Er und sie - Inge Schober - E-Book

Er und sie E-Book

Inge Schober

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Beschreibung

ER und SIE, eine klassische Konstellation, ein stets sich wiederholender Kampf der Geschlechter, ein nie enden werdendes Aufeinanderprallen männlicher und weiblicher Eigenwilligkeiten. Die Autorin macht sie zum Gegenstand ihrer skurrilen, spöttischen, auch ernsthaften oder humorvollen Geschichten, die sie aus gewöhnlichen und ungewöhnlichen Perspektiven erzählt.

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Seitenzahl: 59

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Tout le talent d’écrire

ne consiste après tout

que dans le choix des mots.

Gustave Flaubert

Inhalt

Der Topf

Trauer ist nicht gleich Trauer

Rosenträume

Die schaumbadende Aphrodite

Die Logik der Zeit

Annelie

Herbstliches

Die Krawatte

Die chinesische Oper

Papageiengeplapper

Ruhestand

Äpfel auf der Fensterbank

ER und SIE

„Ein Sonntag – gelungen, wenn der innere Ruhepunkt gefunden wurde.“

Wintertag

Stimmen

Zweiergespräch

Unterhaltungen

Denken

Stürme

Wahrheit

Wiederbegegnung

Gewesen

Danke

Der Topf

Der Kochtopf fragt: Wer bin ich?

Der Löffel grübelt: Ich denke nach.

Der Deckel sagt: Ich kenne Dich!

Du bist das Gefäß, das aufnimmt,

was den Menschen nährt,

Schmerz und Freude, Eigensinn und Liebe.

Und ich, fügt der Löffel wissend nun hinzu,

ich vermische sie, die Lebenselixiere.

Wenn das Feuer sich entzündet,

sind leicht sie zu erkennen,

einzeln jedes, unzerkocht.

Doch dann, der Deckel triumphierend,

schließ ich sie ein, damit sie sich vermählen.

Die Flamme lodert,

es brodelt tief im Topf,

der Deckel öffnet sich, zuerst ein wenig nur.

Die Liebe flüchtet,

die Freude auch,

vergeht im Nebeldampf.

Der Eigensinn, der bleibt,

liegt schwer im Topf.

Der Löffel kommt,

und rührt und rührt bis alles glatt,

Schmerz und Eigensinn,

verkocht zum Einheitsbrei.

Selten noch schließt sich der Deckel ganz,

um neues Blubbern zu erzeugen.

Vielleicht ists wiederum die Liebe,

die als Pfeffer sich verwenden ließe.

Doch aufgepasst, der Löffel flüstert,

Eigensinn verdirbt den Brei.

Das Feuer langsam sich zur Ruhe legt,

der Dampf lässt nach.

Der Deckel öffnet sich nun leicht.

Der Löffel ruhig,

es gibt nichts mehr zu rühren,

nur Reste noch,

es ist vorbei.

Trauer ist nicht gleich Trauer

Sie betrachtete sich im Spiegel, sie hatte schon besser ausgesehen.

Schwarzer Mantel, schwarze Stiefel, schwarze Handtasche, schwarz stand ihr nicht.

Wie lange noch? Ein halbes Jahr Trauer musste reichen.

Unter den Argusaugen von Karls Familie und den hämischen, schadenfrohen Blicken ihrer Verwandten spielte sie die trauernde Witwe. Jeden zweiten, dritten Tag ging sie zum Friedhof, beim Blumenhändler vorbei, kaufte einen Strauß Rosen.

Karl, ein stattlicher Mann, um die sechzig, wohlhabend, heiratete in dritter Ehe, sehr zum Ärger seiner Familie, sie, eine mittellose, 20 Jahre jüngere Frau. Er habe es wohl nötig, kommentierten sie seinen Entschluss boshaft. Von der zweiten ließ er sich gerade scheiden, als er sie kennenlernte, unerträglich sei sie gewesen und der gemeinsame Sohn ein Nichtsnutz.

Ihre Hochzeit war der Anlass, seine beiden Ex-Frauen und den missratenen Sohn endgültig abzufinden.

Gleich zu Beginn ihrer Ehe verfasste er ein Testament, setzte sie zur Haupterbin ein. „Wenn du nicht brav bist, kann ich es wieder ändern“, hatte er lächelnd gesagt und sie hatte auch gelächelt. Sie hatte ihn gemocht, aber nicht unbedingt geliebt. Er befreite sie von ihrem ungeliebten Job, gab ihr eine sichere Existenz und dafür war sie ihm dankbar. Am Anfang ihrer Beziehung überhäufte er sie mit Geschenken, behandelte sie verliebt. Bald nach der Hochzeit aber ließ er ihr kaum noch Freiraum, verlangte gebieterisch Unterwerfung, Liebe.

Und dann war er in seinem Büro vom Stuhl gefallen, Schlaganfall, tot. Sie war in Tränen ausgebrochen, als man ihr die traurige Nachricht überbrachte, die Haushälterin hatte Beruhigungstee gekocht und allen Verwandten vom Zusammenbruch der Hausherrin erzählt.

Entschlossen griff sie zur Handtasche, setzte das hübsche Hütchen auf und ging. Am Grab wechselte sie das Wasser in der Vase, arrangierte die Rosen, heute waren es weiße. Sie kaufte jedes Mal eine andere Farbe, zum Beweis, dass sie auch wirklich hier gewesen war. Wenn die alten noch gut aussahen, steckte sie sie in die Vase des Nachbarn. Tim, 20 Jahre, habe durch einen Unfall sein junges Leben verloren, stand auf dem Grabstein.

Wie hübsch der Gärtner das Grab bepflanzt, dachte sie, als ein Schwindel sie überfiel, Übelkeit aufstieg, der Magen zu schmerzen begann. Sie musste sich setzen, wenigstens solange bis sie sich wieder im Griff hatte.

Würde sie es noch schaffen bis zur Bank in der zweiten Reihe auf der anderen Seite des Weges? Sie suchte Tabletten in ihrer Handtasche, schluckte zwei und sah wieder hinüber zu Karls Grab. Saß er da nicht auf seinem Grabstein? Etwas durchsichtig zwar, aber unverkennbar Karl in seinem Anzug? Sie blickte sich um, überall auf den Grabsteinen tummelten sie sich, diese beinahe durchsichtigen Gestalten, aufrecht sitzend, krumm, gebeugt, bewegten sich vorsichtig im Wind.

Links der junge Mann in einem weißen Sterbehemdchen. Er winkte ihr zu, lächelte, „vielen Dank für die Blumen!“

Rechts das alte Ehepaar, 94 und 96, hatte sie einmal ausgerechnet, Hand in Hand im Sonntagsstaat, wiegten sie sich hin und her, „genieße dein Leben, solange du es noch kannst“, sagten sie in einem merkwürdigen Singsang, „unten ist es nicht besonders gemütlich.“

Und Karl? Er hob drohend die Hand, sie kannte die Gebärde, diesen herrischen Zug um seinen Mund, „bald wirst du auch hier bei mir liegen in dieser engen Gruft, du entkommst mir nicht!“

Sie fuhr sich über die Augen, bedeckte sie eine Weile mit den Händen und als sie wieder aufsah, waren sie weg, die Gespenster. Die Grabsteine, bräunlich, grau, eckig, rund, standen unverändert an der selben Stelle.

Die Schmerzen hatten schon vor Karls Tod begonnen. Der Arzt fand nichts, empfahl einen Therapeuten, deutete psychische Belastungen an. Aber nun war Karl fast ein halbes Jahr tot, die Schmerzen waren immer noch da.

So bald wie möglich musste sie ein Testament machen, einen zuverlässigen Testamentsvollstrecker finden. Entsetzlich die Vorstellung, in diesem Grab bei Karl zu liegen, ihn dort ertragen zu müssen. Ihr Körper sollte verbrannt, die Asche in einem schönen, gepflegten Friedwald verstreut werden, das übriggebliebene Vermögen, Immobilien, Schmuck, alles, in eine Stiftung gehen.

Saßen sie nicht schon wieder auf ihren Grabsteinen?

Sie schüttelte sich, stand auf, nein, nichts, keine Gespenster, keine Menschenseele.

Sie winkte hinüber zu Karls Grab, lächelte, noch 22 Tage Trauer, dann war das halbe Jahr um. Sie würde sich endlich frei fühlen, ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestalten können, eine wohlhabende, jugendliche Witwe sein, vielleicht würde sich sogar ein Partner finden.

Noch 22 Tage, dachte sie, und verließ beschwingt den Friedhof.

Rosenträume

Er klingelt.

„Hübsch, die Rosen, komm rein, setz dich, ich bin gleich für dich da.“

Sie verschwindet, das Handy am Ohr.

Kein Kuss, kein Nichts! Mit wem redet sie denn so Wichtiges? Vielleicht doch nicht der passende Augenblick, ihr den Bären zurückzubringen.

Hoffentlich will sie zu mir ziehen, spätere Heirat nicht ausgeschlossen, Quatsch, das ist zu Loriotmäßig, cooler, wie wärs mit: das dritte Zimmer ist endlich frei geworden.

Wo war das neulich? Ach ja in der Oper, da hat der Tenor eine Rose gebracht, „auf ewig dein“, so schnell war das gar nicht zu lesen wie die gezwitschert haben. Bei mir ist es der Bär, ja mein Lieber, tolle Rolle, ein Bärenkavalier, könnte man auch eine Oper draus machen, das rote Halsband, in Plüsch schmusen, wo bleibt sie denn?

Wenn ich die Rosen hinlege, fallen sie auseinander, wenns noch länger dauert, verlieren sie die Blätter, na ja, Blumen vom Supermarkt halt. Die Tür ist zu. Was soll ich nicht hören?

Wo kommt dieses arabische Kästchen her, ein