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Diese Serie hat einfach alles, was einen fesselnden Vampirroman ausmacht!
Der Jahrhunderte alte Vampirclan der Ptolemy wurde einst mit einem finsteren Fluch belegt. Königin Arsinöe beauftragt den Vampir und Gestaltwandler Tynan MacGillivray, eine Seherin ausfindig zu machen, die dem Clan endlich Frieden bringen soll. Als der attraktive Außenseiter auf Lily Quinn trifft, ist er sich sicher, die Richtige gefunden zu haben. Da versuchen die Feinde der Ptolemy, Lily zu töten, und es wird klar, dass die junge Frau weit mehr Macht besitzt, als angenommen.
"Kendra Leigh Castles Schreibstil ist köstlich!" Smexy Books
Dieser Roman ist bereits in einer früheren Ausgabe bei LYX.digital unter dem Titel ERBEN DES BLUTES - DUNKLER FLUCH erschienen
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Seitenzahl: 488
Veröffentlichungsjahr: 2022
Titel
Zu diesem Buch
Widmung
Die dunklen Dynastien
Prolog
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Die wiedergeborenen Lilim
Danksagung
Aus dem Nähkästchen geplaudert
Die Autorin
Kendra Leigh Castle bei LYX digital
Impressum
KENDRA LEIGH CASTLE
ERBEN DER VAMPIRE
DUNKLER FLUCH
Ins Deutsche übertragen von Katrin Mrugalla und Richard Betzenbichler
Der Jahrhunderte alte Vampirclan der Ptolemy wurde einst mit einem finsteren Fluch belegt. Königin Arsinöe beauftragt den Vampir und Gestaltwandler Tynan MacGillivray, eine Seherin ausfindig zu machen, die dem Clan endlich Frieden bringen soll. Als der attraktive Außenseiter auf Lily Quinn trifft, ist er sich sicher, die Richtige gefunden zu haben. Da versuchen die Feinde der Ptolemy, Lily zu töten, und es wird klar, dass die junge Frau weit mehr Macht besitzt als angenommen.
Für meine Schwester Kyra – weil du immer
meine Freundin warst und weil du es immer
mit den Vampirbarbies ausgehalten hast.
Dieses Buch ist für dich.
In den Vereinigten Staaten bekannte Abstammungslinien
DIE PTOLEMY
Anführerin: Königin Arsinöe
Ursprung: das alte Ägypten und die Göttin Sekhmet
Hochburgen: die Städte der östlichen Vereinigten Staaten, vor allem am mittleren Atlantik
Fähigkeiten: können sich blitzschnell bewegen
DIE CAIT SITH
Anführer: niemand; werden als Unterschichtvampire betrachtet, trotz ihres reinen Mals
Ursprung: keltische Linie, stammen von Feen ab
Hochburgen: keine; dienen den Ptolemy oder vegetieren in Armut dahin
Fähigkeiten: können Katzengestalt annehmen
DIE DRACUL
Anführer: Vlad Dracul
Ursprung: die Göttin Nyx
Hochburgen: nördliche Vereinigte Staaten, Chicago (das sie sich laut einer Vereinbarung mit den Empusae teilen)
Fähigkeiten: können Fledermausgestalt annehmen
DIE GRIGORI
Anführer: Sariel
Ursprung: unbekannt
Hochburgen: die Wüsten im Westen der Vereinigten Staaten
Fähigkeiten: können angeblich fliegen; es gibt allerdings keinen Beweis
DIE EMPUSAE
Anführerin: Empusa
Ursprung: die Göttin Hecate
Hochburgen: südliche Vereinigte Staaten, Chicago (gemeinsam mit den Dracul)
Fähigkeiten: können sich in Rauch verwandeln
Der Ballsaal war in sanftes Kerzenlicht getaucht, winzige Flammen tanzten und spiegelten sich in den Augen derer, die sich zu der Zeremonie zusammengefunden hatten. Die junge Frau, die Auserwählte, trat unsicher in ihre Mitte, ohne dass ihre nackten Füße auf dem dunklen, glänzenden Holzboden auch nur das leiseste Geräusch verursacht hätten. Die überirdische Schönheit der eleganten, anmutigen Gestalten mit der blassen Haut raubte ihr schier den Atem. Sie alle waren gekommen, um an diesem Ereignis teilzunehmen, das der bedeutendste Moment im Leben der jungen Frau werden sollte.
Und der letzte ihres von der Natur vorherbestimmten Lebens.
Zwar hatte sie gelegentlich einen Blick auf ähnliche Gestalten wie ihren Liebhaber werfen können, aber so viele auf einmal hatte sie noch nie gesehen. Es war beeindruckend, überwältigend … und ein klein wenig beängstigend.
Rosalyn. Es klang, als würden alle um sie herum ihren Namen flüstern, doch nicht ein einziger Mund bewegte sich. Bald würde sie die Gedanken der Anwesenden genauso lesen können wie diese ihre. Diese Gestalten würden ab jetzt ihre Familie sein, eine Familie, die in direkter Linie von einer pharaonischen Göttin abstammte. Sie alle gehörten zum Geschlecht der Ptolemy, dem höchste Verehrung gebührte.
Den Anweisungen folgend war sie nur mit einem hauchdünnen, blütenweißen Seidenkleid bekleidet zu dem imposanten Herrenhaus irgendwo im Niemandsland gekommen. Schon bald, das war Rosalyn klar, würde dieses Kleid verschwunden sein. Ihr neues Leben würde sie genauso beginnen wie ihr erstes, nackt und rein. Ängstlich suchte sie den Raum mit den Augen nach ihrem Liebsten ab, demjenigen, der all dies möglich gemacht hatte und der sie so sehr liebte, dass er sie für immer an seiner Seite wissen wollte. Doch sie waren ihr allesamt unbekannt, diese Gesichter mit den im Halbdunkel unnatürlich funkelnden Augen. Manche der Gestalten betrachteten sie voller Interesse, andere mit unverhohlenem Hunger. Wenigstens sind nicht alle unfreundlich, tröstete sie sich, dennoch konnte sie nicht verhindern, dass ihr ein Schauder über den Rücken lief.
Denn keins der Gesichter gehörte ihrem Jeremy.
Rosalyn holte tief Luft und schritt weiter, fest entschlossen, sich nicht von der Angst vor dem Unbekannten überwältigen zu lassen. Jeremy hatte Schritt für Schritt den vorgeschriebenen Weg befolgt, und dazu hatte auch gehört, dass sie von einem Abgesandten von Arsinöe höchstpersönlich befragt worden war. Erst dann hatte sie den unerlässlichen Segen der Königin und somit auch die Erlaubnis erhalten, Mitglied des geheiligten Geschlechts der Ptolemy zu werden. Die letzte Woche hatte sie damit verbracht, Vorbereitungen zu treffen und sich von ihrer angestammten Familie zu verabschieden, die noch gar nicht recht begriff, wie endgültig dieser Abschied war. Der Schritt in ihr neues Leben bedeutete den endgültigen Bruch mit dem alten, und darüber hatte sie durchaus mehr als nur eine Träne vergossen. Trotzdem – der Gewinn war größer als der Verlust. Nicht länger würde sie bloß eine von vielen menschlichen Geliebten im Harem eines Vampirs sein, wo sie – wenn auch wohl versorgt – lediglich zur häufigen Blutentnahme diente.
Jetzt würde sie für immer Jeremys Lebensgefährtin sein. Zum ersten Mal würde auch sie sich von ihm nähren können. Sobald die Zeremonie vorbei und ihre Hand mit dem Zeichen gebrandmarkt war, das sie für immer an die alte, von Sekhmet gesegnete Dynastie band, würde sie – da war Rosalyn sich vollkommen sicher – ohne Reue in ihr neues Leben treten, Hand in Hand mit ihrem Liebsten. Dann würde sie Rosalyn aus dem Geschlecht der Ptolemy sein.
Nur … wo steckte Jeremy?
Die etwa dreißig Zeugen bildeten einen weiten Kreis um sie herum, sodass sie allein und schutzlos in der Mitte stand. Sie waren unerträglich still, wie es ihrer Gattung entsprach, doch Rosalyn hatte Anweisung bekommen, erst zu reden, wenn sie angesprochen wurde. Also wartete sie geduldig, drückte die Schultern durch und reckte das Kinn vor. Man hatte sie für würdig befunden. Daran hielt sie sich fest, und ansonsten konnte sie nur hoffen, dass sie diese Würde auch ausstrahlte. Ihr langes glattes Haar hatte sie gebürstet, bis es glänzend wie gesponnenes Gold auf ihre Schultern herabfiel, aber ihr zartes Gesicht hatte sie ungeschminkt gelassen, weil es Jeremy so besser gefiel. Nach diesem Abend, dachte Rosalyn beim Anblick der umwerfend schönen Frauen um sie herum, werde ich mich sowieso nie wieder schminken müssen.
Vampirische Schönheit war unvergleichlich – und unvergänglich.
Dann lief ein leises Murmeln durch die Menge, und plötzlich war er da und trat zu ihr in den Kreis. Groß war er, ihr Jeremy, hellblond und auf jungenhafte Art schön. Er nahm ihre Hände in seine, und wie immer durchlief Rosalyn beim ersten Kontakt mit der kalten Haut ein Schauder. Aber die Wärme in seinen dunkelblauen, von innen heraus strahlenden Augen war Entschädigung genug. Als er sich nah zu ihr beugte, stieg ihr sein leichter Moschusgeruch in die Nase.
»Bist du bereit?«, fragte er leise, und sein warmer Atem strich an ihrem Ohr entlang.
Sie nickte. »Immer.«
Er lächelte, und seine scharfen, spitzen Schneidezähne glänzten weiß zwischen seinen dunkelroten Lippen. Einen Moment lang wandte er den Blick von ihr ab, und schon trat eine dritte Person in den Kreis, ein großer, eindrucksvoller Mann in einem schlichten schwarzen Anzug. Der Mann hielt sich sehr gerade. Als er mit ernster Miene zu sprechen begann, lag in seiner Stimme eine Kraft, die auf hohes Alter hindeutete, obwohl er kaum älter als vierzig aussah.
Das war der Zeremonienmeister, einer von Arsinöes Abgesandten, der das alte Ritual überwachen und die Verbindung für rechtens erklären sollte.
Die erste Frage richtete er an Jeremy. »Wie lautet dein Name, Bittsteller?«
Wie aus der Pistole geschossen und voller Stolz antwortete Jeremy: »Jeremy Rothburn aus dem Geschlecht der Ptolemy.«
»Und worum bittest du uns in dieser Vollmondnacht?«
»Ich bitte darum, diese Frau, Rosalyn DeVore, in das geheiligte Geschlecht der Ptolemy aufzunehmen und sie mit dem dunklen Geschenk an uns zu binden, damit ich für immer mit ihr zusammen sein kann.«
Der Gesandte richtete den Blick seiner blassen Augen auf Rosalyn. »Und du, Rosalyn DeVore? Worum bittest du das Geschlecht der Ptolemy?«
Einen schrecklichen Moment lang fürchtete sie, die Worte vergessen zu haben. Doch dann sprudelten sie wie von selbst aus ihr heraus. »Ich bitte darum, in dieses Geschlecht aufgenommen zu werden, Teil zu werden der ruhmreichen Nachkommen von Sekhmet, der Löwin, der Kriegsgöttin, von Arsinöe, von dem unsterblichen Pharao und von allen, denen das Glück die Gunst erweist, das Blut der größten aller Vampirdynastien zu trinken. Ich bitte darum, Jeremy Rothburn vom Geschlecht der Ptolemy mein Blut und mein Leben geben zu dürfen, auf dass auch er sein Blut und sein Leben mit mir teilt.«
Jeremy drückte beruhigend ihre Hände. Der Zeremonienmeister nickte ernst und bestätigte damit, dass ihr Anliegen angenommen war. Dann wandte er sich mit lauter und beeindruckend kräftiger Stimme an die Anwesenden.
»Ihr alle, die ihr hier versammelt seid, geschätzte Hüter der dunklen Flamme, in deren Adern das Blut der Göttin fließt, ihr habt die Bitte vernommen. Wie äußert ihr euch dazu?«
Das vielstimmige Ja ließ Rosalyns Herz schneller schlagen. Es war geschafft. Man hatte sie aufgenommen. Jetzt lag nur noch eine Hürde vor ihr … und die fürchtete sie am meisten. Denn bevor die Zeremonie abgeschlossen war, musste sie dem Tod ins Auge sehen, wenn auch nur, um sich für immer von ihm abzuwenden.
Als der Abgesandte die Aufmerksamkeit wieder auf Jeremy richtete, spielte um seine Lippen wahrhaftig die Andeutung eines Lächelns.
»Mach sie zu deiner Frau. Mach sie zu einer von uns.«
Mit diesen Worten trat er aus dem Kreis zurück und verschmolz mit der Menge. Jetzt standen wieder nur sie beide in der Mitte. Rosalyn betrachtete ihren Geliebten. Sie war sich der Bedeutung des Moments außerordentlich bewusst – schließlich waren dies ihre letzten Atemzüge als menschliches Wesen.
Mit einer geübten Handbewegung öffnete Jeremy ihr Kleid. Es glitt von ihren Schultern und fiel zu Boden. Nackt stand sie vor ihm, vor ihnen allen, schrecklich, wundervoll entblößt. Als er ganz nah an sie herantrat, strahlten seine Augen voller Liebe, und sofort vergaß sie die Menge. Eigentlich waren hier nur sie beide. Und die ganze Ewigkeit lag noch vor ihnen.
Seine kalten Hände glitten über ihre Haut und strichen über ihre Brustwarzen, die sich in der kühlen Luft aufgerichtet hatten. Ihr Magen war in Aufruhr vor Angst und Aufregung, unter die sich zu ihrer Überraschung auch Begierde mischte. Dann strich er ihr das Haar über die Schulter zurück und entblößte so ihre Kehle, an der ihr Puls in rasendem Tempo klopfte. Seine Augen veränderten sich, wurden die eines wilden Tiers und funkelten blendend hell. Als er die Zähne bleckte, glänzten sie wie Dolche.
Er hatte auch vorher schon von ihr getrunken. Sie fürchtete weder seine Zähne noch den Schmerz, der sich so schnell in Lust verwandelte. Aber diesmal musste er sie an die Schwelle zum Tod führen. Und dann würde er sie zurückholen, indem er sie zum ersten Mal von seinem Blut trinken lassen würde.
Als sich seine Zähne in ihre Haut bohrten, schnappte sie nach Luft. Sie hörte, wie die Menge um sie herum aufseufzte. Dann war plötzlich alles andere ausgeblendet, sie spürte nur noch Jeremy und gab sich ganz dem Gefühl hin, in einem Meer aus Lust zu versinken. Die Wirklichkeit begann, sich zu einem einzigen hellen Punkt zu verdichten, der sich immer weiter entfernte. Sie spürte, wie sie matter und matter wurde, dennoch trank Jeremy weiter, saugte das Leben aus ihr heraus und verleibte es sich ein. Als sie zu Boden sank, folgte er ihr, zog sie eng an sich und saugte weiter.
Ihr Herz schlug langsamer … langsamer. Während Rosalyn immer tiefer in die Schwärze hinabglitt, wartete sie darauf, sein Handgelenk an ihren Lippen zu spüren. Schon so lange sehnte sie sich danach, sein Blut zu schmecken, und mit diesem Akt würde die Zeremonie dann ihren Höhepunkt erreichen.
Stattdessen drangen von weit her Schreie an ihr Ohr.
Zunächst war es nur ein einzelnes erschrecktes Aufkreischen, das sofort unterdrückt wurde. Dann ertönte ein lauter Schrei, gefolgt von vielen weiteren, bis der riesige Raum von Lauten der Angst und des Schmerzes widerhallte. Mühsam versuchte Rosalyn die Augen aufzureißen. Jeremy zog die Zähne aus ihrer Kehle und hob den Kopf, um zu sehen, in was für ein Schreckensszenario sich Rosalyns Aufnahmezeremonie verwandelt hatte. Über die Schreie hinweg hörte sie, wie die Anwesenden hin und her rannten und gegen Türen trommelten, die fest verschlossen waren.
Und in all das mischte sich ein feuchtes Schmatzen, wie es nur beim Zerreißen von Fleisch entsteht, gefolgt von einem Geräusch, als würden größere Mengen Flüssigkeit verspritzt, dann schien etwas – jemand – durch die Luft zu fliegen, als würde er achtlos beiseitegeworfen, damit der Angreifer sich auf den Nächsten stürzen konnte.
Das Geräusch weggeworfener lebloser Körper kam immer näher.
»Wo ist es?«, kreischte eine völlig verängstigt klingende weibliche Stimme. »Ich kann es nicht sehen.« Eine Fensterscheibe barst.
Jeremy sah auf sie hinunter, und hätte sie die Kraft dazu gehabt, hätte auch sie laut aufgeschrien. Denn in seinem Blick lag nicht länger das Versprechen auf ewiges Leben.
Sondern nur noch der Tod.
»Es tut mir so leid«, konnte er gerade noch sagen, bevor sein Kopf gewaltsam von seinem Rumpf getrennt wurde und quer durch den Raum davonflog. Blut spritzte über ihren nackten bleichen Körper. Jetzt schrie sie doch, auch wenn es nur ein kaum hörbarer Laut war, der aus den Tiefen ihrer schwindenden Seele aufstieg. Aber sie konnte nicht davonlaufen – sie konnte sich kaum noch rühren. Dunkelheit umfing sie, und es sah nicht danach aus, als könne es für sie eine Rückkehr geben.
Die Schreie um sie herum wurden leiser, und es roch plötzlich nach Rauch.
Das Letzte, was Rosalyn hörte, war bösartiges, glucksendes Gelächter.
Tipton, Massachusetts
Acht Monate später
Tynan MacGillivray hockte in einer dunklen Ecke des kleinen Gartens, hörte den Sterblichen zu, die geräuschvoll in der muffigen alten Villa herumwuselten, und versuchte, sich auf ihre Gerüche und Töne zu konzentrieren. Er hoffte auf irgendeine Schwingung, die darauf hindeutete, dass sich unter diesen sogenannten Geisterjägern eine Seherin befand, doch bisher hatte ihm das alles nichts eingebracht – außer Kopfschmerzen.
In diese lächerliche Kleinstadt zu fahren, war nur ein verzweifelter Versuch gewesen, das war ihm durchaus klar. Aber in den letzten acht Monaten hatte er bereits alles abgeklappert, von Goth-Clubs in New York City bis zu Hexenzirkeln in Los Angeles. Er war überall gewesen, wo vielleicht ein Hauch von Fähigkeiten jenseits der Norm zu erwarten gewesen wäre. Doch in der ganzen Zeit hatte er nicht den kleinsten Hinweis auf eine Seherin entdeckt oder auch nur eine Spur von Paranormalität. Nur eine Horde menschlicher Wesen, die sich verkleideten, weil sie unbedingt anders sein wollten.
Er fragte sich, wie sie sich wohl fühlen würden, wenn sie aus Versehen in einen echten Vampirclub gerieten. Vermutlich wären die meisten von ihnen zu blöd, um in den wenigen Sekunden, die ihr Leben an solch einem Ort noch dauern würde, ein Gespür für die drohende Gefahr zu entwickeln. Aber vielleicht würden sie noch feststellen, dass es bei den Untoten nicht mal ansatzweise so viel schwarzes Leder und Sadomasoausrüstung gab, wie sie offensichtlich glaubten.
Ty kam auf die Beine – auf alle vier – und streckte den Rücken durch, der ganz steif vom langen nächtlichen Herumhocken war. Seine Katzengestalt war das Erbe seines Stammbaums, allerdings half sie ihm an Orten wie diesem nur bedingt. Das Haus, das er gerade ausspionierte, lag nicht weit vom Stadtkern, und die paar armseligen Berberitzen boten so gut wie keinen Schutz. Sein Fell war schwarz, das schon, und verschmolz gut mit der Dunkelheit, aber hundegroße Katzen lösten bei Spaziergängern nicht unbedingt das Bedürfnis aus, ein paar Streicheleinheiten auszuteilen.
Verdammt. Das führt zu nichts. Frustriert knurrend gestand Ty sich ein, dass auch dieser Abstecher ein Schuss in den Ofen war. Er hatte Esoterikmessen abgeklappert und sämtliche amerikanischen Orte, an denen es angeblich spukte, in der Hoffnung, dorthin würde es ein menschliches Wesen ziehen, wie er es so verzweifelt suchte. Aber schon bald – sehr bald – würde er Arsinöe die schlechte Nachricht überbringen müssen, dass Seher höchstwahrscheinlich ausgestorben waren. Zum ersten Mal nach dreihundert Jahren in ihren Diensten würde er eingestehen müssen, dass er versagt hatte.
Und der Mulo, der Zigeunerfluch, der langsam all jene tötete, die Ty zu beschützen hatte, würde weiter sein Unwesen treiben, bis niemand mehr von der Ptolemy-Dynastie übrig war, dem ältesten und mächtigsten Geschlecht der gesamten Vampirgesellschaft, das bis in jene Zeit zurückreichte, als Arsinöe durch den dunklen Kuss einer Göttin das ewige Leben eingehaucht worden war. Keine andere Dynastie konnte einen solchen Beginn, eine solche Gebieterin aufweisen. Aber wenn es so weiterging, würde den anderen Dynastien, die seit jeher neidisch auf die Macht, die Abstammung und den Einfluss der Ptolemy waren, nicht mal mehr eine Leiche bleiben, die sie fleddern konnten.
Der unsichtbare Terror hatte noch zwei weitere Male zugeschlagen, beide Male während heiliger Initiationsriten, und beide Male war nur ein einziger Vampir gerade eben mit dem Leben davongekommen und hatte berichten können, was passiert war. Oder, im Fall des ersten Angriffs, eine fast schon verwandelte menschliche Frau. Rosalyn hatte sie geheißen, wie er sich mit einem Anflug von Widerwillen erinnerte. Sie hatten sie zu ihrer Siedlung zurückgebracht, blutüberströmt und verstümmelt, und hatten ihr so viele Informationen wie möglich entlockt, bevor sie sie einen sehr menschlichen Tod hatten sterben lassen. Er bezweifelte, dass ihr bewusst gewesen war, wie viel Glück sie hatte.
Ty, der es gewohnt war, mit den Schatten zu verschmelzen und zuzuhören, wusste, dass sich alle in Arsinöes engstem Kreis einig waren: Es war nur eine Frage der Zeit, dass die Königin höchstpersönlich zum Angriffsziel wurde.
Ohne seine starke ägyptische Königin würde das Geschlecht der Ptolemy nicht überleben. Vielleicht kam das Ende nicht gleich, aber es gab niemanden, der Arsinöe hätte ersetzen können, es sei denn, Sekhmet würde noch einmal in Erscheinung treten und einem der Ptolemy ihre Gnade gewähren. Falls es die Göttin überhaupt noch gab. Wahrscheinlicher war, dass es zu einem blutigen Machtkampf unter den Ptolemy kommen würde, an dessen Ende nur noch eine blasse Erinnerung an das bleiben würde, was einst gewesen war. Dieser kurzsichtige interne Machtkampf würde die Letzten erledigen, die der Mulo noch am Leben gelassen hatte – falls es dann überhaupt noch welche gab. Und die Cait Sith, Vampire wie er, die nur in den Diensten der Ptolemy standen, weil ihr Blut mit Feenblut durchmischt war, würden der zweifelhaften Gnade der verbliebenen die Nacht beherrschenden Dynastien ausgeliefert sein.
Das konnte er genauso wenig zulassen, wie er sich der Sonne aussetzen konnte.
Ty schob die düsteren Gedanken zur Seite und fragte sich, ob er für den Rest der Nacht in sein Hotelzimmer zurückkehren und auf dem Weg dorthin in einer Bar haltmachen sollte, um einem der wehrlosen Betrunkenen rasch ein wenig Blut abzuzapfen. In diesem Moment ging eine der hinteren Türen auf, und eine Frau trat in die kalte Nachtluft hinaus.
Zunächst blieb er aus reiner Neugier. Dann fing sich das Mondlicht in ihren rotbraunen Haaren, und als sie sich in seine Richtung wandte, konnte er den Blick nicht mehr von ihr abwenden. Ohne sich seiner Gegenwart bewusst zu sein, legte sie den Kopf in den Nacken und badete das Gesicht im Mondlicht. Um ihre Lippen spielte das leise Lächeln einer Frau, die es sehr zu schätzen wusste, eine Herbstnacht wie diese genießen zu dürfen.
Er hörte sie seufzen und sah, wie die warme Luft, die sie ausatmete, gemächlich wie Nebel nach oben stieg. Für ihn, der wie verzaubert dastand, schien sich alles wie in Zeitlupe abzuspielen. Ihr Atem bildete sekundenlang eine kleine Wolke oberhalb ihres Munds, als hätte sie der Nacht einen glänzenden Teil ihrer Seele geschenkt. Über dem Kragen ihres Mantels lockte ihr langer, blasser Hals, und der winzige Pulsschlag an ihrer Kehle schien sich tausendfach zu verstärken, bis Ty schließlich jenes einzigartige Schlagen und Pulsieren hören konnte, das ihr Leben ausmachte, bis es nur noch diesen Klang in seinem Universum gab. Ein kalter Windstoß blies ihren Geruch, einen leichten, exotischen Vanilleduft, in seine Nasenlöcher, und jeglicher Gedanke, von einem namen- und gesichtslosen Fremden zu trinken, löste sich in Wohlgefallen auf.
Ty wollte sie. Und obwohl es in seinem Leben eine Reihe klarer Einschränkungen gab, würde er sich diesen Genuss nicht entgehen lassen. Schon jetzt konnte er nur noch daran denken, wie ihr Blut wohl schmecken würde. Würde es so süß sein, wie sie roch? Oder hatte es eher den kräftigen Geschmack nach reifen Beeren? Jeder Mensch schmeckte anders – das wusste er inzwischen –, und dieser Geschmack erzählte Bände, mehr, als die Menschen jemals ahnen würden.
Die Frau blieb nur noch einen kurzen Moment stehen, doch ihr schönes, herzförmiges Gesicht mit den großen, ausdrucksvollen Augen, die er unbedingt aus der Nähe sehen musste, brannte sich in ihm ein, wie er das noch nie zuvor erlebt hatte. Ty war viel zu benebelt, um über seine seltsame Reaktion auf sie nachzudenken, aber er wusste, später würde er an nichts anderes mehr denken können.
Später. Sobald er sie geschmeckt hatte.
Als sie sich umdrehte und er nur noch die glänzenden Locken sehen konnte, die über den schwarzen Kragen ihres Mantels herabflossen, konnte er sich wenigstens wieder rühren, und das tat er mit den sparsamen Bewegungen des geübten Jägers. Wie ein Raubtier, das die Fährte seiner Beute aufgenommen hat, ließ er sie nicht aus den Augen, auch nicht, als er sich aufrichtete und sich seine katzenartige Gestalt ausdehnte und veränderte, bis er auf zwei Beinen zwischen den vereinzelten Büschen stand.
Ty holte tief Luft und sog voller Vorfreude den einzigartigen Duft ein.
Dann stellte er den Kragen seines Mantels auf und begab sich auf die Jagd.
Mit einem Seufzer der Erleichterung bog Lily um die Ecke des Hauses.
Vermutlich hätte sie sich schuldig fühlen sollen, weil sie sich vor der alljährlichen Geisterjagd in der Bonner-Villa drückte – und zwar, bevor irgendetwas Interessantes passiert wäre. Bisher hatte sie lediglich eine Gruppe übereifriger Amateur-Geisterjäger gesehen, die jedes Insekt für einen unberechenbaren Geist hielten. Und dann das Paar, das sich im Schrank einquartiert und die Tür hinter sich zugezogen hatte. Lily grinste. Die Erfahrungen, die die beiden machen wollten, waren mit Sicherheit alles andere als übernatürlich.
Wie Bay es geschafft hatte, sie hierherzulocken, war Lily ein Rätsel. Schön und gut, dass sie sich einmal die Woche trafen, um sich im Fernsehen die Serie Ghost Hunters anzusehen. Aber deswegen wollte sie jetzt noch lange nicht in einem alten, schimmeligen und angeblich von einem Geist heimgesuchten Haus herumlaufen. Glücklicherweise war der heiße Typ von der »Gesellschaft für übernatürliche Phänomene im Bonner County« gerade noch rechtzeitig aufgetaucht. Lily hätte nicht mit Sicherheit sagen können, was die Augen ihrer Freundin mehr zum Leuchten gebracht hatte – die enge Jeans oder die Wärmebildkamera. Wie auch immer – Lily hatte das zum Anlass genommen, sich wegen einer angeblichen Kopfschmerzattacke zu entschuldigen, was die Gruppe vermutlich gar nicht richtig mitbekommen hatte. Bay allerdings hatte gegrinst, und es war ein durchaus dankbares Grinsen gewesen.
Lily hob den Arm, um auf die Uhr zu schauen. Sie musste sie dicht vor die Augen halten, um in der Dunkelheit etwas erkennen zu können. Es war viertel vor zwölf.
»Schon wieder ein Freitagabend dahin«, murmelte sie. Trotzdem musste der Abend ja kein völliger Reinfall werden. Vielleicht würde sie noch etwas ganz Verrücktes machen und sich mit einem Gerard-Butler-Film und einer Schüssel Popcorn die Nacht um die Ohren schlagen.
Anarchische Zeiten in Lily Quinns Haus. Aber besser, auf jeden Fall besser als schlafen. Sie brauchte keine blödsinnige Geisterjagd, um sich zu gruseln. Nichts konnte beängstigender sein als das, was sie sah, sobald sie die Augen schloss.
Lily ging eine Weile durch das raschelnde Laub, dann blieb sie stehen und betrachtete stirnrunzelnd die nackten Bäume und, etwas weiter dahinter, den schmiedeeisernen Zaun, der das Grundstück begrenzte. Die Bonner-Villa lag zwar ganz in der Nähe des Stadtzentrums, war aber ein Stück von der Straße zurückversetzt. Der Historischen Gesellschaft war es gelungen, einen Teil des ursprünglichen Geländes vor dem Verkauf zu retten, sodass zu dem Haus noch ein recht großes Grundstück gehörte. Allerdings hatte man – als Zugeständnis an die Moderne – einen Teil davon in einen Parkplatz umgewandelt.
Und der lag, wie Lily erst jetzt bewusst wurde, auf der Rückseite des Hauses. Sie legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und stöhnte.
Ihr völlig unterentwickelter Orientierungssinn hatte mal wieder ganze Arbeit geleistet.
Lily fluchte eine Weile lautlos vor sich hin, dann schob sie die Hände tiefer in die Taschen und machte sich auf den – diesmal hoffentlich richtigen – Weg. Ihr mangelnder Orientierungssinn war genauso typisch für sie wie ihre unerklärliche Abneigung gegen adäquate Männer. Wenn sie doch bloß einen wohlerzogenen, Shakespeare zitierenden Mann finden könnte, der gleichzeitig ein Bösewicht war, mit einer Vorliebe für sexy Tattoos und einem Hang zum Lederfetischismus. Dann hätte sie eventuell eine Chance, nicht als verrücktes altes Weibchen zu enden.
Vielleicht nur eine geringe Chance, aber immerhin eine Chance.
Wenigstens ist heute eine herrliche Nacht, dachte Lily und atmete tief ein. Oktobernächte hatten ihren ganz eigenen Geruch, vor allem in diesem Teil Neuenglands. Lily liebte den erdigen, intensiven Geruch verfaulender Blätter, in den sich der Rauch aus irgendeinem Holzofen mischte, wobei gleichzeitig die erste Kälte für klare, reine Luft sorgte.
Lily sah sich ausgiebig um, während sie zurückging. Im schwachen Schein der Straßenlaternen sah die Bonner-Villa wirklich wie ein Gespensterhaus aus, hatte aber trotzdem nichts Beängstigendes an sich. Sie wirkte eher wie der richtige Ort für eine düstere Liebesgeschichte voller Schatten und sinnlicher Geheimnisse.
Amüsiert grinste Lily in sich hinein. Sie unterrichtete englische Literatur, weil sie die Möglichkeiten, die die Fantasie bot, der oftmals unerfreulichen Wirklichkeit immer vorgezogen hatte. Und das bedeutete auch, dass ein Freitagabend mit dem Phantom der Oper vielleicht genau das Richtige für sie war. Und das, obwohl der Film nie so endet, wie ich das will, dachte sie und lächelte, egal wie oft ich Christine dazu zu bewegen versuche, das dunkle, verwundete Phantom zu heilen, statt ihre Zeit mit dem langweiligen alten Raoul zu verplempern.
Was für eine Wahnsinnsliebesszene das gegeben hätte!
Plötzlich stellten sich Lily sämtliche Nackenhaare auf. Adrenalin schoss durch ihre Adern. Hinter ihr war jemand, das wusste sie, ohne die Person zu sehen. Sie spürte Augen auf sich ruhen, die einen Moment zuvor noch nicht da gewesen waren.
Aber als sie herumwirbelte, war dort niemand. Weder auf dem Rasen mit seinen vereinzelten, blattlosen Bäumen noch auf der Bank und auch nicht beim Haus. Nichts.
Und hier gab es auch kein Versteck.
Lilys Herz schlug schneller, und ihr Atem wurde flacher. Sie ließ den Blick über das Gelände schweifen, in der Hoffnung, irgendetwas Auffälliges zu entdecken. Es musste doch eine Erklärung dafür geben, dass sie so eindeutig die Anwesenheit eines anderen Menschen spürte.
So ein Quatsch!, sagte sie sich. Diese Horrorfilmkulisse hier hat einfach deine Fantasie beflügelt. Das ist alles.
Lily wusste, dass das die wahrscheinlichste Erklärung war, aber sie wollte trotzdem so schnell wie möglich zu ihrem Wagen, und dann nichts wie weg. Glücklicherweise waren im Haus jede Menge Leute, die sie, falls doch etwas passierte, schreien hören würden. Sie machte sich wieder auf den Weg, warf jedoch vorsichtshalber alle paar Schritte einen Blick über die Schulter.
Der fast volle Mond hing hoch über ihr am Nachthimmel, und die Luft war noch immer mit all den Gerüchen getränkt, die sie eben noch so genossen hatte. Doch ihr Vergnügen war jenem eindringlichen Instinkt gewichen, der Menschen über Millionen Jahre hinweg das Leben auf der Erde ermöglicht hatte: Flucht.
»He, alles in Ordnung?«
Den leisen Aufschrei konnte sie einfach nicht unterdrücken, zu plötzlich war der Fremde vor ihr aufgetaucht.
Er hob die Hände und zog die Augenbrauen hoch, als wolle er zeigen, dass er genauso erschrocken war wie sie. »Oh. Bitte, nicht schreien. Ich bin kein Geist oder irgend so was. Du kannst ruhig weiteratmen.« Eine seiner Augenbrauen glitt noch weiter nach oben. »Bitte?«
Seine Stimme klang sowohl besorgt als auch amüsiert, und so wagte sie es, vorsichtig wieder einzuatmen. Dennoch schaute sie sich rasch um, um ihre Fluchtmöglichkeiten abzuschätzen.
»Schau, es tut mir leid«, fuhr der Mann fort und lenkte damit Lilys Aufmerksamkeit wieder zurück auf sich. »Ich musste da unbedingt mal raus. Zu viele Leute, nicht genug Geister, wenn du verstehst, was ich meine.«
»Ich … ja.« Lily war sich noch immer nicht ganz schlüssig, wie sie mit der Situation umgehen sollte. War er ebenfalls da drin gewesen? Sie war sich nicht sicher … Es waren eine Menge Leute gewesen, und nicht alle waren zur gleichen Zeit eingetroffen. Möglich war es also. Aber als sie ihn sich genauer ansah, war sie sofort überzeugt, dass sie sich jemanden wie ihn bestimmt gemerkt hätte.
»Fangen wir noch mal von vorn an«, schlug er vor.
Seine leise Stimme war tief und rau, und jetzt fiel ihr auch sein singender Tonfall auf. Konnte gut sein, dass er Schotte war.
Er streckte ihr die Hand hin. »Ich bin Tynan MacGillivray.«
Viel schottischer konnte ein Name kaum sein. Lily zögerte den Bruchteil einer Sekunde, bevor ihr ausgeprägtes Gespür für Höflichkeit die Oberhand gewann. Zögernd legte sie ihre Hand in seine.
»Ich heiße Lily. Lily Quinn«, erwiderte sie. Seine Hand fühlte sich überraschend kühl und samten an. Doch jetzt wurde sie rasch warm, genau wie ihr selbst auf einmal ganz warm wurde, weil ihr plötzlich auffiel, wie unglaublich gut Tynan MacGillivray aussah.
Schön ist er nicht, dachte sie. Das Wort passte nicht zu ihm, obwohl manche Leute ihn sicher als schön bezeichnet hätten. Er war eher … bezwingend. Sie musterte das scharf geschnittene, kantige Gesicht mit der langen, geraden Nase und den dunklen, auffälligen Augenbrauen. Sein Mund war das Einzige, was auf eine gewisse Weichheit hindeutete, und seine volle Unterlippe war so einladend, dass Lily ihr mehr Aufmerksamkeit schenkte, als unter diesen Umständen angebracht war. Seine Haut war sehr hell, fast schon bleich, was seine seltsame Anziehungskraft allerdings eher noch verstärkte, genau wie seine ein wenig zotteligen langen dunkelbraunen Haare, die er hinter die Ohren gestrichen hatte.
Am meisten aber faszinierten sie seine Augen. Sie waren hellgrau und glänzten silbern im Mondlicht. Tynan beobachtete sie, ohne zu blinzeln. Sie hätte ihm gern geglaubt, dass er ihr nichts Böses wollte. Aber die Intensität, die in seinem Blick lag, beunruhigte sie. Ich sollte abhauen, dachte Lily. Sie fühlte sich wie ein Reh, das den Geruch eines Raubtiers wittert.
Aber sein Blick hielt sie gefangen, und es gelang ihr nicht, wegzusehen. Als er, ohne ihre Hand loszulassen, einen Schritt näher auf sie zutrat, schnappte sie zitternd nach Luft.
Nein, dachte sie, aber ihre Beine weigerten sich zu gehorchen. Und gleich der nächste Gedanke war: Ja.
»Lily«, sagte er, und das klang unglaublich sinnlich. »Was für ein schöner Name. Und so passend.«
Noch nie hatte jemand ihren Namen so ausgesprochen, so, als würde er ihn sich genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Tief in ihrem Bauch entwickelte sich ein Verlangen, unerwartet, unerwünscht, aber auch unleugbar. Sie überlegte verzweifelt, was sie sagen sollte, um diesen seltsamen Bann zu brechen, aber ihr fiel nichts ein. Es gab nur noch diesen düsteren Fremden. Alles andere schien zu verblassen, wurde unwichtig.
»Du zitterst ja«, sagte er. »Du solltest bei dieser Kälte nicht ganz allein hier draußen sein.«
»Nein, ich … vermutlich hast du recht«, murmelte sie, ein wenig überrascht, dass sie nicht einmal bemerkt hatte, wie sehr sie zitterte. Kalt war ihr mit Sicherheit nicht mehr. Und aus irgendeinem Grund war es plötzlich schwierig, ihre Gedanken in einen vernünftigen Satz zusammenzufassen. »Ich war … gerade auf dem Weg zu meinem Wagen.«
Seine Augen, dachte sie, überwältigt von einem Schauder von Begierde, der sie von Kopf bis Fuß durchlief und ihr jegliches Gefühl für die Temperatur hier draußen raubte. Seine Augen waren wirklich silberfarben, das konnte sie jetzt deutlich sehen. Silberfarben und glänzend wie der Mond. Seltsame, schöne Augen.
»Darf ich dich begleiten?«, fragte er.
Die Worte drangen kaum in ihr Bewusstsein vor. Als sie sie endlich kapierte, nickte sie automatisch. Auto. Begleiten. Ja. Vermutlich keine schlechte Idee. »Ja. Das wäre nett.«
Tynan lächelte, und dieses Lächeln wirkte äußerst sinnlich. Es schien das Natürlichste auf Erden, dass sich – ganz im Gegensatz zu dem, was sie beide gesagt hatten – keiner von ihnen von der Stelle rührte. Stattdessen glitt seine freie Hand, die sich an ihrer warmen Haut wie kühler Marmor anfühlte, über ihre Wange hinab bis zu ihrem Mund. Sanft strich er mit dem Daumen über ihre Unterlippe.
Lilys Antwort bestand darin, die Lippen zu öffnen, die Augen zu schließen und einen leisen Seufzer auszustoßen. Noch nie hatte solch eine zarte Berührung ihr so viel Vergnügen bereitet. Alles, woran sie denken konnte, alles, was sie wollte, war, dass es nicht aufhören sollte.
»Lily«, flüsterte er schmeichelnd. »Wie wunderschön du bist.«
»Mmm«, war alles, was sie herausbrachte. Als seine Finger ihr durch das Haar strichen, als er die Hand aus ihrer löste, um sie ihr um die Taille zu legen, als er ganz nah an sie herantrat, da konnte sie gar nicht anders, als sich an ihn zu schmiegen. Es war, als würde sie in einen düsteren Traum hinabgleiten, ein Gefühl, dem sie sich widerstandslos hingab. Sie fuhr mit den Händen über seine Brust, verschränkte sie dann hinter seinem Rücken und zog ihn an sich.
Sie war sich nicht sicher, was sie sich von ihm wünschte – aber bei Tynans Berührung war etwas in ihr erwacht, eine Sehnsucht, die lange in ihr geschlummert hatte und sich jetzt wie gerade aus dem Schlaf erwacht dehnte und streckte und eine fast schon schmerzhafte Begierde in ihr auslöste. Als sie den Kopf in den Nacken legte, war das wie eine wortlose Einladung. Sie spürte, wie sein warmer, unregelmäßiger Atem über ihr Gesicht strich, wie sein Herz an ihrer Brust pulsierte, und trotz des seltsamen Nebelschleiers, der sie einzuschließen schien, überlief sie ein Schauder.
»Lily«, sagte er abermals, und diesmal klang es fast schon ehrfürchtig.
Er beugte den Kopf herab, und Lily öffnete erwartungsvoll die Lippen. Noch nie hatte sie sich so verzweifelt nach dem Kuss eines Mannes gesehnt – ihr ganzes Wesen schien vor Begierde zu vibrieren. Atemlos wartete sie darauf, seine Lippen auf ihren zu spüren. Aber statt anzunehmen, was sie ihm anbot, glitt sein Mund nur über ihre Wange, während er die Finger an ihr Kinn legte und ihren Kopf zur Seite bog.
Lily gab ein leises, frustriertes Stöhnen von sich, das ihren Folterer auflachen ließ.
»Geduld, mein Schatz«, sagte er sanft tadelnd. Sein Dialekt klang jetzt sehr viel deutlicher durch. »Zu große Eile verdirbt nur alles.«
Tynan bedeckte ihr Kinn von einem Ohr zum anderen mit Küssen. Seine eher kühlen Lippen auf ihrer warmen, empfindlichen Haut zu spüren, bereitete ihr ein unerwartetes Vergnügen. Lily wand sich in seinen Armen, um ihm noch näherzukommen. Sie sehnte sich nach einem namenlosen »Mehr«, das sie nicht genauer hätte beschreiben können. Tynan dagegen schien sich völlig unter Kontrolle zu haben, und nur sein unregelmäßiger Atem deutete daraufhin, dass er vielleicht genauso aufgelöst war wie sie. Dann hörte sie seine Stimme, und es war, als würde sie direkt in ihrem Kopf erklingen.
Lass mich dich schmecken.
Unfähig, etwas anderes zu tun, als zu gehorchen, ließ Lily unterwürfig den Kopf nach hinten sinken. Er sollte nicht aufhören, sie zu berühren, sollte sich nehmen, was er wollte. Irgendwo in ihrem Hinterkopf tauchte der Gedanke auf, dass diese ganze Situation völlig verrückt, wenn nicht gar selbstmörderisch war. Aber je mehr sie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, desto schneller schien er sich in Luft aufzulösen. Und war es nicht viel einfacher, sich Tynan einfach hinzugeben? Als wolle Tynan ihr in diesem Punkt recht geben, küsste er zärtlich ihr Ohr und fuhr mit der Zunge über ihr empfindsames Ohrläppchen.
»Bitte«, stöhnte Lily und presste sich unruhig gegen ihn, ohne dass sie so recht wusste, um was sie eigentlich bat. Dann strich er ihr das Haar über die Schultern zurück und legte ihren Kopf auf die Seite, um besser an ihren Hals heranzukommen. Er zog den Kragen ihrer Bluse hinunter, bis ihr Schlüsselbein der kalten Nachtluft ausgesetzt war. Lily ließ alles mit sich geschehen. Sie wollte nur wieder seine Lippen auf ihrer Haut spüren und ihm alles geben, was er sich wünschte. Die Welt hatte aufgehört zu existieren, es gab nur noch Tynan. Sein Griff war jetzt fester geworden, und dabei zitterten seine Hände, als wären seine Bedürfnisse noch drängender als ihre.
Plötzlich hielt er inne, versteifte sich und atmete einmal heftig aus. Völlig versunken in ihrer sexuellen Gier grub Lily die Hände in Tynans dicken Wollmantel und stöhnte gequält auf. Wieso hörte er einfach auf? Sie brauchte … sie brauchte unbedingt …
Alles, was sie zu hören bekam, war ein Fluch in einer ihr unbekannten Sprache.
Dann ein plötzlicher kühler Luftzug. Langsam öffnete Lily die Augen. Erst ganz allmählich wurde ihr klar, wo sie war und was sie getan hatte. Ihre geballten Hände umschlossen nichts als kalte Luft. Lily blinzelte ein paarmal, dann stolperte sie einen Schritt zurück. Ein erdrückendes, wenn auch unsinniges Verlustgefühl überkam sie. Sie drehte sich suchend einmal um sich selbst, irgendwo musste er doch sein. Er konnte nicht einfach fort sein. Niemand konnte sich einfach in Luft auflösen.
Aber wer immer – oder was immer – Tynan MacGillivray auch war, Lily musste sich schon bald die Wahrheit eingestehen.
Er war fort.
Ty duckte sich leise auf einen Ast und beobachtete, ohne auch nur einmal mit den silbernen Augen zu blinzeln, wie Lily Quinn zu ihrem Auto ging. Sie wirkte noch immer wie betäubt, auch wenn sie, bis sie bei ihrem Wagen ankam, wieder zu einem sicheren und schnellen Gang gefunden hatte. Furchtsam warf sie noch einmal einen Blick über die Schulter, bevor sie einstieg und davonfuhr.
Was er sich einbildete gesehen zu haben, konnte einfach nicht stimmen, das wusste Ty. Das Licht musste ihm einen Streich gespielt haben, zusammen mit seinem von Blutlust vernebelten Hirn. Vermutlich handelte es sich um ein Muttermal, vielleicht auch um eine Tätowierung, eine böse kleine Überraschung, verborgen hinter dem schicken Outfit. Ein Sterblicher konnte kein Vampirmal haben, und Lily war eindeutig eine Sterbliche. Aber genauso sicher war auch, dass sie … mehr als das war.
Meine Güte, hatte er jemals derart heftig auf den Blutgeruch einer Frau reagiert?
Die Erinnerung daran, wie sie sich an ihn gepresst hatte, wie sich ihre Haut unter seinen Händen angefühlt hatte, war so überwältigend, dass er ihr beinahe hinterhergelaufen wäre, um zu Ende zu bringen, was sie begonnen hatten. Stattdessen krallte er die Klauen in den Ast und versuchte verzweifelt, seine Selbstbeherrschung wiederzufinden. Das Fell auf seinem Rücken hatte sich aufgestellt, Ausdruck des uralten Kampfs, der sich in ihm abspielte. Er brauchte Nahrung, und zwar bald – auch wenn das bedeutete, dass er schon wieder ein gesichts- und namenloses Opfer anzapfen musste.
Mal wieder typisch für ihn, dass er eine Frau begehrte, die er niemals würde schmecken dürfen.
Grimmig knurrend sprang Ty vom Baum. Noch bevor er auf dem Boden ankam, hatte er sich bereits wieder in einen Mann verwandelt. Rasch machte er sich auf den Weg ins Stadtzentrum. Eigentlich sollte er dankbar sein, dass ihn irgendetwas davon abgehalten hatte, die Zähne in Lily Quinns Hals zu versenken. Hätte er das getan, hätte er seine vermutlich einzige Chance vergeben, seine Mission doch noch erfolgreich zu Ende zu bringen.
Dass er die Gedanken dieser Frau nicht mal ansatzweise lesen konnte, hätte ihm schon auffallen müssen, bevor er ihr so nahe kam, dass er nur noch an ihren Hals denken konnte. Ein Gehirn, in das man nicht eindringen konnte, war ein untrügliches Zeichen für einen Seher. Lilys außerordentliche Schönheit war nur eine Zugabe, und eher eine ungute. Hätte er sie gebissen, hätte sie all die Fähigkeiten verloren, die er so dringend suchte.
Er musste sich unbedingt wieder auf das Wesentliche konzentrieren.
Mit übernatürlich schnellem Schritt eilte Ty weiter. Ohne stehen zu bleiben, zog er das Handy heraus und rief die einzige Frau an, der er sich wirklich verpflichtet fühlte. Die Gnade seiner Königin hatte ihn weit über das hinausgehoben, was jemand mit seinem minderwertigen Blut normalerweise erwarten konnte. Sie hatte ihn in den inneren Kreis ihrer Vertrauten aufgenommen, wo man noch nie zuvor jemanden seiner Abstammung geduldet hatte. Wobei die anderen ihn nur äußerst widerwillig duldeten, und so hatte er schon früh gelernt, sich die Informationen, die er brauchte, notfalls auch durch Täuschungsmanöver zu besorgen. Dennoch – die Tatsache, dass er einen direkten Telefondraht zu einer Vampirkönigin hatte, konnte ihn, zumindest im Moment, nicht dafür entschädigen, dass er allein war. Wieder einmal. Und hungrig auf eine Art, die er irgendwie befriedigen musste.
Arsinöe hob bereits nach dem ersten Klingeln ab. Ihr freundlicher Tonfall konnte ihre Erbitterung nicht verschleiern, und ihm stellten sich die Haare an Armen und Nacken auf. Er würde sehr vorsichtig vorgehen müssen.
Diese Frau war eine Naturgewalt. Und wenn sie in Wut geriet, konnte sie alles und jeden zerstören, der ihren Weg kreuzte.
»Tynan. Ich nehme an, du willst mir von einem weiteren ereignislosen Abenteuer berichten?«
Ihre Stimme war ein sanftes Schnurren, und Tynan konnte sich gut vorstellen, wie sie sich auf ihrer Chaiselongue zurücklehnte, die mit Kajal umrandeten Augen zusammenkniff und mit den langen roten Nägeln auf dem Stoff herumtrommelte. Auf ihre Art war sie immer nett zu ihm gewesen, auch wenn er oft genug miterlebt hatte, wie brutal sie sein konnte. Ohne das ging es nicht, wenn man Herrscherin der größten Vampirdynastie sein wollte. Aber in letzter Zeit hatte er eine Veränderung bei ihr gespürt, Anspannung und kaum verhüllte Wut, die er den Morden zuschrieb und ihrer Unfähigkeit, sie aufzuhalten. Ty hoffte, das würde sich ändern, jetzt, wo er Lily entdeckt hatte … falls sie tatsächlich eine Seherin war.
Eigentlich hätte er in diesem Punkt ganz zuversichtlich sein können – wäre da nicht diese seltsame kleine Verzierung auf ihrer Haut gewesen.
»Diesmal nicht«, erwiderte er, trat auf den Bürgersteig und machte sich auf den Weg in die hell erleuchtete Innenstadt. Er ging jetzt ein wenig langsamer, weil er hier, wo keine Menschen unterwegs waren, ungestörter reden konnte. Dieses Gespräch war nicht für andere Ohren bestimmt.
»Erzähl.« Sofort klang ihre Stimme anders, äußerst interessiert und gleichzeitig fast schon verzweifelt. Ty fragte sich, was seit ihrem letzten Gespräch alles passiert sein mochte. Vermutlich hatte es weitere Tote gegeben. Ty konnte kein großes Mitleid empfinden. Den meisten Ptolemy hätte er nicht mal näherkommen wollen, wenn sie keinen großen Bogen um ihn gemacht hätten. Und das taten sie, weil sein Geschlecht dafür bekannt war, dass es eiskalte Mörder hervorbrachte. Die Cait Sith waren Vampire niedrigster Rangordnung, gnadenlose Jäger ohne Anführer und ohne Skrupel, was ihnen eine Aura der Unnahbarkeit verlieh. Ty war das nur recht. Blaublütler waren ein nervtötender Haufen mit ausgeprägtem Besitzstandsdenken, dem es Spaß machte, auf andere hinabzusehen – auf Promenadenmischungen wie ihn.
»Es gibt hier eine Frau«, fuhr Ty leise fort. »Ich kann ihre Gedanken nicht lesen. Ich höre nicht das Geringste, und Ihr wisst ja, dass ich das sonst sehr gut kann.«
»Schön und gut, aber hat sie seherische Fähigkeiten?«
Der aggressive Ton, in dem sie das sagte, verwunderte ihn. Eigentlich hatte er mit ein paar anerkennenden Worten für seine monatelange Suche gerechnet. Andererseits – die Königin hatte sich seit dem Mulo sehr verändert. Vielleicht, dachte Ty frustriert, wird das jetzt immer so bleiben.
Vielleicht war sie aber auch immer schon so, und du hast es nur nicht sehen wollen.
Er schob die verräterischen Gedanken beiseite und konzentrierte sich wieder auf das Gespräch.
»Da bin ich mir noch nicht sicher«, gab er widerstrebend zu, froh, so weit außerhalb der Reichweite von Arsinöes gefährlichen Klauen zu sein. »Aber eine wie sie habe ich bisher noch nie gefunden.« Wieder musste er an das seltsame Mal an Lilys Hals denken, und beinahe hätte er es Arsinöe gegenüber erwähnt. Doch irgendetwas hielt ihn zurück. Vor seinem geistigen Auge tauchte Lilys unschuldiges, offenes Gesicht mit den geschlossenen Augen und den einladend geöffneten Lippen auf. Einen kurzen Moment lang verspürte Ty das Bedürfnis, sie zu beschützen, als würde ein alter, bislang unbekannter Instinkt in ihm erwachen.
Ein Instinkt, der einen Vampir wie ihn das Leben kosten konnte.
Daher hielt er den Mund. Ein weiterer Blick auf Lilys erotische kleine Tätowierung würde mit Sicherheit zeigen, dass sie völlig harmlos war. Und falls er sich irrte – nun, damit würde er sich auseinandersetzen, falls das wirklich nötig würde.
»Tynan«, sagte die Frau am anderen Ende der Leitung.
Die Anspannung in ihrer Stimme ging ihm nun doch nahe. Arsinöe und er kannten sich schon sehr lange. Trotz des Klassenunterschieds hatten sie sich immer gemocht. Und für all das, was sie für ihn getan hatte, schuldete er ihr so manches.
»Natürlich freue ich mich, dass du glaubst, jemanden gefunden zu haben«, fuhr sie fort. »Aber letzte Woche haben wir fünfzig Angehörige unserer Dynastie verloren, ganz zu schweigen von einer Reihe unbezahlbarer Kunstgegenstände. Der Mulo muss gestoppt werden, und ich befürchte, dass uns die Zeit davonläuft. Möglichkeiten reichen mir nicht, ich brauche Tatsachen. Vergewissere dich erst, bevor du sie herbringst. Meine Leute sterben, da kann ich kein weiteres hübsches Spielzeug brauchen. Wie lange wirst du brauchen?«
»Kommt darauf an«, erwiderte er. »Wollt Ihr, dass sie freiwillig mitkommt?«
»Du solltest doch allmählich wissen, dass mir das völlig egal ist«, entgegnete sie herablassend.
Wieder beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Die Dinge an Arsinöes Hof hatten sich gewaltig verändert. Und irgendetwas fühlte sich seltsam an, aber er wusste nicht, ob es an ihr lag oder einfach daran, dass er jetzt schon so lange von allem abgeschnitten war. Genau deswegen war er nicht sonderlich begeistert gewesen, als sie ihn für diese Jagd ausgewählt hatte. Obwohl sie sie ihm als etwas Besonderes dargestellt hatte, war er sich vorgekommen, als würde man ihn ausstoßen.
Natürlich hatte sie großes Aufheben um diesen Auftrag gemacht, hatte ihm geschmeichelt, wie viel zuverlässiger als die anderen seiner Herkunft er sei und wie viel fähiger, diese Nadel im Heuhaufen zu finden, als die meisten ihrer Höflinge, die das bequeme Leben am Hof zu Nichtsnutzen gemacht hatte. Das war einerseits ein großes Lob, andererseits eine schallende Ohrfeige für seine zutiefst verhasste Dynastie – aber daran war Ty natürlich gewöhnt. Das waren alle Cait Sith. Trotz Arsinöes Lobhudelei hatte man ihn nie mehr zu Besprechungen dazugerufen und ihn nie mehr mit einbezogen. Nach all den Jahrhunderten, in denen er alles für sie getan hatte, schob Arsinöe ihn nun mehr und mehr ab.
Und die Ptolemy-Höflinge, die im Laufe der Jahre, die er unter ihnen verbracht hatte, immer verbitterter und bösartiger geworden waren, hatten keinen Hehl aus ihrer Freude über seine Abreise gemacht. Dass diese minderwertige Kreatur, die es irgendwie geschafft hatte, sich in ihre exklusive Gesellschaft einzuschleichen, ausgestoßen wurde, riss sie zu regelrechten Begeisterungsstürmen hin.
Um sich selbst machte Ty sich keine großen Sorgen, aber darum, wie es seinen Blutsbrüdern und -schwestern in seiner Abwesenheit ergehen würde. Im Lauf der Jahre war Arsinöe den Cait Sith gegenüber, die sie in ihre Dienste berufen hatte, immer toleranter geworden, vor allem im Vergleich dazu, wie schlecht es noch zur Zeit seiner eigenen Zeugung ausgesehen hatte. Doch auch wenn die Königin eine starke Frau war, gegen die Einflüsterungen der Blaublütler in ihrem Umfeld war sie nicht immun. Und er selbst hatte ja dermaßen die Schnauze voll von Politik!
»Eine Woche, höchstens zwei«, antwortete Ty nach kurzem Überlegen. »Im Moment weiß ich nichts über sie. Und Leuten ein Gefühl von Geborgenheit zu geben, ist nicht gerade meine Stärke. Aber da sie vermutlich nicht den ganzen Tag nur rumsitzt und Visionen hat, werde ich mir wohl ein paar zwischenmenschliche Fähigkeiten aneignen müssen.«
Er hatte das witzig gemeint, aber Arsinöe war nicht in der Stimmung für Witze.
»Zwei Wochen ist zu lang«, sagte sie. In ihrer Stimme schwang ein drohender Unterton mit. »Und wenn sie ist, was du vermutest, wird sie tun, was ihr befohlen wird. Natürlich erhält sie eine Entschädigung. Sag ihr, sie kann anschließend wieder nach Hause. Sag ihr, wenn sie mir diesen Dienst erweist, wird hinterher wieder alles wie vorher. Und wenn das nicht reicht, biete ihr zusätzlich Geld an. Das wirkt immer.«
»Ihr würdet sie hinterher wieder gehen lassen?«, fragte Ty überrascht.
»Natürlich nicht. Aber das heißt nicht, dass ich sie nicht gut behandeln werde. Vielleicht kommt sie uns ganz gelegen, wer weiß. Aber das kann dir schließlich egal sein, Tynan.« Arsinöes beiläufige Herabsetzung traf ihn bis ins Mark. Schon viele Jahre hatte sie nicht mehr offen auf seine niedere Herkunft angespielt.
Die Monate, die er jetzt schon fort war, fühlten sich allmählich wie Jahre an. Was war bloß passiert?
Sie schien nicht vorzuhaben, ihm das zu erzählen. Stattdessen schaltete sie übergangslos auf die Rolle um, die sie häufig sowohl Dienern als auch Höflingen gegenüber spielte: die neckische Verführerin. »Ist sie hübsch, deine Neuentdeckung?«, fragte sie, und Ty konnte sich gut vorstellen, wie sie durchtrieben lächelte.
Ty fuhr sich mit den Fingern durch das Haar und sah zum sternenübersäten Himmel hinauf. Sie weiß Bescheid. Natürlich tat sie das. Diese Frau war uralt, war geboren, um zu herrschen, Menschen zu manipulieren, ihre Motive zu verstehen und sie sich zunutze zu machen. Seine drei Jahrhunderte auf Erden dagegen hatten ihn nicht viele Tricks gelehrt. Normalerweise war ihm das egal, und so überraschte es ihn, wie sehr es ihm missfiel, dass Arsinöe sein Interesse an Lily bemerkt hatte. Arsinöe hatte ihn nie zu ihrem Liebhaber gemacht, aber sie war von Natur aus eifersüchtig. Immer musste sie die Einzige sein, selbst für ihn, ihren Jäger aus der Unterschicht.
Was leicht zu erfüllen war, da keine Vampirin mit auch nur ein bisschen Selbstachtung einen Cait Sith mehr als einmal in ihr Bett ließ.
»Sie sieht recht gut aus, würde ich sagen«, erwiderte er möglichst unbeteiligt, weil ihm das sinnvoller schien, als bei einer Lüge erwischt zu werden. Niemand, der Lily Quinn sah, würde ihm glauben, dass er sie für unattraktiv hielt.
»Hmm«, sagte Arsinöe. »Vielleicht sollte ich dir jemanden zur Verstärkung schicken, damit du nicht abgelenkt wirst.«
Ty runzelte die Stirn. Er wusste nur zu gut, dass sie nicht ganz unrecht hatte. »Wenn Ihr jemanden schicken wollt, dann am besten Jaden.« Jaden war sein engster Blutsbruder, ein nur wenige Jahre jüngerer Cait Sith. Er war nicht der sympathischste Vampir, aber er war außerordentlich zuverlässig.
Als Arsinöe leise lachte, stellten sich ihm erneut die Haare im Nacken auf. Sie schien andere Pläne zu haben.
»Du bist schon eine ganze Weile auf der Jagd, nicht wahr?«
»Ist irgendwas nicht in Ordnung?«, fragte er zurück und biss die Zähne zusammen. Er hatte heute Abend wirklich keine Lust auf Spielchen, zumal Arsinöe gerade etwas gefährlich Unberechenbares an sich hatte.
»Frag Jaden, wenn du ihn siehst«, erwiderte sie leichthin – zu leichthin. »Aber ich bezweifle, dass du ihn sehen wirst. Er hat uns verlassen.«
Jaden, du Dummkopf. Egal, wie sehr die Ptolemy die Dienste der Cait Sith schätzten, sie blieben immer nur Diener. Und die Möglichkeit, die Arbeit aufzukündigen, bestand für Diener nicht. Genauso gut konnte man Selbstmord begehen.
Noch etwas, worüber Ty sich Sorgen machen musste. Aber nicht jetzt. Im Moment war nur wichtig, dass er keine Hilfe von einem Blutsbruder bekommen würde – die einzige Hilfe, die er vielleicht angenommen hätte.
Als ob die Königin seine Gedanken lesen könne, fuhr sie fort: »Ich habe an Nero gedacht. Er wird rasch mit ihr fertig werden, so oder so.«
Ty kniff die Augen zusammen und blieb stehen. Allmählich wurde ihm klar, was los war. Aha, dachte er. So läuft die Sache also. Während seiner Zeit am Hof hatte Arsinöe nur selten jemanden zu ihrem Liebhaber gemacht, aber jedes Mal hatte das eine Herausforderung bedeutet. Nero war allerdings mehr als das. Ty hatte schon lange die Vermutung gehegt, dass das eiskalte, berechnende Ptolemy-Blaublut nicht nur Arsinöe wollte, sondern auch ihre Macht. Und Nero hatte nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich auf den Tag freute, an dem die Cait Sith endlich wie Sklaven niedrigsten Ranges behandelt würden. Wenn Arsinöe ihn jetzt auf diese Weise ins Spiel brachte, konnte das nur bedeuten, dass Nero es endlich geschafft hatte, sie auf sich aufmerksam zu machen. Und das bedeutete auch, dass er Einfluss auf sie hatte. Alle Zweifel, die sie jemals gehegt haben mochte, was Tynans Anwesenheit in ihrem Kreis anging, würde Nero genährt und verstärkt haben. Seit Monaten.
Ty fühlte sich plötzlich richtig krank.
»Wieso wollt Ihr einen Blaublütigen losschicken? Ihr habt doch deutlich zum Ausdruck gebracht, dass ein Jäger dieser Aufgabe besser gewachsen ist, außerdem macht Nero sich nicht gern die Hände schmutzig.« Ty zwang sich, nicht noch mehr zu sagen, so gern er das auch getan hätte. Bis zu einem gewissen Grad würde sich die Königin Widerspruch von ihm gefallen lassen, aber er durfte nicht zu weit gehen – und er war sich plötzlich nicht mehr sicher, wo für ihn die Grenze lag.
»Ich habe einen Jäger losgeschickt«, fuhr sie ihn an. »Und Monate später – unzählige wertvolle Leben später – stehe ich noch immer mit leeren Händen da. Für manche Aufgaben sind Blaublütige einfach besser geeignet, Tynan. Und allmählich glaube ich, in diesem Fall trifft das auch zu.«
Seine Kehle schmerzte von all den Worten, die er ihr am liebsten an den Kopf geworfen und für die man ihn sofort umgebracht hätte, wenn ein Blaublütler anwesend gewesen wäre – egal, wer dieser Blaublütler war. Aber er hatte diese Welt nicht geschaffen, rief er sich ins Gedächtnis. Er konnte nur zusehen, dass er in ihr überlebte. Und das würde er auch weiterhin, egal was für unsägliche Dämpfer dies für die Überreste seines Stolzes bedeuten würde.
»Wie lange gebt Ihr mir noch, Hoheit?«, fragte er mit rauer Stimme. Diese offizielle Anrede, die er schon seit vielen Jahren nicht mehr benutzt hatte, schien sie endlich zu berühren.
»Eine Woche, Tynan«, sagte sie leise, um dann mit einer Wärme, die er während des gesamten Gesprächs vermisst hatte, hinzuzufügen: »Eine Woche, dann gebe ich Nero den Auftrag. Aber ich weiß, dass du mich nicht enttäuschen wirst. Das hast du noch nie.«
Tynan gab sich zufrieden mit dem, was man als liebevoll gemeinte Worte durchgehen lassen konnte, und machte sich wieder auf den Weg Richtung Stadtzentrum. Doch seine Wut war noch nicht verflogen, und er wusste nicht, wohin mit ihr. Er hatte wissen wollen, was in seiner Abwesenheit passiert war, aber jetzt, wo er es wusste, fühlte er sich auch nicht gerade besser. An einem großen Hof voll gelangweiltem Vampirhochadel, der genauso durchschaubar wie gewalttätig war, konnte man sich auf eins immer verlassen: auf den ständigen Machtkampf unter den blaublütigen Hofschranzen, die als Höflinge, Ratgeber und gelegentlich auch als Liebhaber dienten.
Wie es aussah, hatte Nero es endlich an die Spitze geschafft. Ty hatte nicht die geringste Ahnung, wie er den Schaden wiedergutmachen sollte, den der clevere Ptolemy mit Sicherheit bereits angerichtet hatte.
Verdammte Blaublütler.
Am Rand der weitgehend menschenleeren Straße entdeckte Tynan einen erstklassigen Ort für ein Abendessen, eine zwielichtige kleine Kneipe namens Jasper’s, aus der gelegentlich ein Gast in die kalte Nacht hinauswankte. Jedes Mal, wenn die Schwingtür aufgestoßen wurde, dröhnte mittelmäßiger 80er-Jahre-Rock aus dem dunklen Innenraum heraus. Tys Jagdinstinkt nahm all dies wahr, aber seine Gedanken waren noch immer bei Nero. Wie der ehrgeizige Ptolemy vorging, war ihm durchaus bekannt. Und was er über Vampire der unteren Klasse und ihre Rolle auf Erden dachte, wusste er ebenfalls nur zu gut.
Schnapp dir das Mädchen und fahr nach Hause, sagte er sich. Lily Quinn würde entweder mit den Ptolemy zurechtkommen oder eben nicht. Ihn ging das nichts an. Ihn hatte lediglich zu interessieren, dass die wenigen seiner Rasse, die noch unter dem Kommando der Ptolemy-Dynastie lebten, nicht endeten wie der Rest: tot, oder so gut wie.
Als er die Kneipe betrat, schlugen ihm ein Schwall warmer Luft und der Geruch nach schalem Bier und billigem Parfüm entgegen. Einen Moment lang – nur einen einzigen Moment – erlaubte er es sich, seine ganze Existenz zu verachten und sich zu wünschen, er wäre in jener lange zurückliegenden Nacht gestorben. Er wünschte sich, seine Königin hätte ihn nicht bemerkt, sondern ihn einfach seinem Schicksal überlassen.
Aber das hatte sie nicht getan. Er war noch am Leben, und seinem Schicksal konnte er nicht entfliehen.
Und er war schon viel zu lange unterwegs.
Stunden später, um die Zeit, wenn die Welt in Erwartung der Morgendämmerung den Atem anzuhalten scheint, sah Tynan auf die Frau hinab, die ihm schon so viel Schwierigkeiten bereitet hatte und ihm, wie er fürchtete, auch noch einige mehr bereiten würde.
Seinen Hunger hatte er längst gestillt, an einer unattraktiven kleinen Wasserstoffblondine, die so betrunken gewesen war, dass sie kaum mitbekommen hatte, wie er sie gebissen, ausgesaugt und anschließend in ein Taxi nach Hause gesetzt hatte. Das mit reichlich Alkohol angereicherte Blut hatte ihm einen angenehmen Kick gegeben. Dennoch musste er ganz zu seinem Missfallen feststellen, dass der liebliche Duft, den Lilys Haut verströmte, seinen ewigen Hunger rasch wieder entfachte. Dass er sich satt getrunken hatte, änderte nichts an der seltsamen Anziehungskraft, die sie auf ihn ausübte.
Allmählich wünschte er sich, er hätte sie nicht so schnell gefunden, hier in dem kleinen, alten viktorianischen Haus in der Nähe des College, an dem sie unterrichtete. Aber sie war ganz leicht aufzuspüren gewesen. Einen Moment lang tat sie ihm leid, weil er ihr Leben bald komplett auf den Kopf stellen würde – unabhängig davon, wie lange dieses Leben noch dauern würde.
Lily bewegte sich im Schlaf und seufzte tief, als wolle sie ihm zustimmen. Sie lag auf der Seite und hatte die Knie unter der Steppdecke hochgezogen, sodass ihr Körper ein S formte. Die zarten Hände hatte sie unter das Kinn gestemmt, und ihr dichtes, glänzendes Haar, das er im Mondlicht so sehr bewundert hatte, hob sich blutrot von ihrem weißen Kissen ab. Ihre langen Wimpern ruhten übereinander, und ihre Lippen, die er die ganze Nacht vergeblich zu vergessen versucht hatte, waren leicht geöffnet.
Wie schön sie ist, dachte Tynan mit einem ihm bisher unbekannten Gefühl, das immer stärker wurde. Und er musste eine Möglichkeit finden, sie so schnell wie möglich mitzunehmen. Dass er sie verraten würde, ihr vermutlich auch wehtun würde, war unvermeidlich. Dagegen würde er sich nicht groß auflehnen. Wenn er nicht tat, was man ihm befahl, würde er sterben, und dazu war er nicht bereit.
Bevor ihm bewusst wurde, was er da tat, hatte er schon mit einem seiner langen, schlanken Finger über Lilys nackte Schulter gestrichen. Ihre helle Haut war genauso weich, wie sie aussah. Die sanfte Berührung ging ihm durch und durch und weckte etwas in ihm, das ihm nur hinderlich sein konnte. Auch Lily durchlief ein Schauder, als würde sie spüren, welche Wendung seine Gedanken nahmen.
Er wollte sie. Aber Lily war ihm – wie so vieles andere – jetzt verboten.
Vorsichtig strich Ty die Haare von ihrem Schlüsselbein weg und beugte sich so nah zu ihr hinunter, wie das möglich war, ohne sie aufzuwecken. Eigentlich wollte er es gar nicht sehen – es war, als wüsste ein Teil von ihm, dass er sich vorhin nicht getäuscht hatte.
Ein hellgrünes Pentagramm, um das sich eine einzelne Schlange wand, glitzerte schwach in der Dunkelheit.
