine geliebte Stute. Sie scharrte unruhig am Boden und schüttelte die Mähne im Wind. »Nimm mir die Decke ab!«, bat sie. Da nahm der Häuptling die Decke ab und ging zurück in sein Tipi. Kurz vor dem Morgengrauen erhob sich ein mächtiger Wind und der Regen rauschte vom Himmel. Der Häuptling erwachte und eilte nach draußen, um nach seiner Stute zu sehen. Aber er konnte sie nirgends finden. Als der Morgen dämmerte erkannte er im ersten Licht des Tages die Farbe des Lehms, aus dem er einst sein Pony geformt hatte, auf der regennassen Erde. Und aus dem Wind sprach die vertraute Stimme zu ihm: »Ich bin die Mutter Erde und ich bin bei dir, du bist nicht allein.«

(Sabine Raile, Aus den Erzählungen eines Larapihu-Indianers)

Einführung

Mit der Domestizierung der Wildpferde vor mehr als sechstausend Jahren begann der Mensch, eine historisch einmalige, enge Verbindung mit einem Tier einzugehen. Pferde halfen, Pflüge, Wagen, Bäume und Schlitten zu ziehen, sie trugen Soldaten durch Schlachten und Kriege, noch bis ins 20. Jahrhundert waren sie auch in der Landwirtschaft allgegenwärtig. Die kulturelle Entwicklung der Menschheit wäre undenkbar ohne das Pferd. Bevor das Pferd geritten und gefahren wurde, war es in matriarchalen Kulturen als heiliges Tier dem Mond geweiht. Die frühgeschichtlichen Erd- und Muttergöttinnen – die griechische Demeter oder die keltische Epona – wurden zuerst in Gestalt einer Stute verehrt und später als Reiterinnen, manchmal auch mit Fohlen an ihrer Seite dargestellt.

Heute ist das Pferd Sport- und Freizeitpartner; das Reiten ist in seinen diversen Teildisziplinen bei den Olympischen Spielen vertreten. Das Pferd aber ist in wachsender Gefahr, Opfer zunehmender Ökonomisierung in einem sich seit Jahrzehnten ausbreitenden Hippokapitalismus zu werden. Als Therapiepartner gewinnen Pferde an Bedeutung in der Krankengymnastik, als lebendiges Medium in der pädagogisch-heilpädagogischen Förderung und seit den 1990er Jahren auch vermehrt in der Psychotherapie. Hier kommt das Pferd vielleicht in besonderer Weise mit seinem ganzen Wesen und seiner Bereitschaft, auf den Menschen bezogen zu sein, ins Spiel; hier kommt es in seinem symbolischen Bezug zum Mutterarchetyp, wie von C. G. Jung (1973, S. 353) beschrieben, im doppelten Wortsinn zum Tragen.

Dieses Buch basiert auf den Ergebnissen einer im Jahr 2019 durchgeführten Pilotstudie zur qualitativen Untersuchung spezifischer Wirkfaktoren in der tiefenpsychologisch fundierten, pferdegestützten Psychotherapie. Zu betonen ist, dass mit dem Einbeziehen von Pferden in ein psychotherapeutisches Richtlinienverfahren ein zusätzliches, lebendiges Medium zum Einsatz kommt. Es geht also um die Öffnung und Erweiterung des Settings und um eine psychotherapeutische Behandlungsvariante mit dem Pferd als lebendigem Subjekt, nicht etwa um eine neue Therapiemethode. Im Begriff des Mediums deutet sich die Rolle des Pferdes als Mittler an. Emotionale Beziehungen und fehlendes (Ur-)Vertrauen können über Identifikationsprozesse mit dem Pferd, seiner Schönheit, seiner Größe und sensiblen Sanftmut nachentwickelt und bestenfalls auf Menschen übertragen werden.1

Unsere Untersuchung betraf, den eigenen Ausbildungen entsprechend, die Arbeit mit dem Pferd in tiefenpsychologisch fundierten bzw. analytischen Therapien. Sie impliziert die Beibehaltung aller wesentlichen Grundsätze tiefenpsychologisch fundierten Vorgehens und ist immer integriert in die psychotherapeutische Behandlung in der Praxis – entweder in stunden- oder phasenweisem Wechsel. Wir hatten den Wunsch und die Idee, die ganz persönliche, subjektive Wahrnehmung der Einbeziehung von Pferden in therapeutische Prozesse aus Sicht der Psychotherapeutinnen, vor allem aber auch ihrer Patientinnen2 zu erfassen, zu beschreiben und im Rahmen der Auswertung natürlich auch zu interpretieren.

Hinter dem Wir steht eine langjährige Hof-, Arbeits- und Lebensgemeinschaft mit meiner ärztlichen Kollegin Marika Weiger, die an der konzeptionellen Entwicklung der Studie, dem gesamten Auswertungsprozess und der Strukturierung des umfangreichen Datenmaterials wesentlich beteiligt war. Unser Forschungsinteresse gründet auf jeweils gut 25-jähriger praktischer Erfahrung in pferdegestützter Psychotherapie. Im Jahr 2003 führten wir diese gemeinsame Begeisterung auf der Hofanlage Kroed – namentlich Kroh, Krähe und Ed, Einöde – in Postmünster (Rottal-Inn, Niederbayern) zusammen.

Marika Weiger hatte durch ihre Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin zur Untersuchung unkonventioneller, u. a. psychotherapeutischer Verfahren in der Onkologie und als leitende Oberärztin in einer Klinik für Psychosomatik und Ganzheitsmedizin umfangreiche Erfahrung in der Umsetzung bio-psycho-sozialer Therapieansätze. Ich hatte nach pädagogischem und psychologischem Grundstudium das Glück einer sich anschließenden analytischen Ausbildung am Züricher C. G. Jung-Institut im kombinierten Programm für Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

Uns beide verbindet ein zugewandtes, humanistisches Welt- und Menschenbild sowie eine psychotherapeutische Grundhaltung, die dem einzigartigen psychisch-seelischen Entwicklungspotenzial eines jeden Menschen allen Respekt zollt. Darüber hinaus kamen wir aus dem Vielseitigkeitssport und sehr kompatiblen reiterlichen Ausbildungen nach den Grundsätzen der klassischen Reitlehre; auch dies verbindet uns in unserer Achtung und unserem Respekt dem Wesen der Pferde gegenüber. Ich möchte Marika Weiger für ihre Mitarbeit und den äußerst wertvollen, inhaltlichen Austausch während dieses Studien- und Buchprojekts herzlichst danken.

Wirksamkeitsstudien zur ambulanten Psychotherapie mit dem Pferd stehen aufgrund der Schwierigkeit der Untersuchung und des Wirksamkeitsnachweises noch aus.

Die Notwendigkeit einer Dreifachqualifikation der behandelnden Therapeutinnen – medizinisches oder psychologisches, im Fall der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen pädagogisches Grundstudium, Psychotherapieausbildung und hippologisches Fachwissen – impliziert einen hohen Ausbildungsaufwand. Artgerechte, gesunde Haltungsbedingungen für in der Psychotherapie eingesetzte Pferde bedeuten darüber hinaus erhöhten finanziellen, materiellen und zeitlichen Einsatz. Dennoch wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Praxisberichte und Einzelfall- bzw. Prozessstudien u. a. von unserer Arbeitsgruppe veröffentlicht (Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie [FAPP]/Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V. [DKThR], 2005, 2018; Gomolla, 2016; Hediger u. Zink, 2017).

Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen stimmen stets aufs Neue in Selbsterfahrungs-, Lehranalyse- und Supervisionsstunden ihr Instrument – sie verfeinern ihre Empathiefähigkeit, ihre Selbstreflexion und ihre Resonanz. Ebenso bedürfen die Pferde, neben einer vertrauensvollen Offenheit dem Menschen gegenüber, guter innerer und äußerer Bedingungen, um diese Aufgabe als Therapiepferd ethisch vertretbar erfüllen zu können. Zunächst wäre da die bereits erwähnte, unabdingbar artgerechte Haltung im Sinne möglicher Sozialkontakte, Weidegang, Auslauf, Licht, Luft und gutem Futter. Sofern die Pferde unsere Patientinnen auf ihrem Rücken tragen und nicht ausschließlich beobachtet oder vom Boden aus eingesetzt werden, sind wir ihnen darüber hinaus entsprechende Gymnastizierung, das heißt sowohl Kräftigung als auch Lockerung ihres gesamten Bewegungsapparates, schuldig. Zu ihrer Grundausbildung und physisch-psychischen Gesunderhaltung, gegebenenfalls ihrem auch turniermäßigen Ausgleichssport, sind Reitkenntnisse erforderlich. Schließlich setzen seriöse Weiterbildungen zur pferdegestützten Arbeit – im DKThR (Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten) seit 2020 auch für Psychotherapeutinnen – konsequenterweise zum Schutz der Pferde und der Patienten Trainerlizenzen voraus. So ist es vielleicht nicht verwunderlich, dass Pferde in den Biografien der sie einsetzenden Kolleginnen meist schon lange vor ihrer psychotherapeutischen Laufbahn eine bedeutsame Rolle spielten.

Im Rahmen unseres Forschungsprojekts erklärten sich sechs Therapeutinnen und 15 ihrer Patientinnen sowie ein Patient zu Gesprächen in Form semistrukturierter Interviews bereit. Für ihre enorme Offenheit möchte ich allen Beteiligten meinen ganz großen Dank aussprechen, denn ihre Erzählungen gewähren Einblicke in die hoch komplexen Wirkungen der Pferde auf die therapeutischen Prozesse und persönlichen Entwicklungen. Dass die Patientinnen darüber hinaus noch in anschließenden Imaginationen nicht nur ihre Gedanken, sondern auch ihre inneren Bilder zu teilen bereit waren, bewegt mich bis heute sehr; diesen inneren Bildern und einigen Träumen ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

Irgendwann, mitten im Auswertungsprozess dieser Studie, fand ich eine Notiz mit einem Zitat meines ersten Lehrers, einem der wichtigen Bewahrer ethischer Grundsätze der klassischen Reitlehre in der Nachkriegszeit: »Zu der Frage, wann sitzt der Reiter richtig? kann die Antwort nur lauten ›Wenn er im Gleichgewicht ist‹. Dabei geht es aber nicht nur um seine Wirbelsäule und seine Gesäßknochen, sondern es geht um den ganzen Menschen. Dieser ganze Mensch, der da auf dem Pferd sitzt oder vor mir steht, ist ja eine ganze Welt! Diese ganze erstaunliche, vielleicht fremde oder auch unheimliche Welt mit dem Pferd ins Gleichgewicht zu bringen, ist die Aufgabe« (Beck-Broichsitter, 2010, S. 140).

Ich war zwölf Jahre alt, als wir uns begegneten, er selbst lebte und realisierte diesen Gedanken mit jeder Faser seines Herzens. Es ist, als hätte er mit der Achtung und Wertschätzung dem ganzen Menschen gegenüber, den er in uns jungen und seinen älteren Reitschülern immer zu sehen und zu verstehen bemüht war, ein Samenkorn gepflanzt. Das Postulat, sich dem ganzen Menschen zuzuwenden, ist in der Vermittlung klassischer Reitkunst nicht minder bedeutsam als in der Psychotherapie – selbstverständlich, sollte man eigentlich meinen. Bei einem Reitschüler, einer Reitschülerin auch das seelische Gleichgewicht im Blick zu haben und in der psychotherapeutischen Arbeit auch den Körper, den Leib in die Behandlung einzubeziehen, scheint in diesem Sinne konsequent und folgerichtig.

Dankbar für diese tief verwurzelte und verinnerlichte Erfahrung einer liebevoll ganzheitlichen Grundhaltung dem Menschen gegenüber, möchte ich Helmut Beck-Broichsitter (1914–2000), jenem wichtigen, väterlichen Lehrer meiner Kindheit und Jugendjahre, dieses Buch widmen.

1Auch in anderen Therapieverfahren, zum Beispiel der Verhaltenstherapie oder der systemischen Familientherapie, werden Pferde im Sinne dort geltender Ansätze und Konzepte eingesetzt.

2Ich benutze im Text den realen Gegebenheiten entsprechend weitgehend die weibliche Form; männliche Kollegen und Patienten mögen sich bitte mitgemeint fühlen.

1 Entwicklungslinien und Forschungsbemühungen auf dem Gebiet der pferdegestützten Psychotherapie

In der Psychotherapie mit dem Pferd lassen sich zwei historische Entwicklungslinien erkennen. Zum einen entstand die Animal-Assisted Therapy (AAT) mit Beginn in den 1960er Jahren im angloamerikanischen Raum, sie wurde später auch unter dem Begriff der tiergestützten Therapie in Deutschland bekannt. Zum anderen etablierte sich das Therapeutische Reiten, das sowohl im deutschsprachigen als auch im angloamerikanischen Raum eine längere Tradition seit den 1970er Jahren hat.

Carl Klüwer (1922–2014), Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychoanalytiker und langjähriges Mitglied unserer Arbeitsgruppe (Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie, FAPP), zählt zu den Initiatoren des Therapeutischen Reitens in der Bundesrepublik. Er erlebte, so berichtet seine Tochter in einem Vortrag zur Geschichte des Therapeutischen Reitens, »wie ein Pferd einem Kameraden das Leben rettete, als dieser im Schnee aufgab und zum Sterben zurückgelassen werden wollte. Durch das Pferd motiviert, an dem er sich festhalten konnte, war der Kamerad in der Lage, mit der Truppe zu ziehen und das Ziel mit den anderen zu erreichen« (B. Klüwer, 2019, S. 16–24). Traumatisierte Piloten, die nach einem Kampfeinsatz depersonalisiert zitterten, so Barbara Klüwer weiter, ließ der Stabsarzt eine Stunde reiten. Dadurch kamen sie wieder zu sich und konnten schlafen. Als Arzt und Psychoanalytiker war es Carl Klüwer wichtig, die heilsame Wirkung der Pferde später auch in seiner psychotherapeutischen Praxis zu nutzen. Er war einer der Pioniere in der Theoriebildung zur Psychotherapie mit dem Medium Pferd.

Von 1991 bis 1995 wurden im Rahmen eines stationären Settings im Bezirkskrankenhaus Haar bei München zum Therapeutischen Reiten als ergänzende Behandlung bei chronisch schizophrenen Patienten vier experimentelle Studien durchgeführt. Kurz zusammengefasst, konnten in der Gruppe der reitenden Patienten folgende statistisch signifikante Ergebnisse im Vergleich zu einer Kontrollgruppe gefunden werden: Verbesserung des gesamten psychopathologischen Befundes (gemessen mit der Brief Psychiatry Rating Scale, BPRS), Verbesserung der Alogie und der Aufmerksamkeit (gemessen mit der Scale for the Assessment of Negative Symptoms – SANS – zur Beurteilung der Minussymptomatik), tendenzielle Verbesserung der Selbstständigkeit (gemessen an der späteren Wohnsituation) und Verbesserung der subjektiven Befindlichkeit (im Anschluss an die Therapieeinheit, gemessen mit der Befindlichkeitsskala Bf-S nach von Zerssen bzw. revidiert Bf-SR [von Zerssen u. Petermann, 2011]; Scheidhacker, Bender u. Vaitl, 1991).

Eine der ersten Einrichtungen, in der Pferde im Rahmen psychotherapeutischer Interventionen zum Einsatz kamen, war das Theorie-Praxis-Projekt »Pädagogisch-therapeutische Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen« der Freien Universität Berlin (1985 bis 2005, Leitung: Siegfried Schubenz), das sogenannte »Pferdeprojekt«, dessen Vorläuferprojekte bis in die 1960er Jahre zurückreichen. Hier stand einer großen Gruppe forschungsinteressierter Psychotherapeutinnen eine stabile, im Offenstall lebende Pferdeherde, bestehend aus vorrangig selbst gezogenen Pferden arabischer Zuchtlinien, zur Verfügung. Es wurden Kinder und Jugendliche in Kooperation mit den Jugendämtern, aber auch erwachsene (Sucht-) Patienten und Menschen mit autistischen Störungen behandelt. Zahlreiche unveröffentlichte Dissertationen und Diplomarbeiten zur Arbeit mit dem Pferd als Medium in der Psychotherapie gingen aus dem Psychologischen Institut der FU Berlin hervor.

In den Jahren 2001 bis 2006 wurde eine Langzeitevaluationsstudie durch »quer« (Institut für Qualität in Erziehungshilfen) und das Forschungsinstitut der Stiftung »Die gute Hand« zur Überprüfung der Wirksamkeit von heilpädagogischem Voltigieren/Reiten bei autistischen Kindern durchgeführt. Es konnten signifikant positive Ergebnisse in allen relevanten Verhaltens- und Entwicklungsbereichen belegt werden.

Ebenfalls 2001 entstand aus der Idee, mit Pferden arbeitende Vertreterinnen verschiedenster psychotherapeutischer Richtungen zusammenzubringen, die Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie (FAPP). Die Tagungen dieser Fachgruppe sind von den verschiedenen Ärzte- und Psychotherapeutenkammern als Fortbildungsveranstaltungen anerkannt und zertifiziert. Wesentliches Anliegen der Arbeitsgruppe ist eine theoretische Fundierung und Qualitätssicherung der Psychotherapie mit dem Pferd durch regelmäßige Intervision, sowohl in den regionalen Untergruppen als auch in der Gesamtgruppe. Intervision und Fallbesprechungen fokussieren jeweils zuvor festgelegte thematische Schwerpunkte. In regelmäßigem Wechsel werden an den Praxisorten Erfahrungen in der praktischen Arbeit mit den Pferden ausgetauscht.

Als Gründungsmitglieder dieser Gruppe erlebten wir, wie sehr das Einbeziehen der Pferde in unsere psychotherapeutische Arbeit durch die ganz persönliche Beziehung zwischen den Therapeutinnen und ihren Pferden sowie die jeweilige therapeutische Ausrichtung und Haltung bestimmt wird. Es erschienen zwei Beitragssammlungen – 2005 (2009 ins Englische übersetzt) und 2018 –, die einen Einblick in die besonderen Möglichkeiten der methodenintegrierenden Entwicklung der Psychotherapie mit dem Pferd geben und deren Beschreibung nach wie vor ein Stück Pionierarbeit unserer Fachgruppe ausmacht (Fachgruppe Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie [FAPP]/Deutsches Kuratorium für Therapeutisches Reiten e. V. [DKThR], 2005, 2018). Wir entwickelten darüber hinaus ein Curriculum zu einer psychodynamisch ausgerichteten, berufsbegleitenden Fortbildung für approbierte Psychotherapeutinnen, die mit einem hochkarätigen Referentinnenteam (Mitglieder der FAPP und des ehemaligen Pferdeprojekts der FU Berlin) als Kooperationsprojekt mit dem DKThR im Februar 2020 begann.

In den letzten Jahren wurden Pferde sehr erfolgreich in der Traumatherapie und Traumapädagogik eingesetzt. Ein diesbezüglich aktueller Fachartikel (Romanczuk-Seiferth u. Schwitzer, 2019) basiert auf einer umfangreichen Recherche zu Studien vor allem im englischsprachigen Raum. Die Autorinnen beschreiben insbesondere die Relevanz pferdegestützter Behandlungsansätze für einsatzerfahrene Soldatinnen bzw. Veteranen im Zusammenhang mit Traumafolgestörungen und Posttraumatischem Belastungssyndrom (PTBS). »Erste Studien und Erfahrungsberichte von Soldatinnen weisen auf das Potenzial pferdegestützter Interventionen in der Behandlung therapierefraktärer Traumafolgestörungen hin. Dabei fällt besonders auf, dass unter Einsatz verschiedener pferdegestützter Behandlungsmethoden die Teilnehmerinnen auch nach kurzen Behandlungszeiten (z. B. drei Wochen) von den Programmen profitierten« (Romanczuk-Seiferth u. Schwitzer, 2019, S. 151). Darüber hinaus berichten die Autorinnen, dass sich bei Frauen, die interpersonelle Gewalt erfahren haben, nach einem achtwöchigen pferdegestützten Therapieprogramm eine deutliche Verbesserung zeigte, vor allem in der Selbstwirksamkeit, der depressiven Symptomatik und im allgemeinen Funktionsniveau.

Der 2019 mehrfach preisgekrönte Dokumentarfilm »Stiller Kamerad« (Regie: Leonhard Hollmann), in dem die pferdegestützte, systemisch ausgerichtete Therapie dreier Soldaten und einer Sanitätssoldatin über einen Zeitraum von etwa zwei Jahren begleitet wurde, brachte nicht nur das Thema einsatzbedingter Traumatisierungen von Bundeswehrsoldaten in die Öffentlichkeit. Filmvorführungen mit Podiumsdiskussionen trugen außerdem dazu bei, dass Betroffenen diese effiziente, nicht ausschließlich sprachgebundene Behandlungsmöglichkeit nahegebracht werden konnte.

Ein früheres, sehr berührendes Filmprojekt wurde durch die Fernsehsender Arte und Hessischer Rundfunk realisiert, in dem die Arbeit des Teams um Roswitha Zink in Wien/Otto-Wagner-Spital, Verein e.motion dokumentiert ist (»Die heilende Sprache der Pferde«, Dokumentation, 2011, Regie: Dorothee Kaden). Im Zentrum stand hier die Beforschung der analogen Kommunikation3 zwischen Mensch und Pferd. Das Team arbeitete nach Konzepten der psychoanalytischen Pädagogik mit verschiedenen Zielgruppen, zum Beispiel Wachkomapatienten, Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma, autistischen Kindern, und wird nach wie vor von Thomas Stephenson, Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, begleitet.

Dieser Überblick zu wesentlichen Entwicklungen und zur Studienlage auf dem Gebiet der pferdegestützten Psychotherapie im deutschsprachigen Raum erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zukünftige Weiterentwicklungen sind mit Spannung zu erwarten; so ist das DKThR, größter bundesdeutscher Dachverband für alle Sparten des Therapeutischen Reitens, in seinem Jubiläumsjahr 2020 bestrebt, die Arbeit mit dem Pferd in der Psychotherapie mitzuvertreten, zu fördern und als eigenen Arbeitskreis zu etablieren. Ab Herbst 2020 wird die Psychotherapie als Studienfach in die universitäre Direktausbildung aufgenommen. Möglicherweise wird dies zu einer Verfahrenspluralität führen, in der auch tier- und pferdegestützte Behandlungsvarianten hinsichtlich ihrer Wirksamkeit weiter und intensiver erforscht werden.

3Paul Watzlawick (2016) unterscheidet digitale und analoge Kommunikation und bezeichnet die verbale auch als digitale Kommunikation, die der Sprache oder Schriftzeichen bedarf. Nonverbale Kommunikation hingegen findet ohne Verschlüsselungsprozess statt – also analog. In der analogen Kommunikation werden (zusätzlich zur Information) Bezogenheit und emotionale Aspekte ausgedrückt. Einem Tier – hier Pferd – und Kleinkindern vor dem Spracherwerb ist somit die analoge Kommunikation gemeinsam.

2 Das Studienvorhaben – Forschen »mit Seele«

»Mir will es manchmal so vorkommen, als frage man, ob für das Erreichen eines Ziels Boot oder Fahrrad praktischer sei, und ignoriere dabei die Beschaffenheit der Wege, die man einschlagen will« (Buchholz, 2009). Mit diesem Satz begann Michael B. Buchholz (IPU Berlin) seinen Vortrag über qualitative und quantitative Methoden in der Psychotherapieforschung im Rahmen der 51. Lindauer Psychotherapiewochen.