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Der beste Freund Joseph Ratzingers erzählt, wie der Theologe wirklich war. Ein Soldat flieht vor den Russen bei Leningrad und überlebt in einem Granattrichter drei Tage bei minus 50 Grad Celsius. Otto springt in voller Montur ins eiskalte Wasser der Thaya und erreicht als Nichtschwimmer das andere Ufer. Ein Truppenarzt muss in Stalingrad mit einer militärisch und medizinisch verzweifelten Lage fertigwerden. Max überlebt die Schlacht bei den Seelower Höhen, gerät aber in russische Kriegsgefangenschaft. Jan Bodo erlebt als Jugendlicher in seiner Eigenschaft als »Luftschutzwart« und später als Luftwaffenhelfer die Luftangriffe auf Hannover und Braunschweig mit und bekommt nach Kriegsende einige ernsthafte Schwierigkeiten. Und selbst nach Kriegsende zeitigen die alliierten Bombardements noch manchmal fatale Spätwirkungen. Klaus G. Förg hat Erinnerungen von Zeitzeugen zu Papier gebracht, die dem Leser den Atem rauben und gleichzeitig in unserer unruhigen Zeit zum Frieden mahnen.
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Seitenzahl: 216
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Klaus G. Förg
Vollständige E-Book-Ausgabe der in der Edition Förg erschienenen deutschen Ausgabe 2025
© 2025 Edition Förg GmbH, Rosenheim
www.rosenheimer.com
Titelfoto: Glücklich, das Kriegsende überlebt zu haben, zeigten sich deutsche Kriegsgefangene sowie vierzehnjährige Soldaten in Berstadt in Hessen; U. S. National Archives in Washington
eISBN 9783-475-55034-8
Wie begreift man den Wahnsinn des Zweiten Weltkriegs? Wie kann man auch nur ansatzweise eine Vorstellung vom millionenfachen Leid der Menschen entwickeln, die damals in den Tod geschickt worden sind, die nicht mehr von den Schlachtfeldern zurückkehrten oder mit schwersten Verletzungen für ihr ganzes Leben gezeichnet waren. Auch Millionen von Müttern und Ehefrauen mussten die Nachricht vom Tod ihrer Söhne und Männer verkraften, klaglos, denn die Frage nach dem Warum durfte nicht gestellt werden, sonst wären die Zweifler des NS-Regimes erbarmungslos verfolgt worden.
»Sei bloß still, sonst holen sie dich ab, und du kommst nach Dachau« –, diese Aussage habe er oft gehört, hat mir ein Kriegsveteran einmal erzählt. In seinem Dorf war man sich dessen bewusst, dass es in Dachau ein Konzentrationslager gibt, in dem die Menschen auf Nimmerwiedersehen verschwinden, Regimegegner, Schwule, Behinderte, Juden. Unendlich viele Juden. Warum gerade sie? Eine logische Antwort darauf gab es eigentlich nicht. Die Frage durfte nicht gestellt werden.
Wie also kann man den absoluten Irrsinn dieses Krieges verstehen?
Lesen von Geschichtsbüchern ist eine Lösung. Das Leid der Menschen, ihre Gefühle, ihre persönlichen Erlebnisse gehen daraus aber nicht hervor. Man kommt den damals Geschundenen einfach nicht nahe.
Also habe ich mich aufgemacht, mit Kriegsveteranen zu sprechen, rechtzeitig bevor sie verstorben sind, um mir erzählen zu lassen, was sie damals durchgemacht haben, was sie erleben mussten, was sie gedacht und gefühlt haben. Über fünfzig lange Gespräche sind es geworden, in Küchen, Wohnzimmern, Altersheimen. Alle meine Gesprächspartner waren bereits weit über neunzig Jahre alt, einer sogar 106. Und alle wollten kurz vor ihrem Tod noch einmal bereitwillig ihre Geschichte erzählen, die meisten sogar zum ersten Mal. Denn in den vergangenen Jahrzehnten wollte niemand vom Krieg hören, der Schock saß noch tief im Herzen der Deutschen.
»Hör doch auf mit deinen alten Kriegsgeschichten!«, war die Antwort der Familie, wenn ein ehemaliger Soldat von seinen Erlebnissen berichten wollte. Also wurde geschwiegen, lange Zeit, über Jahrzehnte hinweg.
Jetzt aber fand ich viele Veteranen, die sich mir öffneten, die mir Vertrauen entgegenbrachten und mir ihre Erlebnisse schilderten. Dabei flossen immer wieder Tränen, wenn die Kriegsjahre plötzlich präsent wurden, wenn lange Verdrängtes aus der Erinnerung nach oben kam.
Zusätzlich zu diesen ganz persönlichen Erzählungen durfte ich Manuskripte von bereits Verstorbenen verarbeiten, aber auch ein lange vergessenes Buch der ehemaligen Geheimsekretärin Hitlers, Zwölf Jahre mit Hitler, redigieren, das außerordentlich spannende Einblicke in das Gefühlsleben des Mannes liefert, der für die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs verantwortlich ist. Hitler konnte sich ganz offensichtlich kaum vorstellen, was an der Ostfront oder in den anderen Kriegsgebieten vor sich ging und in welcher Lage sich seine Soldaten befanden. Menschenleben waren diesem Psychopathen nichts wert.
Aus diesen vielen Mosaiksteinen ergibt sich für mich ein Gesamtbild, das von Gespräch zu Gespräch immer klarer geworden ist, wobei verschiedene dieser Puzzleteile überraschend und faszinierend waren – wunderbare Zufallstreffer. Beispielsweise die beiden außerordentlich sympathischen Gespräche mit dem mittlerweile verstorbenen Petrus Freiwang, der im Gymnasium, beim Reichsarbeitsdienst und dann im Priesterseminar der Freund von Joseph Ratzinger war, dem späteren Papst Benedikt. Natürlich wollte ich wissen: Wie war Ratzinger denn wirklich, als Mensch, als Kamerad? – Außergewöhnlich intelligent, hochbegabt, aber, wen wundert’s, ein Außenseiter. Ein Eigenbrötler, der sehr geschätzt war, der immer dann gefragt wurde, wenn ein Problem zu schwer für die Mitschüler war. Und Joseph wusste immer eine Lösung, immer eine Antwort. Joseph war einfach auf allen Gebieten eine Koryphäe. Nur im Sport war er das glatte Gegenteil, ein Totalausfall. Sosehr er auch beliebt war, so hoffte doch jeder, dass er der gegnerischen Mannschaft zugeteilt wird. Denn dann verlor diese Mannschaft, so sicher wie das sprichwörtliche Amen in der Kirche, deren Oberhaupt er später sein durfte.
Zu meinem ältesten Gesprächspartner Otto Filipsky musste ich bis nach Retz reisen, einem beschaulichen Städtchen, das rund 50 Kilometer nordwestlich von Wien an der Grenze zu Tschechien liegt. Der quirlige Otto, 106 Jahre alt, zeigte mir zunächst sämtliche Zimmer seines Hauses, bevor er begann, mir seine Geschichte zu erzählen. Ein einschneidendes Erlebnis war für ihn seine Fahnenflucht. Im Mantel und mit seinem Gewehr sprang er ins kalte Wasser der Thaya und versuchte, ohne schwimmen zu können, das andere Ufer zu erreichen, das in Österreich lag.
Nach zwei Gesprächsstunden, in denen sich Otto unglaublich konzentrierte, um sich an alles wahrheitsgemäß zu erinnern, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Ich wollte ihn nicht zu sehr in Anspruch nehmen und bot ihm eine Pause an. »Also, wenn du eine brauchst, dann können wir eine machen, i brauch kaane«, entgegnete er mir in seinem wunderbaren Wiener Dialekt. Deshalb ging es noch eine Stunde weiter und am nächsten Tag noch einmal zwei. Sein fröhliches Winken, als wir uns verabschiedeten, vergesse ich nie.
Die Belagerung von Leningrad war eine der gravierendsten Stationen des Ostfeldzugs. Und Karl Fürst konnte mir seine unglaublichen Erlebnisse dabei schildern. Mit seinem Maschinengewehr hatte er die Aufgabe, niemanden aus dem Kessel fliehen zu lassen. Doch irgendwann wurde der Druck zu schwach, die Russen drängten die deutschen Soldaten zurück. Karl rannte im Hagel der Granaten durch einen Wald und sprang kopfüber in einen Bombentrichter. Bei rund minus fünfzig Grad Celsius harrte er dort drei Tage und drei Nächte aus, fast ohne Verpflegung, bis er gerettet werden konnte. Ein Wunder! Aber dabei sind ihm beide Füße erfroren. Trotzdem fand er nach dem Krieg eine nette Frau, mit der er zwei Kinder großzog.
Als Truppenarzt im Kessel von Stalingrad arbeiten – etwas Schlimmeres kann man sich eigentlich kaum vorstellen. Dr. Gustav Rhomberg berichtete von seinen Erlebnissen dort und davon, wie er dann in russische Gefangenschaft geriet und das Glück hatte, im Jahre 1948 nach Deutschland zurückkehren zu können.
Max Schmid war auch einer von denen, die als Jugendlicher noch in die Hölle des Krieges geworfen worden sind: ohne Reichsarbeitsdienst gleich in den Krieg. Der Führer brauchte dringend Nachschub. Und dann musste der Schmid-Max im letzten Kriegsmonat auch noch in die Schlacht um die Seelower Höhen. Zum Glück kam er nach relativ kurzer Gefangenschaft im Herbst 1946 wieder nach Hause.
Die nächste Geschichte führt uns nach Hannover. Dr. Jan Bodo Sperling stammte aus wohlhabendem Hause, seine Großeltern besaßen sogar eine Burg. Aber auch er wurde in den Strudel des Krieges hineingezogen und erlebte den gewaltigen Bombenhagel auf Hannover.
Doch so eine einzelne Bombe fällt nicht einfach nur so aus einem deutschen, amerikanischen oder englischen Flugzeug, sie richtet möglicherweise noch Jahrzehnte später Schaden an und kostet Menschenleben. In meiner Schilderung hat ein kleiner Junge viele Jahre nach Beendigung des Weltkriegs in einem Bombenkrater sein Leben verloren, und heute noch benutzen Jugendliche einen Bombenkrater als Trainingsgelände, um mit ihren BMX-Rädern zu fahren. Sie wissen bestimmt nicht, wie diese Mulde entstanden ist.
Viele Mosaiksteine sind mittlerweile zusammengekommen und noch so einige werde ich in späteren Büchern schildern können, denn alle Gespräche wurden ja auf Band aufgezeichnet. Aber eines wurde mir immer wieder bewusst: Diese jungen Soldaten wurden in einen Krieg hineingetrieben, den sie nicht wollten. Hineingetrieben von einem Wahnsinnigen und seinen Helfershelfern. Und Derartiges darf sich nie mehr wiederholen.
Klaus G. Förg
Heimhilgen ist ein Einzelhof im Norden des Chiemsees, in der Nähe von Seebruck. Dort wurde ich am 15. Juni 1926 geboren, als viertes Kind von insgesamt sieben Geschwistern. Die Familie war streng katholisch, besonders meine Mutter. Sie wollte vermutlich, dass eines ihrer Kinder ein Pfarrer wird, und deshalb wurde ich auf den Namen Petrus Canisius getauft. Petrus Canisius war ein bedeutender Theologe aus dem 16. Jahrhundert. Mich hat es also getroffen. Ein Pfarrer sollte ich werden, vielleicht sogar ein berühmter Theologe. Das war Mutters Vision.
Weil der Hof so einsam lag, hatte ich keine Freunde und konnte nur mit meinen Geschwistern spielen, wenn ich nicht auf dem Bauernhof mithelfen musste. Arbeit im Stall, auf die Tiere aufpassen, das waren meine Aufgaben. Also leichtere Tätigkeiten, für die Arbeiten im Wald war Vater verantwortlich. Für uns Kinder wäre das zu gefährlich gewesen.
Unsere Familie lebte in ihrer eigenen Welt. Meine Eltern und wir sieben Kinder bewältigten den Alltag, die Monate gingen dahin, es geschah eigentlich nichts Außergewöhnliches, jeder hatte seine Aufgabe, auch die ganz Kleinen. Der Schulweg betrug dreieinhalb Kilometer, durch Felder und Wälder in den nächsten Ort. Den wunderbaren Duft der Blumenwiesen habe ich noch heute in der Nase. Jeder Monat hatte seinen eigenen Geruch.
Petrus Freiwang (in der Mitte) mit meinen sechs Geschwistern
Natürlich gingen wir bei jedem Wetter. Oft kamen wir durchnässt in der Schule an. Das trocknete schon wieder!
In den Sommermonaten war der Weg ohne Schuhe zurückzulegen. Für uns war das Barfußlaufen kein Problem. Wir waren es gewöhnt und machten es gerne. So hatten wir alle dicke Fußsohlen. Kleinere Steine oder Tannennadeln spürten wir nicht. Schuhe bekamen wir erst, wenn im Herbst Reif zu sehen war. Da wir alle im Wachstumsalter waren, wurde eine Schuhprobe durchgeführt. Die Schuhe wurden also unter den Geschwistern durchgewechselt. Als dann der Frühling kam, der Schnee geschmolzen war und die Temperatur es erlaubte, wurden die Schuhe von Mutter wieder einkassiert und für den nächsten Winter aufbewahrt.
Das Schönste an der Schule war für mich nicht irgendein Fach wie Rechnen oder Schreiben, es war das Raufen mit den Mitschülern. Und es verging kein Tag, an dem wir uns nicht am Boden balgten. Die Raufereien waren nicht bösartig, es war einfach ein Kräftemessen. Als Schule des Lebens ganz gut geeignet. Nach dem Unterricht gingen wir den langen Weg wieder nach Hause, ohne dass einer böse gewesen wäre. Verletzungen gab es natürlich auch nicht. Jeder wollte einfach nur der Stärkste sein.
Die glücklichen Jahre an der Dorfschule waren 1938 vorbei, denn meine Mutter schickte mich ins erzbischöfliche Studienseminar nach Traunstein, in dem nur Schüler aufgenommen wurden, die im Sinn hatten, Priester zu werden. Deshalb wurden wir auch als Seminaristen bezeichnet. Ich ging also ins Gymnasium und wohnte im Internat. Aus war es nun mit dem unbeschwerten Leben. Ein strenger Tagesplan wurde uns auferlegt, es ging schon am Morgen mit Beten los. Beim Essen mussten wir eine strikte Sitzordnung einhalten, im Unterricht herrschte absolute Disziplin, und abends ging in den Schlafsälen ziemlich bald das Licht aus. Das Raufen wurde uns schnell ausgetrieben. Wenn wir dabei erwischt wurden, gab es saftige Strafen.
Ich fühlte mich vollkommen unfrei und war ganz einfach unglücklich. Richtige Freundschaften habe ich auch nicht geschlossen, nur zu Joseph Ratzinger hatte ich eine enge Beziehung entwickelt. Ich war in der Oberschule, und Joseph war als Humanist in einer anderen Klasse, ein Jahr über mir, auch wenn er ein Jahr jünger war. Den Unterricht hatten wir gemeinsam im gleichen Saal, in dem drei Klassen waren. Irgendwie mochte ich ihn, auch wenn er im Gegensatz zu mir im Sport eine völlige Niete war. Sport war für ihn Gift, er war wirklich absolut unsportlich und von schmächtiger Statur. Da er aber in den geistigen Fächern herausragte, hatten wir unglaublichen Respekt vor ihm. Wenn er sich äußerte, dann immer kurz und prägnant. Und wir fragten ihn oft, weil er einfach alles wusste. Seine Antworten brachten das Wesentliche auf den Punkt.
Wirklich außergewöhnlich waren seine Kenntnisse in Latein und Griechisch. Er konnte diese Texte so flüssig lesen, als wenn sie Deutsch wären. Aber er war nicht weltfremd, sondern sehr umgänglich und freundlich und gab allen gerne eine Antwort auf die vielen Fragen, die sie ihm stellten. Joseph war einfach das Gehirn unserer Klasse, aber natürlich ein Einzelgänger. Ein freundlicher und von allen geachteter Einzelgänger, der übrigens auch noch enorm musikalisch war und hervorragend Orgel spielen konnte.
Trotz seiner herausragenden Intelligenz hatte er kurioserweise kein Abitur. Nach sieben Klassen bekam er einen Reifevermerk, der ihn berechtigte zu studieren.
Die völlige Unfreiheit im Internat hielt ich vier Jahre lang durch, dann wurde es mir zu viel. Ich sprach immer wieder mit meiner Mutter, die ein Einsehen hatte, sodass ich fortan zu Hause wohnen, aber weiter im Studienseminar verbleiben konnte.
Mittlerweile war der Zweite Weltkrieg schon in vollem Gange, und Hitler hatte bestimmt, dass die Kreuze aus den Klassenzimmern entfernt werden müssten. Das war meiner Mutter endgültig zu viel. Während man vorher große Hoffnungen auf Hitler und den Nationalsozialismus gesetzt hatte, war jetzt die Stimmung umgeschlagen. Über vieles hatten meine Eltern hinweggesehen, beispielsweise über die Tatsache, dass bei den Wahlen im Dorf sehr wohl aufgefallen war, dass bewusst falsch ausgezählt wurde. Die Zahl der Stimmen für Hitler konnte ganz einfach nicht stimmen, weil bekannt war, wie viele dagegen waren. Na ja, man nahm es halt hin und hoffte, dass es bergauf geht.
Auch die Berichterstattung der Tageszeitung wurde immer mehr angezweifelt. Unser Trostberger Tagblatt veröffentlichte häufig Artikel, die derart geschönt und ganz offensichtlich unwahr waren, dass es meinen Eltern zu dumm wurde und sie die Zeitung abbestellten. Daraufhin kam der Zeitungsbesitzer Erdl persönlich auf unseren Hof und entschuldigte sich mit den Worten: »Es tut mir leid, aber ich muss das so schreiben, sonst bekomme ich große Schwierigkeiten.«
Meine Mutter akzeptierte aber in keiner Weise, dass das Regime gegen die Kirche vorging, was durch das Abhängen der Kreuze besonders sichtbar wurde. Sie ging selbstbewusst in unsere Schule und hängte ganz einfach die Kreuze wieder auf. Darauf erhob man gegen sie Anklage, und es drohte ihr eine Gefängnisstrafe. Mit der Hilfe des Bürgermeisters gelang es, die Klage abzuwenden. Er argumentierte, dass diese Frau einen »religiösen Wahn« habe und man sie deshalb nicht bestrafen könne.
Als ich in der fünften Klasse Gymnasium angekommen war, gab es erneut eine drastische Veränderung in meinem Leben. Ich musste zur Pflicht-HJ, denn es war uns per Gesetz vorgeschrieben, der Hitlerjugend beizutreten. Es traf also mich, aber auch Joseph. Wir mussten als Luftwaffenhelfer nach München-Ludwigsfeld einrücken und waren direkt neben dem Außenlager des Konzentrationslagers Dachau untergebracht. Unsere Flak-Großbatterie 88 war an dieser Stelle von großer Bedeutung, weil hier die BMW-Flugmotorenfabrikation war.
Petrus Freiwangs »Arbeitsplatz« am Flakgeschütz
Da aber die feindlichen Flugzeuge unseren Standort genau kannten, war hier zum Glück wenig los. Ich wurde übrigens in der Geschützstaffel und Joseph in der Messstaffel eingesetzt. Der Dienst sah gleichzeitig Unterricht und Einsatz bei der Flak vor, wobei die Flak deutlich überwog. Einsatz im Krieg war halt wesentlich bedeutender als Schulausbildung. Wir waren also mehr Soldaten als Schüler und schossen Sperrfeuer. Russische Freiwillige haben die schweren Granaten nachgeladen, wir waren für die Seiten- und Höheneinstellung verantwortlich. Was mit diesen Russen nach Kriegsende geschehen ist, weiß ich nicht. Ich ahne aber, dass keiner von ihnen überlebt hat, denn mit Überläufern haben die Russen kurzen Prozess gemacht.
Joseph Ratzinger (Zweiter von links) vor einer Baracke
Teilweise hat der Unterricht tatsächlich innerhalb des Konzentrationslagers stattgefunden, in einer Baracke am Rand des Lagers, in unmittelbarer Nähe des streng bewachten Zaunes.
»Wenn ihr euch dem Zaun nähert, dann kracht es«, schnauzte uns ein Aufseher in scharfem Ton an. »Wer direkt in die Nähe des Zaunes kommt, wird für einen Flüchtling gehalten und beschossen.«
Für uns war das ein Stich ins Herz, wir hatten Angst und wurden uns bewusst, wie nah der Tod sein könnte. Wenn wir uns innerhalb des Lagers aufhielten, sahen wir die Sträflinge in ihrer gestreiften Kleidung, blickten aber meistens angstvoll nach unten und waren froh, als wir wieder in unserer Baracke waren.
Das Interesse für die Schule, das Engagement beim Lernen, war bei uns Schülern zu dieser Zeit minimal. Ein Satz eines Mitschülers lieferte die Begründung ziemlich treffend: »Wer weiß, ob wir den Krieg überhaupt überleben.«
Joseph dachte da aber ganz anders und konzentrierte sich extrem auf die Schulfächer. Das Kämpferische, das Kriegerische, das den Tagesablauf bestimmte, war für ihn ganz und gar nichts. »Flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl«: Dieser Leitspruch Adolf Hitlers stand in krassem Gegensatz zum Charakter des scheuen und zurückgezogenen Joseph. Während ich mich durch meine Sportlichkeit ganz gut integrieren konnte, fiel Joseph natürlich auf. Aber man zog ihn mit, denn er war freundlich und kein Querulant, wenn auch ein Außenseiter. Er musste mitmachen, und wenn er einer Mannschaft zugeteilt wurde, war ihm das peinlich, weil er der Schlechteste und die Mannschaft nicht begeistert war, wenn Joseph mitspielte.
Und abends in der Baracke, auf der Stube, wenn alle anderen Karten spielten und sangen, saß er immer abseits alleine an einem Tisch und schrieb, stundenlang. Ich habe ihm immer wieder einmal über die Schulter geschaut, konnte aber nichts lesen, denn er schrieb auf Altgriechisch, damit niemand verstand, was er zu Papier brachte. Später hat er mir einmal anvertraut, dass es Spottverse auf seine Vorgesetzten waren, deren Gehabe für ihn geradezu lächerlich war. Jammerschade, dass diese literarischen Ergüsse nach dem Krieg nicht erhalten geblieben sind, denn ich hätte zu gern erfahren, was er da so aufgezeichnet hat.
Joseph hat sich zwar alles gefallen lassen, und das Raufen der Schülerjahre war weiß Gott nicht seine Stärke. Aber dann hat er sich doch einmal deutlich geäußert, als ein Ausbilder uns zu Fuß bei schlechtestem Wetter nach München scheuchen wollte.
»Wer hält es länger aus? Ich oder ihr?«, dröhnte es in unserer Baracke.
»Wir«, entgegnete ihm Joseph.
Da war ich wirklich überrascht, ich hätte es ihm nicht zugetraut. Er konnte sich durchaus auch klar und bestimmt äußern.
Einmal spielte ein Kamerad immer wieder den Flohwalzer auf einem Klavier. Er konnte offensichtlich kein anderes Lied.
Das nervte Joseph derart, dass er auf ihn zutrat mit den Worten: »Du hörst sofort auf, das Klavier mit dieser einfältigen Melodie zu misshandeln!«
Das war Ratzinger, kurz und prägnant, deutlich in der Aussprache. Wenn ihm etwas nicht gepasst hat, dann hat er das deutlich kundgetan, natürlich nur verbal. Sprache war für ihn alles.
Wenn er am Gymnasium von irgendjemandem wegen seiner sportlichen Schwäche gehänselt wurde, nahm er das gelassen auf und äußerte sich keinesfalls gereizt. Bei mir war das anders. Wenn mich ein Mitschüler provozierte, dann konnte ich schon zuschlagen und mich sehr massiv zur Wehr setzen. Für Joseph kam das aber nie infrage, das war undenkbar für ihn.
Auf einer Fahrt sagte er einmal zu dem Kameraden, der am Steuer saß: »Fahr bitte so, dass wir nicht vorzeitig in die Ewigkeit kommen.«
Aber ansonsten war er umgänglich, freundlich und hilfsbereit. Er war einfach ein anderer Typ, der sich im Wesentlichen immer geistig beschäftigt hat und an dem Unsinn, den die Kameraden manchmal veranstaltet haben, nicht beteiligt war. Er schwebte damals schon in anderen Sphären und wollte auf jeden Fall Pfarrer werden. Er war aber keinesfalls auf eine Karriere aus, das war nicht sein Lebensziel.
Dass das Hitler-Regime massiv gegen die Kirche vorging, war für ihn eine große Belastung. Wir ahnten ja nicht, wie es weitergehen würde. Ob er Theologie hätte studieren können, wenn das Dritte Reich Bestand gehabt hätte, ist fraglich. Das war eine große Unsicherheit in seinem Leben. Trotzdem arbeitete er mit voller Energie auf sein Ziel hin.
Ich hingegen wollte eigentlich nie so richtig Pfarrer werden, ich war nie voll bei der Sache. Es war mehr der Wunsch der Mutter, die einen Pluspunkt für die Ewigkeit erlangen wollte, wenn einer ihrer Söhne Pfarrer wird.
In der Messstaffel, die die Daten der erfassten Flugzeuge an uns weitergeben musste, war Joseph voll integriert. Er war einfach zu schlau, um sich aufzulehnen. Denn das hätte außer großen Schwierigkeiten nichts gebracht. Wir haben uns weggeduckt und gehofft, dass es irgendwie positiv für uns weitergeht. Für Joseph als Pfarrer, und ich wusste es eigentlich nicht. Der Weg ins Priesterseminar war vorgezeichnet, Mutter wollte es unbedingt, ich habe mich irgendwie gefügt und nicht allzu viel darüber nachgedacht. Mit Joseph habe ich mich darüber auch nicht unterhalten, alles war viel zu unsicher.
Beim Reichsarbeitsdienst in Zell-Mühleck
Im März 1943 trennten sich dann unsere Wege, denn ich musste zum Reichsarbeitsdienst nach Zell-Mühleck in der Nähe des Kochelsees, aber nach nur rund drei Monaten wurde ich abkommandiert zum Gebirgsjäger-Regiment 98, der Hochgebirgskampfschule Luttensee in der Nähe von Mittenwald, also mitten in den Bergen.
Bei einer Parade stand ich einmal direkt neben Adolf Hitler und hätte ihm meinen Spaten auf den Kopf hauen können. Natürlich habe ich das nicht getan, denn ich hätte es nicht überlebt.
Mit seiner unnachahmlichen Stimme rief er in schneidendem Ton: »Ihr, meine jüngsten Soldaten.«
Diese Worte nahm ich mit gemischten Gefühlen auf, denn sie bedeuteten, dass wir hier auf den Krieg vorbereitet wurden. Und zu dieser Zeit gab es bereits viele gefallene Soldaten, viel Leid, verursacht vor allem durch die Kämpfe in Russland.
Holzspalten vor unseren Baracken beim Reichsarbeitsdienst in Zell-Mühleck
Wie würde es mir ergehen? Würde ich diesen Krieg überleben oder in der schier unendlichen Weite im Osten als Namenloser in einem Graben enden?
Die Hochgebirgskampfschule Luttensee war allgemein gefürchtet wegen der extrem harten Ausbildung. Die Kaserne lag auf 1100 Meter Höhe. Bergmärsche mit voller Montur waren an der Tagesordnung. Viele Kameraden, vor allem die größeren, erreichten das Ziel nicht und lagen erschöpft am Wegesrand. Ich weiß nicht wie, aber auch sie kamen irgendwann in die Kaserne zurück.
Unser Ausbilder, ein hochdekorierter und mehrfach verwundeter Oberfeldwebel, machte auch einmal schlapp, weil er einfach nicht mehr konnte. Daraufhin wurde er vom Kompaniechef vor der gesamten Mannschaft derart zusammengepfiffen und bloßgestellt, dass es mir peinlich war. Das hatte er wirklich nicht verdient.
Die Kaserne der Hochgebirgskampfschule Luttensee in der Nähe von Mittenwald – das »Sklavenlager«
Eine »beliebte« Aufgabe war das Robben über rund 100 Meter Distanz, auf einer Bergwiese, die von Disteln übersät war. Die als Letzte ankamen, mussten am Sonntag darauf Kartoffeln schälen. Und wer wollte das schon?
Gasmasken aufsetzen, dabei nach vorne robben und gleichzeitig singen war eine ebenfalls gefürchtete Übung. Genauso wie Schwimmen im kalten Bergsee oder der Sprung vom Sprungbrett, den auch Nichtschwimmer machen mussten. Für sie bedeutete das Todesangst.
Wenn einer nicht mehr auftauchte, sprangen ein paar Kameraden in den See, um ihn herauszuziehen, bevor er ertrank.
Ein Kamerad hatte derart Angst, dass er sich einfach versteckte. Beim Abzählen fiel das natürlich auf, er wurde gesucht und in seinem Versteck aufgestöbert. Das bedeutete drei Tage »Bau«, also Gefängnis, bei stark reduzierter Verpflegung und einer harten Pritsche. Ein Glück, dass ich gut schwimmen konnte. Diejenigen, die häufiger bei den Übungen schlappmachten, wurden ganz einfach versetzt.
Während der Gebirgsjägerausbildung in Luttensee; Petrus Freiwang Zweiter von rechts
Mein Aufenthalt in Luttensee dauerte nur bis zum Oktober 1944. Ich atmete auf, wusste aber nicht, was auf mich zukommt.
Die erste Station war Garmisch, und von dort wurde ich dem Sturmbataillon 205 zugeteilt. Das bedeutete, dass wir mit dem Zug zunächst nach Colmar ins Elsass fuhren und von dort mit Bussen Richtung Vogesen. Unser Sturmbataillon war ein selbstständiges Bataillon, das aus 800 Mann bestand. Wir hatten die Aufgabe, eine Passstraße gegen die Amerikaner zu verteidigen.
Wenn man über die Situation nachdachte, musste eigentlich klar werden, dass der Krieg praktisch verloren war. Die Feinde rückten von allen Seiten vor, und aus den alliierten Flugzeugen waren schon Unmengen an Bomben auf unsere Städte gefallen. Und wir sollten nun eine Passstraße verteidigen. Über den Sinn dieser Aktion durfte man nicht philosophieren. Mit voller Montur ging es der Passstraße entlang Richtung Süden, von wo die Amerikaner vordringen wollten.
Mein Einsatz dauerte genau drei Tage und drei Nächte. Drei Tage Kampf in den Wäldern, in denen jeden Moment jemand auf einen schießen konnte, nur wusste man nie, woher der Schuss kommt. Und in der Nacht lagen wir am Boden und schliefen mehr schlecht als recht. Es ging ja auch in der Nacht weiter. Das ganze Gefecht war ein Versteckspiel in den Wäldern und eine gute Deckung die Lebensversicherung. Ständig viele Schüsse, aber du wusstest nicht, auf was du dich einstellen solltest. Du hattest kein konkretes Ziel.
Die Amerikaner schossen mit Leuchtspur. Das hatte den Vorteil, dass sie genau sahen, wo der Schuss hinging, aber gleichzeitig den Nachteil, dass wir bemerkten, wo der Schütze saß. Gerade bei den Baumschützen war dies fatal. Diese versteckten sich, gut getarnt mit grünen Netzen, in den Bäumen, um auf uns herabzuschießen. Wenn wir sie aber entdeckten, waren sie ein gutes Ziel, und wir holten so manchen von ihnen aus den Bäumen herab.
Was wir dabei sahen, schien uns unglaublich. Diese Soldaten waren bestens ausgerüstet und die Verpflegung regelrecht perfekt. Da gab es Päckchen mit der Aufschrift »Breakfast« oder »Lunch«. Wir hingegen knabberten nur an unserem langweiligen Gummikäse herum. Welch ein Unterschied!
Mit Kameraden aus der Traunsteiner Oberschule in Luttensee; Petrus Freiwang Zweiter von links
Die Brüder Jakob und Petrus Freiwang
Man wollte mir ein Maschinengewehr in die Hand drücken, aber ich hatte noch nie eines bedient. Also bekam das Maschinengewehr ein Kamerad, und der ist dann als Erster gefallen.
Schließlich haben wir den Berg eingenommen und uns eingegraben. Aber dann kam schon wieder ein Gegenstoß der Amerikaner, und wir mussten zurück. Ich habe mich ins Heidekraut gelegt, um nicht bemerkt zu werden.
Da aber explodierte eine Granate direkt neben mir, und ein Splitter traf mich. Er drang zwischen den Rippen ein und verletzte die Lunge. Es war ein Volltreffer, und durch den Druck der Explosion wurde ich an einen Baum geworfen.
›Jetzt ist es aus, jetzt ist es vorbei!‹, waren die einzigen Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, während sich der Schmerz durch den ganzen Körper zog. Stöhnend lag ich da und wusste nicht, was mit mir geschah. Aber die Kameraden, die in meiner Nähe waren, robbten heran und zogen mich weg, heraus aus der Gefahrensituation.
Zwei Kameraden, die mich stützten, brachten mich zum Verbandsplatz, wo ich zunächst notdürftig verarztet wurde. Danach ging es mit einem Fahrzeug liegend zurück nach Colmar ins Lazarett. Auf dem Weg hörte ich noch die Schüsse, die weit durch die Landschaft hallten. In solchen Momenten ist einem alles egal. Man weiß nicht, was einem fehlt und ob man die Nacht überlebt.
Zum Glück gelang es, den Splitter zu entfernen, und in den kommenden drei Wochen im Lazarett wurde ich wieder aufgepäppelt. Im Anschluss konnte ich einen kurzen Genesungsurlaub antreten. Auf der Fahrt mit dem
