Endlose Nacht - Barbara Hahn - E-Book

Endlose Nacht E-Book

Barbara Hahn

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Beschreibung

Mithilfe von Träumen skizziert Barbara Hahns großer Essay eine Unheilsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ihre Untersuchung widmet sich Träumen, die eine Welt aus Verfolgung, Not, Zwang und Leiden erschreckend direkt vorwegnehmen, schildern, in Bilder fassen. Sowie Berichten von Überlebenden, die in einer dauerhaft beschädigten Realität weiterexistieren – denen Wirklichkeit nur mehr ein Schatten ist – die nur in den Träumen toter Anderer sich noch ‚am Leben‘ wähnen.

Im 20. Jahrhundert haben sich Traumaufzeichnungen als eine eigene literarische Gattung etabliert – durch eine Fülle (oft entlegener) Veröffentlichungen. Nachforschend, aufstöbernd, einkreisend, ebenso sorgsam wie behende führt die Autorin durch diesen bislang wenig erschlossenen Kosmos.

Es treten Anna Achmatowa, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Charlotte Beradt, Jean Cayrol, Hélène Cixous, Franz Fühmann, Graham Greene, Wieland Herzfelde, Otto Dov Kulka, Primo Levi, Paula Ludwig, Elsa Morante, Heiner Müller, Georges Perec, Jorge Semprún, Vercors, Marguerite Yourcenar und viele andere auf.

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Seitenzahl: 276

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Mithilfe von Träumen skizziert Barbara Hahns großer Essay eine Unheilsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Ihre Untersuchung widmet sich Träumen, die eine Welt aus Verfolgung, Not, Zwang und Leiden erschreckend direkt vorwegnehmen, schildern, in Bilder fassen. Sowie Berichten von Überlebenden, die in einer dauerhaft beschädigten Realität weiterexistieren – denen Wirklichkeit nur mehr ein Schatten ist – die nur in den Träumen toter Anderer sich noch ›am Leben‹ wähnen.

 Im 20. Jahrhundert haben sich Traumaufzeichnungen als eine eigene literarische Gattung etabliert – durch eine Fülle (oft entlegener) Veröffentlichungen. Nachforschend, aufstöbernd, einkreisend, ebenso sorgsam wie behände führt die Autorin durch diesen bislang wenig erschlossenen Kosmos.

 Es treten u. ‌a. auf Anna Achmatowa, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Charlotte Beradt, Jean Cayrol, Hélène Cixous, Franz Fühmann, Graham Greene, Wieland Herzfelde, Otto Duv Kulka, Primo Levi, Paula Ludwig, Elsa Morante, Heiner Müller, Georges Perec, Jorge Semprún, Vercors, Marguerite Yourcenar.

Barbara Hahn, Professorin für Germanistik an der Vanderbilt University (Nashville/ Tennessee), lebt in Nashville und Berlin. Zuletzt erschienen: (Hg.) Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde, 6 Bde., Wallstein 2011; (mit Marie Luise Knott) »Von den Dichtern erwarten wir Wahrheit«. Hannah Arendts Literaturen, Matthes & Seitz 2007.

BARBARA HAHN

ENDLOSENACHT

TRÄUME imJAHRHUNDERT der Gewalt

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2016.

© Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlaggestaltung: Brian Barth, Berlin

Umschlagabbildung: Christelle Bugeac / Millennium Images, UK

eISBN 978-3-518-74784-1

www.suhrkamp.de

ENDLOSE NACHT

Für meine Tante Erna Rüb

die im Juni 1945 im Alter von 22 Jahren in einem Lager bei Kotlas/Archangelsk umgekommen ist

Der Traum enthüllt die Wirklichkeit, hinter der die Vorstellung zurückbleibt. Das ist das Schreckliche des Lebens – das Erschütternde der Kunst.

Franz Kafka

Träume, die es einmal gegeben hat, hören nicht auf zu existieren. Realität kann aufhören zu existieren, kann durch eine neue Realität ausgelöscht werden. Aber Träume kann man nicht auslöschen, sie existieren in einer anderen Zeit.

Heiner Müller

Wessen Traum lebe ich? Wessen Sprache spreche ich?

Imre Kertész

… was alles von der Tradition unbeachtet geblieben und daher nur im »Aufstand der Bilder« zu Worte gekommen ist.

Hannah Arendt

INHALT

Umherschwebendes Bewußtsein

Das Träumen hat an der Geschichte teil

Die Sowjetwolke

Nach der Katastrophe

Traum des Kollektivs

Das Dritte Reich des Traums

Im Jahrhundert des Traums

Revolution und Traum

Psychoanalyse auf dem Mond

Eine bestimmte Art des Menschseins überhaupt

Kein Gespräch in Buchenwald

Post scriptum

Traumbücher – Vom Genre des Jahrhunderts

Zu Besuch im KZ

Ein Krieg, der alles ändert

Die dreißiger Jahre

Gefangen

Ein besonderes Jahr?

Wiederkehrende Träume. Ein Bilderatlas

Geschichten im Zug

Fortschritte der Zivilisation

Ich – ein Tier?

Nacht aus Blei

Das Ende der Welt – oder der gestirnte Himmel

Zerträumte Traditionen

Von Kafka träumen

Das lachende Meer

Von Goethe träumen

Väter

Du sollst nicht wiederkommen tot ist tot

Lazarus im Lager

Der Buchstabe D

UMHERSCHWEBENDES BEWUßTSEIN

Ein Bauer im Ural während Stalins Zwangsherrschaft. Ein Schriftsteller in Kairo, der von einem religiösen Fanatiker lebensgefährlich verletzt wurde. Ein deutscher Schriftsteller im südfranzösischen Internierungslager. Eine russische Dichterin im asiatischen Exil. Ein italienischer Physiker im KZ. Sie alle und viele, viele andere schrieben Träume auf und trugen dafür Sorge, daß sie überliefert wurden. Ein seltsames Erbe, das da auf uns gekommen ist. Knappe, oft recht karge Aufzeichnungen, zu finden in Briefen und Tagebüchern, in Autobiographien und Romanen. Oder in Büchern, die nichts anderes enthalten als Träume. Träume ohne Deutung. Deren Verfasser, die sich in den unterschiedlichsten Sprachen und Kulturen bewegten, hatten denselben Gedanken: In diesen kleinen Geschichten verbirgt sich etwas, das unbedingt weitergegeben werden muß. An Zeitgenossen, an künftige Generationen. Ein Wissen, das keine andere Form finden konnte als diese Notate.

Träume ohne Interpretation. In ihnen bündeln sich Gedanken und Erfahrungen, dargestellt in drastischen Bildern, in klaren Farben oder in Konturlosigkeit schwimmend. Rhythmisch aufgerauht oder monoton. Träume. Sie stehen nicht in der Tradition, die Sigmund Freud am Anfang des vergangenen Jahrhunderts stiftete. In seiner Traumdeutung fragen Traumnotate nach einem anderen Text. Sie wollen aufgeschlüsselt, gedeutet sein. In Freuds großem Buch appellieren sie an ein erklärendes Verstehen; sie öffnen die Tür zum Unbewußten.

Traumnotate ohne Deutung führen in andere Welten. In ihnen helfen die gewohnten Wege des Lesens nicht weiter. Leicht, sich dort zu verlieren oder zu verirren. Schwer, auch nur zu beschreiben, was in der Begegnung mit diesen Texten geschieht. Manchmal erschrockenes Befremden, manchmal einfach nur Ratlosigkeit. Manchmal ein Wiedererkennen von Bildern und Motiven, manchmal die Begegnung mit völlig Unbekanntem. Traumtheorien bieten wenig Orientierung. Wohl aber die Gedanken derer, die diese Notate verfaßt haben.

»Hat Sie das niemals gequält?«, so beginnt eine Geschichte, Le songe, Der Traum, datiert auf den November 1943, entstanden im besetzten Frankreich. »Hat Sie das niemals gequält? Wenn Sie an glücklichen Tagen, in der Sonne ausgestreckt, auf warmem Sand oder beim Genuß eines Brathähnchens, zu dem sich ein üppiger Burgunder gesellte, oder auch in der Hitze eines anregenden und freimütigen Gesprächs bei starkem, wohlriechendem Kaffee – wenn Sie da plötzlich auf den Gedanken kamen, daß diese einfachen Freuden gar nicht so etwas Natürliches sind.«

»Plötzlich« bricht etwas in die Freuden des Alltags. Der Gedanke daran, daß es genau in diesem Moment anderswo ganz anders zugeht. Daß dort Menschen verhungern, massakriert und gefoltert werden. Doch war dies »überhaupt ein Gedanke? War es mehr als eine undeutliche Vorstellung? Ein Phantasiegebilde, viel weniger greifbar als die wohlige Wärme der Sonne, als der Duft des Burgunders, als die Erregung des Wortstreites.«[1]

Jean Marc Buller, französischer Widerstandskämpfer, der unter dem Pseudonym Vercors veröffentlichte, findet in seiner Geschichte einen Ausweg. Manchmal, so schreibt er, gelinge es, für eine Nacht in eine andere Welt zu entkommen; manchmal befreien sich die wie in »einem plombierten Wagen« gefangenen Individuen, die die Erfahrungen ihrer Mitmenschen nicht teilen können: »Ich habe im Traum seltsame Dinge gesehen, die sich weder durch Phantasie noch durch Unterbewußtsein erklären lassen. Dinge, die – während ich sie träumte – viele Meilen entfernt wirklich geschahen. Natürlich nicht nachweisbar: Beweise gibt es auf solchem Gebiet niemals. Doch was ich in einem bestimmten Schlafzustand erlebt habe, ist für mich der völlig ausreichende Beweis für das Vorhandensein eines riesigen, nebelförmigen Bewußtseins, einer Art umherschwebenden Weltgewissens, an dem teilzuhaben uns im Schlaf, in besonderen, außergewöhnlichen Nächten vergönnt ist. In solchen Nächten gelangen wir aus dem plombierten Wagen wirklich hinaus, vermögen wir endlich über die Böschung hinüberzusehen.«[2]

Was den Ich-Erzähler dort draußen empfängt, ist kein schöner Traum. Der Himmel, ungewöhnlich niedrig, fiel in »Schleierfetzen« auf ihn herab. Er mußte den Nebel aufheben wie »schwere, verblichene Damastvorhänge«. Noch etwas hinderte seinen Gang. Die Erde war schwammig und feucht; jeder Schritt eine enorme Anstrengung. Ging der Träumer im Kreis? Immer wieder stieß er auf Spuren, die er als die seinen erkannte; er schleppte sich hin in »säkularer Vereinsamung«. Plötzlich war da jemand. Ein Mann, den der Träumer kannte, weil er dieselbe Erinnerung teilte. Ein Mann, abgemagert zum Skelett. Seine Zunge schwarz und zerrissen. Dann immer mehr Männer auf demselben mühseligen Weg wie der Träumer. Alle mit zerstörten Körpern, gedrückt von Lasten, die ein gesunder Mensch nicht würde bewegen können.

Ein Zug in einer Landschaft ohne Unterschiede. Erde und Himmel schwarz. In der Ferne »geometrische Bauten«, schwarz wie Himmel und Erde, errichtet für zwanzigtausend Mann. Schwarze Männer, die mit Knüppeln unter dem Arm zwischen den gedrückten Gestalten stehen. »Jetzt«, plötzlich, ist auch der Träumer eine dieser Gestalten. »Wie war dies vor sich gegangen?«, so fragt er sich. »Im Traum gibt es kein Wie.« Und so schleppt er sich zusammen mit den anderen durch den Schlamm, mit einer Last auf den Schultern, die nicht abzuwerfen ist.

Auf der anderen Seite, so weiß der Träumer, gibt es Menschen »wie wir, mit einem Kopf und einem Herzen«, die wissen um diese Gestalten, und doch gewähren sie ihnen nicht einmal »das Almosen eines beunruhigenden Gedankens«. Und andere gibt es, »die gelegentlich an uns denken – und die bei diesem Gedanken lächeln«.

Mit diesem Lächeln endet die Geschichte. Der Träumer kehrt nicht in die Welt der sonnigen Tage, der Brathähnchen und des Burgunders zurück. Keine Gespräche mit Freunden bei starkem Kaffee. Die Nächte, in denen sich die »verriegelten, fensterlosen«, die »plombierten Wagen« des individuellen Daseins öffnen, stiften keine Gemeinsamkeit.

Oder doch? Im Rückblick auf all die Träume, die uns das vergangene Jahrhundert hinterlassen hat, erscheinen Konturen einer verborgenen Geschichte. Einer Geschichte, an der viele, viele mitgeschrieben haben. Im unausgesprochenen Einverständnis darüber, daß im Modus des »Traums« etwas Unabdingbares zur Darstellung kommt. Etwas, das sich nicht einfach in andere Modi übersetzen läßt. Das Zwanzigste war ein Jahrhundert des Traums. Und das heißt auch: ein Jahrhundert der Nacht. Eine schwarze Zeit in konturloser Dunkelheit wie in Vercors' Traumerzählung. Es wollte nicht hell werden nach diesen Nächten; niemand schien aufzuwachen. Die alten Schwellen zwischen Tag und Nacht, Wachen und Schlafen, Wirklichkeit und Phantasie – wie abgetreten, eingeebnet. »Traum« – in diesen vielen Aufzeichnungen hat das Wort seinen Gegensatz verloren. Die Träumer sind wacher im Traum. In der Traumwelt finden sie Szenen und Bilder, die auf das verweisen, was sich jeder Darstellung entzieht. Das 20. Jahrhundert bot für Millionen von Menschen nichts weiter als ein Leben im Alptraum. Es zwang sie in Wirklichkeiten, von denen sich vorher niemand hätte träumen lassen.

»Lieber Franz, als Einziger meiner und meiner Frau Familie habe ich diesen schrecklichsten Traum überlebt, dem leider auch meine Frau zum Opfer gefallen ist. Vorgestern kam ich aus D.land zurück, wo ich durch verschiedene K. ‌Z.Lager gegangen bin. Verändert habe ich mich nicht, meine Grundsätze sind die gleichen geblieben, nur noch gefestigter, intensiver und vielleicht gereifter. Ich habe Furchtbares erlebt, da ich es aber erlebt habe, reut es mich nicht und ich mag es nicht missen. Es sind die Wenigsten geblieben und davon sind die wenigsten sich treu geblieben. Verfall über Verfall. Nach Möglichkeiten habe ich in den Jahren gearbeitet, viel gearbeitet. Es war immer an der Grenze, immer am Aeussersten. Ich bin wohl einigermassen herunter, aber doch habe ich es recht gut überdauert und bin gesundheitlich nicht ernst geschädigt. Von mir heute nicht mehr.«[3]

Prag, am 24. Juni 1945. H. ‌G. Adler schreibt an seinen Jugendfreud Franz Baermann Steiner, der ins englische Exil entkommen war. Adler hatte die ganze Höllenfahrt hinter sich: Theresienstadt, Auschwitz, Buchenwald. Was ihm da widerfuhr, nennt er einen Traum. Auch in den folgenden Briefen an den Freund erzählt Adler nichts. Nichts ist mitteilbar. Adler berichtet lediglich von den Eltern des Freundes, die zusammen mit ihm ein halbes Jahr in Theresienstadt eingesperrt waren, bevor sie nach Auschwitz deportiert wurden. Um die er sich gekümmert habe – wie ein Sohn.

Erlebnisse, die die nicht missen wollen, denen sie widerfuhren. Nicht mitteilbar denen, die sie nicht teilen. So leicht, dies alles zu vergessen. So leicht, von der unüberwindbaren Mauer zu sprechen, errichtet zwischen denen, die dort waren, und denen, die nicht dort waren. Diese Mauern sind brüchig. Oder wie Imre Kertész in seinem Galeerentagebuch schrieb: »Alles ist bereits passiert und nichts daraus gefolgt. Auschwitz und Sibirien sind vergangen (wenn sie vergangen sind) und haben das menschliche Bewußtsein kaum berührt, ethisch gesehen hat sich nichts geändert. Alle Erfahrungen sind vergeblich. Doch insgeheim, im verborgenen, müssen diese Erfahrungen trotzdem irgendwo leben.«[4]

Dieses Buch begibt sich auf die Suche. Nach diesem verborgenen, immer unerreichbaren Ort. Denn irgendwo müssen diese Erfahrungen leben.

[1] Vercors. Der Traum. In: ders. Waffen der Nacht. Drei Erzählungen. Aus dem Französischen von Kurt Stern. Berlin 1949. S. 143-159.

[2] Ebd. S. 145.

[3] Carol Tully (Hg.). Zeugen der Vergangenheit. H. ‌G. Adler/Franz Baermann Steiner. Briefwechsel 1936-1952. München 2012. S. 68.

[4] Imre Kertész. Galeerentagebuch. Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm. Reinbek 1997. S. 132.

DAS TRÄUMEN HAT AN DER GESCHICHTE TEIL

Moskau, im März 1956. Anna Achmatowa empfängt ihre Freundin Lydia Tschukowskaja, die soeben im Haus des sowjetischen Schriftstellerverbands eine komplette Aufnahme von Nikita Chruschtschows Rede auf dem 20. Parteitag der KPdSU gehört hat. Außer ihr und ihrer Begleiterin hätten alle anwesenden Frauen geweint, so berichtet sie. Falsche Tränen – darüber sind die Freundinnen sich einig. Sie beide wußten seit langem, was Chruschtschows Rede zu enthüllen vorgab. Doch eines, so Tschukowskaja, sei ihr neu gewesen. Stalin habe in einem geheimen Telegramm das Foltern von Gefangenen in den Lagern ausdrücklich erlaubt. Achmatowa widerspricht: »Mir war das überhaupt nicht neu! […] Mir scheint sogar, dass ich das Telegramm mit meinen eigenen Augen gelesen habe. […] Vielleicht habe ich es in einem Traum gelesen. Schade, dass wir damals unsere Träume nicht aufgeschrieben haben. Da hätten wir unvergleichlich reiches historisches Material.«[1]

Eine Schlüsselszene. Im Gespräch der Freundinnen wird dem Träumen eine Bedeutung zugeschrieben, auf die in früheren Zeiten niemand auch nur im Traum gekommen wäre. »Mit meinen eigenen Augen« las die Dichterin eines der vielen Geheimdokumente, mit denen Stalin sein Terrorregime dirigierte. Sie las es »vielleicht« im Traum – nirgendwo sonst hätte sie das tun können, handelte es sich doch um ein unveröffentlichtes Dokument –, wo doch lesen im Traum äußerst schwierig, wenn nicht unmöglich ist. Was Achmatowa im Traum aufging, waren Einsichten, die sich nur dort einstellen können. Im Traum öffnen sich Zugänge zu einem Wissen, das im Wachen verstellt bleibt. Aufgeschriebene Träume bewahren dieses Wissen; ein Archiv dieser Träume birgt daher »historisches Material«.

In Zeiten totalitärer Regimes sind solche Aufzeichnungen immer der Gefahr ausgesetzt, in falsche Hände zu geraten: Wir wissen von Traumnotaten, die in Prozessen gegen deren Verfasser verwandt wurden. Wir wissen von Todesurteilen, die sich auf solche Notate stützten, um die angeblich staatsfeindliche Gesinnung der Angeklagten zu belegen. Daß er den folgenden Traum am 18. Dezember 1936 aufgeschrieben hatte, kostete Andrei Arzhilovsky, einen Bauer aus dem Ural, das Leben: »Jemand hatte mir erzählt, daß ich Stalin sehen könnte. […] Ein kleiner Raum, einfach und schlicht. Stalin ist stockbetrunken. Nur Männer sind im Raum, und nur zwei sind Bauern, ich und ein Mann mit einem schwarzen Bart. Ohne ein Wort zu sagen, wirft Stalin den Mann mit dem schwarzen Bart auf den Boden, deckt ihn mit einem Laken zu und vergewaltigt ihn brutal. Dann komme ich dran, denke ich verzweifelt, wie kann ich fliehen? Doch Stalin besinnt sich und beginnt ein Gespräch mit mir.«[2] Er habe nichts erfunden, beteuert Arzhilovsky, der Traum berichte Tatsachen.

Träume aufzuschreiben – für Achmatowa und viele ihrer Zeitgenossen war das viel zu gefährlich. Dies »unvergleichlich reiche historische Material« war auf die Erinnerung derer angewiesen, die es überlieferten.

Nicht erst und nicht »nur« in totalitären Gesellschaften gerinnen Träume zu »historischem Material«. Alle großen Einschnitte und Umbrüche in der Geschichte des letzten Jahrhunderts wurden in Träumen registriert, dokumentiert und reflektiert. Im Traum, als Traum wurde erkundet, wie diese Zäsuren zu denken sind. Eine Geschichte des Traums, ungeschrieben, eine Geschichte, die mit dem Ersten Weltkrieg beginnt.

Die Sowjetwolke

Im Mai 1920 erschien ein Buch, das einen seltsamen Titel trägt: Tragigrotesken der Nacht. Träume von Wieland Herzfelde. Vorne im Buch ein kleiner Eintrag, der den Titel umdreht: »Die Träume ›Tragigrotesken der Nacht‹ sind niedergeschrieben in der Zeit vom Sommer 1913 bis August 1919.« Eine chronologisch angeordnete Folge von Aufzeichnungen also. Im Buch selbst finden sich achtzehn Träume; auf dem Umschlag ein weiterer Traum. Ein Archiv von »historischem Material« im Sinne Anna Achmatowas, ein Buch, das einen Traditionsbruch bearbeitet.

Im sechzehnten Traum, Die Sowjetwolke überschrieben und auf den Juli 1919 datiert, scheint der Träumer ebenso wie Achmatowa in der anfangs zitierten Passage im Traum zu lesen. Die Aufzeichnung endet mit einer in Anführungszeichen gesetzten Passage: »Jetzt sehe ich mich genauer um – da entdecke ich, daß ich ja auf ›Lindwerder‹ bin. ›Natürlich! Da stehen die Gartenstühle und -tische mit den karierten Tischtüchern und der Ober dazwischen. Und hier liegt ja unser Paddelboot!‹«[3] Nach einer verwickelten Traum-Odyssee kehrt der Träumer nicht etwa nach Lindwerder, einer Berliner Havelinsel, zurück; er findet sich vielmehr auf »Lindwerder«. Der Ober und mit ihm alle Gegenstände, das Mobiliar des Gartenrestaurants ebenso wie das Paddelboot, scheinen eine Welt aus Zitaten zu bevölkern, aus der kein Erwachen herausführt. Wie aber ist der Träumer in diese Welt geraten?

»Wir leben«, so beginnt das Notat, »viele Männer, unter der Erde. In Höhlen, die durch viele Schächte und Stollen miteinander verbunden sind, verrichten wir, alle in gleicher Kleidung, unsere Arbeit.«[4] Ein Beginn im Plural, nicht in der individuellen Welt eines Träumers. Kaum hat sich ein Verb diesem vielfältigen Subjekt zugesellt, wird der Satz schon unterbrochen. Wir – das sind viele Männer; sie leben unter der Erde. Ihr Lebensraum ist eine Höhle, ein Raum also, der ohne menschliches Zutun entstanden ist. »Schächte und Stollen« führen in andere Welten. Diese künstlichen Aushöhlungen haben einen Zweck. Sie führen zu den Schätzen der Erde, zu Erzen, Kohle und Diamanten, die Menschen sich aneignen. Nicht in diesem Traum. Die Arbeit der vielen Männer dort unten fördert nichts zu Tage; sie besteht darin, »Öl, das in Pfützen da und dort auf dem schwarzen Boden der verzweigten unterirdischen Gänge lagert, mit Geräten ähnlich den Schneeschiebern nach der Haupthöhle zu scharren, in die es, da sie etwas tiefer liegt, reichlich und fortwährend von allen Seiten rinnt«.

Überflüssige Arbeit also; da die Haupthöhle tiefer liegt, fließt das Öl auch ohne das Zutun der geschäftigen Männer dorthin. Wer aber braucht dieses Öl? »In dieser Haupthöhle sitzt Else Lasker-Schüler. Uralt, unnahbar, eine Norne am Spinnrad. Das Öl dient ausschließlich dazu, ihr Rad zu schmieren.« Eine Norne? Was kann eine Norne ausrichten? In der griechischen Mythologie waren drei Nornen damit befasst, das Leben der Menschen zu gestalten. Die erste spann den Lebensfaden, die zweite verknüpfte ihn mit dem Lebensfaden anderer Menschen, und die dritte schnitt ihn irgendwann durch. In Herzfeldes Höhle sitzt eine Norne, ganz allein, mit drei Namen, einem Vor- und zwei Nachnamen. Sie sitzt an einem Spinnrad, das nur ab und an einen Tropfen Öl braucht. Sie spinnt Lebensfäden, die nicht geknüpft und auch nicht durchtrennt werden.

Plötzlich findet sich der Träumer aus dieser Welt der Männer nach draußen katapultiert, wo er ganz allein ist. Der gestirnte Himmel über ihm spendet keinen Trost. Im Gegenteil. »Schweratmend, keuchend bahne ich mir Weg durch metertiefen Schnee.« Jeder Blick zu den Sternen ist ein Wagnis, »als ob ihr Anblick mich noch tiefer in den Schnee vergrabe«. – Erst nach dem Ende der Nacht, in der »leichenfahlen« Dämmerung merkt er, daß viele Männer mit ihm in die gleiche Richtung stapfen. Der Schnee ist nun zu Getreide geworden. Getreide, so weit das Auge reicht. Das sei das Korn, das wegen des Krieges weder gesät noch geerntet werden konnte, sagt ihm ein Soldat. So wie der Schnee sich in Getreide verwandelte, wurden aus Männern Soldaten. Die Ähren sind alle leer, wie der heißhungrige Träumer erschrocken entdeckt.

Nach weiteren Szenenwechseln findet sich der Träumer vor einem Schaufenster in Berlin: »Es ist die Auslage des Norddeutschen Lloyd unter den Linden.« In diesem Schaufenster eine riesige Landkarte Europas, über die eine Sanduhr ihren Inhalt ergießt, bis »die braune Sandfläche wie ein Riesentier über ganz Europa lagert«. Entsetzt läuft die Menschenmenge, die dieses Schauspiel zusammen mit dem Träumer betrachtet hat, auseinander, denn plötzlich verdunkelt eine »Wolke in der Form des Sandbildes« den blauen Berliner Himmel. Eine unheimliche Wolke, die immer dunkler wird, »schieferschwarz mit olivgrünen Reflexen«, und aus der auf einmal ein durchsichtiger Schlauch auf die Erde hinunterreicht, dessen Mundstück wie ein Riesenstaubsauger alles, alles aufsaugt. Auch den Träumer. Doch der bemerkt, daß er längst auf der Wolke sitzt, die zu einer paradiesischen Insel im Ozean geworden ist. »Ein unbekanntes Glücksgefühl steigt in mir auf, wie eines Traumes erinnere ich mich des Wirbelwinds, der die Erde verschlang.«[5] Und – siehe da – diese Insel ist »Lindwerder«, die Insel in Anführungszeichen. 

Im Unterschied zu vielen anderen Träumen im Buch endet dieser nicht mit dem Aufwachen. Er endet in einem Zitat, das niemandem zugeschrieben werden kann. Mehrfach springt die Erzählperspektive vom »wir« zum »ich«: Ein »Wir« in sinnloser Beschäftigung, später Soldaten, die durch taube Getreidefelder ziehen. Das »Ich« in großer Angst und getrieben von Heißhunger, glücklich erst am Schluß, als die vergangenen Schrecken erinnert werden »wie ein Traum«.

»Die Sowjetwolke« – ein Wort, das im Traum nicht vorkommt. Hier ist von der »russischen Sowjet-Republik«, von »Sowjet-Rußland« und den Teilen dieser Republik die Rede, die »zur Zeit von antibolschewistischen Truppen« besetzt sind. Überschrieben ist das Notat mit einer Wortschöpfung, die nicht den Sand aus der Sanduhr – diesem uralten Symbol der vanitas vanitatis – in den Mittelpunkt rückt, sondern vielmehr die Szene im Traum, in der die riesige Wolke das Licht des Tages verdunkelt. Technisch auf dem allerneusten Stand verleibt sie sich Europa ein. Die Repräsentanten alter Ordnungen – »Kirchtürme, Rathäuser, Denkmäler« – knicken »unter der Saugkraft des Wolkenrüssels wie Streichhölzer«.[6] Keine hoffnungsvollen Bilder. »Die Sowjetwolke« verdunkelt die Zeit. Am Ende findet sich der Träumer in einer Welt, in der frühere Welten nur noch als Zitate traumwandeln.

Nach der Katastrophe

»Vergessen! Es lagen einige, die übrig geblieben waren, auf dem nackten Boden der Welt. Sie lagen um ein Feuer, Männer und Frauen. Sie waren in Lumpen gekleidet, aber sie wußten es nicht anders. Es war Nacht. Es gab auch noch Sterne, nicht andere als immer. Da redete einer im Traum. Keiner verstand, was er redete. Aber sie wurden alle unruhig, sie erhoben sich, sie verließen das Feuer, sie lauschten ängstlich ins kalte Dunkel. Sie stießen den Träumenden mit dem Fuß an. Da wachte er auf. ›Ich habe geträumt. Ich muß bekennen, was ich geträumt habe. Ich war bei dem, was hinter uns liegt.‹ Er sang ein Lied. Das Feuer wurde blaß. Die Frauen fingen an zu weinen. ›Ich bekenne: Wir waren Menschen!‹ Da sprachen die Männer zueinander: ›Wir würden erfrieren, wenn es wäre, wie er geträumt hat. Laßt uns ihn erschlagen!‹ Und sie erschlugen ihn. Da wärmte das Feuer wieder, und alles war zufrieden.«[7]

Eine Szene aus Hans Erich Nossacks Buch Der Untergang von 1948, das die Zerstörung Hamburgs im Juli 1943 schildert. Sommertage auf dem Land enden abrupt, als in einer Bombennacht Wohnung und Büro des Ich-Erzählers verbrennen. Zusammen mit seiner Frau wandert er durch die zerstörte Stadt, auf der Suche nach Freunden und Bekannten, nach Überbleibseln seiner Habe. Nach irgendetwas, das erkennbar geblieben ist. Eingestreut in diese Schilderungen – recht unvermittelt – die Szene am Feuer. Sie zeigt einen tiefen Einschnitt.

»Vergessen!« Wer aber hat da was vergessen? Plötzlich ist der Ich-Erzähler in eine andere Welt getreten. Plötzlich wird ein Bruch erkennbar: »Wir waren Menschen«, so der Träumer, doch »wir« sind es nicht mehr. In den Bombennächten haben die Überlebenden ihr Menschsein eingebüßt. In Seidenkleidern oder im Schlafanzug, mit viel zu großen Augen, die nichts mehr sehen, unruhig von hier nach da getrieben, ziehen sie durchs Land. Flüchtlinge aus der großen Stadt. Für sie ist der Krieg längst verloren; niemand nimmt mehr zur Kenntnis, was an den Fronten vor sich geht. Der Staatsapparat – zerfallen. Kein Haß auf die »Feinde«; Racheschwüre seien nur in der Zeitung zu finden. Warum soll man anderen wünschen, was einem selbst zugestoßen ist?

Das Wissen um diesen Einschnitt bricht sich im Traum Bahn. Im Traum bündelt sich die Erkenntnis, daß die Welt nicht mehr dieselbe ist. »Männer« ermorden den, der dieses unheimliche Wissen von einer Welt in die andere trägt. Nicht viel Zeit war vergangen seit der Bombennacht; das Schreiben über diese »Katastrophe« stellte den Verfasser vor keine Darstellungsprobleme. Bei den Überlebenden anderer Katastrophen war das ganz anders.

»Möglicherweise hat sich in einem Jahrhundert, wie alles um uns herum, auch die Traumwelt gewandelt«, schreibt Primo Levi in einem Essay »Unsere Träume« von 1977. »Nichts verbietet einem, den orthodoxen Freudianern zum Trotz, schon jetzt mit dem Gedanken zu experimentieren, daß unsere Träume nicht immer die unseren sind; daß ihre Gewalt, Obszönität und Verruchtheit nicht Spuren von Monstren sind, die tief in unserem Inneren begraben liegen, sondern von den Monstren der anderen herstammen; daß ihre Dummheit der Widerhall des Hintergrundgeräusches ist, das die Dummheit rings um uns herum erzeugt.«[8]

Träumen, so Primo Levis Vermutung, ist kein individuelles nächtliches Abenteuer. In der Folge einer tiefen historischen Zäsur wurden die Träumer in eine Welt gestoßen, die nicht die ihre ist. Wer aber sind diese »anderen«? Und was bedeutet es, wenn die Welt des Traums okkupiert ist von diesen Anderen, die Dummheit, Gewalt, Verruchtheit verbreiten?

Nachdenken über das Träumen – eine Herausforderung. Levis »schon jetzt« verweist auf eine Zeit, die immer noch nicht angebrochen zu sein scheint. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das anders. Zumindest für eine Gruppe von Intellektuellen, die zu begreifen versuchte, was sich da anbahnte.

Traum des Kollektivs

Ein Traumnotat aus Walter Benjamins Einbahnstraße von 1928, komponiert aus Aphorismen und Träumen, wurde zum Stein des Anstoßes: »Ich sah im Traum ein ›verrufenes Haus‹. ›Ein Hotel, in dem ein Tier verwöhnt ist. Es trinken fast alle nur verwöhntes Tierwasser.‹ Ich träumte in diesen Worten und fuhr sofort wieder auf. Vor übergroßer Ermüdung hatte ich mich im erhellten Zimmer in Kleidern aufs Bett geworfen und war sogleich, für einige Sekunden, eingeschlafen.«[9]

Eine äußerst knappe und recht kryptische Aufzeichnung; es ist der kürzeste der neun Träume, die Benjamin in sein Buch montierte. Ausgerechnet dieses Notat löste unter den ersten Lesern des Buchs eine heftige Debatte aus. Die Wellen schlugen hoch. Offenbar hatte Theodor Adorno in einem verlorenen Brief an Ernst Bloch behauptet, daß die »große und weiß Gott artikulierte Philosophie« der Einbahnstraße in diesem Notat zu lesen sei. Nicht nur leicht indigniert antwortete Bloch: »Wenn Sie sie [die Einbahnstraße] zum ›Ausdruck einer großen und weiß Gott artikulierten Philosophie‹ erhöhen (hier findet ›große Philosophie‹ also Pardon, ja, Verehrung), wenn Sie gar, expressis verbis, den verwöhnten Tiertraum (ein bloßes mitgeteiltes, uninterpretiertes Traumfaktum) als Element dieser Artikulierung heranziehen, dann scheint mir die Übertreibung ebenso ungerecht, wo nicht phantastisch, wie in meinem Fall die Untertreibung des bösen Blicks oder des Kopfschüttelns ante rem.«[10]

Daß Benjamins letztes Buch, das er in Deutschland veröffentlichen konnte, Träume enthält – »bloß mitgeteilt« und »uninterpretiert« – , hat damals nachhaltig irritiert. Offenbar trafen diese kurzen Notate einen Nerv. Sie öffneten die Tür zu den wichtigsten Fragen der Zeit: Die bürgerliche Welt zerfiel, am Horizont drohte der Faschismus. Wie, in welchen Begriffen war diese Welt zu verstehen, wenn das Individuum nicht als Agent der Geschichte gelten konnte? Wenn stattdessen über ein Kollektiv nachzudenken war, das weder faschistische noch kommunistische Züge trug? Und wie konnte dieses neue »Subjekt« der Geschichte entworfen werden, wenn die alten Schreibweisen dafür nicht mehr taugten?

Als die Einbahnstraße erschien, war die politische Rhetorik der Zeit durchtränkt von Anspielungen auf Schlaf und Aufwachen: »Wacht auf, Verdammte dieser Erde«– so beginnt die deutsche Fassung der Internationale, die in den letzten Jahren der Weimarer Republik von Sozialdemokraten ebenso gesungen wurde wie von Kommunisten. »Er rührte an den Schlaf der Welt« – mit diesen Worten begann Johannes R. Becher sein Gedicht auf »Lenin«, das 1929 erschien. »Deutschland erwache!«, überschrieb Kurt Tucholsky im Jahr darauf seinen Schwanengesang auf ein demokratisches Deutschland. In diesen Worten hören wir heute nur noch den Schlachtruf alter und neuer Nazis, während Tucholskys Stimme von der Geschichte zum Verstummen gebracht wurde. Benjamins Buch, das am Anfang vom Ende der Weimarer Republik erschien, ist eine Stimme in diesen Debatten. Ein Buch auf der Suche nach Darstellungsweisen für ein kommendes Kollektiv. So wurde es von seinen ersten Lesern verstanden – als Teil einer politischen Debatte.

»Daß Benjamin die Welt aus ihrem Traum wecken will, beweisen einige radikale Aphorismen der Einbahnstraße. Das kleine, mit etwas zu verspieltem Witz aufgemachte Buch – wir haben seinerzeit mehrere Stücke daraus in unserm Feuilleton abgedruckt – vereinigt Gedanken aus den verschiedensten personalen und öffentlichen Lebensgebieten. Aufs Geratewohl seien hier herausgegriffen: kuriose Traumberichte; Kinderszenen und etliche den exemplarischen Stätten der Improvisation (Jahrmärkten, Häfen) gewidmete Medaillons, deren zarte Kontur an Flachreliefs erinnert; Aussagen über Liebe, Kunst, Bücher, Politik, die mitunter erstaunliche Funde der Meditation verzeichnen«,[11] so Siegfried Kracauer in der Frankfurter Zeitung. Träume, so läßt sich schließen, sind nicht einfach unsinnig oder überflüssige Zugaben zu den anderen Textsorten im Buch. »Traumberichte« – an erster Stelle genannt – firmieren unter der Überschrift »Gedanken«. Gleichzeitig werden sie als »kurios« bezeichnet und fallen aus der Reihe der Texte, die für Kracauer den politischen Kern des Buches ausmachen. Oder anders gesagt: Sie sind es nicht, die die Welt aus ihrem Traum wecken.

Traumberichte – eine Provokation. Und schwer zu lesen. Noch einmal zurück zu Adornos verlorenem Brief, wahrscheinlich im Dezember 1934 verfaßt, in einer anderen Zeit als Benjamins Buch. Adorno weist Blochs harsche Kritik an der Einbahnstraße zurück, die dieser damals in der Vossischen Zeitung veröffentlicht hatte. Darin heißt es: »Manches daran blüht noch schwach oder zu gering. Bald schreibt Benjamin bloße Träume auf, nicht besser als andere und keine besseren. Dann überraschen wieder lahm-breite Vergleiche, über Bücher und Dirnen etwa, die man hier nicht sucht und braucht. Mehrere Beobachtungen sind wie Teile eines Romans, der ihnen erst ihre Landschaft gäbe. Im Buch selbst kommt das noch nicht nach Hause oder vielmehr auf die Straße.«[12]

Benjamin ist nicht der einzige, der Träume aufschreibt, so das Argument, und seine Träume sind nicht besser als die von anderen. Doch was wäre ein guter Traum? Welche ästhetischen Kriterien sind hier im Spiel? Anders als Benjamin besteht Bloch darauf, daß Träume ein Umfeld brauchen, damit sie gelesen werden können. Einen Roman, eine Landschaft, eine Interpretation. Dieses Umfeld fehlt der Einbahnstraße, und das scheint einen Abgrund aufzureissen:

»Leibnahe Traumstraßen mit Läden, in denen der Geschmack der Zeit, mit Häusern, in denen das Wetter der Zeit kondensiert wird – das ist oder könnte sein die Landschaft des Buchs. Es ist deshalb nicht nur eine Geschäftseröffnung der Philosophie (welche vordem ja keine Läden hatte), sondern auch ein Stück neuen Abgrunds, Hintergrunds, wenn man will: von ›Surrealismus‹ in der Philosophie. In Träumen, mancherlei ›verwöhntem Tierwasser‹ (aus einem dieser Träume), verzwicktester Fühlsamkeit reiht und spiegelt sich diese Welt.«[13]

Sorgfältig zerlegt Bloch das Buch in gute und schlechte Teile: Gut ist das, was er an anderer Stelle als »Revue« bezeichnet, als Aufreihung von Disparatem. Schlecht dagegen, was er den »Surrealismus in der Philosophie« nennt. Träume ohne Interpretation, ohne Umfeld, ohne Kontext. In diesen Traumnotaten scheint das Buch eine schwere Bürde ungelöster Probleme mit sich herumzuschleppen. Wenn da nur Aphorismen stünden, wäre dem nicht so. Im Unterschied zu Träumen repräsentieren diese – seit Nietzsche – eine angemessene theoretische Schreibweise für eine Zeit, die mit idealistischer Philosophie brechen muß. Aphorismen produzieren ausreichend Disparates; sie zu einem Buch zu komponieren, wäre Herausforderung genug. Träume dagegen sind für Bloch zu weit von Gedanken entfernt; kein Konstruktionsprinzip kann sie in eine Anordnung bringen, die den Leser zum Nachdenken anregt. Ein zu spielerisches Buch also, das keinen angemessenen Umgang mit den politischen Fragen der Zeit findet.

Adorno dagegen sah in dem Traum, der für Bloch die Schwäche des Buches zeigt, den »Ausdruck einer großen und weiß Gott artikulierten Philosophie«. Er las in diesem Notat, was Benjamin im Passagenwerk den Augenblick der »Erkennbarkeit« nannte: »Das Jetzt der Erkennbarkeit ist der Augenblick des Erwachens. (Jung will vom Traum das Erwachen fernhalten.)«[14]

Diesen Augenblick setzt der Traum vom »verwöhnten Tierwasser« in Szene. Hier prallen unverbundene Elemente aufeinander, die keinen Sinn ergeben. Sie zeigen, was geschieht, wenn sich das Denken von eingefahrenen Wegen befreit. Im Augenblick der Erkennbarkeit verbinden sich Momente, die vorher getrennt waren. Im Kontext der Einbahnstraße ist dieser der einzige Traum, der nichts erzählt. Der Träumende sieht keine Bilder, sondern Geschriebenes. »Ich träumte in diesen Worten« – Träumen funktioniert wie Lesen. Lesen aber ohne jeglichen Kontext. Wir erfahren lediglich, wo der Träumer diesen seltsamen Worten begegnet. Er fällt auf seinem Bett in einen kurzen Schlaf, nicht in seinem Bett. Er bleibt angezogen, das Zimmer ist hell. Für ein paar Sekunden nur entschwand er in diese Welt, die man Traum nennen könnte. Keine Schwellen, die überwunden werden müssen, weder vor noch nach dem Traum. Kein Einschlafen, kein Aufwachen. »Sogleich«, so lesen wir, fand sich der Träumer auf der anderen Seite. Er »fährt auf« – was einen ganz anderen Zustand bezeichnet als das Aufwachen. Aufwachen – damit wird ein Prozess bezeichnet, den Benjamin in späteren Aufzeichnungen immer genauer ausarbeiten wird. »Auffahren« ist dagegen eher der Moment, in dem ein Gedanke einschlägt, der Moment, in dem man sich der Plötzlichkeit des Erkennens ausgesetzt sieht.

Als Adorno den genannten Brief an Ernst Bloch verfaßte, arbeitete er selbst über Träume. Unter anderem an einer Besprechung von Stefan Georges Tage und Taten für die Vossische Zeitung; sie wurde nie veröffentlicht, da die Zeitung ihr Erscheinen inzwischen hatte einstellen müssen. Auch das Manuskript ist nicht überliefert; wer weiß, was er zu diesen Texten zu sagen hatte. Am 13. März 1934 schrieb er Benjamin: »In dem Band [Tage und Taten von Stefan George] stehen außerordentliche Dinge, vor allem die Traumprotokolle.«[15] Es stehen in der Tat »außerordentliche Dinge« in Georges Aufzeichnungen, und Adorno konnte zu Recht annehmen, daß diese für Benjamin von allerhöchstem Interesse waren.[16]