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Als EnchanTress verfügt Triss über große Macht, nur hat sie all das leider komplett vergessen … Triss' Leben besteht aus seltsamen Zufällen. Doch als eines Morgens ihre Chefin explodiert und plötzlich ein Unbekannter auftaucht, der ihr erklärt, dass sie eigentlich eine begabte Hexe ist, versteht sie gar nichts mehr. Mit dem charmanten Nicholas an ihrer Seite jagt sie im heißen Sommer Siziliens den Spuren der Vergangenheit hinterher und kommt mit jeder Erinnerung nicht nur ihrer wirklichen Identität näher, sondern auch der Wahrheit darüber, wer dieser Mann einst für sie war … Humorvolle Cosy-Romantasy voller Magie, Geheimnisse und großer Gefühle – für Fans von Marah Woolf und Evie Woods.
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Seitenzahl: 591
Veröffentlichungsjahr: 2026
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eBook-Neuausgabe April 2026
Copyright © der Originalausgabe 2022 Bookapi Verlag e.K. Theodor-Heuss-Str. 5, 89340 Leipheim
Copyright © der eBook-Neuausgabe 2026 dotbooks GmbH, München
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Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ae)
ISBN 978-3-96898-392-9
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Martina Wilms
Roman
Die in diesem Buch geschilderten Handlungen und Tatsachen sind frei erfunden und entspringen der blühenden Fantasie der Autorin sowie ihren mannigfaltigen Erfahrungen mit den einzigen nachgewiesen übersinnlichen Wesen dieser Welt: Katzen.
Nichts von dem, was hier geschildert wird, ist eine Anweisung zur Durchführung von Magie - sollte es euch dennoch gelingen, Gegenstände zu manifestieren, Portale zu erschaffen oder hinreißende Hexenmeister an eure Seite zu zaubern, schreibt auf, wie ihr das hinbekommen habt, und meldet euch unverzüglich beim Originalverlag Bookapi und der Verzapferin dieser Geschichte.
Mir war klar, dass heute kein normaler Tag werden würde, als meine Chefin vor meinen Augen explodierte. Das passiert nicht so oft, wie man meint - allerdings wundert mich nach dieser verrückten Woche eigentlich gar nichts mehr.
Ich meine … Menschen passieren doch immer irgendwelche Missgeschicke, nicht wahr? Ich habe mir nie etwas dabei gedacht, wenn es den Kaffee meiner Lästerkollegin Theodora nicht mehr in ihrer Tasse hielt, oder wenn die Brötchen des Vordränglers beim Bäcker in einer Pfütze landeten. Gut, dass meiner Zahnärztin ausgerechnet dann die Jeans am Hintern aufplatzte, als sie mir unsanft eine Spritze ins Zahnfleisch jagte, war schon ein ganz besonderer Zufall.
Aber es war ein Zufall.
Jetzt allerdings stehe ich im Büro meiner Chefin, betrachte ihre matschigen Überreste, die sich quer durch das Zimmer verteilen, und hinterfrage meine Lebensentscheidungen. Wie um alles in der Welt konntest du dich in diesen Schlamassel bringen, Beatrissa Russo?
Ich kann gerade einen weiteren Aufschrei verhindern, als sich die Bürotür öffnet und ein blondes Männermodel in Armani hineinschlüpft.
»Fuck.« Er stemmt die Hände in die Hüften und schüttelt den Kopf, den Blick auf den Haufen Ex-Mensch vor meinen Füßen gerichtet. »Immer dieser scheiß Verkehr.«
Mein linkes Augenlid zuckt. »Ich war das nicht.«
Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. »Natürlich nicht. Kann ja mal vorkommen, dass du einen Anschiss bekommst und die Tussi jetzt, nun ja, das hier ist.«
Etwas an ihm irritiert mich – und es ist nicht allein die Tatsache, dass ihn dieses Horrorszenario in keiner Weise zu verwundern scheint. Wer ist dieser Kerl? Seine Haare scheinen nicht da bleiben zu wollen, wo er sie gern hätte - und mit der perfekt sitzenden Krawatte, dem dunkelblauen Anzug und den Schuhen, die so glänzend poliert sind, dass ich in ihnen mein Make-up auffrischen könnte, sieht er eher so aus, als wollte er mir einen Kredit verkaufen.
Er atmet einmal tief durch und schüttelt den Kopf. »Eine schöne Sauerei hast du da wieder veranstaltet, Triss.«
»Was? Ich? Und – Triss? Wer -«
Doch die Worte bleiben mir im Hals hängen wie ein vergessener Zahnstocher in einer Roulade, als dieser gelackte Fatzke vor sich in die Luft greift und plötzlich einen Plastikeimer in der Hand hält.
»Und immer, wenn man mal in Ruhe aufs Klo will.« Er zieht Gummihandschuhe über und macht sich daran, den Dreck vom Fußboden einzusammeln. Also … eigentlich bewegt er sich nicht vom Fleck, sondern dirigiert die Fleischlappen und den übrigen Matsch in den Eimer, ohne irgendetwas zu berühren.
Cazzo! Ich stehe mitten in einem Tatort und hinterlasse vermutlich sämtliche Arten von Spuren, die in forensischen Lehrbüchern zu finden sind!
»War ich das wirklich?«
»Japp.« Er hockt sich hin und lugt unter den Schreibtisch. Kurz darauf landen zwei schwabbelige Fettklumpen in dem Eimer.
»O mein Gott …« Mein Atem geht immer schneller. »Ich meine, ich habe sie umgebracht, oder? Das wollte ich nicht, das hat sie nicht verdient!«
Sein Blick bohrt sich in meinen. »Reg dich ab. Das wird schon wieder.« Etwas an seinen Augen ist ungewöhnlich, sie sind blau, fast schon türkis. Wie ein Amazonit.
Ein Amazonit? Meine Fresse, Beatrissa, jetzt reiß dich zusammen! Du verstehst genauso wenig von Edelsteinen wie davon, eine Frau in achtzig Kilo Hackfleisch zu verwandeln!
»Das wird schon wieder?« Wild fuchtele ich in der Luft herum. Das darf doch alles nicht wahr sein! Vor mir kriecht ein Schönling mit Gummihandschuhen in seinem maßgeschneiderten Anzug auf dem Boden, um Leichenteile einzusammeln. Viel fehlt nicht mehr, und ich falle in eine hübsche Ohnmacht, aus der mich dann die Mordkommission wecken darf.
»Das ist nur eine Fleischwunde.« Der Typ streicht sich mit dem Unterarm die Haare aus dem Gesicht und wirft mir einen prüfenden Blick zu. »Du musst das langsam echt mal lassen. Es wird immer schwieriger, das zu vertuschen.«
Ich starre ihn an.
Ungerührt wendet er sich von mir ab und hebt den Eimer hoch, kippt seinen Inhalt über dem schwarzen Lederstuhl aus und modelliert ein bisschen daran herum.
Übelkeit schlägt auf mich ein wie ein Gummihammer.
»So, ich hoffe, wir haben kein Teil übersehen.« Er sieht mich an und rollt mit den Augen. »Meine Güte, sei nicht so aufgelöst. In einer halben Stunde ist sie wieder ganz die Alte. Komm.«
Ich starre immer noch.
»Triss? «
»Bea«, murmele ich abwesend, und dann verpasst mir mein Verstand so etwas wie eine interne Hallo-wach-Ohrfeige. »Wer bist du? Was ist hier los? Kannst du zaubern? Ist das ein Albtraum?«
»Ähm …« Er denkt kurz nach. »Du heißt Triss und ich Nicholas Romero. Ich räume deine Unordnung auf. Ja. Und nein. Ich glaube, jetzt haben wir alles.« Er öffnet die Tür. »Kommst du?«
Ich werfe einen Blick auf den Schreibtischstuhl und dann auf ihn. Ein Lächeln bringt seine türkisfarbenen Augen noch mehr zum Strahlen. Ein netter Typ eigentlich, sympathisch - wenn wir beide nicht gerade vor einem Haufen Leichenteilen stehen würden. Irgendwoher kenne ich ihn.
»Waren wir in derselben Klasse?«
Sein Lächeln wird breiter. »Ich war eine Klasse über dir. Komm jetzt. Es sei denn, du willst dir das ansehen.«
Er verschwindet durch die Tür und ich glaube, von den beiden Alternativen, die mir gerade bleiben, ist er das kleinere Übel. Also husche ich hinterher.
Und schnappe nach Luft wie ein Karpfen an Land. Meine Kollegen … sie bewegen sich nicht. Kein Stück. Was zur Hölle geht hier vor sich?
Nicholas folgt meinem Blick. »Ach das. Ich habe nur kurz die Zeit angehalten. Ist immer sehr lästig, wenn Menschen einen Nervenzusammenbruch bekommen.«
»Lästig?«, piepse ich.
Er nickt. »Du kannst dir sicher vorstellen, wie anstrengend es ist, wenn zwanzig Leute wie am Spieß herumschreien, die Polizei rufen oder ein TikTok-Video von all dem machen wollen.«
Ich starre ihn an, als wäre er direkt vor meinen Augen zu einem 1,90 Meter großen dunkelblauen Frosch mutiert, und schüttele einfach nur den Kopf.
»Ich müsste jedem Einzelnen von ihnen eine scheuern, damit sie aufhören, herumzubrüllen, ihr Gedächtnis löschen, Ersatzerinnerungen schaffen … Das hält ganz schön auf. Gutes Zeitmanagement ist Gold wert.« Er setzt sich auf einen Schreibtisch, lässt die Beine baumeln und blättert durch die Unterlagen meines Kollegen Adriano. Adriano wirkt darüber ziemlich entrüstet, auch wenn er gerade so starr auf seinem Stuhl sitzt wie eine Schaufensterpuppe.
Ich habe ja schon einige Seminare zum Thema Zeitmanagement besucht, aber … Gedächtnis löschen gehörte bisher nie zum Kursinhalt.
Desinteressiert legt Nicholas die Papiere zurück, sieht rasch auf seine Armbanduhr. »Meine Güte, jetzt mach schon.«
Sein Blick huscht zur Eingangstür, doch ich habe nur Augen für den gelben, schwabbeligen Klumpen, der sich hinter ihm im Büro meiner Chefin vom Rest des Fleischbergs löst und langsam Richtung Fußboden rollt.
Mein Magen meldet sich. Zaghaft, aber deutlich. Es kann nicht mehr lange dauern, bis er sich gewaltsam Linderung verschafft.
»Du siehst ein wenig blass um die Nase aus.« Der Typ greift vor sich ins Nichts. »Kaffee?«
Ich möchte gar nicht wissen, wie blöd ich ihn und den Pappbecher in seiner Hand anstarre. »Ja. Mit Milch bitte.«
Er rollt mit den Augen. »Ach verdammt, richtig.« Der Becher verschwindet vor meiner Nase und er holt einen neuen hervor, hält ihn mir hin. »Dass ich mir das nie merken kann.«
Automatisch greife ich danach. Kaffee, dampfend heiß und duftend. Ob das gerade das Richtige für meinen Magen ist?
Ich schiele noch einmal auf den roten Matschhaufen hinter dem Schreibtisch. »Irgendwie tut sich da nichts.«
Er wendet sich um, eine runde blaue Tasse mit goldenen Sternen in der Hand, und trinkt einen großen Schluck.
Ich nippe lieber vorsichtig - wer weiß, wie spontan materialisierter Kaffee schmeckt? Vor einigen Jahren habe ich mir so stark die Zunge verbrannt, dass ich drei Tage lang das Gefühl hatte, ich hätte einen Flokati im Mund, aber dieser Kaffee hier ist überraschend gut, genau so, wie ich ihn mag.
Seine Edelsteinaugen blitzen. »Das dauert ein Weilchen.«
Ich stelle meinen Kaffeebecher auf den Tisch und krame mein Handy hervor.
»Halthalthalthalthalthalthalt!« Nicholas springt auf. »Was wird das?«
»Wonach sieht es denn aus? Ich mache ein paar Erinnerungsfotos!« Für die nächste Weihnachtsfeier. Und falls ich mal was zum Erpressen brauche.
Noch während meines Versuchs, Adriano in einem aussagekräftigen Winkel zu erwischen, schnappt Nicholas nach dem Telefon wie ein Frosch nach einer Fliege.
»Das wirst du schön bleibenlassen!« Er schiebt sich mein Handy in die Innentasche seines Sakkos. »Sowas ist ziemlich unprofessionell, findest du nicht? Ich mache ja auch keine Fotos von dir unter der Dusche!«
Die Hand mit dem Kaffeebecher verharrt auf halbem Weg zu meinem Mund, mitten in der Luft. »Bitte?«
Unschuldig wie ein Welpe, der in die Ecke gepinkelt hat, sieht er mich an. »Was?«
»Wie meinst du das?«
»Was denn?« Er räuspert sich und blickt erneut auf seine Uhr. »Schon zwanzig Minuten. So langsam müsste sie sich mal beeilen. Wir sollten längst weg sein.«
»Hast du mich auch schon mal eingefroren? Unter der Dusche?«
Er lehnt sich ein wenig zurück und grinst mich fröhlich an.
»Du …« Ich schnappe nach Luft.
»Keine Sorge.« Er nimmt noch einen Schluck und lässt sich Zeit damit, ihn herunterzuschlucken. »Da ist nichts, was ich nicht schon einmal gesehen hätte. Irgendwie.«
Mit einem lauten Platschen ergießt sich brühend heißer Kaffee über meine Füße.
Mit einem tadelnden Blick schüttelt er den Kopf. »Wieso schaffst du es nicht einmal, deine Getränke da zu lassen, wo sie hingehören?« Er zieht einen Aufnehmer aus der Luft und wirft ihn über die Pfütze.
Ich stehe da und beschränke mich darauf, ihn anzustarren. Wieso redet er so, als würden wir uns kennen? Und wie zaubert er all diese Haushaltsgegenstände aus dem Nichts?
Mit einem Seufzen hockt sich Mr. Dunkelblauer Anzug vor mich hin. Hinter ihm purzelt ein weiterer Fettbrocken über den Schreibtischstuhl und landet mit einem schmatzenden Geräusch auf dem Boden. Speichel schießt mir in den Mund.
»Die Schuhe sind ruiniert, fürchte ich.« Er zieht sie mir von den Füßen.
Ich beobachte ihn, diesen fremden Mann, der vor mir kniet, als wollte er mir einen Antrag machen, meine Sneakers in seinen Händen. »Wie schade«, sage ich mechanisch. »Die waren noch keine drei Wochen alt.«
Die Überreste meiner Chefin erzittern, als würden sie in einem Auto sitzen, das in rasantem Tempo über Kopfsteinpflaster fährt. Mit kaputten Stoßdämpfern. Ich zwinge mich dazu, meinen Blick von dem bebenden Fleischberg abzuwenden.
Nicholas wirft meine Schuhe achtlos hinter sich, und noch bevor sie auf dem grauen Linoleumboden landen können, werden sie von der Luft verschluckt. Seine Augen blitzen. »Möchtest du dieselben Schuhe?«
Ich bin im falschen Film. Das alles … das ist so unwirklich. Woher kennt er mich? Und warum kommt er mir so vertraut vor? Als würde mein Verstand mir etwas verheimlichen, was mein Unterbewusstsein besser weiß.
»Ja«, höre ich mich piepsen, »die waren eigentlich ganz schön, oder?«
»Zumindest sahen sie recht bequem aus.« Mit einem Schulterzucken greift er neben meinen Kopf.
Ich packe seinen Arm. Sein Duft steigt mir in die Nase, ein Duft nach frischer Wäsche und … Nachhausekommen.
Er sieht mich an, mit einem seltsamen Blick, traurig irgendwie, und schnell nehme ich die Hand wieder fort.
»Könntest du sie vielleicht eine Nummer größer, ähm, materialisieren? Die haben ein bisschen gedrückt, vorne links, am kleinen Zeh.«
Mit einem Schmunzeln zieht er makellose weiße Turnschuhe aus dem Nichts und ich schlüpfte hinein. Bequem. Aber ich weiß immer noch nicht, wer dieser Mann ist und was er will. Und woher er mich kennt, und warum sein Kaffee besser schmeckt als in meinem Lieblingscafé … und wie er ihn aus dem Nichts holen kann - inklusive einem hübsch gemusterten Pappbecher.
Hinter ihm dringen schmatzende Laute aus dem Büro meiner Chefin. Mein Magen überlegt nachdrücklich, ob es jetzt an der Zeit ist, sich zumindest von dem Kaffee zu trennen, und schnell schnappe ich mir seine Tasse, um den Geschmack von aufsteigender Galle zu übertünchen. Doch, igitt, wie ein Karamellbonbon! Viel zu viel Milch und entschieden zu süß - und zu kalt. Aber irgendwie …
»Mensch Triss, das magst du doch gar nicht.« Nicholas gönnt mir einen strafenden Blick und holt sich seinen Kaffee zurück. Hinter ihm gibt der Matschberg ein besonders lautes Schmatzen von sich. Er dreht sich kurz um. »Na endlich! Bei allen Walküren, ich dachte schon, die lässt sich diesmal Zeit bis zum Wochenende!« Mit drei Schritten ist er bei der Bürotür und zieht sie unsanft ins Schloss, zuckt entschuldigend mit den Schultern. »Ich weiß nicht, ob du das diesmal verkraftest.«
»Diesmal?« Ich bekomme Kopfschmerzen, ganz sicher. Mein Atem beschleunigt sich. »In meinen ganzen 26 Lebensjahren ist mir sowas noch nicht passiert! Ich würde mich doch erinnern … sowas würde ich nicht vergessen … ich …«
Mühsam schnappe ich nach Luft. Mein Atem geht schnell, viel zu schnell. Noch ein bisschen und ich falle von meinem Schreibtisch wie eine reife Pflaume vom Baum.
Mit zwei Schritten ist er bei mir. Warm legen sich seine Hände um meine Wangen, sachte und beruhigend. Mein Puls verlangsamt sich und ich habe keine Ahnung, warum.
»Triss«, sagt er leise und fixiert mich. »Sieh mich an, sieh mir in die Augen.« In diese Augen, die aussehen wie reinster Amazonit. »Du musst vergessen … vergiss, was -«
Schwindel ergreift Besitz von mir. »Ich kenne dich doch …«, flüstere ich, und ruckartig zieht er die Hände zurück, als hätte er sich verbrannt.
»Du erinnerst dich?«
Ich spüre es in meinem Hinterkopf, aber es will nicht hervorkommen. Wie ein Buch, das auf dem obersten Regal steht. Ich komme nicht heran, obwohl ich weiß, dass es da ist. »Wer bist du?«
Er schluckt, atmet schwer. »Sie kommen zurück … sie kommen wirklich zurück …«
»Wer kommt zurück?« Ich taste nach seiner Hand, halte sie fest, die Hand dieses wildfremden, seltsamen Mannes, der mir so unfassbar vertraut vorkommt.
Nicholas blinzelt, als erwachte er aus einem tiefen Traum. »Okay, lassen wir das. Du musst mit mir kommen.« Er wendet sich dem Büro meiner Chefin zu und zieht mich mit sich.
Versucht er zumindest. Ich bewege mich keinen Zentimeter.
»Ich werde nirgendwo mit dir hingehen.«
Genervt fährt er herum. »Du wirst. Pass auf, Triss, wenn du hierbleibst, wirst du nicht lange allein sein. Es ist dir vermutlich aufgefallen, dass es nicht ganz so normal ist, diese Ziege in Hackfleich zu verwandeln, oder?«
»Sie ist immer noch meine Chefin. Ohne sie könnte ich mir diese Schuhe gar nicht leisten.«
»Gerade dann solltest du auf die richtige Größe achten.« Er schnaubt. »Sie ist eine dumme Pute. Sie sollte gar nicht deine Chefin sein!« Er verengt die Augen. »Triss, das, was du getan hast, ist verboten. Und wenn wir nicht schleunigst von hier verschwinden, nachdem wir alle Spuren verwischt haben, wirst du die Konsequenzen dafür tragen müssen.«
Mein Mund ist plötzlich ausgedörrt. »Konsequenzen? Was für Konsequenzen?«
Er packt meine Schultern und irgendetwas in mir zuckt vor ihm zurück. »Soll ich dir noch einen Kaffee besorgen, um es dir in Ruhe zu erklären? Himmel, Triss, wir müssen abhauen, sonst kann ich dich nicht vor ihnen beschützen! Sie werden sich sicher nicht von deinen Rehaugen und den beneidenswert glänzenden Haaren bis zum Arsch beeindrucken lassen, das kann ich dir sagen!«
Beschützen? Vor wem? Himmel, wo bin ich hier nur reingeraten? »Aber ich bin doch nur eine Sekretärin!«
Er zieht die Augenbrauen noch ein wenig mehr in die Höhe. »Und? Bist du eine gute Sekretärin?«
»Nein«, gebe ich kleinlaut zu.
»Eben. Du bist deutlich besser in magischen Dingen. Und warum ist das so?« Er wirft einen weiteren nervösen Blick auf seine Armbanduhr. »Weil du keine Sekretärin bist.«
»Blödsinn.« Vorwurfsvoll funkle ich ihn an. »Das ist mein Beruf, das habe ich gelernt!«
»Aha«, sagt er. »Wie würdest du reagieren, wenn ich dir erkläre, dass das, was du sagst, nicht ganz richtig ist?«
»Ich würde dich für noch bescheuerter halten, wenn das nur möglich wäre.«
Er schmunzelt und wieder klingelt hinten in meinem Kopf ein kleines, zartes Glöckchen.
»Ich habe einen Abschluss in Büromanagement, seit sieben Jahren.«
»Nein«, sagt er knapp. »Hast du nicht.«
»Woher willst du denn wissen -« Ich atme tief durch, sammle mich eine Sekunde. »Ich sehe es genau vor mir, ich mit meinem Abschlusszeugnis vorn auf dem Podium!«
»Aha. Du siehst dich. Und wer saß im Publikum?«
»Ich … ich weiß nicht … Alle?«
Der eingebildete Sack hebt stumm die Augenbrauen.
»Meine Eltern? Mein … Freund?«
»Ist das eine Frage oder eine Aussage? Was hattest du an?«
»Ein blaues Kleid mit Flügelärmeln«, antworte ich wie aus der Pistole geschossen.
Er nickt langsam. »Um-hm. Und wo hast du es gekauft?«
»Was?« Irritiert blicke ich ihn an. Wen interessiert das? Er hat gerade in dem Zimmer nebenan Modellieren mit Leichenteilen veranstaltet, erzählt mir, dass ich verfolgt werde, und jetzt braucht er Shoppingtipps? »Willst du dir auch ein blaues Kleid kaufen?«, gebe ich patzig zurück.
Er verschränkt die Arme vor der Brust. »Nein, ernsthaft. Wo hast du es gekauft?«
Genervt schüttele ich den Kopf. Der Spinner soll einfach nur meine Chefin wiederbeleben, sich auf seinen Besen setzen und damit in den Sonnenuntergang reiten! Ich habe das Bild verdammt nochmal klar vor Augen: Ich auf der kleinen Bühne in der Aula, die langen Haare in der Mitte zusammengenommen, in meinem blauen Kleid mit den transparenten Flügelärmelchen, bekomme mein Abschlusszeugnis überreicht von Signore … Signore … Mist, jetzt fällt mir sein Name nicht mehr ein! Aber er sieht auch nicht in die Kamera … Herr … wie hieß er noch gleich? Moment. Shit.
Der Hollywoodstar-Hexenmeister betrachtet mich ruhig, prüfend, und mir wird klar: Ich kann mich nicht erinnern, wie mein Rektor hieß, nicht einmal daran, wie er aussah. Groß, klein, dick, dünn? Glatze oder Hippie-Matte? Ich habe keinen Schimmer. Und ich dort vorne auf der Bühne … Immerhin blicke ich in Richtung des Zuschauerraums, und … wo ist dieses verfluchte Kleid überhaupt abgeblieben?
»Maledetto«, teile ich ihm schließlich mit. »Ich kann mich nicht erinnern.«
Sein Blick ist ernst und irgendwie abwesend. »Weil es nie passiert ist. Niemand hätte dich jemals in eine Schule für Büromanagement geschickt. Nicht bei deiner Begabung. Glaubst du mir jetzt endlich?«
Ich klappe den Mund auf, um mit der ersten von drei Millionen Fragen zu beginnen, die durch meinen Kopf rasen, doch plötzlich, wie aus dem Nichts, ertönt ein lautes »Ping!«, wie von einer Mikrowelle. Kurz darauf erzittern die Kaffeebecher auf den Schreibtischen unter einem ohrenbetäubenden Schrei.
»Wow«, murmele ich und suche seinen Blick. »Ich habe sie ja schon öfter herumschreien hören, aber dass sie so gute Lungen hat?«
Nicholas fummelt in aller Seelenruhe in den Innentaschen seines Jacketts herum und zieht Ohrenstöpsel hervor. »Okay, da verlangt jemand nach mir. Kommst du? Erschreck dich nicht. Sie wird splitterfasernackt sein.«
»Moment.« Ich mache einen Schritt auf ihn zu, bleibe aber direkt wieder stehen. »Was passiert jetzt?«
»Das Übliche.« Er zuckt mit den Schultern und schiebt sich die Stöpsel in die Ohren. »Erst scheuere ich ihr eine, damit sie die Klappe hält, dann ziehe ich ihr schleunigst etwas an und verändere ihre Erinnerungen. Die letzten beiden Punkte sind variabel.« Er grinst.
»Machst du das öfter?« Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf. »Du siehst ziemlich viele Menschen nackt, was?«
Sein Lächeln ist wirklich schön. Es bringt sein Gesicht zum Strahlen und seine Augen blitzen wie geschliffene Kristalle. »Mach dir keine Sorgen um mich. Wenn es allzu schlimm wird, stelle ich mir dich unter der Dusche vor.«
Er schlüpft in das Zimmer und nur Sekunden später verstummt das Gebrüll. Meine Chefin steht da und starrt Nicholas mit dem glückseligen Ausdruck eines Seehundes an, dem der Tierpfleger gerade mit einem fetten Fisch vor der Nase herumwedelt.
Ich mustere sie skeptisch. »Kommt sie wieder in Ordnung?«
Nicholas zupft den Kragen ihrer Bluse zurecht. »Mit Sicherheit. Das hat bisher immer funktioniert. Nur braucht das Gehirn einen Moment, bis alle Verbindungen wiederhergestellt sind. Sie fährt gerade das System wieder hoch, sozusagen.« Nicholas dreht meine Chefin einmal um die eigene Achse und nickt zufrieden. »Ich denke, wir sind hier fertig. Lass uns endlich abhauen, bevor -«
Ein leises Vibrieren lässt ihn innehalten. Hektisch zieht er ein schickes schwarzes Mobiltelefon aus seiner Hosentasche und liest die Nachricht.
Mit einem Ruck sprintet er quer durchs Zimmer und knallt die Bürotür ins Schloss, dreht den Schlüssel um. »Cazzo di merda, dass sie so schnell sind, ich …« Er packt mich, zerrt mich hinter sich her. »Los! Komm jetzt!«
Meine Synapsen brennen durch. Ich reiße mich los. »Nein! Ich verstehe überhaupt nichts mehr!«
»Die Hexenpolizei. Sie werden dich holen, wenn wir nicht sofort von hier verschwinden. Und glaube mir, das willst du noch weniger, als mit mir zu gehen.« Mit beiden Händen umfasst er mein Gesicht, sieht mich eindringlich an. »Du kennst mich, Triss, du hast es gespürt. Vertrau mir. Bitte.«
Sein Blick flackert nervös zur Tür.
Erneut packt er meine Hand und zieht mich zu einer kleinen, unauffälligen Tür am anderen Ende des Raums, greift nach dem Türgriff.
»Bäh!« Ich rümpfe die Nase. »Das ist ihr Privatklo. Ohne Fenster. Ich höre ständig die Reinigungskräfte jammern, wenn sie es saubermachen müssen.«
Nicholas wirft einen Blick über meine Schulter, und plötzlich höre ich sie: Stimmen und Schritte, sehe, wie sich die Klinke langsam bewegt.
»Wir werden uns nicht auf ihrer Toilette verstecken. Jetzt halt deine Klappe und mach einfach, was ich dir sage!«
Er macht ein paar seltsame, zackige Bewegungen mit seiner Hand, bis die Spalte grellblau zu glimmen beginnen. Dann reißt er die Tür auf und schubst mich hindurch, hinein in ihre dunkle, stickige Toilette. Nicholas schiebt sich hinter mich in den engen Raum und schließt die Tür, bevor er auf der anderen Seite eine weitere öffnet, und ich schnappe nach Luft.
Wir sind bei mir zu Hause.
Mitten in meinem Kleiderschrank.
»Was ist das? Ein Witz?«
Kameras! Hier muss es versteckte Kameras geben, das ist die einzige Erklärung für das alles!
Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht Nicholas mich an. »Was?«
Ich fuchtele vor seinem Gesicht herum. »Na, das hier! Das ist doch nicht normal … Meine Chefin fliegt in die Luft, du baust sie wieder zusammen und plötzlich stehe ich mitten in meinem Schrank! Mit dir!«
»Ja?«, fragt er langsam. »Worauf willst du hinaus?«
»Worauf ich -« Ich hyperventiliere und ein wildes Lachen bricht aus mir hervor. »Ich bin ein Mensch, keine Figur in einem scheiß Film! So etwas passiert mir nicht!«
»So etwas passiert dir ständig«, knurrt er und schiebt mich in mein Schlafzimmer. »Du erinnerst dich nur nicht daran.«
Ich hechele und halte mich an meiner Kommode fest. »Woher wusstest du, wo ich wohne?«
Jetzt sieht er verwirrt aus. »Du meinst heute? Oder im Allgemeinen?«
»Im Allgemein- cielo, wie oft bist du schon hier gewesen?«
Er beißt sich auf die Unterlippe, mustert die Zimmerdecke, als würde er in Gedanken nachzählen. »So zehn, fünfzehn Mal? Zwanzig?«
Ich zwinkere nicht einmal. »Und du kommst immer durch den Schrank?«
»Ja?«
»Ohne anzuklopfen?«
Er schlendert zu mir. »Wenn ich anklopfe und du bittest mich nicht herein, würde ich mich sehr unwohl dabei fühlen, einfach so hier einzudringen. Deshalb erspare ich uns das direkt.«
»Ach so.« Ich klammere mich fester an das dunkle Holz. »Das erklärt immer noch nicht, woher du weißt, wo ich wohne.«
Sein Blick zeigt deutlich, dass er an meinem Verstand zu zweifeln scheint. »Hast du immer noch nicht geschnallt, dass wir uns kennen, Triss?«
»Beatrissa!«
»Triss!«
Ich stöhne laut auf und vergrabe meine Finger in meinen Haaren. »Wieso nennst du mich so?«
»Weil das dein Name ist.« Er klopft auf die Kommode. »Und jetzt pack ein paar Sachen zusammen, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.«
»Beatrissa! Ich heiße Beatrissa, verdammt!«
Nicholas schüttelt den Kopf und wirft einen Blick in meine Unterwäscheschublade, holt ein paar Slips hervor. »Ich habe dich immer schon Triss genannt, Triss.«
Ich vergrabe das Gesicht in meinen Händen. Dieser Mann kennt mich. Ich ihn nicht. Er kennt meinen Namen und er weiß, wo ich arbeite, wo ich wohne, wo ich meine Lieblingsstrings aufbewahre. O Himmel, ein Stalker?
Dafür spricht, dass er alles Mögliche über mich zu wissen scheint.
Dagegen spricht, dass meine Chefin vor knapp anderthalb Stunden explodiert ist und er sie vor meinen Augen mit seinen Zauberkräften wieder zusammengepuzzlet hat.
Leise seufze ich. Vermutlich ist das einer dieser Momente, in denen man seine komplette Weltsicht überdenken sollte.
Ich blicke wieder auf. »Nicholas?«
»Ja?«
»Was bist du?«
»Ein Mann. Ich dachte, das wäre dir aufgefallen.« Er schmunzelt, ohne den Blick aus meiner Sockenschublade zu nehmen, und ich unterdrücke den Impuls, ihn kräftig auf den Oberarm zu boxen.
»Möchtest du, dass ich dich auch in deine Einzelteile zerlege?«
Sein Blick wird düster. »Ein Hexer.«
Gut, das überrascht mich nach den jüngsten Erlebnissen weniger, als es vielleicht sollte. »Und ich bin?«
Er zuckt mit den Schultern. »Eine Hexe.«
Hm. Okay. Ich kaue auf meiner Unterlippe. »Also kann ich auch zaubern? Hexen?«
Nicholas wiegt den Kopf und schiebt die Sockenschublade zu. »Das setzt voraus, dass du weißt, wie es funktioniert – und genau das ist im Augenblick dein Problem.«
Mit einem leisen Knarren öffnet sich die Schlafzimmertür und Nicholas schreckt auf, schiebt sich vor mich. Was –
Aber es ist nur Mimi. Grazil stolziert sie herein, reibt ihr weißes Köpfchen an meinem Bein und setzt sich dann auf ihre vier Katzenbuchstaben, um sich das Pfötchen zu lecken.
Nicholas stößt ein genervtes Stöhnen aus, entspannt sich merklich. »Mensch Herb! Du hast mich zu Tode erschreckt!«
Mimi lässt die Pfote sinken, betrachtet ihn aus ihren großen, bernsteinfarbenen Augen. »Musstest du der Puppe mal wieder den Arsch retten?«, sagt sie mit der Reibeisenstimme eines fünfzigjährigen, biersaufenden Kettenrauchers.
Ich schreie auf. Hat meine Katze gerade …?
»Oh, sie ist gar nicht im Dämmerland?« Mimi wirft mir einen interessierten Blick zu.
Nicholas zuckt mit den Schultern und richtet seine Krawatte. »Ich fürchte, dafür ist es langsam zu spät. Die Extincteure kommen ihr immer schneller auf die Spur. Und sie erinnert sich.«
»Was für eine Kacke«, sagt meine kleine, weiße Katze und widmet sich wieder ihrem Pfötchen. »Na ja. Wem man‘s nimmt.«
»Was sind Extincteure?«, flüstere ich in ihr leises Schmatzen hinein. »Und warum kann Mimi sprechen?«
Nicholas schiebt sich die Hände in die Hosentaschen und mustert mich prüfend. »Welche Antwort ist dir wichtiger?«
Ich überlege kurz. Offenbar sind wir verfolgt worden und offenbar wollte Mr. Konfirmationsanzug hier mir irgendwelche Drogen verpassen, aber … »Mimi«, piepse ich.
Mit einem leisen Knurren lässt sich die schneeweiße Katze auf den Teppich fallen. »Soll ich es ihr erzählen? Jetzt?«
Nicholas zuckt erneut mit den Schultern. »Warum nicht?«
»Himmel, was würde ich jetzt für eine Kippe geben!« Mimi seufzt. »Hexchen, du musst jetzt ganz stark sein: Also, wie du vermutlich schon erraten hast, bin ich keine Katze, sondern ein Dschinn, der sich dieses hübsche flauschige Gefäß als neues Zuhause ausgesucht hat.«
»Ein Flaschengeist«, hauche ich fassungslos und taste nach der rettenden Kommode, bevor diese Information mir die Beine unter dem Hintern wegzieht.
»Katzengeist«, korrigiert er mich mit seiner versoffenen Männerstimme. »Das ist ein Übersetzungsfehler. Katze. Nicht Flasche. Ich war erst ganz schön angepisst, dass ich diesmal ein Mädchen erwischt hatte. Aber ein paar nächtliche Ausflüge später musste ich gestehen: so uninteressant ist das gar nicht.«
Drogen.
Es kann gar nicht anders sein.
In dem Kaffee heute Morgen. Der Kaffeetyp baggert schon seit Wochen an mir herum, und vielleicht hat er … Ich schüttele den Kopf. »Heißt das, jedes Mal, wenn ich dich gestreichelt habe, hatte ich einen Wunsch frei?«
Wenn eine Katze stolz übers ganze Gesicht strahlen könnte, würde es so aussehen. »Und ich habe dir jeden einzelnen erfüllt.«
»Was?«
»Mimi, lass die Vase stehen! Mimi, ich wünschte, du würdest die Streu im Katzenklo lassen. Mimi, würdest du bittebitte nicht auf den Teppich kotzen!« Mit ihrer langen, rosa Zunge schlabbert sich meine Katze die komplette Vorderpfote entlang. »Sind das Wünsche oder nicht?«
Mr Konfirmationsanzug stößt ein warmes Lachen aus und ich fahre herum, schieße tödliche Pfeile aus meinen Augen in seine Richtung, und er lacht noch mehr.
»Was denn? Er ist ein Dschinn, da kannst du nicht erwarten, dass er offen und ehrlich ist. Er ist ein Schlitzohr!«
»Ich …« Wild fuchtele ich in der Luft umher, und wieder kommt mir die Fähigkeit zu Atmen abhanden. »Ich … Wir sind hier doch nicht bei Aladin, verdammt!«
Ein Mini-Blitz schlägt neben der kleinen Katze in den Boden ein und sie springt in die Höhe wie ein Gummiball.
»Wow«, murmelt Cole.
Wir starren uns an. War das … kam das von mir?
Mimi streckt den Schwanz in die Höhe und macht sich in Richtung Wohnzimmer davon. »Blöde Ziege«, motzt sie im Rausgehen. »Ich bin eine Hexe«, äfft sie mich nach, »aber sowas wie Dschinns gibt es nicht, und deswegen kann ich sie auch ungestraft angreifen. Pff.«
»Moment.« Nicholas schlüpft durch die Zimmertür und kommt zwanzig Sekunden später mit einer fauchenden und sich windenden Katze auf dem Arm zurück. »Jetzt lass den Scheiß, Herb. Wenn du mir nur einen Striemen verpasst, hexe ich dir eine Zecke an den Arsch, die sich gewaschen hat. Sie hat versehentlich gezaubert. Gleich werden die anderen hier sein.«
Kontrolliert atme ich ein und aus, um nicht wieder eins dieser magischen Wesen mit mir im Raum zu attackieren. »Und wer sind sie? Diese Extincteure?«
Nicholas zieht sein Smartphone aus der Tasche und entsperrt es, scrollt darauf herum. »Sie sind so etwas wie der hexische Geheimdienst, sorgen dafür, dass solche Szenen wie bei dir heute im Büro schön unter den Teppich gekehrt werden.«
»Nicht den fliegenden«, wendet Herb ein. »Der ist nämlich nur ein Mythos.«
»Extincteure spüren die Benutzung von Magie in Anwesenheit der Menschen und machen sich dann auf, alles wieder ungeschehen zu machen.« Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck steckt Nicholas das Handy zurück in seine Anzughose. »Dasselbe gilt, wenn Hexen versehentlich zaubern - so wie du.«
»Und dafür würden die mich verhaften?«
Ein stummes Nicken ist seine Antwort.
»Kann man sie irgendwie erkennen?«
Er zuckt mit den Schultern. »Leider sehen sie aus wie du und ich und sind damit nahezu unsichtbar.«
»Er meint das wörtlich«, knurrt Herb und würgt an einem Fellknäuel herum.
»Runter vom Bett!«, herrsche ich ihn an und gebe ihm einen Schubs. »Letztens hast du mir fünf Pfützen in die Küche gekotzt, und in einer lag eine tote Maus!«
»Das lag nur am Bier«, murrt Herb und sucht das Weite.
»Am Bier?« Ich schnappe nach Luft wie eine empörte Matrone. »Alkohol ist nicht gut für Katzen!«
Herbs Gelächter dringt aus dem Nebenzimmer und ich weiß nicht, was mich mehr verstört: dass er lacht oder wie es klingt. »Sagt wer?«
»Alkohol kann bei Katzen zu schweren Leber- und Hirnschäden führen!«
»Als ob das jetzt noch etwas ausmachen würde!«, ruft Herb von drüben, und kurz darauf höre ich ein lautes Scheppern.
Genervt stöhne ich auf. »Was hat das Vieh jetzt schon wieder heruntergerissen?«
»Nick!« Herb kommt im gestreckten Galopp zurück ins Schlafzimmer geschossen und bremst rutschend auf dem Holzboden.
Ein lautes Poltern lässt mich zusammenzucken. Aber Mimi … ich meine Herb … wenn er hier ist …
»Polizei!«, ruft jemand von nebenan. »Wer Sie auch sind, kommen Sie heraus!«
»Cazzo di merda.« Nicholas fährt herum wie von der Tarantel gestochen. Der Ausdruck auf seinem Gesicht … etwas stimmt hier nicht. Die Polizei – sie will mir helfen, oder? Kommen Sie heraus, haben sie gesagt. Das sagt man nicht, wenn man jemandem zu Hilfe kommt, oder?
»Triss!« Nicholas fischt im Vorbeigehen die Katze vom Boden hoch und packt mich am Arm, zerrt mich mit sich, so heftig, dass ich fast das Gleichgewicht verliere. Dann stößt er mich so grob in den Kleiderschrank, dass ich einen Satz nach vorne mache.
***
Fast wäre ich von dem Ast gefallen, auf dem wir stehen, und in die Tiefe gestürzt, hätte er mich nicht im letzten Moment von hinten zu fassen gekriegt. Seine Arme fest um meine Taille gelegt, spüre ich nichts als seinen schweren Atem und den Wind in meinen Haaren.
»Che cazzo fai, Romero?« Herb quetscht sich durch unsere Beine. »Willst du uns zur Abwechslung umbringen, oder was?« Leichtfüßig springt er auf einen tiefergelegenen Ast. »Die Küche wäre keine Option gewesen?« Murrend hopst er von Ast zu Ast, bis er schließlich 15 Meter weiter unten im trockenen, hohen Gras verschwindet.
Ich hechele nur noch vor mich hin, während mein Verstand vorübergehend den Bluescreen eingeschaltet hat.
»Triss? Alles gut?«
»Nicholas? Baum … wieso …«
»Schht!« Er drückt mich ein wenig fester an sich und beugt sich vor, presst seine Wange an meine Schulter, um den Stamm entlang nach unten spähen zu können. Sein sauberer, frischer Duft weht mir in die Nase, und wieder regt sich etwas in meinem Inneren, das ich nicht greifen kann. Ich kenne ihn. Irgendwoher.
Konzentriert fixiert er einen ausgetretenen Pfad am Boden. Grillen zirpen in der abendlichen Hitze, vollkommen unbeeindruckt von den beiden seltsamen Vögeln hoch über ihnen.
Vorsichtig drehe ich mich zu ihm. »Was hörst du denn da?«
Ein genervter Blick trifft mich. »Nichts, wenn du mich ständig vollquatschst. Also sei still.« Er verändert seine Position minimal, lässt das trockene Gras und den Weg unter uns nicht aus den Augen.
Grillen, nichts weiter, so sehr ich mich auch konzentriere. Ein regelmäßiges nerviges Zirpen, dann und wann unterbrochen vom emsigen Rascheln einer Maus auf der Suche nach einer leckeren Abendmahlzeit.
»Hier ist niemand.« Eine Stimme. Eine fremde.
Ich zucke so heftig zusammen, dass Nicholas seinen Griff um meinen Bauch verstärken muss, um mich vor dem Absturz zu bewahren. Ich spüre sein Herz in meinem Rücken, so hart schlägt es gegen seinen Brustkorb, in einem Tempo, als hätte er soeben einen 100-Meter-Sprint hinter sich gebracht.
»Leise«, murmelt er in mein Haar, streift meine Ohrmuschel mit seinen Lippen.
Und obwohl ich diesen Mann nie zuvor gesehen habe – also, zumindest heute nicht -, rieselt ein Schauer meine Wirbelsäule hinab, dort, wo er seine Brust an mich presst. Mein Erinnerungszentrum verschränkt trotzig die Arme.
»Bist du dir sicher?« Eine Stimme wie der Alarm eines alten Radioweckers. »Hier ist nichts, gar nichts!«
»Ich habe Tempestusmagie gespürt, klar? Ich weiß schon, was ich tue, vaffanculo!« Der andere klingt ungehalten.
Sie suchen etwas, eindeutig. Mit beiden Händen umklammere ich Nicholas’ Arme, doch ich sehe nichts, nichts und niemanden.
»Nein«, sagt der Erste. »Keine Energie-Schwingungen. Wirst wohl langsam alt, tipo.«
Ich blinzle. Energie-was?
»Lass uns abhauen. Es wird nochmal passieren und dann werden wir fündig.« Der grimmige Tonfall des zweiten lässt mir die Härchen auf den Unterarmen zu Berge stehen. »Seltsam, dass in dem Büro schon wieder ein Fehlalarm war. Und doch, spüre ich diese Schwingungen …«
Der andere schnaubt. »Irgendein schwarzmagischer Witzbold, der uns das Leben schwermachen will - wenn überhaupt. Eines Tages erwischen wir ihn.«
Schwarzgraue Schatten huschen durch das hohe Gras und ein, zwei Minuten lang lauschen wir dem Zirpen der Grillen.
»Sie sind weg.« Nicholas schnuppert an meinen Haaren. »Spannend. Immer noch dasselbe Shampoo – obwohl du dich an nichts erinnerst.«
Ich räuspere mich und ignoriere seine letzte Aussage, nehme meine Hände fort. »Lass mich los.«
»Oh, natürlich.« Er zieht sich zurück und sofort gerate ich ins Wanken. Wild rudere ich mit den Armen, wirbele herum und klammere mich an seinen Hals.
Gleichgewicht ist nicht meins. In der siebten Klasse berichtete selbst die Zeitung über mein unschönes Aufeinandertreffen mit einem Schwebebalken. Der Artikel endete mit den Worten »Ein Schambeinbruch konnte ausgeschlossen werden« und begleitete mich in Form von nicht sonderlich einfallsreichen Witzen meiner Mitschüler bis zu meinem Schulabschluss.
Nicholas lacht, dieses volle, warme Lachen, und wieder ist mein an ihn gepresster Körper völlig sicher, dass diese Position ihm nicht zwingend unbekannt ist. »Hast du dich umentschieden?« Er packt seine Arme wieder um meine Taille. In meinem Bauch rumort es wie damals vor der Zeugnisvergabe.
»Was erwartest du denn?«, gifte ich ihn an. »Wegen dir stehe ich auf einem Ast, der schmaler ist als mein Oberarm, und das in siebenhundertvierundsechzig Metern Höhe!« Mein linker Fuß rutscht an der moosigen Rinde ab. Ich drücke mich fester an ihn, keuche auf.
Sein Blick ruht auf mir. Er schmunzelt, auf eine nachdenkliche Weise. »Gott, du hast mir echt gefehlt …«, murmelt Nicholas, studiert mein Gesicht in aller Ruhe aus der Nähe.
Hitze schießt durch meinen Körper, und das hat nicht allein damit zu tun, dass wir im Hochsommer oben auf einem Baum balancieren. Er fühlt sich gut an. Exakt die richtige Mischung aus weich und fest.
»Keine Ahnung, ob mir das genauso geht«, gifte ich ihn an. »Würdest du mich jetzt bitte zurück in meinen Kleiderschrank bringen?«
Er sieht mich immer noch an. »Nein.« Seine Augen schimmern im Abendlicht wie ein Opal. Unter seinem Blick verwandeln sich meine Knie in Pudding, auch wenn – oder gerade weil - er mich festhält wie ein Schraubstock, und ich verstehe es nicht einmal. Gut, dass der Typ attraktiv ist, habe ich ja schon erwähnt, aber … es ist so, als würde sich mein Körper an ihn erinnern, an seine Augen, seinen Duft nach frischer Bettwäsche. Nach Zuhause – wenn auch nicht nach meiner Wohnung. »Ein Baum hat keine Türen, und ohne Tür oder etwas optisch Ähnlichem kann ich uns nicht zurückbringen.«
Jetzt starre ich ihn an.
Entschuldigend zuckt er mit den Schultern und fast rutsche ich wieder ab. »Portalmagie. Nicht dein Ding.«
»Und wie sind wir hierhingekommen, so ganz ohne Tür?«
»Vermutlich hält meine Magie Astlöcher für eine Art Ausgang.« Er grinst. »Aber mit Eingängen ist sie ein wenig streng.«
Ich halte mich immer noch an ihm fest wie ein Koalababy. »Und wie kommen wir hier herunter?«
»Klettern.« Er zuckt mit den Schultern.
Das Herz rutscht mir in die Hose und nimmt Lunge, Leber und Hirn gleich mit. »Ich … ich kann nicht klettern.«
»Festhalten.« Mit Nachdruck führt er meine Hand an den Ast über uns.
Ich klammere mich daran fest wie ein Faultier.
Er befördert meine linke Hand ebenfalls an den Baum. »Stell dich nicht so an. Bist du schon mal von einem Baum gefallen?«
»Woher soll ich denn das wissen«, wimmere ich.
Er lächelt. »Du schaffst das.«
Ich kaue auf meiner Lippe herum. »Ich muss dringend pinkeln.«
Seine Mundwinkel zucken. »Soll ich mich umdrehen?«
»Was?« Ich reiße die Augen auf. »Nein!«
»Ich könnte dir ein Klo aus dem Nichts holen. Das wäre aber nicht sonderlich hilfreich, oder?«
»Nicht so ganz«, sage ich kleinlaut.
Er kneift ein Auge zu, misst den Abstand zum Boden mit Daumen und Zeigefinger. »Dann musst du klettern.« Mit beiden Händen greift er in die Luft und befördert ein dickes Bündel Wirrwarr aus Schnüren und Holzstäben hervor.
»Eine Strickleiter?«, stöhne ich und würde mir am liebsten die Augen zuhalten.
»Exakt.« Er streckt sich und fummelt das Tau am Baum fest. Mit einem vertrauenserweckenden schleifend-klappernden Geräusch macht sich die Leiter auf den Weg nach unten – vermutlich ähnlich schnell, wie ich fallen würde, bevor ich aufschlage und zerplatze wie eine Wasserbombe.
Aber wenn ich wieder festen Boden unter meinen Füßen und eine Porzellanschüssel unter meinem Hintern spüren will, muss ich wohl klettern. »Gehst du vor?«
»Ich weiß nicht.« Seine Augen blitzen. »Versprichst du mir, dass es keine unangenehme Überraschung von oben gibt?«
»Ich hasse dich.«
Nicholas lacht. »Darauf wette ich!« Er setzt den Fuß auf eine Sprosse und prüft die Haltbarkeit der Leiter. Die Seile knarzen bedenklich unter seinem Gewicht. »Komm. Ein Fuß nach dem anderen, wie auf dem Spielplatz.« Mit der Körperspannung eines Athleten macht er sich auf den Weg Richtung Waldboden.
»Oh«, sage ich und meine es aus tiefster Überzeugung nicht so. »Das ist ja einfach.«
Er legt den Kopf in den Nacken und sieht hoch. »Es ist eine Strickleiter. Los, komm runter.«
Ich umarme den Baum fester. »Ich kann nicht.«
Er zieht die Augenbrauen hoch. »Du musst doch pinkeln.«
»Erinnere mich nicht daran.« Meine Blase fühlt sich an, als hätte ich sie für eine zweiwöchige Sahara-Expedition gefüllt, und das schenkt mir Mut. Noch einmal hole ich tief Luft, dann mache ich mich lang und setze den ersten Fuß auf eine Sprosse, lasse zitternd mit der rechten Hand den Baum los.
»Brave Hexe.«
»Du Fiesling.«
Die Geschichte über meine Erfahrungen mit der Reckstange behalte ich an dieser Stelle mal für mich. Auch, dass diese Akrobaten-Nummer mir ein paar Tröpfchen entgleiten lässt, wird definitiv mein Geheimnis bleiben. Aber es sind wirklich nur zwei, drei Tröpfchen. Maximal.
Ich verkrampfe meine Hand um das Tau, als hinge mein Leben davon ab. Okay … vermutlich tut es das auch. Todesmutig lasse ich den sicheren Baumstamm los und baumele in gefühlt 430 Metern Höhe an dieser dünnen Strickleiter.
»Super«, höre ich seine Stimme. »Jetzt musst du nur noch klettern.«
Einen Schritt nach dem anderen zittere ich mich abwärts. Unten angekommen, würde ich Nicholas am liebsten um den Hals fallen – aber immerhin ist er so etwas wie mein Stalker, noch dazu hat er sich, mich und dieses Katzenetwas gerade durch ein Astloch auf den Wipfel eines Baumes gequetscht. Das alles verkompliziert Dankesgesten ein wenig.
»Nicht weit von hier ist das Haus einer alten Freundin. Da sind wir erstmal sicher.« Nicholas stemmt die Hände in die Hüften und mustert mich prüfend. »Soll ich mich jetzt umdrehen oder schaffst du es noch?«
Ich recke das Kinn. »Das schaffe ich«, sage ich voller Überzeugung und marschiere los.
»Gut«, höre ich Nicholas hinter mir. »Dann solltest du in die andere Richtung gehen.«
***
Vermutlich ist das alte Steinhaus wunderschön mit seinem Sandstein und den blühenden Ranken, die daran emporwachsen, aber ich habe gerade keinen Blick dafür. Ungebremst stürme ich auf die Toilette, ohne mich überhaupt umzusehen.
»Nonn?« Die Sohlen von Nicholas´ Lederschuhen knirschen auf dem Steinboden. »Nonn? Bist du da?«
Als ich nach ein paar Minuten sehr glücklich zurückkomme, finde ich Nicholas in einer alten Küche auf einem Stuhl vor, einen Fuß auf die Sitzfläche hochgezogen und in das Display seines Mobiltelefons vertieft.
An nackten Steinwänden hängen Kupfertöpfe, die Spüle besteht aus einem irdenen Bassin mit einer kleinen Handpumpe und der Herd ist nichts als eine Nische mit einer Klappe darunter. Neben der Tür, die in den Garten führt, hängt ein hübscher alter Reisigbesen, vor dem Sprossenfenster daneben Bündel aus getrocknetem Lavendel, Rosmarin und Kornblumen. Sachte stupse ich sie an und sie bewegen sich. Es duftet herrlich, würzig und süßlich, als läge ich in der Sonne im trockenen Gras. Wieder kitzelt mich eine Erinnerung, lugt aus meinem Verstand wie ein Kolibri, klitzeklein, nervös und verschwunden, bevor ich auch nur die Chance habe, sie zu berühren. War ich schon einmal hier?
Leise räuspere ich mich. »Deine Freundin heißt Nonn? Komischer Name.«
Er wirkt müde. »Alle nennen sie so.« Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. »Ich sagte ja schon: Sie ist eine alte Freundin.« Vielsagend zieht er die Augenbrauen hoch. »Sehr alt. Ansonsten gehen wir Hexen auch mit der Zeit. Ich fahre zum Beispiel einen Porsche.«
Innerlich verdrehe ich die Augen. Ein Porsche. Natürlich. Was sonst? »Mit einem Hexenbesen findet man in Palermo bestimmt leichter einen Parkplatz als mit einem Wagen, bei dem jeder Kratzer direkt Zehntausende von Euros kostet.«
»Da bin ich mir sicher. Aber ich bleibe bei meinem Porsche 924. Ist ein altes Ding aus den Achtzigerjahren.Ein Erbstück.« Kurz zuckt so etwas wie Traurigkeit durch seinen Blick, doch dann blitzt wieder der Schalk aus ihnen. »Und auf einem Besen sieht mein Hintern so fett aus.«
Das bezweifle ich allerdings stark. Er macht beileibe nicht den Eindruck, dass auch nur eines seiner Körperteile fett aussehen könnte. Wobei … die Vorstellung von ihm auf einem dünnen Küchenbesen ist eher das Gegenteil von sexy. Aber vermutlich sieht jeder, der auf einem Reinigungsgerät in den Vollmond reitet, irgendwie albern aus. Wenn ich Glück habe, steht sein Porsche irgendwo draußen und ich kann damit bei Gelegenheit abhauen.
»Ist deine alte Freundin nicht zu Hause?« Ich setze mich ihm gegenüber an den Tisch und fahre mit dem Zeigefinger die Macken und Riefen auf der massiven Holzplatte nach. Es bräuchte sicher einen Gabelstapler, um das Ding zu bewegen!
»Aruba. Strandparty. Zu viele Planter’s Punch, um den Heimweg zu finden, schätze ich. Du kennst das.« Entschuldigend zuckt er mit den Schultern und steht auf, zieht sein Jackett aus und hängt es sorgfältig über eine Stuhllehne. Die Krawatte lockert er zwar ein wenig, aber er sieht immer noch aus wie ein Bankier, dessen Hobby Geldgeschäfte sind. »Komm. Ich zeige dir dein Zimmer. Du musst auch müde sein.«
Kurz beiße ich mir auf die Unterlippe, schüttele den Kopf. »Ich will nach Hause.«
Nicholas zieht kurz die Augenbrauen hoch. »Um wieder versehentlich herumzuzaubern und dir Extincteure auf den Hals zu hetzen?«
»Ähm …« Ich suche vergeblich nach einer Antwort.
Knapp schüttelt er den Kopf. »Nein, Triss. Du hast alles hier, was du brauchst.«
Ich verschränke die Arme vor der Brust. »Und was, wenn ich versehentlich hier herumzaubere?«
Gelassen zieht er sich die Schuhe aus und stellt sie neben die Tür. »Niemand wird das hier bemerken. Nonn hat Haus und Grund mit einem starken Schutzzauber versehen. Hier kommt niemand rein, wenn sie es nicht will.«
Oder raus.
Mein Mund ist wie ausgedörrt. »Was ist mit Mimi?«
Belustigung huscht über sein Gesicht. »Herb hat da draußen den Spaß seiner sieben Leben. Er wird alles jagen, was er finden kann, und uns morgen wieder mit seiner Anwesenheit beglücken.«
»Und diesen Schutz kannst du nicht über meine Wohnung legen?«
»Magie ist kein Wunschkonzert.« Abwesend bückt er sich noch einmal, korrigiert die Position seiner Schuhe. »Wenn ich alles könnte, müsste ich nicht mehr arbeiten.« Er blickt auf und sieht mich an.
Ein fremdes Steinhaus irgendwo im Hinterland. Ein Männermodel und eine alte Frau, die angeblich hier wohnt … Ich habe genug Horrorfilme gesehen, um zu wissen, wie das ausgehen kann.
Fest entschlossen stehe ich auf. »Ich werde trotzdem lieber gehen.«
Kaum habe ich zwei Schritte gemacht, stellt sich Nicholas mir in den Weg, verschränkt die Arme vor der Brust. »Was wird das, kleine Kräuterhexe? Du gehst nirgendwo hin.«
Ich schnaube, auch wenn die Angst mir den Nacken hochkriecht. »Du willst es mir verbieten?«
Er zuckt mit den Schultern. »Versuch dein Glück. Selbst wenn du den Weg nach Palermo überhaupt findest, werde ich längst auf deiner Couch sitzen und auf dich warten, bis du in zwei, drei Tagen dort ankommst.«
Am liebsten würde ich ihm sein überhebliches Grinsen aus dem Gesicht schlagen. »Ich komme hier nicht weg, oder?«
Er schüttelt kaum merklich den Kopf, ohne jede Spur von Triumph im Blick. »Es ist zu deinem Besten, glaub mir.«
Ich lache auf. »Und das soll ich dir glauben?«
Er berührt mich, ganz leicht nur, und, fuck, seine Hände auf meinen Wangen kommen mir so vertraut vor! »Tu es einfach. Bitte. Die Erinnerungen werden wiederkommen, versprochen.«
»Aber ich muss zur Arbeit. Und meine Freunde … «
»Triss. Niemand …« Er unterbricht sich kurz, seufzt leise. »Es wird sich niemand an dich erinnern. Diese Menschen dort, sie sind nicht Teil deines Lebens. Sie sind nicht gut für dich.«
Ich muss lachen. »Aber du schon?«
Für einen Sekundenbruchteil schließt er die Augen. »Ich bin nicht hier, um dir etwas zu tun. Ich bin hier, um dich zu beschützen.«
»Aber wovor?«, piepse ich.
»Wenn sie dich erwischen, Triss, werden die Extincteure dir die Erinnerung nehmen - wieder und wieder. Weil die Menschen in dieser Welt nunmal nicht mit Magie klarkommen.«
Langsam werde ich ruhiger. Mein Puls hört auf zu rasen, mein Atem normalisiert sich. »Und ich soll dir vertrauen?«
Nicholas nickt, die Hände immer noch um mein Gesicht gelegt. »Wir sind Freunde, Triss. Du fühlst das. Auch wenn du dich nicht erinnerst … Deswegen musste ich dich da rausholen.« Tief atmet er durch. »Irgendwann ändern sie dein Gedächtnis einmal zu oft, Triss, und dann verschwindet deine Persönlichkeit - Puff! Als hättest du nie existiert. Niemand weiß, wann das passiert, wie lange es dauert, bis es soweit ist.« Er blinzelt, beißt sich kurz auf die Unterlippe. »Ich wollte das nicht riskieren.«
Sachte nicke ich. Auch, wenn das alles total abgefahren ist, sagt mir mein Körper mit jeder Faser, dass ich Nicholas kenne … dass er mir vertraut ist, mir seine Nähe vertraut ist. Und die Sache mit dem Herumzaubern … Zufälle mag es geben, ja – aber das mit meiner Chefin heute geht entschieden zu weit.
»Es ist mir zu viel«, murmele ich und drehe meinen Kopf zur Seite, entziehe mich seiner Berührung, auch wenn irgendetwas tief in mir lauthals dagegen protestiert. »Ich verstehe gar nichts. Warum erinnere ich mich nicht? Was ist nur passiert?«
»Morgen«, sagt er leise.
Sein Tonfall ist ernst, verbindlich. Seine Stimme … Er lügt nicht. Ich kenne ihn. Wenn ich nur wüsste, woher …
»Glaub mir, wenn ich dir irgendetwas antun wollte, hätte ich mir bestimmt nicht die Mühe gemacht, deinen Chefinnen-Bausatz zusammenzubasteln und dir deinen persönlichen Katzenquälgeist vorzustellen, bevor ich dich hoch oben auf einem Baum aussetze.« Kaum merklich senkt er den Kopf, sucht meinen Blick und lächelt. »Was meinst du? Wirst du dich brav hinlegen und eine Nacht darüber schlafen, wenn ich dir verspreche, dich nicht zu töten?«
Er sieht nicht aus wie ein Mörder. Erst recht nicht wie jemand, der es nötig hat, eine Frau gegen ihren Willen in dieses Haus zu locken. Ein altes Bauernhaus, das in absoluter Einsamkeit irgendwo im Hinterland Siziliens steht. Doch sein Lächeln ist charmanter und offener als viele, die ich in den letzten Monaten zu sehen bekommen habe. Und er kann zaubern.
»Jetzt komm schon, Kräuterhexchen. Ich könnte selbst eine Mütze Schlaf gebrauchen.«
Ich vertraue ihm. Keine Ahnung, wieso. »Eine Nacht. Und morgen will ich alles wissen.«
»Gut.« Sein Lächeln wird breiter. »Ich zeige dir dein Zimmer. Die Tür hat sogar einen Schlüssel.«
Ich ziehe die Stirn in Falten. »Funktioniert der auch?«
»Natürlich.« Kurz beißt er sich auf die Unterlippe. »Es ist nur so: Du könntest in einem Tresor wohnen und ich wäre in der Lage, zu dir zu kommen. Das werde ich aber nicht tun, versprochen.«
»Portalmagie also?«
»Morgen, d´accordo?« Warm legt sich seine Hand in meinen Rücken. Wieder klingelt etwas in mir, und wieder bekomme ich nicht einmal einen Fetzen davon zu fassen. Was ist hier los? Denn auch, wenn das absolut unmöglich ist und surreal und vollkommen verrückt: Es ist passiert. Alles.
***
Nicholas bugsiert mich durch ein kleines, vollgestopftes Wohnzimmer hin zu einer schmalen, dunklen Holztreppe, die schnurstracks nach oben führt.
Vor mir steigt er die knarzenden Stufen hinauf und kurz denke ich noch einmal über die Sache mit dem Hexenbesen nach, als er auch schon in einem engen Flur landet. Kleine Sprossenfenster zeigen nichts als die Dunkelheit des nächtlichen Siziliens. Am Ende des Ganges erkenne ich eine weitere Treppe.
»Hier schläft Nonn.« Nicholas legt sich den Zeigefinger an die Lippen und deutet auf eine Holztür direkt am Treppenaufgang. »Gegenüber ist das Bad. Die beiden anderen Zimmer gehen nach hinten raus.« Er geht ein paar Schritte. »Das ist meins.«
Seine Tür ist halb geöffnet. Flurlicht fällt hinein und ich erhasche einen schnellen Blick auf ein überraschend romantisch eingerichtetes Schlafzimmer mit einem massiven Holzbett, gegenüber ein großes Fenster.
»Blumen.« Überall. Auf der dunkelgrünen Tapete, auf der Tagesdecke, einem Dutzend Kissen. Vor dem Fenster steht eine große, mit tannengrünem Samt bezogene Chaiselongue, von der aus man bestimmt einen wunderbaren Blick nach draußen hat. »Gemütlich.«
Sein freches Grinsen fegt einen seltsam wehmütigen Ausdruck von seinem Gesicht. »Ist es nicht. Ist zu groß und zu weich.« Er zeigt auf die gegenüberliegende Tür. »Das Gästezimmer. Nicht sonderlich groß, aber es wird reichen.«
Neugierig sehe ich mich um. Wow! Wie niedlich! Der Raum ist winzig, so winzig, dass das Bett gerade so zwischen die Wände passt. Nur eine Spiegelkommode aus dunklem Holz findet noch Platz, ein Stuhl sowie ein schmaler Einbauschrank. Sanft bewegt sich ein Windspiel aus dunklen Metallzylindern vor den Sprossenscheiben, gibt einen leisen, warmen Klang von sich.
Auf der Kommode stehen ein paar Schalen, zwei hölzerne, eine wunderschön getöpferte und etwas, das aussieht wie ein Mörser aus schwarzem Granit. Dezente Deko, passt ganz gut zu diesem alten Haus.
»Ein schöner Raum.«
Die Wände sind hell gehalten und so uneben, als hätte man die Steine nur nachlässig mit weißem Putz überzogen. Das warme Licht der Wandleuchter betont jede einzelne Fuge und lässt das Zimmer noch kuscheliger wirken. Als wäre man im Inneren einer Wolke.
»Dort findest du alles, was du brauchst.« Nicholas deutet auf den Wandschrank. »Die Tür klemmt etwas.«
»Etwas zum Anziehen?« Die feinen Härchen an meinen Unterarmen stellen sich warnend auf. »Du hast Frauenkleidung in einer passenden Größe da?«
Lässig lehnt er im Türrahmen. »Das ist nicht mein Haus. Die Sachen gehören Nonn.« Müde sieht er aus, und etwas zupft an meinem Innersten. »Bin gleich wieder da.« Er verschwindet im Blumenzimmer und schließt die Tür.
Das ist meine Chance. Ich könnte einfach rausschleichen und abhauen. Und dann? Sein Porsche stand nicht vor dem Haus und in schwärzester Nacht zu Fuß durch Siziliens hochsommerliche Wildnis zu stolpern, ist wirklich keine gute Idee.
Ich drücke die Zimmertür ins Schloss. Es ist so seltsam, hier zu sein, in einem fremden Haus, bei fremden Menschen … oder Hexern … Und dass sich das eigentlich ganz okay anfühlt, ist das Allerseltsamste.
Dieses Zimmer wirkt so heimelig wie ein Kokon, der mich von der Außenwelt abschirmt. In der Kommode finde ich Bettwäsche und ein Etui mit Schreibzeug. Die Lade darüber enthält Einmachgläser mit kleinen, bunten Kerzen, Streichhölzer und ein paar Holzkästchen, in denen sich vermutlich ähnlich überflüssiges Zeug befindet. Das oberste Schubfach blockiert kurz. Weitere hölzerne Kästchen, ein Stapel Spitzendeckchen und ein schmaler, abgestoßener Karton mit einem Blumenmuster, etwa so groß wie meine Hand.
Und was erwartet mich im Wandschrank? Hoffentlich nicht das Tor zur Hölle oder der Astloch-Ausgang zu diesem Baum. Vorsichtig ziehe ich an dem Griff und der Magnetverschluss gibt nach. Durch den fingerdicken Spalt werfe ich einen Blick hinein, doch alles, was ich sehe, ist gähnende Dunkelheit.
Es klopft an der Zimmertür und ich mache einen Satz rückwärts.
»Darf ich reinkommen?«, klingt Nicholas’ Stimme durch das dicke Holz. Ohne meine Antwort abzuwarten, betritt er den Raum, barfuß, in legeren Sweatpants und einem langärmligen, hochgeschlossenen Shirt, noch anziehender als eben. Gut, alles ist anziehender als ein Stock-im-Arsch-Anzug, oder?
Erstaunt mustert er mich. »Findest du nichts? Soll ich etwas materialisieren?«
»Doch. Nein.« Ich stöhne genervt und verdrehe die Augen. »Ich war unsicher, ob ich den Schrank einfach so öffnen darf.«
»Hast du Angst, wieder etwas explodieren zu lassen?« Nicholas schmunzelt und schlendert hinüber zu dem schmalen Bett, schlägt die Tagesdecke zurück. Laut ruft es nach mir, lädt dazu ein, mich in seine Kissen zu kuscheln und zu versuchen, die verstörenden Erlebnisse dieses Tages in einem vermutlich noch verstörenderen Traum zu verarbeiten.
Ich zucke mit den Schultern. »Oder versehentlich etwas dort hinein zu zaubern, was gefährlich ist.«
Er lächelt mich an und … Was ist das nur mit ihm? Dieser Mann bringt mich durcheinander, und ich habe keine Ahnung, wieso. Etwas in mir reagiert auf ihn, auf eine ungewöhnliche Weise, so sehr, dass ich es vorziehe, die Schranktür anzustarren. Dieses Lächeln bringt etwas in mir zum Glimmen, an das ich mich verdammt nochmal nicht erinnern kann.
Sorgfältig faltet Nicholas die beigefarbene Spitze zusammen, legt sie am Fußende des Bettes ab. »Da drin wirst du den Weg ins Monsterland nicht finden, Triss.«
Gut, wenn er es sagt … Noch einmal atme ich tief durch, dann öffne ich den Kleiderschrank. Ein paar Regale aus dunkel schimmerndem Holz erwarten mich, fein säuberlich gestapelte Kleidungsstücke aus hellen Stoffen, ganz unten ein paar Wolldecken. Ich wühle ein wenig und finde schließlich einen weißen kurzen Pyjama. O wow. Der Stoff fühlt sich großartig an, kühl und weich. Seide.
Nicholas greift sich ein Kissen und schüttelt es mit einem gesunden Maß an Aggression auf, bevor er es zurück aufs Bett wirft. »Brauchst du noch etwas? Eine heiße Honigmilch? Einen schönen Traum?«
»Für heute hatte ich genug Hokuspokus.« Schützend drücke ich den weichen Stoff an meine Brust. »Versuchen wir es mal ohne.«
»Dann gute Nacht.« Er lächelt ein unverbindliches Lächeln und greift nach dem Türgriff.
»Nacht, Nicholas.«
Er hält inne und dreht sich um, sein Blick alles andere als lässig. »Wie seltsam das klingt.«
Ich ziehe die Stirn kraus. »Das ist doch dein Name, oder?«
»Ja, schon. Aber eigentlich …« Er bricht ab, lächelt verhalten. »Schon gut. Nicht so wichtig.« Betont gleichgültig winkt er ab und etwas zuckt durch meinen Hinterkopf … Nenne ich ihn Nick? So hat das Katzenteil ihn genannt. Als wäre er ein Boygroup-Sänger – wie er strenggenommen auch aussieht.
»Schlaf gut, kleine Hexe.« Er mustert mich noch einmal prüfend und verlässt den Raum.
»Du auch, Nicholas.«
Mit einem leisen Klicken fällt die Zimmertür ins Schloss und ich überlege nicht lange. Ich greife nach dem verschnörkelten goldenen Schlüssel, drehe ihn um. Sicher ist sicher - auch wenn Nicholas kein Geheimnis daraus gemacht hat, dass Schlüssel in dieser Realität keine so große Rolle spielen wie in meiner.
An Schlaf ist nicht zu denken.
Das könnte daran liegen, dass ich den verrücktesten Tag überhaupt hinter mir habe. Dass ich die Fähigkeit habe, nervtötende Mitmenschen zu Hackfleisch zu verarbeiten: Okay. Damit würde ich schon irgendwie klarkommen.
Aber dass ein Armani-Model mit magischen Fähigkeiten sich, mich und meine von einem Dschinn besessene Katze durch ein Astloch von der Größe einer Murmel quetscht, um mich in einem idyllischen Steinhaus im Hinterland zu parken, ist zu Recht etwas, das einen um den Schlaf bringen kann. Vermutlich sollte es das sogar, sofern man noch halbwegs bei Verstand ist … Woran ich im Augenblick meine Zweifel habe.
Es ist ruhig hier. Ich höre nur meinen eigenen Atem, dann und wann das Rauschen der Blätter in den Olivenbäumen, wenn eine warme Brise auffrischt. Meine Gedanken sind zu laut, um sie zu ignorieren.
