Zweisamkeiten - Inge Schober - E-Book

Zweisamkeiten E-Book

Inge Schober

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Beschreibung

Maja und Peter, Susanne und Stefan, zwei junge Paare, die sich nicht kennen, scheinen ein glückliches, unbeschwertes Leben vor sich zu haben. Doch Lebenswege führen nicht immer geradeaus, sie sind holprig, sie kreuzen sich, verharren an Schnittpunkten, bis sie wieder eine gemeinsame Spur finden. Es entfaltet sich eine bewegende Geschichte von Verrat und Tod, von Liebe und Glück.

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Seitenzahl: 228

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Kapitel XIII

Kapitel XIV

Kapitel XV

Kapitel XVI

Kapitel XVII

Kapitel XVIII

Kapitel XIX

Kapitel XX

Kapitel XXI

Kapitel XXII

Kapitel XXIII

Kapitel XXIV

Kapitel XXV

Kapitel XXVI

Kapitel XXVII

Kapitel XXVIII

Kapitel XXIX

Kapitel XXX

Kapitel XXXI

Kapitel XXXII

Kapitel XXXIII

Kapitel XXXIV

Kapitel XXXV

Kapitel XXXVI

Kapitel XXXVII

Kapitel XXXVIII

Kapitel XXXIX

I

Du brauchst einen Mann“, sagte Marc zu seiner Schwester Maja, die es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte, „dann bleibst du vielleicht verschont von dieser ständigen Anmacherei.“ Sie hatte sich wieder einmal über einen Liebhaber beschwert, der, kaum war er in ihrem Bett, sie wie zufällig nach dem Konzern ihres Vaters fragte.

Er betrachtete sie nachdenklich, wie sie so dasaß, eine zierliche Gestalt, den Blick auf das Glas gerichtet, das sie in der Hand hielt, lange Wimpern verdeckten die dunklen, glänzenden Pupillen. Er widerstand dem Drang, sie in den Arm zu nehmen, wandte sich ab, „an der Uni gibt es doch genug Männer“, bemerkte er mit einem leicht ironischem Unterton.

„Meine Fächer sind eine Fundgrube für Männer, 80% weiblich“, Maja schnippte verächtlich mit den Fingern, „du solltest die wenigen männlichen Studenten einmal sehen, sie laufen wie abwesend, wie vergeistigt herum, nichts für mich, ich brauche Handfesteres.“

Belustigt schüttelte er den Kopf, „Juristen kenne ich zur Genüge, unter denen suchst du besser nicht, die haben wirklich nur ihre Karriere im Kopf, vielleicht bei den Wirtschaftlern? Ein solcher Schwiegersohn würde auch Papa gefallen.“

Maja seufzte, veränderte ein wenig ihre Lage, „diese Hochzeit in drei Wochen wird wieder so eine Art Schaulaufen, alle Singles, vor allem die Männer positionieren sich, plustern sich auf, schleichen herum, wie Katzen um die Maus.“

„Die Vielumschwärmten beben vor Zorn, ob des ungebührlichen Betragens“, zitierte Marc spöttisch.

„Und Maman hat auch nichts zu lachen, sie ist ständig diesen indiskreten Fragen ausgesetzt, wen und wann ich denn endlich heirate. Du bist fein heraus, wie hast du es nur geschafft, solche Gerüchte zu streuen, zukünftiger Galerist, da ist nicht viel Geld drin, wahrscheinlich ein Homo, also kein Heiratskandidat.“

Marc lachte, „Papa setzt seine ganze Hoffnung auf dich, er will wenigstens einen ordentlichen Schwiegersohn im Konzern, wenn er schon mit mir nicht rechnen kann. Ich habe meine Ruhe, wenn ich eine Frau fände wie dich, würde ich sie sofort heiraten! Übrigens als Kunsthändler kannst du sehr viel Geld verdienen, das weiß nur keiner. Denk an Onkel Jean.“ Marc stand auf, „viel Glück Schwesterchen, ich muss arbeiten.“

Maja tauchte nun öfters in den Vorlesungen auf, schlenderte durch alle Bibliotheken, aß mit Widerwillen in der Mensa, setzte sich in das Uni-Café und beobachtete das Verhalten der männlichen Spezies. Sie hielt mit einigem Erfolg in den Seminaren ihre Pflichtreferate, die sie sich hatte schreiben lassen, und wartete.

Eines Tages, kaum zu glauben, saß doch in der Seminarbibliothek des französischen Instituts ein Mann am Fenster. Dem Rücken nach zu schließen handelte es sich um einen sportlichen, großen, dunklen Typ. Es gab keine Möglichkeit ihn von vorne zu betrachten, ohne unangenehm aufzufallen, deshalb setzte sie sich in seine Nähe, nahm willkürlich einige Bücher aus dem Regal, irgendwann musste er ja aufstehen. Tatsächlich, nach einer Weile brachte er Bücher zurück, packte seine Sachen zusammen und ging zur Aufsicht. Maja beobachtete staunend diesen jungen, gutaussehenden Mann, hatte er sich hierher verirrt? Sie stand schnell auf, nahm eines der Bücher und stellte sich neben ihn.

Die weibliche Seminaraufsicht himmelte ihn an, zog das Abstempeln seiner Seminarkarte in die Länge.

„Entschuldigung, ich habe eine Bitte“, Maja handelte sich einen bitterbösen Blick der Aufsichtskraft ein.

„Ich habe meine Bibliothekskarte vergessen, könnte ich ausnahmsweise dieses Buch ausleihen? Ich brauche es für mein Referat.“

„Nein“, wurde sie angeschnauzt, „das geht überhaupt nicht.“

Das Seminarfräulein hätte Maja am liebsten zur Hölle fahren lassen, diese unverschämte Person, wie kam sie dazu, ihren Flirtversuch mit dem einzigen Mann weit und breit derartig brutal zu unterbrechen?

„Auch nicht, wenn ich Ihnen meinen Führerschein als Pfand dalasse?“

Maja gab ihrer Stimme einen schmeichelnden Beiklang, bog sich etwas in Richtung des jungen Mannes. Er musste sie bemerken.

„Nein, nur die Bibliothekskarte geht“, sagte die weibliche Aufsicht genervt.

Peter betrachtete interessiert diese junge Frau neben sich, halblange schwarze Haare umrahmten ein fast klassisches Gesicht, Schneewittchentyp, dachte er.

Maja wechselte auf einen verzweifelten Ton: „Aber ich brauche das Buch wirklich dringend, sonst wird mein Referat nicht rechtzeitig fertig.“

„Wie oft soll ichs noch wiederholen, lesen Sie es hier.“

Peter amüsierte sich, ein kleiner Zickenkrieg?

Er wandte sich an Maja: „Und wenn ich für Sie das Buch ausleihe und Sie bringen es später auf meinen Namen wieder zurück?“

„Das geht schon gleich gar nicht!“

„Oh doch, das geht“, charmant lächelte er die Hilfskraft an und gab ihr wieder seinen Ausweis.

„Das würden Sie wirklich für mich tun?“ Maja warf ihm einen strahlenden Blick zu, legte ihre ganze Dankbarkeit hinein.

Im Augenblick trug sie flache Sandalen, mit High Heels würde sie ihm bis zu diesem sinnlichen Mund reichen, eine ideale Größe.

Peter griff entschlossen nach dem Buch, besah sich den Titel, was will sie mit diesem alten Schinken, vorsintflutlich, in welchem Seminar wird das denn verlangt. Er reichte es der Hilfskraft, die es ihm zornig aus der Hand riss, sichtlich wütend alles stempelte.

Maja bedankte sich, mehr Liebreiz war nicht möglich, nahm das Buch vom Tisch, sie hatte keine Ahnung, was sie da gerade ausgeliehen hatte und verließ mit Peter im Schlepp die Bibliothek.

„Darf ich Sie zu einer Tasse Kaffee einladen, ich bin Ihnen ja so verpflichtet.“ Peter wollte eigentlich nach Hause, kurz etwas essen und dann weiter sich vorbereiten, in vier Wochen war das schriftliche Staatsexamen.

Er war im Verzug, in den letzten Monaten hatte er die Vorbereitung sträflich vernachlässigt, wegen Uschi, einer Frau, die ihm dann doch seinen besten Freund Philipp, einen Medizinstudenten, vorzog, er musste jetzt arbeiten.

Er hatte sich geschworen, Weiber, Beziehungen aller Art vorerst zu vergessen.

Aber der Verlockung, die jetzt vor ihm stand, konnte er kaum widerstehen.

Na ja, ein Tässchen Kaffee bedeutete noch nichts.

Maja zupfte ihn sanft am Ärmel: „Hinter der Uni gibt es ein kleines Café, ganz gemütlich.“

„Eigentlich habe ich überhaupt keine Zeit“, er zögerte, „höchstens ein halbes Stündchen, aber schließlich muss ich ja auch Ihren Namen wissen, wegen der Karte.“

Maja lächelte, gewonnen.

Sie setzten sich ans Fenster, Maja bestellte Kaffee und „zwei Ihrer köstlichen Schokoladestückchen“, sagte sie zur Bedienung.

„Peter Torleit“, stellte er sich vor.

„Studenten duzen sich eigentlich“, sagte Maja und hielt ihm die Hand hin, „Maja, Maja Selters.“ Sie betrachtete ihn aufmerksam, keine Spur von Erkennen war in seinem Gesicht zu lesen, der Name des väterlichen Konzerns, gleichzeitig ihr Familienname, sagte ihm nichts. Gut so!

Sie unterhielten sich prächtig, Peter erzählte von seinem Examen, Deutsch, Französisch, Englisch für das Lehramt, Maja ließ das Buch in ihrer Tasche verschwinden und erfand eine Geschichte, in der weder der Titel des Seminars noch der Name des Professors vorkam. Aus der halben Stunde wurden zwei.

Peter ging beschwingt nach Hause, er würde eine Nachtschicht einlegen müssen. Maja hatte ihm ein weiteres Rendezvous abgeluchst, am Samstagabend in einer Schwabinger Kneipe, „du kannst doch nicht immer nur arbeiten, du brauchst eine kleine Pause, sonst nimmt der Kopf nichts mehr auf!“ Am Ende des Abends hatten sie einen Deal ausgehandelt, bis zum Examen alle fünf Tage ein Treffen, danach jeden Tag.

An einem dieser Treffen kam auch Marc „zufällig“ vorbei. Er war neugierig geworden, denn dieses Mal gab es keine genervten Untertöne in Majas Berichten über ihre neueste Eroberung.

Peter sehnte das Examen herbei, arbeitete Tag und Nacht und schnitt glänzend ab, vergessen waren Uschi und Philipp, sie vertrugen sich wieder und blieben Freunde.

„Wie findest du ihn?“ Maja sah ihren Bruder erwartungsvoll an, „ich bin ja sowas von verliebt.“

„Er auch“, sagte Marc trocken, „er hat nur noch Augen für dich, doch, er macht einen sehr guten Eindruck, intelligent, schlagfertig, charmant, gute Manieren, er könnte auch mein Typ sein, für Maman der ideale Schwiegersohn, für Papa wohl weniger, das falsche Studium.“

„Das wird sich zeigen“, widersprach Maja, „er ist in jeder Beziehung einzigartig.“

„Auch im Bett?“, fragte Marc.

„Na ja, ich werde ihm noch einiges beibringen, ich hatte ja einen guten Lehrmeister!“, sie lächelte.

„Das erzählst du ihm besser nicht“, sagte Marc ernst.

„Nein“, Maja barg ihr Gesicht an seiner Schulter, „nein“.

II

Susanne schob am Tresen der Mensa langsam ihr Tablett weiter. Vor ihr stand ein blonder junger Mann, krauses Haar, Lederjacke, etwas größer als sie. Plötzlich bekam ihr Tablett einen Schubs, der Becher mit Mineralwasser kippte und ergoss sich über die Hose ihres Vordermannes. Er drehte sich abrupt um, blickte Susanne zornig an, deutete auf seine nasse Hose, „was soll das denn?“

Der junge Mann hinter ihr sagte lachend: „Sie kann nichts dafür, ich habe mein Tablett zu leidenschaftlich auf ihres geschoben.“

Er reichte ihm einige Papierservietten, „tut mir leid, aber Wasser schadet nicht.“

Der junge Mann vor ihr riss ihm das Papier ungnädig aus der Hand und murmelte „Idiot“.

Susanne stand stumm zwischen den beiden, ihr Hintermann, der sie deutlich überragte, eine längere dunkle Haarpracht, stellte schwungvoll einen neuen Becher auf ihr Tablett, „schade um das schöne Wasser“, ein spitzbübisches Lächeln saß in den Winkeln seiner braunen Augen, Drei-Tage-Bart, Susanne sah zu ihm auf, zuckte fast unmerklich mit den Schultern.

Einen Augenblick lang fühlte Susanne sich wie in einem eingefrorenen Standbild, an jeder Seite ein Mann und sie kann wählen. Der mit den dunklen Locken nahm schließlich sein Tablett, wünschte weiterhin einen wunderschönen Tag und trollte sich.

Susanne gab sich einen Ruck, sagte zu ihrem Vordermann, der immer noch mit den Papierservietten an seiner Hose herumfummelte: „Den Fleck sieht man schon fast nicht mehr.“

Sie standen nun nebeneinander, und da es in der Nähe nur zwei freie Plätze gab, schritten sie zielstrebig darauf zu und setzten sich.

Schweigend stopften sie das Essen in sich hinein, ein kurzer Blick auf Susanne, dann schlug er vor: „Trinken wir einen Kaffee in der Sonne, damit ich wieder trockne?“

Jeder zahlte seinen Kaffee, sie kamen ins Gespräch, das Übliche, wie heißt du, was machst du, wo wohnst du… Schließlich verabredeten sie sich und so setzte sich das fort. Sie gingen ins Kino, seltener ins Theater, Oper mochte Stefan nicht. Susanne fühlte sich verliebt, aber manchmal dachte sie an den jungen Mann, der in der Mensaschlange hinter ihr gestanden hatte, er war so fröhlich gewesen.

Susanne, 21 Jahre alt, studierte im 4. Semester Deutsch, Französisch, Englisch fürs Lehramt, ein solides Studium, ein solider Beruf.

Sie hatte bis zu ihrer Begegnung mit Stefan kaum ernsthafte Beziehungen gehabt.

Stets fehlte irgendetwas, mal fühlte sie sich nicht ernst genommen, mal klappte es im Bett nicht, mal fand sie die Interessen zu unterschiedlich, mal die Unterhaltungen zu banal.

Bei Stefan fühlte sie sich gut aufgehoben, sie vertraute ihm. War er, mit dem sie nun schon eine Weile ging, wie man so sagte, der Richtige?

Insgeheim aber vermisste sie ein aufregendes Prickeln, es wehte eher ein sanftes Lüftchen in ihrem Inneren.

Stefan, 25 Jahre alt, geboren in Münster, stand vor einem Abschluss als Diplomingenieur, die letzten Prüfungen hatte er noch zu bestehen.

Er wollte ein 4-semestriges Wirtschaftsstudium draufsetzen, dann im Berufsleben endlich die Karriere und das große Geld machen.

Er war zukunftsorientiert, bodenständig, zielstrebig, ein sachlicher Typ, mittelgroß, wache graue Augen, schmaler Mund, sehr durchtrainiert, Skifahrer, Bergsteiger, Hochtouren im Winter und Sommer. Am liebsten hätte er den Sport zu seinem Beruf gemacht, schätzte seine Talente aber realistisch ein und entschied sich, in einem sicheren Job genügend Geld zu verdienen, um sich erstklassige Ausrüstungen für seine sportlichen Hobbies zu finanzieren.

Stefan hatte einige mehr oder weniger ernsthafte Beziehungen hinter sich und nun war er mit Susanne liiert. Kurz vor dem Ende seines Studiums konnte er aufwendige Liebesaffären nicht brauchen. Mit Susanne, das passte. Sie war vorzeigbar hübsch, tolerant gegenüber seinen Freizeitaktivitäten, anschmiegsam, sie schien ihm unkompliziert und stellte keine allzu großen Ansprüche.

Wohin diese Beziehung führen könnte, würde man später sehen.

III

Peter und Maja – Maja und Peter…..

… er liebt sie, er liebt sie nicht - sie liebt ihn, sie liebt ihn nicht…

Gab es einen Zweifel am Ergebnis?

Marc sah den beiden zu, wie sie ausgelassen tanzten, herumwirbelten, dann wieder eng umschlungen sich im Rhythmus wiegten.

Werde ich Maja verlieren oder Peter dazugewinnen?

Marc dachte an seine bisherige Rolle in ihrem Leben, er war der zwei Jahre ältere Bruder, der auf seine Schwester aufpasste.

Als sein Vater beschlossen hatte, dem Konzern europäische Firmen einzuverleiben und deshalb für diese Geschäfte neben der Zentrale in New York einen neuen Hauptsitz in Zürich gründete, zog die Familie ebenfalls dorthin.

Die Eltern wollten die Kinder, Maja war 14, Marc 16, in der Nähe haben, ihnen gleichzeitig die bestmögliche Ausbildung mitgeben, auch ihre europäischen Wurzeln stärken und schickten sie deshalb in ein renommiertes Internat am Genfer See.

Maja, herausgerissen aus der New Yorker Großfamilie, getrennt von der gewohnten Umgebung, von den Freunden, zum ersten Mal im Internat, litt darunter. Für Marc war es eher eine Herausforderung, die sein Selbstbewusstsein stärkte. Damals begann er sich verantwortlich zu fühlen für seine kleine Schwester, die so viel weniger aushalten konnte.

Sie kam mit all ihren Problemen zu ihm, Krach mit den Lehrern, Zoff mit den Freundinnen, unglückliche Liebesaffären. Er tröstete sie, drohte den Beteiligten, flirtete mit den Freundinnen, die er sich aber ansonsten vom Leibe hielt, meistens brachte er alles wieder ins Lot.

Marc war ihr engster Vertrauter, ihr Ratgeber, immer noch. Musste er diese Rolle nun an Peter abgeben?

Er seufzte, Maja hatte den Mann gefunden, den sie liebte, den sie brauchte, der ihr Halt und Stabilität geben könnte. Er hatte bisher ihre Verliebtheit unterstützt, zugegeben nicht ganz selbstlos, denn er mochte Peter und hielt es für denkbar, auch zu ihm ein geschwisterliches Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Wehmütig dachte er an die Wochenenden, die er mit Maja während der Internatszeit häufig in den Bergen verbracht hatte. Sie stürzten gewagte Abfahrten hinunter, erstürmten Gipfel, mieteten ein Doppelzimmer, fast immer im gleichen Gasthof, schliefen eng umschlungen im selben Bett. Manchmal nahmen sie eine ihrer Freundinnen mit, damit keine Gerüchte aufkamen.

Und jetzt wiederholten sich diese Unternehmungen, aber nicht mit ihm, leider, Peter trat an seine Stelle. Ob er ihn wirklich ersetzte?

So oft es ging, fuhren Maja und Peter mit ihrem Mini spontan in die nähere oder weitere Umgebung, übernachteten ungeplant auf Hütten oder in teuren Wellness-Oasen, genossen die gemeinsame Zeit, liebten sich. Maja übernahm diskret alle Rechnungen, denn Peter war bei diesem Lebenswandel ständig pleite, trotz der Unterstützung seiner Eltern. Sein Assistentengehalt war lächerlich im Vergleich zu Majas Taschengeld.

Nach dem Examen hatte er zur Freude seiner Eltern eine auf drei Jahre befristete Stelle bei einem Professor der Sprachwissenschaft angenommen mit einer Promotionsmöglichkeit.

Vielleicht würde er die Idee, Lehrer zu werden, doch aufgeben, hoffte sein Vater, stattdessen eher eine Hochschulkarriere anstreben.

Natürlich forderten sie Marc auf, mitzukommen - er wollte nicht unfair sein - aber seine Promotion ließ ihm wenig Zeit. Wenn er die beiden begleitete, waren sie tagsüber unzertrennlich, nur nachts blieb er allein.

Mit 18 hatte Marc das Abitur bestanden, sich entschlossen in Deutschland zu studieren, wählte München, weil es beste Verbindungen nach Genf zum Internat und zu den Eltern nach Zürich gab.

Papa war enttäuscht, dass er nicht in den Konzern eintreten wollte, bestand auf einem Abschluss in Jura, gab aber seufzend nach, als Marc nach dem ersten juristischen Staatsexamen ein Studium der Kunstgeschichte anschloss, nun stand er kurz vor seiner Promotion.

Er hatte bereits eine Galerie in der Maximilianstraße eröffnet, auch schon einige Bilder verkauft, für mehr fehlte ihm die Zeit. Er musste dringend mit der Universität fertig werden, damit er richtig loslegen konnte.

Auch Onkel Jean, der Bruder seiner Mutter, Witwer, kinderlos, wartete darauf, sah in ihm seinen Nachfolger. Er hatte ihn schon früh in Galerien und Kunstausstellungen mitgenommen, seinen Blick geschärft, ihn mit Künstlern bekanntgemacht, ihn eingeführt in die Szene. Im Laufe der Jahre hatte er ihm alles, was er über den Kunsthandel wusste, beigebracht, darüber, wie man einen Künstler in Szene setzt, aber auch, wie man Fälschungen erkennt, Schrott von Qualität unterscheidet.

Marc war motiviert, er wollte seine Eignung zunächst alleine testen mit dieser Galerie in München, ohne Hilfe. Onkel Jean aber hielt ihn für reif genug, seine Galerien in New York und London zu übernehmen.

Nachdenklich wandte er sich wieder der Tanzfläche zu, im Freien, romantische Beleuchtung. Wenn es so weitergeht mit den beiden, dachte er, werden sie wohl noch eine Weile zusammenbleiben, vielleicht sogar heiraten wollen. Ich werde es dann den Eltern verklickern müssen. Wenigstens ist Maja, unberechenbar, lebenshungrig, sensibel wie sie war, in guten Händen bei Peter.

Und ich, kann ich auch in ihrer und seiner Nähe bleiben? Werden sie mich akzeptieren?

Wenn die Eltern demnächst wieder aus Zürich kommen, werden wir ihn vorzeigen.

Maja kam erhitzt auf ihn zu: „Komm tanzen“, sie nahm seine Hand, „Peter lässt schon nach.“

Es war wie immer, traten sie zu dritt auf, standen sie sofort im Mittelpunkt, diese hochgewachsenen jungen Männer in gutsitzenden Klamotten, Maja in der Mitte, im extravaganten Outfit, charmant parlierend nach beiden Seiten, sich ihrer Wirkung wohl bewusst. Peter hatte sich einigermaßen an das Münchner Society-Leben gewöhnt, machte viel mit, Maja zuliebe. Nur manchmal wurde es ihm zu viel, er zog sich zurück oder traf sich mit seinem alten Freund Philipp.

Marc war Realist genug, er wusste, irgendwann hörte dieses unbeschwerte Leben auf und dann?

Er mochte sich das Danach nicht vorstellen, nicht jetzt.

IV

Stefan feierte sein Diplom.

Die Eltern reisten aus Münster an, der Vater Arzt, die Mutter führte den Haushalt. Die jüngere Schwester Helene kam mit, die ältere hatte keine Zeit.

Susanne wurde vorgestellt zusammen mit allen anderen Freunden, Studienkollegen.

Niemand ahnte etwas von ihrer doch recht intimen Beziehung, wie Susanne fand. Er hatte geschickt vermieden, sein Verhältnis zu Susanne erklären zu müssen, das konnte noch warten.

Stefan hatte bei einer kleinen Software-Firma einen 20-Stunden-Job angenommen, um seine Finanzen etwas aufzubessern, das Aufbaustudium zahlten weitgehend die Eltern. Er war zufrieden, alles lief nach seinen Wünschen.

Stefan hatte drei Freunde, eher Sportkameraden als Gesprächspartner, zuverlässig, ideale Begleiter für anspruchsvolle Hochtouren. Bei leichteren Wanderungen durften auch die Partnerinnen mit, aber meistens blieben die zu Hause, verabredeten sich zu gemeinsamen Unternehmungen. Nur Carolin, die Freundin von Sven, war trainiert genug, um mit den Männern mitzuhalten. Bald zog ein Pärchen zusammen, ein anderes heiratete, sie planten Kinder, aber es klappte und klappte nicht.

Die Freundinnen trafen sich seltener, sie hatten andere Prioritäten. Susanne fühlte sich an manchen Wochenenden, wenn Stefan in den Bergen herumkletterte, ziemlich verloren, aber sie wagte nicht, mit ihm darüber zu sprechen.

Sie war nun schon zwei Jahre mit Stefan zusammen, nächstes Jahr würde sie ihr Staatsexamen machen, dann verdiente sie wenigstens etwas und lag ihrer Mutter nicht mehr vollständig auf der Tasche.

Sie hatte im Studentenheim ein Zimmer, während Stefan billig zur Untermiete wohnte und deshalb häufig bei ihr nächtigte.

Als sie ihr Referendariat begann, schlug Stefan vor, zusammenzuziehen.

„Das ist billiger für uns beide“, sagte er und lächelte, „und wenn ich fertig bin, dann sehen wir weiter.“

Susanne war glücklich, das hörte sich doch gut an, eine gemeinsame Zukunft mit Stefan hatte sie sich schon längst selbst vorgestellt.

Sie war sich sicher, so meinte er es.

V

Peter, lass uns doch heiraten“, Peter war verblüfft.

Nicht, dass der Gedanke ihm noch nicht gekommen wäre, aber da gab es einige Probleme.

Maja lehnte sich zurück, das Champagnerglas in der Hand, „auf uns!“

Sie ging nicht davon aus, dass er ablehnen würde. Sie hatte längst mit Marc und ihren Eltern darüber gesprochen.

Marc reagierte begeistert, Maman zurückhaltend, aber positiv, nur Papa zögerte etwas, er brauchte einen Vertrauten im Konzern, würde Peter bereit sein, sich da einzubringen? Intelligent genug war er, auch hart genug?

„Ich werde ein Trainee-Programm für ihn zusammenstellen, das müsste ausreichen für eine vernünftige Position“, sagte Papa und Maman bemerkte, „vielleicht wird er unsere Tochter auch etwas zähmen können.“

Eigentlich gab es absolut nichts an ihm auszusetzen, außer, dass er keinem Clan angehörte. Aber Papa hatte schließlich auch, mittellos wie er war, in die französisch-amerikanische Bankerfamilie eingeheiratet. Und alles hatte sich zum Besten gewendet.

„Ich hoffe, dass Maja so glücklich wird, wie ich es bis heute bin“, fügte Maman hinzu und warf einen vielsagenden Blick auf Papa.

Maja hatte auf eine passende Gelegenheit gewartet, bisher hatten sie nicht über eine gemeinsame Zukunft gesprochen, sie war neugierig auf seine Reaktion.

Heute, die Gelegenheit!

Sie waren zum Essen ausgegangen, saßen nun auf der Terrasse von Majas und Marcs gemeinsamer, geräumiger Wohnung in Schwabing, ein letzter schöner Herbsttag.

Sie stand auf, setzte sich auf seinen Schoß, kraulte seinen Drei-Tage-Bart, umschmeichelte ihn.

Musste sie ein wenig nachhelfen?

„Brauchst du Bedenkzeit?“ Maja küsste ihn.

„Nein, nichts lieber als das, aber…“

„Kein aber, morgen legen wir alle Details fest.“

Das ging ihm etwas zu schnell, Details? Wesentliches musste geklärt werden. Man heiratet nicht einfach aus einer Laune heraus. Natürlich wollte er eine Familie haben, Kinder, das bedeutete aber auch eine gewisse Verantwortung, bestimmt auch Verzicht auf manche spontanen Unternehmungen. Im übrigen würde er als Lehrer Majas Lebensstil nie finanzieren können. Details? Nein, Voraussetzung für eine glückliche Ehe war doch eine gemeinsame Lebensperspektive, dachte er… wie konservativ das klang.

„Ja, ja“, Maja unterbrach seinen Gedankengang, „lass uns richtig feiern“, sie legte ihre Lieblingsmusik auf, schenkte nach, umschlang ihn tänzelnd, „komm, glücklicher Bräutigam.“ Sie tanzten eng aneinandergeschmiegt, bewegten sich Richtung Majas Zimmer.

Am nächsten Morgen werkelte natürlich Mademoiselle Antoine herum, Majas Kindermädchen, das einfach in der Familie geblieben war, jetzt für Marc und Maja den Haushalt führte. Peter mochte sie nicht, sie war ihm gegenüber sehr reserviert, zu korrekt, deshalb blieb er nur über Nacht bei Maja, wenn Mademoiselle frei hatte.

Er bevorzugte seine zugegeben selten aufgeräumte Zweier-WG mit Philipp, seinem alten Schulfreund. Wenn sich Besuch ansagte oder Uschi kam, putzten sie das Bad oder was ihnen sonst noch wichtig erschien, Maja nächtigte nie bei ihnen.

Diese Nacht aber, sozusagen seine Verlobungsnacht, hatte er bei Maja zugebracht und saß nun nachdenklich am Frühstückstisch. Wie würde ihr gemeinsames Leben aussehen? Maja als Hausfrau konnte er sich nicht vorstellen, würde sich eine Tätigkeit für sie finden? Hatte sie schon einmal darüber nachgedacht? Eher nicht. Maja stupste ihn an, „wohin bist Du gerade abgedriftet? Schon so versunken in der Erwartung ehelicher Freuden?“

Sie nahm sich ein Brötchen, „der beste Zeitpunkt für die Hochzeit ist der Mai“, sagte sie sachlich, „wir brauchen sowieso diese Zeit zur Vorbereitung.“

Peter wollte gerade ansetzen, über seine Vorstellungen und Pläne zu sprechen, aber Maja strahlte ihn so glücklich an, er konnte ihr jetzt nicht die Laune verderben mit seinen Einwänden, „deine Doktorarbeit kannst du auch noch fertig machen, wenn wir verheiratet sind, den Haushalt übernehme ich und alles andere wird sich finden.“ Sie zupfte an dem Brötchen herum, erwartete keinen Widerspruch.

„An meiner Seite wirst du eine Lehrersfrau sein, kannst du dir das vorstellen?“

Majas Antwort war ausweichend, Lehrer klang zu spießbürgerlich, aber sie wollte heute dieses Thema nicht ansprechen, Papa würde das schon richten.

Peter gab fürs erste seine Gesprächsversuche auf, er liebte Maja, er war verrückt nach ihr, etwas besseres als sie zu heiraten, konnte er sich nicht vorstellen.

Probleme? Heute nicht.

VI

Warum heiratet ihr nicht?“ fragte Susannes Mutter, als sie vom Plan einer gemeinsamen Wohnung hörte.

Susanne wich aus, Stefan wolle erst das Aufbaustudium beenden und sie ihr Referendariat.

Da sie schon lange in den gemeinnützigen Bauverein eingezahlt hatte, einen festen Partner vorweisen konnte, sogar einen Heiratstermin hervorzauberte, bekam sie mit viel Glück eine Drei-Zimmerwohnung in einer älteren Anlage mit Blick auf den Flaucher, der schönen Grünanlage entlang der Isar.

Die Wohnung war zwar nur einfach ausgestattet, aber die Häuser wirkten gepflegt.

Sie kauften zwei Betten, zwei Schränke, jeder zahlte die Hälfte, Susanne erstand beim Möbeldiscounter Tisch, Stühle, Sofa und Hausrat, Stefan erwarb den Fernseher, einen neuen Computer samt gebrauchtem Schreibtisch und Bürostuhl. Susanne war für die Miete zuständig, ihre Mutter unterstützte sie dabei, Stefan für seine persönlichen Ausgaben. Regelmäßig „vergaß“ er die Rechnungen für den gemeinsamen Haushalt, überließ ihr die Einkäufe.

„Wenn ich erst fertig bin und eine feste Stelle habe, heiraten wir, Geld ist dann kein Thema mehr, es geht sowieso alles in einen Topf“, pflegte er auf ihre Vorhaltungen zu sagen und gab ihr großzügig einen Fünfziger, „mehr habe ich gerade nicht in bar.“

Stefan fuhr weiterhin mit seinen Freunden in Urlaub, Klettern in den Alpen, Hochseesegeln, Trekking in Nepal, „das ist alles viel zu riskant und zu anstrengend für dich“, sagte er und auch zu teuer für zwei, dachte er.

Susanne wusste nicht, wohin sie allein fahren sollte.

Einmal begleitete sie eine alte Schulfreundin, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hatte. Eine qualvolle Zeit für Susanne, nichts als Gejammer.

Einmal bestand sie auf einem gemeinsamen Urlaub mit Stefan. Sie mieteten auf einer griechischen Insel eine billige kleine Wohnung im Zentrum, Stefan betrachtete wehmütig, was das Luxushotel am Strand alles anbot, Drachenfliegen, Strandsegeln, Tauchen, Surfen, Tennisturniere. Er ging mit ihr am Strand spazieren, schwamm lange Strecken, langweilte sich, der Sport fehlte ihm. Um Geld zu sparen, kochten sie zusammen, genauer gesagt, er sah ihr zu, wie sie kochte. Er ging rücksichtsvoll, sogar liebevoll mit ihr um, lud sie in die örtliche Disco ein, spendierte ein Essen im Hotel.

Sie redeten miteinander, sie schwiegen miteinander, aber dennoch waren beide froh, als der Urlaub vorbei war.

Eigentlich fuhr sie lieber auf „ihren“ Bauernhof im Werdenfelserland. Dort war sie oft nach dem Tod ihres Vaters mit ihrer Mutter zur „Sommerfrische“. Die Familien kannten sich aus früheren Zeiten.

Frau Körber, eine warmherzige Frau, bewirtschaftete mit ihrem Mann und der älteren der erwachsenen Töchter den Hof. Um einige Nebeneinnahmen zu haben, vermietete sie die drei Zimmer mit Etagenbad im ersten Stock, bot eine preiswerte Vollpension an. In der ausgebauten Scheune daneben gab es außerdem vier Ferienwohnungen.

Der Hof lag idyllisch, abseits der großen Straße mit Blick auf die Berge. Das Nachbaranwesen, ein Ponyhof, gehörte dem Bruder. Gelegentlich hatte Susanne dort reiten dürfen.

Vielleicht sollte sie versuchen, Stefan zu überreden, wenigstens ab und zu auf ihrem Bauernhof Ferien zu machen, in der ländlichen Stille und Abgeschiedenheit, um zur Ruhe zu kommen.

Manchmal aber sehnte sie sich nach Abwechslung, sie kannte noch so wenig von der Welt, sie stellte sich fremde Länder vor, die sie mit Stefan erkunden könnte, sie würden zusammen Abenteuer erleben, auf andere Menschen treffen.

Vielleicht später, wenn sie das Geld dazu hatten.

Immer nur „vielleicht“, dachte Susanne und immer nur „später“. Und das Jetzt? Sie verdrängte diese Gedanken, Stefan war der Richtige!

VII

Peter war allein.

Heute konnte er sich schlecht konzentrieren auf seine Arbeit.

Maja war schon wieder weg, dieses Mal in Südafrika bei ihrer besten Freundin, um ein Golfturnier zu spielen.

War er eifersüchtig? Nein, doch nicht auf den Bruder der Freundin, diesen arroganten Kerl mit den rassistischen Sprüchen.