Engagierte Vernunft - Peter Vollbrecht - E-Book

Engagierte Vernunft E-Book

Peter Vollbrecht

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Beschreibung

Kolumnen und Essays zu aktuellen Themen der Zeitgeschichte aus philosophischen Perspektiven.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 84

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern meiner philosophischen Reisen zum 20-jährigen Jubiläum

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Mögliche Welten

Wo sind wir, wenn wir lesen?

Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

Wer ist das Ich in meinen Erinnerungen?

Beethovens Zehnte Künstliche Intelligenz komponiert

Politische Welten

Die magischen Momente der Politik Ein Plädoyer für politische Mythen

Der Philosoph als Weltbürger Jürgen Habermas zum 90. Geburtstag

Mit Geschichten getäuscht Der Fall des Journalisten Claas Relotius

Leitkultur? Ja oder nein, deutsch oder europäisch?

Kosmische Welten

„Blickt nach oben zu den Sternen“ Zum Tod von Stephen Hawking

Der Blick aus dem Orbit

Verletzte Welten

Tödliches Plastik oder: Die toten Schildkröten am Strand von Mahabalipuram

Die letzten Trümpfe der Menschheit

Plötzlich sieht vieles anders aus: ›Fridays for Future‹ klagt den Generationenvertrag ein

Müssen wir uns des Reisens schämen?

Kant weiterdenken: Ein ökologischer Grundvertrag der Menschheit Ein Aufruf

Vorwort

Wir Europäer leben in der besten aller historischen Zeiten. Die längste Friedenszeit, die höchste Lebenserwartung, die stabilste Rechtsordnung, der größte Wohlstand, die freieste aller Lebensformen bisher. Und knapp unterhalb der Superlative weitere gute Noten für Mobilität und interkulturelle Kompetenz, für Bildung, Diskussionskultur und Zivilgesellschaft, für Ehrenamt und soziale Netze.

Ja gewiss, es gibt Einwände. Wie steht es um Verteilung und Gerechtigkeit, wo stehen die Verlierer, wo bröckeln die Ränder? Haben wir den Zenit gar schon überschritten?

Jedes wache Leben muss sich diese Fragen stellen, um nicht selbstgefällig zu erstarren. Die umsichtige Sorge ist die Schwester des Optimismus, sie schirmt ihn mit wohltemperierter Strömung gegen die Polarluft des Pessimismus ab. Sie hält die Mitte, sie wägt ab und tappt nicht in die Falle der Extreme. Sie ist um faire Urteile bemüht, aber dabei ist sie keineswegs neutral. Sie trägt Sorge dafür, dass zukünftiges Leben sich ebenso entfalten kann wie gegenwärtiges. Sie ist eine Herzensangelegenheit der engagierten Vernunft.

Die hier versammelten Texte stehen im Geist einer engagierten Vernunft, die eher von Kommentarlust als von Deutungsernst motiviert ist. Sie präferiert den Essay und die Kolumne, literarische Kurzformen, die einen Punkt beleuchten - nicht selten nehmen die Gedanken ihren Ausgang bei einer einzelnen, durchaus auch subjektiv erlebten Begebenheit und ziehen von dort weitere Linien.

Die ersten vier Texte staunen über die kreativen Innenwelten, die restlichen elf wenden den Blick auf die äußeren Sphären Politik, Kosmos und Umwelt. Dabei liegt der Schwerpunkt der umsichtigen Sorge engagierter Vernunft eindeutig auf der ökologischen Problematik. In ihr sehe ich die dringlichste Aufgabe für die Menschheit im 21. Jahrhundert.

Esslingen im Februar 2020

Mögliche Welten

Das Mögliche umfasst die noch nicht erwachten Absichten Gottes

Robert Musil

Wo sind wir, wenn wir lesen?

Keine Messe erfreut sich einer solch‘ medialen Aufmerksamkeit wie die der Bücher. Doch es sind nicht etwa triumphale Umsatzrekorde, die Schlagzeilen machen, eher umtreibt die Branche die Sorge um ein altehrwürdiges Kulturgut. Denn jedes Mal begleiten klagende Töne der Verleger die Gipfeltreffen in Leipzig und Frankfurt: es werde immer weniger gelesen! Eine Ermahnung an Elternhaus, Schule und Universität, ja an die Gesellschaft überhaupt: Mit dem Lesen stehe und falle die Mündigkeit des Bürgers. Eine Zivilgesellschaft ohne Leser? Undenkbar!

Tatsächlich wird nicht weniger gelesen, sondern einfach nur – anders. Man blättert weniger um, sondern scrollt die Threads hinauf und hinab. Der zuckende Daumen eilt hektisch über die Tastatur und erkämpft seinem Besitzer einen Moment an Aufmerksamkeit in einem Zeitfenster, das fast nur noch aus Gegenwart besteht. Ich sende, also bin ich, und wenn gleich eine Antwort kommt, so weiß ich: ich bin gelesen worden. Das Lesen ist zu einer sozialen Schlacht um Anerkennung geworden. Lesen und Senden sind die digitalen Balzfrequenzen eines Heute, das die Welt auf ein sensitives Jetzt zurückstutzt.

Neben den nervösen Twitter- und WhatsApp-Formaten, neben der Informationsküche der sozialen Netzwerke besteht aber weiterhin das tiefere Lesen. Es vollzieht sich in einer Stille, die zum Ohr wird für andere Stimmen, für fernere Zeiten und fremdere Räume. Das Lesen ist hier ein Welt komponierender Prozess, getrieben von Phantasie, Imagination und Empathie. Da entstehen Personen vor dem inneren Auge, oder ganze Landschaften von Sinnfeldern breiten sich vor den Lesenden aus. Neue Sichtachsen laden ein zu ungewohnten Verknüpfungen bekannteren Materials, Türen öffnen sich ins Unbekannte und Ungemessene. Bei alledem entsteht den Lesern ein geräumigeres Weltverständnis.

Soweit, so gut, aber mal ehrlich: eine Laudatio des Lesens in abgegriffenen Allgemeinheiten? Es riecht doch arg nach biederer Literaturdidaktik. Die Tiefe des Lesens liegt woanders. Also bitte authentischer erzählt! Schließlich ist man beim Lesen ganz bei sich, und das in einem Maße, dass man sich selbst dabei vergessen kann. Das auf Wirkung bedachte Ego tritt in den Hintergrund, das bedeutsame Leben tritt davor und entführt das Ich in andere Narrative. Dabei bin ich – na endlich, endlich zeigt er sich! – stets mit zwei Texten beschäftigt. Da ist zunächst der geschriebene Text, mag er poetisch, philosophisch oder auch wissenschaftlich sein. Er wirft in mir ein Echo und daraus entsteht ein zweiter Text, der Text meines Verständnisses. Und der ist mal farbiger und mal sprunghafter, selten ist er geschlossen, da verschlingen sich oft mehrere Linien, die ich nicht zu einem Strang flechten kann. Will ich mich näher an ihn heranzoomen, um ihn für mich und auch für andere zu verbalisieren, dann entrückt dieser zweite Text ins Undeutliche. Denn er hängt nicht in klaren Begriffen, eher sind es Bilder oder Ströme, die durch mein Bewusstsein gleiten. Da ist alles in Bewegung, und jeder Versuch, die Inhalte in Aussagen und Urteile zu pressen, hinterlässt ein unbefriedigendes Gefühl fehlerhafter, unvollständiger Übersetzung.

Ich bin, bei Lichte betrachtet, allein mit meinem inneren Text, und ich bleibe es selbst dann, wenn mir ein Gespräch dabei hilft, ihn besser zu verstehen. Denn nun beginnt das Spiel mit dem doppelten Text erneut. Angenommen, wir haben uns mit jemandem über eine literarische Figur ausgetauscht, und dabei ist mir manches klarer geworden über, sagen wir, Andreas Egger in Robert Seethalers Roman Ein ganzes Leben. Ich habe Worte gefunden für die so seltsame, leidenschaftslose Existenz, in der ein Leben sich spürt, ohne Ansprüche an das Leben zu stellen, klaglos klein gehalten von einer bäuerlichen Welt zur Mitte des letzten Jahrhunderts, als der Geburtsort über das Lebensschicksal entschied. Ich bin also ins Gespräch gekommen über das kleine Meisterwerk dieses Wiener Autors. Mit meinem Gegenüber bin ich eingetreten in die dichte Atmosphäre einer mir unbekannten Welt. Dennoch: ich begreife nicht, weshalb mich Andreas Egger so sehr berührt. In der Tiefe meiner Seele müssen sich Rezeptoren aufgestellt haben, die ich nicht kenne, Sinneszellen, die auf den literarischen Text ansprechen und dessen Bedeutsamkeit erkunden. So undeutlich und dunkel mir dieser innere Vorgang auch ist, mit einer fast strahlenden Evidenz weiß ich, dass dort mein innerer Text strömt. Er verbindet mich nicht nur mit Andreas Eggers Leben, er verbindet mich mit vielen anderen Figuren, denen ich im Laufe meines Lebens begegnet bin, realen wie literarischen Personen. Dabei sind es vor allem die letzteren, die, in meinen Weltknoten eingeflochten, meinen inneren Text über meine biographischen Grenzen hinaus dehnen. Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischen sich, wenn es um die Bedeutsamkeit von Welt geht, in der sich der Sinn des eigenen Lebens spiegelt. – Wo sind wir, wenn wir lesen?

Tiefes Lesen kann zumindest einen kleinen Zipfel von einer solchen Weltverbindung erahnen lassen. Vielleicht liegt darin auch eine Erklärung des Umstandes, weshalb es dem Leser – nein, das sollte ich jetzt nicht sagen, es geht persönlicher! – weshalb mir manchmal der Abschied aus einem Roman so schwer fällt. Das Ende des Romantextes schneidet mich aus meinem inneren Text heraus und wirft mich zurück in das besorgende Leben. Zurückgekehrt aus existenzieller Fülle in ein dürftigeres Narrativ. Aber – da blieb etwas zurück, ein schmaler Steg zu anderen Lesern, die eine stille Bewegtheit eint, ein zartes, wenig belastbares Band eines Einvernehmens. Die Utopie einer Gemeinschaft, jeder gute Text steht dafür ein, absichtslos, nur in einem Spiel von Wort und Klang, das Räume öffnet.

Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?

In seinem monumentalen, grandios gescheiterten, weil nie vollendeten und deshalb vielleicht sogar famos gelungenen Roman Der Mann ohne Eigenschaften sinnt Robert Musil über den Möglichkeitssinn nach. Es müsse ihn doch geben, schließlich gibt es ja auch Wirklichkeitssinn. Der Möglichkeitssinn besteht in der Fähigkeit, »alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.« Verstehe man ihn recht, diesen Möglichkeitssinn, verwechsle man ihn also nicht mit der Flucht vor der Wirklichkeit, dann erkenne man in ihm »die noch nicht erwachten Absichten Gottes«.

Literarische Gedanken wie diese können tief ins intellektuelle Fleisch schneiden. Junge Menschen sind gewiss empfänglicher dafür als ältere. Aber wem der Geist jugendlich geblieben ist, den fangen sie immer noch ein, denn es sind Träume der Freiheit. Der Sinn für Möglichkeiten steigt von der Erde in den Himmel und strömt Zukunft in die Gegenwart. Lust auf das Kommende, Lust auf Beginn.

In jungen Jahren flutete Zukunft meine Arterien bis in die entferntesten Kapillaren. Was wird, was könnte sein? Das war eine leidenschaftliche Frage. Das eine, das Futurum Eins, kam immer auch ein wenig ängstlich daher, das andere, der Konjunktiv, dagegen spannte sich elastisch auf Erwartung und Hoffnung. Heute ist mein mentales Klima gemäßigter. Und so stelle ich die Frage, die mich damals schon bewegte, heute auf einer Etage tiefer: Wie wäre eine Welt ohne Konjunktiv?