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Die ersten Wochen einer Schwangerschaft sind bekanntlich die schönsten. Auch die junge Aline Heidemann beginnt nach dem finalen Kampf gegen Mael, den Bruder ihres geliebten Daron, sich endlich auf ihr bevorstehendes Mutterglück zu freuen. Doch lange währt die Freude nicht: Ein weiterer unerwarteter Schlag des Schicksals lässt die Bewahrerin von einer Sekunde auf die andere den Boden unter den Füßen verlieren, und sie stellt fortan all ihr bisheriges Handeln in Frage. Kurz darauf muss Aline dann erfahren, welche Bürde sie als Bewahrerin an der Seite ihres "reinen Todes" Daron tatsächlich trägt – und welche fatalen Konsequenzen dies für die ihr nahe stehenden Personen birgt. Da sieht sich Aline plötzlich in einem Käfig aus übernatürlichen Bestimmungen gefangen, aus dem ihr das Schicksal diesmal keinen Ausweg zu weisen scheint. Noch während sie mit dem Mut der Verzweiflung für sich und ihre Lieben gegen ein System antiquierter Überlieferungen kämpft, wird Darons Familie mit einem mysteriösen Erpresser konfrontiert, der droht, die wahre Identität der Ewigen an die Öffentlichkeit zu bringen. Und inmitten dieses Chaos meldet sich dann auch noch Mael zurück. Und was er diesmal fordert, wird Alines Leben für immer verändern …
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Seitenzahl: 483
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Über das Buch:
Die ersten Wochen einer Schwangerschaft sind bekanntlich die schönsten. Auch die junge Aline Heidemann beginnt nach dem finalen Kampf gegen Mael, den Bruder ihres geliebten Daron, sich endlich auf ihr bevorstehendes Mutterglück zu freuen. Doch lange währt die Freude nicht: Ein weiterer unerwarteter Schlag des Schicksals lässt die Bewahrerin von einer Sekunde auf die andere den Boden unter den Füßen verlieren, und sie stellt fortan all ihr bisheriges Handeln in Frage. Kurz darauf muss Aline dann erfahren, welche Bürde sie als Bewahrerin an der Seite ihres "reinen Todes" Daron tatsächlich trägt – und welche fatalen Konsequenzen dies für die ihr nahe stehenden Personen birgt. Da sieht sich Aline plötzlich in einem Käfig aus übernatürlichen Bestimmungen gefangen, aus dem ihr das Schicksal diesmal keinen Ausweg zu weisen scheint.
Noch während sie mit dem Mut der Verzweiflung für sich und ihre Lieben gegen ein System antiquierter Überlieferungen kämpft, wird Darons Familie mit einem mysteriösen Erpresser konfrontiert, der droht, die wahre Identität der Ewigen an die Öffentlichkeit zu bringen. Und inmitten dieses Chaos meldet sich dann auch noch Mael zurück. Und was er diesmal fordert, wird Alines Leben für immer verändern …
Edel eBooks Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2015 Edel Germany GmbH Neumühlen 17, 22763 Hamburg
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Copyright © 2015 by Emily Byron
Lektorat: Anika Beer Korrektorat: Vera Baschlakow Covergestaltung: Eden & Höflich, Berlin Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-95530-688-5
Für alle, die kamen, blieben
„Wie jetzt, keinen Käse mehr?“
Mit schreckgeweiteten Augen starrte ich Franziska an, als hätte sie mir soeben das Ende der Welt verkündet. Genau genommen hatte sie das auch.
„Nicht komplett keinen Käse mehr. Aber Camembert solltest du beispielsweise ab sofort auf die rote Liste setzen.“ Entschlossen nahm sie mir das leckere Stückchen geronnene Milch aus der Hand und schob es sich stattdessen selber in den Mund, während meiner dagegen fassungslos aufklappte.
„Du nimmst mich doch jetzt auf den Arm!?“
„Nein, sämtlicher Rohmilch- und Weichkäse, also Feta, Brie oder eben Camembert sind in der Schwangerschaft tabu“, schmatzte meine mir liebste Freundin und unterstrich ihre seelische Grausamkeit mir gegenüber noch mit dem genüsslichen Abschlecken ihrer Finger.
„Oder willst du dir später Vorwürfe machen, dass euer Kind nur deswegen einen Hirnschaden davongetragen hat, weil seiner Mutter ihre Genusssucht wichtiger war als seine Gesundheit?“
Prüfend blickte sie mich über die Gläser ihrer neuen, randlosen Brille an. Nachdem Franziskas alte bei ihrer Gefangennahme durch Mael und der anschließenden Folter im Kerker zu Bruch gegangen war, hatte sie sich zwar wieder für ein ähnliches Modell, aber eine etwas pfiffigere Form entschieden. Mit der neuen Brille sah sie viel jünger und weitaus weniger streng aus. Was aber nicht hieß, dass sie ab sofort auch weniger streng war.
„Das ist ganz schön hart“, schluckte ich schwer und blickte ziemlich hilflos meiner kleinen, selbst zusammengestellten Käseplatte hinterher, als Franziska sie zu sich zog und hemmungslos ein Häppchen nach dem anderen vertilgte. Wenigstens die Cocktailtomaten hätte sie mir lassen können.
Einer Schwangeren das Essen wegfuttern.
So weit waren wir also schon.
„Hart, aber Fakt. Mit Listerien ist nicht zu spaßen. Und mal ehrlich, was sind denn schon neun Monate ohne Camembert?“
Neun.
Monate.
Ohne Camembert.
Da konnte ich ja gleich vegan werden, war mir aber ziemlich sicher, dass auch das wieder auf Frau Doktors erhobenen Zeigefinger gestoßen wäre. Oder war das alles vielleicht nur ein Vorwand, um mir die kleinen Köstlichkeiten abzuluchsen? So ganz konnte ich mich des Eindrucks bei Franziskas genussvollem Schmatzen nicht erwehren. Ich beschloss, später hierzu das Internet zu befragen. Zwar nahm ich meiner Freundin ihre Sorge durchaus ab. Aber wenn es um Käse ging – den sie genauso mochte wie ich – konnte sie schon eine kleine Mistbiene sein. Verstohlen blickte ich an mir herunter und auf meinen Bauch, der sich zwar bisher noch nicht sonderlich wölbte, aber in sich das Leben eines kleinen, bezaubernden Mädchens trug, von dem bisher keiner wirklich wusste, ob es uns wohl gesonnen sein oder uns in die absolute Apokalypse stürzen würde. Aber was wäre Aline Heidemanns Alltag ohne ein wenig Spannung? Langeweile war einfach nicht mein Ding. Obwohl ich mir in den letzten Wochen tatsächlich etwas mehr davon gewünscht hätte. Als wäre die Einführung in Darons Familienclan nicht schon heikel genug gewesen, hatte ich während meines Aufenthalts auf dem Sippensitz der Ewigen meine Schwangerschaft durch einen eigentlich unfruchtbaren Sündentod bemerkt, den Fötus anschließend durch den Akt mit einer Art Mensch-Ewigen-Dämonenmischling genetisch transformiert und letztendlich eben diesen Mischling getötet, um den perfiden Plan einer machthungrigen Exbewahrerin zu durchkreuzen.
Uff.
Also wenn man es so formulierte, dann musste man wirklich denken, ich sei reif für die Klapse.
Traurig fasste ich mit der Hand, die soeben noch das Käsestückchen gehalten hatte, an meinen Bauch. Voller Wehmut dachte ich an Phelan, dessen Samen besagte Transformation bewirkt hatte und dessen Leben ich anschließend nehmen musste, um Gefion davon abzuhalten, zusammen mit Mael das Ende der Welt heraufzubeschwören. Auch wenn Daron mir beigebracht hatte, dass wir alle uns vor unserem Eintritt in die Welt unser Schicksal und unsere Aufgabe selber aussuchten, so konnte und wollte ich einfach nicht akzeptieren, dass ein so gutherziger, wenn auch recht ruppiger Charakter einst vor dem Karmaschrank des Jenseits gestanden hatte, mit dem Finger über die angebotenen Schicksalsboxen gefahren und dann ausgerechnet mit diesem Paket an die Wiedergeburtskasse gegangen war. Vom Umtausch für immer ausgeschlossen. Dieser Gedanke machte mich fassungslos.
Eine Träne des Abschieds kullerte meine Wange herunter, so wie immer in der letzten Zeit, wenn ich mich an Phelan erinnerte. Sein schroffer Charakter und seine stechend gelben Wolfsaugen hatten mich anfangs glauben lassen, er wollte mir übel mitspielen. In Wirklichkeit aber war er zu meinem wichtigsten Verbündeten geworden, der am Schluss von mir als Beweis meiner aufrichtigen Zuneigung seine Tötung einforderte. Vielleicht war es wirklich besser so gewesen, und er hatte jetzt für alle Zeit den Frieden gefunden, nach dem er sich so sehr gesehnt hatte. Leider bot mir dieser Gedanke nicht im Mindesten Trost, und jedes Mal, wenn ich auf meine Hände blickte, sah ich Phelans Blut an ihnen herunterlaufen.
Ich hatte ihn getötet.
Das würde ich mir niemals im Leben verzeihen.
Auch drei Wochen Brasilien waren einfach nicht genug Zeit gewesen, das Geschehene zu verarbeiten. Vielmehr hatte ich fast die meiste Zeit an unserem paradiesischen, kleinen Privatstrand mit dem türkisblauen Meer bei Canavieras unter einem großen Sonnenschirm verschlafen, da mich das Wachsein zu sehr anstrengte. Es war, als hätte meine Seele meinen Körper mit aller Macht zur Ruhe zwingen wollen, welche ich ja zugegeben auch mehr als nötig gehabt hatte. Also ergab ich mich einfach ihrem Willen. Am Anfang war mir nicht nach Urlaub unter Palmen gewesen. Warum, das lag auf der Hand. Aber als ich Betty kurz vor Abflug von unseren Reiseplänen berichtet hatte, oder vielmehr von meiner aufwallenden Reiseunlust, da hatte mir meine Cousine per Telefon die Ohren langgezogen. Ich könne von Glück sagen, so einen attraktiven und überaus wohlhabenden Freund gefunden zu haben, dass ich nicht einmal mehr arbeiten gehen müsse, hatte sie mich knallhart zurechtgewiesen. Außerdem schaue man einem geschenkten Gaul nicht ins Maul, und ob ich wüsste, wann sie das letzte Mal so weit gereist sei? Dass ihre Weihnachtskreuzfahrt mit meiner Mama noch nicht allzu lang her war, behielt ich in diesem Moment lieber für mich. Wenn Betty in Rage war, konnte sie einen verbal ungespitzt in den Boden rammen. In dem Fall war Schweigen die klügere Taktik, und so hatte ich mich schließlich kleinlaut ergeben. Mir war klar, dass Betty nicht verstand, weshalb mir nicht nach Verreisen war, dazu fehlte ihr das ein oder andere Detail. Da ich aber nicht erzählen konnte, was sich alles ereignet hatte, seit Daron in mein Leben getreten war, ließ ich sie in dem Glauben, ich sei eine undankbare, faule Nudel. Ihre Wortwahl, nicht meine. Sicher hatte mir das schon irgendwo wehgetan. Aber ich wusste auch, dass Betty Dinge oft nicht so meinte, wie sie sagte. Kein Wunder, dass wir verwandt waren.
Daron tat mir während unseres Urlaubs ziemlich leid. Der Arme hatte sich so darauf gefreut gehabt, mit mir das Land und die Leute zu erkunden, und ich war fast jedes Mal kurz vor Aufbruch in einen geradezu komatösen Schlaf gesunken, als hätte mein Innerstes nur bei dem bloßen Gedanken an Bewegung einen Schalter betätigt, um nicht wieder ungebremst in einen neuen Schlamassel zu schlittern. Bei mir wusste man ja nie, darüber war ich mir mittlerweile im Klaren.
Zurück in der Heimat hatte ich trotz Jetlag sofort Franzi im Krankenhaus besucht. Ihr Bauchschnitt war bereits sehr gut verheilt. Allerdings war das Messer so tief eingedrungen, dass es ihre Gebärmutter verletzt hatte. Nicht so viel, dass die Ärzte sie entnehmen mussten, aber verheerend genug, dass Franzi aller Voraussicht nach keine Kinder mehr bekommen konnte. Irgendwas mit Narben, hatte sie gemeint, und diverse Fachausdrücke benutzt, die für mich so verständlich waren wie Mandarin. Ich hatte mich ehrlich gesagt nicht mehr konzentrieren können, nachdem sie mich mit dieser Nachricht geschockt hatte, sondern sie ohne nachzudenken einfach in den Arm genommen und fest gedrückt. Plötzlich kam mir meine eigene Schwangerschaft so schrecklich ungerecht vor. Franzi hatte immer Mutter werden wollen. Ich dagegen war noch nicht ansatzweise bereit gewesen, mich mit diesem Sachverhalt auseinanderzusetzen, als ich völlig unvorbereitet damit konfrontiert worden war. Meine beste Freundin hatte mich im Anschluss an meine Knuddelattacke eingehend gemustert, als hätte sie meine Gedanken in meinem Gesicht ablesen können.
„Ist in Ordnung“, hatte sie gesagt, „jetzt kann man es sowieso nicht mehr ändern.“
Gerade als ich den Mund hatte öffnen und etwas erwidern wollen, hatte sie mich gefragt, wie es meinem kleinen Wurm ging und was die letzte Untersuchung ergeben hätte. Damit hatte sie mich eiskalt erwischt. Nach unserem Kampf gegen Gefion hatten Daron und ich nämlich so schnell wie möglich die Koffer gepackt. Ich meine, das Kind habe einen dämonischen Genaustausch überstanden, da machte ich mir zugegebenermaßen keine Sorgen, dass es nicht gesund sein könnte. Franzi hingegen hatte mich daraufhin trotz Krankenlager einer solch erdbebenartigen Standpauke unterzogen, dass es mich bis heute noch wunderte, dass die kleine Privatklinik nicht umgehend über uns zusammengestürzt war. Zum Schluss hatte sie mir solche Schuldgefühle eingeredet, dass ich versprochen hatte, mich bei einem Frauenarzt zu melden, den sie und die McÉags für vertrauenswürdig hielten – sprich: kaufen konnten.
Der Tod war so alt wie das Leben selbst, entsprechend saßen Daron und seine Familie durch ihr Geschäftsgeschick und das aller vorangegangenen Linien auf einem derart großen Haufen Schotter wie Dagobert Duck auf seinen güldenen Talern. Geld spielte keine Rolle, dennoch warfen die Ewigen nicht wahllos damit um sich, um nicht unnötig mehr Interesse zu wecken, als sowieso schon an ihnen bestand. Ich selbst hatte zwar noch keine Begegnung mit Paparazzi gehabt, doch Daron hatte mir mehr als einmal berichtet, wie gern die Klatschblätter über sie schrieben. Oder vielmehr schreiben wollten, denn nur selten sagte Darons Vater Luan einer Einladung der High Society zu und schickte dann als Stellvertreter einen eigens engagierten Schauspieler, der sich als Firmeninhaber und Multimillionär ausgab. Somit wurde die Neugier der Medien an dem stinkreichen Familienclan zwar nie ganz befriedigt, aber kurzfristig stets so weit gestillt, dass wieder für ein paar Wochen Ruhe herrschte. Ich kannte mich mit diesem ganzen Upperclass-Gedöns nicht aus. Bis vor Kurzem hatte ich beispielsweise Blake Lively aufgrund ihres Vornamens noch für einen Mann gehalten. Aber das nur nebenbei. Einerseits konnte ich Luans Vorgehen in seinem Fall durchaus verstehen. Diskretion war für diese spezielle Familie absolut essenziell. Würde ein Außenstehender erfahren, wer sich wirklich hinter dem Clan verbarg, ich mochte mir nicht ausmalen, was dann passieren könnte. Andererseits empfand ich dieses Versteckspiel als sehr unsicher, denn wenn nur ein finanzielles Angebot einer Zeitung verlockend genug erschien, wer garantierte dann dafür, dass Luans Stellvertreter den Mund hielt? Menschen waren unberechenbar, und bei den meisten hielt ihre Loyalität dem Brötchengeber gegenüber immer nur bis zur nächsten Abrechnung. Daron hatte herzlich gelacht, als ich ihm meine Bedenken geschildert hatte, und gemeint, dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Das Engagement sei geldtechnisch nicht zu toppen und der Schauspieler würde zudem aufgrund seines besonderen Vertrages keine Informationen preisgeben. Das hatte zwar mein ungutes Gefühl nicht gänzlich weggewischt, aber doch zumindest ein wenig beruhigt. Auf mich wartete schließlich Wichtigeres, und genau deshalb stattete mich Franziska wie schon im Krankenhaus angekündigt kurz nach dem gemeinen Käseklau mit der Visitenkarte einer privaten Frauenarztpraxis in irgendeinem Kaff am – Verzeihung – Arsch der Welt aus.
„Jetzt schau nicht so pikiert.“
Mein Gesicht samt hochgezogener Braue musste offenbar Bände gesprochen haben, als ich mit meinem Smartphone die Lage der Praxis via Google Maps checkte.
„Das ist zwar ein Dorf, aber Dr. Kringer ist wirklich ein Ass in seinem Fach. Außerdem ist es sicherer, dich nicht mitten in der Stadt untersuchen zu lassen. Es reicht, wenn wir dort eine Klinik unter Vertrag haben. So minimieren wir das Risiko einer möglichen Enttarnung.“
Keine Ahnung, was es war, aber irgendwas an Franziskas Wortwahl kam mir komisch vor.
„Mann, ich hätte nicht gedacht, dass sich der Tod so verstecken muss. Ich meine, klar ist es besser, das alles nicht breitzutreten, aber sie sind der Tod, was gibt es Mächtigeres?“
Nun war es an Franziska, eine Augenbraue hochzuziehen.
„Aline, das fragst du nach den Geschehnissen von vor ein paar Wochen jetzt nicht im Ernst!?“
„Das kannst du doch nicht vergleichen. Hier geht es nicht um irgendeine machtgeile Exbewahrerin, sondern um einfache Menschen aus Fleisch und Blut.“
„Und genau deshalb wird ihre Angst umso verheerender sein, wenn sie erst mal wissen, wer sich wirklich hinter den McÉags verbirgt. Du kannst nicht davon ausgehen, dass sie alle so reagieren wie wir. Überleg doch mal, wie sehr der normale Mensch den Tod fürchtet. Was wird passieren, wenn der ihnen plötzlich auf dem Silbertablett serviert wird, und das dann auch noch in achtfacher Ausführung, egal wie appetitlich sie alle auch anzusehen sind?“
„Naja ...“, begann ich zu stottern und wusste ehrlich gesagt nicht, was ich darauf antworten sollte.
„Aline, der Tod wäre plötzlich greifbar, stofflich, ein vermeintlicher Mensch wie jeder andere. Wenn es auch nur die kleinste Chance gäbe, die Endlichkeit des eigenen Lebens zu verhindern, sie vielleicht sogar für immer auszumerzen, was denkst du könnte diese Idee in den Köpfen der Leute auslösen? Und was würden sie dann mit dir machen, als zukünftiger Mutter der neuen Todeslinie?“
Boing.
Jetzt hatte Franzi mir einen unerwarteten Tiefschlag verpasst.
„Das ist mir noch gar nicht in den Sinn gekommen“, presste ich zwischen meinen plötzlich belegten Stimmbändern hervor und vermied es krampfhaft, mein Kopfkino anzuwerfen.
„Eben“, antwortete Frau Dr. Stein mit strengem Blick über ihre neue Brille hinweg, „ich will mir das lieber auch nicht vorstellen. Also ruf in dieser Dorfpraxis an, mach einen Termin aus und lass dich untersuchen. Antworte nur, wenn du gefragt wirst und geh sparsam mit Informationen um. Auch wenn Dr. Kringer und sein Team ebenfalls zu uns gehören, man kann nie vorsichtig genug sein.“
Noch immer ziemlich geplättet von unserem Gespräch blickte ich auf die Karte und versprach wie in Trance, mich gleich am nächsten Morgen um einen Termin zu kümmern. In dem Moment, in dem ich das Kärtchen in meine Hosentasche steckte, verlor ich den Kampf gegen meine Gedanken. Ich sah einen schreienden Mob mit Fackeln und Mistgabeln durch die Straßen ziehen, wie er meinen Namen rief und erst Ruhe gab, nachdem er mich gelyncht und auf brennendes Reisig gestellt hatte.
Bisher hatte ich immer angenommen, die Existenz der Ewigen – und somit auch meine – sei auf eine bestimmte Weise unantastbar und erhaben.
Wie arrogant und überheblich dieser Gedanke doch gewesen war.
Hochmut kam bekanntlich immer vor dem Fall.
Ich hoffte, mich diesmal beim Stolpern gerade noch abgefangen zu haben.
Die medizinische Fachangestellte Karin hatte sich am Telefon nicht besonders freundlich benommen, als ich sie nach einem Termin bei Dr. Kringer fragte. Artig, wie ich war, hatte ich wie versprochen am nächsten Tag den Hörer in die Hand genommen und im Niemandsland angerufen. Franzi war zwar immer noch nicht ganz gesund, schließlich lag ihre Verletzung erst wenige Wochen zurück, das aber tat ihrer Energie keinen Abbruch. Und mit Franzi sollte man sich besser nicht anlegen, egal wie geschwächt sie auch sein mochte. Ich war mir sicher, sie musste im Kerker bis zur absoluten Erschöpfung gegen Mael, seine Folter an ihr und den anderen Mitgefangenen gekämpft haben. Doch was nutzte schon die größte Klappe und das mutigste Herz, wenn Hände und Füßen in schweren Ketten lagen? Mein Magen krampfte sich stets zusammen bei dem Gedanken an die Gräueltaten, die Mael an meiner Freundin und an Darons Vater verübt hatte. Zwar hatte Phelan seinen wahnsinnigen Bruder im Kampf schlussendlich so schwer verletzen können, dass dessen Seele durch eine mir nicht näher bekannte Praktik in den Körper seines eineiigen Zwillings Kian verpflanzt werden musste. Allerdings wusste ich es mittlerweile besser, als einfach naiv zu glauben, damit sei erst einmal Ruhe im Karton. Auch die anderen Brüder, so jedenfalls hatte es für mich den Anschein, betrachteten Kians Verfassung mit äußerster Sorge. So ähnlich der nämlich seinem älteren Zwilling optisch auch war, so weich und zerbrechlich war dagegen sein gesamtes Wesen. Meiner Meinung nach hätte er problemlos als emotional instabil durchgehen können, aber ich hütete mich sorgsam, diesen Gedanken laut auszusprechen. Daron hätte diese Sichtweise sicher nicht gutgeheißen, schließlich war ihm nichts heiliger als seine Familie. Doch zu der gehörte mittlerweile nun auch ich, und ich sagte nicht immer brav zu allem Ja und Amen. Es war schwierig für ihn, das Gleichgewicht zwischen den Traditionen seines Clans und meiner modernen, selbstbewussten Art zu finden. Stets versuchte er, einen Mittelweg einzuschlagen, aber oft hatte ich dabei das Gefühl, ein Stück weit zu Gunsten starrer Muster zurückzustecken. Ich war ihm deswegen dennoch nicht böse. Er tat sein Möglichstes, damit ich mich wohl an seiner Seite fühlte, und das rechnete ich ihm hoch an. Ein Drahtseilakt war ein Kinderspiel dagegen.
Nicht so hoch stand dagegen bei mir im Kurs, dass Daron mich unbedingt zu dem Frauenarzttermin hatte begleiten wollen. Ehrlich, ich hatte noch nie verstanden, weshalb Schwangere so scharf darauf waren, ihre Partner bei jedem einzelnen Check dabeizuhaben. Aber wie bereits gesagt, ich war mit der Schwangerschaft so unvermittelt konfrontiert worden, dass ich mir über solche Aspekte noch überhaupt keine Gedanken gemacht hatte.
„Da wären wir“, holte mich Daron aus meinen Grübeleien, als er seinen Luxusgeländewagen auf dem Dorfplatz mitten vor den Praxisräumen parkte.
„Kannst du dich einfach so hier hinstellen?“, fragte ich und zeigte auf ein Parkverbotsschild am Ende der Reihe.
„Keine Ahnung. Ich mach‘s einfach. Mehr als ein Knöllchen kann sowieso nicht passieren.“
Abermals staunte ich nicht schlecht über die neue Lockerheit meines Geliebten. Seit unserem letzten, nennen wir es meinetwegen Abenteuer im Schloss Rosenhain, hatte ich bei Daron eine kleine, aber feine Transformation ausgemacht. War er zur Zeit unseres Kennenlernens vergleichsweise starr und in nahezu pedantischen Verhaltensweisen festgefahren gewesen, so zeigte er in den letzten Wochen verstärkte Tendenzen einer gewissen Gelassenheit, die mir sehr gefiel. Ein Strafzettel wäre bei Daron vor Weihnachten noch in die Kategorie „Fleck auf der blütenweißen Weste“ gefallen – jetzt zuckte er einfach nur die Schultern und wies mich an, aus dem hohen Gefährt zu klettern. Okay, da durfte er meiner Meinung nach dann doch wieder etwas mehr Gentleman bleiben. Jetzt konnte ich noch problemlos aus dem Geländewagen steigen, aber später mit Kugel würde er mir bei der Kletterpartie definitiv helfen müssen. Wenigstens die Tür zur Praxis hielt er mir auf wie sonst auch.
Immerhin.
„Name?“, raunzte die Kaugummi kauende Dame hinter der Rezeption, noch bevor ich eine Begrüßung äußern konnte. Manieren waren hier wohl ausverkauft, denn sie schaute nicht einmal auf, als ich den von Daron gewählten Decknahmen Meinhardt nannte. Ich hatte das zwar für reichlich übertrieben gehalten, nicht einmal meinen eigenen Nachnamen verwenden zu dürfen, aber das war einer dieser Punkte, in denen ich nicht argumentierte, sondern mich einfach fügte. Das wiederum war ein bedeutender Teil meiner persönlichen Weiterentwicklung, welche Daron ebenso wohlwollend zur Kenntnis nahm wie ich die seine.
„Versichertenkarte. Nehmen Sie derweil im Wartezimmer Platz, dritte Tür links. Sie werden trotz Termin warten müssen, es ist viel los.“
Noch immer hatte uns die pausbäckige Arzthelferin nicht eines einzigen Blickes gewürdigt, geschweige denn irgendeine Art der Höflichkeit uns gegenüber erkennen lassen. Nicht mal ein ‚Bitte’ war ihr über die Lippen gekommen. Ich war mir sicher, dass es sich hier um Karin handeln musste. Demnach zu urteilen, was ich von ihr hinter dem Tresen und mit Blick auf ihren gesenkten Kopf erkennen konnte, musste sie etwa Mitte 40 sein. Ich fragte mich, wie lange sie hier wohl schon in dem Kaff arbeitete und dabei seit Jahren stets die gleichen Dorffrauen von oben und eventuell auch unten zu Gesicht bekam? Bei der Vorstellung konnte ich mir ihren mangelnden Enthusiasmus ein ganz kleines bisschen erklären. Aber wirklich nur ein ganz, ganz kleines bisschen.
„Danke, sehr freundlich“, vernahm ich plötzlich Darons wundervoll tiefen Bass neben mir, welcher sich im Vergleich zu Karins kratzig-schrillem Organ wie eine Decke aus Samt an mein Ohr schmiegte. Offenbar wirkte seine Stimme auf Karin ebenso betörend wie auf mich, denn sofort hob sie ihren Blick und schaute gebannt wie ein hypnotisiertes Kaninchen in Darons freundliches, attraktives Gesicht. Mir fiel ein, dass die Ewigen durchaus die Fähigkeit besaßen, den Geist mancher Damen zu umnebeln, wenn sie denn keine Bewahrerinnen waren. Gleich, dachte ich mir, gleich klappt ihr die Kinnlade nach unten. Den Gefallen tat mir Karin zwar nicht – oh wie sehr hätte ich dann gelacht – doch musste sie sich zweimal räuspern, bevor sie plötzlich mit einer merklich tieferen Stimme meinte, wir sollten kurz warten, sie würde noch einmal schnell den Kalender kontrollieren. Mein bezaubernder Begleiter quittierte ihr schlagartig auftretendes Engagement mit einem noch bezaubernderen Lächeln, fast wie aus einer Zahnpastawerbung. Sofort lief Karin knallrot an und fegte vor lauter Verlegenheit einen Stifthalter vom Tresen. Während die Gute sich entschuldigend auf dem Boden nach den Kulis bückte, grinste mich Daron verschmitzt von der Seite an und deutete mit einer fast unmerklichen Handbewegung ein ‚Siehste, ich hab‘s eben drauf’ an. Da musste ich mir die Hand vor den Mund halten, um nicht loszuprusten. Wie sehr liebte ich diesen Kerl, sein stattliches Aussehen gepaart mit seinen nahezu perfekten Manieren, eine Kombination, die eine Frau heutzutage so vergeblich suchte wie die Prinzessin ihre Erbse unter Millionen von Matratzen. Hätte er sich nicht bedeckt halten müssen, hätte Darons Bild meiner Meinung nach gleich direkt neben dem von Knigge Platz finden müssen. Trotzdem er so viel Wert auf Etikette legte, schaffte er es mittlerweile, sich etwas moderner und dafür weniger old fashioned zu geben. Nicht nur die Knöllchennummer war neu; seit Brasilien trug Daron sein langes, schwarzes Haar viel öfter zu einem Pferdeschwanz gebunden als sonst. Seine Garderobe hatte er dem neuen Look angepasst, sodass er seine schwarzen Hosen im Schrank ließ und fast nur noch auf Jeans setzte. Mir persönlich gefiel der „neue“ Daron, und auch er hatte zugeben müssen, dass er sich wohl damit fühlte, als ich ihn einmal in Denim und mit nacktem Oberkörper wie ein Chippendale vor dem Spiegel posierend erwischt hatte. Es hatte einen ganzen Tag gedauert, bis ich bei dem bloßen Gedanken an dieses Happening nicht mehr laut loslachen musste. Er war so wunderbar, ein knallharter Beschützer auf der einen und ein liebenswert verspielter Junge auf der anderen Seite. Hätte ich diese Mischung portionsweise in Tütchen füllen und verkaufen können, alle Frauen auf der Welt hätten mir mit Geldscheinen wedelnd die Tür eingerannt.
„Verzeihen Sie, mein Fehler. Meine Kollegin hat da was nicht richtig ausradiert“, meldete sich Karin wieder sitzend von hinter dem Tresen. „Sie können sofort reingehen, Tür zwei. Ich sage dem Doktor schnell noch Bescheid.“ Sogleich griff sie nach dem Hörer, tippte zwei Tasten und kündigte uns an. Gehen Sie nur, formte sie mit ihren Lippen, während sie noch mit dem Arzt telefonierte, und wedelte uns mit ihrer freien Hand, dass wir ohne Weiteres in die Sprechstunde verschwinden konnten. Das taten wir dann auch und betraten nach einem kurzen Höflichkeitsklopfen das Sprechzimmer von Dr. Kringer.
Hätte ich aber gewusst, was auf uns zukam, wäre ich am liebsten umgekehrt und hätte den Tag für immer aus meinem Gedächtnis gestrichen.
Dr. Kringer erinnerte mich irgendwie an meinen früheren Biologielehrer. Braune, kurze Haare, die seine Halbglatze spärlich dünn einrahmten, fanden ihre Fortsetzung in einem ziemlich großen, wenn auch gut getrimmten Vollbart. Kleine, wache Augen blitzten hinter einer Brille mit runden Gläsern auf, als wir das Zimmer betraten.
„Frau Meinhardt, guten Tag. Bitte setzen Sie sich.“ Freundlich wies er mich mit einer Hand an, vor ihm Platz zu nehmen, um sich dann sofort an Daron zu wenden. „Und Sie sind dann sicher der ...“
„Bruder“, schnitt Daron ihm das Wort ab.
Bitte?!
Das war so aber nicht abgesprochen gewesen, schoss es mir durch den Kopf, während meine Wangen im Sekundentakt gefühlt zwischen heiß und kalt hin und her wechselten. Schon spürte ich eine erste Welle der Wut in mir hochkochen, so wie es immer geschah, wenn ich mit etwas unvorbereitet konfrontiert wurde. Reflexartig ballte ich meine Hände an den Seiten zu Fäusten, um mein Temperament zu kontrollieren. Manche Dinge passierten eben in Bruchteilen von Sekunden, ohne dass wir es wollten und merkten, und verrieten uns dadurch mehr Wahrheit über unser Inneres, als uns manchmal lieb war. Okay, dachte ich, lass es einfach laufen. Daron wusste schon, was er tat.
„Oh ... das hatte ich bisher noch nicht so oft, dass der Bruder zum Ersttermin mitkommt.“
Dr. Kringer war sichtlich irritiert.
Willkommen im Club.
Vorsichtig musterte mich der Frauenarzt.
„Und das geht für Sie in Ordnung?“
„Na ja, ich habe ja sonst niemanden“, improvisierte ich, „der Kindsvater hat mich kurz nach Bekanntwerden der Schwangerschaft verlassen.“ Das kam der Wahrheit zwar näher als beabsichtigt, doch hütete ich mich, mit nur einer Silbe Phelans Tod zu erwähnen. Die Situation war mir jetzt schon unangenehm genug, da brauchte ich keinen Gefühlsausbruch vor Fremden. Das Messer, das ich Phelans ins Herz gerammt hatte, würde gefühlt für alle Zeiten in meinem eigenen stecken. Auch wenn es für ihn Erlösung aus einem unendlichen Kreislauf bedeutet hatte, so musste letztlich ich damit klarkommen, ein Leben beendet zu haben. Bisher gelang mir das nicht gerade gut. Dass ich Phelan nun auch noch diesen schwarzen Peter gewissermaßen in die Schuhe schieben musste, machte es nicht gerade besser.
„Nun ... also ... das geht mich nun wirklich nichts an, aber danke für Ihre Offenheit“, wand sich Dr. Kringer in seinem Stuhl, während er sich verlegen seine Halbglatze kratzte. Augenscheinlich bekam er in dem kleinen Örtchen, wo jeder jeden kannte und Sandkastenschwärmereien bis vor den Traualtar führten, solche Geschichten selten zu Gehör. Irgendwie machte ihn mir das sympathisch.
„Wann haben Sie denn positiv getestet?“
Autsch.
Ja das war jetzt eine Frage, mit der ich so nicht gerechnet hatte. Getestet hatte ich in dem Sinn nie, und ich konnte dem Doc schlecht erzählen, wie genau ich von meiner bevorstehenden Mutterschaft erfahren hatte. Erst recht nicht, weil ich dieses Detail auch vor Daron bisher gekonnt verschleiert hatte. Er wusste zwar, dass Phelan mich anfangs mittels einer unerlaubten Traumwandlung heimgesucht hatte, aber nicht, dass ich damals schon von ihm mit meiner Schwangerschaft konfrontiert worden war. Ich wollte auf keinen Fall, dass mein geliebter Riese im Nachhinein schlecht von seinem verschiedenen Bruder dachte. Das hatte Phelan wahrlich nicht verdient. Fieberhaft überschlug ich meine Möglichkeiten.
„Genau weiß ich das ehrlich gesagt nicht mehr, es ist zu dem Zeitpunkt viel passiert. Es war kurz vor Weihnachten.“
Puh.
Nicht gelogen und trotzdem nicht die ganze Wahrheit erzählt. So langsam färbte die McÉag’sche Informationspolitik merklich auf mich ab. Ob ich das gut fand, stand allerdings auf einem anderen Blatt.
Dr. Kringer wirkte zwar etwas irritiert ob dieser vagen Angabe, beließ es aber dabei. Als Nächstes folgte die Frage nach familiären Vorerkrankungen. Am liebsten hätte ich laut losgelacht. Hier konnte ich ebenfalls schlecht die Wahrheit erzählen, denn auch wenn ich in meiner Familie von keiner frappierenden Erbkrankheit wusste, so konnte ich das vom Vater des Kindes wahrlich nicht behaupten. Gut, nicht unbedingt Erbkrankheit, aber da sowohl das Kleine wie auch ich vor wenigen Wochen mehr mit dämonischem Genmaterial in Berührung gekommen waren, als es mir gefiel, hatte ich bei dieser Antwort verständlicherweise besonders große Ameisen im Hintern. Diesmal hatte ich wirklich keine Wahl.
„Nicht, dass ich wüsste“, log ich knallhart und hoffte, man würde es mir nicht anmerken. Dr. Kringer nickte und machte sich eifrig Notizen in einer dieser Arztmappen, während ich Daron kurz einen hilfesuchenden Blick zuwarf. Seine grünen Augen blitzten für eine Millisekunde auf. Er wusste, wie unangenehm mir das jetzt alles war, und er wollte mir helfen, aber mehr als neben mir sitzen und meine Hand nehmen konnte er im Moment nicht. Da musste ich einfach fair bleiben. Schließlich war ich die Schwangere, nicht er. Wie befremdlich hätte es ausgesehen, hätte er all diese speziellen Punkte für mich beantwortet? Ich drückte seine Hand und hoffte, hierdurch irgendwie einen Teil seiner Ruhe auf mich übertragen zu können. Was natürlich Blödsinn war. Aber die Hoffnung starb eben immer zuletzt.
„Dann lassen Sie uns erst mal das Ganze genauer anschauen, den Rest machen wir später. Bitte gehen Sie ins Nebenzimmer und machen sich hinter dem Paravent frei, ich bin sogleich bei Ihnen.“
Rasch verkniff ich mir ein lautes „Uff“, das sich bei diesen Worten schon aus meiner Kehle gelöst hatte. Endlich hatte ich auch mal ein bisschen Glück. Ich biss mir erst auf die Lippen, dann atmete ich leise tief aus, drückte erneut Darons Hand und trat danach gehorsam durch die angrenzende Tür ins Nebenzimmer. Dass der Herr Doktor den Rest der Befragung erst nach der Untersuchung durchführen wollte, hieß ich in diesem Augenblick mehr als gut. Das verschaffte mir etwas Luft, mich mental für den Rest der Prozedur zu wappnen.
Dachte ich zumindest.
Denn gegen das, was mich auf dem Untersuchungsstuhl erwartete, half nicht mal der stärkste Schutzschild der Welt.
Eine gefühlte Ewigkeit saß ich nun schon auf dem Untersuchungsstuhl, Beine weit nach oben gereckt, während Dr. Kringer schweigend mit Spekulum und sonstigem Gerät in mir herumfuhrwerkte. Anfangs war er noch relativ behutsam mit mir umgegangen, doch ein minimales Innehalten und ein undefinierbares „Hm“ später hatte ich das Gefühl, er musste vielleicht auf Öl oder etwas anderes Interessantes gestoßen sein, so tief bohrte er den Chirurgenstahl in meinen Unterleib. Hoffentlich bedeutete interessant in diesem Fall nicht, dass der Fötus ein dichtes Fellkleid aufwies oder Hörner und Hufe entwickelte. Auch wenn wir inzwischen wussten, dass Phelans Dämon ein abgetrennter Splitter aus Bylurs Seele war, der gemäß Gefions Berichten ein eher genügsamer und gutmütiger Ewiger gewesen war, so hatte sich Bylurs verlorenes Bruchstück auf seinem Weg ‚nach Hause’ vorübergehend in einem Wolf einquartieren müssen, um in dieser Welt Halt zu finden. Wie das eben so war mit dem ganzen metaphysischen Kram, nichts gehorchte irgendwelchen Regeln und meist trat das ein, was nicht auf der Karte stand. Somit war zusammen mit Bylurs Seelenstück ein Teil des Wolfes auf Phelan übergegangen, der mir vor wenigen Wochen mittels dämonischen Beischlafs die eine Genetik des Grauens aus dem Leib getrieben und im Anschluss durch eine andere ersetzt hatte. Unwillkürlich musste ich mich schütteln, als ich an das Geschehene zurückdachte, und schob die Bilderflut schnell wieder zur Seite. Just in diesem Moment nahm Dr. Kringer den Ultraschallstab zu Hilfe und drehte das Ding so intensiv in mir um, dass ich dachte, er wolle sich in mir einen Wodka Martini rühren.
Bitte nicht schütteln.
James Bond hätte an diesem Getränk ganz sicher keine Freude gefunden.
Ein weiterer unangenehmer Dreh nach rechts, ein etwas zu angestrengter Blick des Frauenarztes auf seinen Monitor und ich wusste, hier stimmte definitiv was nicht. Für mich war das, was Dr. Kringer dort sah, sowieso nur eine undefinierbare, graue Masse.
„Wann sagten Sie, hat die Übelkeit zum ersten Mal eingesetzt?“
Jetzt war ich dran, mir den Kopf zu kratzen. Diese Frage hatte der Arzt bisher gar nicht gestellt.
„Keine Ahnung“, antwortete ich und überschlug in Windeseile die letzten Wochen, “das muss so Mitte Dezember herum gewesen sein, also irgendwo zwischen der vierten und sechsten Woche, genau weiß ich das nicht mehr. Wieso?“
Dr. Kringer hatte mich inzwischen entkorkt wie einen reifen Wein und war dabei, sich seine Untersuchungshandschuhe abzustreifen. Dabei warf er mir einen merkwürdigen Blick zu, den ich nicht verstand, der mir aber auch nicht gefiel.
„Sie können sich wieder anziehen, aber ich brauche noch einige Proben von ihnen.“ Flugs drückte er ein Knöpfchen auf einer Art Gegensprechanlage. „Karin, kommen Sie bitte kurz für Blut und Urin, ich muss mir hier noch einige andere Werte genauer anschauen.“
Nicht Karin!, schoss es mir durch den Kopf. So freundlich, wie die war, rammte sie mir die Nadel sicher mit ganz besonderem Fingerspitzengefühl unter die Haut. Ich wollte schon protestieren, doch nur wenige Sekunden später trat die Sprechstundenhilfe bereits ein und ehe ich mich versah, war ich um mehrere Ampullen Blut ärmer. Zwar hatte ich mich getäuscht und Karin weniger schmerzhaft zugestochen als befürchtet, doch ließ ich in der ganzen Zeit nicht den Blick von Dr. Kringer, der im Gegensatz zu unserem Kennenlernen nun merklich nervös zwischen seinen Akten und dem Ultraschallausdruck hin- und hersah.
„Fertig“, sagte Karin.
„Urin noch“, entgegnete der Arzt, ohne auch nur einmal aufzusehen.
Also ließ ich mir noch einen Pappbecher in die Hand drücken, den ich auf dem kleinen WC mit den dunkelgrünen Siebzigerjahrefliesen artig füllte und in die vorgesehene Durchreiche stellte. Der Begriff ‚Pipibox’ aus meiner Schulzeit erlebte in dieser Praxis geradezu ein Revival. Mir kam die Situation allmählich sowieso Spanisch vor. Waren diese Dinge denn alle notwendig? Zwei Sachen musste ich nach unserer Rückkehr sofort erledigen: Franzi aushorchen, wie solche Untersuchungen generell abliefen, und mir möglicherweise so ein Ratgeberbuch für werdende Mütter im Internet bestellen. Auch wenn es keiner außer mir sah, so lief ich beim Blick in den Spiegel vor Scham ein klein wenig rot an. Bisher hatte ich mich tatsächlich sehr nachlässig verhalten, was die ersten Vorbereitungen für die kommenden Monate bedeutete. Ein kleiner Teil in mir hatte wohl immer noch nicht ganz kapiert, was da im Anmarsch war. Ermahnend hob ich den Zeigefinger gegen mein Spiegelbild.
„Du musst jetzt wirklich mal anfangen, dich zu kümmern.“
Ganz leise vernahm ich ein ‚Ja, ja’ in meinem Hinterkopf.
Nicht mal mein Unterbewusstsein nahm mich ernst.
Das konnte noch richtig heiter werden.
„Sie können dann gleich zurück ins Sprechzimmer“, wies mich Karin auf dem Flur an, während sie in einem Laborzimmer gegenüber der Toilette bereits mit meiner gelben Flüssigkeit hantierte.
Also wieder zurück ins Büro, dachte ich, klopfte pro forma erneut an und trat in den Besprechungsraum.
Sowohl Dr. Kringer als auch Daron warfen mir einen derart düsteren Blick zu, der mir die Haare zu Berge stehen ließ.
„Was ist los?“
„Kommen Sie bitte rein und machen Sie die Tür hinter sich zu.“
Mit bebendem Herzen gehorchte ich den Anweisungen des Arztes und ließ mich vorsichtig, so als würde ich mich auf einen Stuhl aus rohen Eiern setzen, neben Daron nieder. Sofort nahm dieser abermals meine Hand und dieses Mal wusste ich, dass etwas mehr als nur einfach nicht in Ordnung war. Darons sonst so angenehm warme Finger pressten sich eiskalt an die meinen und schienen deren Temperatur förmlich in sich aufzusaugen. Ein Schauer durchlief mich von Kopf bis Fuß.
„Daron, was geht hier vor?“ fragte ich verunsichert und erschrak ob der bekümmerten Miene meines geliebten Riesen. Selten hatte ich so dunkle Schatten auf dem wunderbaren Grün von Darons Augen liegen gesehen.
„Aline ... es ... tut mir leid, aber ... das Baby...“
Mein Herz setzte gefühlt fünf Schläge aus und Angst wallte in mir auf.
Was geschah hier gerade?
Was war mit meinem Kind?
Die Kälte aus Darons Hand schien wie Blitzeis auf mich überzugreifen und machte es mir unmöglich, auch nur zu blinzeln. Mein Kind, was stimmt nicht mit ihm?, wollte ich ausrufen, doch fühlten sich meine Stimmbänder plötzlich wie gelähmt an, während der Rest von mir wie an den Stuhl fest gefroren verharrte.
Was war mit meinem kleinen Mädchen?
War es krank?
Missgebildet?
Phelan hatte mir doch gezeigt, wie wunderschön und gesund es einst sein würde ... Hatte der genetische Austausch im Nachhinein etwa doch mehr Schaden angerichtet als Gutes bewirkt?
Wie durch einen Nebel hörte ich etwas klingeln, eine Stimme ein paar unverständliche Worte nuscheln und dann, wie Dr. Kringer sich räusperte und meinen Namen nannte.
Er musste ihn zweimal wiederholen, zu betäubt war ich auf einmal aus Angst vor dem, was man mir gerade dabei war, zu sagen.
Es kostete mich alle Kraft, meinen Kopf zu drehen und den Frauenarzt direkt anzusprechen.
„Das ... Kind ... ist es krank?“
„Nein“, antwortete Dr. Kringer, „das nicht. Es ist vielmehr ...“
„Was?“, flüsterte ich. Scheiße, ich hatte langsam richtige Panik. „Was denn?“, wiederholte ich kurz darauf lauter, als niemand mir antwortete, und fasste mir reflexartig an den Bauch.
„Wie geht es meinem Baby?“
„Das ist es ja“, vernahm ich Darons sanften Bass und blickte erneut in sein von einer tiefen Sorgenfalte geprägtes Gesicht.
„Es gibt kein Baby. Du bist nicht schwanger.“
Das war der Moment, in dem ich die Kontrolle über meine Achterbahn fahrenden Emotionen verlor und sich meine Angst mit aller Macht ihren Weg aus meinem Körper bahnte.
Ich begann zu lachen, bis mir die Tränen kamen.
Ich lachte so laut, als hätte Daron soeben den besten Witz aller Zeiten gemacht.
Aber tief in meinem Inneren wusste ich bereits, dass er die Wahrheit gesprochen hatte.
Nachdem ich mich von meinem unangebrachten, wenn auch irgendwie verständlichen hysterischen Lachanfall beruhigt hatte – Dr. Kringer war diese Schockreaktion eindeutig lieber gewesen als die Variante mit enttäuschter Heulerei und rasender Wut –, hatte ich mich wie benebelt von dem netten Dorfarzt verabschiedet und war ohne weiter auf Daron zu warten aus der Praxis hinaus auf den recht belebten Marktplatz geflohen. Es war ein ungewöhnlich milder Februartag, und die Sonne bemühte sich, den letzten Rest Schneematsch vom Kopfsteinpflaster zu tilgen, während ich wie ein kopfloses Huhn unkoordiniert durch die Gegend stolperte. Tief sog ich mehrmals die kalte Luft ein und füllte meine Lungen mit so viel Sauerstoff, wie meine Alveolen zu fassen vermochten. Das konnte alles doch nur ein furchtbarer Albtraum sein ...
„Kleines, warte, deine Jacke!“
Abrupt blieb ich stehen und drehte mich zu Daron um, der mit wehendem Mantel und meiner Winterjacke in der Hand aus der Praxis gestürzt kam. Verdutzt blickte ich an mir herunter. Tatsächlich, ich hatte sie an der Garderobe hängen lassen. Schon fuhr mir ein erster kalter Windstoß unter meinen dünnen Pullover und fegte die wenigen, wärmenden Sonnenstrahlen von meiner Haut. Sekunden später stand Daron vor mir und hielt mir die Jacke auf, damit ich hineinschlüpfen konnte. Doch ich war zu betäubt, als dass ich mich hätte rühren können. Mein geliebter Riese verstand, legte mir die Jacke wie einem kleinen Kind behutsam um die Schultern und zog mich dabei an seine warme Brust. Mit seinen starken Armen drückte er mich so fest an sich, als befürchtete er, ich würde sonst sofort weiterlaufen. Damit hatte er gar nicht mal so unrecht. Wenn das Gehirn nicht mehr Eins und Eins zusammenzählen konnte, war die beste Methode, um es wieder in Gang zu bringen, sich zu bewegen. Allerdings war ein öffentlicher Platz mit Publikum und Cafés dafür weniger geeignet als beispielsweise ein Laufband im Keller. Ich löste mein Gesicht von Darons weichem Mantel und schaute ihn an. Besorgnis spiegelte sich in seinen sonst so beruhigend wirkenden Augen wider, während sich einzelne, schwarze Strähnen aus seinem Zopf gelöst hatten und unsere Gesichter im Wind umspielten wie ein zerschlissener Vorhang nach einer tragischen Premiere.
„Du kannst doch nicht einfach ohne Jacke rausrennen“, sagte Daron und streichelte mir sanft über meine Wange. „Du holst dir doch sonst ...“
„... den Tod?“, ergänzte ich seinen Satz.
Ich hatte es mir wirklich verkneifen wollen, aber kam nicht gegen die plötzliche Leere in meinem Herzen und die allmählich aufkochende Verzweiflung an. „Wenn eins sicher ist, Daron, dann das – den Tod habe ich mir schon vor vielen Wochen geholt, und das mehr als nur einmal.“ Das klang bitterer, als es eigentlich beabsichtigt war, aber meine persönlichen Schutzschilde waren komplett außer Gefecht gesetzt worden und die stufenweise Regulierung der Emotionen lief nur noch per Notstromaggregat.
„Eigentlich hatte ich Schnupfen sagen wollen.“ Anstatt aufwallendem Ärger über meinen bissigen Kommentar las ich in Darons Gesicht nur Liebe, während er mich weiterhin fest an sich drückte. Doch ich wollte nicht gedrückt werden. Ich wollte wütend sein und wusste dabei nicht einmal auf wen oder vielleicht auch was.
„Was ist das alles, ein grausamer Scherz?“, fragte ich fassungslos und versuchte, meiner Empörung Ausdruck zu verleihen, indem ich mich bemühte, Darons Arme von mir abzuschütteln. Vergeblich.
Je mehr ich drohte, außer Kontrolle zu geraten, desto enger zog mich mein Ewiger an sich und schenkte mir einen Blick voller Mitgefühl und Verständnis. Ich wusste, dass ich ihm später dankbar dafür sein würde, aber im Moment war ich eine tickende Gefühlsbombe, die jederzeit hochzugehen drohte. Daron wusste das. Und genau deshalb ließ er mich nicht los.
„Es tut mir so leid“, flüsterte er und drückte mir einen dicken Kuss auf meine Stirn. Diese liebevolle Geste voller Empathie schaffte es, das Brodeln in meinem Bauch vorerst ein wenig zu besänftigen.
„Mir auch“, antwortete ich und versuchte halbherzig, ein wenig die Spannung aus meinem Körper zu vertreiben.
„Ich fühle mich auf einmal so ... leer. Nutzlos. Wie eine Hülle, der man das Innenleben gestohlen hat ... Wie kann das sein? Ich ... ich habe sie doch gesehen?“
„Wen hast du gesehen?“ Fragend zog Daron eine Augenbraue hoch.
Verdammt.
Jetzt hatte ich mich doch noch verplappert.
„Die ... Zukunft“, improvisierte ich blitzschnell, „in einem Traum, im Urlaub. Du, ich und das Baby, es war nur ein kurzer Augenblick, aber es schien so real ...“
Mann, das ging mir eigentlich gegen den Strich. Daron konnte man zwar anlasten, dass er mir manche Dinge nicht erzählte, doch richtig angelogen hatte er mich niemals. Ich allerdings flunkerte ihn gerade bewusst nach allen Regeln der Kunst an. Das war in meinen Augen ziemlich unfair. Aber lieber jubelte ich ihm dieses Mal eine kleine, unbedeutende Notlüge unter, als dass er mehr über Phelans Traumkontakt auf der Klippe über dem tosenden Meer erfuhr.
In diesem Moment durchfuhr mich eine Erkenntnis wie ein Blitz und schlug in meiner Mitte ein wie in einen morschen Baum. Hätte Daron mich nicht so fest in seinen Armen gehalten, es hätte mich richtiggehend umgehauen.
„Phelan!“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich weiterhin auf die hochgezogene Braue meines Gegenübers und war unfähig, auch nur ein weiteres Wort zu sagen. Gedanken stürmten zuhauf wie berittene Krieger vor meinem geistigen Auge an mir vorbei und prasselten zeitgleich wie Granateinschläge von oben auf das weiche Gewebe meines Gehirns ein.
„Was meinst du?“, fragte Daron irritiert und verstärkte seinen Griff vorsichtshalber ein wenig. Er kannte mich einfach schon viel zu gut und wusste, dass ich entweder ausrasten oder zusammensacken würde. Dieses Mal war eher Letzteres der Fall.
„Es ist nicht nur mein Kind. Es ist auch seins.“
Grenzenlose Panik durchflutete jede einzelne meiner Zellen und brachte sie alle innerhalb kürzester Zeit zur Implosion.
„Er ist ... er war der Vater. Und jetzt ist es weg. Verstehst du, Daron? Das Kind ist weg! Was bleibt denn jetzt noch von ihm auf dieser Welt?“
Erneut spürte ich Einschläge auf der Innenseite meines Kopfes. Ich sah im Rückwärtslauf den Abschiedsbrief, den der Wolfsäugige mir in meinen Koffer geschmuggelt hatte ... die liebevollen Zeilen, in denen er schrieb, dass er von seinem bevorstehenden Schicksal wusste... dass er hoffte, ich würde unserer Tochter einmal seinen geheimen Lieblingsplatz zeigen, ein bezauberndes kleines Cottage auf der Klippe an der irischen See ... und dass er schrieb, wie stolz er auf uns war.
Ein weiterer Einschlag schickte mich ohne Pause zurück in die Höhle, in der Gefion seit Urzeiten gefangen den perfiden Plan ihrer Wiederauferstehung perfektionierte und ihrer neuen Hülle entgegenfieberte, welche sich gemäß ihrer List in meinem Körper zu formen begonnen hatte. Ich sah Phelan, zu meinem Schutz an meine Seite geeilt, deformiert durch die erzwungene Transformation mittels Bylurs Seelensplitters, sah erneut, wie ich ihm das Messer in die Brust stieß und umdrehte, um seine Blutsverbindung zu Gefion zu kappen und sie dadurch für immer aus dieser Welt zu verbannen ... und ich sah die beiden funkelnden Kristalle, die sich aus Phelans und meinem Körper lösten, um zusammen mit Gefion durch den Zugang für immer in eine andere Dimension zu entschwinden. Wieder fügte sich eins zum anderen, und ich wurde dessen gewahr, was ich vor Wochen in der Höhle noch nicht hatte erkennen geschweige denn wissen können. Ich war mir zwar klar darüber gewesen, dass Phelan auch Merkmale von Gefion in sich trug, welche er mir durch unser Zusammensein vermachte hatte, und dass Gefion deshalb ihre Wiedergeburt in einem neuen, frischen Körper erreichen konnte. Doch nun war ich auf dem abgewetzten Untersuchungsstuhl einer piefigen Dorfpraxis eines Besseren belehrt worden. Es war nicht nur Gefions Seelenteil gewesen, der durch ihr und Phelans Ableben aus meinem Körper und somit von dieser Welt getilgt worden war. Nein, es war die ganze Seele eines ungeborenen Kindes, welche die beiden zusammen mit sich in die Anderswelt genommen hatten.
Ich schmeckte plötzlich Salz auf meinen Lippen und merkte, dass ich über all diesen Gedanken angefangen hatte zu weinen. Ich hätte es mir denken können, schimpfte ich verzweifelt mit mir selbst. Schon länger hatten sich meine von Phelan erhaltenen, verschärften Sinne nicht mehr gezeigt. Sinne, die mit der Transformation des Fötus einhergegangen waren,. Aber ich war mit meiner Trauer zu beschäftigt gewesen, um dem angemessen Beachtung zu schenken.
„Die Kristalle ...“, schluchzte ich und zog dabei zweimal kräftig meine Nase hoch, „als Phelan starb und er und Gefion durch den Zugang gezogen wurden ... Die Kristalle, die sich aus Phelans Hand und meinem Bauch gelöst haben ... Daron, das war nicht nur Gefions Anteil an dem Kind, den sie mit sich genommen hat. Es war das Kind selbst.“
Nun war es an Daron, die Augen weit aufzureißen und einen unbeholfenen Schritt nach hinten zu machen.
„Du meinst ...“ Mein Gefährte versuchte zu schlucken, doch versagte jetzt auch ihm sein Körper den erwünschten Dienst.
„Ja, genau das. Phelan dachte bis zuletzt, er rettet mit seinem Tod zumindest sein Kind und hinterlässt damit etwas, was uns für immer mit ihm verbindet. Er wusste genauso wenig wie wir, dass Gefions Verbannung aus dieser Welt auch das Ende des Babys bedeuten würde.“
Ich schaffte es, Darons Umarmung zu lockern und mir mit beiden Händen Tränen und Rotz aus dem Gesicht zu wischen.
„Daron“, quietschte ich jetzt voller Entsetzen und griff meinerseits nach seinem Mantel. „Er wusste nicht, dass das Kind nicht überleben würde. Hätte er das, hätte er vielleicht nach einem anderen Weg gesucht, Gefions Plan zu durchkreuzen, als sich freiwillig zu opfern ...“
„Leiser, Aline, solche Sätze sollte man gerade in so kleinen Orten wie hier lieber nicht laut aussprechen“, mahnte Daron eindringlich und scannte in Blitzgeschwindigkeit den Markplatz danach, ob uns möglicherweise jemand gehört hatte. So sehr ich seine Sorge auch verstand, ich war aktuell im totalen Verzweiflungsmodus und nicht mehr in der Lage, rational zu reagieren. Der Schalter für den Normalzustand war gerade abgebrochen.
„Daron!“, wiederholte ich den Namen meines Gefährten, und bettelte wie ein kleines Kind um seine volle Aufmerksamkeit, welche er mir nach dem kurzen Umgebungscheck wieder zuteil werden ließ. Sein Gesicht war blasser als sonst.
„Was, Kleines?“, flüsterte er und legte seine Hände auf die meinen.
Ein dicker Kloß steckte plötzlich in meinem Hals und machte es mir fast unmöglich, den folgenden Gedanken auszusprechen.
„Was ist, wenn ich Phelan umsonst getötet habe?“
Nach diesem ausgesprochenen Gedanken hatte Daron nicht lange gefackelt, sondern mich entschlossen auf seine starken Arme gehoben, zurück zum Auto getragen und wie ein zitterndes, kleines Hündchen auf dem Beifahrersitz festgezurrt. Offenbar hatte er Angst gehabt, was ich in meiner Situation noch alles laut ausposaunte und dadurch unerwünschte Aufmerksamkeit auf uns zog. Ehrlich gesagt, ich war in diesem Moment wirklich nicht mehr Herr über mein Gehirn geschweige denn meinen Mund gewesen. Ein älteres Ehepaar hatte noch gefragt, ob sie uns helfen konnten, als Daron mich kurz an den Geländewagen gelehnt hatte. Mein Gefährte hatte versucht, sie mit einem kurzen „Nein danke, ihr ist etwas schwindelig“ abzuwimmeln. Doch wie es so ist in kleinen Käffern, Neugier und Misstrauen gegenüber Fremden wurden so sorgsam gepflegt wie die Geranien am heimischen Balkon. Als das Paar immer noch nicht weitergehen wollte, sah sich Daron genötigt, mehr Information preiszugeben, als den Rentnern eigentlich zugestanden hätte. Aber worauf wir noch weniger Lust gehabt hatten als auf zwei neugierige Alte war eine Begegnung mit der Polizei, falls die beiden annahmen, ich würde soeben entführt.
„Sie ist schwanger“, hatte Daron hastig angefügt und mich derweil in den Wagen gestopft. Sofort war die Stimmung des Paares von misstrauisch auf begeistert umgeschwungen, und nur mit merklicher Anstrengung war es Daron gelungen, die freudigen Glückwünsche anzunehmen. Auch ich hatte ein kurzes „Danke“ gemurmelt und war dann wieder in meinen geistigen Nebel des Grauens abgetaucht. Nur kurz darauf war mein sonst so sanfter Riese entnervt hinter das Lenkrad gesprungen und hatte uns mit mehr Schwung als eigentlich notwendig aus dem Parkplatz und kurz darauf zurück auf die Landstraße befördert.
„Entschuldige, ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte“, hatte er sich mit einem lauten Seufzer an mich gewandt und dabei meine Hand gedrückt.
„Schon gut“, hatte ich genuschelt und mir gleichzeitig gedacht, wie unfassbar das alles war. Soeben war es noch die Wahrheit gewesen. Jetzt nichts weiter als eine einzige, vor Verrat und Verzweiflung triefende Lüge.
„Ich hoffe, ich habe sie nicht zu unfreundlich abgespeist. Sie hatten gerade angefangen, nach Fotos von ihren Enkelkindern zu kramen. Da ist mir dann fast die Beherrschung abhandengekommen, und ich habe nur noch geschaut, dass wir da wegkommen.“
„Schon gut“, hatte ich mich wiederholt, denn mehr Vokabular war aktuell nicht mehr auf meiner Festplatte gespeichert. Was hätte ich auch sonst sagen sollen?
Die Fahrt zurück zum Schloss schien Daron entgegen seiner sonst so ruhigen Natur mit dem Bleifuß zurückzulegen. Nach unserem Ausstieg hatten wir uns vor dem Haupteingang so fest umarmt, als sei soeben unsere Welt komplett zerbrochen.
Zumindest ein Stück, das fehlte bereits.
Ich hatte mich in dem Moment ernsthaft gefragt, wie oft solche Sachen noch geschehen mussten, bis sie gänzlich in abertausend kleinen Scherben lag. Tief hatte ich Darons unverwechselbaren Duft nach tiefgrünem Wald und feuchter Erde nach einem Morgenschauer eingeatmet, hatte mich an seine Brust geschmiegt und einfach nur lautlos meine Tränen laufen lassen. Dabei hatte ich bemerkt, wie ein leichter Schauer durch Darons stattlichen Körper lief, und als ich zu ihm durch den Schleier meiner Tränen aufblickte, sah ich, dass er damit zu kämpfen hatte, nicht auch zu weinen. Er musste nichts sagen, damit ich wusste, was ihn bewegte. Ich wusste es schon längst, aber war nicht in der Lage, die richtigen Worte dafür zu finden.
Nach einer gefühlten Unendlichkeit hatte ich mich aus seinen Armen gelöst und um etwas Zeit für mich gebeten. Ich hatte nicht unhöflich sein wollen, weil ich wusste, dass Daron die ganze Sache ebenso sehr mitgenommen hatte wie mich, aber ich brauchte jetzt dringend Freiraum und Ruhe, um alle meine Gedanken zu ordnen. Nachdem mir Daron das Versprechen abnahm, keinen Blödsinn anzustellen – als ob ich schon jemals irgendetwas Dummes getan hätte – zog ich mich zurück an einen Ort, der mir mehr als jeder andere Grauen und Erlösung zugleich war.
Da saß ich nun auf dem Boden der Bibliothek vor dem prasselnden Kaminfeuer, die Arme fest um die Knie geschlungen, und ließ mir meine innere Kälte von den tanzenden Flammen vertreiben. Das Knistern und Knacken des Holzes erinnerte mich daran, wie Daron und ich unser erstes Date bei ihm im Penthouse mit einer Schlemmerorgie par excellence verbracht hatten und wie der Nachtisch ungeplant heißer und zugleich süßer als jeder flambierte Crêpe der Welt ausfiel. Automatisch musste ich lächeln bei dieser schönen Erinnerung und genoss in Gedanken erneut die Spannung des Geschehenen, schmeckte abermals salzige Haut und wilde Lust ... bis mein Gehirn unerlaubterweise einen flinken Haken schlug wie ein verwundeter Hase auf der Flucht und mir all die Szenen wieder ins Gedächtnis rief, welche jenes wunderbare Rendezvous zu dem Tag wandelten, ab dem nichts mehr in meinem Leben so war wie bisher. Zwar hatten die Erinnerungen, welche ich geschätzt mehrere tausend Mal geistig abgespult hatte, in der Zwischenzeit ein wenig an Schrecken verloren, doch besaßen sie immer noch genug Intensität, um mir die ein oder andere Gänsehaut zu verpassen.
Ich öffnete meine Augen, von denen ich gar nicht bemerkt hatte, dass ich sie geschlossen hatte, und blickte unbewusst auf die Stelle gleich neben dem Kamin, an der der schrecklich entstellte Phelan von dem verwandelten Mael mit aller Wucht an die Wand geschleudert worden war. Die private Putzkolonne der McÉags hatte mit sämtlichen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, das ganze Blut und alle anderen Körperflüssigkeiten, Hautfetzen und Fleischbrocken von den Steinquadern und dem alten Fußboden zu entfernen, doch war sie an der Hartnäckigkeit der übermenschlichen Absonderungen kläglich gescheitert. Luan, der Vater der Achtlinge, von seinem eigenen, wahnsinnigen Sohn grausam gefoltert und verstümmelt, hatte mich hierzu vor Kurzem zu sich rufen lassen. Wie groß war meine Angst gewesen, den einst so stattlichen Ewigen, von dem Daron den Großteil seiner hinreißenden Optik geerbt hatte, nach dem Geschehenen wieder zu sehen. Als ich ihn zusammen mit Cayden neben Daron, Alan und der ebenfalls schwer verletzten Franziska in einer der zahllosen Verzweigungen von Gefions Höhle gefunden hatte, war von dem sonst so imposanten Hünen nicht viel mehr übrig gewesen als ein blutverkrusteter Haufen. Trotz seiner Verwundungen hatte er den letzten Rest Kraft aufgebracht, mir per Gedankenübertragung die Information zu geben, mit deren Hilfe ich Gefions Verbannung aus dieser Welt letztlich entschlüsseln konnte.
Als ich zusammen mit Daron erneut den Thronsaal im tiefsten Herzen des Schlosses betreten hatte, war ich deutlich nervöser gewesen als beim ersten Mal, damals, als ich dort meine Einführung in die Familie erhalten sollte, welche für mich persönlich in ein Riesenfiasko gemündet hatte. Bibbernd hatte ich die schwere Tür geöffnet und einmal tief ausgeatmet, als Luans Anblick fast wieder dem vor Gefions und Maels Anschlag glich. Erfreut, uns zu sehen, hatte er uns an den Drachenthron gewunken und mich sofort in seine Arme gezogen, gerade als ich formell zu einem Knicks hatte ansetzen wollen.
„Danke“, war Luans tiefer Bass in meinem Kopf erklungen wie das weiche Versprechen einer tiefschwarzen Samtdecke, während er mir seine unversehrte Hand an die Wange gelegt hatte. Kribbelnde, wohlige Wärme hatte von dieser Stelle aus meinen ganzen Körper durchflutet und mir damit mehr mitgeteilt, als es Worte jemals hätten fassen können. Später hatte mir Darons Vater neben seiner Dankbarkeit unter anderem auch mitgeteilt, dass ich bei meinem ersten Betreten der Bibliothek nicht erschrecken sollte. Das Blut des Kampfes hätte sich so sehr in Wand und Boden gefressen, dass es mit normalen Mitteln nicht mehr zu entfernen sei. Eine Intensivbehandlung mit Chlor und anderem Chemiekram hatte Luan dennoch strikt abgelehnt, da dieses Bemühen nicht nur sinnlos gewesen wäre, sondern obendrein auch noch das uralte Gestein angegriffen hätte.
Nun saß ich vor dem Kamin und blickte auf die Wand, an die Mael den armen Phelan geschleudert hatte, welcher mich mit seinem selbstlosen Einsatz vor einer erneuten Entführung durch seinen wahnsinnigen Bruder hatte retten wollen. Eine dunkle Spur verlief von einem großen Fleck abwärts auf den Boden und verlor sich dort unter einem relativ neu wirkenden, riesigen Teppich, der so gar nicht zu diesem erhabenen und altehrwürdigen Ort passen wollte. Ich wusste, dort unter den gewobenen Fasern befand sich noch mehr von dem, was an der Wand nicht verdeckt werden konnte.
Ich straffte meine Schultern und versuchte, das soeben Erfahrene und das, was es bedeutete, der Reihenfolge nach zu verarbeiten.
Ich war nicht schwanger.
Nicht mehr.
Wie ich es drehte und wendete, ich kam nur zu einer Schlussfolgerung. Gefion, eine der ersten Bewahrerinnen und das intriganteste Miststück, das mir jemals untergekommen war, musste gewusst haben, dass der Tod Phelans als ihr Anker in dieser Welt ebenso das Ende des kleinen Lebens bedeute, das sich in meinem Uterus zu bilden begonnen hatte. Sicher war sie davon ausgegangen, dass wir dies ebenfalls wussten, und hatte darauf spekuliert, dass ich, die ich von Anfang an mit allen Mitteln für die Existenz des Kindes gekämpft hatte, aus diesem Grund niemals wagen würde, ihren Halt in dieser Welt zu vernichten. Ihre Rechnung war aber nicht aufgegangen. Auch wenn man mir eventuell zugestehen musste, dass sowohl mir als auch Phelan dieser nicht gerade unerhebliche Aspekt komplett durch die Lappen gegangen war, so änderte das unterm Strich nichts daran, dass Gefion zwar für immer geschlagen war, dieser Sieg aber mit einem Preis einherging, der mir im Nachhinein so schrecklich sinnlos und grauenvoll vorkam.
Phelan und seine Tochter waren gegangen.
Und ich war diejenige, die all das verschuldet hatte.
Für den Wolfsäugigen, der in seiner menschlichen Hülle mit seinen gelben Bernsteinen und den wilden, rotbraunen Locken ebenso schön war wie abschreckend entstellt, nachdem ich seinen Dämon angerufen und seine Transformation erzwungen hatte, war sein Abschied aus dieser Welt eine gewollte Erlösung gewesen. Je mehr ich darüber nachdachte, desto sicherer war ich mir, dass Phelan, auch wenn sein Ableben Gefion nicht aufgehalten hätte, irgendwann trotzdem diesen Weg für sich gewählt hätte, an einem anderen Tag, in einer anderen Situation ...
