Epidemie der Wahrheit - Oliver Mey - E-Book

Epidemie der Wahrheit E-Book

Oliver Mey

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Beschreibung

Stell dir vor, alle würden plötzlich nur noch die Wahrheit sagen: Ehemänner, deine Nachbarn, Banker, Berühmtheiten! Unaufhaltsam breitet sich ein nie da gewesenes, unerklärliches Syndrom aus, unter dessen Einfluss die Betroffenen den Drang verspüren, die Wahrheit zu sagen. Wir haben es mit einer Epidemie zu tun, der Epidemie der Wahrheit. Dem Phänomen auf der Spur sind zwei junge Freundinnen, Cindy in den USA und Ulrike in Europa, die sich rege über das Internet austauschen, bald gefolgt von weiteren Mitstreitern. Trotz aller Bemühungen stößt das Team nur auf Skepsis und Unverständnis. Doch wie bedrohlich sind die Auswirkungen einer solchen Epidemie für unsere Gesellschaft? Was hieße es, wenn die Schutzwälle institutionalisierter Lügen einbrechen würden? Cindy und Ulrike müssen sich rechtzeitig Gehör verschaffen, um die Menschheit vor einem Kollaps zu bewahren.

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Seitenzahl: 452

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Oliver Mey

Epidemie der Wahrheit

Roman

Copyright: © 2020 Oliver Mey – www.olivermey.com

Lektorat: Lisa Reim-Benke – lektorat-reim.de

Satz: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Titelgestaltung: Kostis Pavlou – kostispavlou.com

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

978-3-347-21677-8 (Paperback)

978-3-347-21678-5 (Hardcover)

978-3-347-21679-2 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Was ist mit Charly los?

Good bye, Angie

Die Machenschaften des Dr Tamoti

Cindys verrückte Entdeckung

Lord Shivas letzte Show

Ulrike bleibt skeptisch

Rodney und die Sicht der Männer

Vorweihnachtliche Gefühle

Ingrids Doppelleben

Ulrikes Analyse

Alptraum vor laufender Kamera

Allans Artikel

Aussichten auf Tapetenwechsel

Berlin-Paris: Die lange Fahrt

Frédérics Bericht, oder: Wenn eine Großmutter auspackt

Die Party der feinen Leute

Leben in Paris, da läuft was

Wenn ein Banker Klartext redet

Trout Bank, Nachlese

Der große Schritt

In vino veritas, oder: Der Verlust einer Medaille

Vielversprechende Aussichten

Es gibt Verstärkung

Tills zerschellte Hoffnungen

News von Rodney

Die Geheimnisse des Amazonas

Ein Wiedersehen

Jeffreys Mission

Die Kunstmesse

Jeffrey kriegt seinen Teil

Der große Körper

Modern Times

In der Mangel eines Autokraten

Wird’s bedrohlich?

Tills Artikel

Schwarze Schafe gibt es überall

Die Presse reagiert

Das Wunder der weinenden Maria

Begegnung mit Monsieur Déran

Medienrummel angesagt

Einblick in eine Star-Fabrik

Stoff für eine gewisse Leserschaft

Ein zweiter Anlauf

Bald ist’s so weit

Die Vorahnung

Die Sendung

Ein bitterer Nachgeschmack

Der Medienrummel tobt

Signora Saltinetti, der Sturz eines Idols

Jetzt geht’s los

Im Rampenlicht

Epilog

Vorwort

Liebe Leserin, lieber Leser,

vielen Dank, dass du dich für den Roman Epidemie der Wahrheit entschieden hast.

Er wurde mit höchster Sorgfalt geschrieben, korrigiert und lektoriert. Deshalb hoffen wir, dass er dir Freude und Unterhaltung bereiten wird.

Aber Achtung! Weil dieser Roman etwas anders funktioniert, als du es vermutlich von bisher gelesenen Büchern gewohnt bist, ist es wichtig, dass du dir diese kurze Anleitung zu Gemüte führst, bevor du mit dem ersten Kapitel beginnst.

1. Lies wenn möglich in einem Zug die ersten vier, fünf Kapitel durch.

2. Stelle dir dabei nicht hunderttausend Fragen, selbst wenn dir Unerwartetes, ja Befremdliches begegnet.

3. Lege das Buch auf keinen Fall zur Seite, auch wenn du - was die Handlung betrifft - im Dunklen tappst.

4. Lass dich also bei der Hand nehmen und vertraue dem Autor. Er weiß, wo er dich hinführen will.

5. Bist du mal bis zu Kapitel 6 vorgedrungen, überlasse die Führung Cindy und Ulrike, welche du durch die weiteren Geschehnisse begleiten wirst.

Und jetzt: Viel Spaß!

Kapitel 1

Was ist mit Charly los?

Widmington, Kentucky

„Hey, Charly, komm mal kurz ins Bad“, schrie Angie über die Schulter hinweg.

Sie hörte Charlys schlurfende Schritte im Flur.

Mann, wie der ihr auf die Nerven ging, seine Langsamkeit, sein Mangel an Ehrgeiz. Die Hölle, mit so einem Versager verheiratet zu sein. Anita, ihre Schwester, hatte ihr schon lange geraten, sich von ihm scheiden zu lassen.

„Was ist das Problem?“, fragte Charly, den Kopf durch den Türrahmen streckend.

„Da stimmt was nicht mit der Badewanne“, keuchte sie und kämpfte gegen einen aufkommenden Asthma-Anfall an. „In letzter Zeit ist da immer so ein klebriger Belag. An was liegt das? Ist vielleicht die Armatur defekt?“

Sie setzte sich auf den Rand der Badewanne.

„Die Armatur defekt? Wie kommst du drauf?“ Charly strich seine strähnigen Haare über die Glatze. „Bist du dumm? Wie soll die Armatur einen klebrigen Belag verursachen?“

„Wie sprichst du mit mir, Charly? Was fällt dir ein, mich dumm zu nennen?“

„Genau das bist du.“

„Was? Was soll das? Wenn ich dumm bin und du so klug, dann sag mir wenigstens, woher dieses Zeug kommt.“

„Das kann ich dir schon sagen, Angie“, erwiderte Charly in neutralem Ton und fixierte seine Frau mit den wässrigen Augen.

„Ich wichse mir seit einiger Zeit regelmäßig einen ab, wenn ich unter der Dusche bin. Leider hab ich zu wenig darauf geachtet, die Badewanne danach zu putzen. Daher kommt dieses Zeug.“

Angie glotzte Charly mit offenem Mund an. Hatte sie richtig gehört? War es möglich …? Vorübergehend wich ihre Wut einem Gefühl von Verwirrtheit.

Schnell hatte sie sich aber wieder gefasst und fragte schrill: „Was sagst du da bitte, du widerliches Schwein? Bist du völlig verrückt? Hast du sie nicht mehr alle?“

„Ich bin nicht verrückt. Ich sage nur die Wahrheit. In deiner Jugend warst du ein knackiges Ding, von allen Jungs unseres traurigen Kaffs begehrt. Aber schau dich jetzt an!“ So langsam kam er in Fahrt. „Schau, wie du dich gehen lässt, all das Fett, das du dir über die Jahre angefressen und angesoffen hast, deine verbitterte Visage. Kein Mensch hat noch Lust auf dich. Ich jedenfalls nicht.“ Angie war zündrot im Gesicht und wollte protestieren.

„Unterbrich mich jetzt nicht!“, rief Charly bebend.

Endlich war er in der Lage, auch mal seine Meinung zu sagen.

„Lass mich fertig reden. Seit wie vielen Jahren haben wir’s nicht mehr getrieben, Angie? Am Anfang unserer Ehe hast du dich immer schrecklich geziert, in der kurzen Zeit, als du noch begehrenswert warst.

Schon damals musste ich auf die Wichserei zurückgreifen. Dann hast du dich allmählich so gehen lassen, dass ich es vorzog, mich nur noch darauf zu beschränken. Kürzlich habe ich entdeckt, wie gut es ist, das unter der warmen Dusche zu tun. Ich weiß nicht, ob du auch masturbierst, um sexuell über die Runden zu kommen, und ob du dir dabei einen Film im Kopf abspielst, mit wem du es treibst.

Ich jedenfalls mach das. Seit die Fetchers drüben eingezogen sind, denke ich beim Wichsen zum Beispiel an die kleine Rebecca mit ihrem zierlichen Arsch und den sprießenden Brüstchen, ihrer zarten Figur …“

Angie sprang auf. „Von wem sprichst du? Wer um Himmels willen ist diese Rebecca?“

„Hab ich doch gesagt! Rebecca Fetcher, die Tochter unserer neuen Nachbarn. Ich finde die sowas von heiß.“

Wie ein ausbrechender Vulkan, der endlich seinen Überdruck ablassen kann, schrie Angie los: „Du perverses, widerliches Schwein! Du bist total durchgedreht! Die ist höchstens dreizehn. Wehe, du vergreifst dich an ihr. Ich wäre die erste, die dich anzeigen würde, und zwar mit größtem Vergnügen. Ein Typ wie du gehört in die Klapsmühle! Schon was du vom Wichsen erzählst, ist jenseits von Gut und Böse. Aber dass du in deinen pädophilen Anwandlungen und sexuellen Fantasien an dreizehnjährige Mädchen denkst, geht wirklich zu weit. Ich werde die Fetchers warnen und ihnen sagen, wie gefährlich du bist und dass sie ihre Tochter von dir fernhalten sollen.“

„Aber Angie, ich sag ja nur die Wahrheit. Nie würde ich der Kleinen was antun, benutze sie bloß in meiner Vorstellung“, versuchte sich Charly zu rechtfertigten.

„Hör endlich auf mit deiner verdammten Wahrheit, das geht mir auf den Keks.“

Erschöpft setzte Angie sich wieder und rang nach Luft. „Was ich nur nicht verstehe, Charly, wie kommt es, dass du dich so schlagartig verändert hast? Bisher hast du dich nie getraut, die Schnauze aufzumachen. Und plötzlich sprichst du wie ein perverses Monster, das sich über das Gesagte nicht mal schämt. Wirfst mir an den Kopf, dass ich fett und hässlich bin. Aber du, hast du dich mal selber angeschaut im Spiegel? Hast du deinen überhängenden, schlaffen Bauch gesehen, deine spärlichen, klebrigen Haarsträhnen, die du dir quer über die Glatze streichst, wie das unsere Großväter vor fünfzig Jahren gemacht haben? Merkst du nicht, wie ungepflegt du bist, wie heruntergekommen? Lieber Charly“, setzte sie ihre Tirade in gespielt süßlichem Ton fort, „möchtest du auch mal die Wahrheit, MEINE Wahrheit kennen? Wieso solltest du nicht erfahren, dass ich dich schon immer für einen unfähigen Dummkopf, einen totalen Trottel gehalten habe?

Du bist für mich der König der Idioten, der Inbegriff eines Versagers, das wandelnde Symbol der Erfolglosigkeit. Zudem bist du schon lange impotent“, kreischte sie höhnisch. „Wie hätte ich DAS nicht bemerken können …“

„Das stimmt nicht!“, wehrte sich Charly aufgebracht. „Das ist es ja gerade, was ich dir vorhin erklärt habe. Lieber wichse ich mir einen ab, als dass ich mit dir ins Bett gehe. Wer mag denn schon eine fette Schlampe wie dich vögeln?“

Angie war kurz sprachlos, benommen, als hätte sie jemand ins Gesicht geschlagen. Charly hatte sie tatsächlich als fette Schlampe bezeichnet.

Angie erhob sich langsam – inzwischen purpur im Gesicht – und ging auf Charly zu. Den Zeigefinger auf ihn ausstreckend überschüttete sie ihn mit den vulgärsten Fluchwörtern, die das amerikanische Vokabular hergab.

Er ließ die Beschimpfungen wie immer über sich ergehen, im Bewusstsein, dass Angie wegen ihres Asthmas bald erschöpft sein und Atemnot kriegen würde.

Und so war’s auch diesmal.

Nach Luft ringend, vor Wut und Aufregung zitternd, stieß Angie mit Mühe hervor: „Ich verzieh mich heute zu meiner Schwester. Sie kennt einen guten Anwalt in unserer Gegend. Den zu kontaktieren wird mein erster Schritt sein. Ihm kannst du dann erklären, wie heiß du die minderjährige Rebecca findest, wenn du dir einen abwichst. Und du kannst Gift drauf nehmen, dass ich dir eine heiße Nummer vorbereite. Das Haus geht an mich, glaub mir. Dafür werde ich mich einsetzen und ich werde dafür sorgen, dass du mit Sack und Pack rausgeschmissen wirst.“

„Willst du dich scheiden lassen, Angie?“, fragte Charly dümmlich.

Sie hatte sich etwas beruhigt, kramte ihren Asthma-Spray hervor und inhalierte eine gute Dosis.

„Du Vollidiot, was für eine Frage! Denkst du wirklich, dass für mich ein Leben mit dir noch möglich ist, nach alldem? Und wenn wir schon dran sind, Charly: Wie wär’s, wenn ich dir noch ein ganz besonderes Häppchen Wahrheit vorsetzen würde?“

Charly stierte Angie, die sich ihm noch etwas mehr genähert hatte, wortlos an.

„Ich habe dich nur geheiratet, weil der Vater des Kindes, das ich in mir trug, nichts mehr von mir wissen wollte und es zu vermeiden galt, in unserem Kaff als alleinerziehende Mutter dazustehen. Mach nicht so ein langes Gesicht.

Du siehst, ich kann auch austeilen, wenn ich will.

Du warst nicht der Vater des Kindes, mein lieber Charly. Da hatte ich dich angelogen.“

Triumphierend stellte Angie fest, dass diese Enthüllung Charly wirklich ans Herz ging. Er hatte wieder diesen weinerlichen Ausdruck im Gesicht, zum Ohrfeigen.

„Hätte ich gewusst, dass das Kind tot zur Welt kommen würde, wär ich NIEMALS auf die Idee gekommen, einen Typen wie dich zu heiraten. Im Nachhinein habe ich mich verflucht, dieses Kind verflucht, welches mich damals dazu gezwungen hatte, diesen verhängnisvollen Schritt zu gehen. Du siehst, Charly, ich bin froh, endlich einen Grund zu haben, die Scheidung einzuleiten. Ich habe bereits genug Beweise, um dich von einem auch nur mittelmäßigen Anwalt zur Schnecke machen zu lassen.“

„Ich bin ja auch nicht gegen die Scheidung“, erwiderte Charly. „Es wird auch für mich eine große Befreiung sein.“

„Lass mich fertig reden. Vorläufig fahre ich zu meiner Schwester … “

„Das ist aber weit weg …“

„Unterbrich mich nicht ständig. Von ihr aus werde ich das Nötige in die Wege leiten, einen Anwalt kontaktieren und so weiter.

Glaub mir, du wirst durch die Hölle gehen. Ich bin todsicher, diese Scheidung haushoch zu gewinnen.“

Abrupt verließ sie das Badezimmer, ohne eine Reaktion von Charly abzuwarten, schnappte das Telefon im Wohnzimmer und verzog sich – die Tür zuknallend – ins Schlafzimmer.

Sie wählte die Nummer ihrer Schwester. Wenn Anita nur zuhause ist, dachte sie fiebernd.

Es dauerte nicht lange, dann nahm diese ab.

„Anita, darf ich für ein paar Tage zu dir kommen? … Hier ist was ganz Furchtbares passiert. Es geht um Charly, aber es ist zu verrückt, als dass ich dir das jetzt am Telefon erklären kann … Vielen Dank, du bist ein Schatz! Sobald ich gepackt habe, fahr ich los. Ich sollte gegen Mitternacht bei dir sein. Bis dann.“

Erleichtert legte sie auf.

Alles klappte bestens, so wie sie es sich erhofft hatte.

Immer noch beflügelt von ihrer Siegesgewissheit, packte sie sofort ihren Koffer und suchte die für ihre Scheidungsabsichten nötigen Dokumente zusammen.

Sie eilte sogar ins Bad, um sich frisch zu machen, dahin, wo dieser denkwürdige Streit angefangen hatte. Angewidert schaute sie zur Badewanne. In diesem Haus konnte sie keine Sekunde länger bleiben, das war klar. Endlich kam Bewegung in ihr Leben, sie hatte richtig entschieden. Triumphierend betrachtete sie sich im Spiegel. Ja, sie war guter Dinge, bereit zu kämpfen, ihrer Sache sicher.

Bald war sie reisefertig, lud, Charlys Hilfe abweisend, ihren Koffer ins Auto.

„Pass auf, Angie! Du bist dir bewusst, dass du nicht Auto fahren solltest mit den Medikamenten, die du nimmst?!“

„Lieber Charly, lass das MEINE Sorge sein. Ich weiß schon, was ich tue.“

Zwar war sie es nicht gewohnt, so lange Strecken zu fahren, aber sie steckte immer noch voller Energie und bemerkte keine Spur von Schläfrigkeit, einer Nebenwirkung des Medikaments, das sie schon längere Zeit wegen ihres Asthmas einnehmen musste.

Im Gegenteil, sie fühlte sich wacher denn je und fuhr los, ohne sich zu verabschieden oder zurückzuschauen.

Es war Charly, der völlig benommen im Hauseingang stand und nicht begriff, wie es so weit kommen konnte. In Gedanken versunken schlich er ins Wohnzimmer zurück.

Was war geschehen? Natürlich, er hatte die Wahrheit gesagt, aber warum?

Früher behielt er, wie jeder, seine Geheimnisse für sich.

Was um Gottes willen hatte ihn bewogen, mit der Wahrheit herauszurücken? Er war so verwirrt, dass er sich auf die Couch legte, wo er augenblicklich einschlief.

Gegen Abend erwachte er, total benommen.

Eigentlich hätte er heute Abenddienst an der Kasse des Big Bang Take Away gehabt. Er stellte jedoch fest, dass er bereits eine halbe Stunde zu spät war, was zu seiner Verwirrtheit beitrug, denn er hatte sonst einen ausgeprägten Sinn für Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit.

In seinem aktuellen Zustand schaffte er es aber weder ins Auto zu steigen noch im Take Away anzurufen. Stattdessen ging er zum Kühlschrank, der immer gut mit Bierdosen ausgestattet war, und nahm sich eine heraus.

Charly hatte nie exzessiv getrunken, die Bierreserven waren vielmehr für Angie, welche sich regelmäßig volllaufen ließ.

Ah, wie gut der erste Schluck doch schmeckte. Sofort fühlte er sich besser, fläzte sich auf die Couch und stellte den Fernseher an.

Er würde morgen im Take Away anrufen und hätte bis dahin sicher eine plausible Ausrede gefunden. Aber Moment, war er dazu überhaupt noch imstande? Konnte er überhaupt noch lügen? Schließlich hatte er Angie gegenüber auch seine intimsten Gedanken ausgeplaudert.

Im Moment war es ihm unmöglich, sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Er verstand auch überhaupt nicht, worum es in der Talkshow ging. Trotzdem zappte er nicht weiter. Die Berieselung durch die Stimmen im Kasten tat ihm irgendwie gut, und mit dem zweiten Bier war er bereits so entrückt, dass ihn nichts mehr berührte.

Das Klingeln des Telefons. Scheiße, ich bin auf der Couch eingeschlafen, dachte Charly. Wer wird um diese Zeit wohl anrufen? Es ist ja fast Mitternacht.

Er sah die aufgereihten Bierdosen auf dem Couchtisch. Kein Wunder, dass er sich so gerädert fühlte.

Charly beeilte sich – so gut es ihm sein Zustand erlaubte – und war erleichtert, das Telefon noch rechtzeitig zu erreichen.

„Hier spricht Divisionär Fergusson vom Bezirk Burlington. Sind Sie Herr Buttler?“, meldete sich eine Männerstimme.

„Ja, bin ich.“

„Ist Angela Buttler-Kramer Ihre Ehegattin?“

„Ja, ist sie, worum geht es?“

„Hatte Ihre Frau Ihres Wissens nach Selbstmordgedanken?“

„Das glaube ich nicht. Es ist nicht ihre Art, sich irgendwelche Gedanken zu machen.“

„Wie meinen Sie das, Herr Buttler?“

„Ich meine, sie ist ein simples Geschöpf, Divisionär. Wenn sie sich Gedanken macht, dann höchstens über die Farbe ihrer nächsten Frisur oder die Selektion der lokalen Miss-Wahlen.“

„Herr Buttler, bitte, es geht um eine ernste Angelegenheit! Ihrer Frau ist etwas zugestoßen. Sie hatte diese Nacht einen tödlichen Unfall auf der A25, den sie selbst verursacht hat, muss ich präzisieren. Mein aufrichtiges Beileid, Herr Buttler.“

„Angie ist tödlich verunfallt? Was ist denn passiert?“

„Ich kann Ihnen leider am Telefon keine weiteren Angaben machen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass eine gerichtsmedizinische Untersuchung stattfinden wird, um festzustellen, ob irgendwelche Drogen im Spiel waren. In der Zwischenzeit möchte ich Sie bitten, die Ruhe zu bewahren. Aus meiner Berufserfahrung weiß ich, dass man in so schweren Momenten besser nicht allein ist, Herr Buttler. Versuchen Sie also Freunde, Bekannte, Verwandte anzurufen. Die werden Verständnis haben und Sie moralisch unterstützen, auch wenn jetzt Mitternacht ist.

Kommen Sie morgen früh ins Kommissariat von Burlington Town, um die Formalitäten zu erledigen. Ich werde anwesend sein. Vergessen Sie nicht, Ihre Ausweispapiere mitzubringen. Es tut mir außerordentlich leid, Ihnen eine so schmerzliche Mitteilung zu machen.

Gute Nacht, Herr Buttler. Ah, noch etwas: Seien Sie vorsichtig, falls Sie allein herfahren. Besonders in der Nacht ist die Strecke gefährlich.“

„Danke für den Rat. Gute Nacht, Divisionär.“

Sie war also weg, Angie war tödlich verunglückt. Er hatte ihr doch noch gesagt, dass sie wegen ihrer Medikamente nicht Auto fahren sollte. Den Tod hatte er Angie nicht gewünscht, dieser Gedanke war ihm total fremd. Aber Charly begriff schnell, dass Angies Ableben für ihn große Vorteile mit sich bringen würde. Die Scheidung, die er befürchtet hatte, würde nicht stattfinden. Er würde nicht das Haus verlassen müssen. Ja, er würde eventuell sogar eine Rente als Witwer bekommen!

Damit könnte er seinen leidigen Job an den Nagel hängen, oder zumindest weniger arbeiten. Morgen würde er der Polizei sagen, wie froh er über den unerwarteten Verlauf und seine neue Lebenslage sei und welche Verbesserung der Tod seiner Frau für ihn bedeute.

Euphorisch begab er sich zum Kühlschrank, dessen Inhalt bereits bedenklich geschwunden war, nahm sich gleich zwei Biere und ließ sich in die Couch sinken.

Wie herrlich schmeckten doch die ersten Züge des eiskalten Getränks. Aber der Genuss war diesmal von kurzer Dauer. Schließlich hatte er morgen im Kommissariat von Burlington Town vorzusprechen. Das bedeutete, dass er bald losfahren musste. Diese Nacht war also nicht mehr an Schlaf zu denken.

Eine Bierdose in der Hand suchte Charly angedonnert nach den Dokumenten, welche die Polizei morgen von ihm verlangen würde.

Ob sein alter Ford die lange Strecke noch schaffen konnte? Ächzend ließ sich Charly auf den Fahrersitz fallen und betätigte den Anlasser. Immerhin war der Tank voll, stellte er mit Erleichterung fest.

Kapitel 2

Good bye, Angie

Es war einer dieser strahlenden Tage in Widmington, so wie man die Gegend in den Herbstmonaten kannte, nicht zu heiß, nicht zu kalt. Wer konnte, ging raus, zur Mall oder zur Parkanlage, um die Milde des Indian Summers zu genießen.

Also ein Tag, an welchem man leicht vergisst, dass es Trauer gibt, Abschiedsschmerz, Tod. Aber heute, an diesem lieblichen Tag, fand die Beerdigung von Angie statt, und zwar auf dem einzigen Friedhof der kleinen Ortschaft.

Das Bestattungsinstitut hatte die Parzelle reichlich mit Blumen dekoriert, die Grube duftete nach frischer Erde. Daneben wartete der Sarg, den die vier reglos danebenstehenden Männer in Schwarz am Schluss der Trauerrede in die Erde versenken würden.

Etwas weiter entfernt war ein schlichtes Podest mit Mikrophon aufgebaut worden.

Weil in kleinen Ortschaften wie Widmington jeder jeden kannte, waren zahlreiche Bewohner anwesend, die sich frühzeitig eingefunden hatten, um der Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Lose geschart um die Grube und verhalten diskutierend, warteten sie geduldig.

Angela – oder für all diejenigen, die sie kannten, Angie – war trotz ihres Namens kein Engel gewesen, vor allem in ihrer Jugendzeit. Neugierig und wechselhafter Natur strahlte sie damals eine knisternde Erotik aus, welcher nicht viele Männer widerstehen konnten – und wollten. Warum auch, wenn es doch ein Leichtes war, dieses Mädchen abzuschleppen. Willig wie kaum eine andere, kam praktisch jeder früher oder später in den Genuss ihrer Reize. Heute reife Männer, waren zahlreiche ihrer früheren Liebhaber anwesend, wohl eher aus Pflichtbewusstsein, ja sogar Schaulust, als aus Trauer. Jedem war klar, dass er damals Angies Gunst mit zahlreichen anderen geteilt hatte. Aber keiner störte sich daran, schließlich lag das alles weit zurück.

Jeder wusste, dass Angies Blütezeit von kurzer Dauer gewesen war. Damit interessierte sie auch keinen mehr und alle belächelten Charly, weil allgemein bekannt war, dass Angie – sobald sie erfuhr, dass sie schwanger war – den Erstbesten genommen hatte, um nicht als ledige Mutter dazustehen. Obwohl das Kind tot zur Welt kam, waren die beiden nun sozusagen auf Lebzeiten aneinandergekettet, denn im konservativen Widmington wurde Scheidung noch in der heutigen Zeit als etwas Verwerfliches angesehen. Aber Angies Unfall, ihr unerwarteter Tod, hatte dieser Situation plötzlich ein brutales Ende gesetzt.

Übrigens, wo war er, Charly, der Ehemann? Und Reverend Hulkon?

„Ich habe gehört, Charly ist in einer psychiatrischen Klinik“, wusste Kevin Blumfeld.

„Wirklich?“, antworteten die Lander Twins, zwei stämmige Farmer. „Kannst du uns mehr darüber sagen? Aber warte, da ergreift jemand das Mikrophon.“

Eine unscheinbare, zerbrechlich wirkende Frau mittleren Alters – die Gesichtszüge gezeichnet von Trauer und Schlafmangel – hatte sich auf das kleine für Reverend Hulkon vorgesehene Podest begeben.

„Verehrte Anwesende, Bürger von Widmington, liebe Freunde und Bekannte von Angie, geschätzte Familienangehörige. Mein Name ist Anita Redhouse, ich bin Angies Schwester. Danke, dass Sie so zahlreich gekommen sind, es wärmt mein Herz, wenn ich sehe, dass Angie so beliebt war. Reverend Hulkon müsste schon längst da sein, aber weil dies nicht der Fall ist, erlaube ich mir, mich mit ein paar Worten an Sie zu wenden. Der Tod meiner Schwester ist mir sehr schmerzhaft, besonders weil er so unerwartet eintraf und mit solcher Brutalität. Meine Schwester ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich bin umso mehr betroffen, als sich dieser Unfall auf dem Weg zu mir ereignet hat. Sie wollte einige Zeit bei mir verbringen, um über familiäre Fragen nachzudenken. Ihr frühzeitiges Ableben allein ist schon schwer zu ertragen. Aber danach ist so vieles passiert, so viel Hässliches und Trauriges, dass es mir nicht leichtfällt, Worte zu finden.

Und dennoch möchte ich Ihnen kurz schildern, was sich nach ihrem Tod ereignet hat. Damit werden Sie auch verstehen, warum Charly nicht anwesend ist.

Nachdem mich die Polizei über den Tod meiner Schwester benachrichtigt hatte – meine Adresse lag anscheinend auf dem Beifahrersitz – begab ich mich frühmorgens ins Kommissariat von Burlington, wohin man sie gebracht hatte. Meine Schwester lag aufgebahrt in einem Kühlraum. Ihr Gesicht war unversehrt, Gott sei Dank, ihr Körper weniger. Dieser war mit einem Tuch bedeckt, die Beamten ersparten mir den Anblick. Jedoch zeigten sie mir Fotos vom Unfall, schrecklich, ich mag gar nicht daran denken.

Niedergeschmettert, wie ich war, hatte ich erst gar nicht bemerkt, dass inzwischen Charly eingetroffen war. Ich werde nur das Wesentliche erzählen, denn was da vorfiel, würde ein Buch füllen.

Er stand also plötzlich neben mir, eine verwahrloste Figur, sagte kaum guten Tag. Was mir gleich auffiel, war die sagenhafte Alkoholfahne, die er ausdünstete. Mein Gott, der muss die ganze Nacht gesoffen haben und war dennoch selber so weit gefahren, dachte ich. Also, er war wie gesagt total betrunken, aber das allein erklärt sein Verhalten nicht, die schockierenden Aussagen und Geständnisse, die er der Polizei gegenüber machte, welche ihm nur Schwierigkeiten bringen konnten, dessen musste er sich trotz seines Zustandes bewusst gewesen sein.

Er legte eine unerklärliche, penetrante Ehrlichkeit, einen hemmungslosen Striptease seiner perversesten Gedanken an den Tag und sprach von einer Erleichterung, was Angies Tod betraf.

‚Ich sage ja nur die Wahrheit‘, war ein Satz, den er ständig wiederholte.

Ich hatte die Beamten ins Bild gesetzt, dass sich meine Schwester nach einem Streit mit ihrem Ehemann für ein paar Tage bei mir zurückziehen wollte und deshalb diese lange Autofahrt auf sich genommen hatte. Auf Nachfrage beschrieb Charly überaus peinliche, intime Details, erwähnte zum Beispiel ohne Zusammenhang eine Nachbarin, die – wenn ich es richtig verstanden habe – noch minderjährig ist.

Ich kann Ihnen wirklich keine weiteren Einzelheiten erzählen, das Vorgefallene ist einfach zu grässlich, kaum denkbar …

Und es würde diese Trauerfeier zusätzlich belasten und Ihre Gefühle unnötig aufwühlen.

Was das Ableben meiner Schwester betrifft, sprach natürlich alles gegen Charly. Die Polizei wird nun prüfen, ob er allenfalls Angies Auto sabotiert hat, um ihren Tod herbeizuführen. Außerdem veranlassten Charlys verwirrende Äußerungen und Geständnisse die Polizei, eine psychiatrische Begutachtung anzuordnen, weshalb er vorerst in Untersuchungshaft bleibt.

Ah, da sehe ich endlich Reverend Hulkon! Eigentlich bin ich auch fertig. Ich danke Ihnen, verehrte Trauergäste, für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld. Es war mir ein Anliegen, Ihnen die Gründe für Charlys Abwesenheit zu erklären. Bitte behalten Sie Angie, meine geliebte Schwester, die ich ewig vermissen werde, in guter Erinnerung. Sie hat es verdient.“

Die Anwesenden applaudierten zaghaft.

„Also bitte, Reverend Hulkon, jetzt wo Sie endlich da sind, ist es nun an Ihnen …“, sagte sie, ihm das Mikrophon übergebend.

„Hallo, hallo, ihr lieben Leute. Sorry für die Verspätung, aber als Seelsorger tanzt man immer auf verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig. Fahren Sie ruhig fort, junge Frau, Sie machen das wunderbar, ich höre gerne zu. Sie sind die Schwester, ja? Da drüben ist ein Ersatzmikrophon, haben Sie nicht gesehen?“

Anita ergriff dieses, schaltete es ein und antwortete gereizt: „Reverend Hulkon, gehen Sie nicht. Sie sind doch für die Trauerrede verantwortlich. Vielleicht können Sie uns erklären, wieso Sie mehr als eine halbe Stunde zu spät sind.“

„Kein Problem, alles mit der Ruhe, liebe Leute. Eine Alte, die ich monatelang eingeseift habe, hat mir endlich ihr Haus vermacht. Das musste natürlich so schnell wie möglich geregelt werden, nicht dass sie sich’s anders überlegt oder die Familie dazwischenfunkt. Beim Notar hat’s halt etwas gedauert. Ihr wisst ja, welche Geduld es manchmal braucht mit den Alten. Das ist also der Grund, wieso ich zu spät kam, denn so eine Gelegenheit wollte ich doch nicht wegen einer Beerdigung aufs Spiel setzen, das sieht wohl jeder von euch ein.“

Es ging ein Raunen durch die Reihen, die beiden Landers wetterten lautstark.

Anita war erst sprachlos, entschloss sich aber rasch, Reverend Hulkons haarsträubende Begründung zu ignorieren, in der Hoffnung, auf diese Weise die Situation zu retten.

„Ich nehme an, Sie haben Ihre Rede vorbereitet, Reverend Hulkon.“

„Ja, ja, meine Liebe, klar, klar, die habe ich vorbereitet und wie. Soll ich sie vortragen?“

„Mensch, was für eine Frage!“

„Ok, ok, keine Panik.“

Reverend Hulkon kramte lange in den verborgenen Taschen seiner Soutane. Endlich fündig geworden, hielt er längere Zeit inne, betrachtete seinen Text, als ob er ihn zum ersten Mal sähe.

Schließlich erhob er seine klangvolle Stimme, so wie man es von ihm gewohnt war.

„Also, liebe Angehörige, liebe Trauergäste und so weiter, ich habe hier meine Rede vor Augen und muss zugeben, dass ich es beim Durchlesen kaum für möglich halten kann, der Verfasser dieses Textes zu sein.

Dabei ist mir bewusst, dass ich während nun gut fünfzehn Jahren, immer wieder solche Lügengebilde hervorgebracht habe.

Zum Beispiel habe ich da an einer Stelle geschrieben: ‚Angela oder Angie, wie dich deine Freunde zärtlich nannten, alle liebten dich für deine Warmherzigkeit und Menschlichkeit.‘

Das müsste man anders sagen: ‚Die Weiber mochten dich nicht, weil du als Teenager ihnen jeden, der dir über den Weg lief, weggeschnappt hast. Die Jungs mochten dich hingegen ausgesprochen, weil sie sich nicht besonders anstrengen mussten, um mit dir ins Bett zu gehen.‘ Mich als dein langjähriger Klassenkamerad hat das nie betroffen, denn ich stehe sowieso seit jeher auf Männer. Ja, nun wisst ihr‘s, ich bin schwul. Aber im Gegensatz zu vielen meiner geistlichen Kollegen ziehen mich nicht Knaben an, sondern erwachsene Mä…“

Nun wurden Protestrufe laut, Blumfeld zückte sein Handy und begann zu filmen.

„Was fällt Ihnen ein, Reverend, sind Sie total verrückt geworden? Lesen Sie endlich Ihren Text, verdammt noch mal“, sagte ein älterer Herr mit Gehstock, der in der Nähe des Podests stand.

„Liebe Leute, da vorne ist jemand nicht mit mir einverstanden, aber ich sage ja nur die Wahrheit, was ist daran so verwerflich?

Aber ok, zum Text also. Vielleicht sollte ich vorne anfangen.“ „Es wär in der Tat endlich an der Zeit“, kam das Echo aus dem Publikum.

„Also, liebe Trauergemeinde: ‚Angie, wir nehmen heute Abschied von dir, denn Gott hat dich heim zu sich gerufen. Er will dich in seiner Nähe haben …‘“

Abermals unterbrach Reverend Hulkon die Lesung.

„Sie wissen wohl so gut wie ich, dass es Gott nicht gibt. Das jedenfalls wurde mir klar, als einige meiner besten Freunde elendig an AIDS eingingen. Es gab keinen Gott, welcher ihnen ihre Qualen abnahm, geschweige denn sie davon befreite. Gäbe es Gott, wie könnte er all das Elend dieser Welt rechtfertigen, wenn er so erhaben, so mächtig ist, wie das die Bibel … Ja, jetzt tut ihr so empört, ihr Heuchler, dabei seid ihr ja auch alles nur Egoisten, auf den kleinen Profit erpicht. Ich kenn euch ja mehr als auswendig! Ihr habt mir ja genug anvertraut, um eure Gewissen zu erleichtern und euer Plätzchen im Himmel zu sichern.

Liebe Leute, Religion ist das reinste Lügengebilde, eine Droge fürs Volk, wie Marx oder Lenin oder wer auch immer richtigerweise …“

Der Rest seiner Rede ging vollends in den Protestrufen unter, die immer lauter geworden waren. Der Mann mit Gehstock begann auf ihn einzuschlagen. Reverend Hulkon ließ sich jedoch nicht vertreiben, klammerte sich an sein Rednerpult, gestikulierte und schrie ins Mikrophon.

Jemand zog das Kabel der kleinen Verstärkeranlage, mehrere griffen zu ihren Mobiltelefonen und riefen die Polizei an.

Reverend Hulkon ereiferte sich, obwohl ihm im allgemeinen Tumult niemand mehr zuhörte. In Kürze waren Polizeisirenen zu hören. Mit quietschenden Reifen und praktisch gleichzeitig trafen drei Streifenwagen ein, die Türen flogen auf und eine unorganisierte Schar Beamter kam angerannt, die Waffen schussbereit auf Reverend Hulkon gerichtet.

Er wurde sofort gepackt, wehrte sich aber heftig und schlug um sich, wobei ihm sein künstlicher Haaraufsatz verrutsche. Er schrie immer wieder etwas von Wahrheit, beschimpfte die Polizisten, so dass diese ihm unsanft die Handschellen verpassten und ihn ohne Umschweife zu einem der Streifenwagen schleppten.

Wie erschütternd – und gleichzeitig lächerlich – war der Anblick des sich mit gerötetem Gesicht immer noch wehrenden Reverend Hulkon, das verschobene Toupet auf dem Kopf.

Während dieses Zwischenfalls hatte jemand – um die Trauerrede zu retten – die Geistesgegenwart besessen, einen anderen Priester zu rufen, der in Kürze zur Stelle war und die Zeremonie schlicht und zur Zufriedenheit aller durchführte. Angie wurde in Würden beigesetzt, wie es die Tradition will, die Anwesenden hatten sich weitgehend beruhigt.

Und trotzdem, als die Trauergäste danach betreten auseinandergingen, kreisten deren Gedanken viel mehr um den skandalösen Auftritt des Reverend Hulkon als um Angie, welcher in Wirklichkeit niemand nachtrauerte, außer ihre Schwester, die durch die dramatischen Ereignisse dieser letzten Tage am Boden zerstört war.

Allen war bewusst, dass sich heute etwas wirklich Ungewöhnliches ereignet hatte. Wie konnte man Reverend Hulkons Verhalten erklären? Wie kam es, dass er so ohne Umschweife seine gotteslästerlichen Gedanken aussprach, und das erst recht vor einer großen Trauergemeinde wie dieser?

Er musste doch mit Reaktionen rechnen, damit, dass jemand die Polizei benachrichtigen würde.

Und die Art, wie er von seiner Erbschleicherei mit dem Haus gesprochen hatte, als wäre das die normalste Sache der Welt.

Stand er unter Drogeneinfluss? Oder war er psychisch erkrankt?

Aber einer der letzten intakten Instinkte des Menschen ist es, sich zu schützen, sei’s mit Lügen oder wenigstens dem Bewahren der geheimen Gedanken. Wie war es also möglich, dass Reverend Hulkon diese natürliche menschliche Eigenschaft plötzlich fehlte?

Kapitel 3

Die Machenschaften des Dr Tamoti

Lukewatersprings

„Martha, hör dir mal an, was da auf der letzten Seite des Lukewater Daily steht:

Reverend dreht durch

Gestern, anlässlich einer Beisetzung auf dem Friedhof von Widmington, hat Reverend Hulkon, bekannt für seine schwungvollen Reden und seit Jahren als zuverlässiger, allgemein beliebter Prediger amtierend, die Existenz Gottes geleugnet, die anwesenden Trauergäste beschimpft und sich öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt. Anwesende riefen die Polizei, welche schnell zur Stelle war und Reverend Hulkon in Handschellen abführte.

Er befindet sich im Moment in Untersuchungshaft. Bei den Blutanalysen wurden keine Spuren von Drogen festgestellt.

Wie die Polizei mitteilt, hat Reverend Hulkon beim Verhör aus freien Stücken weitere Taten gestanden, wie zum Beispiel das Erschleichen von Erbschaften. Sollten sich diese Geständnisse bewahrheiten, droht Reverend Hulkon eine Gefängnisstrafe von bis zu 4 Jahren.

Ist das nicht total verrückt?“

Martha kam und schmiegte sich an ihren Ehemann.

„Ja, allerdings, Louis, aber man kann nicht immer alles glauben, was in den Zeitungen steht.“

„Da hast du Recht. Hast du schon mal von diesem Reverend Hulkon gehört? Mir sagt der Name nichts.“

„Ja, der ist ziemlich bekannt.“

„Und wussten die Leute, dass er schwul ist?“

„Ich denke nicht. Die Kirche hütet sich, in solchen Belangen mit offenen Karten zu spielen. Deswegen werden die pädophilen Priester bis zum letzten Moment gedeckt. Louis, vergiss nicht, dass du einen Arzttermin hast. Hast du deine Medikamente eingenommen?“

„Ja, ja, mach dir keine Sorgen, Martha.“

„Du kannst von Glück reden, dass du keine Schmerzen hast. Nierensteine sind in der Regel sehr schmerzhaft, ich weiß das von Aunt Billy. Die hatte damals gejammert, aber heute ist die Medizin natürlich viel weiter. Also ich fahre dich hin, das ist sicherer so.“ „Ok, danke, dass du mitkommst. Es graut mir vor dieser Operation und deine Gegenwart gibt mir Mut.“

„Oh, du armes Ding … Aber es geht ja nur darum, dir diese Nierensteine zu entfernen. Das ist keine große Sache und Dr. Tamoti hat einen guten Ruf. Und überhaupt, die Operation ist erst übernächste Woche.“

„Stimmt, stimmt, trotzdem habe ich Schiss. Aber lass uns gehen, nicht dass wir zu spät kommen.“

„Hast du alles dabei, deine Unterlagen und die Resultate der Untersuchung?“

„Die Resultate hat Dr. Tamoti, den Rest habe ich in der Mappe. Ich bin noch nicht völlig vertrottelt, auch wenn du mich oft so hinstellst.“

„Ach was, mein Schatz, wir sind zwar nicht mehr 20, aber vertrottelt bist du doch nicht, höchstens manchmal ein bisschen zerstreut.“

„Ok, ok, lass uns gehen.“

Martha, klein gewachsen und eher rundlich, sah, obwohl bereits im Rentenalter, immer noch attraktiv aus. Sie stand zu ihrer Figur und versuchte nicht, jünger zu erscheinen, als sie war.

Louis und sie ergänzten sich gut, er war der ruhende Pol und sie das Energiebündel, welches Bewegung und Frische in den Alltag brachte.

Sie fuhr ihren Chevrolet Station souverän, war konzentriert auf die Straße, obwohl heute wenig Verkehr herrschte. Sie liebte diese Landschaft mit den endlosen Alleen und weiten Feldern,

besonders im Moment, denn der Indian Summer verzauberte die Gegend zu dieser Jahreszeit mit seiner Farbpalette von ockergelb bis rostrot.

Lukewatersprings, da wurde sie geboren und da würde sie auch sterben. Viele ihrer Freunde waren weggezogen, sei es in große Städte oder gar ins Ausland. Sie jedoch war mit dieser Gegend zu verwurzelt, es war ihre Heimat, da wo sie sich zuhause fühlte.

In Gedanken versunken erreichten sie das Bezirksspital von Klamox, welches die beiden bestens kannten, denn ihre zwei Söhne, Ted und Alois, waren hier zur Welt gekommen.

Seit einiger Zeit war es nun Louis, welcher wegen Nierenbeschwerden hier in Behandlung war. Das Bezirksspital war in der Gegend bekannt für die vortreffliche Belegschaft, so dass selbst wohlhabende Leute sich lieber hier als in Privatkliniken behandeln ließen.

Das geräumige Wartezimmer war einfallslos dekoriert, wie die meisten Wartezimmer der Welt, aber das nimmt man gerne in Kauf, wenn die ärztliche Versorgung gut ist, und diesbezüglich wussten sich die Summerhills bestens aufgehoben. Sie suchten sich zwei freie Plätze, Louis schnappte sich eines der abgegriffenen Magazine, Martha zückte ihr Handy und schrieb ein paar SMS.

Pünktlich zur vereinbarten Zeit zeichnete sich die schlanke Silhouette von Dr. Tamoti im Türrahmen ab.

„Herr Louis Summerhill, wenn ich bitten darf. Klar, Frau Summerhill, Sie können ruhig auch mit reinkommen. Nehmen Sie bitte Platz.

Also, wie sieht es aus, bringen die Medikamente die gewünschte Wirkung? Ja? Wunderbar.

Sowieso, diese werden Sie nach der Operation absetzen können, das habe ich Ihnen bereits erklärt. Wie Sie wissen, ist das Entfernen von Nierensteinen keine große Intervention, auch wenn diese in Ihrem Fall operativ geschehen muss. Bis jetzt haben jedenfalls alle meine Patienten überlebt.“

Louis musste lachen. „Das will ich hoffen. Qualifiziert, wie Sie sind, habe ich auch überhaupt keine Bedenken, Dr. Tamoti.“ „Meinen Sie wegen meines Marward-Diploms?“

„Ja, zum Beispiel.“

„Ich muss Ihnen eines sagen, Herr Summerhill: Ich war nie in Marward.“

„Sie sind ja ein Spaßmacher, das hätte ich nie von Ihnen gedacht.“

„Herr Summerhill, ich mache keinen Scherz.“

Martha und Louis schauten sich verdutzt an.

„Ja, wie meinen Sie denn das, Dr. Tamoti?“

„Mein lieber Louis, darf ich Sie Louis nennen? Es ist so, dass ich nie an einer Universität war und schon gar nicht in Marward. Doch, ein Semester war ich tatsächlich an der medizinischen Fakultät von Oblington. Aber da ich als Gaststudent keine Aussichten auf ein Diplom hatte und mir die Ausbildung zu akademisch und schwerfällig war, hatte ich mich entschlossen, die Ausbildung im Selbststudium weiterzuführen. Sie brauchen mich gar nicht so entgeistert anzuschauen. Ich bin trotzdem sehr qualifiziert, denn ich habe mir mein Wissen selber angeeignet.“

„Wie meinen Sie das, ‚Ihr Wissen selber angeeignet‘?“, fragte Martha schrill.

„Ganz einfach, Frau Summerhill: Ich habe das Gleiche gemacht, wie jeder andere Student, dieselben Bücher studiert, die auch alle anderen Studenten büffeln müssen, mit dem Unterschied, dass ich das im Alleingang durchgezogen habe, eine Glanzleistung verglichen mit einem herkömmlichen Studiengang.

Wissen Sie, Medizin hat mich schon immer fasziniert. Ich bin ein geborener Mediziner, das wusste ich schon als kleiner Junge. Für jemanden wie mich, der solche Voraussetzungen mit sich brachte, war das Studium an einer Universität reine Zeitverschwendung. Die anderen Studenten verlangsamen den Lernprozess, die Professoren sind oft durch Beziehungen zu ihren Stellen gekommen und haben wenig zu bieten, kurz, ein Mann wie ich tut besser dran, seinen eigenen Weg zu gehen, nur auf sich zu hören.

Seit der Jugendzeit hatte ich immer wieder Schwierigkeiten mit der Justiz, darauf kann ich jetzt leider nicht eingehen. Ich war nämlich unter anderem ein paar Jahre im Gefängnis. Das war auch der Grund, wieso mir der Zugang zu einer akademischen Laufbahn verwehrt war.

Aber das interessierte mich gar nicht mehr, denn im Gefängnis hatte ich mich bereits intensiv mit innerer Medizin befasst und mich anschließend auf Urologie spezialisiert, indem ich die über Internet besorgten Fachbücher durchackerte.

Internet war auch sonst eine unerschöpfliche Quelle an Informationen. Ich fand auf diesem Weg alle denkbaren wissenschaftlichen Unterlagen zur Ergänzung meines Studiums.

Wieder auf freiem Fuß und nach dieser unglücklichen Erfahrung als Gaststudent war mir klar, dass ich nichts mehr an der Universität verloren hatte. Schließlich wusste ich bereits viel mehr als jeder andere Uni-Abgänger.“

„Aber Ihr Diplom von Marward!“

„Wissen Sie … Im Knast lernt man allerlei Leute kennen, zum Teil sehr interessante Individuen, die auf bestimmten Gebieten große Klasse sind: Hacker, in der Lage, jedes Sicherheitssystem zu knacken, Tresorspezialisten, Extrem-Kletterer und eben auch Fälscher, die jedes Dokument nachahmen können und gerne über ihr Handwerk Auskunft geben. Ich konnte dank diesen Informationen die Fälschung meines Diploms selber anfertigen, auch wenn ich in dieser Beziehung kein Spezialist bin.“

„Aber Sie wurden doch überprüft, es wurde doch bestimmt abgeklärt, ob Sie wirklich in Marward waren?“

„Ich habe in verschiedenen Bezirksspitälern gearbeitet, und wenn man jahrelange Berufserfahrung nachweisen kann und dringend ein Urologe gesucht wird, gibt sich kein Direktor die Mühe, das Diplom unter die Lupe zu nehmen oder in Marward anzurufen.

Am Anfang, für meine erste Stelle, hatte ich natürlich Vorkehrungen treffen müssen, ich bin ja nicht verrückt. Ich hatte mir die Namen der Marward Abgänger verschiedener Jahrgänge beschafft, die so zirka meinem Alter entsprachen. Habe dann im Internet die Karrieren studiert, geschaut, was die alle geworden waren. Dieser Tamoti erschien mir geradezu ideal, weil er nach Europa verreist war und seither jede Spur von ihm fehlte.

Mit anderen Worten, ich heiße gar nicht Tamoti. Ich habe mir diese Identität angeeignet. Das war gar nicht so schwierig, denn ich hatte den Kontakt zu Andrew, dem Fälscher …“

„Jetzt reicht’s! Ich weiß gar nicht, wieso Sie uns das alles erzählen. Martha, nimm dein Mobiltelefon“, sagte Louis bebend vor Aufregung, „ruf sofort die Polizei an. Oder lass uns besser an die Rezeption gehen und die Direktion benachrichtigen. Wir müssen was unternehmen. Herr Tamoti – oder wie auch immer Sie heißen – Sie sind total durchgedreht.“

„Aber gute Leute, keine Panik, ich habe ja nur die Wahrheit erzählt. Sie wissen ebenfalls, dass ich seit Jahren erfolgreich praktiziere und auch meine Operationen immer gelungen sind, wo ist das Problem?“

„Hören Sie sofort auf, bald werden Sie das alles der Polizei erzählen können.“

„Kann ich schon, Louis, aber jedem ist bekannt, dass ich ein ausgezeichneter Urologe bin.“

Martha und Louis waren so durcheinander, dass die Dame an der Rezeption sie zuerst mit größter Skepsis anhörte. Standen diese zwei Senioren unter Drogeneinfluss, waren sie geisteskrank?

Erst nach einer Weile verstand sie, was die beiden ihr sagen wollten.

„Sie möchten also mit unserem Direktor, Professor Alboni, sprechen? Dafür brauchen Sie einen Termin.“

„Es ist aber eine Notsituation, eine ernsthafte, dringende Angelegenheit.“

„Das sagen alle, aber ohne Termin kein Treffen mit dem Direktor.“ „Du, Martha, die dumme Ziege macht mich halb wahnsinnig. Die versteht gar nicht, worum es geht. Ruf doch die Polizei an, bitte.“

„Wenn du meinst. Ich kenn nur die Nummer für Notfälle.“

„Ruf sofort dort an.“

„Sie wollten eine Unterredung mit mir?“

Wie aus dem Boden geschossen, stand plötzlich der Direktor neben ihnen. Anscheinend hatte er die Szene eine Weile beobachtet. „Folgen Sie mir bitte in mein Büro.“

Martha, die schon die Notfall-Nummer wählte, klappte ihr altmodisches Mobiltelefon zu und trippelte hinterher.

„Also, um was geht es, wenn ich bitten darf, Herr … wie ist Ihr werter Name?“

„Summerhill, Louis und Martha Summerhill.“

Die beiden schilderten im Detail die Bekenntnisse des Dr. Tamoti. Der Direktor hatte die Klugheit, die zwei nicht zu unterbrechen und sie ausreden zu lassen.

„Sie behaupten also, in meinem Spital würden Ärzte mit gefälschten Diplomen arbeiten?“

„Herr Direktor, Dr. Tamoti hat das alles eben erst gestanden, ganz von sich aus. Wir wussten bisher nichts davon. Bitte, Herr Direktor, es ist keine Zeit zu verlieren, sonst haut Dr. Tamoti, oder wie auch immer er heißt, ab und sucht sich ein anderes Spital, wo er mit seinem Unfug weiterfahren kann.“

„Wissen Sie, Herr Summerhill, was Sie da behaupten, könnte Sie hinter Gitter bringen, und zwar wegen Verleumdung.“

„Aber, Herr Direktor, ich sage Ihnen, Dr. Tamoti hat uns das alles selber so geschildert. Rufen Sie ihn doch an, wenn er überhaupt noch in seiner Praxis ist.“

Wortlos griff der Direktor zum Hörer, ohne Martha und Louis aus den Augen zu lassen. Nach wie vor zeigte sein Gesichtsausdruck keinerlei Gefühlsregungen.

„Tamoti, hättest du einen Moment Zeit? Kannst du runterkommen in mein Office? Bis gleich. Die Herrschaften, ich möchte dieses Gespräch mit Dr. Tamoti ohne Sie führen. Sollte sich herausstellen, dass Sie lügen, werde ich nicht zögern, Sie wegen Verleumdung anzuzeigen. Könnten Sie bitte im Nebenraum warten? Verlassen Sie unter keinen Umständen das Spital, es könnte nötig sein, dass Sie Ihre Aussagen wiederholen.“

Martha und Louis begaben sich also in den Nebenraum. Bald waren durch die massive Tür gedämpft Stimmen zu vernehmen, aber es war unmöglich, auch nur ein einziges Wort zu verstehen.

Würde Dr. Tamoti das Gleiche erzählen, oder sich eines Besseren besinnen und Professor Alboni plötzlich eine ganz andere Version auftischen?

Es schien, als wäre die Zeit stehen geblieben. Wortlos starrten Martha und Louis vor sich hin, versuchten, ihre Gedanken zu sammeln, Klarheit zu schaffen. Mit einem dumpfen Geräusch ging endlich die schwere Tür auf.

„Danke fürs Warten“, sagte der Direktor. Er rieb sich die Augen und seine Stimme bebte leicht. „Dr. Tamoti hat Ihre Aussagen bestätigt und die Polizei ist unterwegs. Er ist bereit, sich zu stellen, denn er beharrt darauf, dass er ein ausgezeichneter und leidenschaftlicher Mediziner sei.“

„Hey, Summerhill!“, rief dieser aus dem Büro des Direktors.

„Ich muss Ihnen noch was sagen, ein Detail, das ich vorhin vergessen hatte. Sie haben gar keine Nierensteine. Deswegen hatten Sie auch keine Schmerzen. Ich wollte nur einfach wieder mal diese Operation machen. Keine Angst, ich hätte schön alles wieder zugenäht und Sie hätten nichts gemerkt. Die Röntgenbilder stammen von einem anderen Patienten. Sie wissen ja inzwischen, dass ich mich mit der Herstellung von Fälschungen und Kopien etwas auskenne. Geben Sie zu, dass ich wirklich …“

„Hör sofort auf, Tamoti, oder wie immer du auch heißt! Du bist ein Schandfleck der Medizin und hast unserem Bezirksspital großen Schaden zugefügt! Die Medien werden sich auf uns stürzen! Sowas ist für die ein gefundenes Fressen.“

Nun hörte man von Weitem die Sirenen der Polizei heulen. Hier im Bezirk von Lukewatersprings dauerte es lange, bis diese eintraf, dafür kam immer gleich ein ganzer Konvoi von Streifenwagen. Das war auch heute nicht anders.

Dr. Tamoti leistete keinen Widerstand und wurde augenblicklich in Handschellen abgeführt. Man hörte seine Stimme noch eine Weile durch die Gänge hallen: „Ich weiß, dass ich der Beste bin, das wird der Polizei schon klar werden.“

Durchs Fenster konnte man die Streifenwagen beobachten, wie sie sich entfernten, diesmal ohne Sirenengeheul.

„Die Herrschaften …“ Martha und Louis fuhren zusammen. „… ich möchte mich bei Ihnen bedanken, und dafür entschuldigen, dass ich Ihnen nicht sofort geglaubt habe.“

Der Direktor näherte sich ihnen und ein freundliches Lächeln überflog seine müden Züge.

„Aber Sie verstehen bestimmt, dass in meiner Position alle Möglichkeiten in Erwägung gezogen werden müssen, weswegen ich dringend den Standpunkt von Dr. Tamoti – wie er sich nannte – kennen wollte, bevor ich Schritte unternahm. Da er sozusagen damit auftrumpft, sich sein Wissen im Alleinstudium angeeignet zu haben und kein staatliches Diplom zu besitzen, war klar, dass ich die Polizei einschalten musste. Ich weiß, dass ein Skandal nicht zu vermeiden ist. Trotzdem wäre ich Ihnen äußerst dankbar, wenn Sie die Angelegenheit mit Stillschweigen und Diskretion behandeln würden.“

Aber Martha und Louis ging es in keiner Weise darum, das Erlebte hinauszuposaunen. Benommen nahmen sie von Professor Alboni Abschied.

Die beiden wussten kaum, wie sie nach Hause gekommen waren. „Was ist in den gefahren?“

„Meinst du Dr. Tamoti, Louis?“

„Natürlich. Ich will sagen, was war mit ihm los, plötzlich mit all dem auszupacken? Wir hätten ja nichts gemerkt. Wenn ich denke, dass ich mich beinahe von jemandem hätte operieren lassen, der gar kein Arzt ist, was für ein schrecklicher Gedanke. Schlimmer, von jemandem, der eine kriminelle Vergangenheit hat, einer dubiosen, zwielichtigen Gestalt. Jetzt wird er bestimmt wieder dorthin kommen, wo er hingehört, nämlich in den Knast.“

„Kein Zweifel, aber versuchen wir doch, das Ganze zu vergessen. Du musst ja nicht operiert werden. Wir suchen einfach einen anderen Urologen, das sollte doch nicht allzu kompliziert sein.“ „Denk dran, ich habe gar keine Nierensteine! Dieses Monster wollte nur an mir rumschneiden.“

„Du hast Recht.“

„Ich werde mich nie mehr im Bezirksspital von Klamox behandeln lassen, sei es auch nur für einen Schnupfen.“

„Kann ich gut verstehen. Mich schaudert es, auch wenn ich denke, dass du beinahe in die Hände – oder besser gesagt und unter das Skalpell – eines Scharlatans gekommen wärst.“

„Ich glaub, ich brauch einen Gin Tonic. Besonders, weil ich jetzt weiß, dass ich das mit gutem Gewissen tun kann, weil ich ja gar keine Nierensteine habe.“

„Ich schließ mich an. Das haben wir verdient nach diesem Schock.“

Kapitel 4

Cindys verrückte Entdeckung

„Hello Ulrike“, tippte Cindy in die Chatbox ihres Browsers.

„Ich sehe, du bist online, es muss spät sein bei dir in Berlin.“

Sie saß an ihrem Schreibpult, schlürfte einen Rooibos-Tee und schaute raus in den desolaten Hinterhof. Wie heruntergekommen dieses Gebäude war, der Putz, der großflächig abgebröckelt war, die zerbrochenen Fensterscheiben der umliegenden Treppenhäuser, die kein Mensch ersetzte, die verrosteten Feuertreppen. Ob die was taugen würden im Ernstfall? Es war eine Frage der Zeit, bis auch dieses Gebäude dem Spekulationshunger zum Opfer fallen würde. Aber immerhin, sie wohnte schon seit über fünf Jahren in Manhattan, New York, worum sie ihre Freunde beneideten. Dafür musste sie jedoch nicht nur den miserablen Zustand des Hauses in Kauf nehmen, sondern vor allem den Platzmangel. Die Kochnische war im Flur, auch der Kühlschrank, der einen Teil der Zimmertür versperrte, weil sonst kein passender Standort zu Verfügung stand. Ohne den Stauraum unter ihrem überhöhten Bett und die wetterfeste Kiste auf der Plattform der Feuerleiter, worin sie einen Teil ihrer Kleider verstaute, hätte sie ihre bescheidenen Habseligkeiten nicht unterbringen können. Wohnfläche war in Manhattan ein Luxus, den sich nicht jedermann in gleichem Maße leisten konnte.

Cindy hatte den ganzen Nachmittag damit verbracht, Stellenangebote zu studieren. Nun gönnte sie sich eine Pause.

„Hello Cindy“, meldete sich Ulrike zurück. „Du weißt, ich bin ein Nachtmensch. Wie geht’s dir so, meine Kleine?“

„Bin auf Jobsuche“, antwortete Cindy. „Die Buchhandlung, wo ich gearbeitet hatte, musste schließen: unrentabel.“

„Krass, das tut mir leid. Drück dir die Daumen für einen neuen Job. Bei uns in Deutschland haben‘s die unabhängigen Buchhandlungen auch schwer.“

„Und wie geht’s mit Uwe?“

„Ist ausgezogen. Wegen einer Sekte! Hatte er mir lange verheimlicht. Ich fand ihn schon ziemlich verändert in letzter Zeit. Wir hatten uns total auseinandergelebt. Eines Tages hieß es:

Höre, Ulrike, ich mach eine wunderbare Erfahrung. Dank meiner Gemeinschaft – sprich Sekte – bin ich auf dem Weg, mein wahres Ich zu finden.

Er könne nicht mehr mit einer Uneingeweihten wie mir zusammenleben und ziehe jetzt weg in ein spirituelles Zentrum oder sowas.“

„Wow, übel. Hat dich das nicht total aus der Bahn geworfen? Ich meine, du musstest doch auch noch dein Architekturstudium abschließen.“

„Richtig, zum Glück liegt das alles hinter mir. War schon ein bisschen viel aufs Mal.“

„Und jetzt, was hast du für Pläne?“

„Im Moment arbeite ich als Freelance im Architekturbüro, wo ich vor zwei Jahren mein Praktikum hatte. Die möchten mich fix einstellen. Eigentlich müsste ich froh darüber sein, aber ich weiß nicht, gleich nach dem Studium voll ins Berufsleben abzutauchen geht mir gegen den Strich, möchte einfach noch ein bisschen die Luft der Freiheit schnuppern.

Und du, Cindy, nebst Jobsuche?“

„Nichts Weltbewegendes. Außer vielleicht … Hab was Witziges entdeckt im Internet: Den Blog einer Person, die sich Dr. Zorro nennt. Ich sende dir den Link, musst du dir anschauen, ist totaler Wahnsinn, was dort behauptet wird.

Dr. Zorro hat zahlreiche Artikel zusammengetragen, die eines gemeinsam haben: Es geht um Leute, die plötzlich alles öffentlich preisgeben, ihre Geheimnisse, intimsten Gedanken und so weiter. Zum Beispiel ein Reverend Soundso, der bei einer Beerdigung die Existenz Gottes geleugnet und sich vor allen Trauergästen zu seiner Homosexualität bekannt hat, und so Sachen. Die meisten dieser Ereignisse enden mit der Einlieferung in eine psychiatrische Klinik oder der Verhaftung.

Die Artikel scheinen echt zu sein. Dr. Zorro analysiert die Geschehnisse und behauptet, es seien mehr als zufällige Ereignisse und sie hätten einen Zusammenhang. Ist total witzig, musst du dir unbedingt anschauen, wenn du Zeit hast. Hier der Link.“

„Ok, ich schau gleich mal rein.“

Der Link funktionierte auf Anhieb. Ulrike las:

Der Remling Bote

Die Geständnisse der Nurse Geraldine M.

Die Gemeindeschwester von Remling City, Nurse Geraldine M., beliebt und bekannt bei der Bevölkerung, hat bei der Bewerbung um die Stelle als Vizedirektorin des privaten Altersheims „Evergreen“ erklärt, sie hätte in den zwanzig Jahren ihrer Aktivität in Remling City unzählige Betagte und behinderte Personen „zum Tode verholfen“, wie sie sagte, um diese „von ihren unsäglichen Leiden zu befreien“.

Die Direktion des Altersheims hat unverzüglich die Polizei benachrichtigt. Nurse Geraldine M. wurde in Handschellen abgeführt und befindet sich jetzt in Untersuchungshaft. Es bleibt ein Rätsel, wieso sie ausgerechnet bei einem Vorstellungsgespräch diese Delikte gestand.

Die Polizei geht der Sache nach und studiert jeden einzelnen Todesfall und die Umstände, welche damit im Zusammenhang stehen. Wie die Polizei mitteilt, kooperiert Nurse Geraldine M. beflissentlich und ist in der Lage, Details und Einzelheiten zu liefern, welche es bald erlauben werden, die Wahrheit über diese schrecklichen Geschehnisse zu erfahren. Nurse Geraldine M. riskiert die Todesstrafe, sollten sich ihre Aussagen bewahrheiten.

Chamberrock Post

Tiere vergiftet

Die mysteriöse Todeswelle im Zoo von Chamberrock scheint nun geklärt. Der Rentner Aladin Muhrein-Dovlensky, Gewinner einer Tombola des Warenhausgiganten Trebbledene, hat bei der Preisverleihung auf die harmlose Frage „Was machen Sie in Ihrer Freizeit?“ folgendermaßen geantwortet:

„Meistens gehe ich in den Zoo und vergifte die Tiere. Ich sehe gerne zu, wie sie sich in Todesqualen winden. Leider sind manche zu schlau und rühren die Häppchen mit dem Gift, welche ich ihnen zuwerfe, nicht an, vielleicht riechen sie es.“

Die interviewende Journalistin des lokalen Fernsehens, auf eine derartige Antwort nicht gefasst, brach in Tränen aus.

Aladin Muhrein-Dovlensky wurde am Tag darauf von der Polizei verhört. Wie der Pressesprecher der Polizei den Journalisten mitteilte, wiederholte der Rentner den Beamten das Gesagte und beschrieb genau, wie er die Vergiftungen vorbereitet hatte und welche Erregung er bei den Qualen und dem Tod der Tiere empfand. Die Polizei sah in diesen Geständnissen genug Gründe, den Rentner zu inhaftieren und will nun abklären, ob seine Aussagen der Wahrheit entsprechen.

In der folgenden Nacht ging Mr. Muhrein-Dovlenskys Haus in Flammen auf, möglicherweise die Tat eines Tierfreundes, der die Qual der Tiere durch seine ebenfalls sträfliche Tat rächen wollte.

Obright Chronical

Skandal um Norbert Krunz, Oberbrigadier der Feuerwehr von Obright

Norbert Krunz, der Chef der Feuerwehrbrigade von Obright in Nebraska, hat bei der Jubiläumsfeier zum fünfzigjährigen Bestehen dieser Einheit vor den geladenen Gästen bekanntgegeben, dass er selber die meisten Brände in der Gegend verursacht hätte und dies bereits, bevor er zur Feuerwehreinheit gestoßen sei.

Bisher ein angesehener Bürger von Obright, muss er nun mit der Internierung in einer psychiatrischen Klinik oder mit langjähriger Gefängnisstrafe rechnen.

Die Bewohner von Obright sind seit diesem öffentlichen Geständnis des Oberbrigadier Krunz immer noch schockiert und verstehen nicht, dass ein angesehener Mann wie er solche Taten vollbringen und zudem anlässlich einer Jubiläumsfeier publik machen konnte, ohne die Konsequenzen zu befürchten, die seine Aussagen mit Sicherheit haben werden.

Lukewater DailyReverend dreht durch

Gestern, anlässlich einer Beisetzung auf dem Friedhof von Widmington, hat Reverend Hulkon, bekannt für seine schwungvollen Reden und seit Jahren als zuverlässiger, allgemein beliebter Prediger amtierend, die Existenz Gottes geleugnet, die anwesenden Trauergäste beschimpft und sich öffentlich …

„Bist du noch online? Gut“, schrieb Ulrike in die Chatbox. „Hab ein paar Artikel gelesen und auch die Rückschlüsse, welche dieser Dr. Zorro daraus zieht.

Nach ihm – oder ihr – hätte die Nurse Geraldine im Normalfall niemals ihre illegalen Machenschaften zugegeben, auch der Rentner, der die Tiere vergiftet hat, hätte keinen nachvollziehbaren Anlass gehabt, seine Taten zu gestehen. Das Gleiche wiederholt er bei den anderen aufgeführten Fällen.

Aber zum Beispiel diese Nurse Geraldine – und auch dieser Rentner – wollten doch einfach ihr Gewissen erleichtern. Schließlich muss es grauenhaft sein, solche Taten für sich zu behalten.

Und dass da noch ein anderer Faktor im Spiel sein soll, ja vielleicht eine Art Virus, der diese Ehrlichkeit hervorrufe, wie er an einer Stelle schreibt, finde ich wirklich an den Haaren herbeigezogen.

Hätte Dr. Zorro recht, wäre das ja eine Art Wahrheitsepidemie. Aber sowas gibt’s doch nicht. Das Ganze sind doch klar Fake News, der will uns nur verarschen.“