Erben der Vampire - Verborgene Träume - Kendra Leigh Castle - E-Book

Erben der Vampire - Verborgene Träume E-Book

Kendra Leigh Castle

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Beschreibung

Sie ist eine Werwölfin, er ist ein Vampir. Sie stammen aus verschiedenen Welten - doch ihre Leidenschaft verbindet sie ...

Die Werwölfin Lyra Black ist die zukünftige Anführerin ihres Packs. Als sie von anderen Wölfen angegriffen wird, kommt ihr der vampirische Katzenwandler Jaden Harrison zu Hilfe. Beide fühlen sich augenblicklich zueinander hingezogen, doch eine uralte Macht erhebt sich und bedroht ihre Liebe.

"Eine fantastische Liebesgeschichte, heiße Sexszenen und jede Menge Action!" JEN DAVIS

Dieser Roman ist bereits in einer früheren Ausgabe bei LYX.digital unter dem Titel ERBEN DES BLUTES - VERBORGENE TRÄUME erschienen

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 488

Veröffentlichungsjahr: 2022

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KENDRA LEIGH CASTLE

Erben der Vampire

Verborgene Träume

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Katrin Mrugalla und Richard Betzenbichler

Über dieses Buch

Lyra Black ist keine gewöhnliche Werwölfin. Sie ist die Tochter von Dorien Black, dem mächtigen Alpha-Wolf der Thorns, und die zukünftige Anführerin ihres Rudels – zumindest, wenn es nach ihr geht. Denn ihr Vater ist wenig begeistert, als er erfährt, dass Lyra an dem bevorstehenden Wettkampf um die Vormachtstellung im Clan teilnehmen will. Er fürchtet, dass sie gegen die seit Jahren für diese Prüfung ausgebildeten Wölfe keine Chance hat, und drängt Lyra, einen Gefährten zu finden, der für sie kämpft. Doch diese ist fest entschlossen, selbst anzutreten. Als Dorien eines Nachts beobachtet, wie der vampirische Gestaltwandler Jaden Harrison einen Werwolf überwältigt, kommt ihm eine Idee: Er engagiert den Cait Sith – eigentlich ein Todfeind der Thorns –, um Lyra für den Kampf zu trainieren. Doch Lyra und Jaden begegnen sich nicht zum ersten Mal. Jaden hatte kurz zuvor das Leben der jungen Wölfin gerettet, als diese von einem Clanmitglied angegriffen wurde. Lyra hat den geheimnisvollen Vampir seither nicht vergessen können. Und auch Jaden war augenblicklich von der schönen Draufgängerin fasziniert. Je mehr Zeit die beiden nun miteinander verbringen, desto überwältigender ist die Anziehung, die zwischen ihnen besteht. Doch Vampire und Werwölfe sind seit jeher verfeindet. Eine Liebe zwischen ihnen ist unmöglich und würde ihrer beider Welten vollkommen aus dem Gleichgewicht bringen ...

Für meine Oma Hagar,

Herz der Familie.

Du versorgst mich zuverlässig mit Büchern,

Streicheleinheiten und Keksen.

Danke, dass du immer für mich da bist.

Die dunklen Dynastien

In den Vereinigten Staaten bekannte Abstammungslinien

DIE PTOLEMY

Anführerin: Königin Arsinöe

Ursprung: das alte Ägypten und die Göttin Sekhmet

Hochburgen: die Städte der östlichen Vereinigten Staaten, vor allem am mittleren Atlantik

Fähigkeiten: können sich blitzschnell bewegen

DIE CAIT SITH

Anführer: niemand; werden als Unterschichtvampire betrachtet, trotz ihres reinen Mals

Ursprung: keltische Linie, stammen von Feen ab

Hochburgen: keine; dienen den Ptolemy oder vegetieren in Armut dahin

Fähigkeiten: können Katzengestalt annehmen

DIE DRACUL

Anführer: Vlad Dracul

Ursprung: die Göttin Nyx

Hochburgen: Nördliche Vereinigte Staaten, Chicago (das sie sich laut einer Vereinbarung mit den Empusae teilen)

Fähigkeiten: können Fledermausgestalt annehmen

DIE GRIGORI

Anführer: Sariel

Ursprung: unbekannt

Hochburgen: die Wüsten im Westen der Vereinigten Staaten

Fähigkeiten: können angeblich fliegen; es gibt allerdings keinen Beweis

DIE EMPUSAE

Anführerin: Empusa

Ursprung: die Göttin Hecate

Hochburgen: Südliche Vereinigte Staaten; Chicago (gemeinsam mit den Dracul)

Fähigkeiten: können sich in Rauch verwandeln

DIE WIEDERGEBORENEN LILIM

Anführerin: Lily Quinn-MacGillivray

Ursprung: Lilith, die erste Vampirin, jetzt vermischt mit dem Blut der Cait Sith

Hochburgen: Nördliche Vereinigte Staaten

Fähigkeiten: tödliche Ausbrüche übernatürlicher Energie; können Katzengestalt annehmen

1

Tipton, Massachusetts

In einer Nacht, in der am Himmel der noch zarte Bogen des aufgehenden Monds zu sehen war, zu einem Zeitpunkt, als selbst die abenteuerlustigsten Menschen ins Bett gefallen und in Schlaf gesunken waren, strich einsam ein Kater über den Platz in der Stadtmitte. Er war groß, so groß wie ein Rotfuchs. Sein glattes pechschwarzes Fell glänzte im Licht der Straßenlaternen, und er bewegte sich rasch und geschmeidig, wenn auch ohne Ziel. Der Blick seiner wie blaue Glut funkelnden Augen war stur auf den Weg vor ihm gerichtet. Der Kater hatte in seinem langen Leben schon die unterschiedlichsten Namen gehabt. Seit mehr als einem Jahrhundert hieß er jetzt schlicht nur noch Jaden oder – noch schlichter – »Katze«. Wenn nötig, hörte er auf beides; aber weder auf das eine noch das andere, wenn er damit durchkommen konnte.

An diesem Abend, in der verführerischen Stille der Nacht, hörte Jaden nur auf sich selbst.

Langsam strich er durch die Stadt und genoss die Ruhe und die gesegnete Abwesenheit menschlicher Wesen mit all ihren Geräuschen, Gefühlen und Komplikationen. Vor dem dunklen Fenster eines Schönheitssalons blieb er stehen und ließ den Blick über das Schild wandern, auf dem HOCHERFREUT stand. Er hob den Kopf und schnüffelte. Die Luft war feucht, und es roch nach Regen. Jaden spürte, dass der Sommer bald auch in diese Ecke Neuenglands kommen würde, aber er wusste auch, dass Anfang Mai immer noch mit Nachtfrost zu rechnen war, der den frischen Trieben seinen tödlichen Kuss gab.

Tödliche Küsse, dachte Jaden und peitschte mit dem Schwanz über den Boden. Ja, mit denen kannte er sich aus. Wenn man ein Vampir war, noch dazu ein niederer Katzengestaltwandler, gehörten tödliche Küsse quasi zum Alltag.

Verdammt. Eigentlich hatte er diesen spätnächtlichen Spaziergang doch unternommen, um den Kopf freizubekommen.

Die Verwandlung ging so einfach vonstatten wie Atmen. Es dauerte keine Sekunde, schon stand Jaden auf zwei statt auf vier Beinen. Seine Kleidung war auf magische Art wie immer tadellos, was er nie ganz verstanden, aber immer zu schätzen gewusst hatte. Er vergrub die Hände in den Taschen seines Mantels und ging weiter die Straße entlang, den Blick auf den Boden gerichtet. Jahrelang hatte er im Geheimen seine Wut gegen die Ptolemy genährt, seine adeligen Meister, die mit »Haustieren« wie ihm ziemlich gnadenlos umgegangen waren; doch in letzter Zeit schien sich seine ganze Wut ausschließlich gegen sich selbst zu richten.

Jaden hatte jetzt, was er sich vermeintlich immer gewünscht hatte: Freunde, ein Zuhause und, wichtiger noch, seine Freiheit. Die Ptolemy gab es noch immer, aber zurzeit waren sie ziemlich eingeschüchtert. Seinem Geschlecht dagegen, den so oft geschmähten Cait Sith, war eine unglaubliche Ehre zuteil geworden. Sie durften eine Adelsdynastie neu mitbegründen, die vor vielen Jahrhunderten ausgestorben war, jetzt aber in Gestalt einer einzigen menschlichen Frau, in deren Adern das Blut dieser Dynastie floss, wiederauferstanden war.

Die sieben Monate, in denen Jaden dieser Frau, Lily, geholfen hatte, sich gegen die Ptolemy zu behaupten, waren wie im Flug vergangen. Noch nicht so lange war es dagegen her, dass der Rat der Vampire Lilys Plan, wenn auch widerwillig, zugestimmt hatte, und erst seit diesem Tag war Jaden wirklich und wahrhaftig frei. Ob Lilys Entscheidung klug war, hätte Jaden nicht sagen können – die Cait Sith waren ein nur schwer zu bändigender Haufen.

Aber er war dankbar, genau wie die anderen Cait Sith, und das war nicht zu unterschätzen.

Jaden rieb über sein Schlüsselbein, ohne sich dessen bewusst zu sein. Dort, unter mehreren Schichten Kleidung, befand sich sein Mal, das Symbol seiner Dynastie. Bis vor Kurzem war dieses Mal ein Knäuel ineinander verschlungener Katzen gewesen. Aber ein Schluck von Lilys kraftvollem Blut hatte gereicht, es zu verändern. Jetzt stellte es auch das Pentagramm und die Schlange der Lilim dar. Zusammen mit diesem Mal hatte er neue Fähigkeiten erhalten, die er noch ausprobierte, und eine neue Rolle in einer Welt, in der man ihn sonst stets übersehen hatte. Jaden wusste, dass ihn das eigentlich fröhlich stimmen sollte. Zum ersten Mal in seinem langen Leben war er kein Paria mehr. Er war sein eigener Herr. Was wollte er mehr? Und dennoch …

In ihm war eine Leere, die wie eine offene Wunde schmerzte. Irgendetwas fehlte. Wenn er nur gewusst hätte, was.

Eine sanfte Brise strich durch sein Haar, und Jaden stieg ein Hauch von etwas in die Nase, das zugleich fremd und vertraut war.

Dann hörte er die Stimmen.

»Jetzt kannst du dich nirgendwo mehr verkriechen, nicht wahr?« Die raue männliche Stimme troff vor Selbstzufriedenheit. Ihr Besitzer kicherte bösartig. »Jetzt bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als mich zu akzeptieren. Ich habe dich erwischt, also habe ich ein Recht darauf.«

Eine weibliche Stimme antwortete, und bei ihrem tiefen, melodiösen Klang lief Jaden ein angenehmer Schauer über den Rücken.

»Du hast kein Recht auf mich. Und dass du mich jagst, als wäre ich ein Beutetier, ändert daran auch nichts.«

Jaden war sich ziemlich sicher, dass er diese Stimme schon einmal gehört hatte, auch wenn er sie nicht gleich einordnen konnte. Was er allerdings durchaus einordnen konnte, war der Geruch, bei dem sich ihm die Nackenhaare aufstellten und Adrenalin durch seine Adern schoss.

Werwölfe.

Jaden verzog die Mundwinkel und unterdrückte das instinktive Bedürfnis, laut zu fauchen. Die Vampire hatten die Wölfe, die sie als unzivilisierte Wilde betrachteten, unter Androhung der Todesstrafe aus ihren Städten verbannt. Doch ihr moschusähnlicher Geruch löste eine Reaktion in ihm aus, die er nur schwer unter Kontrolle bekam. Es gab nur zwei Möglichkeiten: fliehen oder kämpfen. Fliehen wäre das Einfachere gewesen. Aber das hier war jetzt sein Territorium, Vampirterritorium. Diese Wölfe hatten echt Nerven, sich hier herumzutreiben!

Jaden hatte sich schon in Bewegung gesetzt, bevor er zu Ende gedacht hatte. Lautlos glitten seine Füße über den Boden, während er auf den Parkplatz zueilte, der hinter dem Gebäude lag. An einer dunklen Stelle blieb er stehen und lauschte.

»Du kannst es auf die sanfte oder auf die harte Tour haben, Süße. Aber nehmen wirst du mich, so oder so. Dagegen kannst du nichts tun.«

Die Frau gab ein tiefes Knurren von sich. Eine Warnung. »Ich ordne mich doch nicht irgendeinem dahergelaufenen Typen unter, dem es nur um seinen sozialen Aufstieg geht. Ich will keinen Mann.«

Diesmal klang die Stimme des Manns bösartig und bedrohlich, als hätte die Bestie in ihm die Oberhand gewonnen. »Meine Familie ist durchaus gut genug, um eine Verbindung mit einem Alphatier einzugehen. Sei froh, dass ich es bin, Lyra. Ich bin nicht so rücksichtslos wie manch anderer. Und wir wissen doch beide, dass das Rudel niemals ein weibliches Alphatier akzeptieren wird. Es steht zu viel auf dem Spiel, als dass man den Schwachen die Führung überlassen könnte.«

Lyra … Jetzt fiel bei Jaden der Groschen, und ihm wurde ganz flau im Magen.

Er kannte sie. Und die kurze Begegnung mit ihr hatte ihm eine der mieseren Stimmungen seines unnatürlichen Lebens beschert.

Er dachte zurück an das Sichere Haus in Chicago, das voller Vampire gewesen war, die in Schwierigkeiten steckten oder auf der Flucht waren. Und in jener Nacht war es auch das Versteck einer Werwölfin mit spitzer Zunge und unangenehmem Auftreten gewesen. Rogan, der Besitzer des Sicheren Hauses, hatte beiläufig erwähnt, sie sei ein zukünftiges Alphatier … gleich nachdem Jaden darauf bestanden hatte, dass sie das Zimmer verließ.

Lyra war zwar gegangen, hatte sich die Beleidigung aber nicht wortlos gefallen lassen. Und jetzt war sie hier, am Sitz der Lilim. Es war kaum zu glauben. Kurz fragte Jaden sich, ob Lyra ihm wohl hierher gefolgt war, um ihre kurze Auseinandersetzung blutig zu Ende zu bringen. Typisch Werwolf, grausam und unvernünftig. Aber als er endlich einen Blick auf Lyra und den Mann werfen konnte, der sie da gerade anpöbelte, wurde ihm klar, dass Lyra ein viel größeres Problem hatte als einen eventuellen Groll gegen ihn.

Jaden blieb im Schutz der Dunkelheit, mit der er in seiner menschlichen Gestalt fast genauso gut verschmolz wie als Katze. Jetzt konnte er den großen, muskelbepackten Neandertaler, der wie erwartet selbstgefällig grinste, deutlich ausmachen. Ein Raubtier. Das wusste Jaden sofort, schließlich war er selbst eins. Lyra sah er nur von hinten, aber auch so erkannte er sie sofort. Sie war groß und schlank, ihr Haar eine wilde dunkle Mähne, durch die sich einige platinblonde Strähnen zogen und das ihr bis fast zur Taille reichte. Besorgt betrachtete er sie von oben bis unten … Er konnte nur hoffen, dass seine Reaktion auf sie beim letzten Mal bloß eine dumme Anwandlung gewesen war. Damals hatte er es problemlos als solche abtun können. Wenn man ununterbrochen in Lebensgefahr schwebte, passierten einem schon mal merkwürdige Dinge. Jedenfalls konnte er sich noch gut erinnern, wie das seinem Ärger auf sie zusätzlich Nahrung gegeben hatte.

Und auch diesmal, genau wie damals, erweckte sie eine unerklärliche Begierde in ihm, wie das noch keiner Frau je gelungen war.

In Jadens plötzliche Erregung mischte sich ein Anflug von Blutdurst, und diese Mischung aus Lust und Bedürfnissen schnürte ihm schier die Kehle zu. Vorsichtig bewegte er sich vorwärts, ohne seine Deckung aufzugeben, und versuchte verzweifelt, nicht vom Mann zur Bestie zu werden. Da war nicht nur ihr kurzes Zusammentreffen gewesen. Obwohl er alles versucht hatte, um es auszublenden, hatte er von ihr geträumt … von ineinander verschlungenen Körpern, die bissen, sich umklammerten, leckten …

Ich kann doch nicht ernsthaft eine Werwölfin begehren, dachte Jaden entsetzt. Abgesehen davon, dass es beiden Rassen verboten war, kam es ihm auch einfach falsch vor. Außerdem – ging es ihm denn nicht auch so schon dreckig genug?

Nur gut, dass der Neandertaler ihn gleich wieder von seinen trüben Gedanken ablenkte. Der Werwolf bewegte sich geschmeidig und blitzschnell, was Jaden ihm bei seinem gedrungenen Körperbau gar nicht zugetraut hätte. Seine Hand schoss vor und riss etwas von Lyras Hals. Dann ließ er den Gegenstand vor ihrem Gesicht hin- und herpendeln, einen silbernen Anhänger an einem Lederband, wie Jaden jetzt erkennen konnte. Sie griff danach, aber der Werwolf hob es in der Manier des typischen Pausenhofrüpels weit über seinen Kopf.

»Wie kannst du es wagen?«

»Das ist doch bloß eine alte Halskette«, erwiderte er mit einem Grinsen. »Wenn du sie unbedingt wiederhaben willst, dann hol sie dir doch.«

Die hilflose Wut in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

»Mein Vater –«

»Ist nicht hier, habe ich recht? Niemand ist hier.« Der Neandertaler krümmte den Zeigefinger zum Zeichen, dass sie näher kommen solle. Er wusste, er hatte gewonnen, das drückte seine Haltung deutlich aus. »Ich habe ein Hotelzimmer. Wir können es aber auch gleich hier machen. Wie du willst.«

Sein Grinsen war widerlich. Sie schien das genauso zu sehen.

»Nie im Leben, Mark.«

Lyra spannte die Muskeln an und machte sich bereit zur Flucht. Was hätte sie auch sonst tun sollen? Nur wusste der Mann leider auch, dass ihr nichts anderes blieb als ein Fluchtversuch. Und Lyra war zwar schneller, aber lange nicht so kräftig wie er.

Jaden fauchte durch seine zusammengebissenen Zähne hindurch. Er war kein Held. Aber auch wenn er nur ein Unterschichtvampir war, eine Gossenkatze mit einer gewissen Begabung für die Jagd, gab es unter seinesgleichen doch unausgesprochene Regeln. Und irgendetwas in Lyras Stimme, diese hilflose Wut von jemandem, der sich gegen ein unabwendbares Schicksal auflehnt, berührte etwas ganz tief in ihm. Jahrhundertelang hatte er sich von Leuten herumschubsen lassen müssen, gegen die er nicht hatte ankämpfen können. In all den Jahren hatte es nie jemanden geschert, was er wollte.

Wenn er sich da jetzt einmischte, konnte er nur hoffen, dass die Götter ihm gnädig waren.

Lyra drehte sich blitzschnell um und rannte erstaunlich graziös los. Der Mann, den sie Mark genannt hatte, reagierte genauso schnell. Er packte eine Handvoll ihres wunderbaren Haars und riss daran, dass ihr Kopf nach hinten flog. Als sie vor Schmerz aufschrie, brüllte er vor Lachen. Dann waren seine Hände plötzlich überall auf ihrem Körper, betatschten sie, zerrten an ihrer Kleidung …

Ein Blick in Lyras wilde, angsterfüllte Augen, und nichts konnte Jaden mehr zurückhalten. Bösartig knurrend sprang er aus seiner Deckung. Mit ausgefahrenen und gefletschten Zähnen landete er direkt vor den Kämpfenden. Sein überraschendes Auftauchen lenkte Mark wie erhofft einen Moment lang ab. Lyra konnte sich losreißen, aber sie war nicht schnell genug. Mark verpasste ihr einen Schlag auf den Kopf, und Jaden musste mit ansehen, wie sie schockiert aufschluchzte und auf die Knie sank. Der Anblick zerriss ihm schier das Herz.

Dennoch hatte er zumindest teilweise sein Ziel erreicht: Der Werwolf konnte Lyra nicht mehr als Schild benutzen.

Kaum hatte Mark kapiert, wer da vor ihm stand, verwandelte sich seine Verblüffung in unwillkürlichen Hass.

Auch er bleckte jetzt die Zähne und funkelte Jaden kampflustig an. Tief aus seiner Kehle drang ein Knurrlaut, dann stürzte er sich auf seinen Gegner, die Fingernägel bereits zu Klauen ausgefahren. Jaden fauchte, duckte sich weg und wartete auf seine Chance. Er wusste aus Erfahrung, dass Werwölfe mehr mit roher Gewalt als mit Verstand kämpften. Gegen einen Vampir zogen sie fast immer den Kürzeren.

Das war auch diesmal nicht anders.

Mark holte aus und schlug zu. Wieder duckte Jaden sich weg, fuhr nun seinerseits die Krallen aus und riss dem Werwolf die empfindliche Haut am Bauch auf. Die dünnen Blutrinnsale, die sein Hemd dunkel färbten, schienen Jadens Gegner erst richtig in Rage zu versetzen. Blindlings stürzte er sich auf ihn und fand sich im nächsten Moment mit dem Gesicht nach unten auf dem Asphalt wieder. Jaden konnte sich das Lachen nicht verkneifen, aber selbst für seine Ohren klang es hohl und unangenehm.

»Tja … Da geht heute wohl einer allein nach Hause.«

Mit blutigem Gesicht rappelte sich der Werwolf auf und knurrte seinen Peiniger wütend an.

»Verpiss dich, Blutsauger. Das hier ist eine Sache unter Werwölfen.«

»Ach wirklich?«, erwiderte Jaden. »Ich hatte eher den Eindruck, da führt sich einer auf wie der typische Widerling.« Rasch warf er Lyra einen Blick aus den Augenwinkeln zu. Sie hatte sich in eine sitzende Position hochgerappelt und hielt sich den Kopf. Jaden hatte keine Ahnung, wie schwer sie verletzt war. Typisch Wolf, eine Frau gewinnen zu wollen, indem man ihr wehtat. Höchste Zeit, diesen Drecksack davonzujagen und Lyra zu verarzten.

Dass sein Herz bei diesem Gedanken ins Stolpern geriet, versuchte er möglichst auszublenden.

»Hau ab«, sagte er leise, aber drohend. »Oder ich bringe dich um.«

Mark schnaubte. »So ein schmächtiger kleiner Blutsauger wie du? Ich glaube kaum –«

Unsanft wurde er mitten im Satz von zwei Tritten unterbrochen. Der eine traf ihn in den Magen, der andere am Kopf. Letzterer sorgte dafür, dass er wie ein Sack zu Boden sank und nur noch ein leises Stöhnen von sich gab. Diesmal kam er nicht wieder auf die Beine.

Jaden starrte einen Moment auf ihn hinunter. Am liebsten hätte er ihm sicherheitshalber noch einen weiteren Tritt verpasst. Aber der blöde Kerl würde sich auch so schon ziemlich lausig fühlen, wenn er am Morgen mit dem Gesicht nach unten auf dem Parkplatz erwachte. So befriedigend es auch wäre, ihn umzubringen – letztlich wäre es nur Zeitverschwendung.

Außerdem würde Jaden sich trotz seines verwirrenden Interesses an Lyra nicht zu etwas hinreißen lassen, das die Lilim in einen Kampf mit irgendeinem dahergelaufenen Werwolfrudel verwickelte.

Immerhin hatte er erreicht, dass sie jetzt quasi allein waren. Jaden ging neben Lyra in die Hocke, und als ihm ihr verführerischer Geruch in die Nase drang, lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Wie Äpfel, dachte er. Süße Äpfel, wie man sie für Kuchen hernimmt, gemischt mit etwas Erdigem. Seltsamerweise hatte er weder das Bedürfnis, davonzulaufen, noch zu fauchen und zu spucken. Nur gut, dass er ihr letztes Mal nicht so nahe gekommen war. Sonst hätte er vielleicht etwas wirklich Dummes getan.

Wobei das, was er soeben getan hatte, auch nicht gerade unter die Rubrik »klug« fiel.

»Lyra?«, sagte er fragend und versuchte, seine Stimme möglichst beruhigend klingen zu lassen. Er war sich nicht sicher, ob ihm das so gut gelang … Schadensbegrenzung hatte er schon lange nicht mehr praktiziert. Normalerweise war er eher derjenige, der den Schaden anrichtete. »Alles in Ordnung? Brauchst du einen Arzt?« Wölfe heilten sich selbst, das wusste er, aber es brauchte seine Zeit, und das konnte bei einer größeren Wunde gefährlich sein.

Sie gab keine Antwort, rührte sich auch nach wie vor nicht, und Jadens Sorge wuchs. Das Bedürfnis, sie zu berühren, wurde übermächtig. Vorsichtig streckte er die Hand nach ihr aus, hielt aber mitten in der Bewegung inne, als sie plötzlich den Kopf hob und ihn ansah. Was immer er zu sehen erwartet hatte – Angst, Verwirrung, vielleicht sogar ein wenig Dankbarkeit –, nichts davon zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, aus dem ihm wutblitzende Augen wie Feuer in der Dunkelheit entgegenfunkelten.

»Wag es ja nicht, mich anzufassen, Katze«, sagte sie. »Ich kann selbst auf mich aufpassen.«

2

Und sie hatte geglaubt, schlimmer könne es in dieser Nacht nicht mehr kommen.

Lyra starrte ihren Möchtegernretter genervt an. Es war komisch anzusehen, wie überrascht er darüber war, dass sie nicht mit den Wimpern klimperte und ihm atemlos dankte. Genau das erwarteten diese Vamps doch immer: rückhaltlose Bewunderung. Und dank ihres Talents, menschliche Gehirne zu manipulieren, bekamen sie die meist auch. Vor allem Vamps, die so gut aussahen wie dieser mit seinen großen, unschuldigen blauen Augen und diesem Gesicht, bei dem man sofort auf sündige Gedanken kam. Glücklicherweise waren Werwölfe immun gegen den speziellen Blutsauger-Charme.

Nicht, dass dieser hier bei ihrer letzten Begegnung versucht hätte, seinen Charme spielen zu lassen. Musste unter allen Vamps ausgerechnet er sich heute Abend in ihre Angelegenheiten mischen?

Ruckartig zog er die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. Als Lyra sah, wie sich sein Gesichtsausdruck von offensichtlich echter Sorge in Gereiztheit verwandelte, fühlte sie sich einen Moment lang ein wenig schuldig. Aber er verdiente es nicht anders, fand sie. Als sie vor ein paar Monaten in diesem rattenverseuchten Sicheren Vampirhaus untergeschlüpft war, hatte er quasi behauptet, es stehe ihr nicht zu, sich im gleichen Raum wie er aufzuhalten. Sie hatte rasch kapiert, dass die anderen Bewohner des Hauses größtenteils Freunde von ihm waren, die sich ebenfalls auf der Flucht befanden – noch so ein Katzenvamp und eine menschliche Frau, die einen recht netten Eindruck gemacht hatte, trotz ihres zweifelhaften Geschmacks bezüglich ihrer Begleiter.

Aber dieser hier – dieser hier war ein Katzenvampirarschloch der Güteklasse eins.

Das zu wissen, machte es ihr leichter, in diese großen blauen Augen zu schauen und ihm zu sagen, wohin er sich scheren solle. Wäre er kein Vamp gewesen, hätte sie sein gutes Aussehen vielleicht in Versuchung geführt, aber das hätte nur wieder Ärger gegeben, und davon hatte sie bereits mehr als genug.

»Zuvorkommend wie eh und je«, murmelte er und erhob sich derart anmutig, dass sich Lyra, die im selben Moment aufstand, trotz ihres sonst so ausgeprägten Selbstbewusstseins auf einmal regelrecht tollpatschig vorkam.

Blöde Vampire.

»Ja, wo ich doch allen Grund habe, mich dir gegenüber zuvorkommend zu verhalten«, raunzte sie ihn an. »Erst verjagst du mich aus eurem supergeheimen Vampirtreffen, weil ich der falschen Spezies angehöre, und jetzt machst du hier einen auf Macho und schlägst diesen Idioten bewusstlos, mit dem ich auch allein fertig geworden wäre.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust, weil es sie irritierte, wie sein Blick zu ihrem Busen und dann rasch wieder weg glitt. Sie hatte fast den Eindruck … aber das war Schwachsinn. Vamps standen nicht auf Werwölfe. Sie jagten sie, und daran würde sich auch nie etwas ändern.

Dennoch verleitete ihre krankhafte Neugier sie dazu, ihre Brüste mit den verschränkten Armen nach oben und zusammenzupressen und sie vorwitzig aus ihrer ärmellosen Bluse herauslugen zu lassen. Wahrhaftig wanderte sein Blick immer wieder dorthin und schnell wieder weg, als wolle er eigentlich nicht hinschauen, könne es aber nicht lassen. Lyra legte den Kopf auf die Seite und betrachtete ihn genauer. Erstaunt stellte sie fest, dass ihr Retter offensichtlich wirklich auf sie stand. Sogar ganz rot war er geworden. Seine Nasenflügel bebten leicht, als würde er etwas riechen. Beute vielleicht.

Als sich ihre Blicke schließlich begegneten, lag in seinen Augen eine derartige Trauer und gleichzeitig so viel Hunger, dass ihr der Atem stockte. Sie ließ die Arme sinken, denn plötzlich fühlte sie sich sehr unwohl, dass sie so mit ihm gespielt hatte. Jede Lektion, die sie jemals gelernt hatte, alles, was ihr Rudel sie gelehrt hatte, fiel ihr schlagartig wieder ein.

Mit einem Vamp Spielchen zu spielen, selbst mit einem einzelnen und offensichtlich wohlgesinnten wie diesem, war nichts anderes als ein Spiel mit dem Feuer. Wo immer Wölfe und Vampire aufeinandertrafen, floss Blut. Und meistens – so ungerecht das auch sein mochte – war es vor allem das der Wölfe.

Es war zwar nur ein schwacher Trost, aber der Vampir schien sich plötzlich genauso unwohl in seiner Haut zu fühlen wie sie. Er wandte das Gesicht ab und starrte auf Mark hinunter, der noch immer den Schlaf der verdientermaßen Bewusstlosen schlief. Diese rasche Bewegung löste irgendetwas in ihr aus, und einen Moment lang erlaubte sie sich, seinen perfekten, geschmeidigen Körper zu betrachten, der in einer eng sitzenden schwarzen Jeans, abgestoßenen schwarzen Stiefeln und einem militärisch wirkenden hochgeschlossenen Mantel steckte. Das kinnlange pechschwarze Haar trug er hinter die Ohren zurückgekämmt, was die klaren Linien seines Gesichts noch zusätzlich betonte.

Statt eines jahrhundertealten Vampirs hätte er genauso gut ein junger, düsterer Rockstar sein können. Und, stellte Lyra voller Entsetzen fest – bei seinem Anblick lief ihr das Wasser im Mund zusammen.

»Soso, du wärest also spielend mit ihm fertig geworden?« Der Vamp stieß den reglos auf dem Bauch liegenden Werwolf mit der Stiefelspitze an, und jetzt fiel Lyra auch wieder sein Name ein. Sie erinnerte sich, dass die menschliche Frau den Namen auf eine Art ausgesprochen hatte, wie man das bei unartigen kleinen Kindern macht. Bei dem Gedanken daran hätte sie beinahe gelächelt.

»Ja, das wäre ich, Jaden«, erwiderte sie und genoss seine Überraschung, dass sie seinen Namen kannte. Für jemanden, der so alt war, wie er sein musste, war das ein seltsamer Name, fand sie. Er klang ziemlich modern. Vermutlich hatte er sich irgendwann umbenannt. Lyra hatte gehört, dass Vampire das gelegentlich taten. Da sie so lange lebten, hatten sie manchmal die Nase voll von dem Namen, den sie bei ihrer Geburt bekommen hatten. Vielleicht sollte sie auch … aber im Grunde gefiel es ihr, dass sie sonst niemanden mit dem Namen Lyra kannte.

»Da habe ich damals wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen«, sagte Jaden. »Statt so auf mich loszugehen, solltest du lieber ein bisschen Dankbarkeit zeigen. Gegen diesen Typen da hättest du keine Chance gehabt. Ich habe alles beobachtet. In dem Moment, als er dich an den Haaren gepackt hat, hattest du verloren.«

Sie mochte ihn ja vielleicht irgendwie attraktiv gefunden haben, aber dieses Gefühl verflüchtigte sich schlagartig. War er also doch nur ein arroganter Vampir. Dass er recht hatte, änderte daran gar nichts. Tatsache blieb, dass er und seinesgleichen einfach keinen Respekt vor ihr und ihren Leuten hatten.

»Mir wäre schon noch was eingefallen«, knurrte sie und trat näher auf ihn zu. »Ich brauche keinen Retter in Katzenvampirgestalt, der meint, ich müsste ihm vor lauter Dankbarkeit die Pfoten lecken.«

Jaden runzelte die Stirn und lächelte sie spöttisch an. Er wusste genau, dass sie ihn gebraucht hatte … oder irgendjemand anderen. Aber das ging ihr total gegen den Strich. Man hielt sie sowieso schon für ungeeignet als Anführerin, nur weil sie eine Frau war. Ihr ganzes Leben war es immer nur darum gegangen, Stärke zu beweisen, zu schauen, was die Männer des Rudels taten, um es dann besser zu machen. Dass man sie vor einem einzelnen Wolf retten musste, nur weil sie einen Moment lang nicht aufgepasst hatte, war zutiefst erniedrigend. Das einzig Gute war, dass ihr Rudel nie etwas davon erfahren würde. Und Marks Rudel vermutlich genauso wenig. Rasch warf sie einen Blick auf den Bewusstlosen und hätte bei seinem Anblick beinahe verächtlich den Mund verzogen. Sie würde nicht die Einzige sein, die nicht wollte, dass diese Geschichte bekannt wurde.

»Dann betrachte ich das jetzt mal als deine Art, mir zu danken, nachdem mehr offensichtlich nicht drin ist«, sagte Jaden.

»Mach doch, was du willst«, erwiderte Lyra. »Hauptsache, du verschwindest. Ich bin nicht in der Stimmung zu reden, und – sei froh – auf Katzenjagd habe ich gerade auch keine Lust. Das könnte sich allerdings ändern.« Aus irgendeinem Grund schien ihn das zu amüsieren, also kniff Lyra die Augen zusammen und forderte ihn nochmals auf zu verschwinden.

Sie hatte eigentlich erwartet, dass er jetzt, wo es keine weitere Heldentat mehr zu vollbringen gab, endlich abziehen würde. Doch zu ihrer Überraschung blieb er. Und zu ihrer noch größeren Überraschung drehte auch sie sich nicht um und ging, was sie – wie sie genau wusste – eigentlich hätte tun sollen. So nah, wie sie jetzt vor ihm stand, konnte sie seinen Geruch deutlich wahrnehmen. Er roch unverwechselbar nach Vampir, ein Geruch wie ein seltenes, uraltes Gewürz, den er selbst vermutlich gar nicht wahrnahm. Genau wie man ihr bei verschiedenen denkwürdigen Gelegenheiten erklärt – oder besser gesagt: ihr entgegengeknurrt – hatte, dass ihre Gattung nach wildem Tiermoschus stinke. Immer waren es die Vamps, die so taten, als hätte sie sich im Abfall gewälzt. Sie selbst konnte am Wolfsgeruch nichts Verkehrtes finden.

Aber Jaden reagierte nicht normal auf sie, schreckte nicht vor ihr zurück, als hätte sie eine schreckliche Krankheit. Er verhielt sich, als wäre er … interessiert. Und das hatte etwas in ihr ausgelöst, musste Lyra feststellen, zumal sie ihn auch nicht unbedingt als eine Beleidigung ihrer Sinne empfand. Für sie roch er angenehm. Richtig angenehm. So angenehm, dass sie sich am liebsten auf den Rücken gewälzt und …

Rasch trat sie einen Schritt zurück und holte tief Luft. Ihr war klar, was da gerade mit ihr passierte. Ihre Haut war auf einmal ganz warm, ihr Herz schlug schneller, und sie sog gierig Jadens Vampirgeruch ein. Ihre Brustwarzen hatten sich aufgerichtet, und das lag nicht an der Kälte. Sie war erregt, und alles in ihr verlangte danach, dass sie ihn nahm, für ihn ihren Hals entblößte, ihn hinter sich schob, um sich von ihm … von ihm …

Lyra schnaubte und starrte Jaden an, als wäre er der Höllenhund höchstpersönlich, eine mystische Bestie, die sie zur Strafe für ihre Treulosigkeit ihrem Rudel gegenüber in die Unterwelt verschleppen würde. Er starrte unverwandt zurück, aus Augen, die jetzt viel katzenhafter wirkten. Die Pupillen waren erweitert und hatten eine längliche Form angenommen, die Iriden leuchteten intensiv blau. Als er zwei Schritte auf sie zutrat und nun so nah vor ihr stand, dass sie seinen Atem an ihrem Gesicht spürte, wusste sie, dass sie in großen Schwierigkeiten steckte.

Allein ihr Stolz hielt sie davon ab, zurückzuweichen. Trotzig blieb sie stehen, selbst als er den Blick seiner ungewöhnlichen Augen auf ihre Lippen richtete. Nervös fuhr sie mit der Zunge darüber. Jadens Kinnmuskeln spannten sich an. Es war nicht unbedingt ein Vorteil, stellte sie fest, dass Jaden höchstens drei Zentimeter größer war als sie. Immer war es ihr zuwider gewesen, wie die Männer ihrer Gattung ihre Größe und Muskelkraft eingesetzt hatten, um sie einzuschüchtern, obwohl sie mit ihren gut ein Meter siebzig auch nicht gerade klein war. Aber ein Gutes hatte dieser Größenunterschied immer gehabt: Wenn diese Männer ihr auf die Pelle gerückt waren, hatte sich ihr Mund nicht so nah an ihrem befunden. Jaden brauchte sich nur noch ein wenig vorzubeugen, und schon hatte er sie.

Das durfte nicht passieren. Allerdings war der Gedanke daran viel verführerischer, als er das hätte sein dürfen. Ihre Haut prickelte angenehm. Ihre Finger zuckten, weil sie sich am liebsten in seine Schultern, in sein Haar gekrallt hätten.

»Du bist mir echt eine«, sagte er leise, und sein britischer Dialekt stellte mit den Muskeln tief unten in ihrem Bauch schreckliche, verbotene Dinge an. »Glaubst, mir auf meinem eigenen Territorium befehlen zu können, wohin ich gehen soll. Du dürftest eigentlich gar nicht hier sein, Lyra. Du weißt doch, dass die Wölfe aus unseren Städten verbannt worden sind, und diese Stadt gehört jetzt den Lilim. Schon zum zweiten Mal treffe ich dich an einem Ort, wo ich jedes Recht hätte, dich in Stücke zu reißen.«

Das war eine Drohung, aber Lyra wusste sofort, dass sie nicht ernst gemeint war. Jaden hatte nicht vor, sie umzubringen, genauso wenig wie sie vorhatte, ihn anzugreifen. Aber ihr war durchaus klar, dass diese Situation irgendwie aufgelöst werden und sie von ihm wegkommen musste, koste es, was es wolle. Und tatsächlich brachten seine nächsten Worte ihre sowieso schon angespannten Nerven der Zerreißprobe ein weiteres Stück näher.

Er legte den Kopf auf die Seite, was ihm das Aussehen einer neugierigen und nicht gerade wohlgesinnten Katze verlieh.

»Was treibst du überhaupt hier in der Gegend? Erst versteckst du dich in diesem Sicheren Haus in Chicago, und jetzt kreuzt du auf einmal in einer kleinen Stadt in Massachusetts auf, die zufällig der Sitz der neuesten Vampirdynastie ist. Worauf bist du aus?« Er rückte ihr noch ein bisschen näher. »Du spionierst, um deinem Anführer erzählen zu können, wie eine Dynastie nur aus Katzen aussieht, stimmt’s? Hast du geglaubt, wir merken es nicht, dass du dich hier rumtreibst? Oder versteckst du dich etwa hier? Vor was läufst du davon, Lyra?«

Lyra schluckte. Ihre Kehle war wie ausgetrocknet, und die Worte wollten einfach nicht kommen. Er würde sowieso glauben, was er glauben wollte, ganz egal was sie sagte.

Seine Gattung hatte ihre noch nie verstanden und würde es auch nie. Auch die Verzweiflung, gegen die sie ankämpfte, würde er nie verstehen, genauso wenig wie ihre Suche nach Ideen oder wenigstens Fitzelchen von Ideen, die ihr irgendwie weiterhelfen würden.

Wirklich schade, dass sie nun nicht länger bleiben konnte. Sie hatte gehofft, irgendwie zu Lily vordringen zu können – natürlich ohne dass Lily sie sah –, um sich ein Bild davon zu machen, wie eine Frau mit so viel Macht und Verantwortung umging. Gab es irgendein Geheimnis, wie sie auftrat, sich bewegte, redete? Wie hatte sie sich einfach derart viel nehmen können, ohne dass die Männer versucht hatten, es ihr streitig zu machen? Die Gerüchte, die sie über den Aufstieg der menschlichen Frau in die höchsten Ränge der Vampirgesellschaft gehört hatte, stimmten. Aber so verrückt die Gründe für die Wölfe auch geklungen hatten – jetzt wusste Lyra, dass auch der Rest der Wahrheit entsprach. Dies hier war jetzt eine Cait-Sith-Dynastie. Eine Dynastie aus Katzengestaltwandlern, egal was für einen Namen sie jetzt trugen. Und falls es eine noch vergiftetere Beziehung als die zwischen seiner und ihrer Gattung gab, dann hatte sie davon zumindest noch nie gehört.

Hier würde sie keine Hilfe finden, schon gar nicht, nachdem ihre Anwesenheit sowohl von einem Cait als auch von einem ihrer unerwünschten Verehrer entdeckt worden war. Wenn Mark sie hier aufgetrieben hatte, würde das anderen ebenfalls gelingen. Darin wurden sie immer besser, je näher die Prüfung rückte. Also würde sie erneut die Flucht ergreifen. Aber diesmal ging es nach Hause, denn allmählich musste sie sich ernsthaft vorbereiten. Allein. Aufsässig schob Lyra das Kinn vor und starrte Jaden in die Augen. »Wohin ich gehe und was ich tue, geht dich nichts an. Aber ›dein‹ Territorium überlasse ich dir gern. Hier gibt es nichts, was für mich von Interesse ist.«

Sie drehte sich um und bekam gerade noch mit, wie seine Augen gefährlich aufblitzten. Eine Hand legte sich um ihren Arm, mit einem Griff, in dem eine Menge kontrollierte Kraft lag. Jaden riss sie so ruckartig zurück, dass sie gegen ihn prallte. Einen kurzen, heißen Moment lang spürte sie jeden Muskel seiner großen, schlanken Gestalt. Sofort wollte sich alles in ihr an ihn schmiegen, wollte diese zwei Körper zu einem Ganzen zusammenschmelzen.

Jaden presste den Mund gegen ihr Ohr und rieb kurz den Kopf an ihrem Haar, wie eine Katze, die ihren Besitz mit ihrem Duft markiert. Sie versuchte, sich dagegen zu wehren – niemand hatte das Recht, sie zu besitzen, und er schon gar nicht! Aber ein leichter Druck seiner kräftigen Hand reichte, sie bewegungsunfähig zu machen.

»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet, Lyra«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Wovor läufst du davon?« Eine einfache Frage, gestellt von einem Fremden, und dennoch hätte sie ihm am liebsten auf der Stelle alles erzählt, hätte diesen Mann, der sich mit Sicherheit über sie lustig gemacht und sich abgewandt hätte, am liebsten angefleht, ihr zu helfen. Das war nur mit dem Stress erklärbar, unter dem sie stand. Sie wusste, was sich zu Hause gegen sie zusammenbraute, sowohl innerhalb des Rudels als auch außerhalb.

Endlich gelang es ihr, sich loszureißen. Sie bleckte die Zähne und knurrte ihn an, denn sie wusste nicht, was sie noch hätte sagen können. Angst, Wut und dazu ein Verlangen, dessen sie sich nicht erwehren konnte, das alles mischte sich in ihr und drohte, sie wieder in Jadens Arme stürzen und etwas tun zu lassen, das sie später bereuen würde. Jaden stand völlig reglos da und starrte sie aus seinen flammend blauen Augen so undurchdringlich an wie eine Sphinx. Dennoch spürte sie seine Begierde, das Tier in ihr witterte sie und verlangte, darauf zu antworten.

Aber es gab nur eine Antwort, die sie nicht bereuen würde.

»Lass mich ja in Frieden, Katze«, fuhr sie ihn an. »Ich habe auch so schon Probleme genug.«

Sie wandte sich ab und stellte überrascht fest, wie schwer ihr das fiel. Offensichtlich verlor sie allmählich die Nerven. Kein Wunder, wenn man so lange gejagt, verspottet und ausgeschlossen wurde. Aber das würde bald vorbei sein, so oder so.

Lyra sprintete los. Ihre Muskeln arbeiteten wie eine gut geölte Maschine. Ihre Stiefel mit den Absätzen waren kein Hindernis für Schnelligkeit. Ihr war egal, wie es aussah, wenn sie so vor ihm davonrannte. Er bedeutete ihr nichts. Genauso wenig wie irgendein anderer Vampir. Sie spürte, wie ihre Glieder zu brennen und sich zu verwandeln begannen, wie sie sie Richtung Boden und zum vierfüßigen Lauf zogen. Ihre Kleidung wich Fell, und jetzt endlich konnte sie auch wieder richtig atmen. Ohne sich noch einmal umzudrehen, raste Lyra davon und genoss die verführerische Umarmung der Nacht und die Freiheit, die sie ihr schenkte – auch wenn die nicht lange anhalten würde.

Es war Zeit, nach Hause zurückzukehren.

Jaden beobachtete, wie die Wölfin mit dem glänzenden rauchfarbenen Fell in die Nacht verschwand. In ihrer tierischen Form war Lyra genauso langbeinig und anmutig wie in ihrer menschlichen – das Sinnbild tödlicher Schönheit. Und schön war sie wirklich, auch wenn sein Naturell in allem das Gegenteil von ihrem war.

Eine Zeit lang blieb er stocksteif stehen, weil er fürchtete, sich nicht beherrschen zu können und ihr hinterherjagen zu müssen. Zweifellos steckte Lyra noch immer in irgendwelchen Schwierigkeiten, war noch immer auf der Flucht, und der unglückselige Verehrer zu seinen Füßen war nur ein Teil des Problems.

»Das geht mich nichts an«, sagte er laut, in der Hoffnung, beim Klang seiner Stimme wieder zur Vernunft zu kommen und den Zauber abschütteln zu können, dem er offenbar erlegen war. Aber nichts würde die Erinnerung daran verdrängen können, wie Lyra sich angefühlt hatte, als er sie an sich gezogen hatte. Es war, als hätte sie sich in seine Haut gebrannt. Leise verfluchte er sich dafür, sie berührt zu haben. Normalerweise hatte er sich gut unter Kontrolle. Aber irgendetwas hatte Lyra Black – ja, das war ihr Nachname, wie ihm jetzt wieder einfiel – an sich, dem er nicht hatte widerstehen können. Ihr Haar hatte so seidig über seine Wange gestrichen, und der Duft ihrer Haut …

»Es reicht«, knurrte er und wandte den Kopf ab. Sie hatte sich nicht auf ihn eingelassen, sondern war abgehauen, und genau das musste er ebenfalls tun. Jaden hatte keine Ahnung, woher sein Interesse für diese reizbare Werwölfin rührte, aber er wusste, so etwas konnte kein gutes Ende nehmen. Nichts wie weg hier. Schon bald würde die Sonne aufgehen, dann konnte er in seinen Träumen darüber brüten und hoffentlich erholt und frei von diesem Irrsinn wieder aufwachen.

Er wollte sich gerade zum Gehen wenden, als er aus dem Augenwinkel etwas aufblitzen sah. Sein Selbsterhaltungstrieb schrie, er solle es nicht weiter beachten, sondern einfach weitergehen. Die meisten seiner Impulse hatte Jaden ziemlich gut unter Kontrolle, aber seine Neugier hatte ihm – wie so vielen Katzen – schon manches Mal das Genick gebrochen. Jaden bückte sich und hob das Medaillon mitsamt seiner zerrissenen Kette auf.

Einen Moment lang ließ er es von seiner Faust herabbaumeln und schaute sich an, was Mark Lyra da vom Hals gerissen hatte. Am auffälligsten war der Stein: Er war in etwa so groß wie eine Dollarmünze und schon so lange getragen worden, dass seine Oberfläche ganz glatt gerieben war. Das glänzende Silberblau kannte Jaden: Mondstein. Das Juwel war in eine etwas größere Scheibe aus verschnörkeltem Weißgold eingelassen. Das Design erinnerte ihn an die Jahre, die er in Schottland verbracht hatte. Es war kein ausgesprochen weibliches Schmuckstück, eher etwas Kraftvolles, aber dennoch fand Jaden – ohne dass er das hätte begründen können –, dass es gut zu seiner Besitzerin passte.

Lyra würde bestimmt wütend sein, wenn sie merkte, dass sie ihren Talisman hatte liegen lassen. Ohne zu überlegen, steckte Jaden das Medaillon in die Tasche. Sofort spürte er das leichte Summen der Energie, die von dem Stein ausging. Er war schon lange genug in dieser Welt unterwegs, um zu wissen, dass man solch ein Kunstwerk mit Respekt behandelte. Lyra würde das Medaillon zurückhaben wollen. Vielleicht konnte er es ihr schicken, wenn sich herausfinden ließ, woher sie stammte. Vielleicht würde sie aber auch ihn finden, allerdings hielt er das nicht für sehr wahrscheinlich. Lyra hatte deutlich zum Ausdruck gebracht, dass sie ihn nicht wiedersehen wollte, und so, wie er auf sie reagierte, war das vermutlich auch besser.

Nein, mit Sicherheit ist das besser, korrigierte er sich und fuhr mit dem Daumen vorsichtig über den Stein, bevor er die Hand aus der Tasche zog und in die entgegengesetzte Richtung wie Lyra losmarschierte, zurück zum Herrenhaus. Kein Zuhause im eigentlichen Sinn des Worts, aber ein angenehmer Aufenthaltsort – vorläufig. Er würde sich schlafen legen und morgen nach dem Aufwachen entscheiden, was er mit dem Medaillon tun sollte. Bis dahin würde er einfach nicht mehr an die Werwölfin denken. Er hatte so schon genug Sorgen, auch ohne sich auf eine völlig bedeutungslose Frau zu fixieren, die ihm am liebsten den Kopf abgerissen hätte.

Dennoch träumte er von ihren Augen.

Und vom leidenschaftlichen, unkontrollierbaren Hunger wilder Tiere in der Nacht.

3

Lyra erwachte gegen Mittag. Sie lag quer über dem Bett, in Bauchlage, den Kopf zur Seite gedreht, die Arme unter dem Kissen, auf dem ihr Kopf ruhte. Decken und Laken hatten sich ineinander verknäult und reichten ihr nur noch bis zur Taille. Einen kurzen Moment lang freute sie sich über den neuen Tag, so spät sie ihn auch begann – kein Wunder, den gestrigen Tag hatte sie im Auto verbracht, auf der Fahrt nach Hause, und die Nacht davor war ebenfalls sehr aufreibend gewesen.

Aber als sie zum wohl tausendsten Mal daran dachte, was in der Nacht davor alles passiert war, verging ihr die Freude an der warmen Frühlingssonne sofort wieder.

Ihre Kette hatte auf dem Boden gelegen. Und sie wettete, dass diese miese Ratte von einem Vampir sie sich geschnappt hatte.

Lyra stöhnte wütend auf und vergrub das Gesicht im Kissen. Instinktiv fasste sie an ihren Hals, in der unsinnigen Hoffnung, das glatte Metall des Talismans ihrer Mutter zu spüren. Aber nein. Ihr Erstgeburtsrecht, ein Symbol der Stellung, die sie bekleidete, und eine geliebte Erinnerung an ihre Mutter, war in Massachusetts, vermutlich offen zur Schau gestellt in Jadens Schlafzimmer oder Sarg oder wo auch immer diese Vampire schliefen. Wenn ihr Vater merkte, dass sie die Kette verloren hatte, würde er ihr die Hölle heiß machen.

Als es leise an der Tür klopfte, zuckte sie zusammen. Er sah nach ihr. Natürlich tat er das. Dorien Black schien der festen Überzeugung zu sein, dass sein einziges Kind dabei war, den Verstand zu verlieren – vor allem, seit er herausgefunden hatte, dass sie an der Prüfung teilnehmen wollte. Und jetzt erwartete er von ihr, dass sie einen Rückzieher machte und sich entweder einen Mann suchte, der statt ihrer in den Ring stieg, oder einen der anderen »durchsetzbaren« Kandidaten unterstützte. Zum Beispiel ihren Cousin.

Lyra knirschte mit den Zähnen. Ihr Vater hatte ihr in aller Deutlichkeit klargemacht – genau wie so ziemlich jeder im Rudel –, dass sie mit ihrer Sturheit eine Menge Sand ins Getriebe streute. Zu schade aber auch. Wie es aussah, konnte sie unter Umständen sogar ihre Stellung einbüßen. Und wenn es weiter so mies lief, würde das vielleicht tatsächlich passieren. Aber nichts, für das es sich zu kämpfen lohnte, war einfach.

Doriens warme, vertraute und trotz allem geliebte Stimme drang durch den Türspalt.

»Lyra? Geht’s dir gut, Kleines?«

»Alles bestens, Dad«, erwiderte Lyra und räusperte sich, weil ihre Stimme fürchterlich rau klang. »Komm doch rein.«

Die Tür ging auf, und Dorien trat ein und setzte sich auf die Bettkante, während Lyra sich in eine sitzende Position hochschob und die Knie anzog. Es war, als wäre sie wieder acht und wartete darauf, wegen schlechten Betragens ausgeschimpft zu werden … vermutlich, weil sie wieder mit den Jungs gerauft hatte. Dass sie meistens gesiegt hatte, zauberte ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen, das allerdings so rasch verschwand, wie es gekommen war.

Sie war kein Kind mehr. Sie war dreiundzwanzig, und die Jahre, die seit damals vergangen waren, hatten sich in Doriens schönes Gesicht eingekerbt. Noch immer war er für sie der Größte … aber nicht mehr unfehlbar. Und sie würde in dem alten, klebrigen Netz der Werwolftraditionen hängen bleiben, wenn sie nicht bald eine Möglichkeit entdeckte, wie sie sich daraus befreien konnte. Wie sie beweisen konnte, dass man nicht nur dann gute Arbeit leisten konnte, wenn man in einem kräftigen und vor allem männlichen Körper steckte.

Bis jetzt war ihr die zündende Idee noch nicht gekommen.

Dorien betrachtete sie prüfend aus Augen, die genauso goldbraun glänzten wie ihre eigenen.

»Und? Hast du vor mir zu erzählen, wo du diesmal gesteckt hast?«, fragte er schließlich grummelnd.

Lyra versuchte zu lächeln, was ihr nicht recht gelingen wollte. »Das tue ich doch nie.«

Dorien konnte das gar nicht lustig finden. Er seufzte so gequält, dass Lyra sofort Schuldgefühle bekam. Dabei war er selbst mit schuld an der Situation, rief sie sich in Erinnerung. So sehr sie ihn auch liebte – er würde die Tradition nie hinterfragen und Lyra unterstützen. Er war ein Black, und er fühlte sich diesem Namen viel zu sehr verpflichtet, um neue Wege einzuschlagen. Wie zum Beispiel seine Tochter zur Kämpferin auszubilden.

»Wenigstens riechst du diesmal nicht nach Vampiren«, sagte er. »Ich hoffe, nach unserem letzten Gespräch warst du klug genug, dich nicht wieder in solch eine gefährliche Situation zu begeben.«

Jetzt war es an Lyra zu seufzen, aber bei ihr war es eher ein Ausdruck ihres Ärgers. »Gespräch? Vortrag meinst du wohl!«, setzte sie sich zur Wehr. »Du hast mich doch gar nicht erst ausreden lassen. Glaubst du wirklich, ich hätte mich in einem Sicheren Vampirhaus verkrochen, wenn mir eine andere Wahl geblieben wäre? Ich musste hier raus, weg von diesem ganzen Machoscheiß. Typen, die sich schon ein Leben lang kennen, schlagen sich plötzlich gegenseitig den Schädel ein, um in meiner Nähe sein zu können. Dad, ich bin doch nicht blöd. Bevor ich mit zweiundzwanzig heiratsfähig wurde, hatten die lange nicht so ein Interesse an mir.«

»Du bist ein hübsches Mädchen … äh, eine hübsche Frau, Lyra«, erwiderte Dorien und strich ihr verlegen über den Arm. »Das haben die bestimmt auch früher schon bemerkt.«

Lyra schnaubte. »Meinst du? Dann erklär mir doch mal, wieso sich erst jemand mit mir verabreden wollte, als ich aufs College gegangen bin.«

»Du bist sehr selbstbewusst, mein Schatz. Manchmal wirkst du ein bisschen einschüchternd.«

Das brachte Lyra zum Grinsen. »Aufsässig meinst du wohl. Reizend, Dad.«

Er kicherte. »Nein, selbstbewusst. Und manchmal hast du eine ziemlich spitze Zunge. Beides hast du von mir, also kann es nicht schlecht sein.« Sein Humor, den sie immer geliebt hatte, verflog viel zu rasch.

»Es würde nicht schaden, ihnen eine Chance zu geben, Lyra. Das sind keine Jungs mehr. Aber es ist allein deine Schuld, wenn sie in die entgegengesetzte Richtung rennen; sie glauben alle, dass du völlig den Verstand verloren hast.«

Lyra vergrub die Finger in ihrem Haar und starrte ihren Vater finster an. »Oh ja. Ich will in der Prüfung mitkämpfen, also muss ich einen Knall haben. Ich möchte mein Erstgeburtsrecht ausüben, aber plötzlich bin ich nur noch eine schwache kleine Wölfin. Merkst du eigentlich nicht, wie sexistisch das ist? Allmählich wundere ich mich, dass du nicht versucht hast, eine Ehe für mich zu arrangieren.«

Sein trotziger Gesichtsausdruck verriet ihr sofort, dass ihm zumindest der Gedanke gekommen war. Sie knurrte und warf entnervt den Kopf in den Nacken.

»Das kann doch nicht dein Ernst sein! Glaubst du wirklich, ich hätte mir das gefallen lassen?«

»Nein. Deshalb habe ich auch nichts unternommen. In manchen Rudeln hätte man das so gemacht, sobald du alt genug gewesen wärst, also beschwer dich nicht. Ich möchte, dass du dich frei entscheiden kannst, aber du machst es mir nicht gerade leicht.«

Lyra musste sich zwingen, nicht wütend loszubrüllen. Sie liebte ihren Vater von ganzem Herzen. Aber kaum hatten ab ihrem zweiundzwanzigsten Geburtstag alle männlichen Werwölfe verrückt gespielt, schien jedes Gespräch in einen Kampf auszuarten. Er würde sie nicht in Ruhe lassen, bis sie tat, was man von ihr erwartete. Aber sie konnte einfach nicht nachgeben.

»Ich bin eine erwachsene Frau«, sagte sie und versuchte, die Bitterkeit aus ihrer Stimme herauszuhalten. »Du kannst froh sein, dass ich nicht endgültig abgehauen bin. Das ist in einigen Rudeln nämlich auch schon passiert.«

Allerdings nicht oft, dachte Lyra und betrachtete ihren Vater, dem der Kummer, den sie ihm seiner Ansicht nach bereitete, ins Gesicht geschrieben stand. Es kam nicht oft vor, dass ein Alphatier nur ein einziges Kind – und dann auch noch ein weibliches – hatte. Auch ein kräftiger Sohn hätte erst noch die Prüfung bestehen müssen, aber man hätte ihn entsprechend trainiert und vorbereitet und als Stellvertreter akzeptiert, lange bevor er die formalen Anforderungen erfüllt hätte. Aber eine Tochter … in einem patriarchalischen System wie dem der Werwölfe war kein Platz für ein weibliches Alphatier.

Vor allem dann nicht, wenn die Männer überwiegend wie Schränke gebaut waren und sich manchmal tödlich endende Kämpfe lieferten, um Alphatier zu werden.

»Wenn du hättest abhauen wollen, hättest du das längst getan«, sagte Dorien. Wieder seufzte er, und diesmal klang es wehmütig. »Das wäre mir fast schon lieber gewesen als die Situation, in die du dich jetzt hineinmanövriert hast. Aber du kannst die Thorn ebenso wenig verlassen wie ich. Du gehörst hierher, genau wie ich.«

Dass er recht hatte, ging ihr gegen den Strich, aber er kannte sie nun mal besser als irgendjemand sonst. Sie liebte Silver Falls, liebte den Wald, die versteckten Lichtungen, das Plätschern der zwischen den Bäumen dahinfließenden Bäche. Sie genoss die jahreszeitlichen Veränderungen in der kleinen Stadt und ihrer Umgebung, und noch mehr genoss sie es, auf allen vieren dahinzulaufen, wenn der Mond hoch oben am Himmel stand.

Außerdem liebte sie ihr Rudel. Es war ihre Familie, auch wenn sie nicht zu allen eine enge Beziehung hatte. Eine Reihe Frauen hatte nach dem Tod ihrer Mutter geholfen, Lyra großzuziehen, und zu diesen Frauen konnte sie auch heute noch mit Problemen gehen, mit denen sie ihrem mürrischen Vater nicht zu kommen brauchte. Die meisten im Rudel mochten sie, das wusste sie genau.

Auch wenn viele von ihnen glaubten, sie habe den Verstand verloren, sei selbstmordgefährdet oder beides zugleich.

Sie senkte den Blick und zupfte an der Bettdecke herum. »Ich will nicht weg von hier, Dad.«

»Dann bleib! Wenn du dich weiter so rumtreibst, wird dir irgendwann noch was zustoßen. Ich versuche, hier alles möglichst seinen normalen Gang gehen zu lassen, Lyra. Die Thorn haben hart gegen das Image der wilden Bestie angekämpft. Aber einigen deiner Verehrer ist nun mal jedes Mittel recht, dich zu erobern, und das weißt du ganz genau.«

Sie verdrehte die Augen. So waren ihre Auseinandersetzungen in letzter Zeit jedes Mal abgelaufen. »Dad, aus jedem Rudel im Osten der Vereinigten Staaten sind sogenannte Verehrer hinter mir her. Einige von ihnen haben sich hier, auf unserem eigenen Territorium, ganz schön aggressiv aufgeführt. Und außerhalb erst recht«, fügte sie hinzu, weil ihr Mark wieder eingefallen war. Sein Rudel lebte auf dem Territorium, das an das ihres Rudels angrenzte, und von Zeit zu Zeit trafen sich die beiden Gruppen. Lyra hoffte, sie müsse Mark nie wiedersehen, aber so viel Glück würde sie kaum haben.

Sofort erwachte Doriens Beschützerinstinkt. »Wer –?«

»Ist doch egal«, unterbrach Lyra ihn. Doriens Gesichtsausdruck besagte eindeutig, dass er das ganz anders sah, aber Lyra hatte keine Lust, ins Detail zu gehen. Stattdessen fuhr sie fort: »Ich habe keinen Bock auf irgend so einen dahergelaufenen Idioten, der mich nur will, weil ich die Tochter eines Alphatiers bin, Dad. Ich sehe nicht ein, wieso ich die Eintrittskarte für jemanden sein sollte. Zumal ich die beste Kandidatin bin, die dieses Rudel hat, wenn es um deine Nachfolge geht. Du hast dich zwar geweigert, mir alles Nötige beizubringen, aber ich habe trotzdem von dir gelernt.«

Dorien strich ihr eine ihrer widerspenstigen Locken hinter das Ohr, und bei dieser zärtlichen Geste hätte sie am liebsten losgeheult. Sie wusste, dass dies alles zu viel für ihn war. Aber wenn sie antrat, würde Eric mit Sicherheit das neue Alphatier des Rudels werden. Ihr Vater war zwar konservativ und altmodisch, konnte sich aber wenigstens gelegentlich für neue Ideen begeistern; ihr Cousin dagegen war ultrakonservativ, ein autoritärer, puritanischer Eigenbrötler, der zum Lachen in den Keller ging.

Er würde die Thorn nicht voranbringen – im Gegenteil, er würde sie um mindestens hundert Jahre zurückwerfen. Diese Vorstellung konnte Lyra nicht ertragen, zumal sie selbst so viele Ideen hatte, wie man die Thorn ins 21. Jahrhundert führen konnte – auch wenn diese sich mit Händen und Füßen dagegen wehren würden. Sich anpassen oder aussterben – etwas anderes gab es nicht. Leider war das Rudel in den letzten Jahren geschrumpft, und so wurde über die Möglichkeit des Aussterbens manchmal schon hinter vorgehaltener Hand geflüstert.

Irgendwann muss es einfach ein weibliches Alphatier geben, dachte Lyra. Eine neue Stimme, eine neue Sichtweise. Wieso also nicht hier?

Wieso nicht sie?

Zu dem Thema schien sich ihr Vater ebenfalls eine Menge Gedanken gemacht zu haben.

»Ich bitte dich zum letzten Mal, Lyra. Zieh deine Bewerbung zurück. Es ist keine Schande, von der Prüfung zurückzutreten. Ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, ob die männlichen Bewerber bereit sind, gegen dich anzutreten.«

»Das müssen sie«, erwiderte Lyra. »Ich habe es in den Geschichtsbüchern nachgelesen. Ich muss genau wie jeder männliche Kandidat behandelt werden.«

Doriens Augenbrauen schossen in die Höhe. »An die Stelle kann ich mich gar nicht erinnern. Allerdings ist es auch eine Zeit her, seit ich da zuletzt reinschauen musste. Wann wurde das geschrieben?«

Lyra spürte, wie ihre Schultern nach unten sackten, und zwang sich, den Rücken durchzudrücken. »1759. Das Rudel der Broken Arrow. Damals nahm eine Wölfin an der Prüfung teil.«

»Und?«

»Und … nun ja, sie konnte sich nicht durchsetzen, aber sie ist ziemlich weit gekommen.«

Sofort stürzte er sich auf das, was sie nicht gesagt hatte. »Und wie hat man sie behandelt, als sie unterlag?«

»Äh … ich glaube, sie wurde von den verbliebenen Kandidaten in Stücke gerissen«, murmelte Lyra so undeutlich sie konnte. Dorien schnappte nach Luft. Er hatte durchaus gehört, was sie gesagt hatte.

»Verdammt, Lyra!«, fuhr er sie an. Seine Geduld mit ihr schien für diesen Tag erschöpft zu sein. »Das kann nicht gut ausgehen. Genau das wird dir auch passieren, vor allem, wenn voraussichtlich dein Cousin das Rudel anführt. Ich werde dich auch nicht retten können. Verstehst du das nicht? Niemand wird dich retten können.«

Lyra verstand das besser, als er ahnte. Sie dachte an Mark, seinen entschlossenen Gesichtsausdruck, seine Kraft. Ein einzelner Wolf, und nicht einmal mit ihm war sie fertig geworden. Da konnte sie noch so waghalsig sein, ihre Kraft und Größe waren nun mal begrenzt. Aber irgendeinen Weg musste es geben. Vor ihrem geistigen Auge tauchte plötzlich die Szene auf, wie Jaden Mark mit ein paar raschen und scheinbar mühelosen Schlägen fertiggemacht hatte. Das brachte ihr allerdings nicht viel, schließlich konnte sie sich nicht wie ein Vampir bewegen und würde das auch nie lernen. Aber Jaden hatte nicht nur mit nackter Gewalt gesiegt, und das machte ihr Mut … sie musste nur herausfinden, wie sie ihm nacheifern konnte.

Lyra war stark, das würde niemand im Rudel leugnen wollen. Aber im Gegensatz zu den Männern hatte sie nie Kampftraining erhalten. Sie hatte sich alles selbst beibringen müssen. Doriens Weigerung, sie zu unterrichten, kränkte sie auch heute noch.

»Ich finde schon eine Lösung«, sagte Lyra. »Ich finde immer eine.« Sie hatte keinen Plan und niemanden, der bereit war, ihr zu helfen. Doch immer wenn sie darüber nachdachte, ob sie diese scheinbar unhaltbare Position nicht lieber aufgeben sollte, musste sie an ihren humorlosen Cousin denken. Seine starre Einteilung in gut und schlecht, seine entnervende Fähigkeit, ganze Passagen aus den Geschichtsbüchern egal welchen Jahres zu zitieren und dann auf die jeweilige Situation zu beziehen – das alles machte sie nervös, um es mal vorsichtig auszudrücken. Verdammt, er machte ganz schön viele Leute nervös. Ohne den geringsten Sinn für Humor auf die Welt zu kommen, war einfach nicht normal. Und dann waren da noch die Geschichten, die Simon angeblich über ihn gehört hatte. Wenn auch nur ein Bruchteil dieser Gerüchte der Wahrheit entsprach, dann schlummerte unter der makellosen Oberfläche ihres seltsamen Cousins jede Menge Hässliches.

In Eric Blacks Gegenwart hatten sich ihr immer die Nackenhaare aufgestellt. Aber wie es aussah, würde er – wenn sie es nicht doch noch verhindern konnte – Doriens Nachfolger werden. Und das würde das Ende des Rudels bedeuten.

Dorien fuhr sich durch das volle kastanienbraune Haar, das noch kaum ergraut war, und richtete den Blick nach oben, als ob irgendwelche mystischen Wolfsgötter von oben herabsteigen und ihm bei seiner widerspenstigen Tochter zu Hilfe eilen könnten.

»Ich weiß, dass du das unfair findest«, sagte er. Lyra konnte deutlich hören, dass er versuchte, seine Stimme gleichmäßig klingen und sich seine Angst und Wut nicht anmerken zu lassen. »Aber ob es dir gefällt oder nicht, wir sichern unser Überleben durch Kraft und Wildheit. Die verdammten Vampire haben uns auf dem Kieker, zudem haben wir uns auch noch die meiste Zeit untereinander in der Wolle. Das Rudel erwartet, dass der Stärkste das Alphatier ist. Du bist ganz schön stark und sehr klug, Lyra. Aber rein körperlich hättest du nicht mal gegen die größeren Männer in unserem eigenen Rudel eine Chance. Und nur das zählt.«

»Du bräuchtest mich nur ordentlich zu unterrichten, dann hätte ich durchaus eine Chance. Bei den Menschen würde man das alles für Schwachsinn halten. Bei denen sind die Frauen gleichberechtigt.« Lyra hasste diesen immer gleich ablaufenden Streit, der ihre Gespräche jedes Mal aufs Neue vergiftete.

»Die Menschen müssen nicht wie wir von ihren Fängen und Klauen leben!«, knurrte er. »Dich zu unterrichten, hätte überhaupt nichts gebracht. Du gegen einen Neunzig-Kilo-Wolf, selbst wenn ihr beide gleich gut kämpft – keine Chance. Niemals.«

»Das weißt du nicht«, fuhr Lyra ihn an. Dorien vergrub die Finger in seinem Haar. Er sah aus, als hätte er am liebsten die Zähne in irgendetwas geschlagen.

»Verdammt, Lyra, wieso kannst du die Dinge nicht einfach akzeptieren, wie sie sind? Warum musst du dich so dagegen auflehnen?« Er schloss die Augen und sammelte sich, etwas, das er oft tat, wenn er mit seiner Tochter über dieses Thema sprach. Sie wusste, er zählte bis zehn, um nicht zu explodieren. Auch diesmal klang er sehr viel ruhiger, als er die Augen wieder öffnete, dennoch war ihm anzuhören, wie aufgewühlt er war.

»Du hast noch nie eine Prüfung miterlebt, mein Schatz. Du glaubst, du könntest dich darauf vorbereiten, aber auf das, was dort geschieht, ist niemand wirklich vorbereitet. Dort zählen nur Klugheit und brutale Kraft. Ersteres hast du mehr als genug, aber Letzteres …«

Er schwieg einen Moment, dann fuhr er fort: »Ich habe schon deine Mutter verloren. Ich will nicht auch noch dich verlieren.«

Das tat weh. Und es machte sie wütend, denn er wusste genau, dass er sie damit traf. Andererseits drückte es natürlich aus, was er empfand. Lyra versuchte, ihm das zugutezuhalten, und tatsächlich gelang es ihr, sich ein wenig zu beruhigen. Nachgeben konnte sie dennoch nicht.