Entfechtung - Jutta Hinzmann - E-Book

Entfechtung E-Book

Jutta Hinzmann

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Beschreibung

Eine Trilogie, ein biografischer Roman. Es ist die Zeit der Wende. Viele Menschen kommen nicht mit den neuen Verhältnissen zu recht. Vieles ändert sich. Auch bei meiner Romanfigur. War das Leben zu DDR-Zeiten für meine Romanfigur oft nicht zu ertragen, ist es jetzt nach der Wende noch arger. Wo recht bekommen, wo Unterstützung finden? Ein irrer Weg und doch findet meine Romanfigur irgendwann das Gesuchte.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jutta Hinzmann

Entfechtung

Eine verschlungene Seele

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Entflechtung

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Expose`

Drittes Buch

Der Weg in die Hölle

Die Chirurgie

Ein neues Heim

Bourne-Out

Impressum neobooks

Entflechtung

Oder Eine verschlungene Seele

Inhaltsverzeichnis

Dritte Buch

Der Weg in die Hölle

Die Chirurgie

Ein neues Heim

Bourn-Out

Impressum

Text: Jutta Hinzmann Umschlag : Copyrights by Jutta Hinzmann Verlag: Jutta Hinzmann Waldweg 44 19258 Besitz Druck: epubli ein Service der neopubli GmbH Berlin Prindt in Germany

Expose`

Judith heiratet ein drittes Mal. Sie sagt, sie fühlt keine Schmerlinge im Bauch, als ahnt sie schon, dass auch Heinrich Krause Unheil bringt.

Judith will endlich mit ihren Kindern eine normale Familie sein, aus dem Glückstopf naschen, ein bisschen nur. Ist das Glück für sie unerreichbar? Sie hadert mit sich. Wer nimmt sie schon mit vier Kindern? Muss sie deshalb Schmetterlinge im Bauch fühlen? Judith heiratet letztendlich Heinrich Krause. In Gedanken formt sie sich den Heinrich zu recht. Die Töchter raten ihr davon ab, aber halten sie nicht.

Drittes Buch

Wieder einmal bin ich davongelaufen und sitze nun auf dem langen dunklen Flur des Sozialgebäudes der Stadt Schwerin. Neben mich sitzend halte ich die beiden jüngsten Kinder fest. Hatte ich hier nicht vor allzu langer Zeit schon einmal gesessen? Ja! Damals suchte ich eine Arbeitsstelle in der Stadt. Heut ist der Grund meines Daseins ein ganz anderer. Am Abend zu vor bei meiner Freundin, hatten wir über meine Zukunft gesprochen. Zukunft? Gibt es überhaupt eine Zukunft für meine Kinder und mich? „Und lass dich nicht abwimmeln. Die müssen dir helfen. Der Pfander muss raus aus dem Haus.“ Ich kann mir nicht vorstellen, Hilfe in meiner Lage vom Staat erwarten zu können. Wo der Staat meinen Mann nicht einmal ins Gefängnis steckt. Er hätte mich totschlagen können, erst dann wäre wahrscheinlich eine Reaktion zu erwarten gewesen. Ohne die geringste Ahnung wie Hilfe vom Staat aussehen soll, bin ich hierhergeeilt. Vom Bahnhof gehen wir zu Fuß in die Wismarsche Straße bis zur Ecke Wielhelm-Pick Straße. Dort befindet sich ein riesig großer grauer Bau, das ist mein Ziel. Roswitha hat mir idiotensicher genau erklärt, wie ich gehen muss, ohne mein Ziel zu verfehlen. Unten in der Anmeldung weiß die Dame zunächst nicht, welcher Abteilung sie meinem Problem zuordnen soll. Es folgt ein Telefonat nach dem anderem, wobei die genervte Dame nicht gerade freundlich zu mir hinschaut. Endlich legt sie den Hörer auf. „Melden sie sich oben Zimmer so und so. Ist ganz unter dem Dach.“ „Danke“, nehme meine beiden Jungen und gehe die Treppen nach oben. Nun warten wir hier bereits zwei Stunden. Die Kinder haben Durst und Hunger. „Was wollen wir hier, Mama. Ich will nach Haus, Mama. Komm Mama, lass uns gehen, hier ist doof.“ Sohn Thomas versteht den Grund unseres Daseins hier kaum, der kleine Andreas noch weniger. „Wir können gleich wieder gehen“, tröste ich die Beiden. Schlecht gelogen. Endlich öffnet sich einer der vielen Türen und mein Nachname klingt über den Flur. Thomas zupft an meinen Sachen, „Komm Mutti, du wirst gerufen.“ Das Gefühl, keine Luft zu bekommen, nimmt mir die Worte. Herzrasen folgt, weiche Knie und bums ich liege auf der Nase. Ich kenne diese Zustände zur Genüge. In letzter Zeit ereilt mich das auf der Nase liegen immer häufiger. Schnell stehe ich auf den Beinen. Die Kinder vor mir her schubsend, betreten wir das Zimmer. „Die Kinder gehen dort rein und sie setzen sich hier hin.“ Im gleichen Augenblick erscheint eine weitere Dame und nimmt wortlos meine beiden Jungen mit ins angrenzende Zimmer. „Wieso dürfen meine Kinder nicht bei mir bleiben?“ In meiner Stimme schwingt Entrüstung mit. „Das hat schon seinen Sinn. Setzen sie sich. Geht gleich los.“ Endlich nach langem Suchen von irgendwelchen Unterlagen schaut die Frau mich an. Dass dicke SED Bonbon prangt an ihrer Brust. Na wie toll, da hat man mich an die richtige Person verwiesen. „Seltmann mein Name, erst einmal guten Tag.“ Frau Seltmann reichte mir die Hand. „Pfander“, gebe ich zur Antwort. „Geht es jetzt wieder? Dann erzählen sie mal, warum sie hier sind.“ Ich schlucke und schlucke. Der Hals ist wie zu geschnürt. Bloß nicht heulen denke ich. Nachdem ich die aufkommenden Tränen bekämpft habe, beginne ich von meinen Sorgen und Nöten zu berichten. Frau Seltmann notiert sich einiges und unterbricht mich nicht. Meine Schilderung der letzten Jahre scheinen sie wenig zu berühren. Mal schaut sie mich an mal schüttelt sie den Kopf. Dann wieder schreibt sie eifrig. Nebenan höre ich meine Kinder und ab und an die Stimme einer Frau. Ich blicke automatisch zur Tür. „Sie kriegen ihre Kinder wieder, keine Sorge Frau Pfander. Ist das alles, was sie zu sagen haben? Haben sie vielleicht ihren Ehemann zu sehr gereizt oder sind sie gar eine neue Beziehung eingegangen? Denn so ohne weiteres rastet doch kein Mann aus! Und einer allein ist nie schuld.“ Wahrscheinlich, ich bin der Schuldige. Mein Nervenkostüm droht zu zerspringen. Und damit es nicht dazu kommt, lasse ich Dampf ab. Fast heulend erkläre ich dieser oberschlauen Frau wie es sich anfühlt, wenn man vergewaltigt wird. Wie mir zumute ist, wenn mein Mann seine unbändige Wut an mir auslässt. Wie es sich anfühlt, wenn ich ständig geschlagen werde, ständig beschimpft werde. Wie oft meine Mädchen mich vor den Exzessen meines Mannes bewahren mussten. Ich hole tief Luft und schaue nun auf Frau Seltmann. Die sagt nichts mehr. Erstarrt zur Marmorsäule guckt sie mich entsetzt an. Mir geht es besser nach diesem Redeschwall. „Ja Frau Pfander das ist so. Ihren Kindern können wir helfen. Sofort erhalten sie jeglichen erdenklichen Schutz. Auch für ihre beiden Mädchen können wir etwas tun. Sie aber müssen selbst dafür sorgen, dass sie mit ihrem Mann klarkommen. Ihre Kinder können in einem Kinderheim aufgenommen werden. Kein Problem, aber sie? Es tut mir leid, sie haben ihr Haus…. Wie gesagt, helfen sie sich selbst.“ Jetzt bin ich es, die wie ein Plötz in die Welt schaut. Ich glaube noch einmal nachfragen zu müssen, ob ich alles richtig verstanden habe. „Sie wollen mir zu verstehen geben, dass der Staat meinen Kindern Schutz anbietet, aber mir nicht. Mich kann demzufolge mein Ehemann totschlagen, ja? Habe ich recht? Ist das ein schlechter Scherz von ihnen? Haben sie mir nicht zugehört? Was muss noch geschehen, bis meine Hilferufe Gehör finden?“ „Aber nicht so. Was können wir dafür, wenn ihr Mann trinkt. Wie gesagt, die Kinder können sofort in ein Kinderheim. Wir wollen nicht, dass den Kindern schlechtes geschieht. Nein absolut nicht. Sie warten hier und ich kümmere mich um vier Heimplätze.“ Heimplätze für meine Kinder? Wie tief soll noch sinken. Bin ich nicht bereits am Abgrund angelangt? Schnell erkläre ich Frau Seltmann, dass meine beiden Mädchen vorläufig beim leiblichen Vater wohnen werden. Zum nächsten Schuljahr sind beide Mädchen bereits in einer Schweriner Schule angemeldet. „Ach nee, sie sind schon einmal geschieden? Was sind sie nur für eine Frau. Na, ja geht mich nichts an. Sie bleiben hier sitzen, bin gleich zurück.“ Frau Seltmann spricht aus, was andere nur denken. Bereits einmal geschieden und die zweite Ehe ebenfalls zum Scheitern verurteilt. Ich bin ein schlechter Mensch und habe Unglück über meine Kinder gebracht. Da gehöre ich nicht in unseren sozialistischen Staat, nein ich nicht. Was mich bewegt, was mich schmerzt, will kein Mensch wissen. Das ich meine Kinder vor Alkoholkonsum schützen wollte, steht nicht zur Debatte. Ich funktioniere nicht so, wie es von einem normalen Durchschnittsmenschen der DDR erwartet wird. Im Augenblick stört mich das weniger. Zunächst will ich meine Kinder in Sicherheit wissen. Und dann, dann werde ich mich wehren. Die Dame von nebenan bringt mir meine Kinder wieder. Beide halten eine Zuckerstange in der Hand. „Thomy, was hat die Tante mit euch gemacht?“ Thomas zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht, sie hat nach Papa gefragt und uns eine Zuckerstange gegeben. Hier, lutsch mal schmeckt gut.“ Kinder im Alter von drei und fünf Jahren ausfragen, wo leben wir nur? Glaubt man mir nicht? Ich werde nachfragen, wenn Frau Seltmann zurück ist. Wo eigentlich bin ich hier gelandet? Neugierig schaue ich mich um. Außer Honecker und ein altes fast verblichenes Bild von Walter Ulbricht und der lebt nicht mehr, deutet nichts darauf hin in welcher Abteilung ich mich befinde. Schnell stehe ich auf und gehe zur Tür. Von draußen steht geschrieben: Kinder und Jugendschutz. So also, nun begreife ich, warum man mir keine Hilfe zukommen lassen kann. Ich bin bereits erwachsen. Mir fehlt die Kraft zum Denken. Ich setzte mich zurück an den Tisch und warte auf das was da kommen soll. Endlich erscheint Frau Seltmann. „Sie können mit ihren Kindern ins Kinderheim am Zippendorfer Strand fahren. Man erwartet sie bereits. Erst einmal nehmen wir ihre Kinder auf. Versuchen sie ihr Leben wieder in die Reihe zu bekommen. Und verzeihen sie mir vorhin meine ungerechten Worte. Nehmen sie sich einen Rechtsanwalt. Klagen sie ihren Mann aus dem Haus raus. Viel Glück.“ Und wieder ereilen mich die Tränen, kaum dass ich an mich halten kann. Ich nehme meine beiden Kinder und fahr mit der Bahn in Richtung Zippendorfer. Unterwegs versuche ich ihnen zu erklären, dass sie nun dort auch schlafen müssen. Wie schön es dort sei. Da wären viele andere Kinder und ich würde sie so bald wie möglich wieder nach Haus holen. Kein Wort über den Papa. Warum auch. Sie würden es nicht verstehen. Es schmerzt zu tiefst als ich beide Kinder abgebe. Andreas will nicht bleiben, er weint und schreit mir nach. Warum nur so ein Leid, warum? Wie ich es auch drehe, letztendlich sind stets die Kinder die leidtragenden. Irgendwie komm ich aus dem Haus raus und stehe nun am Strand von Zippendorf. Es rauscht in meinen Ohren und wie ein Film läuft das Leben an mir vorbei. Schuld? Ich bin schuld, wie immer in diesem so verkackten Leben. Mein nächstes Ziel heißt Sterilisation Eigentlich habe ich Frühdienst. Keiner weiß dort, warum ich heute nicht zur Arbeit erschienen bin. Zeit meines Lebens war ich stets ein pünktlicher Mensch und blieb der Arbeit nie unerlaubt fern. Ja und wo schlafe ich heute? Wie soll es weitergehen? Ich habe keine Sachen. Meine Schulsachen für mein Studium, Bekleidung für mich? Alles liegt in Daame. Wir haben alles liegen lassen. Nur die Mädchen haben so nach und nach ihre Klamotten mit zum Papa genommen. Es gibt kein Zurück, aber auch kein Vorwärts. Frau Mazaren aus der Sterilisation hört sich meine Entschuldigung an. „Für heute nehmen sie einen Tag Urlaub.“ Mehr sagt meine Chefin nicht. Zwischen uns stimmt vom ersten Tag an die Chemie nicht. Nun gut damit kann ich leben. Wende mich ihr ab und gehe zur Verwaltung. Irgendwie und irgendwo muss ich einen Platz zum Schlafen finden. Das Krankenhaus verfügt über ein Schwesternheim. Vielleicht bekomme ich dort fürs erste ein Bett, bloß ein Zimmer für mich allein. Ein unzumutbarer Wunsch meinerseits. Doch es kommt viel schlimmer. „Das Heim ist nur für Krankenschwestern, welche einen weiten Anreiseweg haben und für unsere Studentinnen.“ „Ja und wo soll ich nun schlafen? Ein Hotel kann ich mir nicht leisten. Und so lange mein Mann in Daame lebt, kann ich dort nicht wohnen. Das ist dann mein sicherer Tod.“ Die Abteilungsleiterin für Abteilung Ausbildung zuckt mit den Schultern, „Da kann ich ihnen nicht weiterhelfen. Tut mir leid.“ Ja und nun. Ich koche vor Wut. Zum ersten Mal in meinem Leben verfluche ich den Staat. Ich, die nicht zum Alkoholiker wurde und nur vernünftig leben wollte, ich werde von allen Seiten her bestraft. Wenn ich aber bummele, nicht zur Arbeit erscheine, trinke und rauche, ja dann werde ich mit Hilfe des Staates wieder in die richtige Bahn gebracht. Es gibt Kuren, es gibt Psychologen, Medikamente, ach der Arme, dem muss man ja helfen. Und meine Kinder und ich? Ich verlasse die Verwaltung und suche mir Hilfe. Nicht die DDR, nein die Kirche, dort nimmt man mich auf und dort hört man mir zu. Obwohl ich ohne Glauben aufwachsen bin, verpöne ich die Kirche nicht. Als Kinder ärgerten wir gern den Pfarrer, aber nur ein wenig. Ansonsten respektiere ich jeden der an Gott glaubt. Und so geschieht es, dass mir ein Mitglied der katholischen Kirche von Schwerin vorrübergehend ein Domizil gibt. Und mit Hilfe der Kirche kann ich mir die wichtigsten Dinge aus dem Haus in Daame holen. Da meinen Kindern das Heim am Zippendorfer Strand so ganz und gar nicht gefällt, sie stets weinen, schaffe ich es mit Hilfe der Kirche sie besser unterzubringen. In Gorris gibt es ein kleines kirchliches Waisenheim. Hier ergeht es meinen Kindern sehr viel besser. Wie in einer großen Familie sorgen sich die Schwestern um ihre Schäfchen. Selbst für mich, die so verachtete schlechter Mutter, findet hier einen Platz. Das Leben, welches meine Kinder und ich nun führen, ist bestimmt nicht angenehm aber ich brauche keine Angst mehr zu haben. Wir treffen uns fünf Personen so oft wie möglich. Dann verbringen wir die Zeit mit Spielen, Eis essen in den Zoo gehen und mit ganz viel Lachen. Offensichtlich bin ich an der Talsohle des Abgrundes angelangt. Und wieder schöpfe ich Hoffnung. Langsam kehrt die Ruhe in mir ein. Nun getraue ich mich, mir einen Rechtsanwalt zu nehmen um das nächste Problem zu meistern. Ich will die Scheidung. Mich interessiert das Haus nicht. In der Stadt leben, kann sehr angenehm sein. Die Jungen sind zu klein um das Landleben wirklich zu vermissen und den Mädchen ist es recht, wenn ich auf das Haus verzichte. Ein guter Rechtsanwalt findet sich schnell. Der weise aussehende Herr weckt mein Vertrauen. Mir fällt es nicht schwer mein Anliegen vorzutragen. Und als ich am Ende meines Anliegens angekommen bin, schaut mich der Rechtsanwalt an. Was er wohl denkt? „Hast ganz schön in die Scheiße gegriffen, was Mädel?“ Scheiße hätte ich abwaschen können, was mir geschehen ist, sitzt wie Pech. Mein Schweigen nimmt der Rechtsanwalt als ein Einverständnis an. „Dann werden wir die Sache mal in Angriff nehmen. Und auf das Haus musst du nicht verzichten.“ Ständig redet er mich mit „Du“ an. Diese Vertrautheit tut mir gut. Der alte Mann ist als „Der Fuchs“ in der Stadt bekannt. Füchse sind schlau denke ich mir. Dann soll der Fuchs mal. „Schreiben sie genau auf, was der Grund der Scheidung ist. Schreiben sie, wofür sie, wann sie Geld für ihr Eigenheim ausgegeben haben. Und wenn es Seitenweise ist. Nur so kann ich ihnen wirklich helfen.“ Und es werden Seiten. Die Schläge, Tritte mit den Füßen, die Vergewaltigungen, der Alkoholkonsum, alles schreibe ich nieder. Eine Gütertrennung. Eigentlich habe ich stets alle Ausgaben für Haus Hof und Kinder abgewickelt. Mein Nochehemann ließ sein Lohn beständig durch die Kehle rinnen. Viele Tage sitze ich über die Klage gegen meinen Mann. Ich streiche oder zerreiße die geschriebenen Zeilen. Mir fehlten die Worte richtig darzustellen, durch welche Hölle ich gegangen bin. Wie beschreibe ich die angstvollen Augen meiner Töchter, die stets in Sorge sind, dass Herr Pfander sich wieder an mir vergeht. Schwer, sehr schwer tue ich mich mit diesem Schreiben. Doch ich gebe nicht auf und kann sehr bald meine aufgesetzte Klage zum Rechtsanwalt bringen. „Es wird sicher nur einen Gerichtstermin geben Frau Pfander. Die Schwere der Schuld ihres Mannes wird sicher auch das Trennungsjahr aufheben. Ich denke Mal ich kann auch in Bezug auf das Haus für sie einiges rausholen. Nur einmal müssen sie ihrem Mann noch begegnen, am Gerichtstag. Leider“. Ich mag nicht daran denken. Bis zum Gerichtstermin habe ich noch fast einen Monat Zeit. Das Problem eines Zimmers für mich zu bekommen, steht weiterhin an. In der kirchlichen Gemeinde kann ich nicht ewig bleiben. Das Wohnraumproblem in Schwerin hat sich seit mindestens zehn Jahren nicht geändert. Es gibt trotz eifrigen Bauens von modernen Neubauwohnungen lang nicht genug freien Wohnraum in der Stadt. Und wie üblich gibt es Wohnraumzuweisungen nur über das Wohnungsamt. Tja und da, da brauche ich nicht nachfragen. Die Antwort kenne ich bereits. Ich habe mein Eigehheim in Daame. Und so lang ich dieses Eigenheim als Eigentum betrachte, erhalte ich nie und nimmer ein Zimmer in der Stadt. Und schon gar nicht eine Wohnung für vier Kinder und eine Mutter. Also versuche ich es noch einmal im Krankenhaus. Vielleicht hilft es, wenn ich ganz traurig und verweint aussehe. Bevor ich zu den Baracken am Krankenhaus gehe, reibe ich mir die Augen wund, kneife tausendmal in beide Wangen und schaue in den Spiegel vom Barackenclo. Jetzt schaue ich wirklich verweint aus. Hole tief Luft und öffne die Tür zur Verwaltung. Den langen muffigen Gang kenn ich bereits. Zielsicher finde ich die Abteilung „Weiterbildung“. Nachdem ich angeklopft habe, gehe ich ohne auf ein „Herein„ zuwarten ins Zimmer. „Ja bitte, was wünschen sie“, eine nette Stimme dringt an mein Ohr. Ich habe mir ein zielsicheres Plädiere zu Recht gelegt und hoffe nun auf Erfolg. „Setzen sie sich bitte, worum handelt es sich bei ihnen?“ Bei so viel Freundlichkeit komme ich gleich auf den Punkt. „Mir wurde angeraten, hier nach einer vorläufigen Unterkunft im Schwesternheim nach zu fragen. Da ich in Scheidung lebe und mein Mann mir mit Schlägen droht sogar mit Tötungsabsichten, brauche ich dringend eine Bleibe. Ich weiß einfach nicht wohin mit mir und habe wirklich nicht einmal ein Bett für mich. Und deshalb bin ich jetzt hier.“ Puh, ich setze mich kerzengerade hin und schaue erwartungsvoll auf die Sachbearbeiterin mir gegenüber. „Und warum gleich noch mal können sie nicht in ihrem Haus wohnen?“ Die Frau versteht sichtlich nur Bahnhof. Freundlich aber genervt erkläre ich meinen jetzigen Zustand bestimmt zum hundertsten Mal. „Es geht eigentlich gegen die Regel. Normaler Weise wohnen nur Auszubildende im Schwesternheim. Wenn es nur für eine bestimmte Zeit sein soll, na ja dann. In Gottes Namen und ihrer Kinder willen. Sie können sofort ins Heim fahren. Melden sie sich dort beim Hausmeister. Ein Zimmer allein, das kann ich ihnen nicht bieten. Tut mir leid.“ „Mir egal, danke schön“, sage ich fast unter Tränen. Mir ist es wirklich egal. Wichtig war nur, dass ich ein Bett für mich habe und die Kinder zu mir kommen können. Fast beschwingt und ein ganz wenig froh im Herzen, begebe ich mich ins Schwesterheim. Ein Neubaublock mit zehn Etagen auf dem Dresch direkt an der Straßenbahnhaltestelle, soll für die nächsten eineinhalb Jahre mein Zuhause sein. Tapfer und entschlossen gehe ich durch die schwere Schwingtür zur Anmeldung. Dort, wie sollt es anders sein, hielt sich niemand auf. Ein Zettel an der Scheibe klärte mich auf. „Komme gleich wieder.“ Um mir die Zeit zu vertreiben, schaue ich mich um. Eine zweite Schwingtür versperrt mir den Weg zum Fahrstuhl und den Treppenaufgang. Abgeschlossen, warum auch immer. Die sogenannte Empfangshalle ist mit vielen vielen Wandtafeln ausgestattet. Eine Anordnung folgt der anderen. Rauchverbot im ganzen Haus. Besuch ist erlaubt, wenn dieser angemeldet ist. Besuch auf den Zimmern vom anderen Geschlecht, verboten. Das Schwesterheim hat sogar Schließ- und Öffnungszeiten. Außerhalb dieser Zeiten muss man klingeln, der diensthabende Pförtner öffnet dann. Küche und Waschraum sind sauber zuhalten. Ach ja, denke ich, irgendwie kenne ich diesen Zustand. Im Lehrlingswohnheim vor vielen Jahren lauteten Regel und Verbote ebenso. Der Hausmeister erscheint. „Morjen, zu wem wollnse den?“ Noch so ein Schnacker, den ich kaum verstehe. „Komme vom Krankenhaus und soll mich hier melden. Für mich ist ein Bett frei. Mein Name ist Pfander.“ Nun suchte der Hausmeister und suchte. Wären dessen trat ich von einem Bein auf das andere. Der gute Mann fand nicht was er suchte. „Muss ich wohl verdammelt haben tut mir leid. Warten se mal, icke ruf im Krankenhaus an.“ Gewiss, ich würde nicht weglaufen. Mein Herz rutschte in die Hose. Wenn ich nun kein Bett bekam? Wo sollte ich dann bleiben. Ich bete zum lieben Gott, den ich nicht kenne und bitte darum, dass ich ein Bett für mich erhalten würde. „So klenes Fräulein dann kommse mal mit. Is alles jeklärt.“ Der Hausmeister kommt aus seiner Butze und schließt die Schwingtür auf. Ich hole tief Luft und sage leise, „Danke.“ Im achten Stock hält der Fahrstuhl. Die Flure gleichen dem Lehrlingswohnheim in Lankow vor ungefähr 15 Jahren. „Hier ist ihr Zimmer. Ihre Kollechin hat wohl Dienst. Da issen Bett und nen Schrank. Dann zeiche ich ihnen noch die Küche.“ Ich trabe hinterher. „Hier wird mächtich jeklaut. Lassen se ihre Sachen auf dem Balkon. Is sicher.“ Ich nicke nur. Langfinger gibt es überall. Warum nicht auch hier. Nach dem ich einen Schlüssel für das Zimmer erhalten habe, lässt mich der Hausmeister allein. Ich setze mich auf das nicht bezogene Bett. Und plötzlich muss ich weinen. Laut und aus tiefster Seele lass ich meinem Schmerz freien Lauf. Warum immer wieder ich? Nun bekomme ich keine Schläge mehr, werde nicht vergewaltigt, muss keine Angst haben, dafür bin ich von meinen Kindern getrennt. Sie sollten nicht mit ansehen, wie der Alkohol aus ihrem Vater ein Tier machte. Dafür leben wir jetzt getrennt. Ist das gerecht? Mit 30 Jahren suche ich weiter Liebe, Geborgenheit und Zuneigung. Verlange ich zu viel? Ich kann und kann die Tränen nicht anhalten. Das Wort Glück kann ich wohl schreiben, doch begegnet bin ich dem Glück bis lang nicht. Langsam beruhige ich mich. Ich schaue mich um. Meine mir unbekannte Zimmerkollegin hat es sich gemütlich gemacht. Es hängen Bilder an der Wand. Ein kleines Wandregal befindet sich über dem Bett und Blumen stehen im Fenster. Ich gehe zum Balkon. Hier oben im 8. Stock schaue ich weit über die Stadt. Ich kann bis nach Görries gucken. Dort irgendwo haben meine beiden Jungen ein neues Zuhause gefunden. Die Nonnen bemühen sich sehr, dass die Tränen der Jungen schnell trocknen. Doch die traurigen Augen verfolgen mich. Andreas steht am Fenster, drückt sich die Nase platt und sieht mir nach, bis ich aus seinem Gesichtsfeld verschwunden bin. Ich löse mich aus meinen Gedanken und gehe in die Küche. Hier reicht der Blick bis zum Dresch III. Dort wohnen am Ende der Stadt meine Mädchen. Die Tränen rollen, ich fühle mich elendig, verraten, nicht verstanden. Und ich spüre genau, dass auch die Kinder unter diesem Zustand leiden. So will ich so schnell als bald möglich dafür sorgen, dass wir eine Wohnung in Schwerin erhalten und wieder eine Familie sein können.

Die Wege des Herrn sind unergründlich, meine auch. Immer wieder kommt ein neues Problem auf mich zu. Der Frühling geht, der Sommer kommt. Ein Jahr meines Studiums neigt sich dem Ende. Während der Semester vergesse ich alles um mich herum. Ich sauge förmlich den Unterricht auf. Voller Stolz zum ersten Mal in meinem Leben etwas zu tun, was mir gefällt, genieße ich die Rolle der Studentin. Das erste Praktikum auf der Chirurgie habe ich mit Bravur bestanden. Das Arbeiten mit Patienten erfüllt mich ungemein. Die Patienten spürten das. Dann und wann landet in meine Schwesternkleidung ein Dankeschön. Jeder Tag auf der Station beginnt mit Freude. Mit viel Liebe zum Detail tue ich meine Arbeit.