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»Going nowhere very rapidly« – so bewarb eine US-amerikanische Firma für Fitnessgeräte schon in den 1920er Jahren ein Laufband zur körperlichen Ertüchtigung. Für Yves Pagès, Autor, Verleger und Sammler kulturgeschichtlicher Kuriositäten aller Art, ist das Laufband im Fitnessstudio ein geradezu metaphysisches Modell des Kapitalismus: eine unaufhörliche Bewegung auf der Stelle, in der ein Sisyphus wie aus »Moderne Zeiten« dem Avatar eines ökonomischen perpetuum mobile hinterherhetzt. Das Prinzip ist allgegenwärtig, ob als Rolltreppe oder Kassenband, als Fließ- und Förderband in Fabriken und Bergbau, als Heimtrainer oder moving walkway am Flughafen. Fasziniert setzt Pagès zur Recherche an, durchforstet Patentanmeldungen, Berichte von Industriemessen, Werbungen, Filme und Literatur, um Vorläufer und ausgestorbene Nebenzweige in der langen Evolution des Laufbands nachzuverfolgen. Höchst unterhaltsam erzählt er, wie aus einer Technologie zur Schonung von Nutztieren im Lauf der Geschichte erst eine schikanierende Disziplinarmaßnahme in englischen Gefängnissen und in Kolonialregimen wird und schließlich eine begehrte und teuer bezahlte Form der Selbstoptimierung und -kasteiung im spätkapitalistischen Lifestyle. »Travail à la chaîne« – der französische Begriff für Fließbandarbeit – lässt sich wörtlich mit »Arbeit an der Kette« übersetzen. Deutlicher und vielschichtiger kann man die Realität des Kapitalismus kaum darstellen. »Indem er die Geschichte des Laufbands nachzeichnet, liefert Yves Pagès eine anregende und komische Reflexion über den Kapitalismus in seinen absurdesten Avataren.« Livres Hebdo »Endlose Ketten nimmt uns mit auf eine seltsame Reise. Denn der Heimtrainer ist nur eine von hundert Auswirkungen der Erfindung des Laufbands. Ohne das Laufband würde die heutige Welt nicht existieren. (...) Dies verdeutlicht Pagès' originelle Untersuchung, die Archive und Filme, Erzählungen und Werbungen außerordentlich präzise und gut dokumentiert miteinander verbindet, während sie, um mit Montaigne zu sprechend, ›springend und hüpfend‹ unterwegs ist, um sich nicht im Kreis zu drehen.« Le Monde des Livres
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2025
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YVES PAGÈS (*1963 in Paris) ist Autor und Verleger. Er leitet zusammen mit Jeanne Guyon das Imprint Verticales bei Éditions Gallimard und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht.
FELIX KURZ übersetzt Essays, Sachbücher und wissenschaftliche Literatur aus dem Englischen und Französischen. Für die Edition Nautilus hat er zusammen mit Anke Fusek zuletzt Phil Mailers Portugal – Die unmögliche Revolution? ins Deutsche übertragen (2024).
Die Originalausgabe des vorliegenden Buches erschien unter dem Titel Les chaînes sans fin. Histoire illustrée du tapis roulant, © Editions La Découverte, Paris 2023.
Dieses Buch erscheint im Rahmen des Förderprogramms des Institut Français und des französischen Außenministeriums, vertreten durch die Kulturabteilung der Französischen Botschaft in Berlin.
Die Arbeit des Übersetzers am vorliegenden Buch wurde vom Deutschen Übersetzerfonds mit einem Stipendium gefördert. Der Übersetzer dankt außerdem der Association pour la promotion de la traduction littéraire für einen längeren Aufenthalt im Collège International des Traducteurs Littéraires in Arles.
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49a
22761 Hamburg
www.edition-nautilus.de
Alle Rechte vorbehalten, ausdrücklich auch die Nutzung dieses Werks für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG
© Edition Nautilus 2025
Deutsche Erstausgabe September 2025
Umschlaggestaltung: Maja Bechert
www.majabechert.de
Satz: Corinna Theis-Hammad
www.cth-buchdesign.de
Porträt des Autors auf S. 2: ©Ariane Audouard
1. Auflage
ePub ISBN 978-3-96054-489-0
Geschichtsschreibung bleibt immer Fragment. Die bekannten Tatsachen sind oft verstreut wie Gestirne am Firmament. Es darf nicht der Eindruck erweckt werden, sie seien ein zusammenhängendes Gebilde in der historischen Nacht. Darum stellen wir sie bewusst als Fragmente dar. Bilder und Worte sind nur Hilfsmittel: der entscheidende Schritt vollzieht sich im Leser.
SIGFRIED GIEDION, Die Herrschaft der Mechanisierung, 1948.1
Ich halte einen großen Metallring fest
klammere, klammere mich daran
ich … Gedanke, na ja, das war vorher
aber was war denn dieser Gedanke?
HENRI MICHAUX, »Förderband in Gang«, Erkenntnis durch Abgründe, 1967.2
Das letzte Bild des Fortschrittsstrebens
Ein stationärer Vorwärtsgang
Eine kurze Sternstunde ohne Fortsetzung?
Bedenken in letzter Minute
Ein kleines Reitsport-Intermezzo
Patente im Futur II
Über einige falsche Freunde
Freizeitpark für Haustiere
Bibliophile Abschweifung
Fallen und Käfige
Watt does horse power mean?
Industrielle Revolution und Proletarisierung der Tiere
Pferde backbord und steuerbord
Eisenbahnen im Galopp
Die endlose Treppe, ein Instrument der moralischen Besserung
Teufelskreise der Hundearbeit
Quälen oder produzieren? Das grausame Dilemma des Strafvollzugs
Schändliche Gefangene eines Mahlwerks der Disziplinierung
Das erste motorisierte Trainingslaufband
Die Vorpremiere des motorisierten Hippodramas
Ein mobiles Panorama in Lebensgröße
Der Einsatz des menschlichen Motors für die Arbeit
Die urbane Fata Morgana der »gehenden Straße«
Die Fehlstarts des »Förderbands«
Die »Klaubefrauen« im Kohlebergbau
Spätes Erratum
Shopping auf allen Etagen
Die Ära des öffentlichen Nahverkehrs bricht an
Die tayloristische Zähmung des Tiers im Menschen
Die ersten Heimtrainer: Schritt für Schritt zurück nach vorn
Vorfordistische Schlachthöfe
Soziale Faulheit oder Widerstand gegen maßlose Schufterei?
Montieren und zerlegen
Bilderfolgen der Lohnsklaverei
Der Erste Weltkrieg, ein Katalysator der Biomechanik
Eine neue maschinenartige Choreografie (I)
Kurze Abschweifung über den Film »Der Unbekannte«
Eine neue maschinenartige Choreografie (II)
Doktor Destouches über das fordistische Modell
Die theatralische Mechanisierung des braven Soldaten Schwejk
Crash und Wiederauferstehung der fordistischen Mythologie
Snackpause und Selbstbedienung
Das infantile Stadium des Fordismus nach Disney
Ein französischer Pionier des Stummfilms (der aber über die Arbeit spricht)
Propaganda wie am Fließband … verheddert
»Fordismus im Dienst der Arbeiter«, ein paralysierender Unsinn
Die medizinische Prävention bringt den Menschen zurück aufs Laufband
Auftritt Chaplin
Der »Volkswagen«, ein deutsch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt
Science Fiction, eine Hochburg der Gesellschaftskritik
Ein retro-futuristisches Panorama … vor der Apokalypse
Fahrstuhl ins Jenseits (Rückfahrt inklusive)
Das andere Geschlecht des fordistischen Aufschwungs
Auftritt Kassenband
Automobilität als Freizeitvergnügen
Telepropaganda für die Gymnastik
Das Kaiten-Zushi macht die Runde
Kurzmeldungen am Fließband
Späte Zweifel an der parzellierten Arbeit
Startrampe für Fitness
Neue Ketten für die Kolonisierten von gestern
Mai ’68, ein Crashtest im wirklichen Leben
Kritik der Kritik der »Künstlerkritik«
Rollentausch am Kassenband
Trailer des widerständigen Kinos
Warum gönnen wir uns nicht einen Moment des Stillstands?
Vom dystopischen »Orgasmotron« zu Workout-VHS-Kassetten
Just-in-time-Produktion, Outsourcing und Logistik
Letzte Runde vor der Vivisektion
Ein Rekord jagt den nächsten, auch wenn es uns nicht gefällt
Willkommen in der Halle der verlorenen Schritte
Weißblende
Anmerkungen
Abbildungsverzeichnis
Tausend Dank
Immer rennen und streben, fürs Überleben. Gut gerannt – Leben verbrannt.
Kreolisches Sprichwort
Am Anfang dieses Buches stand ein Bild, das sich mir einbrannte, als ich die Avenue de la République in Paris zum Friedhof Père-Lachaise hinauflief. Auf der linken Straßenseite befand sich ein Gebäude im Haussmann-Stil, durch dessen große, leicht beschlagene Fenster im ersten Stock man mehrere Gestalten erahnen konnte, die nebeneinander auf nicht zu erkennenden Geräten ihr Lauftraining absolvierten. Im Erdgeschoss ein auf Hightech gestyltes Geschäft, eingerahmt von zwei Schaufenstern mit Blumenkränzen und Urnen. Die Schilder beseitigten jeden Zweifel: In der oberen Etage befand sich ein Fitnessstudio, darunter ein Bestattungsunternehmen. Eine wuchtige Baumkrone ließ es nicht zu, das skurrile Duo auf einem Foto zu verewigen. Aber die Idee war geboren und holte mich immer wieder ein: ein Bestattungsinstitut, darüber ein Fegefeuer der körperlichen Ertüchtigung, in dem verblichene Seelen wie schwerelos auf der Stelle joggen. Nachhaltig fasziniert von der Fata Morgana dieses Jenseits und der Tradition eines magischen Materialismus verpflichtet, begann ich nach und nach, für das Laufband einen Fetisch zu entwickeln, wie ich ihn für viele befremdliche Geräte pflege. Verkörperte es nicht die resiliente Morbidität des unmittelbar gegebenen Heute, seine ewige Trauerarbeit, seine Pseudofortbewegung ohne Bodenhaftung? Ich musste an den Titel eines Romans von Will Self denken: Wie Tote leben. Wie sollte man beim Anblick dieser Verstorbenen im Leerlauf-Sprint nicht ins Fantasieren geraten?
Immer wieder kam ich dort vorbei und sah aus den Augenwinkeln diese Athleten im Jenseits, die hinter ihren Fensterscheiben Seite an Seite virtuelle Kilometer zurücklegten, und dabei musste ich an die chronofotografische Flinte von Étienne-Jules Marey denken, die die Bewegungsabfolge eines galoppierenden Pferds in Einzelaufnahmen zerlegte, und dabei wiederum an Charlie Chaplin in Moderne Zeiten, wie er im infernalischen Takt des Fließbands reflexhaft Schrauben anzieht, dann an die Artikel auf einem Kassenband im Supermarkt, die nacheinander gescannt werden, an Super Mario, der sich in einem an Piranesi gemahnenden Universum aus mobilen Plattformen mit Luftsprüngen vorwärts bewegt, an die Koffer auf dem Gepäckförderband am Flughafen, den von Hand sortierten Abfall auf dem Förderband einer großen Müllverbrennungsanlage am Stadtrand, dann an die jugendlichen Besucher eines Fun-House im Freizeitpark, die am Ausgang reihenweise umfallen, weil sie von einer Wackelbrücke unter ihren Füßen überrascht werden, an das tragikomische Schicksal des Sisyphus, der von den Göttern des Olymp zu einer sinnlosen, ewigen Mühsal verdammt wurde – und so weiter und so fort.
Unter dem Eindruck dieser Assoziationen begann ich 2020 im ersten Corona-Lockdown eine Internetrecherche: »tapis de cours«, Laufband, + »histoire«, Geschichte. Von den 245.000 Treffern, die ich binnen 0,97 Sekunden erhielt, hatte der Algorithmus lauter Verweise auf »ein britisches Folterinstrument« an der Spitze platziert: die treadmill, erfunden im Jahr 1818, ein zumindest einprägsames Datum. Also gab ich treadmill in die Suchmaschine ein. Das führte mich wiederum zurück zu den treadwheel cranes der römischen Antike – große Kräne, die von einem Tretrad angetrieben wurden – und abermals zu einem Werkzeug der hard labour, in den Arbeitshäusern der viktorianischen Ära als penal treadmill, als »Straftretmühle« bekannt, sowie einer exercise machine, die Kardiologen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts für »Belastungstests« verwendeten. Den Schlusspunkt bildete dann der Anfang der 1980er Jahre aufkommende Heimtrainer, der die Nebenwirkungen des Bewegungsmangels in westlichen Gesellschaften ausgleichen sollte.
Dieser unübersichtliche Überblick, der sich aus zahllosen Websites von Geräteherstellern, Online-Fitnesscoachs und Sportstudios ergab, verlangte nach weiteren Informationen, die ich im Lauf einiger Monate in den digitalisierten Archivbeständen von Universitätsbibliotheken und auf Portalen mit frei zugänglichen Fachartikeln atemlos zusammentrug. Dabei erweiterte sich das Feld meiner Untersuchung um andere Anwendungen des Prinzips: Da gab es ein schräg aufgebocktes Band, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Landwirtschaft zum Einsatz kam, Theater, in denen Pferde auf Laufbändern zu sehen waren, die ergonomischen Untersuchungen der ersten Physiologen zu schwerer Arbeit, den »Rollenden Gehweg« auf der Pariser Weltausstellung von 1900 sowie die Einführung des Fließbands, das in der Welt der Arbeit eine neue Ära einläutete – von den Schlachthöfen Chicagos über die »Klaubefrauen«, die im Bergbau von Hand erzhaltiges von taubem Gestein schieden, bis hin zu den Supermarktkassen. Angesichts der so unterschiedlichen Vorläufer des Fitness-Laufbands – von denen manche einen rasanten Aufschwung erlebten, andere dagegen plötzlich an Bedeutung verloren, und deren Anwendungsgebiete offenbar kaum Berührungspunkte aufweisen – wurde mir klar, wie sehr die Erzählung, die sich um jede Erfindung rankt, vielleicht nicht geradewegs gelogen ist, aber doch eine fragwürdige Linearität behauptet. Im Rückblick wird suggeriert, jeder Erfinder erziele einen technologischen Fortschritt, der den vorherigen Prototyp verbessere, sodass lauter kleine Schritte schließlich zu großen Sprüngen führen.
Der Fall des Laufbands bildet in dieser Hinsicht keine Ausnahme: Seine Geschichte verläuft weitaus holpriger, als das Credo eines geradlinigen Fortschritts uns glauben machen will. Widersetzt es sich anfangs dem Siegeszug der Dampfmaschine, so wird es später selbst eine Triebkraft der forcierten Automatisierung; sein Wirkungsradius beschränkt sich zunächst auf die ländliche Welt, bevor es den städtischen Raum umgestaltet; es erfindet eine jahrtausendealte, pseudoproduktive Marter neu und bestimmt später den Rhythmus der Schichtarbeit; es drängt die Nutzung von Zugtieren zurück und prägt schließlich den Aufgaben einer gezähmten menschlichen Arbeitskraft seine Ordnung auf. Kurzum: Die Sternstunden und Tiefschläge in der Entwicklung des Laufbands sind von den sozioökonomischen Spannungen aufeinanderfolgender Epochen durchzogen, aus denen sich die widersprüchlichen Irrwege seiner Nutzungen und Neuerfindungen erklären. Was jedoch sein kapitalistisches Schicksal auszeichnet, lässt sich an seiner ursprünglichen Bezeichnung erahnen: Als endless oder auch everlasting belt dient es als Energielieferant für verschiedene landwirtschaftliche Maschinen oder als motorisiertes Förderband in der Produktionskette. Ein solches Prinzip der Endlosigkeit passte hervorragend zum grundlegenden Leitbild der industriellen Revolutionen: dem eines unbegrenzten Wachstums. Das Gespenst des perpetuum mobile bewegt sich noch immer – nicht in Gestalt einer ewigen Wiederkehr des Gleichen, sondern als unaufhörlicher Fortschritt, dessen perfekt geöltes Räderwerk nie zum Halt kommt.
Wie also umgeht man die Fallstricke einer teleologischen Erzählung, die unterstellt, jede einzelne Etappe stelle eine Verbesserung, eine Vervollkommnung auf dem Weg zum Ziel dar, und immer so fort – ganz im Geist der von William Cubitt erfundenen eternal staircase, jener »unendlichen Treppe«, mit der ab 1818 englische Gefängnisinsassen gequält wurden, die nach Plänen von Jesse W. Reno aber von 1898 an auch dazu diente, die Kundschaft im Kaufhaus Harrods von einer Etage in die nächste zu befördern? Wie entzieht man sich der Litanei von Chronologien, die patentierte Prototypen und die Namen ihrer genialen Erfinder aufführen – nach dem Muster eines Nationalromans über unsere militärischen Eroberungen, der die denkwürdigen Schlachten und die kühnen, siegreichen Generäle aneinanderreiht? Lange suchen musste ich nicht, sondern machte kurzerhand Anleihen bei einer anderen Art von »Treppenwitz«: dem erratisch-abschweifenden Geist des fragmentarischen Schreibens. Unzusammenhängende, getrennte Elemente, die sich nie zu einem Ganzen fügen, als Mittel gegen die trügerische Kontinuität. Daraus ergeben sich allerhand Freiheiten. Man kann zu den zeitlichen Markierungen auf Abstand gehen, indem man ständig zwischen einer mitunter fernen Vergangenheit und futuristischen Visionen hin und her pendelt; man kann das Bild des einsamen Erfinders infrage stellen – der heroisiert wird, weil es so bequem ist, Einzelnen ein Denkmal zu setzen – und stattdessen Geistesverwandtschaften, kollektive Vorstellungen und Perioden, die eine bestimmte Entdeckung fördern, sichtbar machen; man kann den Misserfolgen, Pannen und Hindernissen ebenso viel Aufmerksamkeit schenken wie den vorübergehenden und dauerhaften Erfolgen; man kann auf satirische Darstellungen neuer Verfahrensweisen in Film und Literatur zurückgreifen, um der einseitigen Propaganda der käuflichen Apologeten entgegenzuwirken. Und das genügt schon – wir brauchen keine Abhandlung über die Methode, sondern nur ein paar Leitplanken.
Halten wir fürs Erste fest: Indem wir versuchen, eine Genealogie des Laufbands zu erstellen – von den im England des 18. Jahrhunderts so geschätzten Hamsterrädern bis zu den stepmills in den heutigen Fitnessstudios –, stellen wir zugleich infrage, wofür wir uns abhetzen sollen, wenn es nach der herrschenden Technokratie geht. Mehr noch: Wir ergründen so, wie dieses Gerät in seiner jüngsten Gestalt als eine Art moving road zur Allegorie wird, zur Momentaufnahme einer paradoxen Bewegung im wörtlichen wie übertragenen Sinn. Ohne die zurückgelegte Strecke und die gequälten, erschöpften Opfer am Wegesrand zu vergessen, gelangen wir mit dem über dem Boden schwebenden Laufgerät am Ende unserer Untersuchung auf den Gipfel eines Paradoxons in progress, wenn nicht gar der Lächerlichkeit: Man bewegt sich fort, indem man auf der Stelle tritt. Es gibt wohl kein eindrücklicheres Beispiel für die ideologischen Irrwege des Fortschrittsdiskurses, sei er nun liberal, sozialutopisch, stachanowistisch oder mittlerweile transhumanistisch gefärbt. In dieser letzten Erscheinungsform, dem Laufband im Fitnessstudio, drückt sich gleichermaßen das sisyphushafte Motiv unserer freiwilligen Knechtschaft aus wie auch ein unmittelbar bevorstehender Sprung des Kapitalismus – weit über den Abgrund hinaus.
EIN STATIONÄRER VORWÄRTSGANG – Im Jahr 1859 soll ein gewisser Monsieur Émeric Lesix-Détève, der im Kreis der mehr oder minder berühmten Erfinder durch vollständige Abwesenheit glänzt, den Entwurf einer manège à tablier sans fin, einer »Reitbahn auf endlosem Band« – wörtlich: »auf endlosem Schurz« – vorgelegt haben. So häufig der Name des unbekannten Tüftlers auf verschiedenen Websites auch auftaucht, von einem Dokument, das seine Erfindung belegen würde, findet sich keine Spur – mit einer Ausnahme: dem Bulletin des lois de la République française vom 1. Januar 1860. An dreizehnter Stelle der offiziellen Verlautbarungen darin heißt es, dass »Monsieur Lesix-Détève am 26. Januar 1859 im Sekretariat der Präfektur des Département Pas-de-Calais in Beaumetz-lès-Loges ein fünfzehnjähriges Patent auf einen ökonomischen Antrieb eingereicht« habe. Eine andere Quelle präzisiert, dieser »Antrieb« bestehe aus einem »beweglichen Boden auf zwei Rollen, den ein auf der Stelle tretendes Tier in Gang setzt«. Abgesehen von dieser kurzen Notiz sucht man jedoch vergeblich nach einer Skizze des Entwurfs. Ein solcher nicht näher beschriebener »ökonomischer Antrieb« macht die »Reitbahn auf endlosem Band« aus, deren rätselhafte Beschreibung an ein Sprachbild à la Mallarmé erinnert.
Spontan denkt man an eine Jahrmarktattraktion, deren hölzerne Pferde sich endlos im Kreis drehen, oder an ein Karussell, das eine Schar Kinder immerfort durch die Luft fliegen lässt. Im Warenhaus der Neuheiten hat der Fortschritt schon immer einen zwischen göttlicher Überraschung und albtraumhaftem Schwindelgefühl angesiedelten Taumel ausgelöst, seitdem der antike Glaube an das perpetuum mobile der jenseits des Mondes liegenden Himmelskörper im Mittelalter erschüttert und dann in der Renaissance nach und nach von Simon Stevin, Galileo Galilei und Leonardo da Vinci demontiert wurde, bevor er sich schließlich mit den mechanistischen »Reibungen« des von Isaac Newton nachgewiesenen Trägheitsprinzips konfrontiert sah. So kam es, dass die Pariser Königliche Akademie der Wissenschaften am 3. Mai 1775 beschloss, »keine Maschinen mehr zu begutachten (…), bei denen es sich um ein perpetuum mobile handeln soll«. Ein endgültiger Entschluss oder nur ein frommer Wunsch? Es scheint doch eher, dass der Geist des Kapitalismus diesem windigen Mythos seither unablässig hinterhergejagt ist.
Aber sparen wir uns die wilden Spekulationen: Hinter dem geheimnisvollen Namen manège à tablier sans fin verbirgt sich eine der Maschinen, die im 19. Jahrhundert die Mechanisierung der Landwirtschaft vorantrieben. Schon bald in Serie gefertigt, erhielt die neuartige Tretmühle Spitznamen, die auf den französischen Feldern weite Verbreitung fanden: trépigneuse (»Stampfmaschine«), in der Beauce auch terpigneuse, etwas weniger geläufig waren piétineuse (von piétiner, »trampeln«), tripoteuse (von tripoter, altfranzösisch für »herumtappen«) und galérienne (»Galeerensklavin«), mitunter hieß sie auch tripotin oder schlicht tripot, »Bewegungsfeld«. Man stelle sich eine Plattform vor, die auf einer Seite erhöht ist (oder einen Wagen, der nur Vorderreifen hat), ausgestattet mit einem Laufband aus Holzlatten, die durch Riemen (oder Ketten) miteinander verbunden sind und sich auf einer Reihe von Metallrollen drehen. An beiden Seiten der beweglichen Plattform (oder des Rollbands), die am einen Ende um 15 bis 20 Grad geneigt ist, befinden sich Planken, damit das Pferd, das auf die Konstruktion geführt wird, nicht herunter kann – ein schweres Pferd, das eingepfercht in diese Art Box immer wieder dieselbe sanfte Steigung hinauflaufen muss, um an den Hafer im vor ihm angebrachten Futtertrog zu kommen. Sein erzwungener Gang, der nie in einen Trab übergeht, sorgt für eine gleichmäßige Rotation der Holzlatten, die wiederum über Riemen und Zahnräder eine seitliche Trommel antreibt, an die verschiedene Geräte angeschlossen werden können – meistens war dies eine Dreschmaschine. Ein letztes wichtiges Detail: Die geniale Konstruktion ist mit einem Bremshebel ausgestattet, der es dem Bauern ermöglicht, die vom Schritt seines Gauls ausgehende Antriebskraft vorübergehend zum Halt zu bringen.
Eine trépigneuse (»Stampfmaschine«) der Marke Lecoq, um 1890.
Obwohl der Mechanismus sichtbar war, kam damals niemand auf die Idee, die revolutionäre Maschine als ein »Laufband« zu bezeichnen. Dabei handelte es sich tatsächlich um eine stille, diskrete, fast unsichtbare Revolution: um den Übergang vom angeschirrten massigen Zug- oder Pflugpferd zu einem stationären Arbeitstier, das ohne Geschirr auf einem breiten beweglichen Holzband postiert wird. In diesem funktionalen Wandel hin zur repetitiven Bewegung am gleichbleibenden Ort möchte man beinahe eine Vorwegnahme der Fließbandarbeit in der Fabrik sehen, aber damit würden wir zu viele Schritte überspringen. Schweifen wir stattdessen noch weiter in die Vergangenheit ab. Neben der Entwicklung von Schlacht- und Paradepferden hatte vom Equus magnus der römischen Antike zum Lastpferd des Mittelalters ein erheblicher technischer Fortschritt stattgefunden. Das Halsgeschirr aus einem schlichten geschmeidigen Lederband wurde durch ein Schultergeschirr ersetzt, das die Last auf starke Knochen verlagerte und so das Gewicht, das ein Pferd ziehen konnte, von 500 Kilogramm auf mehrere Tonnen steigerte. Mit dem Eisenbeschlag fand sich außerdem ein Mittel, die Hufe des Pferdes vor Abnutzung oder Schnittwunden zu schützen, während Gespanne aus vier und manchmal sogar sechs Tieren, die in Paaren nebeneinander liefen, ihre Zugkraft vervielfachten.3 Dank dieser drei bedeutenden Neuerungen konnten Pferde nun anstrengende Aufgaben in der Landwirtschaft übernehmen, die bislang hauptsächlich Rindern und anderem Lastvieh zugefallen waren – den Leibeigenen.
In der Zeit des Feudalismus wurde das Pferd auf den Feldern eingesetzt, wo es Pflug und Egge zog, ab der Renaissance aber auch vor prächtige Kutschen und Gepäckwagen gespannt, während für die mit Krieg und Jagd befassten Herrschaften Reitpferderassen zu edlen Schlachtrössern hochgezüchtet wurden. Als im 18. Jahrhundert die ersten Dampfmaschinen auftauchten, verschwanden Zugpferderassen wie die Percherons nicht, sondern es eröffneten sich ihnen neue Einsatzfelder: Wo es sowohl an Flüssen als auch an regelmäßigem Wind fehlte, halfen sie den Müllern beim Betrieb der Mühlen, den Winzern beim Traubenpressen und den Bauern beim Wasserpumpen. Außerdem wurden sie in den aufkommenden Textilmanufakturen und der Bergwerkförderung eingesetzt und trieben trotz der allmählichen Durchsetzung der Kohlekessel ab dem frühen 19. Jahrhundert – nach demselben Verfahren wie die Tretmühle, die trépigneuse – auf der anderen Seite des Atlantiks die team boats und sogar manche Lokomotiven an.
Um welche Art von manège, von Reitbahn oder Karussell also, geht es hier? – In der Landwirtschaft ist sie als sogenannter Göpel eine der ältesten Methoden, sich die Kraft von Tieren zunutze zu machen. Die Idee, Rinder, Esel oder Pferde an eine Stange anzuspannen, die in der Mitte mit einer vertikalen Achse verbunden ist, und sie als Antrieb für eine Mühle, Presse oder Wasserpumpe im Kreis laufen zu lassen, reicht in allen Winkeln der Erde bis in graue Vorzeiten zurück. Im 17. und 18. Jahrhundert war der Göpel in Kontinentaleuropa sogar eine bevorzugte Methode zum Getreidedreschen, während er in Großbritannien und den USA bereits allmählich durch Dampfmaschinen verdrängt wurde. Aufgrund des vorherrschenden Kleinbesitzes nutzten die meisten französischen Bauern ihn noch Anfang der 1860er Jahre, als verschiedene Modelle von Tretmühlen auf den Markt kamen. Diese neuen Prototypen wurden merkwürdigerweise ebenfalls zu den Göpeln gezählt – im Englischen horse sweeps – und so von dampfbetriebenen mobilen Maschinen unterschieden, deren hoher Preis die meisten Kleinbauern abschreckte.
Von einer »Reitbahn auf endlosem Band« zu sprechen, ist eine bequeme, aber irreführende Vereinfachung, denn die beiden Prinzipien haben nichts miteinander gemein: Während der Göpel (dessen Transmissionsachse sich am Boden oder in der Höhe befinden kann) schlicht die Zugkraft des Tieres auf seinem kreisförmigen Pfad (manège) nutzt, zwingt die Tretmühle es dazu, auf der Stelle zu laufen, und wandelt diese Bewegung in motorische Energie um. Natürlich mag es für die gebildeten Zeitgenossen so ausgesehen haben, als ob das Tier auch beim Göpel auf der Stelle tritt – eine routinierte Dauerschleife, die Gustave Flaubert in Madame Bovary verspottet: »Er vollbrachte sein kleines tägliches Arbeitspensum wie ein Pferd im Göpelwerk, das mit verbundenen Augen im Kreise läuft, ohne zu wissen, was es zerschrotet.« Ähnlich bemerkte Adam Mickiewicz in seinen Maximes et Sentences: »Der Narr ist wie ein Esel im Göpel; er hat die Augen verbunden, bewegt sich immerfort und bleibt doch stets auf der Stelle.« Zugtiere im Kreis laufen zu lassen ist dennoch etwas völlig anderes als die verrückte Idee, sich den gleichmäßigen Gang eines Pferdes zunutze zu machen, das ohne Geschirr auf einem Laufband tritt.
Ein landwirtschaftliches Pferdelaufband um 1880.
Die fälschliche Bezeichnung als manège, als »Reitbahn« also, erschwerte es fraglos, den technologischen Sprung zu erkennen, der mit der Einführung der Tretmühle gerade stattgefunden hatte. Daran änderte auch der kommerzielle Erfolg der von Tretmühlen angetriebenen Dreschmaschinen im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts nichts – auch sie wurden als eine bloße Variante der weiterhin vorherrschenden Göpel betrachtet, die bald der Motorisierung der Landwirtschaft weichen sollten. Die Entdeckung, wie sich der Gang eines Nutztiers mit einem Laufband kombinieren lässt, hat in unserem historischen Gedächtnis nicht den ihr gebührenden Rang erhalten; angesichts der unaufhaltsamen thermodynamischen Modernisierung der Landwirtschaft gilt sie als ein alternatives Modell, das keine Zukunft hatte, wenn nicht gar als folkloristische Kuriosität. In Wirklichkeit aber handelte es sich um eine zwar kurzlebige, aber buchstäblich umwälzende technologische Innovation, deren Ableger bald eine entscheidende Rolle für Fortbewegungsarten, die Fließbandproduktion und den Massenkonsum spielen sollten.
EINE KURZE STERNSTUNDE OHNE FORTSETZUNG? – Als der verkannte Émeric Lesix-Détève im Januar 1859 sein aufgebocktes Laufband entwarf – und einen »Fassreiniger«, patentiert am 19. Dezember 1861 –, setzten kühne Industrielle bereits seit Jahrzehnten auf Dampfmaschinen, und Landwirte, deren Anbauflächen groß genug waren für einen rentablen Einsatz der zunächst mit Kohle- und später mit Öl- und Holzgas-Kesseln betriebenen Lokomobilen, folgten ihnen darin. Insofern könnte man meinen, Lesix-Détèves Verfahren sei von vornherein veraltet gewesen, doch das hieße zu übersehen, dass motorisierte Geräte für viele Landwirte zu kostspielig oder aufgrund der landschaftlichen Gegebenheiten Frankreichs ungeeignet waren. Ganz zu schweigen davon, dass abgesehen vom Pflügen, für das Zugtiere eingesetzt wurden, das Dreschen der Ähren und das Trennen der Spreu vom Getreide oft noch mit mühsamer menschlicher Körperkraft erfolgten – in Handarbeit mit Dreschflegeln und Worfelschaufeln. Daraus erklärt sich der auf Anhieb beachtliche Erfolg des frühen Laufbands, auf dem ein Tier seine Kraft über die unter seinen Hufen rotierenden Holzlatten übertrug.
Nicht nur ist über den Erfinder des besagten »ökonomischen Antriebs« nichts bekannt, es ist auch unklar, ob er an der Vermarktung selbst beteiligt war oder an welchen Betrieb er eine Lizenz vergab. Als erster Hersteller von Dreschmaschinen mit Tretmühlenantrieb trat offenbar ab 1860 die Firma Gérard in Vierzon auf, die vier Jahre zuvor gegründet worden war, um die damals in England beliebten Dampflokomobilen zu verkaufen. Im Lauf der 1860er Jahre diversifizierte sich das Angebot ebenso wie die Marken – Winten-Berger, Lecocq, Dupuis, Bertin, Gautreau, Pinet und andere – vom Nordosten bis in die Region Beauce, wie der Historiker des ländlichen Frankreich Robert Specklin festhält. 1886 beschrieb das Bulletin des séances de la Société nationale d’agriculture den Markt wie folgt:
Bei der Ausstellung in diesem Jahr ist Monsieur Bertin keineswegs der einzige, der Tretmühlen präsentiert. Diese Art von Dreschmaschinen ist sehr zahlreich vertreten, während man nur mit Mühe ein oder zwei gewöhnliche Göpel findet. Der Markterfolg dieser Maschinen verdient eine nähere Betrachtung. Auf den ersten Blick scheint ein Pferd, das auf der Stelle tritt, eine größere Leistung zu erbringen, als wenn es an die Deichsel eines gewöhnlichen Göpels gespannt wäre.4
Dreschmaschinen mit Verbrennungsmotor werden in dem Bericht nicht einmal erwähnt. Gegenüber dem Dreschen mit Handflegeln verdoppelt der Göpel zwar die Leistung, da nur noch halb so viele Arbeitskräfte benötigt werden, die Tretmühle aber hat den Vorteil, dass sie wenig Platz einnimmt – für ein einzelnes Pferd ist sie in der Regel 1,5 Meter breit und 3,5 Meter lang – und sich ohne großen Aufwand vom Hof auf die Felder ziehen lässt. Dass sich das Gerät gegen die Motorisierung behaupten kann, ist laut einer späteren Bilanz der Zeitschrift La Vie à la campagne vom August 1909 vor allem auf wirtschaftliche Gesichtspunkte zurückzuführen. Bei einer Dreschleistung von zwei Doppelzentnern pro Stunde kosten Tretmühlen zwischen 1.000 und 1.500 Francs; die neuesten Maschinen dagegen, die es mit einem Öl-Verbrennungsmotor auf vier Pferdestärken bringen, kosten bei einer Leistung von fünf Doppelzentnern pro Stunde 3.000 Francs oder sogar bis zu 5.000 bei noch höheren Geschwindigkeiten. Ein weiteres großes Problem dieser Prototypen besteht darin, dass mehrere Höfe sie sich zwar teilen können, ihr Betrieb aber zahlreiche Arbeitskräfte verlangt – ganz zu schweigen davon, dass ihr völlig neuartiger Motor den Bauern aufgrund der Explosionsgefahr nicht geheuer ist. Allerdings ist auch die Tretmühle durchaus umstritten:
Leidet das Pferd auf einer Tretmühle mehr als an einem Göpel? (…) Im ersten Fall treibt es eine Maschine an, ohne seinen Platz zu verlassen; im zweiten Fall zieht es ein Gewicht von 650 Kilogramm über eine gewisse Strecke. Hat man es jemals als barbarisch betrachtet, ein Pferd frei und ohne Last eine Anhöhe hinauflaufen zu lassen? Ich denke doch nicht. Nun ist genau das bei der Tretmühle der Fall: Das Pferd ist frei und trägt keine Last, es bewegt sich ganz so, wie es sich einen Hang hinaufbewegen würde.5
So argumentiert Louis Passy von der Société nationale d’agriculture, die allerdings auch eine gegenteilige Meinung anführt: »Monsieur Des Cars ist immer wieder zu Ohren gekommen, wie sehr die Arbeit auf der Tretmühle die Pferde ermüdet.«6
Und genau da liegt der Haken: Während das Pferd im Göpel eine große Last über das Halsgeschirr ziehen muss, ist es in der Tretmühle scheinbar unbeschwerter, muss seinen Schritt aber so an das Gerät anpassen, dass es niemals in einen natürlichen Trab kommt. Das erschöpft das Tier so sehr, dass eine Empfehlung lautet, ihm alle zwanzig Minuten eine Viertelstunde Pause zu gönnen. So entpuppt sich der scheinbar gemächliche Ausritt ohne Last als ein behinderter, ermüdender Gang. Um 1900 wird auf dem Land die Klage über diese Methode laut, was schließlich dazu beiträgt, dass sie aufgegeben wird.7
Indem wir diese Tretmühlen wieder ausgraben, die sechs Jahrzehnte im Einsatz waren, sich aber nicht behaupten konnten, vergegenwärtigen wir uns eine Übergangsphase in der Nutzung der Pferdekraft: vom Einsatz als Zugvieh zur scheinbaren Entspannungsübung. Sie erzeugt das Trugbild einer weitgehend abgeschafften Mühsal, die in Wirklichkeit nur unsichtbar gemacht wird: Die Bewegungen des Tieres werden auf ihre elementarsten Abläufe reduziert, bevor die Motorisierung es schließlich vollständig von seinen bisherigen Aufgaben befreit. Allerdings könnte man darin auch das trügerische Emanzipationsversprechen der Automatisierung sehen, die später in der Industrie Einzug hält und ein gezähmtes Proletariat zu endloser Fließbandarbeit verurteilt … Aber greifen wir nicht zu sehr vor. Zunächst handelt es sich für das Pferd in seinem Verhältnis zur Schwerkraft um einen absoluten Perspektivwechsel: Es dreht sich nicht mehr die ewiggleiche Landschaft um seine Scheuklappen, sondern der Boden einer überholten Ordnung entflieht beständig unter seinen Hufen. Lauf schneller, Genosse Gaul, die alte Welt ist hinter dir her!
BEDENKEN IN LETZTER MINUTE – Warum habe ich mich entschieden, die Geschichte des Laufbands zu schreiben und nicht die der manège, des Göpels und des Karussells? Neben den landwirtschaftlichen Anwendungen hätte man bis zu den militärischen Reiterspielen des Byzantinischen Reichs zurückgehen können, dem ersten »Karussell«, bei dem im Kreise laufende Pferde ein unterhaltsames Schauspiel boten. Diese Zerstreuung wurde im Italien des späten 16. Jahrhunderts wiederbelebt, wo sie die bisherigen Turniere verdrängte, bei denen Ritter in voller Rüstung auf ihren Schlachtrössern frontal aufeinanderprallten. Zur selben Zeit begann man in polnischen Salzminen Pferdegöpel zu nutzen, im 18. Jahrhundert folgten ihnen darin die ersten Kohlebergwerke in ganz Europa. Unter kegelförmigen Holzdächern, sogenannten baritels, drehten die Pferde bis in die 1900er Jahre ihre Runden für den Bergbau. Unterdessen hatten Varianten des ursprünglichen, im Dienste nicht der Produktion, sondern der reinen Unterhaltung stehenden Karussells längst wieder ihren Glanz erlangt. Ausgestattet mit bunt bemalten Holzpferden und angetrieben von Dampfmaschinen, setzten sie ab 1860 in den europäischen Hauptstädten und ein Jahrzehnt später auch in Amerika Generationen von kleinen Nachwuchsreitern in Bewegung. In einer historischen Darstellung hätte man so verfolgen können, wie sich auf der Grundlage desselben Rotationsmechanismus die Nutzung tierischer Zugkraft und die Jahrmarktvergnügung parallel zueinander entwickeln.
Doch nein, kein Grund zur Reue: Auch das »Laufband« hat eine reizvolle Geschichte mit allerhand Drehungen und Wendungen, großen Sprüngen nach vorn und kleinen Ausfallschritten, von Glanz und Elend, Schlummerphasen und plötzlichen Verwandlungen, bevor es im 20. Jahrhundert seinen Siegeszug in Fabriken und Fitnessstudios antritt.
Karussell von Pourrier, um 1900.
EIN KLEINES REITSPORT-INTERMEZZO – Am 6. März 1891 fand im Théâtre des Variétés die Uraufführung einer »Revue in drei Akten und zehn Bildern« von Hector Monréal und Henri Blondeau mit dem Titel Paris port de mer statt. Die Revue war damals ein überaus beliebtes Genre, das Kammerorchester, Solo-Einlagen, Ballett und satirische Sketche zu aktuellen Themen miteinander verband und so Anleihen bei der Operette, dem Variété und dem Zirkus machte, noch bevor zu Beginn des nächsten Jahrhunderts in der angloamerikanischen Kultur das Musical entstand. Die Presse berichtete im Grunde nur über den Höhepunkt des Spektakels: ein auf der Bühne nachgestelltes Pferderennen, genauer gesagt, der finale Galopp dreier Hengste, die von ihren Jockeys angespornt werden – ähnlich wie bei den sonntäglichen Rennen im Hippodrome de Longchamp, das 1857 von Napoleon III. eröffnet worden war und sechs Jahre später mit dem Grand Prix ein Turnier schuf, das es mit den Veranstaltungen der in den Reitsport vernarrten britischen Aristokratie aufnehmen konnte. Man kann sich die außerordentliche Wirkung dieses tableau vivant vorstellen: drei Hengste, die in vollem Galopp von der einen zur anderen Seite der Bühne rasen, einander immer wieder überholen, dabei aber nie mehr als einen oder zwei Meter Vorsprung gewinnen und so die Spannung eines Kopf-an-Kopf-Rennens bis zur Zielgeraden aufrechterhalten. Das Trio im Spitzenfeld blieb stets im Blick eines Publikums, das fasziniert war von diesem Wunderwerk – ein Sprint mit aller Kraft, bei dem dennoch niemand von der Stelle kam.
Pferderennen in der Revue Paris port de mer, der Querschnitt zeigt den Antriebsmechanismus unter der Bühne, 6. März 1891.
Die Zeitschrift L’Illustration enthüllte eine Woche später ihrer riesigen Leserschaft detailliert die verborgene Maschinerie, die diesen Theaterstreich eines gleichsam als Bild eingefangenen und in ständiger Spannung gehaltenen Rennens ermöglicht hatte: »Ein innerer Mechanismus setzte die Rennbahnen in Bewegung.«8 Unter dicken Kokosfaserbelägen rotierten drei horizontale Laufbänder von 93 Zentimetern Breite und 9 Metern Länge – die im Unterschied zu einer landwirtschaftlichen Tretmühle aber nicht von den Pferden selbst angetrieben wurden, sondern von einem 20.000 Watt starken Elektromotor, dessen Batterien sich hinter dem Theater in der Rue Feydeau befanden. Vom Bühnenrand aus einzeln gesteuert, bewegten sich die schmalen Bänder mit etwa 5 km/h, im Hintergrund rotierte eine hundert Meter lange Leinwand, auf die die vertraute Landschaft des Bois de Boulogne gemalt war. Sie war nach der bewährten Panorama-Technik zwischen zwei wuchtigen senkrechten Spulen aufgespannt, die per Handkurbel bedient wurden und sie so zum Laufen brachten. Bevor sich der Vorhang hob, stiegen die Jockeys auf ihre Pferde auf und brachten sie in einen Trab, den sie dann für die Zuschauer:innen beschleunigten. Diese letzte Szene der Revue, eine Art deus ex machina, dauerte laut zeitgenössischen Berichten ein bis zwei Minuten, erzeugte aber die unterhaltsame optische Täuschung eines Rennens im Stillstand, bei dem die Hengste gegen die Laufrichtung eines endlosen Bands galoppierten, dessen Motor für das Publikum unsichtbar war.
Die von dem Ingenieur Émile Gaitton entworfene Bühnenmaschine9 hatte eine gewisse Verwandtschaft mit der Forschung, die Étienne-Jules Marey seit rund zwanzig Jahren trieb: Er arbeitete an einer fotografischen Flinte, mit der er die »irdische Fortbewegung« in eine Serie von Momentaufnahmen zergliedern wollte. 1888 gelang es ihm dann mithilfe der Chronofotografie und den neuen Filmen aus Zelluloid, auf lichtempfindlichem Papier die aufeinanderfolgenden Phasen schneller Bewegungen übereinanderzulegen. Es ist aufschlussreich, die beiden zeitgleich entstehenden komplementären Ansätze in Beziehung zu setzen, denn so zeigt sich, was sie miteinander verbindet: Sie erzeugen das Bild einer stillgestellten Bewegung. Die ephemere szenische Simulation im Théâtre des Variétés ging indessen weit über Mareys Wahrnehmungsstudien hinaus. Indem sie eine Variante der Tretmühle zweckentfremdete, deutete sie auf die Möglichkeiten voraus, die sich wenig später durch die breit angelegte Motorisierung eröffnen sollten. Mit dem Kräftegegensatz zwischen dem Ritt der wetteifernden Jockeys und dem sich in die andere Richtung bewegenden Untergrund führte das täuschend echte Pferderennen exklusiv die erste Version des späteren Laufbands vor, wobei das Antriebssystem geschickt verborgen wurde, um das Publikum in Staunen zu versetzen. Eine List des Fortschritts, der sich hier maskiert vollzog.
PATENTE IM FUTUR II –Mea maxima culpa: Auf unserem bisherigen Weg haben wir ein Glied in der Kette übersehen. Ein Vierteljahrhundert bevor die Tretmühle in den ländlichen Gebieten Frankreichs ihren Durchbruch feierte, hatte dank der Tüftelei des ehemaligen Gießereiarbeiters Eliakim Briggs bereits ein ganz ähnliches Gerät im US-Bundesstaat New York das Licht der Welt erblickt. Am 12. Juli 1834 meldete Briggs in Fort Covington (Franklin County) das Patent für eine horse power machine an. Sie erzeugte Energie durch die kontinuierliche Bewegung eines Pferdes, das in einer Freiluftbox aus soliden Brettern ein Laufband aus Holzlatten antrieb, die durch Metallscharniere verbunden waren. Nachdem ein Brand das Patentregister verschlungen hatte, musste der Pionier der mechanisierten Landwirtschaft seine Erfindung am 5. Februar 1836 erneut anmelden, wobei er inzwischen einige Verbesserungen vorgenommen hatte. Der Versuch, eine solche Innovation auf den Tag genau zu datieren, erscheint schon allein deshalb illusorisch, weil zufällige Begebenheiten dazu führen können, dass der eine Prototyp in der späteren Wahrnehmung den anderen verdeckt. Das zeigt etwa der Querschnittplan einer ebenfalls auf dem hölzernen Laufband beruhenden horse power machine, die bereits am 28. September 1831 in Washington registriert wurde – doch auch das dortige Patentamt wurde von einem Brand heimgesucht. Nicht zu vergessen sind auch ein gewisser Howe, der in der Literatur als Erfinder einer rotierenden runden Plattform mit Pferdeantrieb erwähnt wird, sowie die Zwillingsbrüder Hiram und John Pitts aus Alton (Illinois), die Anfang der 1830er Jahre ein Laufband entwickelten und später die Getreidewirtschaft revolutionierten, als sie die Dreschmaschine Ground Hog auf den Markt brachten (nach dem Murmeltier benannt aufgrund der gedrungenen Form des rotierenden Zylinders mit Metallstangen, die das Korn aus der Ähre lösten). Wenn die Nachwelt den einzelnen Erfinder und sein technisches Genie heroisiert, anstatt eine Vielzahl von Forschungen in den Blick zu nehmen, die während einer mitunter Jahrzehnte andauernden Periode in dieselbe Richtung weisen, führt dies folglich in die Irre.
Die hartnäckige Suche nach dem einen Ursprung der »Reitbahn auf endlosem Band«, der Tretmühle für Pferde, tritt vielleicht auch deshalb selbst auf der Stelle, weil sie von zahllosen Hypothesen begleitet wird, die so ebenfalls eine endlose Kette bilden. Um dem fürs Erste ein Ende zu setzen, lassen wir den Agraringenieur Gaston Coupan zu Wort kommen: »Der Ursprung der geneigten Tretmühle ist recht dunkel; man schreibt ihre Erfindung den Amerikanern zu, dies aber vermutlich zu Unrecht, denn laut Ringelmann wurde sie bereits im 17. und 18. Jahrhundert in Österreich verwendet.«10
Patent der horse power machine von Orrin Straight, Lycoming County (Pennsylvania), 1838.
Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass die amerikanische horse power machine und ihr französisches Pendant, die trépigneuse, beide auf nicht mehr nachzuvollziehenden Wegen von einer uralten Praxis abstammen – der Rotation einer großen senkrechten Trommel, angetrieben von einem Zugtier, das im Innern der Trommelwand auf der Stelle läuft. Spuren dieser Praxis finden sich unter anderem in Österreich bereits zwei Jahrhunderte zuvor, und daneben gibt es weitere Fährten, denen nachzugehen wäre. Durch sukzessive Weiterentwicklungen, die immer einem ähnlichen Prinzip folgen, verschieben sich die Achsen unablässig weiter. Es gibt jedenfalls keinerlei Hinweis darauf, dass die später in Frankreich erfundene geneigte Tretmühle von den amerikanischen Prototypen inspiriert gewesen wäre, deren Neigung anfangs geringer ausfiel. Parallel zueinander machten die Verfahren auf beiden Kontinenten Fortschritte, offenbar ohne dass es zu Streitigkeiten darüber kam, welche Erfindung der anderen vorausging. Ein plausibler Anhaltspunkt für eine direkte Verbindung zwischen ihnen könnte in den »landwirtschaftlichen Experimenten« liegen, die am 15. August 1855 in Trappes im Rahmen der von Napoleon III. eröffneten Weltausstellung durchgeführt wurden. Ein Reporter von La Presse, Monsieur Borie, zeigte sich erstaunt:
