Engelssturz - Timothy Zahn - E-Book

Engelssturz E-Book

Timothy Zahn

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Beschreibung

Gefallene Engel

Stellen Sie sich vor, alle Politiker der Welt wären selbstlos, vernunftorientiert und unfähig zu lügen. Unmöglich? Nicht in Empyrea, einer menschlichen Kolonie in den Weiten des Alls. Doch hinter den vorbildlichen Staatsmännern verbirgt sich ein gefährliches Geheimnis, und das feindliche Imperium der Pax ist entschlossen, dieses zu ergründen und Empyrea notfalls unschädlich zu machen.

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Über das Buch

Das Buch

Die Menschheit hat das All besiedelt und sich über die Sternsysteme verteilt. Auch auf dem kleinen Planeten Empyrea, der sich in gefährlicher Nähe zu einem schwarzen Loch namens Angelmass befindet, haben die Menschen eine Kolonie gegründet – und eine folgenschwere Entdeckung gemacht: Sie sind hier nicht allein. Das schwarze Loch sendet einzig­artige Partikel aus, die von den Empyreanern bald »Engel« genannt werden, da jeder, der ein solches Partikel trägt, fortan zu keiner Lüge mehr fähig ist. Doch die scheinbare Idylle währt nur kurz, denn als das Imperium der Pax davon erfährt, entsenden sie ihr größtes Kriegsschiff, um die Anomalie und das schwarze Loch kurzerhand zu entfernen. Die einzigen, die Empyrea und die »Engel« jetzt noch retten können, ist eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus einer Trickbetrügerin, einem Geschwisterpaar mit einem Engelsjägerschiff und ein Spion mit zweifelhafter Vergangenheit …

Der Autor

Timothy Zahn, 1951 in Chicago geboren, studierte Physik an der University of Illinois und veröffentlichte 1978 seine erste Science-Fiction-Geschichte. Seither hat er zahllose, erfolgreiche Romane geschrieben, unter anderem für die STAR-WARS-Serie. Er lebt mit seiner Familie in Oregon. Im Wilhelm Heyne Verlag sind von Timothy Zahn erschienen: Blackcollar, Eroberer, Eroberer – Die Rückkehr, Eroberer – Die Rache, Cobra, Jagd auf Ikarus.

Engelssturz

TIMOTHY ZAHN

ENGELSSTURZ

Roman

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Impressum

Titel der amerikanischen OriginalausgabeANGELMASSDeutsche Übersetzung von Martin Gilbert

Deutsche Erstausgabe 08/2011Redaktion: Werner BauerCopyright © 2001 by Timothy ZahnCopyright © 2011 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung: Nele Schütz Design, MünchenSatz: C. Schaber Datentechnik, WelsISBN 978-3-641-06345-0www.heyne-magische-bestseller.de

Widmung

Für meine Mutter –den ersten Engel in meinem Leben

1

Sie waren zu zweit – und sie warteten bereits auf Jereko Kosta, der unbeholfen die Leiter erklomm und durch die Luke des Shuttles einstieg: ein junger Leutnant und ein gleichaltriger Obergefreiter. Beide waren sie mit der glänzenden, schwarz-silbernen Militäruniform der Pax bekleidet: Die glitzernden roten und blauen Schnörkel der gestickten Komitadji-Insignien s-chwangen sich mit geradezu arrogantem Stolz über Schlüsselbein und Schulter. »Mr. Kosta«, sagte der Leutnant und entbot dem Mann einen lässigen militärischen Gruß, ehe er sich daran zu erinnern schien, dass er es hier nur mit einem Zivilisten zu tun hatte. »Willkommen an Bord der Komitadji. Ich soll Sie von Kommodore Lleshi grüßen. Er wünscht Sie unverzüglich auf dem Kommando­deck zu sehen.«

Kosta nickte und wurde plötzlich von einem seltsamen Gefühl von Unwirklichkeit befallen, während er den Blick über die amorphen grauen Wände und die Decke der Andockbucht schweifen ließ. Die Komitadji. Er befand sich tatsächlich an Bord der Komi­tadji. »Verstanden«, sagte er und versuchte, den neutralen Tonfall des Leutnants zu imitieren, was ihm freilich nicht ganz gelang. »Ich habe nur die zwei Reisetaschen …«

»Sie werden an Bord Ihres Schiffes gebracht«, versicherte ihm der Leutnant, während der Obergefreite sich geschmeidig an Kosta vorbeischob, die Leiter hinunterkletterte und im Shuttle verschwand. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen?«

Die Tür des Gleiters befand sich in einer geschützten Nische in der Rückwand der Andockbucht. Der Leutnant bedeutete ihm, das Fahrzeug zu besteigen und betätigte einen Schalter, worauf sie sich aufwärts zum Mittelpunkt des Schiffs in Bewegung setzten.

Zum Mittelpunkt der Komitadji.

Es war, sagte sich Kosta, als ob er sich an Bord einer lebenden Legende befunden hätte. Sogar durch die kristallinen Wände der Akademie waren die Geschichten der militärischen Siege des riesigen Schiffs gedrungen; und selbst wenn sie ihn vor diesen Geschichten abzuschirmen vermocht hätten, hätten die acht Wochen intensiven Trainings, die er gerade absolviert hatte, dieses Defizit schnell behoben. Praktisch jeder von Kostas militärischen Ausbildern hatte mit einer ganz persönlichen Anekdote über die Komitadji aufgewartet – Geschichten, deren gemeinsamer Nenner eine Art grimmiger Stolz war. Für das Militär und für die meisten Durchschnittsbürger von Pax war die Komitadji ein Symbol des Stolzes, des Ruhms und der Macht. Ein Symbol des Schutzes und der Stärke, die die Pax verkörperten.

Allein schon der Marsch durch die Korridore einer Legende wäre beeindruckend genug gewesen. Die Wanderung durch die Korridore eines Schiffs, das in kaum fünf Jahren des aktiven Dienstes den Status einer solchen Legende erlangt hatte, war jedoch ehrfurchtgebietend.

Der Weg zum Kommandodeck schien viel zu lang zu dauern – selbst für ein Schiff von der Größe der Komitadji –, und die Streckenführung glich geradezu einem Labyrinth. Kosta, der seine Rolle bei dieser Mission ohnehin mit gemischten Gefühlen betrachtete, wurde dadurch nur noch nervöser. Erst als sie den Gleiter zum dritten Mal wechselten, wurde ihm bewusst, dass es für diese vermeintliche Ineffizienz doch einen Grund gab. Auf einem Kriegsschiff war es nicht ratsam, einen direkten Zugang zu kritischen Bereichen zu eröffnen.

Als sie das Kommandodeck schließlich erreichten, entsprach es exakt Kostas Vorstellungen: ein langer, mit Konsolen angefüllter Raum, an denen Männer und Frauen in schwarz-silbernen Anzügen geschäftig zugange waren. Er ließ den Blick schweifen und hoffte, den Kapitän ausfindig zu machen …

»Kosta?«, ertönte eine dröhnende Stimme über ihm.

Kosta legte den Kopf in den Nacken. An einem Ende des Raums ragte ein kleiner galerieartiger Vorsprung über das Kommandodeck hinaus. Ein älterer Mann mit silbernem Haar stand am Geländer und sah auf ihn herab. »Ja, Sir?«, rief Kosta zu ihm hinauf.

Der andere drehte leicht den Kopf und wandte sich ab. Wortlos führte die Eskorte Kosta zu einem Aufzug in der Nähe der Rückseite der Galerie. Der Käfig aus Memory-Metall schloss sich um die Plattform, und im nächsten Moment hatte der Aufzug die Galerie auch schon erreicht, und der Käfig öffnete sich.

Der ältere Mann wartete auf ihn. »Kosta«, begrüßte er ihn mit einem gemessenen Kopfnicken und unterzog ihn einer schnellen Musterung von Kopf bis Fuß. »Ich bin Kommodore Vars Lleshi. Willkommen an Bord der Komitadji.«

»Vielen Dank, Sir«, sagte Kosta. »Ich bin – nun, es ist …« Er verstummte und kam sich plötzlich wie ein Idiot vor.

Lleshi verzog den Mund zu einem schwachen Grinsen. »Ja – es ist groß, nicht wahr? Haben Sie unten schon Ihr letztes Briefing erhalten?«

»Jawohl, Sir«, sagte Kosta mit einem Kopfnicken und versuchte das Gefühl abzuschütteln, der Neue in der Klasse zu sein. »Jedenfalls so viel Briefing, wie man in meinem Fall für ausreichend hielt.«

Lleshi musterte ihn. »Sie waren etwas sparsam mit Details?«

»Nun …«, sagte Kosta zögerlich. Ihm wurde mit einem Mal bewusst, dass es nicht sehr klug wäre, eine Logistik-Abteilung bei einem Offizier derselben Einheit anzuschwärzen. »Sie haben eben nicht ihr ganzes Pulver verschossen«, sagte er. Das klang schon wesentlich diplomatischer. »Ich habe das Gefühl, dass ich mich in diesem Fall eher auf mein Gehör verlassen muss.«

»Haben Sie vielleicht ein Skript erwartet?«, wandte eine andere Stimme verächtlich ein.

Kosta hatte plötzlich einen Kloß im Hals und drehte sich um. Er sah einen schmalgesichtigen Mann in einem ebenso makel­losen wie schlichten grauen Anzug, der mit schnellem Schritt von einer der Kommandokonsolen an der Schmalseite der Galerie auf ihn zu kam. »Ich … äh … Wie meinen?«, fragte er konsterniert.

»Ich fragte, ob Sie glaubten, man würde Ihnen ein Skript für diese Mission überreichen«, wiederholte der andere. »Sie haben doch gerade den besten Intensivlehrgang durchlaufen, den man für Geld kaufen kann. Da hätte ich eigentlich erwartet, man hätte Ihnen gleich zu Beginn eingetrichtert, dass Spione sich fast immer nur auf ihr Gehör verlassen.«

Kosta holte tief Luft und kämpfte gegen den alten, automatischen Drang zur Unterwürfigkeit an. Dieser Mann war weder sein Dekan noch sein Abteilungsleiter, nicht einmal sein Berater. »Ich bin sicher, dass sie mich so gut ausgebildet haben, wie es ihnen in acht Wochen möglich war«, sagte er. »Vielleicht eigne ich mich doch nicht so gut zum Spion.«

»Die wenigsten Leute sind zum Spion geboren«, meldete Lleshi sich zu Wort und warf dem anderen Mann einen kurzen Blick zu. »Andererseits befinden Sie sich hier auch nicht auf einer normalen Spionage-Mission. Was Mr. Telthorst immer wieder zu vergessen scheint. Um an geheime Informationen zu gelangen, entsendet man einen Spion. Um geheime akademische Information erlangen, entsendet man einen Akademiker.« Er bedachte Kosta mit einem sparsamen, aber wohlwollenden Lächeln. »Und wenn es um geheime akademische Informationen über einen Zeitraum von zwanzig Jahren geht, entsendet man einen Akademiker mit der Fähigkeit, die Nadel im Heuhaufen zu finden.«

»Wobei wir alle hoffen, dass Sie diese Person sind«, sagte Telt­horst angesäuert. »Ansonsten wird die ganze Sache allenfalls auf eine kolossale Geldverschwendung hinauslaufen.«

Kosta sah ihn an und kämpfte erneut gegen den Drang an, ihn um Entschuldigung zu bitten. Wenigstens hatte er den Mann aber nun identifiziert. »Gehe ich recht in der Annahme, Mr. Telt­horst, dass Sie der Vertreter des Adjutor-Korps der Komitadji sind?«

Lleshi stieß ein leises Geräusch aus, das man bei einer nicht so distinguierten Persönlichkeit durchaus als ein Kichern hätte deuten dürfen. Langsam drehte Telthorst den Kopf und sah den Kommodore an; und genauso langsam drehte er sich wieder zu Kosta um. »Ich bin kein wie auch immer gearteter Vertreter«, sagte er leise, aber deutlich. »Ich bin ein zertifizierter Adjutor. Und als solcher bin ich ermächtigt, an Versammlungen des Obersten Rats teilzunehmen und die Regierung in allen Angelegenheiten zu beraten, welche die finanzielle und ökonomische Wohlfahrt der Pax und jeder Gruppe, Untergruppe, Welt, Nation, Bezirks und Unterbezirks in ihrem Einflussbereich betreffen.«

Sein Blick wurde noch kälter. »Einschließlich so überaus banaler Angelegenheiten wie die PAföG-Schulden, die von Tri-Dok­torat-Studenten aus Kleinstädten auf unbedeutenden Welten in provinziellen Planetensystemen angehäuft werden. Es geht um Ihre Schulden, Kosta, und darum, ob sie Ihnen erlassen werden oder nicht.«

»Es tut mir leid«, stieß Kosta hervor und wünschte sich, dass er den Mund gehalten hätte. Die unterschwellige Macht, die hinter dieser eiskalten Häme durchschien, war genauso einschüchternd wie die Komitadji selbst. »Ich wollte nicht respektlos erscheinen.«

»Das hatte ich auch nicht angenommen«, sagte Telthorst. Er wandte sich wieder an Lleshi. »Und ich wollte damit auch nicht andeuten«, fügte er widerwillig hinzu, »dass Sie für Ihre Mission nicht vorbereitet wären. Sie sollen nur wissen, dass die Befreiung des Volks dieser sogenannten Empyreaner von ihrer Alien-Fremdherrschaft und ihre Integration unter dem Schirm der Aufklärung der Pax eine sehr teure Angelegenheit ist. Ich habe die gleiche Aufgabe wie jeder Adjutor: zu gewährleisten, dass die Pax einen Gegenwert für ihr Geld erhalten.«

»Verstehe.« Kostas reflexartige Angst wich einer Mischung aus Verärgerung und Nervosität. Er sollte sein Leben im Feindesland riskieren, und alles, was Telthorst umtrieb, war die Kostenfrage. »Ich werde mein Bestes tun, damit die Investition, die die Pax in mich getätigt haben, nicht in den Sand gesetzt wird.«

Telthorst runzelte die Stirn – aber nur ganz leicht. »Ich bin sicher, dass Sie Erfolg haben werden, Kosta«, sagte Lleshi, bevor Telthorst zu reagieren vermochte. »Aber nun sind der Worte genug gewechselt. Ihr Schiff befindet sich in der Ladebucht Nummer Sechs. Sie werden von hier aus direkt dorthin gebracht. Sie wissen, wie man es fliegt?«

»Ja, Sir«, sagte Kosta. Er wusste es tatsächlich – zumindest irgendwie –, obwohl fast alle Manöver, die das Schiff würde ausführen müssen, bereits vorprogrammiert worden waren.

»Gut«, sagte der Kommodore. »Denken Sie daran, dass Sie den Kokon erst mindestens zwölf Stunden später verlassen dürfen, nachdem Sie abgeworfen wurden. Das ist das Minimum – falls Schiffe der Empyreaner sich noch in der Gegend herumtreiben, werden Sie sich natürlich noch länger bedeckt halten müssen. Lassen Sie sich ruhig Zeit, und geraten Sie nicht in Panik. Es dürfte völlig unmöglich sein, Sie im Kokon zu entdecken, und wenn wir unseren Job richtig machen, dann werden sie nicht einmal bemerken, wie Sie die Komitadji verlassen. Wir müssten auch einen Datenimpuls von der automatisierten Schläfer-Sonde auf Lorelei empfangen, wenn wir ankommen. Vorausgesetzt, dass wir vom richtigen Netz eingefangen werden und dass unser Timing stimmt. Sobald Sie unten sind, gehen Sie zu den Koordinaten, die in Ihren Schiffscomputer programmiert sind; und dann rufen Sie den aktuellen Lagebericht ab, die falschen Ausweis­papiere, die für Sie bereitliegen müssten sowie die Zugangsdaten für Ihre Kreditlinie.«

»Eine sehr begrenzte Kreditlinie«, warf Telthorst ein. »Bedenken Sie das und seien Sie möglichst sparsam.«

»Ja, Sir, das werde ich«, sagte Kosta und musste sich beherrschen, nicht das Gesicht zu verziehen. Das liebe Geld. Den Adju­toren ging es doch immer nur ums Geld. »Wenn das alles ist, Kommodore«, fügte er hinzu, »werde ich jetzt nach unten zu meinem Schiff gehen.«

Lleshi nickte. »Tun Sie das. Und viel Glück bei Ihrer kleinen Himmelfahrt.«

»Vielen Dank.« Kosta sah dem Kommodore direkt in die Augen. »Ich werde es schaffen, Sir.«

»Katapult-Kontrolle Scintara, Kommodore«, rief der Mann an der Kommunikationskonsole zur Galerie hinauf. »Wir haben grünes Licht.«

»Verstanden.« Lleshi ließ gemächlich den Blick über seine Status-Konsole schweifen. Die Rotation des Schiffs lag bei null, die Strahlenwaffen waren geladen und schussbereit, die Raketen waren in die Abschussrohre geladen und feuerbereit. Alles war bereit für einen kleinen Abstecher in Feindesland. »SeTO?«

»Alles im grünen Bereich, Kommodore«, meldete Campbell, der Erste Taktische Offizier, an seiner Konsole. »Sowohl Alpha und Beta. Das Schiff ist gefechtsbereit, und die Besatzung ist auf den Gefechtsstationen.«

Aus dem Augenwinkel sah Lleshi, wie Adjutor/Observator Telt­horst sich an seiner Obs-Konsole am Rand der Galerie herumdrehte. »Beta?«, fragte er mit einem argwöhnischen Unterton in der Stimme. »Was ist denn Beta?«

»Das ist ein Simulationslauf«, sagte Lleshi. »Raumjäger in Gefechtsbereitschaft – solche Dinge. Wir beabsichtigen schließlich eine Invasion dieser Systeme.« Er musterte den Adjutor und bemerkte den verkniffenen Gesichtsausdruck des anderen. »Ihre letzte Chance, von Bord zu gehen, wenn Ihnen das lieber ist«, bot er ihm an.

Telthorst erwiderte den Blick, ohne zu blinzeln. »Ihre letzte Chance, Kommodore, dieses Schiff nicht aufs Spiel zu setzen.«

Lleshi sah wieder auf seine Konsole und unterdrückte einen Anflug sehr unprofessionellen Zorns. Die Stunde Null war nicht der richtige Zeitpunkt, einen alten Streit wieder anzufachen. Sie hatten keine andere Wahl, als die Komitadji für diesen Zweck einzusetzen – aus Gründen, die Telthorst bereits bekannt waren. »Steuermann: Bringen Sie uns in Position.«

»Jawohl, Sir.«

Eine visuelle Darstellung des Fokuspunkts des Hyperraum­katapults der Scintara direkt vor der Komitadji wurde auf dem Bildschirm des Steuermanns abgebildet: Ein verschwommener roter Ellipsoid hing im All und pulsierte träge, während er über alle drei Achsen rhythmisch »aufgepumpt« wurde. In der Frühzeit der Katapult-Reise – und das war ein Gedanke, der Lleshi an dieser Stelle immer kam –, hatte ein Schiff, das sich nicht ganz in diesen Fokusbereich einfügte, den Verlust diverser Anbauteile riskiert, während der Rest über die Lichtjahre hinweg katapultiert wurde. Ohne die Entdeckung paraleitender Metalle wäre ein Schiff von der Größe der Komitadji ein Ding der Unmöglichkeit gewesen.

War schon eine feine Sache, der Fortschritt.

Der Annäherungsalarm trällerte: Der Bug der Komitadji hatte den Fokalellipsoiden berührt. »Bereithalten«, befahl Lleshi. »Scintara-Katapult, Sie haben den Timer. Start bei T-Null.«

Scintara bestätigte. Nach achtunddreißig Sekunden verschwanden – mit einem Stakkato metallischer Belastungsgeräusche von der paraleitenden Unterseite – die Sterne abrupt von den Bildschirmen.

Lleshi holte tief Luft und stellte automatisch körperlich und mental die volle Gefechtsbereitschaft her. Es waren fast dreihundert Lichtjahre von Scintara bis zur empyrealen Welt Lorelei: ein Hyperraumflug von knapp sechs Sekunden. »In Bereitschaft bleiben«, murmelte er – was aber mehr der Gewohnheit geschuldet war als der Annahme, dass seine Besatzung noch nicht bereit sei. Er straffte sich innerlich … Und genauso schnell, wie sie verschwunden waren, tauchten die Sterne wieder auf.

»Positionsbestimmung«, befahl er. Auf der Navigationsanzeige sprossen nun vielfarbige relative Geschwindigkeitsvektoren: Viele »Sterne« waren in Wirklichkeit Asteroiden. Aber deshalb waren sie noch lange nicht im richtigen Netz – denn alle Netze um Lore­lei schienen mit den großen Asteroidengürteln des Systems verflochten zu sein. »Sobald wir im richtigen Netz sind, Daten­abruf einleiten.«

»Gerichtete Impulsübertragungen vom Planeten, Kommodore«, meldete der Kommunikationsoffizier. »Wir sind im richtigen Netz. Ich kopiere jetzt.«

»Campbell?«

»Die taktische Anzeige wird jetzt eingeblendet, Sir«, sagte der SeTO. »Verteidigung wie erwartet.«

Lleshi nickte. Der Blick war auf die taktische Anzeige gerichtet … Und sie entsprach tatsächlich den Erwartungen. Vier kleine Schiffe hatten sich im Radius von zweihundert Kilometern um die Komitadji zu einer annähernd dreieckigen Pyramide formiert. Und aus jedem dieser Schiffe ragte der Stab eines Hyperraum­katapults. Zusammen bewachten sie den Mittelpunkt des Netzfelds, das die Komitadji – irgendwie – von ihrem eigentlichen Hyperraum-Vektor abgebracht und genau zu diesem Punkt umgelenkt hatte. Und jedes dieser Schiffe konnte im Zusammenspiel mit den anderen die Komitadji auch wieder in jede beliebige Richtung aus dem System hinauswerfen.

Und wenn sie das sofort taten, hätte der junge Kosta gar nicht erst an Bord zu gehen brauchen.

»Eine Botschaft, Kommodore«, sagte der Kommunikationsoffizier. »Sie erinnern uns daran, dass die Empyreaner ihre Grenzen für Schiffe der Pax gesperrt haben, und sie verlangen, dass wir ihnen den Zweck unseres Besuchs bekanntgeben.«

Lleshi grinste verkniffen. Dann war der erste Spielzug also schon einmal erfolgreich gewesen: Die schiere Größe der Komitadji hatte die Empyreaner schwer beeindruckt. Sie waren noch immer damit beschäftigt, hastig das Katapult neu zu kalibrieren, und versuchten die Invasoren in eine belanglose Konversation zu verwickeln, um Zeit zu schinden. Er warf einen Blick in Telthorsts Richtung, sah aber nur den Hinterkopf des Adjutors. »Die Botschaft nicht erwidern«, sagte er ruhig. »Angriffsmuster Alpha.«

Die Lichter der Komitadji wurden etwas gedämpft, als auf der taktischen Anzeige vier blaue Lichtstrahlen erschienen und auf die entfernten Katapult-Schiffe zuliefen. Hinter den Laserstrahlen waberten vier gelbe Plasmawolken; und direkt hinter ihnen zuckten die roten Linien eines Dutzends Spearhawk-Raketen auf. Lleshi wurde in den Sitz gedrückt, als die Triebwerke der Komi­tadji brüllend zum Leben erwachten und das Schiff vom Mittelpunkt der Pyramide entfernten. Die empyrealen Schiffe nahmen die Verfolgung auf, und die Spearhawk-Raketen änderten ebenfalls ihre Vektoren, um sich dem neuen Kurs anzupassen. Die Computer der Komitadji refokussierten die Laser, und es waberten neue Plasmawolken …

Und in der nächsten Sekunde, fast synchron und mindestens dreißig Kilometer von ihren Zielen entfernt, explodierten alle zwölf Spearhawks.

»Vorzeitige Detonation aller Raketen«, meldete Campbell. »Plasma und Laser zeigen keine erkennbare Wirkung; Katapult-Schiffe verfolgen uns noch immer. Die zweiten Spearhawks sind draußen.«

»Abruf der Impulsdaten abgeschlossen«, rief der Kommunikationsoffizier, als ein weiteres Dutzend Spearhawks auf der taktischen Anzeige erschienen und in einem Bogen auf die Verteidiger zuliefen. »Kopie in den Kokon geladen.«

Hinter den vier bekämpften Katapult-Schiffen waren inzwischen acht ähnliche Raumschiffe auf der taktischen Anzeige erschienen – sie hatten sich aus der Deckung verschiedener Asteroiden gelöst. Reserveeinheiten, die sich auch gerade zur Katapult-Konfiguration formierten. »Start des Kokons auf meinen Befehl«, sagte Lleshi und beobachtete mit konzentriert gerunzelter Stirn, wie die zweite Gruppe von Spearhawks sich ihren Zielen näherte. Weil die Empyreaner die Detonationscodes bereits errechnet hatten, mussten diese Ladungen wesentlich näher an der Komitadji hochgehen als die vorherigen …

Und in zwölf simultanen Blitzen gingen sie hoch … Und hüllten die Komitadji in Licht und Feuer und eine sich ausdehnende Trümmerwolke, in der sie für einen Moment vor den Blicken des Feindes verborgen war. »Kokon: Start!«, rief er.

Es ging nicht der geringste Ruck durch die Komitadji – dafür war sie viel zu groß –, doch Lleshi glaubte den dumpfen Schlag der Sprengfedern zu spüren, als ihre Fracht aus der Ladebucht Nummer Sechs hinausgeschleudert wurde. »Die dritten Spearhawks sind draußen«, rief Campbell.

»Harpys abfeuern«, befahl Lleshi. »Zufallsmuster minus eins.«

»Verstanden. Die ersten Harpys sind draußen.«

Auf der taktischen Anzeige wurden die zwölf Spearhawk-Bahnen plötzlich um fünfzig weitere ergänzt, die wie die zeitrafferartige Blüte einer exotischen Pflanze von der Komitadji ausgingen. Der winzige Punkt, der sich quälend langsam von der Steuerbord­seite der Komitadji entfernte, ging in diesem Feuerzauber förmlich unter. »Hart Backbord«, befahl Lleshi. »Den Katapult-Fokus vom Kokon weg richten.«

Er wurde seitlich in den Sitz gepresst, als der Steuermann das Manöver ausführte. Weil das Plasma und die Raketentrümmer ihnen die Sicht nahmen, dauerte es ein paar Sekunden, bis die empyrealen Schiffe das Manöver bemerkten und es nachvollzogen; und in diesem Moment explodierten die ersten Harpy-Raketen. »Sie haben den Code der Harpys geknackt«, meldete Campbell. »Die zweiten Harpys sind bereit.«

»Der Fokus bildet sich heraus«, rief der Steuermann. »Noch fünf Sekunden.«

»Mit den zweiten Harpys noch warten«, befahl Lleshi. Falls Kosta und der Kokon noch nicht in Sicherheit waren, wäre der Einsatz eines zweiten Fächers teurer Raketen für etwas, das kaum mehr als ein eindrucksvolles Feuerwerk war, eine sinnlose Verschwendung gewesen. »Bereitmachen für Katapult.«

Und mit dem üblichen Knistern der Hülle verschwand das Universum.

Automatisch zählte Lleshi die Sekunden; doch er hatte kaum damit angefangen, als die Sterne auch schon wieder erschienen. Die Sterne – und eine trübe rote Sonne, die von der Seite kaum zu sehen war.

Er stieß leise die Luft aus. Das war der letzte Spielzug in dieser Phase der Operation, und er war ebenfalls erfolgreich gewesen. »Alle Mann auf Gefechtsstation«, befahl er. »Position bestimmen und nach dem Kokon suchen.«

»Unsere Position ist bereits berechnet, Kommodore«, sagte der Navigator zackig. »Wir sind fünfundfünfzig Komma sieben Lichtjahre vom Lorelei-System entfernt und stehen hundertdreißig Millionen Kilometer vor der örtlichen Sonne. Ich gebe Ihnen gleich noch ein Orbit-Profil.«

»Keine Spur vom Kokon innerhalb des inneren Scanbereichs«, fügte der Ortungschef hinzu. »Ich gehe jetzt in den mittleren Bereich, aber auch hier ist rein gar nichts zu sehen.«

»Gut. Versetzen Sie uns in leichte Rotation und sagen Sie der Technik, dass sie das Kick-Pod-Katapult montieren soll.«

Die Gewichtswarnung trällerte durch das Kommandodeck; und als das gewaltige Schiff sich fast unmerklich zu drehen begann, wandte Lleshi sich um und warf einen Blick auf Telthorst. »Sehen Sie jetzt, wieso unsere Befürchtungen nicht allzu groß waren, die Komitadji aufs Spiel zu setzen?«

Der Adjutor sah ihn mit festem Blick an. »Noch zweihundert Millionen Kilometer weiter, und Sie würden nicht mehr so große Töne spucken«, sagte er pointiert. »Dann wäre unser Vektor nämlich direkt durch diesen Stern verlaufen, und wir alle wären jetzt ›toter als tot‹.«

»Stimmt«, sagte Lleshi und nickte. »Deshalb hat es wohl auch so lange gedauert, bis die Empyreaner uns loswurden. Punkt­genaue Laserpräzision als i-Tüpfelchen auf einer schnellen Feld-Rekonfiguration.«

Telthorst warf einen Blick auf den trüben Stern auf dem Bildschirm. »Ich glaube, sie wollen uns damit beeindrucken.«

Lleshi zuckte die Achseln. »Ich bin beeindruckt. Sie etwa nicht?«

Der Adjutor sah ihn wieder an und verzog verächtlich den Mund. »Beeindruckt, Kommodore? Beeindruckt von einem Volk, das so weich geworden ist, dass es nicht einmal zur Selbstverteidigung tötet? Sie sind wirklich leicht zu beeindrucken.«

»Wirklich?«, erwiderte Lleshi und verspürte schon wieder einen Anflug dieses unprofessionellen Ärgers. »Diese Empyreaner haben ihr Leben riskiert, Adjutor – daran besteht kein Zweifel. Wenn diese Spearhawks sie getroffen hätten, wären sie dabei umgekommen. Mit oder ohne diese fortschrittlichen Sandwichmetall-Hüllen. Nach meiner Erfahrung bringen Weicheier selten einen solchen Mut auf.«

Telthorsts Gesichtsausdruck änderte sich nicht … Doch Lleshi spürte, dass die Atmosphäre sich abrupt abkühlte. »Bewunderung für einen Gegner gilt als ein nützlicher Charakterzug bei Diplomaten«, sagte der Adjutor leise. »Das gilt allerdings nicht für Soldaten. Bedenken Sie, Kommodore, dass sie es hier nicht mit Menschen zu tun haben. Wir haben es mit Menschen unter der Kontrolle von Aliens zu tun. Das ist ein wesentlicher Unterschied.«

»Ich weiß auch, mit wem wir es hier zu tun haben«, sagte Lleshi und bemühte sich, nicht die Beherrschung zu verlieren. »Aber aus diesem Grund sind wir schließlich hier, oder? Um unsere Mitmenschen vor diesen Engeln der Finsternis zu retten?«

Die Linien um Telthorsts Mund vertieften sich. »Machen Sie sich nicht über mich lustig, Kommodore«, sagte er warnend. »Es mag sein, dass ich mit meiner Bewunderung für ihre Soldaten zurückhaltender bin als Sie. Aber ich war auch nicht derjenige, der einen Amoklauf mit einer ganzen Staffel Raumjäger und abschussbereiten Hellfire-Raketen gestartet hat.«

Lleshi schluckte einen Fluch runter. Er hatte gehofft, dass Telthorst bei der ganzen Aufregung die Sache mit der Beta-Simulation vergessen hätte. Aber er hatte sie nicht nur nicht vergessen, sondern er hatte sich offensichtlich sogar die Zeit genommen, diesen Teil des Manövers zu beobachten. »Meine Befehle lauten, die Empyreaner zu unterwerfen und sie unter den Schirm der Pax zu bringen«, sagte Lleshi steif. »Da erwarte ich von meiner Besatzung, dass sie auf jede Lage vorbereitet ist, die im Rahmen der Ausführung der Befehle vielleicht entsteht.«

»Ihre Umsicht ist sehr löblich«, sagte Telthorst. »Vergessen Sie nur nicht, dass die Losung ›unterwerfen‹ lautet. Nicht ›vernichten‹ – ›unterwerfen‹.«

»Verstanden«, sagte Lleshi knurrend. Nein, die Losung lautete selbstverständlich nicht »vernichten«. Einem Adjutor brach nämlich schon der kalte Schweiß aus, wenn man bloß andeutete, dass etwas mit Geldwert oder auch nur mit dem Potenzial zum Geldmachen beschädigt würde. »Ich möchte Sie meinerseits daran erinnern, dass dies der eigentliche Grund war, weshalb wir die Finte mit Kosta den anderen Szenarien vorgezogen haben, die die Spezialeinheiten vorgeschlagen hatten. Wenn er nicht erwischt wird, wird er uns vielleicht mit wertvollen Informationen über die Engel versorgen.«

Telthorst schnaubte. »Natürlich wird man ihn erwischen. Ist das nicht Sinn und Zweck einer Finte? Erwischt zu werden?«

Lleshi nickte zögerlich und verspürte zugleich einen Anflug von Unbehagen. Gefährliche Situationen waren gewiss nicht neu für ihn, und er hatte auch schon genügend Männer in Einsätze geschickt, bei denen es sich im Grunde um Himmelfahrtskommandos gehandelt hatte. Aber das waren auch Militärs gewesen, die wussten, worauf sie sich einließen und die zudem eine größtmögliche Überlebenschance gehabt hatten. Und kein Zivilist mit einer knapp achtwöchigen Ausbildung.

Und schon gar kein Zivilist, dem man bezüglich des Auftrags, den er hier erfüllen sollte, die Hucke voll gelogen hatte. »Vielleicht hat er ja doch Glück«, sagte er.

Telthorst sah ihn für einen Moment nachdenklich an. »Vielleicht. Ich hätte gern eine Kopie dieses Lorelei-Datenimpulses.«

Lleshi stellte Blickkontakt mit Campbell her und nickte. Wortlos ging der andere zu Telthorst hinüber und überreichte ihm einen Datenzylinder. »Vielen Dank«, sagte der Adjutor und erhob sich. »Falls Sie mich brauchen, Kommodore, ich bin in meiner Kabine.«

Er ging zum Aufzug der Brücke und hielt dort noch einmal inne. »Übrigens – Sie sollten vielleicht eine vollständige Untersuchung dieses Systems vornehmen«, fügte er über die Schulter hinzu. »Solange wir hier noch ein funktionierendes Katapult haben, könnten wir uns genauso gut vergewissern, ob es hier etwas gibt, das eine Rückkehr lohnt.«

»Vielen Dank«, sagte Lleshi. »Aber ich kenne die stehenden Befehle auch.«

»Gut.« Einen Moment lang ließ Telthorst den Blick gemächlich über die Galerie schweifen, als ob er sie alle daran erinnern wollte, wer bei dieser Operation letztlich das Sagen hatte. Dann verschwand er ohne ein weiteres Wort durch den Aufzugsschacht zum unteren Kommandodeck und verließ die Brücke.

Bastarde, rief Lleshi ihm lautlos hinterher. Eiskalte Bastarde, jeder Einzelne von ihnen. Dann widmete er sich wieder seiner Konsole und rief einen technischen Statusbericht auf. Die Arbeit am Kick-Pod-Katapult war bereits im Gange und würde voraussichtlich in fünf Tagen abgeschlossen sein.

Und dann würden sie auch eine Nachricht an Pax senden können, dass Kosta erfolgreich abgesetzt worden war. Und die Empyreaner würden langsam, aber unaufhaltsam ihrer Niederlage entgegengehen.

»Sagen Sie der Technik, dass sie Dreier-Schichten für den Bau des Hauptkatapults fahren sollen, sobald das Kick-Pod weg ist«, befahl er dem Kommunikationsoffizier. »Ich möchte, dass es in vier Monaten fertig ist.«

»Jawohl, Sir.«

Mit einer Grimasse rief Lleshi eine Kopie des Lorelei-Datenimpulses auf. Vier Monate lang hier draußen festzusitzen und nur bruchstückhaft über die Lage seines Kampfverbands informiert zu werden, würde seine Geduld auf eine harte Probe stellen. Doch für den Moment verfügte er zumindest über Informationen, die sonst niemand von den Pax hatte. Und dann hatte er noch einmal fünf Tage, um zu entscheiden, wie viele von diesen Informationen mit dem Kick-Pod abgeschickt werden würden.

Er machte es sich in der langsam wieder einsetzenden Schwerkraft des Schiffs in seinem Sitz bequem und begann zu lesen.

Der Timer klingelte leise, und Kosta sah von seiner Lektüre auf. Die zwölf Stunden, auf die Lleshi bestanden hatte, waren nun um, und ein aufmerksamer Blick auf die Monitore zeigte, dass keine empyrealen Schiffe sich innerhalb des inneren Scanbereichs befanden.

Zeit zum Aufbruch.

Er klappte die an Scharnieren befestigte Abdeckung der Steuer­elemente auf, drehte sich um und drückte einen Knopf; und mit einem lauten Stakkato von Sprengfedern wurde er in den Sitz gepresst. Sein kleines Schiff wurde durch einen Tunnel geschleudert, der sich wie von Zauberhand in der marmorierten Oberfläche des Kokons auftat. Er hielt den Atem an und wartete angespannt auf den unvermeidlichen feindlichen Raumjäger, der ihm ohne Zweifel hinter einem Asteroiden aufgelauert haben musste.

Aber nichts dergleichen. Nichts geschah, während das kleine Schiff sich orientierte; nichts geschah, als es den vorprogrammierten Flug ins Innere des Systems zur empyrealen Welt Lorelei startete; und es geschah auch nichts, als Kosta erleichtert auf­atmete und sich wieder zu entspannen wagte. Der Schachzug war geglückt, und er war unterwegs. Nahm Kurs auf Lorelei, wo er Kontakt mit einem kleinen automatisierten Spionagesystem aufnehmen würde, das die Pax dort heimlich stationiert hatten, bevor ihre letzten Gespräche mit den empyrealen Führern vor ein paar Monaten abgebrochen waren.

Und dann ging es weiter nach Seraph. Nach Seraph – und nach Angelmass.

Kosta bekam ein flaues Gefühl im Magen, als er aus dem Bullauge auf die entfernte Sichel von Lorelei blickte. Ich werde es schaffen, hatte er Lleshi zuversichtlich gesagt. Doch wo er nun weit von den hellen Lichtern und den kompetenten Männern und Frauen der Komitadji entfernt war, hallten die Worte wie eine leere Phrase in seinem Bewusstsein nach. Er war nun allein, auf feindlichem Territorium, und er stand einem Feind gegenüber, der inzwischen wahrscheinlich mehr Ähnlichkeit mit Aliens als mit Menschen hatte.

Eine kleine Himmelfahrt: Das waren Lleshis letzte Worte. Es war bei Kostas Ausbildung so etwas wie ein Running Gag ge­wesen: der Umstand, dass die abtrünnigen Kolonisten, die vor hundertachtzig Jahren das Empyreanum gegründet hatten, eine so alte Bezeichnung für die großen Weiten des Himmels gewählt hatten.

Es stellte sich nur die Frage, ob dieser Name wirklich rein zufällig gewählt worden war. Oder war es ein Indiz für den subtilen Einfluss, den die Engel schon damals auf das Bewusstsein der Menschen ausgeübt hatten?

Fragen über Fragen, die sich um diese Mission rankten. Fragen, auf die es noch keine Antworten gab. Fragen, auf die er, Kosta, Antworten finden sollte. Überwältigende, tiefschürfende, schier unmögliche Fragen …

Und dann, als dieser Problemkomplex wieder mit voller Wucht über ihn hereinzubrechen drohte, tauchte das Bild von Telthorsts Gesicht vor seinem geistigen Auge auf. Dieses Gesicht – und die ganze Verachtung, die daraus gesprochen hatte …

»Egal«, sagte er laut bei dieser Erinnerung. Der Klang der Worte wurde durch die Monitore, die sich bogenförmig um ihn herumzogen, seltsam verzerrt. Wenn Telthorst erwartete, dass Kosta auf die Nase fallen würde, nur um die vorgefasste Meinung des Adjutors zu bestätigen, dann konnte er es vergessen.

Das Selbstgespräch half ein wenig. Ein blinkendes Licht auf der Konsole erinnerte ihn daran, dass der Fluchttunnel des Kokons noch immer offen war; er gab die entsprechenden Befehle und sah, wie der falsche Asteroid sich wieder schloss und reglos verharrte. Für einen Moment hoffte er, dass reglos genau das bedeutete, was es besagte, und verdrängte diesen Gedanken wieder. Die Planer dieser Mission hatten sicherlich bedacht, dass, wenn die Empyreaner auf ein als Asteroid getarntes Schiff stießen, sie förmlich mit der Nase darauf gestoßen wurden, dass die Pax einen Spion eingeschleust hatten.

Und wo das nun erledigt war, war das Schiff wieder auf Automatik und würde auch in diesem Modus bleiben, bis sie Lorelei erreichten. Er programmierte einen der Monitore so, dass er ständig einen Statusbericht für seinen Kurs anzeigte. Das Datenpaket, das Lleshi an ihn übermittelt hatte, war viel umfangreicher, als er erwartet hatte; und er würde sich beeilen müssen, um es in den fünf Tagen durchzuarbeiten, die ihm bis zur Landung auf dem Planeten noch blieben.

Aber er würde es schaffen. Und wenn auch nur aus dem Grund, um Telthorst zu beweisen, dass er es schaffen konnte!

Der Kokon blieb noch für weitere sechs Stunden inaktiv, bis es auch theoretisch ein Ding der Unmöglichkeit war, eine Status­änderung bei Kostas Schiff festzustellen. Sechs Stunden sinnlos vergeudeter Zeit; aber das große Netzwerk aus Computern, Sensoren und Fabrikatoren, die tief im Fels verborgen waren, war geduldig. Für die Konstrukteure hatte es absoluten Vorrang gehabt, Kosta in dem Glauben zu lassen, dass er nichts als eine leere Hülle zurücklassen würde.

Still und heimlich aktivierte sich das Netzwerk und sondierte dann die Umgebung. Auch ohne dass sie von einem Inertial­speicher gesteuert wurden, hätten die Sensoren keine Probleme, das Zentrum der Netzfelder ausfindig zu machen, die die Komi­tadji eingefangen hatten. Der Schwarm empyrealer Schiffe, die in der Gegend umherschwirrten, bot den Sensoren schon genügend Anhaltspunkte.

Still und heimlich streckten die Sensoren ihre virtuellen Fühler aus. Es würde Zeit brauchen – viel Zeit –, das programmierte Ziel zu erreichen.

Aber das Netzwerk war geduldig.

2

»Bitte um Ihre Aufmerksamkeit«, ertönte die ruhige und kultivierte Stimme aus der Softspeaker-Anlage des Raumhafens. »Das zwölfte und letzte Shuttle für den Raum-Liner Xirrus ist soeben an Flugsteig 16 eingetroffen. Alle noch wartenden Passagiere möchten bitte zum Check-in-Schalter kommen, um den Flug zu bestätigen und an Bord zu gehen. Ich wiederhole: Bitte um Ihre Aufmerksamkeit …«

Das Mädchen, das am hinteren Ende der Wartelounge saß und zur Hälfte von einer großen dekorativen Vase verborgen wurde, drückte sich noch etwas tiefer in den Konturensitz, in dem sie sowieso schon förmlich versank. Sie beobachtete, wie die letzte Gruppe von Passagieren ihre Sachen an sich nahm und zur Schlange am Check-in-Schalter hinüberging. Vorsichtig schob sie sich das frisch blondierte Haar aus dem Gesicht und hatte wieder den vertrauten Kloß im Hals. In einer Minute würde sie aufstehen und sich ihnen anschließen müssen. Und wenn Trilling Vail sie ebenfalls aus einem Versteck heraus beobachtete …

Sie holte tief Luft, und der Magen verkrampfte sich dermaßen, dass Magensäure in der Speiseröhre emporstieg. Es war das gleiche Gefühl, das sie immer überkam, wenn sie eine Verfolgung aufnahm und plötzlich den Eindruck hatte, dass die Zielperson auf sie aufmerksam geworden war. Dann steckte sie in einer Zwickmühle: Sollte sie weitermachen und hoffen, dass ihre Befürchtungen unbegründet waren, oder sollte sie die Verfolgung abbrechen, die ganze Vorbereitungszeit abschreiben und nach einem Opfer suchen, das sich leichter von seinem überschüssigen Geld trennen würde.

Oder sollte sie sich überhaupt von dieser ganzen verrückten Idee verabschieden? Sie wusste, dass es dafür noch nicht zu spät war. Ja, sie konnte noch immer aufstehen, den Raumhafen verlassen und versuchen, irgendwo auf Uhuru unterzutauchen, anstatt zu einer völlig unbekannten Welt aufzubrechen.

Nur, dass sie das doch nicht tun konnte. Trilling hatte Freunde überall auf Uhuru. Früher oder später würde man sie erwischen. Und auf Lorelei … Zumindest hätte sie dann einen Vorsprung.

Vielleicht. Sie griff in die Tasche, und mit dem gleichen Kribbeln in den Fingerspitzen, das sie immer bei der Handhabung von Wirtschaftsgütern verspürte, deren Aneignung sie Blut und Schweiß gekostet hatte, zog sie das wertvolle Stück aus relief­artigem Kunststoff heraus. Chandris Lalasha, so lautete der Name am oberen Rand, und wahrscheinlich zum hundertsten Mal wünschte sie sich, dass sie die Zeit und das Geld gehabt hätte, um sich einen neuen Ausweis anfertigen zu lassen. Sie hatte den Nachnamen Lalasha nicht mehr verwendet, seit sie dreizehn war – ein Jahr, bevor sie Trilling kennengelernt hatte und bei ihm eingezogen war. Falls er aber auf der Passagierliste der Raumfluglinie nachsah, würde Chandris ihm sofort ins Auge fallen.

Sie schnaubte innerlich. Falls er dort nachsah, zum Teufel. Wenn er dort nachsah. Trilling hatte schließlich ihr beigebracht, auch in noch so gut abgesicherte Computersysteme einzudringen. Ihre einzige Chance war, dass er sie nicht für so verrückt hielt, so etwas zu tun, oder dass er zumindest nicht glaubte, sie würde so schnell genug Geld für ein Raumschiffticket zusammenbekommen.

Aber wer wusste schon, wie Trilling dieser Tage tickte.

Unbewusst verstärkte Chandris den Griff um die Plastikkarte. Sie hatte gehört, wie er sich einmal damit gebrüstet hatte, jemanden nur mit einem Raumflugticket umgebracht zu haben. Sie fragte sich, ob an der Geschichte wirklich etwas dran war.

Die Schlange wurde immer kürzer. Die Passagiere zeigten ihre Tickets dem Lese-Display und dem Steward vor und verschwanden dann im Zugangstunnel. Chandris leckte sich die Lippen und zuckte beim ungewohnten herbsüßen Geschmack des teuren Lippenstifts zusammen. Dann stand sie auf. Ihr rauschte das Blut in den Ohren, als sie durch die Lounge ging und sich hinten anstellte. Da stand sie nun; und es war Trillings letzte Chance, sie aufzuhalten. Sie hatte geschlagene vier Stunden in dieser Ecke gesessen und jeden einzelnen Passagier abgecheckt, der in den Tunnel ging, um sich zu vergewissern, dass Trilling nicht auch an Bord gegangen war. Wenn er nicht dieses letzte Shuttle genommen hatte, wäre sie in Sicherheit. Zumindest fürs Erste.

Sie erreichte das Lesegerät und den Angestellten der Raumfluglinie, der daneben stand. »Hallo«, begrüßte der Mann sie. Für einen Moment wanderte sein Blick an ihr herunter und regis­trierte ihr platinblondes Haar, den noch grelleren Lippenstift und den wahrscheinlich missglückten Versuch, sich wie eine Angehö­rige der Oberklasse zu kleiden.

Und als er wieder aufsah, spürte sie förmlich seine stille Belustigung. »Und Sie sind …?«

»Chandris Lalasha«, sagte sie knurrend, rammte ihm beinahe ihr Ticket ins Gesicht und fuchtelte dann damit vor dem Lese­gerät herum.

»Wir freuen uns, Sie an Bord begrüßen zu dürfen, Miss Lalasha«, sagte er lächelnd. »Reisen Sie zum College?«

»Richtig«, sagte Chandris kurz angebunden. »Auf Lorelei.« Das Lesegerät akzeptierte mit einem Piepton ihr Ticket, und sie steckte die Plastikkarte wieder in der Tasche.

Der Angestellte schüttelte den Kopf und lächelte dabei. »Dachte ich mir. Ich staune immer wieder darüber, was für fantasievolle Reise-Outfits ihr College-Girls kreiert. Ich wünsche einen guten Flug.«

»Danke«, murmelte Chandris und betrat den Zugangstunnel, wobei sie hoffte, dass ihre plötzlich glühenden Wangen nicht auffielen. Sie hatte es schon wieder getan, verdammt – sich über eine Beleidigung aufgeregt, die gar keine war. Die gleiche Zickigkeit, wegen der sie schon nicht aus dem Barrio herausgekommen war und keinen Zutritt zu den Oberklasse-Vierteln in New Mexico City erhalten hatte, wo die ganzen Karriereleitern standen. Zumindest hatte Trilling ihr das immer gesagt …

Ihre Nackenmuskeln verspannten sich, und sie wurde plötzlich aus ihren Gedanken gerissen und in die Wirklichkeit zurückgeholt. Sie drehte sich hektisch um und rechnete schon fast damit, dass Trilling hinter ihr herging – dass seine leuchtenden Augen glühten und er sie mit seinen vernarbten Lippen wie ein tollwütiges Tier angrinste.

Aber es waren nur noch ein paar verspätete Passagiere zu sehen, und vom Check-in-Schalter um die Ecke waren auch keine verdächtigen Geräusche zu hören.

Sie drehte sich um, atmete durch und ging weiter. Am Ende des Tunnels wartete das Shuttle, eine Art übergroßes Flugzeug mit vielen Reihen Konturensitzen. Sie suchte sich einen Platz aus, von dem sie einen freien Blick auf die Tür hatte, ließ sich vom automatischen Sicherheitsgurt anschnallen und wartete. Trillings absolut letzte Chance …

Fünf Minuten später wurde die Tür mit einem dumpfen Knall zugeschlagen … Und als das Shuttle vom Terminal wegrollte, überkam sie zum ersten Mal seit mehreren Stunden ein Gefühl der Entspannung. Zum ersten Mal seit Monaten. Endlich – endlich – durfte sie hoffen, dass sie sich von Trilling Vail befreit hatte.

Aber das hatte sie auch etwas gekostet: Sie hatte das einzige Heim verlassen, das sie je gekannt hatte.

Der Flug zum Raumschiff dauerte ungefähr eine Stunde. Eine Stunde, die für Chandris geradezu zauberhaft war.

Sie war zwar schon einmal mit einem Verkehrsflugzeug geflogen, nur hatte sie seinerzeit zu sehr darauf geachtet, sich unauffällig zu verhalten, um den Flug auch zu genießen. Nun war es anders. Die weißen Schleierwolken vor dem Shuttle, die in Nichts zerfaserten, die Gebäude und Hügel und Wälder unter ihnen, das Gefühl des Flugs selbst – sie sog alles ein und presste das Gesicht gegen das kalte Kunststofffenster, um auch ja nichts zu verpassen. Der Boden fiel unter ihr zurück, die höchsten Wolken erfüllten fast den gesamten Himmel, und dann sah sie, wie der tiefblaue Himmel über ihnen einer unendlichen Schwärze wich. Das gedämpfte Brüllen der Triebwerke schwächte sich zu einem heiseren Flüstern ab, und sie wurde sachte in die Gurte gedrückt.

Sie verbrachte die nächsten Minuten, mit geballten Fäusten und zusammengebissenen Zähnen dazusitzen, und sie kämpfte gegen eine extreme Übelkeit und das schreckliche Gefühl an, dass sie mitsamt dem Shuttle wieder zum Boden zurückfiel. Und dann entspannten Magen und Gehirn sich plötzlich wieder, und sie vermochte sich wieder auf die Aussicht vor dem Fenster zu konzentrieren. Über ihr waren Sterne am schwarzen Himmel zu sehen, und die Sonne stand auch noch am Rand ihres Blickfelds. Sie staunte für eine Weile über diesen völlig neuen Anblick und richtete die Aufmerksamkeit abwechselnd auf die Sonne und die Sterne.

Und dann erhaschte sie einen ersten Blick auf die Xirrus, die in überhöhter Position vor den Sternen und der Sonne stand.

Auf den ersten Blick wirkte sie eher unscheinbar und glich einem Spielzeug oder Raumschiffmodell, dessen schemenhafte Form von Ketten aus kleinen Lichtern akzentuiert wurde. Je näher das Shuttle kam, desto größer wurde jedoch das Gebilde, und schließlich dämmerte es ihr, dass die Bezeichnung »fliegende Stadt« für ein solches Schiff doch nicht so weit hergeholt war, wie sie immer geglaubt hatte.

Sie drückte die Nase gegen das kalte Fenster und lächelte innerlich. Wenn sie etwas im Barrio gelernt hatte, dann das, wie man in einer Stadt überlebte.

Sie erreichten die Xirrus ein paar Minuten später, begleitet von einem lauten Scheppern und der plötzlich wieder einsetzenden Schwerkraft. Chandris schloss sich den anderen Passagieren an, erklomm eine steile Klapptreppe durch das Dach des Shuttles und betrat einen riesigen Raum, auf dessen eine Wand eine große Risszeichnung der Xirrus projiziert wurde. Auf ihrem Ticket war die Kabinennummer vermerkt; sie warf einen Blick auf die Risszeichnung, um die Kabine ausfindig zu machen und ging dann zum Heck des Schiffs.

Ihre »Stubenkameradinnen« waren auch schon da, als sie eintraf: Sie waren zu dritt, Angehörige der Mittelklasse, und sie unterhielten sich über das College und andere Mittelklasse-Themen, während sie ihre Kleidung in den Spinden verstauten und sich ein Bild von ihrer Unterkunft machten. Wortlos ging Chan­dris durch das Gewusel zur vierten Koje, auf der ihr kleiner Koffer bereits abgelegt worden war; und die Unterhaltung geriet etwas ins Stocken, als die anderen sie einer Musterung unterzogen. Durch ihren Anblick brach die Unterhaltung dann vollends ab. »Schönes Reise-Outfit«, merkte jemand hinter ihr an, und der trockene Ton animierte die anderen zu einem mühsam unterdrückten Kichern. »Hast du das selbst entworfen?«

Chandris drehte sich um und sah ihr direkt in die Augen. »Klar«, sagte sie ungerührt. »Das musste ich auch. Ist doch eine der Voraussetzungen.«

Die andere schien konsterniert. »Voraussetzungen wofür?«, fragte sie.

»Auf welche Schule gehst du denn?«, entgegnete Chandris.

»Äh … die Ahanne-Universität auf Lorelei«, sagte die andere und sah noch verwirrter drein.

Chandris zuckte die Achseln. »Na also, dann weißt du ja Bescheid.«

Sie widmete sich wieder dem Auspacken ihres Koffers und registrierte aus dem Augenwinkel die stumme Verwirrung der anderen. Zugleich korrigierte sie ihre Klasseneinstufung etwas nach unten. Wirkliche Mittelklasse-Typen – oder zumindest die Mittelklasse-Typen, an deren Fersen sie sich geheftet hatte –, hätten so einen blöden Girlie-Talk gar nicht erst angefangen. Diese Dumpfbacken mussten gerade erst sozial aufgestiegen sein: immerhin clever genug, um die Umgangsformen und Ausdrucksweise der Mittelklasse zu imitieren, doch letztlich zu dumm, um zu wissen, was zum Teufel sie überhaupt machten.

Aber für ihre Zwecke genügten sie vollauf.

»Ach, komm schon, Kail«, brach eine der anderen das Schweigen und stieß ein leises, verächtliches Schnauben aus. Die an­gemessene Reaktion, sagte Chandris sich spöttisch – nur ungefähr ein Jahr zu spät. »Schau dir nur mal ihr Gepäck an, meine Güte. Hat ihr Ticket wohl mit zusammengekratztem Trinkgeld bezahlt.«

Das dritte Mädchen kicherte. »Genau«, sagte sie keck. »Oder mit einer noch persönlicheren Dienstleistung.«

Sie stieß ein trällerndes Pfeifen aus – eine ziemlich gute Imitation der Koberer, die im Barrio manchmal auf Kundenfang gingen –, und alle drei lachten. »Kinder, Kinder«, ermahnte die Erste sie mit gespielt strenger Stimme. »Ich bin mir sicher, dass wir sie völlig falsch einschätzen. Ich möchte wetten, sie ist nur so unglaublich clever, dass es sie nicht einmal kümmert, ob sie wie eine Bordsteinschwalbe angezogen ist oder nicht. Hat wahrscheinlich einen Abschluss in katalytischen Nuklearantrieben oder Politikwissenschaften oder in irgendeinem anderen Orchideenfach.«

Chandris sagte nichts dazu und widerstand der enormen Versuchung, sich umzudrehen und der kleinen Dumpfbacke eins auf die Nuss zu geben. Eins der Mädchen flüsterte noch etwas, womit sie ein kollektives Kichern auslöste, und dann wurde die Unterhaltung dort fortgesetzt, wo sie abgebrochen war. Chandris war stillschweigend davon ausgeschlossen.

Sie blieb noch für eine halbe Stunde in der Kabine und tat so, als ob sie ihre spärliche Garderobe im Spind immer wieder neu sortierte. Dabei ließ sie die schnippischen Bemerkungen über sich ergehen, die zwar nicht direkt an sie gerichtet, aber doch auf sie gemünzt waren … Und als sie dann ging, hatte sie alles, was sie brauchte: jeden Slang-Ausdruck, jede affektierte Geste, jeden schlechten Scherz, jedes Wort, was Klatsch und Tratsch und Schule und Kleider betraf.

Alles, was sie brauchte, um als eine von ihnen durchzugehen.

Für eine Weile streifte sie nur umher und sah sich in den Gemein­schaftsbereichen ihres Abschnitts um – Speiseräume, Lounges, Ruheräume und dergleichen –, um sich einen Eindruck vom Schiff zu verschaffen. Die Korridore selbst waren ziemlich leer, denn die meisten Passagiere saßen in den Lounges und machten sich miteinander bekannt. Der Geruch von Alkohol und andere traditionelle Aromen stiegen ihr in die Nase, und mehr als einmal war sie stark versucht, sich den anderen anzuschließen und die Erkundung bis zum nächsten Morgen zu verschieben. Nicht, dass sie zu wenig Zeit gehabt hätte – als sie das Ticket kaufte, hatte man ihr gesagt, dass die Xirrus sechs oder sieben Tage brauchen würde, um Lorelei zu erreichen.

Aber sie widerstand der Versuchung. Lange Erfahrung hatte sie gelehrt, dass Trubel und Hektik die beste Deckung für Streifzüge war; und an dem Tag, an dem gleich zwölf Shuttles neue Pas­sagiere ausspien, würde wahrscheinlich ein ebensolches Chaos herrschen wie im Moment hier oben.

Zumal sie, wenn sie jetzt nicht aktiv wurde und umdisponierte, noch mindestens eine Nacht mit diesen dumpfbackigen Snobs in ihrer Kabine verbringen müsste.

Aus der unterschiedlichen Größe der Räume und Kabinen, die in der großen Risszeichnung abgebildet waren, ging hervor, dass die Oberklasse-Abschnitte sich im vorderen Bereich des Schiffs befanden. Gleich dahinter hatte sich ein schmaler freier Bereich angeschlossen, dahinter die Mittelklasse-Kabinen, ein weiterer freier Bereich, und schließlich kam Chandris zum »Holzklasse«-Abschnitt. Ein weiterer freier Bereich erstreckte sich durch das Zentrum des Schiffs: Von ihm zweigten die Leerzonen ab, die die Passagier-Abschnitte voneinander trennten.

Freie Bereiche in Grundrissen und Karten waren fast immer eine Überprüfung wert. Sie verschaffte sich einen schnellen Überblick und ging dann zur nächsten Leerzone, um sie in Augenschein zu nehmen.

Sie war erstaunlich gut verborgen. Es gab keine markanten Absperrungen oder Warnungen in roten Lettern, die auf einen verbotenen Bereich hinwiesen; nichts außer sanft gekrümmten Korridoren, die den Strom der Passagiere kanalisierten, ohne dass diese wussten, was sich hinter den Kulissen verbarg.

Wenn Chandris den Grundriss nicht gesehen hätte, dann hätte sie vielleicht zehn Minuten gebraucht, um dort hineinzugelangen. Mit dem Grundriss brauchte sie gerade einmal zwei Minuten. Übung machte eben den Meister.

Eigentlich hatte sie erwartet, dass es sich entweder um einen Abschnitt der Mannschaftsquartiere oder um einen Teil der Betriebsbereiche der Xirrus handelte. Tatsächlich handelte es sich aber um eine Kombination aus beiden: ein großer Raum, der mit Maschinen, Rohrleitungen und Kabelsträngen angefüllt war und von dem zwei kurze, von Türen durchbrochene Korridore abgingen. Sie sah, dass eine Handvoll Männer und Frauen im Raum verstreut waren. Sie bewegten sich zwischen den Maschinen und saßen an den Konsolen, wobei ihre Gespräche von einem dumpfen Summen überlagert wurden, das aus allen Ecken gleichzeitig zu dringen schien.

Für einen Moment beobachtete Chandris die Aktivitäten und schätzte ihre Chancen ab, sich an ihnen vorbeizuschleichen. Falls es ihr gelang, würde ihr das einen Weg zu den Mittel- und Oberklasse-Abschnitten eröffnen, ohne dass sie die dafür vorgesehenen Verbindungsgänge benutzen musste. Das war sicherlich hilfreich, zumal die Durchgänge wahrscheinlich darauf ausgelegt waren, »Nobodies« wie sie im hinteren Bereich des Schiffs zu konzentrieren, wo sie hingehörten.

Aber einen Versuch war es jedenfalls wert. Sie ging los, wobei sie sich dicht an der Wand entlang bewegte und versuchte, alle Anwesenden im Blick zu behalten.

»Sie da – Miss?«

Chandris’ Herz schlug ihr bis zum Hals, aber sie drehte sich mit einem ganz unschuldigen Gesichtsausdruck zu dem Mann um, der ihr entgegenkam. Sie schätzte sein Alter auf ungefähr vierzig; er hatte ein offenes, argloses Gesicht. »Ja?«, sagte sie.

»Verzeihung, Miss, aber Passagiere haben hier keinen Zutritt«, sagte er. »Dieser Teil des Schiffs ist nur den Besatzungsmitgliedern vorbehalten.«

»Oh«, sagte Chandris und setzte eine leicht betrübte Miene auf. Er war nicht die Sorte Mann, der auf sexuelle Avancen eingehen würde, sagte sie sich – jedenfalls nicht von einem sechzehnjährigen Mädchen. Aber vielleicht würde die richtig dosierte Mischung aus unschuldigem Schulmädchen und fleißiger Schülerin bei ihm ziehen. »Es tut mir leid«, sagte sie, wobei sie Gesichtsausdruck und Tonfall mit ihrer neu erworbenen Rolle als Mittelklasse-Collegestudentin in Einklang brachte. »Ich dachte nur … Sehen Sie, ich werde katalytische Nuklearantriebe am College studieren und …« Sie deutete mit einer ausladenden Geste und einem schuldbewussten Achselzucken in den Raum. »… Nun, ich wollte nur einmal sehen, wie es hier drin aussieht.«

Bingo. Seine Augen weiteten sich gerade so, dass man es noch bemerkte, und als er dann etwas sagte, schwang Bewunderung in seiner Stimme mit. »Das ist doch nicht Ihr Ernst. Wirklich? Auf welches College wollen Sie denn?«

»Die Ahanne-Universität auf Lorelei«, sagte sie ihm und betrachtete dabei aufmerksam sein Gesicht. Er schien die Stirn runzeln zu wollen … »Jedenfalls für den Anfang«, fügte sie hinzu, bevor er noch etwas zu sagen vermochte. »Ich hoffe, dass ich nach ein paar Semestern an eine andere Uni wechseln kann.«

»Das hoffe ich auch«, sagte er mit einem leisen Schnauben. »Das Raumfahrttechnik-Programm von Ahanne ist nämlich keinen Pfifferling wert. Sie sollten die letzten zwei Jahre lieber an der Lanslant-Universität oder auf Dar Korrati auf Balmoral verbringen.«

»Ich hatte es schon bei Dar Korrati versucht«, sagte Chandris. »Aber sie sagten, dass sie nur noch Stipendien für Austausch­studenten mit entsprechend hohen Abschlüssen übrig hätten.« Sie sah ihm für eine halbe Sekunde ins Gesicht und ließ dann den Blick sinken und die Schultern leicht hängen. »Es ist wie verhext«, gestand sie.

»Ja«, pflichtete er ihr bei, und sie vermochte die Sympathie in seiner Stimme zu hören. Sie verharrte in dieser Körperhaltung und wartete darauf, dass er im Geiste die Münze warf … »Na schön, ich glaube, für dieses eine Mal geht es in Ordnung. Kommen Sie mit – ich spendiere Ihnen eine kurze Führung.«

Sie stieß ein paar angemessene Dankesworte hervor, hielt dann aber den Mund und überließ ihm das Reden, während er sie durch den Raum führte, ihr dieses und jenes zeigte und eine Menge Zeug redete, das überhaupt keinen Sinn ergab. Aber das ging schon in Ordnung. Jedes Wort, das er sagte, wanderte nämlich in ihre mentale Sammelbüchse für nützliche Informationen, die eines Tages vielleicht wieder hervorgeholt würden.

»… Weil sie aber innerhalb weniger Mikrosekunden zerfallen, müssen wir ständig neue produzieren«, kommentierte er, als sie an einer unbesetzten Konsole vorbeigingen. »Die eigentliche Ausrüstung befindet sich etwas weiter vorne, aber wir haben hier einen Monitor, um sie zu überwachen.« Er deutete auf ein einzelnes Display in ein paar Metern Entfernung.

»Verstehe«, sagte Chandris; aber sie hatte nur Augen für die Konsole direkt neben ihr. Denn auf der Konsole – als ob sie achtlos von jemandem dort abgelegt worden wäre – lag eine flache Platte, die wie ein Tablet-PC aussah. War auf dem Schwarzmarkt vielleicht ein paar Hunderter wert … Sie würde nämlich völlig pleite auf Lorelei eintreffen. »Welche von diesen Kurven ist die tatsächliche Produktionsrate?«, fragte sie ihren Führer und deutete auf den besagten Bildschirm.

»Die blaue Kurve ganz oben ist die Flussrate«, sagte er und zeigte auf die entsprechende Darstellung. »Die rote ist die Teilchen­temperatur, die grüne die Schnittstellen-Übertragung, und diese dicke schwarze Linie bildet das Containment-Profil ab. Und dieses Ding da drüben …«

Er fasste sie in einer brüderlichen Geste am Oberarm und führte sie zu einer anderen riesigen, fremdartigen Maschine. Chandris wurde sich bewusst, dass sie gut daran getan hatte, dem Mann keine sexuellen Avancen zu machen. Wenn er ihr nämlich die Hand auf die Hüfte statt um den Arm gelegt hätte, wäre ihm wohl kaum der harte Gegenstand entgangen, der plötzlich unter dem Hüftgurt ihres Rocks verborgen war.

Insgesamt dauerte die Führung fast zwanzig Minuten. Als sie vorüber war, dankte Chandris dem Ingenieur überschwänglich, ließ sich von ihm durch die Tür zum Dritte-Klasse-Abschnitt geleiten und entbot ihm einen herzlichen und dankbaren Abschieds­gruß.

Zwei Minuten später war sie zurück und schlüpfte durch einen zweiten Eingang, den sie während der Führung auf der anderen Seite des Raums entdeckt hatte. Durch ein langes, dickes Rohr, das er als katalytischen Ausgleichs-Slifter bezeichnet hatte, vor den Blicken der Besatzungsmitglieder geschützt, pirschte sie vorwärts. Vom anderen Ende des Raums ging ein kurzer Gang ab, der von unverschlossenen Türen durchbrochen wurde; sie suchte sich eine aus und ging hinein.

Der Raum war klein und natürlich bis zur Decke mit Geräten angefüllt – wobei es sich diesmal um Rohre und irgendwelche Pumpen handelte. Sie schaltete die trübe Deckenbeleuchtung ein, zog ihr neu erworbenes Spielzeug heraus und setzte sich im Schneidersitz auf den Boden, um es näher in Augenschein zu nehmen.

Es war ein Tablet-PC – das stand schon einmal fest. Und ein teurer dazu, seiner qualitativen Anmutung nach zu urteilen. Sie drehte ihn um …

»Mist«, murmelte sie. In die Unterseite des Gehäuses war das Xirrus-Logo eingeprägt. Also ein Schiffscomputer, der mit dem Zentralrechner der Xirrus gekoppelt war und der nur die Daten und betrieblichen Parameter des Schiffs enthielt. Auf dem Schwarzmarkt würde sie höchstens eine Handvoll Dollar dafür bekommen.

Für einen Moment sah sie finster auf die flache, kleine Platte und wartete, bis der Ärger wieder verraucht war. So viel Geld hätte er nun auch wieder nicht gebracht, und überhaupt hätte es wahrscheinlich eine halbe Ewigkeit gedauert, einen »seriösen« Käufer in einem unbekannten Markt zu finden. Allerdings war das Ding auch nicht völlig wertlos.

Es dauerte eine Minute, bis sie einen Stromanschluss in der Wand gefunden hatte und noch einmal eine Minute, um den Computer mit ihrem Taschen-Multifunktionswerkzeug zu knacken. Das Speicherelement des Computers … Da war es schon. Sie klappte zwei Klingen des Messers aus und den Schrauben­dreher mit Spannungsprüfer. Dann führte sie eine Klinge in die Buchse mit der schwächsten Spannung in der Platte ein und berührte mit der anderen Klinge vorsichtig das Speicherelement des Computers. Ein kleiner, kaum sichtbarer Funke sprühte; vorsichtig setzte sie die Klinge an zwei anderen Stellen des Instruments an und erzielte das gleiche Resultat. Sie überprüfte ihr Werk kurz, zog die Klinge aus der Buchse und klappte das Messer wieder zusammen. Vorausgesetzt, dass sie alles richtig gemacht hatte, hätte der Computer noch immer uneingeschränkten Zugang zum Hauptrechner des Schiffs – nur dass der Zentralrechner nun nicht mehr imstande wäre, den Computer zu identifizieren, mit dem sie arbeitete, und die Dateien zu registrieren, die sie aufrief.

Es war ein Trick, den man erst nach Jahren lernte und für dessen Vorführung sie Trilling oder sonst jemandem normalerweise eine Menge Geld hätte zahlen müssen. Doch eines Tages hatte er nicht aufgepasst und sie kiebitzen lassen.

Sie brachte die untere Abdeckung wieder an und schaltete den Computer ein. Ganz oben auf der Liste der zu erledigenden Arbeiten stand der Abruf der Risszeichnungen der Xirrus – und zwar der authentischen Risszeichnungen, einschließlich aller Mannschafts- und Ausrüstungsbereiche. Sie ging die Zeichnungen durch und prägte sich jede mit einem Blick ein; und als sie damit durch war, hatte sie ein halbes Dutzend Möglichkeiten gefunden, von einem Ende des Schiffs zum anderen zu gelangen, ohne dass jemand auch nur den Hauch einer Chance gehabt hätte, sie zu entdecken.

Auf Platz zwei der Liste stand die Suche nach einem Unterschlupf, vorzugsweise in unmittelbarer Nähe ihrer derzeitigen Kabine und der Zimmergenossinnen. Nachdem sie ein wenig gestöbert hatte, fand sie eine Liste mit Passagierunterkünften und entlockte ihr nach einer kurzen Einsichtnahme die Information, dass es noch sechzehn freie Kabinen auf dem Schiff gab – drei davon Luxuskabinen im Oberklasse-Abschnitt. Gleich daneben befand sich ein Dienstplan unter besonderer Berücksichtigung der Stewards, die im Moment Dienst hatten und der ihnen zugewiesenen Kabinen.

Und dann kam der schwierigste Teil: Sie musste den Hauptrechner dazu überreden, ihr das allgemeine Kennwort für den Zutritt der Stewards zu den Passagierunterkünften zu nennen.

Es dauerte eine Weile; aber die Leute, die für das Sicherheitssystem der Xirrus verantwortlich zeichneten, waren keine Meister ihres Fachs gewesen. Schließlich hatte sie es geschafft.

Damit war alles erledigt. Sie konnte den Computer nun wieder zurückbringen. Ihre Manipulation würde man erst entdecken, lange nachdem sie in den Barrios von Lorelei untergetaucht war. Und in der Zwischenzeit konnte sie sich unbesorgt unter die Passagiere der Oberklasse mischen und nach Opfern Ausschau halten. Am besten solche Personen, die nicht auf Lorelei aussteigen würden; wenn sie ihren Verlust bis dahin noch nicht bemerkt hatten, würde es umso länger dauern, bis die Polizei sich an ihre Fersen heften würde.

Durch eine spontane Eingebung rief sie den Flugplan der Xirrus auf dem Computer ab. Nicht, dass es wirklich von Bedeutung gewesen wäre; aber die nächste Station nach Lorelei war …

Das Seraph-System.

Sie starrte auf das Display und bekam plötzlich ein flaues Gefühl im Magen. Das Seraph-System. Der Ort, von dem die Engel kamen.

Chandris lehnte sich gegen die Wand und wurde sich bewusst, dass ihre ganzen schönen Pläne angesichts der neuen Möglichkeiten zu seichtem Girlie-Talk verpufften. Engel. Etwas, an das nur Politiker und reiche Leute herankamen – sie erinnerte sich an eine Nachrichtenmeldung, die sich mit ihnen befasst hatte: wie ein großer Security-Mitarbeiter von der Gabriel Corporation einen Kasten geöffnet und eine Kette mit Anhänger an irgend­einen hohen Senator überreicht hatte, der sie dann seinerseits einem anderen hohen Senator umgehängt hatte. Die Kette hatte ziemlich klassisch gewirkt, zumindest in der Vergrößerung, die sie gesehen hatte; und sie erinnerte sich auch noch daran, dass sie sich hingesetzt hatte, um sich ausführlicher zu informieren. Doch dann hatte Trilling sie aus irgendeinem Grund angeschrien, und sie hatte zurückgeschrien, so dass sie von der ganzen Sache nichts mehr mitbekommen hatte.

Aber die Engel kamen aus dem Seraph-System – das war allgemein bekannt. Sie wurden im Weltraum von irgendetwas namens Angelmass geboren, und jeden Tag flog eine ganze Armada kleiner Schiffe dorthin, um sie zurückzubringen.

Kleine Schiffe. Mit kleinen Besatzungen …

Was soll der Quatsch, sagte sie sich ärgerlich. Sie produzieren doch schon seit Jahren Engel. Sie mussten inzwischen auch die kleinste Lücke in ihrem Sicherheitssystem gefüllt haben.

Aber falls es doch noch irgendwo eine Lücke gab, und wenn es ihr irgendwie gelang, durch diese Lücke in das System einzudringen …

Sie fuhr sich mit dem Finger über die Oberlippe. Die Unschlüssigkeit verursachte bei ihr einen solchen Stress, dass ihr schon wieder die Magensäure aufstieg. Natürlich wäre es möglicherweise reine Zeitverschwendung; doch selbst wenn die Verfolgung eines Engels in einer Sackgasse endete, würde eine Weiterreise nach Seraph sich vielleicht allein aus dem Grund schon lohnen, um ihre Spur für Trilling noch besser zu verwischen. Und das wäre eine leichte Übung. Mit dem ganzen Kram, den sie schon aus dem Computer geholt hatte …

Der Gedankengang wurde abrupt unterbrochen. Der Com­puter, dessen Schaltungen sie gerade im sicheren Bewusstsein zerstört hatte, dass es niemandem in den sechs bis sieben Tagen auffallen würde, die sie noch bis Lorelei unterwegs waren!

Wenn sie jedoch die Reise nach Seraph fortsetzte, von der der Computer sagte, dass sie noch einmal fünf oder sechs Tage dauern würde …

Sie grinste verkniffen. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Trilling hatte das oft gesagt – normalerweise dann, wenn er ihr einen besonders heiklen und riskanten Job aufs Auge drücken wollte. Doch selbst Trilling hatte manchmal Recht. Und wenn es ihr wirklich gelang, das durchzuziehen …

Abrupt stand sie auf. Zunächst einmal musste sie den Computer unbemerkt wieder zurückbringen. Nicht unbedingt an denselben Ort; die Leute vergaßen schließlich oft, wo sie gewisse Dinge abgelegt hatten, und gerade an einem solchen Ort würden sie wahrscheinlich vermuten, dass jemand anders sich den Computer halt mal ausgeliehen hatte.

Und dann wäre es an der Zeit, neue Arrangements bezüglich ihrer Unterkunft zu treffen. Bisher war der Zugang zum Oberklasse-Abschnitt etwas gewesen, das sie einfach nur erreichen wollte. Doch nun war es nicht mehr nur eine Frage des Wollens, sondern der Notwendigkeit.

Trilling hatte immer gesagt, dass sie mit ihrer Zickigkeit nie einen Platz in der Gesellschaft der oberen Zehntausend ergattern könnte. Sie würde bald herausfinden, ob das stimmte.

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