Entwicklungstrauma - Pet Anthony - E-Book

Entwicklungstrauma E-Book

Pet Anthony

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Beschreibung

Entwicklungstrauma heilen – Dein Weg zu einem selbstbestimmten Leben Hast du das Gefühl, dass du auf der Stelle trittst und dich immer wieder in ähnlichen, schädlichen Beziehungen im privaten und beruflichen Bereich wiederfindest? Hast du den Eindruck, dass du nie glücklich sein darfst? Begleiten dich ständig die gleichen Ängste oder leidest du unter emotionaler Einsamkeit? Fällt es dir schwer, Nein zu sagen und Grenzen zu setzen, sodass du immer wieder knapp vor dem Burnout stehst? Meist haben wir keine Ahnung, dass die Wurzeln dieser und anderer Probleme tief in unserer Kindheit liegen. Unverarbeitete Entwicklungstraumata sabotieren dein Wohlbefinden, rauben dir Selbstvertrauen und gestalten dich fremdbestimmt statt frei. Hypnosetherapeutin Pet Anthony kennt diese Dynamik aus ihrer langjährigen Arbeit mit ihren Klienten und teilt dieses Wissen und ihre Erfahrung in diesem Buch mit dir. Auch auf YouTube begeistert sie mit ihren informativen Videos mittlerweile mehr als 50.000 Abonnenten. 5 Gründe, warum du dieses Buch brauchst   - Trauma verstehen Erfahre, warum Traumata bereits im Säuglingsalter und davor ihren Ursprung nehmen und welche Rolle fehlende Sicherheit und die Fehlentwicklung des Nervensystems dabei spielen.   - Die Signale des Körpers wahrnehmen Erkenne körperliche Warnsignale wie innere Unruhe, Verspannungen im Kiefer und Nacken als Spuren, die das Trauma in deinem Körper hinterlassen hat.   - Stressregulation aktivieren Erlerne einfache Atem- und Vagusnerv-Übungen, mit denen du dein Nervensystem nachhaltig beruhigen und den Cortisolspiegel normalisieren kannst.   - Die Psyche stabilisieren Arbeite mit Schuld, Scham und Perfektionismus: Setze klare Grenzen, sag "Nein" und löse dich aus alten Bindungsmustern.   - Selbstbestimmung leben Baue Schritt für Schritt deine Autonomie auf, finde zu mehr Lebensfreude und lebe souverän deine Bedürfnisse. Was dieses Buch einzigartig macht: Anders als theoretische Standardratgeber liefert Pet Anthony einen ganzheitlichen 3-Phasen-Ansatz – von der Analyse der Kindheitsprägungen (Teil 1) über die konkreten Traumafolgen im Erwachsenenleben (Teil 2) bis zur tiefen Heilung von Körper und Psyche (Teil 3). Exakt dort, wo andere stoppen, führt sie dich weiter: mit systemischen Übungen und effektiven Selbsthypnose-Tools, die du sofort zu Hause anwenden kannst. Über die Autorin: Pet Anthony verknüpft neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit ihrer langjährigen Erfahrung aus der Hypnosetherapie. Ihre praxisnahen Techniken ermöglichen eine nachhaltige Veränderung für mehr Gelassenheit, Gesundheit und innere Freiheit. Starte noch heute und beginne, dein traumatisiertes inneres Kind zu heilen!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 275

Veröffentlichungsjahr: 2025

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© Pet Anthony

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung bedarf der ausschließlichen Zustimmung des Autors. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Verwertung, Übersetzung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

ISBN Paperback: 978-3-96967-638-7

ISBN E-Book: 978-3-96967-639-4

Originale Erstausgabe 2025© by Eulogia Verlags GmbH

Eulogia Verlags GmbHGerhofstraße 1–3

20354 Hamburg

Satz und Layout: Tomasz DębowskiUmschlaggestaltung: Aleksandar Petrović

Alle Rechte vorbehalten. Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

TEIL 1: Wie Trauma entsteht

Trauma bleibt oft unbemerkt – Das Leben in der Bubble

Bei uns war doch alles in Ordnung – oder doch nicht?

Das große Thema Sicherheit: Nonverbale Kommunikation und Gegenseitigkeit

Steter Tropfen höhlt den Stein – Das kumulative Trauma

Kinder können sich nicht selbst beruhigen

Trauma erzeugt Trauma – Die Schatten der dunklen Vergangenheit

Die Folgen der transgenerationalen Weitergabe von Trauma

Wann beginnt eigentlich unser Leben und wann das Trauma?

Die Ablehnung des Kindes durch die Mutter

Täter-Opfer-Beziehung zwischen Mutter und Kind

Wenn die eigene Identität abgespalten wird

Wenn Trauma uns daran hindert, unsere eigene Identität zu entwickeln

Symbiosetrauma

Der Zugehörigkeits- und Selbstbestimmungskonflikt

Parentifizierung – Das große Leid des Rollentauschs

Emotionaler Missbrauch – die unsichtbare Gewalt

Aufwachsen in einer Scheinwelt – dysfunktionale Familien mit narzisstischen Elternteilen

TEIL 2: Wie sich das Trauma im Erwachsenenleben zeigt

Wenn unsere Nerven und Muskeln zu uns sprechen

Kompensationsstrategien zur Füllung der inneren Leere

Die normopathische Gesellschaft als Verstärker

Dauerhafter Stress als Folge des falschen Lebens

Vorbelastung des Nervensystems durch unsere Eltern

Dauerhaft gefangen im Überlebensmodus

Die Folgen des Überlebensmodus

Gefangen im Trauma – Wenn Veränderung nicht mehr möglich ist

Wenn unsere Muskeln das Trauma festhalten

Unser Körper wird zum Panzer

Symptome des angespannten Muskelapparates

Die Spuren des Entwicklungstraumas in der Psyche

Das Gefühl der inneren Leere – Das große schwarze Loch

Ständige Selbstzweifel und das Gefühl der Wertlosigkeit

Wenn wir keine Grenzen setzen können

Perfektionismus und das Brave-Tochter-Syndrom

Burn-out – Wenn unser Leben aus den Fugen gerät

Gedankenkreisen – Wenn unsere Gedanken Achterbahn fahren

Schlafstörungen

Suchttendenzen

TEIL 3: Der Weg zur Heilung

Wo anfangen?

Die goldenen Drei

Die Magie des Atems

Faszination der Hypnose

Praktische Umsetzung

Schlusswort

Anhang

Über die Autorin

Vorwort

Sind wir alle traumatisiert? Diese Frage wirkt im ersten Moment provokant. Doch in den letzten Jahren ist immer deutlicher geworden, dass fast jeder von uns in irgendeiner Form Spuren von Verletzungen aus der Vergangenheit in sich trägt. Wer genauer hinsieht und die eigene Biografie reflektiert, bemerkt oft: Die Kindheit war nicht immer so heil, wie wir sie uns lange eingeredet haben. Plötzlich bekommen Verhaltensweisen, die wir kaum verstanden haben, eine Erklärung; und mit dieser Erkenntnis taucht nicht selten ein Gefühl der Ohnmacht auf.

Traumatisierung ist kein Randphänomen, sondern betrifft uns als Gesellschaft im Kern. Was wir nicht aufarbeiten, geben wir unbewusst weiter an unsere Kinder, Partner, Mitmenschen. Wer die eigenen Muster erkennt und verändert, durchbricht nicht nur den Kreislauf des Leidens, sondern schafft die Grundlage für gesunde Beziehungen und eine tiefere Verbundenheit mit sich selbst.

Dieses Buch ist deshalb in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil geht es darum, wie Entwicklungstraumata entstehen und warum frühe Bindungserfahrungen so prägend sind. Entscheidend ist dabei nicht, ob du dich an konkrete oder gar drastische Ereignisse erinnern kannst. Oft fehlen solche Erinnerungen, doch der Körper trägt Spuren der Vergangenheit in sich. Genau hier setzt dieses Buch an.

Im zweiten Teil geht es um die vielfältigen Folgen dieser frühen Prägungen. Die dramatischste darunter ist, dass wir unser Leben nicht wirklich leben, vielmehr werden wir gelebt. Wir erfahren uns nicht als selbstwirksam, so, als hätte man uns das Ruder aus der Hand gerissen. Stattdessen verharren wir im Überlebensmodus. Unser Körper sendet dabei deutliche Signale: Verspannungen, Schlafprobleme, Süchte, chronischer Stress, Selbstzweifel. Viele Menschen leben dauerhaft in innerer Anspannung, ohne es bewusst zu merken. Körper und Seele schreien, doch wir haben verlernt, hinzuhören. In diesem Zusammenhang erfährst du auch, welche wichtige Rolle bei den Traumafolgestörungen unser Nervensystem hier speziell auch der Vagusnerv, sowie unser Muskelapparat spielen.

Im dritten Teil erhältst du praktische Werkzeuge, um aus der Ohnmacht herauszutreten. Drei Körperbereiche spielen dabei eine besondere Rolle. Lösen wir dort die Anspannung, kann der Organismus vom Überlebensmodus in die Entspannung wechseln. Atemübungen, Selbsthypnose und andere leicht umsetzbare Methoden eröffnen dir einen Weg, mit deinen Traumata zu arbeiten, unabhängig von äußeren Hilfen. Schon nach etwa drei Wochen regelmäßiger Übung können spürbare Erleichterungen eintreten.

Die zentrale Botschaft lautet: Raus aus der Opferhaltung, hinein in die Selbstwirksamkeit. Wir können unsere alten Strategien erkennen, akzeptieren und Schritt für Schritt verändern. Damit heilen nicht nur wir selbst, sondern wir verhindern auch, dass wir unbewusst unsere Kinder und Partner mit denselben Mustern belasten.

Stell dir eine Welt vor, in der immer mehr Menschen diesen Weg gehen, ihre Entwicklungstraumata aufarbeiten und wieder in Verbindung mit ihrem Wesenskern kommen. Eine Welt, in der Körper, Geist und Seele im Einklang leben. Dieses Buch möchte dich ermutigen, dich auf diesen Weg zu begeben. Veränderung ist möglich. Und sie beginnt bei dir.

TEIL 1Wie Trauma entsteht

Trauma bleibt oft unbemerkt – Das Leben in der Bubble

Wir alle kennen dieses Gefühl: eine dauerhafte innere Anspannung, die sich wie ein unsichtbarer Schatten über unser Leben legt. Vielleicht merkst du, dass du nachts mit den Zähnen knirschst, immer wieder schlaflos bist oder das Gefühl hast, innerlich nie zur Ruhe zu kommen.

Mit recht hoher Wahrscheinlich leidest auch du an einem oder mehreren der häufigsten Symptome:

• Bruxismus (Zähneknirschen)

• Schlafstörungen und Panikattacken

• Selbstzweifel, Depression, emotionale Einsamkeit

• Psychosomatische Beschwerden bis PTBS

• Perfektionismus

Diese Symptome sind Warnsignale unseres Körpers und unserer Psyche. Sie zeigen, dass unbewältigte Erfahrungen aus der Kindheit weiterhin Einfluss auf unser heutiges Leben haben. Oft schreiben wir diese Symptome dem Stress des Alltags zu – doch die Wurzel liegt tiefer. Viele von uns leben in einer durchsichtigen Seifenblase: geschützt, aber isoliert von echtem Kontakt zu uns selbst und anderen.

Die wenigsten setzen sich damit auseinander, wo der Ursprung ihrer Symptome liegt. Der Großteil akzeptiert sein scheinbar auswegloses Schicksal und arrangiert sich mit der Situation. Es gibt schließlich Schlimmeres – und auch Wichtigeres. Kaum einer nimmt sich die Zeit, nach den Ursachen zu forschen. Es fehlt auch schlicht die Zeit. Schließlich fordern Job, Familie, Freunde und noch so viele mehr unsere Aufmerksamkeit.

Da kommt es einem fast schon egoistisch vor, sich um sich selbst zu kümmern. Psyche und Körper senden verzweifelt immer heftigere Signale – doch vergebens. Mit verheerenden Folgen: Nicht wenige brechen irgendwann zum Beispiel unter einem Burn-out zusammen. Arbeit war eben wichtiger. Nicht ohne Grund.

Dieses ständige Beschäftigtsein ist zu einem Zwang ausgeartet, zu einer Ablenkung, einer Kompensationsstrategie. „Wenn ich nur genug leiste, werde ich endlich angenommen oder gar geliebt“, so der unbewusste Glaubenssatz, der oft zugrunde liegt. Dieser Glaubenssatz ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet; es könnten bei dir aber auch andere unbewusste Muster am Werk sein.

Was die meisten Glaubenssätzen jedoch gemein haben: Ihr Ursprung liegt in der Kindheit. Es hat irgendeine Form der Traumatisierung stattgefunden, die enorme Auswirkungen auf das jetzige Leben hat. Jetzt, als Erwachsener, lebst du in dieser Blase, abgeschnitten von der Außenwelt.

Auch wenn du viel unter Menschen bist und eigentlich ganz gut mit ihnen auskommst, kann es sein, dass du wahre Verbindung meidest. Vielleicht fällt es dir schwer, mit deinen Mitmenschen wirklich authentisch umzugehen. Wir sind es so gewohnt, uns auf eine bestimmte Art zu verhalten, dass der Umgang meist automatisiert abläuft. Wir sind so sehr mit unserer Rolle vertraut, dass sie sich anfühlt wie eine zweite Haut, wie die Blase, die uns umgibt.

Stell dir vor, wie dein Leben ohne diese Blase wäre. Du würdest die Welt um dich herum unmittelbar erleben und ein Teil von ihr sein. So könntest du dich selbst wieder spüren und die Mauern zwischen dir und deinen Liebsten überwinden.

Zum jetzigen Zeitpunkt kannst du dir wahrscheinlich noch gar nicht ausmalen, wie sich dein Leben zum Positiven ändern könnte, wenn du die wahre Ursache deiner Symptome nicht nur kennst, sondern sie auch auflöst. Eventuell warst du in deiner Vergangenheit in einer Situation, in der du dich nicht getraut hast, eine Person anzusprechen – ob im privaten oder beruflichen Kontext. Deine aktuelle Situation könnte ganz anders aussehen, hätte dich damals nicht diese innere Stimme zurückgehalten, die dir gesagt hat, dass du nicht gut genug bist. Wer weiß, was du für Leute kennengelernt hättest, was du gesagt hättest, wenn du diese Hemmungen nicht gehabt hättest.

Den wenigsten ist bewusst, dass Trauma keine Zeit kennt und unsere vielen inneren Anteile, die während unserer Kindheit entstanden sind, uns immer begleiten und dirigieren. Diese inneren Kinder haben einen Wächter installiert, der uns vor bösen Überraschungen schützen soll, um nicht wieder in so schmerzliche Situationen zu geraten, die uns traumatisiert haben. Das ungelebte Leben, das Gefühl, nicht selbst zu leben, sondern stattdessen gelebt zu werden, ist aus meiner Sicht die tragischste und traurigste Folge eines Entwicklungstraumas.

Doch warum ziehen wir nicht in Betracht, dass unsere Erkrankungen oder negativen Gefühle Traumafolgestörungen oder aber auch unser als schwer empfundenes Leben vielleicht etwas mit unserer Kindheit zu tun haben könnten? Wieso führen wir unsere Ängste, das ständige Gedankenkreisen, das permanent angespannte Nervensystem, die Panikattacken oder andere Begleitsymptome nicht auf unsere Kindheit zurück?

Es ist immer noch vielfach verpönt, unsere Eltern, die Familienkonstellationen oder die eigene Kindheit infrage zu stellen. Wenn wir den Erzählungen der Familienmitglieder lauschen, dann bekommen wir nur zu hören, dass wir es doch gut hatten. Auch unsere eigenen Erinnerungen sind oft verblasst und wir können uns in der Regel vielleicht nur an bestimmte schwierige Situationen erinnern.

Andererseits bringen wir den Begriff Trauma meist nur mit Menschen in Zusammenhang, die einen Krieg erleben mussten, einen schweren Unfall hatten oder sexuellem Missbrauch oder körperlicher Gewalt ausgesetzt waren. Aber man muss nicht erst in den Krieg ziehen, um traumatisiert zu werden. Leider reichen ganz alltägliche Situationen, die so gut wie jeder von uns kennt und erlebt hat. Entwicklungstraumata werden heute bereits als die neue Pandemie angesehen. Trotzdem ist das Bewusstsein dafür auf breiter gesellschaftlicher Basis noch nicht besonders ausgeprägt.

Die meisten von uns wurden so erzogen, dass wir unsere Eltern und unsere Familien nicht infrage stellen dürfen. Und wenn wir als Heranwachsende oder später als Erwachsene das Gespräch mit Freunden oder unserem Partner suchen und auch nur ansatzweise Kritik kundtun, ernten wir meist Unverständnis oder Vorwürfe, was das Gefühl, als Einzige oder Einziger betroffen zu sein, nur noch verstärkt.

Es besteht ein großes Tabu in unserer Gesellschaft, das wie eine dunkle bedrohliche Wolke über uns allen zu schweben scheint, unsere Familiensysteme und vor allem unsere Erziehung, die uns so tief geprägt und geformt hat, zu hinterfragen. Das Gleiche gilt für das Schulsystem, das mit seinen Regeln der Anpassung der häuslichen Erziehung sehr ähnelt. Wir hinterfragen nicht, ob die immer zahlreicher auftretenden psychischen und körperlichen Symptome (z. B. ADHS), die mittlerweile schon Kindergartenkinder begleiten oder Jugendliche, die sich immer öfters das Leben nehmen, weil sie ihre Depression nicht mehr aushalten, nicht vielleicht eine der Folgen von Entwicklungstraumata sein könnten.

Dennoch bin ich optimistisch, dass endlich der überfällige Aufbruch entstehen könnte und wir generell unser Zusammenleben, so wie wir es praktizieren, vermehrt hinterfragen. Ich hoffe, mit diesem Buch ebenfalls einen Beitrag zu leisten, ein stärkeres Bewusstsein für das Thema Entwicklungstrauma zu schaffen.

Sich kritisch mit der eigenen Kindheit auseinanderzusetzen kann uns in tiefe Ängste versetzen, vor allem wenn wir innerlich schon längst spüren, dass unsere negativen Gefühle, schwierigen Partnerschaften oder aber auch das unerfüllte Leben vielleicht etwas mit unseren Kinderjahren zu tun haben könnten.

Bei uns war doch alles in Ordnung – oder doch nicht?

Wenn du deine Eltern bittest, an ihre Elternschaft zurückzudenken, sind sie höchstwahrscheinlich davon überzeugt, dass alles in Ordnung war. Sie haben immer dafür gesorgt, dass du gesunde Nahrung, ausreichend frische Luft und regelmäßig hübsche neue Kleidung bekommen hast. Selbstverständlich haben sie nicht alles perfekt gemacht, aber im Großen und Ganzen sind sie überzeugt, dass etwas aus dir wurde – und das dank ihrer guten Arbeit als Eltern. Was sie dabei vergessen: Trotz ihrer Bemühungen, alles richtig zu machen, waren sie vielleicht nicht immer ganz bei der Sache. Ihre Handlungen dir gegenüber liefen automatisiert und mechanisch ab. Sie haben es nicht mit Absicht getan. Eltern wollen ihren Kindern in der Regel nur das Beste bieten, aber auch sie hatten ihre Päckchen zu tragen und auch sie waren überfordert von den unzähligen Anforderungen des Alltags.

Hast du als Baby geschrien, dann haben sie versucht, das Schreien schnellstmöglich zum Verstummen zu bringen. Erziehungsratgeber wurden besorgt und die Tipps und Tricks möglichst gewissenhaft umgesetzt, die in solchen Situationen am besten anzuwenden sind. Sie haben vorgesungen, geschaukelt und gewippt, alles in der Hoffnung, dass bald wieder Ruhe einkehrt.

Doch warum sind so viele Eltern hilflos in so natürlichen Situationen? Wieso glauben sie, dass Hunger, eine volle Windel oder vielleicht Überreizung und Müdigkeit die einzigen Gründe sein können, warum das Kind schreit? Warum versagen das Bauchgefühl und die Instinkte, wenn es darum geht zu erkennen, was das Baby wirklich benötigt?

Viele Eltern sind selbst betroffen von Bindungs- und Entwicklungstraumata und haben von klein an ebenso wenig gelernt, was es bedeutet, eine wirkliche Verbindung zur Mutter oder zum Vater zu haben. So können sie eine solche dann auch nicht zu ihren eigenen Kindern aufbauen und zum Beispiel erkennen, dass das Baby sich vielleicht einfach nur einsam und alleine fühlt, weil es abgelegt oder abgestellt schon viel zu lange im Gitterbett oder Kinderwagen verbracht hat. Ganz mühelos könnte der Säugling einfach nur durch die Körperwärme oder den Herzschlag der Mutter beruhigt werden. Beides ist das Baby schließlich aus dem Mutterleib gewohnt.

Klientengeschichte: Martina

Martina kam mit einem Problem zu mir, das viele Klienten beschäftigt: Einsamkeit in Partnerschaften: „Ich lebe mit meinem Partner seit Jahren zusammen, habe aber immer das Gefühl, mit mir und meinen Problemen allein zu sein. Wir liegen zwar täglich nebeneinander im Bett und verbringen unsere Freizeit miteinander, aber mir kommt es so vor, als könnte ich nicht zu ihm vordringen. Unsere Kommunikation besteht nur aus Missverständnissen, die meistens in Streitigkeiten enden. Ich kann anstellen, was ich will, doch ich habe immer das Gefühl, dass mein Partner mich nicht versteht. Ich kann noch so oft erklären, was ich benötigen würde bzw. was mir fehlt, aber mein Partner macht ganz den Anschein, dass er es nicht verstehen kann.“

Martina hatte aber nicht nur das Thema Partnerschaft mitgebracht, sie wollte auch klären, ob ihre Gefühle ihrer Mutter gegenüber normal seien. Ihre Mutter mache ihr schon seit Jahren das Leben schwer, sie werde mit zunehmendem Alter immer hilfloser. Das machte meiner Klientin große Angst, denn sie war sich bewusst, dass sie die Ansprechperson Nummer eins sein würde, sobald ihre Mutter Unterstützung benötigen würde. Da sie sich von klein an immer schon um ihre Mutter und den Haushalt kümmern musste, weil diese sehr oft unter Depressionen litt, empfand sie die Beziehung schon seit jeher als extrem anstrengend.

Martina hatte gehofft, ihr Vater würde irgendwann ihre Not erkennen und sich endlich selbst um seine Frau kümmern, doch das war leider nie passiert. Er ignorierte die Erkrankung seiner Frau und gewöhnte sich mit der Zeit daran, dass seine erstgeborene Tochter alle häuslichen Tätigkeiten übernommen hatte.

Nach wie vor ging Martina ihre Mutter wöchentlich besuchen, auch sonntags, weil sie so alleine war (ihre Mutter lebte seit mehr als zehn Jahren getrennt von ihrem Vater). Dabei bekam sie regelrechte Hassgefühle gegenüber ihrer Mutter, wofür sie sich insgemein genierte und Selbstvorwürfe machte. Außerdem litt sie unter immer stärker werdenden, intensiven Schamgefühlen, die sie davon abhielten, endlich mal auf Abstand zu gehen. Bei den Besuchen konnte sie keine Nähe zu ihrer Mutter ertragen, ein herzliches Umarmen oder ein zärtliches Küsschen auf die Wange bei der Begrüßung empfand sie als abstoßend. Auch wenn es zum Beispiel ein Geburtstag verlangte, ihrer Mutter zur Gratulation näher zu kommen, schreckte sie die Kälte, die von ihrer Mutter ausging, innerlich zurück.

Als ich mit Martina die erste Regressions-Hypnose1 machte, stellte sich heraus, dass sie sich ihre ganze Kindheit allein gelassen gefühlt hatte. Unter Hypnose sah sie sich immer allein in ihrem Kinderzimmer sitzen, damals schon grübelnd und fragend, warum ihre Eltern nicht erkannten, dass sie so unendlich einsam war. Sie litt bereits als kleines Kind an Schlafstörungen und hatte so große Sehnsucht, ins Bett ihrer Mutter kriechen zu können, aber das war nicht erlaubt.

Damals begannen ihre Selbstzweifel. Dass ihre Eltern sie und ihre Bedürfnisse nicht wahrgenommen hatten, brachte sie zur Überzeugung, dass sie nicht liebenswert sei, da sie etwas falsch machte oder an ihr etwas falsch war.

Die Einsamkeit, die ein ständiger Begleiter in ihrer Kindheit war, erlebte sie auch in ihrer späteren Beziehung zu ihrem Partner. Denn Martina hatte einen Partner gewählt, der genauso wenig auf ihre Wünsche und Nöte und auf ihr ungestilltes Bedürfnis nach Nähe eingehen konnte. Auch in dieser Beziehung bezog sie (wie früher als Kind) das Verhalten ihres Mannes auf sich selbst. Wieder einmal dachte sie: „Ich bin einfach nicht gut genug, um liebenswert zu sein. An mir stimmt etwas nicht.“

Als Kinder besitzen wir noch nicht die Fähigkeit zu hinterfragen, warum zum Beispiel die eigene Mutter ihren häuslichen Pflichten nicht nachgehen kann, warum sie immer so traurig ist und kaum ihr Bett verlassen kann. Wir beziehen das Verhalten unserer Eltern immer auf uns; wir denken, dass mit uns etwas nicht stimmt und wir deshalb so wenig Aufmerksamkeit bekommen. Wir verfolgen vielleicht sogar den Gedanken, selbst an der Erkrankung unserer Eltern schuld zu sein. Von klein an bemühen wir uns, die Familiensituationen wieder ins Gleichgewicht zu bringen, in der Hoffnung, dass unsere Eltern dann endlich wieder gesund werden können und sich unserer annehmen.

Martina ist kein Einzelfall. Viele Betroffene leben in Partnerschaften, die sie im Grunde nicht glücklich machen. Die Beziehung zu ihren Eltern gestaltet sich sehr oft problematisch und wird als anstrengend empfunden. Sie zweifeln an sich und an ihrem Leben und versuchen immer wieder, es auf die Reihe zu bekommen, bemerken aber nicht, dass sie vielleicht unter einem Trauma zu leiden haben. Martina ist, wie so viele von uns, in einer dysfunktionalen Familie aufgewachsenen und mit dem Glauben groß geworden, dass es verboten sei, die eigenen Eltern zu hinterfragen. Sie kam gar nicht auf die Idee, dass ihre Gefühle, Ängste und körperlichen Symptome möglicherweise mit ihrer Kindheit zusammenhängen könnten und dass ihre Partnerschaft in Wirklichkeit nur eine Reinszenierung ihres Kindheitstraumas ist.

1 Bei dieser Form der Hypnose reist der Klient in Trance in die Vergangenheit bis in die Kindheit zurück.

Das große Thema Sicherheit: Nonverbale Kommunikation und Gegenseitigkeit

Um zu verstehen, wie ein Kindheitstrauma überhaupt entstehen kann, muss man sich in die Gefühlswelt eines Babys versetzen. Unsere erste Kommunikation als Kind ist immer davon abhängig, wie unsere Umwelt reagiert. Werden wir freudig empfangen, angelächelt und liebevoll in den Arm genommen, wenn wir auf die Welt kommen, dann wird ein erster wichtiger Grundstein für uns und unseren Körper gelegt: das Gefühl der Sicherheit. Wiederholt sich dieses Gefühl, indem uns unsere Eltern immer wieder aufs Neue positiv bestätigen und unseren Bedürfnissen nachkommen, entstehen die allerersten Beziehungen im Leben. Wir fühlen uns willkommen und lernen durch tägliche Routinen, wie es ist, mit anderen Menschen zusammen zu sein.

Das Gefühl des Willkommenseins bestätigt uns sozusagen selbst und dabei sind wir abhängig von der Spiegelung durch unsere Mutter oder unseren Vater. Entscheidend dabei ist, wie sie uns anlächeln, welche Tonart die Stimme begleitet, wie sich der Herzschlag anfühlt, wenn wir ganz nahe mit ihrem Körper verbunden sind, oder wie sie uns in den Armen halten. Können die Eltern diese Funktion ausreichend erfüllen, können wir uns mit einem Gefühl der Sicherheit gesund entwickeln. Ist dies nicht der Fall und wir wachsen mit Unsicherheit auf, wird bereits in der Kindheit der erste Samen für Defizite gesät.

Wie können Mutter und Kind in der Babyphase überhaupt eine Unterhaltung führen, ohne miteinander zu sprechen? In den letzten Jahrzehnten sind verschiedenste Forschungen, die mit Experimenten und Videoanalysen gearbeitet haben, zum Ergebnis gekommen, dass ein Kind bereits ab der Geburt in den ersten sechs Lebensmonaten beginnt, Ausdrucksformen und Signale seiner Mitmenschen zu erkennen. Diese frühe Kommunikation bildet die erste Basis für das weitere Verständnis.

Die nonverbale Kommunikation zwischen Mutter und Kind findet über den Gesichtsausdruck, den Haut- und Körperkontakt sowie die Stimme statt, wobei diese über Zeichen2 wie Körperhaltung, Muskelspannung, Hauttemperatur, Vibration, Rhythmus, Tempo, Dauer, Tonlage und Klangfarbe der Stimme übertragen wird.

Diese frühe Form der Kommunikation läuft aber nicht einseitig ab, sondern ist bereits eine aktive, wechselseitige Interaktion zwischen Mutter und Kind3. Damit man in Reaktion aufeinander gehen kann, ist es aber notwendig, dass die Mutter über ausreichende Empathie verfügt und die Bedürfnisse des Kindes erkennen kann.

Genau diese Voraussetzung ist jedoch bei Eltern nicht gegeben, wenn diese selbst unter einem Bindungs- oder Entwicklungstrauma leiden. Sie sind dann nicht fähig, diese Art der nonverbalen Kommunikation mit ihrem Baby zu führen. Diesem wichtigen Aspekt hat man früher leider wenig Beachtung geschenkt.

Klientengeschichte: Eleonora

Eleonora kam zu mir in die Praxis mit dem Wunsch, den Alkohol für immer stehen zu lassen. Der Alkohol war für sie seit ihrer Jugend ein ständiger Begleiter. Sie trank zwar nie exzessiv, aber bevor Enkelkinder oder Freunde zu Besuch kamen, trank sie immer ein paar Gläser, um ihre Nervosität zu betäuben. Obwohl sie nicht körperlich abhängig war, machte sie sich Sorgen um ihre Gesundheit.

Ich schlug Eleonora vor, in unserer Sitzung der Ursache für ihre psychische Abhängigkeit auf den Grund zu gehen. In Trance reiste sie unter meiner Anleitung zurück in ihre frühe Kindheit und sah sich als sechs Monate altes Baby in ihrem Gitterbett. Ihr kleines Ich versuchte sich an den Gitterstäben hochzuziehen, um mehr sehen zu können. Um zu sehen, ob jemand da war, denn sie war schon sehr lange alleine in ihrem Bettchen gelegen, ohne dass jemand gekommen war und sie in den Arm genommen hatte.

Ich fragte sie, wer ihr in dieser Situation helfen könnte, damit es ihr besser gehen würde. Sie wünschte sich ihre Mutter herbei und diese konnte ihr in der Regressions-Hypnotherapie endlich das geben, was sie so sehr vermisst hatte: Liebe, Wärme und Zärtlichkeit und vor allem das Gefühl, beschützt und angenommen zu werden. So gestärkt, konnte sie sich in weiterer Folge schließlich auch relativ einfach von ihrer Sucht befreien.

Vielen meiner Klientinnen ergeht es wie Eleonora: Sie haben sich als Baby oder Kleinkind sehr einsam gefühlt.

Durch solche Erfahrungen haben wir gelernt, dass die Außenwelt ein unsicherer Ort ist. Somit mussten wir unsere Aufmerksamkeit steigern, alles im Überblick behalten und ständig auf der Hut sein. Wir waren gezwungen uns anzupassen, denn wenn uns unsere Außenwelt nicht so annimmt, wie wir sind, besteht die Gefahr, dass unsere Bedürfnisse nach Sicherheit nicht gestillt werden. Von klein an sind wir im Alarmzustand und unser Nervensystem steht unter dauernder Anspannung. Alkohol entspannt – zumindest kurzfristig –, und daher trinken so viele.

Sucht und Trauma sind ein teuflisches Paar. Einerseits machen Entwicklungstraumata Menschen viel anfälliger für Süchte jeder Art, da Substanzen wie Alkohol zumindest kurzfristig ein Sicherheitsgefühl vermitteln können. Andererseits neigen Eltern, die unter Süchten und in Folge unter Abgestumpftheit und mangelnder Empathie leiden, dazu, ihren elterlichen Pflichten nicht ausreichend nachzukommen und so vermehrt traumatisierte Kinder hervorzubringen.

2 Vgl. René A. Spitz: Die Entstehung der ersten Objektbeziehungen. 2. Aufl. Stuttgart: Ernst Klett Verlag 1957, S. 41.

3 Vgl. Joseph D. Lichtenberg: Psychoanalyse und Säuglingsforschung. Berlin: Springer 1991, S. 16.

Steter Tropfen höhlt den Stein – Das kumulative Trauma

Der Ansatz, der das Entstehen von Entwicklungs- und Bindungstraumata meiner Ansicht nach am schlüssigsten erklärt, ist gleichzeitig jener, der bisher in der Traumaforschung am wenigsten Beachtung gefunden hat. Das Konzept des kumulativen Traumas nach Masud Khan aus dem Jahr 19634 geht davon aus, dass sich Traumatisierung in vielen kleinen einzelnen Schritten vollzieht. Natürlich können auch einzelne, schwerwiegende Ereignisse sehr einschneidend sein, doch kommt es beim kumulativen Trauma vor allem auf die Ansammlung, Häufigkeit und Dauer von Zuständen und Erlebnissen an, die zur Traumatisierung führen.

Wäre Eleonora aus dem obigen Beispiel zum Beispiel nur ein- oder zweimal in drei Monaten alleine gelassen worden, dann hätte die Entwicklung ihres Sicherheitsgefühls kaum Schaden genommen. Sie wurde jedoch ständig in ihrem Bettchen alleine gelassen. Angst war regelmäßig ihr nächtlicher Begleiter. Ihre Mutter konnte ihr Lächeln nicht spiegeln. Stattdessen sah sie immer ein trauriges mütterliches Gesicht.

Von einem angehäuften oder kumulativen Trauma kann man also dann sprechen, wenn die Mutter oder eine andere primäre Bezugsperson ihre Rolle im Laufe der Entwicklung des Kindes vom Säuglings- bis zum Jugendalter nur mangelhaft erfüllen5.

Weil es dabei nicht um einzelne gröbere Ereignisse geht, denen das Kind ausgesetzt war, sondern um kleinere, aber regelmäßige Vernachlässigungen durch die Bezugsperson, bleibt diese Traumatisierung sehr oft unbemerkt.

Die Betroffenen leben nach außen hin in vielen Fällen über Jahrzehnte ein „ganz normales“ Leben, kommen aber irgendwann in der Lebensmitte an einen Punkt, wo entweder das geschädigte Nervensystem durch ernsthafte körperliche Erkrankungen auf sich aufmerksam macht oder sich zum Beispiel schwere Depressionen einstellen, weil sie nicht ihr Leben leben, sondern gelebt werden.

Auf die schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen möchte ich weiter unten eingehen, mich aber vorher der Frage widmen: Woran kann es liegen, dass so viele Eltern der kindlichen Fürsorge nicht ausreichend nachkommen können?

4 Andreatta, P. & Crepaldi, G. (2021): Das kumulative Trauma – Eine Rekapitulation von Masud Khan im Lichte aktueller Ansätze. In: Trauma & Gewalt, 15 (2), S. 116–128.

5 Vgl. Khan 1997, S. 55f.

Kinder können sich nicht selbst beruhigen

Eines der großen Themen bei der Kindererziehung ist das „Schreienlassen“. Auch heute werden noch immer unzählige Erziehungsratgeber millionenfach verkauft, in denen Eltern geraten wird, das Kind nachts nicht aus dem Bett zu nehmen, denn sonst erlerne das Kind angeblich nicht die Fähigkeit, sich selbst zu regulieren.

Aber genau das Gegenteil ist der Fall: Ein Kind kann sich in den ersten Lebensjahren nicht selbst regulieren und durch Alleine- oder Schreienlassen die Selbstregulation auch nicht erlernen. Das Kind ist dabei auf jemand anderen angewiesen, auf eine primäre Bezugsperson, in der Regel auf die Mutter oder den Vater. Wenn es alleine gelassen wird, hat es schlicht Angst. Diese Angst kann sich bis zur Todesangst steigern.

Das liegt daran, dass das Nervensystem bis zum dritten oder vierten Lebensjahr noch nicht genügend ausgereift ist. Das Baby hat bereits einen gut ausgereiften Sympathikus, der für das Überleben wichtig ist: Sobald Gefahr droht, und dazu zählt ganz besonders das Alleinegelassenwerden, wird dieser aktiv.

Erwachsene haben in solch einer Situation die Optionen Flucht, Kampf oder Starre. Das Baby hat nur eine einzige Möglichkeit: Es schreit um sein Leben und ist darauf angewiesen, dass jemand kommt und es beruhigt. Kommt niemand, dann verfällt es irgendwann in eine Starre.

Diese Resignation wird fälschlicherweise als Selbstberuhigung interpretiert, doch das ist sie nicht. Es handelt sich um ein Notfallprogramm des Körpers.

Andererseits lassen sich Kinder ganz leicht beruhigen, zum Beispiel durch den Körperkontakt zur Mutter oder zum Vater, ein sanftes Zureden oder Anlächeln. Dieser Punkt wird aber leider nach wie vor in den Erziehungsratgebern vernachlässigt.

Nach wie vor sind noch viele Menschen der Meinung, ein Kind dürfe nicht zu viel Zuneigung bekommen, weil sie Angst haben, dass es vielleicht zu sehr verwöhnt werden und sich deshalb nicht zu einem handlungsfähigen Menschen entwickeln könnte. Doch woher kommt diese Angst?

Ist es wirklich Unwissen oder das Gefühl, etwas falsch zu machen, wenn wir unseren Kindern aus unserem Instinkt heraus ausreichend Körperkontakt und Liebe geben? Meiner Meinung nach liegt es vielfach daran, dass wir selbst oft keine Liebe erfahren haben, weil wir Opfer der transgenerationalen Weitergabe von Trauma sind.

Trauma erzeugt Trauma – Die Schatten der dunklen Vergangenheit

Viele meiner Klienten gehören der sogenannten Babyboomer-Generation an, sind also nach dem Zweiten Weltkrieg in den Jahren 1946 bis 1964 geboren, oder „Kriegskinder“, die noch während der Kriegswirren auf die Welt gekommen sind.

Die Nachkriegszeit im deutschsprachigen Raum war geprägt durch den Wiederaufbau und den nachfolgenden Wirtschaftsboom. Kinder, die in dieser Zeit auf die Welt gekommen sind, wuchsen mit Eltern auf, die durch den vorangegangenen großen Krieg in vielen Fällen selbst schwer traumatisiert waren. Sie hatten entweder aktiv am Kriegsgeschehen teilgenommen oder hatten Bombardierungen, fürchterliche Verbrechen, Flucht oder Hunger miterleben müssen. In der Zeit des Krieges ging es ums Überleben und danach um den Wiederaufbau. Es gab keinen Platz für Gefühle oder Zärtlichkeiten. Umso mehr wurde das eigene Trauma durch Alkohol betäubt.

Viele meiner Klienten berichten, sich nicht daran erinnern zu können, jemals eine zärtliche Umarmung seitens ihrer Mutter erlebt zu haben. Sie haben keine Nähe zu ihren Eltern erfahren und können sich eher an die Bestrafungen, Tadelungen oder auch an die permanent angespannte Atmosphäre erinnern.

Diese Kinder sind aufgewachsen unter permanentem Stress, Sorgen und der Angst, etwas falsch zu machen. Etwas falsch zu machen oder etwas zu vergessen hatte Bestrafung bedeutet.

Die andere Gruppe kann sich gar nicht mehr an die Kindheit erinnern, nicht einmal an ein schönes Erlebnis. Hier spricht man vom Phänomen der kindlichen Amnesie.

Immer noch werden psychische Erkrankungen überwiegend als hausgemachtes Problem der betroffenen Person gesehen. Doch es ist höchste Zeit, speziell unter dem Fokus des Entwicklungstraumas bei der Diagnose das ganze Familiensystem heranzuziehen und transgenerationale Aspekte einzubeziehen.

Beim Kriegserbe haben wir es aber leider nicht nur mit einer traumatisierten Elterngeneration zu tun, sondern auch mit einem äußerst problematischen Erziehungsverständnis aus der Nazi-Zeit, das seine Schatten bis in die 1980er Jahre geworfen hat. Das Werk „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ von Johanna Haarer aus dem Jahr 1934 wurde zwar nach dem Kriegsende kurzfristig von den Alliierten verboten, danach aber unter anderem Namen immer wieder bis zuletzt im Jahr 1987 aufgelegt.

Dieser „Erziehungsratgeber“, der zu einer lieblosen Erziehung rät, wurde auch nach Kriegsende millionenfach verkauft und stand nicht nur in den meisten Bücherregalen deutscher und österreichischer Haushalte, sondern wurde in Berufs- und Fachschulen als Lehrbuch verwendet, z. B. bei der Ausbildung von Hauswirtschaftslehrerinnen.

Ich möchte an dieser Stelle zwei Zitate für sich sprechen lassen, um einen besseren Eindruck von den empfohlenen erzieherischen Grausamkeiten gewinnen zu können:

„‚Das Kind wird gefüttert, gebadet und trockengelegt, im Übrigen aber vollkommen in Ruhe gelassen‘, riet damals Johanna Haarer. Sie schilderte detailreich körperliche Aspekte, ignorierte aber alles Psychische – und warnte geradezu vor ‚äffischer‘ Zuneigung: ‚Die Überschüttung des Kindes mit Zärtlichkeiten, etwa gar von Dritten, kann verderblich sein und muss auf die Dauer verweichlichen. Eine gewisse Sparsamkeit in diesen Dingen ist der deutschen Mutter und dem deutschen Kinde sicherlich angemessen.‘ […] statt in einer ‚läppisch-verballhornten Kindersprache‘ solle die Mutter ausschließlich in ‚vernünftigem Deutsch‘ mit ihm sprechen, und wenn es schreie, solle man es schreien lassen. Das kräftige die Lungen und härte ab.“6

„Das Kind soll tags wie nachts in einem stillen Raum für sich sein. Die Trennung von Familie und Kind beginnt gleich nach der Geburt: Sobald der Säugling gewaschen, gewickelt und angezogen ist, soll er für 24 Stunden allein bleiben. Erst danach soll er der Mutter zum Stillen gebracht werden. Von der ersten Minute des Lebens an wurde also alles getan, um die Beziehungsunfähigkeit zu fördern. Alles war verboten, was Beziehung förderte. Denn das Hauptziel bestand darin, die Beziehung zwischen der Mutter oder den Eltern und dem Kind gar nicht erst entstehen zu lassen. Diesem Zweck dienen auch Haarers Forderungen, keine Zeit gemeinsam zu verbringen außer beim Füttern, Windelwechseln, Anziehen, Baden. Dafür aber waren genaue Zeitspannen vorgegeben. Das Füttern mit der Flasche sollte keinesfalls länger dauern als zehn Minuten, das Stillen nicht länger als zwanzig Minuten. Wenn das Kind ›bummelt‹ oder ›trödelt‹, soll das Füttern oder Stillen abgebrochen werden. Essen gibt es erst wieder bei der nächsten planmäßigen Mahlzeit. Hat das Kind bis dahin Hunger, geschieht es ihm erstens recht und zweitens lernt es dann, dass es sich beim nächsten Mal mehr beeilen muss.“7

Spätestens nach dem Lesen dieser Passagen sollte klar sein, dass die Schatten des Krieges weit in unsere Gegenwart reichen, denn diese Art der Erziehung haben auch die meisten Menschen der Genera­tionen X und Y genossen, also alle die in den siebziger und achtziger Jahren des letzen Jahrhunderts geboren sind. Und diese Generation hat sie wiederum an ihre Kinder weitergegeben. Denn wenn eine ganze Generation systematisch dazu erzogen worden ist, keine Bindung zu ihren Kindern aufzubauen, dann kann sie es auch nicht ihren Kindern vermitteln.

Auch in unseren Köpfen geistern noch die Sprüche unserer Eltern und Großeltern herum, wir sollten unsere eigenen Kinder doch schreien lassen, denn das stärke die Lungen. Oder uns beflügeln Sätze wie „Verwöhne das Kind nicht zu viel, sonst wird es niemals auf eigenen Füßen stehen können“.

Auch wenn wir uns vielleicht für aufgeklärt halten, lassen wir uns immer noch durch solche Ratschläge verunsichern, was die Erziehung unserer Kinder angeht.

Was ist gut und was ist nicht gut, wie soll ich mich meinem Kind gegenüber verhalten? Warum sind wir uns gerade bei dem Thema so unsicher? Wieso ist es uns nicht mehr möglich, unseren von der Natur gegebenen Instinkten bzw. unserer inneren Stimme folgen zu können? Vielleicht weil diese Stimme über Generationen hinweg zum Schweigen gebracht wurde und nicht mehr zu uns spricht.

Auch wenn die schreckliche Zeit des Krieges mitsamt seinen fürchterlichen Ideologien vorbei ist, beeinträchtigen und beeinflussen uns heute noch die damaligen Erziehungsmethoden und -ideologien sowie die transgenerationale Weitergabe von Traumata, sofern diese nicht aufgearbeitet wurden.

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