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Kohuts Buch will das Bewusstsein von HistorikerInnen für das Thema Empathie schärfen, indem es dessen Entwicklung und Gegenwart innerhalb und außerhalb der Geschichtswissenschaft skizziert. Insbesondere sollen HistorikerInnen darin bestärkt werden, ihre Empathie zu nutzen, um Menschen der Vergangenheit zu verstehen. Mit der Definition als imaginatives Sich-Einfühlen und -Eindenken in das Erleben und die Erfahrung Anderer unterscheidet Kohut zwischen der empathischen Beobachtungsposition und der Position des äußeren Beobachters. HistorikerInnen müssen sich ihrer beobachtenden Position bewusst und darüber im Klaren sein, wann sie sich in das historische Subjekt einfühlen und wann nicht. Kohut bricht eine Lanze für den bewussten, selbstreflektierten Einsatz der Empathie als wichtiges und nötiges Instrument historischer Untersuchung. Einleuchtend und interdisziplinär ist das Buch ein Muss für HistorikerInnen, Studierende der Geschichte und PsychoanalytikerInnen.
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Seitenzahl: 377
Veröffentlichungsjahr: 2023
Thomas A. Kohut
Kohuts Buch will das Bewusstsein von HistorikerInnen für das Thema Empathie schärfen, indem es dessen Entwicklung und Gegenwart innerhalb und außerhalb der Geschichtswissenschaft skizziert. Insbesondere sollen HistorikerInnen darin bestärkt werden, ihre Empathie zu nutzen, um Menschen der Vergangenheit zu verstehen. Mit der Definition als imaginatives Sich-Einfühlen und -Eindenken in das Erleben und die Erfahrung Anderer unterscheidet Kohut zwischen der empathischen Beobachtungsposition und der Position des äußeren Beobachters. HistorikerInnen müssen sich ihrer beobachtenden Position bewusst und darüber im Klaren sein, wann sie sich in das historische Subjekt einfühlen und wann nicht. Kohut bricht eine Lanze für den bewussten, selbstreflektierten Einsatz der Empathie als wichtiges und nötiges Instrument historischer Untersuchung. Einleuchtend und interdisziplinär ist das Buch ein Muss für HistorikerInnen, Studierende der Geschichte und PsychoanalytikerInnen.
Thomas A. Kohut ist Sue und Edgar Wachenheim III-Professor für Moderne Europäische Geschichte am Williams College in Williamstown (Massachusetts). Seine Forschungsschwerpunkte sind Deutsche Geschichte, Europäische Kulturgeschichte sowie Psychohistorie. Als Historiker mit psychoanalytischer Ausbildung hat Kohut zahlreiche Publikationen zu Themen der deutschen Geschichte und zum Verhältnis zwischen Geschichte und Psychoanalyse veröffentlicht.
Thomas A. Kohut
Einfühlendes Verstehen der menschlichen Vergangenheit
Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Elisabeth Vorspohl
Brandes & Apsel
Deutsche Erstausgabe des 2020 bei Routlegde erschienenen Buchs Empathy and the Historical. Understanding of the Human Past. © by Routledge, a member of the Taylor & Francis Group. All rights reserved.
Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds sehr herzlich für ein hochwillkommenes Arbeitsstipendium.
1. Auflage 2023
© Brandes & Apsel Verlag GmbH, Frankfurt a.M.
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, Mikroverfilmung, Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen oder optischen Systemen, der öffentlichen Wiedergabe durch Hörfunk-, Fernsehsendungen und Multimedia sowie der Bereithaltung in einer Online-Datenbank oder im Internet zur Nutzung durch Dritte.
Umschlag und DTP: Brandes & Apsel Verlag, unter Verwendung des Gemäldes Erschießung der Aufständischen von Francisco de Goya (1814, Prado, Madrid).
Druck: Stückle Druck, Ettenheim, Printed in Germany
Gedruckt auf einem nach den Richtlinien des Forest Stewardship Council (FSC) zertifizierten, säurefreien, alterungsbeständigen und chlorfrei gebleichten Papier.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.ddb.de abrufbar.
ISBN 978-3-95558-341-5
eISBN 978-3-95558-364-4
Dank
Einleitung
Empathie in der Geschichtswissenschaft – das Unbehagen mit dem Konzept
Empathie im heutigen Fokus der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit – allerdings nicht in der Geschichtswissenschaft
Ziele des Buches
1. KapitelHistorischer Exkurs
Empathie in den Debatten über Erkenntnisgewinn in den Natur- und Geisteswissenschaften
Der Status der Empathie in der sich entwickelnden Geschichtswissenschaft
Der Status der Empathie in der neuen Disziplin der Soziologie
Der Status der Empathie in den Debatten über allgemeine Gesetzesaussagen in der Geschichtswissenschaft und R. G. Collingwoods Geschichtsphilosophie
Der Status der Empathie im Zuge der Veränderung von politischer Geschichte über Sozialgeschichte zur Kultur- und Erfahrungsgeschichte
2. KapitelDie wichtigsten zeitgenössischen Definitionen der Empathie
3. KapitelEngere Definitionen der Empathie und ihre Beziehung zur historischen Forschung
Empathische Imagination und Perspektivenübernahme
Empathie und die Geschichte der Gefühle
Empathie versus Ansteckung, Verschmelzung und Identifizierung
Empathie versus Mitgefühl
4. KapitelDrei Beispiele empathischen historischen Verstehens
Die Sozialdemokraten und die deutsche Revolution
Die Wannsee-Konferenz
Über den Holocaust schreiben
5. KapitelWie wir empathisch verstehen
Die Bedeutung des Kontextes für die Empathie
Die Bedeutung subjektiver Erfahrung für die Empathie
Die Bedeutung universaler Erfahrungen für die Empathie
6. KapitelIst historische Empathie einzigartig?
Fühlen und Wissen in der Empathie
Empathie im Alltagsleben und in der Geschichte – mit einem Exkurs zu Hans-Georg Gadamer
7. KapitelDie Autorität des empathisch forschenden Historikers
Empathie und die Autorität des Historikers über die Vergangenheit
Der heuristische Wert und die Beweiskraft der Empathie
Die Kritik, dass Empathie den räumlichen und zeitlichen Abstand nicht überbrücken könne
8. KapitelAbschließende Bemerkungen
Empathie in Psychoanalyse und Geschichtswissenschaft
Die Anerkennung des Beitrags der Empathie zu historischem Verstehen und ihre Implikationen
Resümee
Literatur
Personenregister
Sachregister
»Du verstehst einen Menschen erst richtig, wenn du die Dinge auch aus seiner Sicht betrachtest … wenn Du in seine Haut kriechst und darin herumspazierst.«
Harper Lee, Wer die Nachtigall stört
Für Sophie und Alexander
Dieses Buch ist aus mehreren Gründen für mich persönlich wichtig. Erstens beschäftigt es sich mit dem Werk meines Vaters Heinz Kohut, des Psychoanalytikers, der vielleicht mehr als jeder andere die zentrale Bedeutung der Empathie in der Psychoanalyse betont und sie sogar als klinisch wie auch theoretisch definierende Eigenschaft der Psychoanalyse verstanden hat, als ein Feld der Erforschung des inneren Lebens der Menschen. Zweitens hat dieses Buchprojekt es mir ermöglicht, meine beiden Ausbildungen – als Historiker an der University of Minnesota und als Psychoanalytiker am Cincinnati Psychoanalytic Institute – miteinander in einen Dialog zu bringen, nämlich in einen Dialog über die Empathie als Möglichkeit, die Gedanke und Gefühle anderer Menschen zu erkennen und zu verstehen. Ich habe mich bei der Arbeit am Manuskript durchgängig auf meine Kenntnis der psychoanalytischen klinischen Arbeit sowie auf meine eigene, sehr kurze psychotherapeutische Karriere gestützt, um Licht auf die Verwendung der Empathie in der Geschichtswissenschaft zu werfen. Und schließlich waren schon meine wissenschaftliche Arbeit und meine Lehrtätigkeit als Historiker durch den Versuch charakterisiert, mich in Menschen der Vergangenheit einzufühlen. So habe ich in meinem ersten Buch, Wilhelm II and the Germans: A Study in Leadership (1991), versucht, mich empathisch in den letzten deutschen Kaiser und vor allem in seine Beziehung zu seiner Untertanen hineinzuversetzen. In meinem zweiten Buch, A German Generation: An Experiential History of the Twentieth Century (2012) – auf Deutsch unter dem Titel Eine deutsche Generation und ihre Suche nach Gemeinschaft 2017 erschienen – habe ich versucht, mich in jene Generation deutscher Frauen und Männer hineinzuversetzen, deren Leben, zu dem auch ihre Begeisterung für den Nationalsozialismus im Dritten Reich gehörte, praktisch das gesamte 20. Jahrhundert überspannte. In all meinen Seminaren ermuntere ich die Studentinnen und Studenten, sich in die Erfahrung der Menschen aus der Vergangenheit hineinzudenken und einzufühlen, ganz gleich, ob es sich um die Verfasser von Erziehungsratgebern in meinem Seminar »Victorian Psychology from the Phrenologists to Freud«, um überzeugte Nazis in meinem Seminar »National-Socialist Germany« oder, wie in meinem Seminar »Europe in the Twentieth Century«, um bosnische Serben während der Belagerung Sarajewos im Balkankrieg handelt. Doch bevor ich an diesem Projekt zu arbeiten begann, hatte ich den empathischen Zugang, der mich als Historiker definiert, nie systematisch untersucht oder gründlicher durchdacht. Dieses Buch soll das Bewusstsein von Historikerinnen und Historikern für die Art und Weise schärfen, wie sie ihre Empathiefähigkeit verwenden, um die menschliche Vergangenheit zu verstehen. Mein eigenes Bewusstsein hat von der Arbeit daran maßgeblich profitiert.
Auch wenn ich sagen kann, dass ich in gewisser Weise mit Empathie aufgewachsen bin und mein empathischer Zugang zur Vergangenheit für meine wissenschaftliche Arbeit und meine Lehrtätigkeit charakteristisch ist, hat dieses Projekt mich dennoch auf unbekanntes Gelände entführt. Ich musste mich über die Geschichte des Konzepts kundig machen. Ich musste beharrlich ergründen, was Historiker und Historikerinnen, Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen unter Empathie verstehen und verstanden haben. Obwohl mir die einschlägige Literatur beider Felder nicht gänzlich unbekannt war, musste ich eine Fülle an Literatur über Empathie aus Fachgebieten lesen, die für mich mehr oder weniger neu waren, z. B. aus der Philosophie (der Philosophie des Geistes und der Phänomenologie), der Neurowissenschaft (insbesondere, was deren Beziehung zu philosophischen Erklärungen der Empathie als Instrument, um die Psyche und die psychischen Zustände anderer Menschen zu verstehen, betrifft), der Psychologie (vor allem der Kognitions-, der Entwicklungs- und der Sozialpsychologie), der Soziologie und Anthropologie sowie der Literatur- und Kulturwissenschaften.
Freunde und Freundinnen, Kollegen und Kolleginnen haben mir entscheidend dabei geholfen, die intellektuelle Kompetenz und das Selbstvertrauen zu erlangen, um mich auf dieses mir unbekannte Territorium vorzuwagen. Ich hätte dieses Buch ohne ihren Beistand nicht schreiben können. Ihre Bereitschaft, mit mir über Empathie zu diskutieren, Kapitelentwürfe zu lesen, zu kritisieren, was ich geschrieben hatte, und Verbesserungsvorschläge zu machen, spiegelte nicht nur unsere Freundschaft und/oder Kollegialität wider, sondern auch die Tatsache, dass Empathie als Methode, Menschen kennenzulernen und zu verstehen, heute ein fesselndes und wichtiges Thema zu sein scheint. Wann immer ich konnte, habe ich mich bemüht, mich für einzelne besonders wichtige intellektuelle Hilfestellungen in den Anmerkungen zu bedanken, u.a. bei Alexandra Garbarini, Bojana Mladenovic, Keith Moxey, Mark Roseman, Jane Tillman und Armin Vodopiutz. Ich danke auch all jenen, die Manuskriptteile aufmerksam und konstruktiv gelesen und Vorschläge gemacht haben, die mir wichtige Verbesserungen ermöglichten, u.a. Ute Daniel, John Demos, Georges Dreyfus, Amos Goldberg, Harald Halbhuber, Eric Knibbs, Thomas Kühne, Bojana Mladenovic, Keith Moxey und Karsten Stueber. Zudem möchte ich all jenen danken, die mit allgemeinen Ratschlägen und Gedanken über die Rolle der Empathie in der Geschichtswissenschaft zu diesem Buch beigetragen und mir Mut gemacht haben. Dazu zählen Thomas Aichhorn, Steven Aschheim, Kenneth Barish, Alexander Bevilacqua, Marcus Carney, Alon Confino, Christina de Bellaigue, Elizabeth Friend-Smith, Gerard Fromm, Friedl Früh, Jeffrey Halpern, Laurie Heatherington, Michael Ann Holly, Richard Honig, Irene Kacandes, Jan-Werner Müller, Diane O’Donoghue, Francis Oakley, Claudia Olk, Anna Ornstein, Sharone Ornstein, Alfred Pfabigan, Magda Pfabigan, Eric Plakun, Lisa Raskin, Karen Remmler, Jürgen Reulecke, Ileene Smith, Matthias Siebeck, Yana Skorobogatov, Christian Thorne, Jane Tillman, Dorothee Wierling und James Wilk.
Zwei Gruppen von Psychoanalytikern, die eine in den USA, die andere in Österreich, haben das Manuskript in Teilen oder vollständig gelesen. Ich danke ihnen für ihre Bereitschaft, sich mit meiner Arbeit zu beschäftigen. Im November 2018 fanden sich Mitglieder des Ferenczi Center of the New School for Social Research, des Erikson Institute for Education and Research of the Austen Riggs Center sowie der Gruppe »Psychology and the Other« der Boston College Study Group zusammen, um das Manuskript zu diskutieren. Mit rund 30 Teilnehmern war die Gruppe, wie ihr Name schon ahnen lässt, zu groß, als dass ich ihnen allen persönlich danken könnte. Besonders erwähnen möchte ich aber Adrienne Harris und Edward Shapiro, für deren hilfreiche Kommentare während und insbesondere nach der Veranstaltung ich dankbar bin. Der Gruppe österreichischer Psychoanalytiker bin ich zu noch größerem Dank verpflichtet. Ihre Mitglieder setzten sich im Rahmen der Reihe »Psychoanalytische Abende« sieben Mal mit mir zusammen und diskutierten jeweils über zwei Stunden lang einzelne Kapitelentwürfe des Buches. Ich danke Erwin Bartosch, Andrea Harms, Peter Hohenbalken, Maria Lindner, Christa Paulinz, Armin Vodopiutz und Karoline Windhager. Diese intelligenten, gedankenreichen, einsichtsvollen und warmherzigen Diskussionen waren ein Highlight meiner Arbeit an diesem Projekt. Danken möchte ich auch Jennifer French, Jeffrey Israel, Bojana Mladenovic, Gail Newman und Jana Sawicki, allesamt Mitglieder der Lesegruppe Psychoanalytische Bindungstheorie am Williams College für ihre durchdachte und hilfreiche Diskussion mehrerer Kapitel im Herbst 2018.
Ich spreche zwei Menschen meinen Dank aus, die ich erst in den vergangenen Jahren kennengelernt habe und die dennoch in dieser relativ kurzen Zeit zu engen Kollegen und Freunden geworden sind, nämlich Roger Frie und Donna Orange. Sowohl Roger als auch Donna haben erheblich dazu beigetragen, dass dieses Buch bei Routledge erscheinen konnte, doch noch schwerer wiegen ihre Beiträge zu diesem Projekt, zu meiner Arbeit insgesamt und zu meinem intellektuellen und persönlichen Leben.
Lori Dubois, Auskunftsbibliothekarin am Williams College, danke ich für ihre Geduld, ihren Großmut und ihre intelligenten Ratschläge. Von ihr habe ich nicht nur gelernt, für dieses Projekt mit dem Programm EndNote zu arbeiten, sondern auch viele andere wertvolle Anregungen erhalten. Ich danke meiner Lektorin bei Routledge, Susannah Frearson, dafür, mein Manuskript angenommen zu haben, aber auch für ihre klugen und intelligenten Ratschläge, für ihre Ermunterung und ihr Entgegenkommen während des Verhandlungsprozesses. Es war ein Vergnügen, mit ihr zu arbeiten. Gleiches gilt für meine Zusammenarbeit mit Heather Evans, die mir als Senior Editorial Assistant bei Routledge während des Herstellungsprozesses zur Seite stand. Mit ihrer Effizienz, Umsicht, Intelligenz und Klugheit hat Heather die Produktion des Buches für mich zu einer durch und durch erfreulichen Erfahrung gemacht. Und schließlich danke ich Maria Anson für ihr strenges und wohldurchdachtes Lektorat des Manuskripts.
Ich danke Andrea Harms für ihre Empfehlung, die deutsche Ausgabe meines Buches bei Brandes & Apsel zu veröffentlichen, und dem Verleger Roland Apsel für den Erwerb der Rechte von Routledge. Rolands Unkompliziertheit und seine nachdrückliche Unterstützung haben den gesamten Vorbereitungsprozess für mich zu einer konstruktiven, angenehmen Erfahrung werden lassen.
Die Zusammenarbeit mit meiner Übersetzerin Elisabeth Vorspohl war wie im Fall meines vorherigen Buches, Eine deutsche Generation, auch diesmal eine reine Freude. Dank Elisabeths ebenso intelligenter und kenntnisreicher wie umsichtiger und sorgfältiger Übersetzungsarbeit ist die deutsche Fassung meines Buches mindestens genauso gut, wenn nicht besser gelungen als das englischsprachige Original, das ich mehr oder weniger allein verfasst habe. Im Laufe unserer Zusammenarbeit an meinen beiden auf Deutsch erschienenen Büchern ist mir Elisabeth zu einer geschätzten Kollegin und Freundin geworden.
Dem Williams College danke ich für die Übernahme eines Großteils der Übersetzungskosten der deutschen Ausgabe. Mein Dank richtet sich auch an den Präsidenten, den Fakultätsdekan, den stellvertretenden Fakultätsdekan und das Kuratorium des Williams College für das Sabbatical und für die großzügige finanzielle Unterstützung, die ich im Laufe der beiden Sabbatjahre, in denen ich für dieses Buch forschen und das Manuskript schreiben konnte, erhalten habe. Die Unterstützung durch das College zeugt von der Bedeutung, die Williams einem Kollegium aktiver und produktiver Wissenschaftler beimisst.
Ein ganz besonderer Dank gilt meiner Kollegin und Freundin Alexandra Garbarini. Nichts, was ich geschrieben habe, ist von Alexandra nicht gelesen worden. Es gibt keine schwierige intellektuelle Frage, die ich nicht mit ihr hätte erörtern können. Ali hat jeden Satz in diesem Buch mindestens ein Mal und häufig öfter als ein Mal gelesen. Dieses Buch wäre ohne ihre Unterstützung, ihren Rat und ihre Intelligenz nicht geschrieben worden. Mir ist vollauf bewusst, welch großes Glück es ist, Ali als Freundin und Kollegin zu haben. Dass sie im Fachbereich Geschichte am Williams College tatsächlich meine Kollegin ist, erscheint mir manchmal fast wie ein Wunder. Abschließend danke ich meiner Frau Susan, meiner lebenslangen Freundin und Partnerin bei all meinen intellektuellen und persönlichen Unternehmungen.
Obwohl die meisten oder doch zumindest sehr viele Historikerinnen und Historiker ihr Einfühlungsvermögen nutzen, scheinen sie wenig geneigt, dies anzuerkennen.1 Sie tun sich eher schwer mit dem vagen, nicht stringent definierten Konzept der »Empathie«.2 Viele Menschen assoziieren damit Weichheit, Sanftheit, das heißt Eigenschaften, die gemeinhin eher als weiblich denn als männlich gelten.3 In diesem Sinn verstanden, wäre Empathie gegenüber den Menschen der Vergangenheit gleichbedeutend mit Versöhnlichkeit, Mitgefühl oder sogar Liebe. In krassem Gegensatz zu harter Evidenz, kühlem Verstand und strenger Logik scheinen die Merkmale, die der Empathie zugeschrieben werden, kaum vereinbar zu sein mit einer Disziplin, die sich vielleicht nach wie vor als rationalistisch, empirisch und objektiv, als eine »Social Science«, sehen möchte.4
Das englische Wort empathy ist relativ junger Herkunft. Es wurde tatsächlich erst 1909 geprägt, und zwar von dem Psychologen Edward Titchener als Übersetzung des deutschen Wortes Einfühlung. Als wissenschaftlicher Fachterminus war Einfühlung wiederum 1873 von dem Philosophen Robert Vischer in seiner Dissertation über Ästhetik theoriefähig gemacht worden.5 Das deutsche Wort Empathie ist also eine Rückübersetzung der englischen Übersetzung von »Einfühlung«. Die Vagheit des englischen empathy hat einige Forscher zu etymologischen Analysen des Begriffs, der sich von dem griechischen empatheia herleitet, bewogen, weil sie hofften, auf diese Weise den Schlüssel zu seiner eigentlichen Bedeutung zu finden. Dabei haben sie freilich übersehen, dass er direkt auf Titcheners eigenwillige Übersetzung zurückgeht.6 Zur Verwirrung trägt auch bei, dass das, was – im Englischen – unter empathy verstanden wird, häufig mit sympathy in der von dem Philosophen David Hume eingeführten und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein geläufigen Bedeutung, nämlich sympathetic understanding – einfühlsames Verstehen, nicht etwa Mitleid – gleichgesetzt wird. Die Bedeutung deutscher, synonym mit Einfühlung verwendeter Formulierungen wie sich hineinversetzen, nacherleben und nachbilden wird ebenfalls vom englischen empathy abgedeckt. Deutschsprachige Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, sowohl Historikerinnen als auch Literaturwissenschaftlerinnen, vornehmlich aber Psychoanalytikerinnen, sprechen aufgrund des Unbehagens, das sie bei dem Begriff Einfühlung beschleicht, stattdessen von Empathie, verwenden also die Rückübersetzung. Etliche der theoretisch differenziertesten und nachdenklichsten Befürworter einer empathischen Geschichtsforschung und einige der sensibelsten und einfühlsamsten Historikerinnen und Historiker haben den Begriff Einfühlung bzw. Empathie überhaupt nie erwähnt. Tatsächlich tauchen die Begriffe in den Schriften Reinhart Kosellecks, dessen Diskussion einfühlenden – oder empathischen – Verstehens in meinen Überlegungen eine wesentliche Rolle spielen wird, meines Wissens nicht auf. Indem Historiker und Historikerinnen ebenso wie andere Wissenschaftlerinnen das Wort Einfühlung bzw. Empathie vermeiden, möchten sie vielleicht leugnen oder verbergen, dass »Fühlen« und Forschen etwas miteinander zu tun haben könnten.
Das Unbehagen mit der Einfühlung oder der Empathie als Verfahren, menschliche Vergangenheit zu erforschen und zu verstehen, hat vielleicht nicht nur mit der semantischen Unschärfe oder mit den stereotypen Missverständnissen des Begriffs zu tun. Empathie stützt sich auf Evidenz, Logik, Vernunft und andere unumstrittene Instrumente der Geschichtsforschung, bezieht aber darüber hinaus Vorstellungskraft, Phantasie, Einsicht, Sensibilität für Menschen, emotionale Intelligenz, ja sogar emotionale Resonanz mit ein. Wenngleich diese Merkmale der Empathie nüchtern denkenden Empirikern ein unbehagliches Gefühl vermitteln können, sind es doch ebendiese Attribute, die die historische Praxis zu einem faszinierenden, kreativen und zutiefst menschlichen Unterfangen machen. Ohne sie kann man weder die menschlichen Beweggründe früherer Ereignisse verstehen noch die Art und Weise, wie Menschen der Vergangenheit sich selbst oder die Welten, in denen sie lebten, wahrgenommen haben. Infolgedessen benutzen die meisten Historikerinnen und Historiker ihr Einfühlungsvermögen, um die Vergangenheit zu studieren, auch wenn sie dies gegenüber ihren Lesern – oder gegenüber sich selbst – so gut wie nie anerkennen. Zum Beispiel schreibt Barbara Taylor: »[…] unsere Interpretationen von Subjektivitäten der Vergangenheit stützen sich auf unsere imaginativen bewussten und unbewussten Identifizierungen mit den Menschen, die wir erforschen. Diese durch Empathie gewonnene Erfahrung ist, so meine These, nicht optional; ohne sie ist Geschichtsschreibung gar nicht möglich.«7 Weder durch eine generelle Abneigung, ihre Vergangenheitsforschung konsequent zu reflektieren, noch durch ein mögliches Missbehagen ob der imaginativen und emotionalen Dimensionen ihrer Arbeit sollten Historikerinnen und Historiker sich beirren und daran hindern lassen, mit ihrer Empathiefähigkeit zu arbeiten. Sie müssen den Beitrag, den das Einfühlungsvermögen zur Geschichtsforschung leistet, anerkennen, sich ihres eigenen empathischen Vorgehens bewusst sein und systematisch und stringent über die Bedeutung, die Anwendungen, Implikationen und Grenzen der Empathie nachdenken.8
Obgleich Historiker und Geschichtsphilosophen der Empathie mit einigen wenigen bemerkenswerten Ausnahmen in den vergangenen Jahrzehnten keine systematische Aufmerksamkeit geschenkt haben, selbst wenn sie sich ihrer bedienten, steht sie heute im Fokus beträchtlichen wissenschaftlichen Interesses. Die Empathie ist zum Gegenstand einer umfangreichen und weiterhin wachsenden Literatur der Neurowissenschaften, der Zoologie, der Ethologie, der Philosophie des Geistes und der Phänomenologie, der Kognitionspsychologie, Entwicklungspsychologie und Sozialpsychologie, der Psychoanalyse sowie weiterer Disziplinen avanciert.9 Die Philosophin Amy Coplan hat vor einigen Jahren dreizehn Fachgebiete aufgelistet, welche die Empathie in ihren Fokus gerückt haben. Die Geschichtswissenschaft aber sucht man auf dieser Liste vergebens.10 Einer der Hauptgründe für die Aufmerksamkeit, die so viele andere Disziplinen der Empathie heute widmen, ist eine Entwicklung, die seit etlichen Jahrzehnten quasi zu ihrer »Naturalisierung« geführt hat. Neurowissenschaftliche Studien lassen vermuten, dass Menschen mit der neurobiologischen Fähigkeit ausgestattet sind, »die (expressive) Situation von Artgenossen automatisch zu identifizieren und empathisch zu verstehen«, wie Georg Vielmetter es formuliert hat.11 Vor dem Hintergrund der in den vergangenen zwei oder drei Jahrzehnten gewonnenen neurowissenschaftlichen Erkenntnisse gilt die Empathie, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Verruf stand, mittlerweile als eine grundlegende Eigenschaft, die es Menschen ermöglicht, einander zu »lesen« und zu verstehen.
Dass Einfühlung oder Empathie heute solch große Aufmerksamkeit findet, unterstreicht ihre Bedeutsamkeit. Gleichzeitig aber lassen die einschlägige Forschung auf vielen Feldern und die entsprechend florierende Literatur das Konzept noch verwirrender erscheinen. Repräsentanten verschiedener Disziplinen haben zahlreiche Empathie-Definitionen formuliert, die einander teils ergänzen, teils widersprechen. Der Sozialpsychologe C. Daniel Batson hat nicht weniger als acht verwandte, aber unterschiedliche Definitionen von Empathie identifiziert.12 Die Begriffsverwirrung lässt sich unter anderem darauf zurückführen, dass all die Disziplinen, für welche die Empathie heute so wichtig geworden ist, je eigene Gegenstände untersuchen und eigene Prioritäten setzen. Einige von ihnen, insbesondere die Philosophie des Geistes und die Phänomenologie, fokussieren in erster Linie auf die kognitive Dimension der Empathie, andere, insbesondere die Entwicklungspsychologie, auf ihre emotionale oder affektive Dimension, und wieder andere, vor allem die Zoologie und Ethologie, auf ihre »prosoziale« oder altruistische Dimension. Vor allem die kognitive Neurowissenschaft, die Philosophie, die Sozialpsychologie und die Psychoanalyse sind wiederum bestrebt, zwei oder sogar drei dieser Dimensionen zusammenzuführen. Immerhin drehen sich heutige Diskussionen über Empathie zumeist um die Frage, wie wir lesen und verstehen können, was andere Menschen denken und fühlen, denen wir direkt, von Angesicht zu Angesicht, im Hier und Jetzt gegenüberstehen. Welche Rolle die Empathie dabei spielt, das Denken und Fühlen von Menschen aus der Vergangenheit zu ergründen und zu begreifen, die wir lediglich indirekt, durch ihre Äußerungsweisen und Hervorbringungen, kennenlernen, wird in diesen Debatten eher selten gefragt – und wenn, dann in erster Linie deshalb, weil Geschichtsphilosophen wie Wilhelm Dilthey und R.G. Collingwood prominente Theoretiker der Empathie gewesen sind. Die Bedeutung der Empathie für die Erforschung der Vergangenheit scheint also gegenüber dem Verstehen anderer Menschen in der Gegenwart sekundär zu sein.
Dieses Buch handelt nicht von der Empathie als einem Gegenstand historischen Wissens, d. h. von der Rolle, die die Empathie und ihr Fehlen in der Geschichte gespielt haben. Dies ist ein legitimes und wichtiges Thema der historischen Forschung. In diesem Buch aber geht es um die Empathie als Instrument, Menschen der Vergangenheit historisch zu erforschen und zu verstehen. Das Buch erörtert die Geschichte des Konzeptes Empathie bzw. Einfühlung und seine wichtigsten Darstellungen in verschiedenen Disziplinen (einschließlich der Philosophie, Psychologie, Soziologie und Psychoanalyse) und schafft auf diese Weise die Grundlage für eine Untersuchung der Verwendung der Empathie in der Geschichtswissenschaft. Ein Hauptziel besteht dabei darin, Historikerinnen und Historiker zu einer sachlich fundierten und strengen Diskussion über die Rolle der Empathie in ihrer Disziplin anzuregen. Vielleicht lässt sich auf diese Weise auch die Skepsis überwinden, mit der manche von ihnen das Konzept betrachten. Das Buch plädiert für eine durchdachte, selbstreflektierte und selbstkritische Verwendung der Empathie als legitimes und wichtiges Instrument historischer Forschung.
Aufgrund der Vielzahl oft widersprüchlicher Auffassungen der Empathie müssen empathisch forschende Historiker über eine explizite Definition des Begriffs verfügen, die den Lesern und erst recht ihnen selbst klar ist und an der sie in ihrer Arbeit konsequent festhalten. In diesem Sinn wird Empathie hier als ein Erkenntnisverfahren, als Beobachtungsmodus und als Beobachtungsblickwinkel beschrieben, um die Menschen der Vergangenheit, ihr Fühlen, Denken und Handeln, zu ergründen und zu verstehen, indem man sich ihr Erleben vorstellt, es be-denkt und sich vielleicht sogar in ihr Erleben einzufühlen versucht. Obwohl dieses Sich-Hineinversetzen in Menschen vergangener Zeiten zu keinem geringen Grad ein rationales Geschehen ist, betont das Buch die entscheidende Rolle, die der Vorstellungskraft für die Geschichtsforschung zukommt, denn sie ermöglicht es Historikerinnen und Historikern, Menschen vergangener Epochen und Erfahrungen, die nicht ihre eigenen sind, zu verstehen. In der ewigen Streitfrage, ob in der Geschichtsschreibung die Gegenwart die Vergangenheit oder die Vergangenheit die Gegenwart dominiert, verlagert ein empathisches Geschichtsverständnis das Machtverhältnis zugunsten der Vergangenheit und räumt ihren Menschen, deren Wahrnehmungen, Erfahrungen und Gefühlen eine größere Autorität ein, als Historiker es traditionell zu tun pflegten. Wir sollten die Menschen der Vergangenheit tatsächlich weniger als passive Untersuchungsgegenstände denn als unsere Mitarbeiter betrachten, mit denen uns eine affektive und kognitive Beziehung verbindet, die alles, was wir über sie wissen und schreiben, zutiefst beeinflusst. Indem wir historische Subjekte empathisch, d. h. unter ihrem eigenen Blickwinkel statt unter dem der Gegenwart lesen, finden wir einen nicht-deterministischen Zugang zur Geschichte. Indem empathische Geschichtsforschung die Erfahrungen ernstnimmt, die von Menschen vergangener Zeiten ernstgenommen wurden, beleuchtet sie Möglichkeit und Kontingenz – nicht das, was letztlich geschehen ist, sondern was hätte geschehen können. Da die Position des Beobachters oder der Beobachterin vorgibt, was er oder sie zu sehen vermag, versucht das Buch zu zeigen, dass Geschichte, geschrieben unter einem empathischen Blickwinkel, also unter dem des historischen Subjekts, anders ist als Geschichtsschreibung, die sich den Vorteil der Rückschau zunutze macht – anders, aber ihr ebenbürtig.
Ich unterscheide in diesem Buch konsequent zwischen der äußeren und der empathischen Beobachtungsposition. Vom äußeren Beobachtungsstandort aus betrachten Geschichtswissenschaftler historische Phänomene unter ihrem eigenen Blickwinkel, mit all den Vorteilen, die Rückschau, Distanz und Weite der Sicht mit sich bringen. Von der inneren oder empathischen Beobachtungsposition aus betrachten sie historische Phänomene unter dem Blickwinkel der Menschen der Vergangenheit, um deren Welt so zu sehen und zu verstehen, wie sie selbst sie gesehen und verstanden haben. Obwohl manche Historiker (z. B. Wirtschafts- und viele Sozialhistoriker) diese Position der äußeren Beobachterin mehr oder weniger ausschließlich einnehmen, beziehen andere, die sich für die Erfahrung und das Erleben der Menschen interessieren (z. B. viele Kulturhistorikerinnen), häufig die empathische Beobachtungsposition, um die Gefühle, Gedanken und Handlungen ihrer historischen Subjekte zu erforschen und zu verstehen. Doch auch einfühlend forschende Historiker beziehen die äußere Beobachtungsposition, bevor, nachdem und während sie sich in Menschen vergangener Zeiten einfühlen. Denn weil auch sie nicht völlig aus ihrer eigenen Haut herauskönnen und auf einer bestimmten basalen Ebene sie selbst bleiben müssen, bleibt ihre Empathie immer begrenzt und partiell. Sie bestätigt die Andersheit, auch wenn sie die Differenz zu erforschen und zu verstehen sucht.
Dieses Buch plädiert somit für eine selbstreflektierte Einstellung der Historikerin, die die Perspektive des historischen Subjekts einnehmen möchte. Für Historiker ist es von entscheidender Bedeutung, sich der eigenen Beobachtungsposition stets bewusst zu sein – nicht zuletzt deshalb, weil sich Geschichte, wie schon erwähnt, unter dem äußeren Blickwinkel anders als unter dem empathischen darstellt. Ich habe den Eindruck, dass Historiker und Historikerinnen vielleicht auch wegen dieser Schwierigkeit nur selten bewusst darauf achten, wann sie sich in historische Subjekte einfühlen und wann nicht. Die Notwendigkeit zu unterstreichen, sich der eigenen Beobachtungsposition bewusst zu vergewissern, ist eines der wesentlichen Anliegen des Buches.
Und schließlich eignet dem Buch auch eine persönliche Dimension. Dass ich Historiker bin und darüber hinaus auch eine psychoanalytische Ausbildung absolviert und für kurze Zeit als Psychotherapeut gearbeitet habe, ist das eine. Hinzu kommt, dass ich mich hier mit dem Werk meines Vaters, des Psychoanalytikers Heinz Kohut, auseinandersetze, der die Empathie nicht nur ins Zentrum seiner Theorie gerückt hat, sondern Introspektion und Empathie als diejenigen Attribute betrachtete, welche die Psychoanalyse als ein dem psychischen Leben der Menschen gewidmetes Forschungsfeld definieren. Die zentrale These des Buches – dass nämlich Historiker und Historikerinnen, die die Vergangenheit erforschen, jeweils zwei unterschiedliche Beobachtungspositionen beziehen – geht im Grunde auf die Unterscheidung meines Vaters zwischen der von ihm so genannten »Extrospektion« und der »empathischen« Beobachtungsposition zurück. Heinz Kohut zufolge beobachten wir die äußere Welt, die wir verstehen möchten, von der extrospektiven Position aus, indem wir unsere Sinnesorgane benutzen und bei Bedarf auch Instrumente wie Teleskope oder Mikroskope zu Hilfe nehmen. Im Gegensatz dazu beobachten wir die innere Welt der Menschen, die wir verstehen möchten, introspektiv, durch Beobachtung unseres eigenen Lebens und durch Empathie, von Kohut mitunter auch als »stellvertretende Introspektion« oder »Anwendung des introspektiven Beobachtungsmodus auf einen anderen Menschen«13 bezeichnet. Insoweit sich Psychoanalytikerinnen und Historikerinnen auf Empathie stützen, versuchen sie, sich in das Erleben anderer Menschen hineinzudenken, einzufühlen und hineinzuversetzen.14 In diesem Buch zeige ich Parallelen und Unterschiede auf zwischen der Art und Weise, wie Psychoanalytikerinnen Empathie verwenden, um Menschen in der Gegenwart zu verstehen, und der Art und Weise, wie Historiker und Historikerinnen Empathie verwenden, um Menschen aus der Vergangenheit zu verstehen.
1 Peter Loewenberg und Barbara Taylor sind der mehr oder weniger uneingestandenen Verwendung der Empathie durch Historiker, die Menschen der Vergangenheit zu verstehen versuchen, auf den Grund gegangen. Loewenberg (2007). Cultural History and Psychoanalysis. In: Psychoanalysis and History 9(1), S. 19; Taylor (2012), Historical Subjectivity, in: Psyche and History. Hg. von Sally Alexander und Barbara Taylor. Basingstoke (Palgrave Macmillan), S. 199. Siehe auch das vor wenigen Jahren erschienene Buch Empathy and History: Historical Understanding in Re-Enactment, Hermeneutics and Education. New York/Oxford (Berghahn) 2018, S. 2f., von Tyson Retz. Als hilfreich für meine Untersuchung der Empathie hat sich mir die von engagierter, intelligenter und gedankenvoller Arbeit zeugende unveröffentlichte Dissertation von Frederic William Lieber, The Legacy of Empathy: History of a Psychological Concept (Indiana University) 1995, erwiesen.
2 Nicht nur Historikerinnen und Historiker, sondern auch Psychoanalytikerinnen und -analytiker, die Empathie als ein weithin anerkanntes, zentrales Konzept betrachten, klagen häufig über die lockere, Stringenz vermissen lassende Anwendung des Begriffs, über seine Vagheit und die Vielfalt seiner Bedeutungen. Siehe z. B. Stefano Bolognini (1997). Empathy and ›Empathism‹. International Journal of Psycho-Analysis 78; Warren Poland (2007). Clinician’s Corner: The Limits of Empathy. American Imago 64.
3 Persön. Mitteilung der Psychoanalytikerin Jane Tillman.
4 Dominick LaCapra (2001). Writing History, Writing Trauma. Baltimore (Johns Hopkins University Press), S. 38; LaCapra (2004). Tropisms of Intellectual History. Rethinking History 8/4): 503.
5 Karsten Stueber (2014). Empathy. In: Standford Encyclopedia of Philosophy. Hg. von Edward Zalta. Palo Alto (Stanford University Press); Jay Winter (2016). From Sympathy to Empathy: Trajectories of Rights in the Twentieth Century. In: Empathy and Its Limits. Hg. von Aleida Assmann & Ines Detmers. London/New York (Palgrave Macmillan), S. 101. Für eine bündige Darlegung der Rolle der Einfühlung in Vischers Theorie der Ästhetik siehe Retz, Empathy and History, S. 75. Auch wenn der Begriff bei ihm nicht auftaucht, scheint Johann Gottfried Herder das, was er besagt, schon 100 Jahre vor Fischer formuliert zu haben. Laura Hyatt Edwards (2013). A Brief Conceptual History of Einfühlung: 18th Century Germany to Post-World War II U.S. Psychology. History of Psychology 16(4): 272f.
6 George Pigman weist darauf hin, dass empathy in Wirklichkeit gar nichts mit dem griechischen empatheia zu tun hat. Pigman (1995). Freud and the History of Empathy. International Journal of Psycho-Analysis 76: 243. Etymologisch ergibt es mehr Sinn, sich auf die Wurzeln von Einfühlung zu besinnen, wie Laura Hyatt Edwards es getan hat. Aus dem Mittelhochdeutschen hergeleitet, bedeutet fühlen so viel wie »durch Berührung ergreifen, erfassen, mit Sicherheit wissen«, »›die Art und Weise, etwas zu betrachten, was man nicht sehen kann‹ […}, mit allen holistisch vereinten Sinnen«. Edwards, A Brief Conceptual History of Einfühlung, S. 271.
7 Taylor, Historical Subjectivity, S. 205-206.
8 Ebd.
9 Der Geschichtsphilosoph Dominick LaCapra ist eine dieser bemerkenswerten Ausnahmen. Erst jüngst publizierte Tyson Retz ein Buch, das den Status der Empathie in der Geschichtsforschung im Zusammenhang mit der Geschichte des Historismus, das Denken R. G. Collingwoods und Hans-Georg Gadamers und insbesondere die Ausbildung von Sekundarschullehrern in Großbritannien, Kanada und Australien zum Thema hat. Offenbar hat Retz sich letztlich dafür entschieden, Collingwood und Gadamer auf eine Weise zusammenzuführen, die »eine bessere Alternative zur Empathie« als Möglichkeit, Ereignisse und Ideen historisch zu verstehen, bietet. Retz, Empathy and History, S. 11; siehe auch S. 113, 122, 127, 128, 131, 153, 154, 157, 166, 215.
10 Amy Coplan (2011). Understanding Empathy: Its Features and Effects. In: Empathy: Philosophical and Psychological Perspectives. Hg. von Amy Copland & Peter Goldie. Oxford (Oxford University Press), S. 2.
11 Georg Vielmetter (2000). The Theory of Holistic Simulation: Beyond Interpretivism and Postempiricism. In: Empathy and Agency: The Problem of Understanding in the Social Sciences. Hg. von Hans Herbert Kogler & Karsten Stueber. Boulder (Westview), S. 87.
12 C. Daniel Batson (2009). These Things Called Empathy: Eight Related but Distinct Phenomena. In: The Social Neuroscience of Empathy. Hg. von Jean Decety & William John Ickes. Cambridge, MA (MIT Press).
13 Lotte Köhler (2013). Von der Freud’schen Psychoanalyse zur Selbstpsychologie Heinz Kohuts: Eine Einführung. In: Von der Selbsterhaltung zur Selbstachtung: Der geschichtlich bedingte Wandel psychoanalytischer Theorien und ihr Beitrag zum Verständnis historischer Entwicklungen. Hg. von Hans Kilian & Lotte Köhler. Gießen (Psychosozial), S. 39. Heinz Kohut hat seine Auffassung, dass Introspektion und Empathie die Psychoanalyse als Forschungsfeld definieren, in zwei wichtigen Essays dargelegt. Der erste wurde 1959 und der zweite 1982, ein Jahr nach seinem Tod, publiziert: Heinz Kohut (1977 [1959]). Introspektion, Empathie und Psychoanalyse: Zur Beziehung zwischen Beobachtungsmethode und Theorie. Übers. von Käte Hügel. In: ders., Introspektion, Empathie und Psychoanalyse. Frankfurt am Main (Suhrkamp), S. 9–35; (2016 [1982]). Introspektion, Empathie und der Halbkreis der psychischen Gesundheit. Übers. von Elisabeth Vorspohl. In: ders., Psychoanalyse in einer unsicheren Welt. Texte aus den Jahren 1960–1981. Gesammelte Werke Bd. 1. Hg. von Eva Rass & Lotte Köhler. Gießen (Psychosozial), S. 211–234.
14 Thomas A. Kohut (1986). Psychohistory as History. American Historical Review 91(2).
Auch wenn die Rolle, die der Empathie für den Erkenntnisgewinn in der Geschichtswissenschaft zukommt, bis heute nur wenig Beachtung findet, wurde die Einfühlung – oder das, was der Begriff bezeichnen soll – implizit und häufig auch explizit im Rahmen der allgemeineren Diskussionen betrachtet, die sich während eines Großteils des 19. und mehrerer Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts um die Beziehung zwischen dem Wissen in den Naturwissenschaften einerseits und in den Geisteswissenschaften andererseits drehten. In diesem Zusammenhang wurde die Einfühlung häufig zum entscheidenden Merkmal der einzigartigen Methode unseres Verstehens der menschlichen Welt erhoben.15 Beträchtliche Aufmerksamkeit fand sie vor allem in zwei Disziplinen, die sich im Laufe des 19. Jahrhunderts anschickten, Menschen und ihre Lebenswelten zu erforschen: erstens in der Geschichtswissenschaft als Studium der Menschen und ihrer Gesellschaften in der Vergangenheit, und zweitens in der Soziologie als Studium der Menschen und ihrer Gesellschaften in der Gegenwart.16
Die Rolle, die der Empathie für unsere Kenntnis der menschlichen Welt im Allgemeinen und der Vergangenheit des Menschen im Besonderen zukommt, lässt sich mindestens bis zu Giambattista Vico, einem Philosophen und Historiker des frühen 18. Jahrhunderts, zurückverfolgen. Vico entwickelte seine Geschichtsphilosophie in Reaktion auf seinen jüngeren Zeitgenossen David Hume, der die Ansicht vertrat, dass der »Hauptnutzen« der Geschichte
»nur darin [liege], die beständigen und allgemeinen Prinzipien der menschlichen Natur zu entdecken, indem sie die Menschen in den verschiedensten Verhältnissen und Lagen darstellt […]. Diese Berichte über Kriege, Intrigen, Klüngel und Revolutionen sind ebensoviel Sammlungen von Erfahrungstatsachen (experiments), aus denen der Politiker oder Geisteswissenschaftler (politician or moral philosopher) die Prinzipien seiner Wissenschaft feststellt; in der gleichen Art, wie der Physiker oder Naturwissenschaftler (physician or natural philosopher) die Beschaffenheit der Pflanzen, Mineralien und anderer äußerer Gegenstände durch die Erfahrungstatsachen kennenlernt, die er hierzu zusammenstellt.«17
Im Gegensatz zu Hume bestritt Vico, dass die menschliche Welt in gleicher Weise gekannt werden könne wie die Welt der Natur. Mit seinem berühmten Verum-factum-Prinzip – Verum et factum convertuntur oder: Das Wahre und das Gemachte sind austauschbar – legte Vico sowohl die Unterscheidung zwischen der Welt der Natur und der menschlichen Welt als auch die Rechtfertigung unseres einzigartigen, privilegierten Zugangs zu letzterer auf eine Weise dar, die wir mühelos zur Empathie in Beziehung setzen können.18 Allein Gott, so Vico, kennt die Wahrheit über die natürliche Welt, denn diese ist seine Schöpfung. Wir können die physikalische Welt nur von außen beobachten oder indem wir experimentieren und Gottes Erschaffung der natürlichen Welt im Labor nachzubilden versuchen. Die Wahrheit über die menschliche Welt hingegen können wir von innen ergründen, da wir selbst sie gemacht oder erschaffen haben, und deshalb »muss ihr Wesen in den Modifikationen unseres eigenen menschlichen Geistes zu finden sein«.19 Laut dem Philosophen und Ideengeschichtler Isaiah Berlin argumentierte Vico, dass wir »den Prozess der Erschaffung« der menschlichen Welt »in unserer Vorstellung nacherleben« und ein »wahres« Wissen über die menschliche Vergangenheit erwerben können, weil die menschliche Welt von Menschen wie uns selbst hervorgebracht wurde, deren Gedanken und Handlungen wir zu teilen vermögen.20
Häufig ohne sich darüber im Klaren zu sein, vertraten deutsche Philosophen, die sich im 19. Jahrhundert gegen die Repräsentanten des aufgeklärten Rationalismus wandten, dieselbe Unterscheidung wie Vico zwischen Erkenntnissen in den Naturwissenschaften als einer Form des äußeren Wissens und geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen als einer Form des inneren Wissens, das auf Verstehen beruht, das heißt auf einem Prozess, der mit dem, was wir heute als Empathie bezeichnen, identisch ist oder ihm doch sehr nahekommt. Tatsächlich verwandte Johann Gottfried Herder die Formulierung »sich hinein fühlen«, als er behauptete, man müsse sich in Menschen »einfühlen«, um sie und ihre Schöpfungen verstehen zu können. Herder sah den Zusammenhang von Wissen und Fühlen nicht auf die menschliche Welt beschränkt, sondern bezog ihn auf das Wissen über die Welt insgesamt. Dennoch erhob er mit seiner These, dass jede Kultur ihren eigenen Geist und Wert besitze und man sich in andere Kulturen einfühlen müsse, um deren Geist und Wert kennenlernen und würdigen zu können, die Einfühlung zu der Methode, Zeit, Ort und Geschichte eines Volkes zu erfassen.21
Im Gefolge Herders erhielt die Empathie im Sinne des Sich-Hineinfühlens für die meisten späteren Versuche, die Art des für die Geisteswissenschaften, insbesondere die Geschichte, charakteristischen Wissens zu definieren und zu artikulieren, zentrale Bedeutung.22 In den 1830er Jahren gab Leopold von Ranke, der als Begründer der modernen quellenbasierten Geschichtswissenschaft gilt, Vico Resonanz, indem er behauptete, dass die »Essenz« oder der »Gehalt« eines jeden historischen Phänomens »geistig« seien und deshalb nur »durch geistige Apperzeption« erkannt werden könnten. Die »Apperzeption« dieser geistigen Essenz durch den Historiker beruht Ranke zufolge »auf der Übereinstimmung der Gesetze, nach welchen der betrachtende Geist verfährt, mit denen, durch welche das betrachtete Objekt hervortritt«.23 Auch wenn Ranke von seinem Zeitgenossen Gustav Droysen dafür kritisiert wurde, wenig mehr zu tun »als Fakten zu sammeln«, betrachtete Droysen historische Erkenntnis genauso wie der ältere Kollege als »geistige Apperzeption«24 und als Erkenntnisweise, die nicht allein die historische Wissenschaft charakterisiert, sondern sämtliche Geisteswissenschaften. Was diese von den Naturwissenschaften unterscheide, sei, so Droysen, die Tatsache, dass letztere die physikalische Welt der Natur erklären, während die Geisteswissenschaften die geistige Welt des Menschen verstehen. Die Naturwissenschaften erklären, indem sie formale Verallgemeinerungen konstruieren, die die Gestalt universaler Gesetze »repetitiver Kausalketten« annehmen, während die Geschichts- und anderen Geisteswissenschaften »die einzigartige innere Welt des Geistes« durch Einfühlung verstehen.25 Ebenso wie Vico war Droysen überzeugt, dass unser Wissen über die Welt der Natur oberflächlich sei, weil alles, was zur Natur gehört, »uns kein individuelles, wenigstens kein persönliches Sein« besitzt, während die Spuren, die Menschen der Vergangenheit hinterlassen haben, uns verständlich sind und zu uns sprechen: »Die Möglichkeit des Verstehens besteht in der uns kongenialen Art der Äußerungen, die als historisches Material vorliegen.«26 In der Geschichtswissenschaft können wir die innere Verfassung der Menschen der Vergangenheit durch die Äußerungen, die sie hinterlassen haben, nachvollziehen, weil wir selbst das Produkt der Geschichte sind und das, was wir wissen wollen, bereits in uns enthalten ist, das Ergebnis, wie Droysen es formulierte, »des ganzen geistigen Inhalts [der Vergangenheit], den wir unbewusst in uns gesammelt und zu unserer geistigen Welt subjektiv geformt haben«. Letztlich ist es unsere eigene Geschichtlichkeit, die es uns ermöglicht, die Vergangenheit zu kennen.27
Der Philosoph, mit dem die Unterscheidung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften am häufigsten in Verbindung gebracht wird, ist Wilhelm Dilthey. Er betrachtete die Geschichte als paradigmatische Disziplin der Geisteswissenschaften. In einer beeindruckenden Reihe von Schriften, die allesamt durch reiche Vorstellungskraft und tiefe Einsicht, aber auch durch wechselnde Ansichten und einen gewissen Mangel an intellektueller Stringenz charakterisiert sind, versuchte sich Dilthey im Gefolge Kants an einer »Kritik der historischen Vernunft«, die als »erkenntnistheoretische Grundlegung der Geisteswissenschaften« dienen sollte.28 Während die Naturwissenschaften die physikalische Welt der Natur untersuchen, beschäftigen sich die Geisteswissenschaften mit der geistigen und/oder psychischen Welt der Menschen. Ebenso wie Vico und Droysen betrachtet auch Dilthey die physikalische Welt als »bloße[n] Schatten, den eine uns verborgene Wirklichkeit wirft, […] Realität, wie sie ist, besitzen wir nur an den in der inneren Erfahrung gegebenen Tatsachen des Bewußtseins«.29 Für Dilthey bestand der Unterschied zwischen Natur- und Geisteswissenschaften weniger in ihren Untersuchungsgegenständen als vielmehr in ihrer Untersuchungsweise, speziell in der Beziehung des Beobachters zu seinem Untersuchungsgegenstand.30In den Naturwissenschaften können wir die physikalische Welt lediglich von außen, durch Sinneswahrnehmung, studieren. In den Geisteswissenschaften können wir die Welt des Denkens und Fühlens von innen, indem wir sie erleben, erkennen.31 Mit Droysen behauptete Dilthey, dass die Naturwissenschaften lediglich erklären, da wir »die Prozesse der Natur nicht verstehen […]. Anders verhält es sich im Bereich der moralischen [menschlichen] Welt. Hier verstehe ich alles.«32 Geisteswissenschaftliches Wissen gründet demnach »im Erleben und Verstehen, und in beiden machen sich sogleich durchgreifende Unterschiede von den Naturwissenschaften geltend, welche dem Aufbau der Geisteswissenschaften seinen eigenen Charakter geben«.33
Dilthey war überzeugt, dass objektives Wissen in den Geisteswissenschaften aufgrund der Identität von Subjekt und Objekt des Wissens möglich sei:34
»Die erste Bedingung für die Möglichkeit der Geschichtswissenschaft liegt darin, dass ich selbst ein geschichtliches Wesen bin, dass der, welcher die Geschichte erforscht, derselbe ist, der die Geschichte macht. […] Im Erleben ist die Totalität unseres Wesens. Eben dieselbe bilden wir im Verstehen nach.«35
Das heißt also, objektives Wissen ist Dilthey zufolge in den Geisteswissenschaften im Allgemeinen und in der Geschichte im Besonderen möglich, weil Mittel und Zweck der Erkenntnis identisch sind. Erfahrung ist das, was wir zu wissen bestrebt sind, und zugleich das Medium, durch das wir es kennenlernen. Dilthey konzipierte speziell das historische Verstehen als Resultat des Nacherlebens vergangener Erfahrung durch den Historiker. Auch wenn er das Wort »Einfühlung« nie benutzte, zeigen Wörter und Formulierungen wie sich hineinversetzen, nacherleben und nachbilden, dass wir innere Erfahrung – die »Tatsachen des Bewusstseins«, die die menschliche Welt konstituieren – durch »eine Art Transposition« kennenlernen, d. h. indem wir uns in die Lage des Anderen hineinversetzen und sein Erleben nacherleben.36
Im Allgemeinen unterscheiden Wissenschaftler zwischen dem frühen Dilthey der Einleitung in die Geisteswissenschaften von 1883 und dem späten Dilthey, der 1910 Der Aufbau der historischen Welt in den Geisteswissenschaften veröffentlichte. Der frühe Dilthey war überzeugt, dass objektives Wissen in den Geisteswissenschaften möglich sei, weil wir und die Menschen, die wir erforschen, einander psychisch, wesenhaft, ähnlich seien. In der Geschichte können wir Erfahrungen der Vergangenheit ergründen, weil der Historiker und die Menschen jener Vergangenheit sich »nicht als zwei unvergleichbare Thatsachen gegenüber[stehen]: auf der Grundlage der gemeinen Menschennatur haben sich beide gebildet«. Ebendiese gemeinsame menschliche Natur ermöglicht Verstehen im Allgemeinen und historisches Verstehen im Besonderen.37 Erfahrungen der Vergangenheit oder, wie Dilthey sagt, »Tatbestände in der Gesellschaft« »sind uns von innen verständlich, wir können sie in uns, auf Grund der Wahrnehmung unserer eigenen Zustände, bis auf einen gewissen Punkt nachbilden«.38 Wir erforschen die menschliche Welt in einem Prozess des Erlebens, des Ausdrucks und des Verstehens. Unsere empathische Vorstellungskraft, unsere gemeinsame Menschlichkeit und unser eigenes Erleben befähigen uns, frühere Erfahrung in der eigenen Psyche nachzubilden.39 Durch Introspektion können wir beobachten, was wir nach-erlebt haben, wir können es identifizieren, ausdrücken, verstehen und interpretieren.
Der spätere Dilthey distanzierte sich von der Vorstellung, dass eine menschliche Universalpsychologie uns Zugang zu früheren Erfahrungen gewähre, und übernahm die eher hegelianische Sicht, dass historisches Verstehen möglich sei, weil der Historiker ebenso wie die Vergangenheit teilhat an einem vage definierten »objektiven Geist«, den er als »Lebensphilosophie« bezeichnete und in dem »die Vergangenheiten, in denen sich die großen Totalkräfte der Geschichte gebildet haben, Gegenwart« sind.40 Droysen folgend, ermöglicht uns also laut Dilthey eine gemeinsame Historizität Zugang zu Erfahrungen der Vergangenheit. Das Individuum, so schreibt er, »versteht die Geschichte, weil es selbst ein historisches Wesen ist«.41 Einige Wissenschaftler sind der Ansicht, dass Dilthey sich hier von der Empathie entfernt und historisches Verstehen in einer universalen Hermeneutik zu gründen versucht, in »einer gemeinsam geteilten und gemeinsam verstandenen historischen Welt«.42 Der frühe Dilthey hatte angenommen, dass wir die Vergangenheit erkennen können, indem wir uns in die Menschen der Vorzeit hineinversetzen und eigene Erfahrungen wiedererleben, die mit ihren Erfahrungen identisch sind – sie haben den gleichen Inhalt. Im Gegensatz dazu nahm der späte Dilthey an, dass wir unser Wissen um die Erfahrungen der Vergangenheit, auch die, die sich von unseren eigenen deutlich unterscheiden, erwerben, weil wir und die Menschen der Vergangenheit am selben universalen Prozess der Objektifizierung der Erfahrung teilhaben. Um es mit den Worten des Soziologen Jürgen Habermas zu sagen: Für den späteren Dilthey »ist das erkennende Subjekt zugleich Teil des Prozesses, aus dem die kulturelle Welt selber hervorgeht«.43 Indem er zu dem Zusammenhang von Erleben, Ausdruck und Verstehen zurückkehrte, betonte der frühere Dilthey in erster Linie unsere empathische Einbildungskraft, unsere gemeinsame Menschlichkeit und unsere eigenen Erlebnisse, die es uns ermöglichen, vergangene Erlebnisse in uns selbst nachzubilden. Der spätere Dilthey betonte in erster Linie den Prozess, durch den wir beobachten, konzeptualisieren, verstehen und interpretieren, was wir nacherlebt haben.44 Soweit ich sehe, betrachtete Dilthey Erfahrung, die konzeptualisiert, verstanden und interpretatorisch gefasst wurde, als »objektivierte« Erfahrung, als ein Erleben, das aus den zeitlichen und räumlichen Zwängen befreit wurde, die es haben entstehen lassen, und das den Status objektiven Wissens, ja vielleicht historischer Wahrheit, angenommen hat.45
Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs folgte der Philosoph, Humanist und – gelegentlich auch – Politiker Benedetto Croce sowohl seinem Idol Vico als auch Dilthey, indem er den grundlegenden epistemologischen Unterschied zwischen dem Erkennen der Natur und dem Erkennen der Geschichte hervorhob. Wenn wir die Vergangenheit der Menschheit »von außen« betrachten und darüber ihre geistige Essenz vernachlässigen, verwandelt sich diese Geschichte laut Croce in eine »vertrocknete und mechanische« Form der Naturgeschichte.46 Er stellte die Chronik (eine reine Ereignisschilderung) der lebendigen, gegenwärtigen Geschichte gegenüber47 und sah in dem Historiker denjenigen, der den toten Fakten der Vergangenheit Leben einhaucht, indem er früheres Denken in seiner eigenen Vorstellung wiederaufleben lässt.48 Mit seiner Sichtweise, dass der Historiker Denken der Vergangenheit erneut denkt und Erfahrungen der Vergangenheit nachbildet, antizipierte Croce R.G. Collingwood (der sein Werk später ins Englische übersetzen sollte).49 Doch anders als sein Nachfolger Collingwood, dessen Hauptaugenmerk der Kausalität in der Geschichte galt, lehnte Croce eine auf Ursachen fokussierende Geschichtsschreibung ab, weil sie das historische Besondere seiner Ansicht nach auf ein Mittel zum Zweck reduziert. Stattdessen betrachtete er das Partikuläre in Form früherer Ideen und Erfahrungen als den eigentlichen Gegenstand historischer Forschung.50 Und anders als sein Vorgänger
