Endstation Engadin - Gian Maria Calonder - E-Book
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Endstation Engadin E-Book

Gian Maria Calonder

5,0

Beschreibung

Die ersten Sonnenstrahlen tauchen die Gipfel in aprikosenfarbenes Licht. Massimo Capaul ist schon früh auf den Beinen, er will mit der Rhätischen Bahn ins Albulatal fahren. Gerade erst ist er als Polizeigefreiter ins Oberengagin versetzt worden und hat schon seinen ersten Mordfall gelöst, der ihm allerdings nichts als Ärger eingebracht hat. Bei einem Ausflug will er auf andere Gedanken kommen, es gibt viel zu entdecken: 144 Brücken, 42 Tunnel, UNESCO-Weltkulturerbe, wie seine Wirtin Bernhild den Touristen immer vorbetet. Noch ehe der Ausflug richtig begonnen hat, ist er vorbei: Personenunfall im Tunnel. Aus der Bahnfahrt wird eine Wanderung. Capaul trifft eine versponnene Schauspielerin, Fräulein Nietzsche genannt, und eine Gruppe Eisenbahnfans, die den Durchstich des Tunnelneubaus feiern wollen. Und allmählich sickert durch: Der Tote im Tunnel war ein Mineur der Baustelle. Dann stirbt ein zweiter Mineur – er stürzt vom Viadukt. Die beiden Männer waren enge Freude, und beide kannten Fräulein Nietzsche ...

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Gian Maria Calonder

Endstation Engadin

Ein Mord für Massimo Capaul

Kampa

I

Nach dem ersten Schnee und einigen verhangenen Tagen war das schöne Wetter zurück. Das Tal lag kurz vor sechs Uhr früh noch in tiefer Dämmerung, doch der Himmel über den scharfkantigen Bergraten strahlte bereits blau. Einige ganz zarte, rosenrot gefärbte Wolkenschleier durchzogen ihn. Sie erinnerten Capaul an den Brustflaum eines Flamingos und weckten die Fantasie, ein Jungvogel zu sein, der unter warmen, mütterlichen Fittichen dem Leben entgegenfiebert.

An einem solchen Morgen war es unmöglich, noch immer schlechter Laune zu sein. Die bittere Tatsache, sagte sich Capaul, dass er bereits vor seinem eigentlichen Dienstantritt suspendiert worden war, lächerlicher Formfehler wegen, musste man nicht zwingend als Schmach ansehen. Womöglich war Offizier Gislers Befehl: »Setzen Sie sich zu Hause hin und legen Sie die Hände in den Schoß, bis ich entschieden habe, was mit Ihnen geschieht«, nicht einmal eine Strafe, sondern nur der freundliche Rat, sich auszuruhen und Kraft zu tanken für die kommenden Aufgaben als Oberengadiner Polizist.

Im Bad pfiff er kreuz und quer vor sich hin und blieb hängen bei Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an, wohl weil gerade Sonntag war. Das musste Bernhild geweckt haben, denn als er in die Wirtsstube kam, war sie schon unten, in Bademantel und ihren grasgrünen Crocs, und deckte sein Feiertagsfrühstück, Café complet mit Aufbackgipfeli aus der Mikrowelle.

»So vergnügt heute?«, fragte sie. »Da hat wohl einer gute Nachrichten?«

»Die brauche ich gar nicht. Das Wetter ist einfach zu herrlich, ich fliege aus. Und zwar nach Bergün, mit der Bahn.«

Während sie auch für sich Kaffee machte, sagte sie auf, was wohl die Engadiner Tourismusbehörde den Gastwirten aufzusagen empfahl: »Hundertvierundvierzig Brücken und Viadukte, zweiundvierzig Tunnels, UNESCO-Kulturerbe. Auf gut einundsechzig Kilometern …« Mit dem Kaffee in der Hand wollte sie sich zu ihm setzen.

Doch Capaul hatte nur im Stehen ein Gipfeli in sich gestopft. Entschuldigend nuschelte er: »Morgens um sieben ist die Welt noch in Ordnung«, so hieß ein Buch, das seine Mutter geliebt hatte. Als er merkte, dass er völlig unverständlich war, spülte er mit Kaffee nach, doch dabei verschluckte er sich und musste husten. Und weil er dabei aus Anstand die Lippen zusammenpresste, gerieten ihm Kaffee und Krümel in die Nase.

Während er mit tränennassen Augen nach der Serviette tastete, um sich zu schnäuzen, trank Bernhild stumm ihren Kaffee, dann stellte sie spröde fest: »Es sollen schon Leute an ihrem Kaffee erstickt sein. Gute Fahrt denn, und denk bitte daran, dass immer sonntags die Miete fällig ist.«

Das versprach er, sich immer wieder räuspernd, weil noch immer Krümel in der Luftröhre klebten. Dann verließ er das Wirtshaus Zum Wassermann.

Zuvor las er auf dem Fahrplan der Rhätischen Bahn im Windfang, dass der Frühzug 06:07 schon fort sein musste, deshalb wollte er dorfaufwärts gehen, um beim Bankautomaten Geld zu ziehen. Als er auf die Straße trat, sah er allerdings einen der kurzen roten Züge abfahrbereit im Bahnhof stehen. Und weil der Wassermann nur wenige Schritte von der Station entfernt lag, beschloss er, sein Glück zu versuchen, und rannte los. Einer der Rangierarbeiter, die ihm entgegenkamen, weil sie wohl schon zu so früher Stunde bei Bernhild einkehren wollten, rief ihm etwas zu, vielleicht einen Gruß. Capaul rannte winkend weiter und erreichte glücklich Gleis 2, bevor der Zug anfuhr.

 

Er hatte sich ausgemalt, dass der erste Zug sonntags sicherlich leer sein würde, und wollte während der Fahrt durch den menschenleeren Zugwagon schlendern, mal auf dieser, mal auf jener Seite die Aussicht genießen, wie es ihm eben passte. Er wollte ein wenig Herr über eine dieser kleinen bulligen Maschinen spielen, die jeden Tag emsig und so unbeirrbar wie Steinböcke die Berghänge und Klüfte der Bündner Alpen bezwangen.

Daraus wurde nichts. Zwar war es tatsächlich der Frühzug, der mit bollerndem Motor auf Gleis 2 wartete, doch augenscheinlich waren die Fahrgäste – und das waren nicht etwa zwei, drei – gebeten worden, wieder auszusteigen. Denn das Perron war gut gefüllt mit Männern in der zweiten Lebenshälfte, offenbar einer Reisegruppe, die wiederum in verschiedenen Grüppchen beisammenstanden und fröhlich wie eine Grundschulklasse plauderten. Die meisten trugen über der Jacke ein rotes T-Shirt in XXXL, entweder mit der Aufschrift Albula II Juhei oder RhB, was wotsch no meh. Einige hatten ein RhB-Käppi auf, einer einen Kondukteurshut. Generell wurde Schweizerdeutsch gesprochen, einige schienen Franzosen oder Romands zu sein, und einer sprach eine Sprache, die Capaul nicht identifizieren konnte, aber es schien ihn auch sonst keiner zu verstehen. Dazwischen entdeckte Capaul drei vereinzelte Jäger mit Flinte und Rucksack, die stumm vor sich hin starrten.

Ein vergnügtes Quartett stand vorn bei der Lok, offenbar gab es dem Lokführer ein Ständchen.

Ȇsri RhB

Hät es Tunnel meh.

Ganz bequem und lässig

Fahred mir vu A nach B.«

Capaul erkundigte sich bei einem der Jäger: »Sagen Sie, gibt es ein Problem?«

»Nicht, solange ich nicht mitsingen muss«, murmelte der Jäger und blickte weiter vor sich hin.

»Ich meine, mit dem Zug. Ist etwas kaputt?«

Der Jäger sah ihn mit steingrauen Augen an, er hatte noch Schlaf in den Augenwinkeln.

»Die müssen wohl noch Material von den Schienen räumen, das ist beim ersten Zug nicht unüblich.«

»Material?«

»Ja, Material.« Der Jäger wandte sich ab und fixierte die Perronkante.

»Was muss ich unter Material verstehen?«

Der Grauäugige stieß hörbar Luft aus der Nase und lieh ihm nochmals einen kurzen, müden, vielleicht auch gereizten Blick. »Material halt. Steine, Dreck. Was so runterkommt. Die Berge, das ist nichts Festes, die sind stets in Bewegung. Das Gestein fließt. In einer Million Jahre wird hier alles flach sein. Weil sich eben dauernd Material löst.«

Eine Eisenbahnpfeife schrillte. Die Kontrolleurin stand auf der obersten Stufe der nächstgelegenen Wagontür und rief: »Sie können nun doch einsteigen, die Strecke ist jetzt freigegeben.«

Ohne ein Zeichen der Erleichterung setzte der Jäger sich in Bewegung und stieg dort ein, wo sie stand. Capaul folgte ihm.

Die Kontrolleurin stand so, dass sie den Fahrgästen beim Einsteigen behilflich sein konnte, natürlich lehnte Capaul das ab. Janine Hess, Zugchefin, stand auf ihrem Namensschild. Sie konnte kaum älter als zwanzig sein und wirkte trotz der frühen Stunde ausgesprochen munter.

»Wo kam denn das Material herab?«, erkundigte sich Capaul, doch sie schien ihn nicht zu hören, sondern konzentrierte sich ganz auf die nächsten Passagiere. Ausnahmslos alle erklommen die Treppe ohne ihre Hilfe, manche betont sportlich. Nachdem Capaul noch kurz gewartet hatte, ob vielleicht doch noch eine Antwort kam, suchte er sich einen Sitzplatz.

Der Wagon war einer der gemütlichen alten, mit herunterziehbaren Fenstern und abgewetzten Rippstoffbänken ausstaffierten Zweitklasswagen, es roch anheimelnd nach einer Mischung aus Gummi, Putzmittel und letzten Spuren von Rauch. Während Capaul sich einen Fensterplatz eroberte und hinaussah, fuhr der Zug an. Inzwischen tauchte die Morgensonne die ersten Gipfel in aprikosenfarbenes Licht, das Wolkengefieder hatte sich fast gänzlich aufgelöst. Nur über dem Bett des Inn lag blasser Dunst, und einige Krähen stritten um etwas, das Capaul nicht erkennen konnte.

In seinem Rücken betrat Janine Hess den Wagon, schloss schwungvoll die Tür und rief: »Die Fahrkarten bitte!« Capaul saß gleich im ersten Abteil.

»Es kam kein Material herab, es war ein Tier auf der Strecke«, sagte sie, als sie ihn sah.

Das verwunderte Capaul: »Welches Tier ist so schwer von der Strecke zu jagen? Wir haben eine halbe Stunde Verspätung.«

Der Gast neben ihm warf ein: »Bei S-chanf war mal ein Esel auf der Strecke. Der Bauer rannte hinterher, so liefen sie bis Zuoz, der Esel war nicht vom Gleis zu kriegen.«

»Kein lebendes Tier, ein totes«, präzisierte Janine Hess. »Mehr weiß ich auch nicht. Ihre Fahrkarten bitte.«

»Ich habe ganz vergessen, eine zu kaufen«, gestand Capaul. »Ich habe den wartenden Zug gesehen und bin gerannt. Gibt das eine Buße?«

Die Zugchefin schüttelte den Kopf: »Die RhB ist ja auch nicht pannenfrei. Aber ich muss einen Zuschlag von zehn Franken kassieren. Wohin fahren Sie?«

»Nach Bergün.«

Das machte hin und zurück vierundzwanzig Franken.

Während Capaul nach dem Geld kramte, fragte der grauäugige Jäger, der schräg gegenüber Platz genommen hatte: »Wo lag denn das Tier?«

Ehe Frau Hess antworten konnte, lachte Capaul: »Was für eine merkwürdige Frage. Will man nicht eher wissen, welches Tier? Vielleicht war es ja ein Bär.« Er meinte gelesen zu haben, dass im Engadin tatsächlich einmal ein Bär unter den Zug geraten war.

Die Miene des Jägers verriet eine gewisse Ungeduld. »Wir haben Hochwildjagd«, erklärte er. »Rehe und Gämsen sind zu leicht, ein Steinbock kommt nicht so weit runter. Es kann nur ein Hirsch gewesen sein, der wiegt schnell einmal zwei Doppelzentner. Die schafft keiner so leicht vom Gleis, schon gar nicht, wenn der Hirsch inzwischen festgefroren ist. Die Nächte in der Val Bever sind kalt. Ich will wissen, welcher Idiot ihn geschossen hat. Jeder von uns hat sein Revier. Und man schießt kein Tier, das man nicht bergen kann.«

Inzwischen war der Zug langsamer gefahren, nun hielt er an. Die Zugchefin warf einen Blick hinaus, murmelte eine Entschuldigung und eilte in den vorderen Zugteil.

»Spinas«, stellte einer aus der RhB-Truppe fest, »in Spinas hält sonst erst der 07:16 ab Samedan.«

Überall wurden die Fenster heruntergezogen, die Männer beugten sich hinaus, reckten die Hälse, diskutierten.

»Die Strecke ist geschlossen.«

»Ich sehe kein Signal.«

»Da, bei der Tunnelpforte. Beim Förderband. Das Gelbe ist ein Förderband.«

»Danke, so klug bin ich auch, Hermi. Schließlich bauen sie den Tunnel.«

»Nenn mich nicht Hermi.«

»Wir verpassen die Baustellenführung.«

»Was heißt ›verpassen‹? Wen will er denn führen, wenn wir nicht kommen? Das ist ein Exklusivanlass, der wird schon warten. Wer führt überhaupt, der Furrer?«

»Ist das dort das Klohäuschen? In Spinas soll das letzte Plumpsklo der RhB stehen.«

»Ich wüsste lieber, warum das Signal auf Rot steht. Hatte sie nicht gesagt, die Strecke ist freigegeben?«

»Offenbar liegt das Tier im Tunnel.«

»Ja, aber warum haben sie die Strecke freigegeben, und jetzt ist sie wieder zu?«

»Ruf doch den Furrer an.«

»Wozu? Der wird auch gehört haben, dass die Strecke zu ist.«

»Ja, aber vielleicht weiß er, wieso.«

»Jetzt warte doch ab, die Dame wird es uns schon sagen.«

»Merde alors, il fait froid, fermes les fenêtres. Jamais vu un train en arrêt?«

Capaul und der Jäger waren sitzen geblieben. Ein zweiter Jäger weiter vorn beugte sich in den Mittelgang vor.

»Uei«, rief er leise. »Adam.«

»Che?«, fragte der Grauäugige, ohne sich zu rühren.

»Eau nu craj cha que giaja inavaunt. Quecò nu d’eira üngüna bes-cha.«

»Quelo d’heja eir güsta m’impisso.«

Adam stand auf, schulterte den Rucksack, ohne dabei das Gewehr loszulassen, und verließ den Zug. Auch der andere Jäger kam den Gang entlang. Er war einiges jünger als Adam, doch Capaul sah, dass er die gleichen steingrauen Augen hatte. Auch er stieg aus, darauf sah Capaul draußen den dritten Jäger das Perron entlanggehen. Er hätte gern gewusst, was sie gesprochen hatten.

Dann kam Zugchefin Hess zurück: »Es geht nicht weiter«, erklärte sie. »Entweder Sie steigen hier aus und warten auf den 07:16, oder Sie fahren mit uns zurück nach Samedan.«

Gleich wurde sie von den RhB-Freunden belagert, aber freundlich schob sie sie beiseite und bahnte sich einen Weg zu Capaul. »Ich habe Ihnen noch gar kein Billett ausgestellt.«

»Glauben Sie denn, der 07:16 fährt nach Bergün?«

»Ich habe keinen Schimmer«, erklärte sie offen.

»Die Jäger gehen zu Fuß, glaube ich.«

»Aber die wollen auch nicht nach Bergün, die jagen da oben irgendwo.«

»Ich muss auch nicht unbedingt nach Bergün, ich will nur den Tag genießen.«

»Man kann in der Val Bever sehr schön spazieren gehen«, sagte Janine Hess und gab ihm sein Geld zurück. Dann wandte sie sich den anderen zu: »Bitte herhören. Ich habe im Gasthof Spinas angerufen, der Wirt öffnet früher für Sie. Sie können dort Kaffee trinken und werden informiert, sobald es weitergeht.«

»Was um Himmels willen ist das für ein Tier?«

»Wer sagt denn, dass es ein Tier ist?«

»Na, sie hat es gesagt.«

»Ruf den Furrer an.«

 

In großem Gedränge verließen alle den Zug. Capaul knöpfte die Jacke zu, draußen war es empfindlich kühl. Während die anderen auf den Gasthof zusteuerten, blieb er stehen, er hatte keine Lust auf Gesellschaft. Die Jäger offenbar auch nicht. Der dritte stand bei der Bahnhofsrampe, löste beide Schnürsenkel und knotete sie neu. Es sah nicht nach Notwendigkeit aus, eher nach Gewohnheit, oder mehr noch, als wollte er Zeit schinden. Adam betrat gerade die Brücke, die über einen schmalen Bach führte. Der Junge war bereits bei den ersten Bäumen, mit fliegenden Schritten stieg er den Berg empor. Der dritte wartete, bis auch Adam den Hang erreicht hatte, bevor er sich ebenfalls auf den Weg machte. Capaul war ziemlich sicher, dass es sich um einen Vater mit seinen Söhnen handelte.

Auch Capaul band seine Halbschuhe enger, denn er rechnete mit schwierigem Terrain. Dann ging er in dieselbe Richtung wie die Jäger. Der Weg führte an Baracken, Baumaschinen und Schutthalden vorbei. Ein Schild informierte über den Neubau des Albulatunnels, und an einem Bauschuppen hing eine Leuchttafel: Arbeitsgemeinschaft Neubau Albulatunnel II. Diese Baustelle ist unfallfrei seit 513 Tagen.

Hoch oben flog ein Helikopter, zu hoch, als dass man erkennen konnte, ob es die Rega war. Doch Capaul beschloss endlich, seinen Kollegen Jon Luca anzurufen.

»Hast du Dienst?«, fragte er. »Ich bin im Val Bever. Was ist im Tunnel passiert? Ich höre einen Helikopter, braucht ihr mich?«

»Nein«, sagte Jon Luca verschlafen. »Zweimal nein. Nein, ich bin nicht im Dienst. Und nein, wir brauchen dich nicht. Ich habe Piket. Wäre etwas, hätte ich einen Anruf bekommen. Keine Ahnung, ob im Albulatunnel etwas ist.«

»Es hieß, ein totes Tier ist auf der Strecke.«

»Na also«, sagte Jon Luca nur. »Darf ich jetzt weiterschlafen? Und wieso bist du nicht im Bett? Hat Gisler dir nicht Hausarrest gegeben?«

»Hausarrest? Nein, bestimmt nicht, das war nur ein guter Rat«, behauptete Capaul und legte auf.

Kurz war die gute Laune wie weggeblasen. Doch dann wehte der Duft von Lärchen und feuchter Erde herbei, ein leises, zauberhaftes Rauschen erhob sich, obwohl Capaul nur Lärchen und Nadelbäume sah – er wusste gar nicht, dass die so rauschen konnten. Und dann entdeckte er oben am Berg, an einer Stelle, die fast überschüssig war, einen Raubvogel. Es war kein Bussard, sondern etwas Größeres, ein Bartgeier oder Adler. Inzwischen reichte die Sonne bis dorthin.

Capaul betrat das Brücklein und spuckte zum Spaß in den Bach, dann begann er wieder zu pfeifen: Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an. Als er kurz nach Spinas zurückblickte, sprang am Bauschuppen die Leuchttafel gerade zurück auf null.

II

Capaul hatte eine wilde, urwüchsige Landschaft erwartet, doch die Tour durch das Val Bever entpuppte sich als besserer Spaziergang. Die Jäger waren steil bergwärts gestiegen, dem Albulapass entgegen. Er hingegen wollte nur über Bever zurück nach Samedan, und jener Weg war gut gepfadet, mancherorts gar gekiest. Überall waren Zeichen der modernen Zivilisation: Lustige Holzskulpturen säumten den Weg, zudem passierte Capaul einen bunten Eimer für Hundekot mit der freundlichen Mahnung Ihr Liebling hat etwas liegen lassen, zwei temporäre Toilettenhäuschen sowie eine an eine Tanne geschraubte Sparbüchse mit der Aufschrift Spende für die Winterfütterung der Vögel, danke. Als er einen Spielplatz mit mannsgroßer Pingu-Figur und einer Plastikrutschbahn in Form einer Enzianblüte erreichte, rastete er kurz und freute sich über den Waldduft, den Raureif, der hier und da den Boden bedeckte, und an den Kühen, die frei zwischen den Bäumen umherstreiften. Sie trugen nicht einmal Glocken.

Er hatte Hunger, klugerweise hätte er sich vor der Tour im Gasthaus Spinas mit einem Stück Nusstorte oder einem Salsiz eingedeckt, außerdem fror er. Trotzdem raffte er sich erst auf, als er zwischen den Bäumen jemanden kommen sah und plötzlich dachte, dass es vielleicht ungehörig war, als Mann auf einem Kinderspielplatz zu sitzen. Der andere Wanderer trug eines jener roten Leibchen Albula II Juhei und über der Schulter eine massige Fototasche. Sein wirres schwarzes Haar und der schlecht gestutzte Vollbart erinnerten an Räuber Hotzenplotz, und Capaul wunderte sich, dass der Mann ihm nicht schon in Samedan aufgefallen war. Da er zügig unterwegs war, ließ Capaul ihn passieren, grüßte, wie es sich gehörte, mit »Allegra« und erntete dafür ein unbestimmtes Grunzen. Danach machte er sich auch wieder auf den Weg. Doch nun war er in Gedanken erneut bei der Bahn, und als der Hotzenplotz bei einer Bank hielt und die Fototasche durchsuchte, sprach er ihn an.

»Verzeihung, wir waren wohl im selben Zug. Ist die Strecke wieder frei? Ist inzwischen bekannt, was den Unterbruch verursacht hat?«

»Keine Ahnung«, sagte der Hotzenplotz mit Basler Akzent. »Wenn morgens um sieben schon Wein fließt, mache ich mich rar. Die Führung war mir nicht so wichtig. Ihnen ja offenbar auch nicht.«

»Ich weiß von gar keiner Führung.«

»Die RhB-Freunde erhalten heute eine Sonderführung durch die Tunnelbaustelle. Nicht die übliche Tour den Schaukästen nach, nein, richtig tief hinein in den Tunnel, dorthin, wo gebohrt und gesprengt wird. Das ist so interessant wie obszön, ich jedenfalls muss nicht zum bloßen Vergnügen zusehen, wie die Männer Tag für Tag im Berg für schlechten Lohn ihr Leben wagen.«

»Ja, aber warum sind Sie dann überhaupt mitgefahren?«

Darauf erhielt Capaul keine Antwort. Der Hotzenplotz hatte gefunden, was er suchte, ein kleines Fernglas, das er sich um den Hals hängte. »Bald wimmelt es hier von Familienausflüglern«, sagte er. Offenbar wollte er das Gespräch beenden.

»Ich hatte mir den Weg auch romantischer vorgestellt, hier hat es bald mehr Toiletten als Bäume«, sagte Capaul im Versuch, dem Hotzenplotz ein Lächeln zu entlocken.

Doch der wurde noch finsterer: »Wäre Ihnen lieber, hier wäre alles verkotet? Sie spazieren nun mal auf dem Märchenweg. Märchen, das bedeutet Kinder, und Kinder bedeuten Kot, Rotz und Kotze, das liegt in der Natur der Dinge.«

»Na, na«, rief Capaul. »Ich erwarte ja nicht, dass jeder Kinder mag, aber sie auf ihre Ausscheidungen zu reduzieren …«

»Moment, wer sagt, dass ich keine Kinder mag? Ich verschließe nur deshalb nicht die Augen. Leider leben wir in einer Epoche exzessiver Schönfärberei, alles hat nett, angepasst und duftend zu sein. Was ist die Folge? Darunter kocht die Jauche umso höher.« Der Hotzenplotz schulterte die Tasche und enthüllte eine Inschrift an der Bank: Silva Family. »Ich sage Ihnen«, fuhr er engagiert fort, »das wird für unsere rosarote Zuckerwattegesellschaft noch ein übles Erwachen. Scheiße wird nämlich nicht zu Gold, indem man sie vergoldet, auch wenn sich das alle noch so sehr wünschen. Und der böse Bube ist letztendlich nicht, wer unter der glänzenden Oberfläche die Scheiße wittert. Der böse Bube ist, wer ein Vermögen damit macht, dass er euch Dummen Scheiße für Gold verkauft. Aber bis ihr das begreift, wird es zu spät sein.« Damit war das Gespräch endgültig beendet, und er marschierte mit ausgreifendem Schritt weiter.

 

Capaul setzte sich auf die Bank und sah ihm nach, dann blickte er sich nach Zeichen des Märchenwegs um, den der Mann erwähnt hatte. Er konnte sich darunter nichts vorstellen. Ob der Spielplatz Teil davon war? Oder diese Holzfiguren? Er entdeckte ein Tier, das in einem Loch in der Bank verschwand und in einem anderen wieder auftauchte, wohl eine Schlupfwespe, stand auf, um nicht etwa gestochen zu werden, und sah ihm kurz zu, dann hörte er irgendwo im Wald leises Klappern. Rund fünfzig Meter oberhalb des Wegs, halb hinter Bäumen verborgen, sah er etwas Buntes, vielleicht ein Häuschen. Er stieg den frostigen Boden empor, manchmal musste er sich abstützen, wobei der Raureif unter seinen Fingern schmolz. Als er näher kam, begriff er, dass das Klappern vom Rauch eines schmalen runden Blechkamins herrührte – oder besser vom dünnen Deckel, der den Kamin deckte, wohl damit es nicht hineinregnete. Der austretende Rauch hob ihn immer wieder kurz an, dann fiel er mit leisem »Pling« zurück. Das Häuschen war im Übrigen kein Häuschen, sondern ein Bauwagen aus bemaltem Blech.

»Hallo?«, rief er und stieg weiter. »Allegra.«

Gleich darauf wurde das einzige kleine Fenster aufgeschoben, und eine betörende Frauenstimme sprach halb, halb sang sie:

»Come in, come in

Whoever you are

And meet a young lady

Who fell from a star.«

Das ließ Capaul sich nicht zweimal sagen. Er stieß die Tür auf und betrat den gut geheizten Wagen. Drinnen brannte kein Licht, das Fenster war trüb. Nachdem seine Augen sich einigermaßen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, erahnte er eine Frau in weißem Kleid, die im Schneidersitz auf einem Fellbett saß und ihn erwartungsvoll ansah.

»Das ist ja ganz bezaubernd«, hörte Capaul sich sagen, er wunderte sich über seine eigenen Worte. »Aus welchem Märchen sind Sie denn wohl?«

Die Frau stand schweigend auf und zündete umständlich eine Art Grubenlampe an, die in der Mitte des Bauwagens von der Decke hing, dann winkte sie ihn näher und betrachtete ihn lächelnd im rötlichen Licht der zischenden Lampe. Endlich sagte sie, wieder mit dieser warmen, brüchigen Stimme: »Ein neues Gesicht, sieh da. Und wie heißt du?«

»Massimo.« Und du?, wollte er fragen, aber irgendwie blieb ihm die Stimme weg.

Sie war nicht so jung, wie er zuerst gedacht hatte. Im Lächeln bildeten sich um ihre Augen Krähenfüße und in den Mundwinkeln mehrere feine, scharfe Grübchen. Sie hatte breite Wangenknochen, eine kindlich kleine Nase mit Sommersprossen und aschblondes Haar, das sie wohl selbst zu einer Art Pagenkopf geschnitten hatte. Trotz des Rauchs im Wagen roch Capaul Rosenduft und glaubte den warmen Hauch ihres Atems zu spüren.

»Wie heißt das Märchen?«, fragte er stattdessen, fast tonlos.

»Sag du es mir.«

»Ich weiß nicht, was steht denn zur Auswahl?«

Mit einem leisen Seufzer blies sie die Lampe wieder aus und zündete eine Kerze an. Aus einem Krug, der auf dem Bollerofen stand, goss sie Rauchtee in eine Tasse und reichte sie ihm, dann setzte sie sich zurück aufs Fellbett. Weil Capaul keinen Stuhl fand, setzte er sich auf eine leere Getränkekiste.

Abermals musterte sie ihn, dann sagte sie, wieder mit dieser unerhört einlullenden rauchigen Stimme: »Ich muss ja gestehen, ich hatte einen anderen erwartet.«

»Oh – soll ich wieder gehen?« Capaul stand auf. Er wollte die Tasse abstellen, wusste aber nicht wohin, denn der Tisch war von Büchern übersät, von denen einige sehr alt und vermutlich kostbar waren, und behielt sie dann doch in der Hand.

»Nein, nein, setz dich wieder. Nichts geschieht grundlos. Und das ist keine Plattitüde. Seit ich hier im Wald lebe, hat jeder einzelne Mensch, der angeklopft hat, mich auf ganz eigene Art reicher gemacht.«

Capaul hatte sich gesetzt, nun sprang er nochmals auf. »Ach so, ja. Natürlich kann ich auch etwas bezahlen. Sind dreißig Franken angemessen?« Er fand die Scheine nicht gleich, denn im Zug hatte er sie nur eben in die Jackentasche geschoben.

Still sah sie ihm beim Suchen zu, nahm das Geld und schob es unter die Felle. Dann sagte sie: »Danke, an Geld hatte ich gar nicht gedacht.«

»Sonst kann ich auch Holz hacken oder abwaschen. Ich bin ein guter Abwäscher.«

Sie lachte leise, bestimmt hatte sie nicht mehr als einen Teller, etwas Besteck und diese Tasse. »Holz nachlegen kannst du. Nur ein Scheit, da drüben liegen welche.«

Er holte eines und schob es ins Rohr, was nicht ganz einfach war, weil er noch immer die Tasse hielt. Danach war ihm schwummrig zumute, und er setzte sich. Sein Kopf war heiß. »Und nun?«, fragte er mit belegter Stimme.

»Ja, wenn ich das wüsste«, sagte sie verspielt. »Irgendwie werde ich mir das Geld verdienen müssen.«

Die Bemerkung hatte nichts Obszönes, nicht im Geringsten, trotzdem fürchtete Capaul um den heiligen Moment. »Oh, ich bin schon reich beschenkt, ich erwarte gar nichts«, versicherte er eilig.

Diesmal lachte sie laut. »Umso besser. Dann verrate mir, Massimo, was dich so früh in die Val Bever treibt.«

Er stutzte. »Ich dachte immer, es heißt ›das Val Bever‹.«

»Nein, nein«, versicherte sie. »La val, il piz. Das Tal ist weiblich, der Gipfel männlich, das Romanische ist sehr direkt. Also, was treibt dich her?«

»Der Zufall.«

»Es gibt keinen Zufall.«

»Ja, was dann, die Vorsehung? Vielleicht ein Fluch?« Er lachte. In seinem Kopf herrschte eine ganz unbekannte Leichtigkeit, Worte und Gedanken schwebten schillernd wie Seifenblasen. »Jedenfalls blieb der Zug stehen, der Tunnel ist gesperrt.«

»Ach so.« Sie sagte es, als erkläre sich daraus so einiges, doch Capaul hatte den nächsten Satz schon auf den Lippen und war zu benommen, um zu reagieren.

»Auf der Strecke lag nämlich ein totes Tier«, erklärte er, »ein Hirsch vermutlich.« Wieder lachte er.

Verwundert fragte sie: »Massimo, was gibt es da zu lachen?«

»Ja, eigentlich gar nichts«, gab er zu. »Der arme Hirsch.« Trotzdem lachte er weiter.

Sie beugte sich leicht vor und sagte eindringlich: »Zum Leben gibt es zwei Wege. Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg.«

»Genial in welchem Sinn?«, fragte Capaul heiter.

Aber offenbar war die Lektion damit beendet, denn sie stand auf und öffnete die Tür.

»Zeit, mich zu verabschieden.« Er erhob sich ebenfalls und stellte die Tasse auf die Kiste.

»Ich wollte nur lüften, die Karbidlampe stinkt.« Aber sie hielt ihn nicht zurück, sondern folgte ihm nach draußen.

»Darf ich wiederkommen?«, fragte er. Bei Tageslicht war ihr Kleid nicht weiß, es war aus ungefärbtem Leinen. Und sie hatte auch auf der Stirn spinnwebfeine, aber messerscharfe Falten. Er schätzte sie auf etwa gut vierzig.

»Falls du ein zweites Mal herfindest.«

Während er sich an den Abstieg machte, blieb sie draußen stehen. Die Sonne reichte inzwischen bis auf den Talboden, der Raureif war geschmolzen, auf der Erde tanzten Lichtflecken. Capaul drehte sich nochmals um, er wollte winken – wie ein Schulbub, der sich schwertut, von daheim loszuziehen. Allerdings sah sie ihm nicht nach, sondern talaufwärts, zum Albula hin.

 

Alles war wie verwandelt, das Licht so golden, das Grün so satt. Capaul wartete nur darauf, hinter der nächsten Wegbiegung einem Einhorn oder Zwergen zu begegnen. So wunderte er sich auch nicht, als er das Rumpeln, Trappeln und Gebimmel einer Pferdekutsche hörte. Darin saß eine Gruppe angeheiterter RhB-Freunde. Capaul machte Platz, um sie vorbeizulassen, doch jener, der neben dem Kutscher auf dem Bock saß, vielleicht eine Art Anführer, bat den Kutscher zu halten: »Wir hätten noch Platz. Zweien von uns ist schlecht geworden, die laufen lieber.«

»Ja dann«, sagte Capaul und stieg auf, denn der Hunger plagte ihn inzwischen heftig, und auch der Marsch strengte an.

»Ist der Tunnel noch immer gesperrt?«, schrie er gegen den Fahrlärm an, als die Pferde weitertrabten.

Die anderen winkten ab. »Es war nur zu spät für unsere Sonderführung. Und nach Preda fahren wir dann sowieso zum Durchstich.«

»Und was für ein Tier war es nun?«