6,99 €
Uralte Geheimnisse treffen auf dunkle Leidenschaft ...
Als Angehörige der Grigori, einer uralten Vampirdynastie, lebt Ariane verborgen in der Wüste. Doch als ihr bester Freund Sammael verschwindet, verlässt sie ihr Versteck und begibt sich auf die Suche nach ihm. Aber auch der attraktive Auftragsmörder Damien ist Sammael auf der Spur ...
"Kendra Leigh Castles Schreibstil ist fantastisch und ihre Vampire unvergesslich!" RABIDREADS
Dieser Roman ist bereits in einer früheren Ausgabe bei LYX.digital unter dem Titel ERBEN DES BLUTES - VERTRAUTE SCHATTEN erschienen
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 459
Veröffentlichungsjahr: 2023
KENDRA LEIGH CASTLE
Roman
Ins Deutsche übertragen von
Katrin Mrugalla und Richard Betzenbichler
Für meinen Bruder Kirk
Es war eine Freude mitzuerleben, was du aus
dem gemacht hast, was dir in die Wiege gelegt war.
Ich bin so stolz auf dich!
Zu diesem Buch
Als Angehörige der Grigori, einer edlen, geheimnisumwobenen Vampirdynastie, hat Ariane ihr Leben im Verborgenen verbracht. Wie alle Vertreter ihres Klans ist sie eine Beobachterin, vom Schicksal dazu verdammt zuzuschauen, ohne eingreifen zu können. Doch als ihr bester Freund Sammael spurlos verschwindet, kann sie es nicht länger ertragen, tatenlos abzuwarten. Und so bricht sie das oberste Gesetz und verlässt ihr sicheres Zuhause. Ariane ist überwältigt von dem pulsierenden, farbenfrohen Leben außerhalb des Reservats. Die Suche nach Sam jedoch gestaltet sich schwieriger als erwartet. Nicht nur fürchten sich die restlichen Dynastien vor den Grigori und verweigern Ariane die Hilfe – plötzlich kommt ihr auch noch der unverschämte Damien Tremaine in die Quere. Damien ist ein Shade, ein Krimineller, und er wurde angeheuert, Sams Aufenthaltsort zu ermitteln. Sofort als Ariane ihm begegnet, weiß sie, dass Damien gefährlich ist. Und doch ist sie machtlos gegen die Anziehungskraft, die der undurchsichtige Vampir auf sie ausübt. Als grausame Morde geschehen und ihre einzige Spur zu Sam sich in Luft auflöst, müssen Ariane und Damien einsehen, dass sie nur gemeinsam eine Chance haben. Denn hinter Sams Verschwinden scheint mehr zu stecken, als bisher angenommen, und die finsteren Geheimnisse, die die Grigori umgeben, drohen Ariane und Damien zum Verhängnis zu werden …
Die Dunklen Dynastien
In den Vereinigten Staaten bekannte Abstammungslinien
DIE PTOLEMY
Anführerin: Königin Arsinöe
Ursprung: das alte Ägypten und die Göttin Sekhmet
Hochburgen: die Städte der östlichen Vereinigten Staaten, vor allem am mittleren Atlantik
Fähigkeiten: können sich blitzschnell bewegen
DIE CAIT SITH
Anführer: niemand; werden als Unterschichtvampire betrachtet, trotz ihres reinen Mals
Ursprung: keltische Linie, stammen von Feen ab
Hochburgen: keine; dienen den Ptolemy oder vegetieren in Armut dahin
Fähigkeiten: können Katzengestalt annehmen
DIE DRACUL
Anführer: Vlad Dracul
Ursprung: die Göttin Nyx
Hochburgen: Nördliche Vereinigte Staaten, Chicago (das sie sich laut einer Vereinbarung mit den Empusae teilen)
Fähigkeiten: können Fledermausgestalt annehmen
DIE GRIGORI
Anführer: Sariel
Ursprung: unbekannt
Hochburgen: die Wüsten im Westen der Vereinigten Staaten
Fähigkeiten: können angeblich fliegen; es gibt allerdings keinen Beweis
DIE EMPUSAE
Anführerin: Empusa
Ursprung: die Göttin Hecate
Hochburgen: Südliche Vereinigte Staaten; Chicago (gemeinsam mit den Dracul)
Fähigkeiten: können sich in Rauch verwandeln
DIE WIEDERGEBORENEN LILIM
Anführerin: Lily Quinn-MacGillivray
Ursprung: Lilith, die erste Vampirin, jetzt vermischt mit dem Blut der Cait Sith
Hochburgen: Nördliche Vereinigte Staaten
Fähigkeiten: tödliche Ausbrüche übernatürlicher Energie; können Katzengestalt annehmen
»Ariane.«
Sie stand an dem bodentiefen Fenster und starrte auf das Meer aus Sand, das ihr Zuhause war, solange sie zurückdenken konnte. Nicht der geringste Windhauch war zu spüren. Sie hatte die dünnen Gardinen zur Seite geschoben und das Fenster geöffnet, in der Hoffnung, die frische Luft würde ihr helfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.
Doch die Hoffnung war vergebens. Nur die Mondsichel hing über der schönen, kargen Landschaft, auf die sie jeden Abend schaute. Nichts änderte sich hier. Nichts außer ihr. Nicht dass das, was sie zu tun beabsichtigte, ihr Kummer bereitete. Sie hatte einfach keine andere Wahl.
Wenn sie noch länger hier ausharrte, würde dieser Ort sie trotz ihrer Unsterblichkeit umbringen oder zumindest den besten Teil von ihr abtöten.
»Ariane, bitte, sieh mich an.«
Mit einem leisen Seufzer schloss Ariane das Fenster und richtete den Blick auf den Mann, der in das dunkle Zimmer getreten war. Sie hatte nur eine einzige Kerze angezündet, weil ihr nicht nach hellem Licht zumute war. Dennoch war die Sorge in seinem schönen, wie aus Stein gemeißelten Gesicht auch bei dieser schwachen Beleuchtung nicht zu übersehen.
Sariel. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätte sie einen Besuch von ihm als Ehre empfunden. Noch dazu in ihrem Schlafgemach. Seit Anbeginn der Dynastie war er deren Anführer – zumindest hatte sie das gehört –, und sein Wort war Gesetz für die Grigori. Ariane respektierte ihn zutiefst. Aber Sariel war zufrieden mit all dem, was sie so ruhelos machte. Er konnte damit leben, dass ihr bester Freund spurlos verschwunden war, während sich ihr eigenes Leben in einen pausenlosen Albtraum aus Sorge und düsteren Vorstellungen verwandelt hatte. Sie wusste, dass es Sariel nicht egal war und dass er nach dem verschollenen Grigori suchen ließ, aber was für einen Verlust Sams Verschwinden für sie darstellte, konnte er nicht einmal ansatzweise nachvollziehen.
»Ich weiß dein Mitgefühl zu schätzen, Sariel. Aber mir geht es gut. Ich hatte nicht damit gerechnet, ausgewählt zu werden.« Ariane hoffte, dass sie ihre Verbitterung glaubwürdig überspielte. Dass sie übergangen worden war, war schlimm genug. Aber ausgerechnet von Oren ausgestochen worden zu sein, das triumphierende Lächeln auf dem Gesicht ihres Rivalen sehen zu müssen … das schmerzte mehr, als jemals eine Wunde geschmerzt hatte. Und beim Training hatte sie sich so manche Wunde zugezogen.
Sariel schloss die Tür hinter sich und trat näher. Auf jeden anderen, selbst auf seine Artgenossen, hätte er überaus einschüchternd gewirkt. Die Männer der Vampirdynastie der Grigori, vor allem die ältesten, waren allesamt über zwei Meter groß, kräftig und muskulös und hatten eine Haut wie heller Marmor. In dem trüben Licht sah Sariel Sam derart ähnlich, dass Arianes Schmerz sich wieder verstärkte – jener dumpfe Schmerz, der nun schon seit über einem Monat ihr ständiger Begleiter war, seit ihr klar geworden war, dass Sam nicht einfach auf Reisen, sondern verschwunden war.
Sariels Gesicht hätte eigentlich auf die Statue eines Renaissancebildhauers gehört, doch seine Schönheit – wie die aller Grigori – war kalt. Seine weißen Haare, das Merkmal aller älteren Grigori, standen in faszinierendem Gegensatz zu seinem jugendlichen Gesicht. Glatt und glänzend fielen sie bis auf seine Schultern. In dem trüben Licht leuchteten seine Augen violett, genau wie bei allen Grigori.
»Ich weiß, dass du dir Hoffnungen gemacht hattest, Ariane«, sagte er, und seine sonst so sonore Stimme klang auf einmal sehr sanft. »Du musst nicht so tun, als wäre es anders. Falls dir das hilft – du warst in der engeren Auswahl. Aber letztendlich hatten die anderen den Eindruck, Oren sei die bessere Wahl.« Er schwieg einen Moment. »Wenn Sammael gefunden werden kann, dann wird er auch gefunden werden. Ich verstehe, dass er dir wichtig ist. Uns allen ist er wichtig.«
Die bessere Wahl. Nur weil sie nicht auf Beschluss der Ältesten eine Grigori geworden war, nur weil ihre Verwandlung nicht aus rationalen Gründen, sondern aus reinem Gefühl erfolgt war. Egal wie hart sie arbeitete, wie unbesiegbar sie wurde – man würde sie immer nur als Ausrutscher betrachten. Als das schwächste Glied der Kette. Und gerade Oren hatte besonders dafür gesorgt, dass man Ariane deswegen mied.
Den Grigori wurde beigebracht, dass Hass reine Gefühlsverschwendung war. Aber was sie für Oren empfand, den Meister der subtilen Erniedrigung, grenzte fast schon an Hass. Und jetzt hatte er sie wieder ausgebootet, nur dass er ihr diesmal etwas genommen hatte, was sie sich verzweifelt wünschte.
»Ja, Sam ist uns allen wichtig«, erwiderte Ariane. Sie wandte sich wieder dem Fenster, der lockenden Nacht, zu und versuchte, ihre Worte sorgfältig zu wählen. »Aber von allen hier stehe ich ihm am nächsten, Sariel. Ich denke, das weißt du. Ich verstehe nicht, warum wir nur einen von uns auf die Suche nach ihm schicken. Vielleicht ist er verletzt. Vielleicht ist er sogar tot.«
Das war ihre größte Angst, aber Sariel tat sie so geringschätzig ab, wie sie erwartet hatte. Nie ließ er sich von Gefühlen leiten. Natürlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass ein Vampir wie Sariel verstehen würde, wie wichtig ihr diese Freundschaft war. Er schien über solchen Dingen zu stehen. Im Gegensatz zu ihr war er stark; was sie schwächte, waren ihre Anhänglichkeit und ihre heimlichen Träume. In diesen Träumen, von denen sie nie jemandem erzählt hatte, war sie glücklich, erfüllt, sogar geliebt … und weit weg von hier.
Ein Palast, egal wie luxuriös, konnte dennoch ein Gefängnis sein.
»Ariane«, begann Sariel im Ton eines Vaters, der sein eigenwilliges Kind zum Einlenken bringen will. »Deine Sorge ehrt dich, aber wenn Sammael noch am Leben ist, sollte er nicht schwer zu finden sein. Du weißt, dass wir im Suchen genauso gut wie im Beobachten sind.« Er schwieg einen Moment. »Sag mir, Kleines, geht es hier um meinen Bruder? Oder geht es hier um deine Sehnsucht, aus diesen Mauern herauszukommen?«
Seine Verdächtigung machte sie wütend. Natürlich wollte sie aus diesen Mauern herauskommen! Aber ihre eigenen Bedürfnisse waren völlig nebensächlich im Vergleich zu denen von Sam … wo auch immer er stecken mochte.
Schließlich gelang es ihr zu sprechen, aber es kostete sie große Anstrengung, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen.
»Sariel, ich schwöre, dass ich mir nur Sorgen um Sam mache. Aber da du es erwähnst, ist dir offensichtlich bewusst, wie eingeengt mein Leben ist. In all diesen Jahrhunderten war ich nur ein einziges Mal draußen. Ein einziges Mal! Dabei arbeite ich härter als alle anderen. Hast du eine Ahnung, wie sich das anfühlt?« Er wollte etwas erwidern, doch sie hob abwehrend die Hand. »Nein, natürlich hast du das nicht. Wenn du hinaus in die Welt gehen möchtest, dann tust du das einfach. Ich dagegen …« Wie konnte sie ihm am besten klarmachen, wie sich ihr Leben für sie anfühlte? »Ich kann nur hier rumsitzen. Über das Grundstück spazieren. Versuchen, das bisschen Leben zu genießen, das von den Menschen, die hierhergebracht werden, ausgeht, bevor man sie wieder fortschafft.«
»Der Palast ist riesig und das Grundstück ebenfalls«, erwiderte Sariel. »Alles, was du dir wünschen kannst, ist hier oder kann herangeschafft werden. Für uns gelten andere Regeln als für die übrigen Dynastien. Deshalb liegt dieser Ort so abgeschieden, deshalb leben wir im Verborgenen. Das weißt du. Die Vampire akzeptieren uns als zu ihnen gehörig, und es ist wichtig, dass das so bleibt. Je weniger sie über uns wissen, desto besser.«
»Aber wir sind doch Vampire«, widersprach Ariane gereizt angesichts dieser ewig gleich ablaufenden Gespräche. »Oder etwa nicht? Tagsüber sind wir nie unterwegs. Um zu überleben, müssen wir menschliches Blut trinken. Wir sind doch genau wie die anderen!«
»Ja und nein«, erwiderte Sariel vorsichtig. »Auf uns lastet eine Verantwortung, die die anderen nicht haben. Wir sind bei Weitem die Ältesten, obwohl auch das geheim bleiben muss. Vor allem jetzt, wo sich manches zu ändern beginnt. Wir sind Beobachter, d’akara. Wir mischen uns nicht ein. Sammael hat das verstanden. Auch die anderen verstehen es. Nur du …«
Er führte den Satz nicht zu Ende, doch Ariane wusste auch so, was er meinte. Wie kam es, dass sie das nicht verstand? Sie hatte es oft genug gehört, selbst dann, wenn sie es gar nicht hatte hören wollen.
Du bist noch nicht so weit. Du wirst nie so weit sein. Du bist anders.
»Ich bin vielleicht nicht auserwählt worden«, sagte Ariane und versuchte, sich ihre Wut nicht anmerken zu lassen, »doch das heißt nicht, dass ich nicht in der Lage bin, meine Pflichten zu erfüllen. Die Pflichten, für die ich wie alle anderen trainiert habe. Ich bin wirklich so weit, Sariel.«
Sie hatte sich geschworen, nicht zu betteln. Und trotzdem tat sie es schon wieder. Als sie Sariels nachsichtiges Lächeln sah, hätte sie am liebsten geschrien.
»Selbstverständlich bist du das. Vermutlich schon sehr bald. Aber das hängt nicht nur von mir ab. Aufgrund der Umstände deiner Verwandlung hegt man gewisse Zweifel, ob du wirklich in der Lage bist, dich nicht einzumischen.«
»Das war doch vor Hunderten von Jahren«, widersprach Ariane, und diesmal konnte sie die Wut in ihrer Stimme nicht völlig überspielen. »Ich werde dafür bestraft, dass ich bei meiner Verwandlung aufgewühlt war?«
Sariels Augen verdunkelten sich. »Aufgewühlt ist das falsche Wort, wie du nur zu gut weißt. Eine traumatische Verwandlung hängt einem nach, Ariane, manchmal sogar für immer. Glaubst du wirklich, du könntest ruhig dastehen und mit ansehen, was dir und deiner Familie passiert ist? Selbst derjenige, der dich verwandelt hat, war dazu nicht in der Lage, sondern ergab sich seiner Schwäche.«
»Derjenige, der mich verwandelt hat …«
Sariel hob die Hand, um sie am Weiterreden zu hindern. »Du weißt, dass ich dir nicht sagen werde, wer das war. Er bat darum, dass die Schande sein Geheimnis bleibt. Das ist besser so, für euch beide. Für uns alle.«
Ariane versteifte sich. Sie konnte den Knoten spüren, der sich in ihrem Magen bildete, wie immer bei solchen Gesprächen … und davon hatte es schon viele gegeben. Sie konnte sich so gut wie gar nicht an ihre Verwandlung erinnern, und aus der Zeit davor waren ihr nur wenige kurze Eindrücke geblieben, Eindrücke voller Grauen. Blut, Rauch, grässliches Gelächter … geliebte Stimmen, die gellend schrien. Dann starke Arme, eine leise Stimme. Dunkelheit.
Der größte Teil ihres sterblichen Lebens blieb ihr ein Rätsel. Ihre Erinnerung setzte erst bei jenen Wochen wieder ein, in denen sie, eingesperrt in ihren Gemächern, so lange und heftig geweint hatte, dass ihre Tränen sich in Blut verwandelt hatten. Warum sie so untröstlich gewesen war, hätte sie nicht sagen können. Und niemand wollte ihr auch nur das Geringste über ihr Leben als Sterbliche erzählen. Allein die ganz Alten wussten, wer sie verwandelt hatte, doch darüber sprachen sie nicht.
Manchmal fragte sie sich, ob derjenige für das, was er getan hatte, umgebracht worden war.
»Das haben wir alle durchlebt, dieses Bedürfnis, die Dinge nach unseren Wünschen zu formen, anstatt zuzuschauen, wie sie sich entwickeln«, belehrte Sariel sie. Sein Ton war sanft und doch auf jene für die Ältesten so typische Art herablassend. »Aber das ist nicht die Rolle, die uns zukommt. Wir müssen uns von unseren Instinkten freimachen, das Menschliche in uns hinter uns lassen. So zu leben, wie wir das tun, und gleichzeitig etwas anderes leben zu wollen ist Irrsinn. Und doch sehe ich dich, Ariane, nach all den Jahren noch immer mit dem kämpfen, was du einmal warst.«
»Aber Sam hat gesagt –«
»Sein Name ist Sammael, d’akara. Erweise seinem Namen den Respekt, der ihm gebührt.«
Der Befehlston, in dem Sariel das sagte, brachte Ariane zum Schweigen. Es war sinnlos, mit ihm zu diskutieren, und sie hätte es gar nicht erst versuchen sollen. Er forderte Respekt ein, aber sie nannte er d’akara, Kleines, als wäre sie ein Kind. Sie war schnell und stark. Sie sprach mehrere Sprachen und kannte sich mit Musik, Philosophie und Kunst aus. Sie war eine geschicktere Kämpferin als die meisten ihrer Blutsbrüder und -schwestern. Und wozu hatte sie all das gelernt? Um hier rumzuhocken und zu vermodern, nur weil sie Gefühle hatte?
Nein. Dieses Mal nicht.
»Dann eben Sammael.« Sie versuchte, sich ihren Unmut nicht anmerken zu lassen. »Er hat gesagt, es sei wichtig, unsere Gefühle für die Menschen nicht zu vergessen. Dass wir sie nicht nur beobachten, sondern auch verstehen sollten. Er ist doch auch einer von den Ältesten. Stimmst du in dem Punkt denn nicht mit ihm überein?«
Sariels Gesichtsausdruck verwandelte sich von einem Moment auf den anderen von gespieltem Wohlwollen in offensichtliche Abneigung. »Sammael hat eine … unnatürliche Vorliebe für Menschen. Schon immer. Ich habe ihn gewähren lassen, aber die Menschheit ist wie eine Horde streitsüchtiger Affen. Sie zu verstehen ist einfach. Ich habe sie immer für einen mit Mängeln behafteten Entwurf gehalten.« Ein kaltes Lächeln huschte über sein Gesicht.
Ariane wusste nie, wie sie damit umgehen sollte, wenn er solche Reden schwang. Es war, als wäre er nie ein Mensch gewesen. Aber vielleicht lag sein Menschsein schon so lange zurück, dass er sich kaum mehr daran erinnern konnte.
Sariel machte eine verächtliche Handbewegung. »Wie auch immer, Ariane, dies hier ist keine passende Mission für dich. Die Situation ist zu heikel, und wir haben keine Zeit zu verlieren. Eines Tages«, fuhr er fort und trat näher, wobei in seinen Augen fast so etwas wie Wärme aufleuchtete, »eines Tages bekommst du deine Chance, uns zu verteidigen. Das verspreche ich dir, d’akara.«
Sie schwieg, obwohl ihr seine Nähe allmählich unangenehm wurde. Dieser Besuch war außerordentlich ungewöhnlich, und noch ungewöhnlicher war Sariels Interesse an ihrem Wohlbefinden. Sie konnte sich nicht erinnern, dass er ihr jemals groß Beachtung geschenkt hatte … was sich seit Sammaels Verschwinden zumindest teilweise geändert hatte. Eigentlich hätte sie das genießen sollen, und doch empfand sie nur einen Anflug von Abscheu.
Ein weiteres Zeichen, dass es Zeit war zu gehen.
Als ob Sariel ihre Gedanken lesen könnte, murmelte er: »Ich habe keine Ahnung, wie ich deine Schönheit so lange übersehen konnte. So viele Jahrhunderte, und nie haben wir richtig miteinander geredet.«
»Das stimmt«, erwiderte Ariane mit einem Nicken und strich sich verlegen eine Strähne ihres langen silberblonden Haars hinter das Ohr. Ihr Haar war sehr hell, selbst für eine Grigori, fast so silbern wie das der Ältesten. Sie hatte das immer eher auffällig als schön gefunden … aber so, wie Sariels Blick ihrer Handbewegung folgte, fragte sie sich, ob sie ihre Anziehungskraft auf ihresgleichen unterschätzt hatte.
Hoffentlich fasste er sie nicht an! Was sollte sie in dem Fall tun? Weglaufen war natürlich immer eine Möglichkeit, aber nicht gerade die beste, wenn der Verfolger ein zwei Meter zehn großer Vampir war.
Zu ihrer Erleichterung schien Sariel zu merken, dass er sie mit seiner plötzlichen Aufmerksamkeit überrumpelt hatte. Er kam nicht näher, aber sein interessierter Blick war eindeutig.
»Ich würde dich gern sehen, Ariane. Ein bisschen Zeit mit dir verbringen. Vielleicht morgen Abend? Nach all den Jahren wird es höchste Zeit, dass wir uns endlich besser kennenlernen.«
Vor Erleichterung wäre sie beinahe in Tränen ausgebrochen. »Gern«, erwiderte sie und brachte sogar die Andeutung eines schüchternen Lächelns zustande. »Das würde mich sehr freuen.«
Damit schien sich Sariel zu begnügen. Er nickte.
»Gut. Ich werde dann jemanden nach dir schicken.«
Er drehte sich um und ging zur Tür, blieb aber noch einmal kurz stehen und sagte mit einem Blick über die Schulter: »Mach dir keine Sorgen um Sammael, d’akara. Wenn er lebt, werden wir ihn finden, und so leicht kann er nicht getötet worden sein. Vertrau mir … ich kenne ihn schon sehr viel länger als du.«
Ariane nickte. »Dann hoffe ich einfach das Beste«, erwiderte sie.
Als die Tür schließlich hinter Sariel ins Schloss gefallen war, stieß sie einen tiefen Seufzer aus. Erst jetzt spürte sie, wie wackelig sie auf den Beinen war. Sie beugte sich vor, legte die Hände auf die Knie und holte tief Luft. Sariels Besuch hatte sie aufgewühlt, mehr als sie das erwartet hätte. Weswegen war er wirklich gekommen? Hatte er Angst, dass sie genau das tun würde, was sie zu tun beabsichtigte? Und wenn ja, hatte er gemerkt, dass er recht hatte?
Sie konnte es sich nicht vorstellen. Doch wonach auch immer Sariel gesucht, was auch immer er gesehen hatte – an ihren Plänen hatte sich nichts geändert. Zum ersten Mal hatte sie die Wahl, und sie hatte sich entschieden zu handeln. Aber beängstigend war es – oh ja.
Doch sie war zuversichtlich, dass es auch befreiend sein würde.
Sobald sie glaubte, dass genügend Zeit verstrichen war, ging sie zu ihrem Bett und zog eine kleine, mit Perlen bestickte Umhängetasche unter der Matratze hervor. In ihr befand sich eine Handvoll Dinge, die ihr wichtig waren – die traurige Bilanz eines Lebens, das bereits so lange andauerte und doch kaum jemandem etwas bedeutete. Sie schlang sich den langen, dünnen Riemen der Tasche quer über den Oberkörper und trat dann an das Fenster, der durchsichtige Rock wehte ihr sanft um die Beine.
Kaum hatte sie den kleinen Riegel geöffnet, da schwangen schon die beiden Fensterflügel nach außen und bildeten so ein Tor in die Nacht. Ariane blieb einen Moment stehen, um sich zu sammeln. Sie hatte kein Verlangen, sich noch einmal umzudrehen und das hübsche Zimmer zu betrachten, das so lange ihre Zuflucht gewesen war. Nur zu leicht würde sie der Mut verlassen, und sie brauchte ihren ganzen Mut und noch viel mehr, wenn sie ihren Freund wirklich finden wollte. Abgesehen davon, dass sie sich auch nicht erwischen lassen durfte. Die Grigori waren auf Deserteure nicht gut zu sprechen. Sariel würde sie wohl kaum noch einmal in sein Schlafzimmer einladen, falls sie jemals hierher zurückkehrte.
Nicht in der kurzen Zeit, die dann bliebe, bevor sie für immer verschwand.
Nein. Das wird nicht passieren. Ich schaffe das. Und wenn sie ihre Meinung nicht ändern, selbst wenn ich Sam finde, dann bleibe ich eben weg und schlage mich allein durch. Lebe ein richtiges Leben. Irgendwie.
Mit neuer Zuversicht trat Ariane auf das schmale Fenstersims. Ein Glück, dass ihr Zimmer zur Wüste lag und nicht zum Hof! Der Mond war ihr einziger Zeuge. Sie schloss die Augen, holte tief Luft und konzentrierte sich auf jene Fähigkeit, die sie nur so selten hatte anwenden können. Sie spürte, wie sie aus ihrem Rücken wuchsen, durch ihre Haut glitten, so wie Wasser einen Fluss hinabrinnt. Ihre Flügel.
Ariane breitete sie aus, gönnte sich einen kurzen Blick darauf und bewunderte die Blau-, Lavendel- und Silbertöne – die Farben des Zwielichts. Meine Güte, wie gut es sich anfühlte, sie zu befreien, diesen Teil von ihr zu befreien. Sie hob die Hände wie ein Kind, das auf einem Schwebebalken balanciert, oder wie eine Tänzerin, die die Anfangspose für ihren Tanz einnimmt.
Dann sprang sie in die Dunkelheit und flog mit rauschenden Flügeln davon.
Damien Tremaine lehnte sich lässig an den Schreibtisch des Meisters der Shades, prüfte den Brandy in seinem Cognacschwenker, nicht ohne eine große Show abzuziehen, hob dann eine Augenbraue und schaute den Mann, der mittlerweile seit gut zweihundert Jahren sein Chef war, fragend an.
»Ein Grigori?«, wiederholte er, obwohl er seinen Boss ganz genau verstanden hatte. Er wunderte sich, wie er zu der Ehre kam.
Drake nickte. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er heute Abend nicht in der Stimmung für Damiens markige Kommentare war. Eigentlich schade, denn die Fähigkeit, markige Kommentare vom Stapel zu lassen, bereitete Damien von allen Eigenschaften, die man ihm so nachsagte, die größte Freude.
»Ja, ein Grigori. Und bevor du jetzt anfängst rumzumeckern, wie gruselig sie sind, möchte ich noch einmal betonen, dass dies die Gelegenheit ist, auf die ich gewartet habe, seit ich mein Unternehmen angefangen habe.«
Damien schnaubte. »Mmm. Tausend Jahre ohne auch nur einen Auftrag dieser Dynastie, herumzuspionieren, jemanden umzubringen oder sonst irgendeine Drecksarbeit zu erledigen. Ganz schön unverschämt. Und wieso sind dir die Typen gleich noch mal so wichtig? Ach, und fürs Protokoll, ja, ich halte sie tatsächlich für gruselig. Und außerdem für verdammte Arschlöcher. Eine Kombination, mit der ich nicht so gern zu tun habe. Hast du eine Vorstellung, wie ihre Frauen aussehen? Haben sie überhaupt Frauen? Aber vielleicht sind ein paar von den wenigen, die einem überhaupt unter die Augen kommen, Frauen und man sieht es ihnen nur nicht an.«
Bei dem Gedanken verzog er das Gesicht und kippte die Hälfte des Brandys hinunter. Das Zeug stellte ihn nicht halb so zufrieden wie eine Flasche Null negativ, aber er genoss den Geschmack und die damit verbundenen Erinnerungen. Genauer gesagt, einen Teil der Erinnerungen.
»Wieso kredenzt du mir immer dieses Gesöff und glaubst auch noch, ich würde es nicht merken, Drake?«
»Falsch. Ich weiß sehr gut, dass du das merkst, Damien. Über deine Reaktion kann ich mich immer wieder amüsieren. Aber um deine Frage zu beantworten: Neue Geschäftszweige sind immer gut. Und gerade du solltest das zu schätzen wissen, weil dir die Eröffnung eines solchen vor nicht allzu langer Zeit deinen Arsch gerettet hat.«
Damien grinste Drake freudlos an und trank dann den Rest Brandy in einem Zug aus. Wenn er schon dem Geschmack nichts abgewinnen vermochte, konnte er wenigstens den Schwips genießen. Die Freude über seinen kleinen Triumph hatte sich bedauerlicherweise längst verflüchtigt. Das passierte eben, wenn man ein Adrenalin-Junkie war. Kein Kick kam an den vorherigen heran, weder an Intensität noch an Dauer.
Die emotionale Abgestumpftheit, die er sich zwischen den einzelnen Jobs angewöhnt hatte, war ein seltsamer Segen, aber mittlerweile war er dankbar dafür.
Alistair Drake saß hinter seinem monströsen Schreibtisch und beobachtete ihn aus Augen, die so dunkelblau waren, dass sie fast schwarz aussahen. Die Hände hatte er vor dem Bauch verschränkt. Sein markantes Gesicht verriet keinerlei Regung, abgesehen von dem leichten Verdruss, den der Mann immer ausstrahlte. In seinem dunkelgrauen Anzug hätte man Drake leicht für einen jungen Manager halten können, vor allem auch, weil er mit einem ewig gleichen Ernst den Eindruck vermittelte, seine Position sei mit allerhand Macht ausgestattet.
Niemand hätte ihm den Meisterdieb und Mörder angesehen, den Chef eines straff geführten Netzwerks, dessen Angehörige alle in der gleichen Branche wie er tätig waren. Er war in der Tat ein mächtiger Vampir. Ein Mann, der zu Recht gefürchtet war.
Auch Damien hätte ihn gefürchtet, wenn er so etwas wie Angst noch empfunden hätte. Aber das war vorbei. Um Angst zu haben, musste man sich um die Zukunft sorgen, und er hatte schon vor langer Zeit gelernt, nur noch für den Augenblick zu leben. Sich langfristig Sorgen zu machen hatte wenig Sinn, vor allem jetzt, da er offensichtlich einen sicheren, einträglichen Job für den Rest seines Lebens hatte, wie lange dieses auch immer dauern mochte. Offenbar hatte es seine Stellung gestärkt, dass er die Erbin einer lange erloschenen Vampirdynastie unterstützt hatte … auch wenn er seine Hilfe nicht völlig aus freiem Willen angeboten hatte. Aber zu seiner Überraschung hatte er die Gesellschaft der Vampire genossen, die er über Lily MacGillivray, die Führerin der wiedergeborenen Lilim, kennengelernt hatte.
Natürlich hatte es seinem Ansehen bei Drake nicht geschadet, dass seine neuen Freunde ausnahmslos mächtige Vampire waren – Vlad Dracul; Ty MacGillivray, Lilys Mann; Jaden, der Verbindungen zu einem Rudel Werwölfe geknüpft und es geschafft hatte, dies zu seinem und zum Vorteil der Lilim insgesamt zu nutzen. Die Werwölfe der Thorn schienen keine schlechten Kerle zu sein, wenn man den Hundegestank ausblenden konnte.
»Was ist jetzt, Damien, übernimmst du den Auftrag oder nicht?«, fragte Drake und lehnte sich ein wenig zurück, als wäre ihm die Antwort vollkommen egal. Die Masche kannte Damien bereits, und sie blieb in der Regel auch nicht ohne Wirkung. Aber sie beide kannten sich schon zu lange. Für einen so heiklen Auftrag brauchte Drake seinen besten Mann. Und trotz der Fehler, die letztlich zur Zusammenarbeit mit den Lilim geführt hatten, stand Damien immer noch im Ruf, der Beste zu sein.
Damien seufzte, stellte das Glas auf einen der vielen Papierstapel, die den teuren Schreibtisch bedeckten, und zuckte gleichgültig mit den Schultern.
»Warum nicht? Zumindest könnte es ja ganz interessant werden.«
Drakes Mundwinkel zuckten. »Und wenn du das Zielobjekt findest, kann es dir ja alle drängenden Fragen über Grigori-Frauen beantworten.« Er griff nach einer schmalen Aktenmappe und reichte sie Damien. Neugierig schlug Damien sie auf und überflog das einzelne Blatt Papier, das sich darin befand. Daran angeheftet war ein Foto vom Format neun mal dreizehn, auf dem aus einem Gedränge heraus drei Menschen in die Kamera lächelten. Dahinter stand, weiß eingekreist für den Fall, dass der Betrachter blind war, ein weißhaariger Riese, der sich seinen Weg durch die Menge bahnte. Der Grigori war auf dem Bild nur im Profil zu sehen, aber Damiens Ansicht nach würde es reichen, ihn zu erkennen. Schließlich liefen einem derartig merkwürdige Vertreter der Vampirwelt nicht permanent über den Weg.
Damien schaute auf und blickte in Drakes unergründliche Augen. »Viel ist es nicht. Die Führung will, dass dieser Sammael gefunden wird, es soll jedoch nicht bekannt werden, dass sie nach ihm suchen. Ich soll, nach Möglichkeit, die Finger von ihm lassen. Sobald sein Aufenthaltsort ermittelt wurde, soll ich sie benachrichtigen, außerdem schlagen sie …«, er machte eine Pause, um die Anweisungen noch einmal zu überprüfen, »… ein paar sehr interessante Methoden vor, wie man ihn, falls nötig, bändigen soll. Um die dafür benötigten Gegenstände aufzutreiben, werde ich einige Läden abklappern müssen, aber abgesehen davon schaut das Ganze nach völlig normaler Arbeit aus.«
»Trotz der seltsamen Auftraggeber, meinst du wohl«, erwiderte Drake. »Aber die Informationen, die wir dadurch erhalten, sind Gold wert. Schau, wir wissen bereits, wie aufwendig es ist, einen dieser Riesen auszuschalten. Aber ich habe so ein Gefühl, dass deutlich mehr hinter dieser Sache steckt. Das sieht nur oberflächlich so aus, als sei bereits alles so gut wie in trockenen Tüchern.«
Damien nickte. »Offensichtlich. Ansonsten wären sie nicht zu uns gekommen. Ich halte Augen und Ohren offen.« Er grinste. »Ich kann nur hoffen, dass es mit diesem Sammael nicht zum Kampf Mann gegen Mann kommt. Ich würde ihm nur ungern Gelegenheit geben, mich zu zerquetschen – du kennst ja die Geschichten darüber, wozu sie fähig sind.«
»Wenn ich an den Kerl denke, der wegen des Auftrags hier hereinspaziert ist, glaube ich diese Geschichten sofort«, sagte Drake. »Einen Grigori aus der Ferne zu sehen ist gut und schön. Aber aus der Nähe sind das gewaltige Brocken. Und die lächeln auch nie. Der Typ hatte Augen wie ein Serienmörder, nur dass sie violett waren.«
»Ach was. Wenn einer von ihnen so verzweifelt wäre, dass er sich hier bewerben würde, würdest du ihn doch vom Fleck weg einstellen«, spottete Damien, und Drake musste kichern.
»Da hast du wohl recht. Der bräuchte sich nicht einmal irgendwelche Finten einfallen lassen, um seine Aufträge zu erledigen. Wer würde schon Nein zu einem Vampir sagen, der aussieht, als würde er einem nur so zum Spaß Arme und Beine ausreißen?«
»Wo wir gerade beim Kopfgeld sind«, lenkte Damien das Gespräch auf sein Lieblingsthema. »Wie hoch ist es? Und was noch wichtiger ist: Wie hoch ist mein Anteil?«
Drakes Miene hellte sich auf. Dies war, wie Damien sehr wohl wusste, auch Drakes Lieblingsthema. Das war auch einer der Gründe, warum die beiden einigermaßen miteinander auskamen, obwohl ihre Persönlichkeiten in einigen Punkten völlig unterschiedlich waren.
»Das wirst du gern hören. Im Erfolgsfall bekommst du den hier. Und bevor du mir jetzt abhebst: Ich kriege auch einen, nur etwas größer. Er hat beide hiergelassen … als Ansporn.« Drake beugte sich hinunter, um etwas aus der Schublade zu holen, dann legte er einen Diamanten so groß wie die Faust eines Grigori mitten auf den Schreibtisch.
Damien riss die Augen auf. »Zur Hölle noch mal! Denen muss die Sache ja wirklich was wert sein.«
»Schau ihn dir an«, sagte Drake. »Aber wenn du ihn fallen lässt, schlage ich dir den Schädel ein.«
Behutsam nahm Damien den polierten und geschliffenen Diamanten hoch und spürte sofort, wie schwer er war. In jeder Facette funkelte das Licht. Der Edelstein war klar wie Wasser. Es dauerte einen Moment, bis er merkte, dass das Licht aus dem Inneren des Diamanten kam und Wellenlinien an Wände und Decke warf, als wäre der Stein tatsächlich aus Wasser.
»Was ist das?«
»Dieser Titus hat mir erzählt, es sei ein Teil von etwas, das man den Stern von Atlantis nennt.«
Damien runzelte die Stirn. Er hatte schon viele seltsame Dinge gehört und gesehen, aber Juwelen aus untergegangenen Städten waren nicht gerade sein Spezialgebiet. »So so. Und das glaubst du ihm?«
»Diamant ist Diamant.« Drake zuckte mit den Schultern. »Die können heißen, wie sie wollen. Aber wie du siehst, ist das kein gewöhnlicher Diamant. Du weißt, was so etwas normalerweise wert ist – erst recht, wenn er so was Besonderes in sich trägt.«
Damien schaute in den Stein und beobachtete, wie das Licht darin tanzte. Eine merkwürdige innere Ruhe legte sich über ihn wie eine Decke, ein wohltuendes Gefühl zu schweben, zu treiben. Einen Moment lang schienen all seine beruflichen Erfolge bedeutungslos und wurden ersetzt von der simplen Wahrheit, wie unglaublich schön Licht im Wasser war.
Den musste er haben.
»Gibt es sonst noch etwas, das ich wissen sollte? Ich würde gern loslegen.«
Genüsslich lächelnd streckte Drake die Hand aus, und widerwillig trennte Damien sich von dem Edelstein. Sehnsüchtig musste er mit ansehen, wie der Diamant wieder in der Schublade verschwand. Innere Ruhe, Zufriedenheit – zwei Dinge, nach denen er sich im Grunde seines Herzens viele Jahre lang gesehnt hatte, ehe er die Hoffnung aufgab, beides jemals zu finden. Und plötzlich kam es ihm vor, als könne er beides durch etwas so Einfaches und doch so Außergewöhnliches wie das Stück eines antiken Steins erlangen. Man konnte nie wissen.
Damien wurde unbehaglich. Er versuchte, diese neue Sehnsucht zu verdrängen. Ihm gefiel es nicht, wenn er etwas zu sehr wollte. Jedes Mal, wenn er sich wirklich etwas gewünscht hatte, war die Sache in Windeseile den Bach runtergegangen. So war er überhaupt erst zum Vampir geworden.
»Eine Liste von Orten, an denen du die Suche beginnen kannst, findest du auf dem Blatt«, sagte Drake, »dazu noch einige mögliche Kontakte. Titus vertrat die Ansicht, du würdest aus diesen Personen mehr Informationen herausholen als irgendwer von ihnen.«
Damien war vollkommen überrascht. Noch ein Gefühl, das er nicht gewohnt war. »Er hat speziell mich angefordert?«
Drake nickte. »Ausdrücklich. Ich habe ihn gewarnt, dass du eine furchtbare Nervensäge bist, aber er hat sich nicht davon abbringen lassen. Offenbar haben sie auf alles Mögliche ein Auge.«
»Beobachter«, sagte Damien. Er verzog den Mund, obwohl er sich in seiner Eitelkeit außerordentlich geschmeichelt fühlte. »Manche nennen sie so. Sie sind gruselig, Drake. Das habe ich ernst gemeint.«
»Ja, schon gut, sie sind reich und gruselig. Das ist für uns doch nichts Neues. Da gab es schon Schlimmere. Du schaffst das schon. Jetzt zieh endlich los. Ich weiß, dass du allein fürs Packen immer Stunden brauchst.«
Damien grinste spöttisch und verbeugte sich leicht. »Zu Euren Diensten, wie immer, mein Gebieter.«
Drake verdrehte die Augen. »Erspar mir deine pseudovornehme Tour, Damien. Jede Wette, dass der Großteil deiner Vorfahren vom Pöbel geköpft wurde, wenn sie nur ansatzweise so waren wie du.«
»Vielleicht ein paar«, antwortete Damien, dann drehte er sich um und ging zur Tür. Drake kannte ihn einfach zu gut. Er würde tatsächlich Stunden zum Packen brauchen. Er war gern auf alle Eventualitäten vorbereitet, und seine Sorgfalt bei der Kleiderauswahl war seit jeher eine seiner Schwächen gewesen. Hatte ihn sein Vater nicht wegen der horrenden Schneiderrechnungen verflucht? Dazu die Schulden im Club? Und noch an einigen anderen Orten in der Stadt. Aber wenn man schon nicht Erbe, sondern nur Zweitgeborener war – so hatte Damien immer gedacht –, dann war es jedenfalls besser, schön und überflüssig zu sein, als nur überflüssig. Er hatte ein äußerst zügelloses Leben geführt, das aber mit Stil.
Doch das war lange her. Damiens Lächeln erstarb, als er den Türknauf packte. Als Erbe hatte er jetzt ebenso wenig zu erwarten wie damals. Ein Gebieter über nichts. Und dementsprechend verhielt er sich auch weiterhin. Seine Stimmung hatte abrupt umgeschlagen. Er verzog das Gesicht. Er sollte wirklich keinen Alkohol trinken. Dann wurde er immer so rührselig.
»Ach, eins noch«, rief Drake. Damien drehte den Kopf zu seinem Arbeitgeber. »Dass ich das fast vergessen hätte, unglaublich in Anbetracht der Umstände. Es gibt da noch eine Frau.«
Damien grinste so anzüglich wie möglich. »Tatsächlich? Sprecht!«
Drake musste lachen. »Viel weiß ich nicht, fürchte ich, aber das wenige will ich dir nicht vorenthalten. Titus hat angedeutet, dass du möglicherweise einer ihrer Frauen über den Weg läufst, die es sich nicht nehmen lassen wollte, Sammael höchstpersönlich zu suchen.«
»Huch. Ich habe gar nicht gedacht, dass die Grigori überhaupt irgendwas höchstpersönlich tun.«
»Ja, also, besonders glücklich klang er nicht. Falls du ihr begegnen solltest, darfst du ihr nicht helfen. Darauf hat er Wert gelegt. Und du sollst mich sofort verständigen, wenn du sie zu Gesicht kriegst. Ich leite die Information dann weiter.«
»Womit es mit der aufmüpfigen Grigori ein böses Ende nehmen wird«, sagte Damien. »Kapiert. Hoffentlich kann ich sie von einem männlichen Grigori überhaupt unterscheiden. Falls ja, kein Problem. Ich arbeite ohnehin nicht gern mit anderen zusammen.«
»Als ob ich das nicht wüsste.« Drake gab ihm zu verstehen, dass er entlassen war, und widmete sich wieder den Stapeln vor ihm, Aktenmappen voller Aufträge, Dossiers über seine Leute. »Geh jetzt. Denk dir ruchlose Pläne aus. Quäl dich mit Fragen über die richtige Garderobe. Oder was du sonst so für Vorbereitungen zu erledigen hast. Und halt mich diesmal gefälligst auf dem Laufenden.«
»Tue ich das nicht immer?«
»Nein.«
Damien winkte ihm über die Schulter hinweg überheblich zu und verließ das Zimmer, froh, Drake der Eintönigkeit des Papierkrams überlassen zu können. Das Adrenalin war wieder auf dem Vormarsch, hervorgerufen von dem Versprechen auf neue Abenteuer. Trotz allem, was ihm im Leben widerfahren war – in beiden Leben –, nie hatte er die Freude an der Jagd verloren. Und wenn dazu noch die Aussicht auf weibliche Ablenkung lockte? Umso besser. Allerdings bezweifelte er stark, dass ihn die Grigori interessieren würde. Trotzdem – allein aus Neugier freute er sich bereits darauf, ihr zu begegnen … und ihr zu zeigen, was ein echter Jäger war.
Ja, dachte Damien mit einem Raubtierlächeln auf den Lippen, es war höchste Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen.
Seit einem Monat war sie nun schon in der Welt unterwegs.
Ariane suchte die schwach beleuchtete Bar nach bekannten Gesichtern ab, während sie an ihrem Chocolate Martini nippte. Sie konnte es immer noch kaum glauben, dass sie sich nicht mehr in der Wüste befand. In manchen Nächten kam ihr dies alles wie ein Traum vor. Dann wieder, so wie heute Abend, schien ihr ihr früheres Leben unwirklich. Hier draußen herrschten Betriebsamkeit, strahlend heller Glanz, pulsierendes … Leben. Verglichen damit wirkte das Reservat der Grigori luftleer, tot.
Schade, dass es ihr immer noch so schwerfiel, sich an diese so faszinierende Welt anzupassen. Aber sie würde sich nicht entmutigen lassen. Und irgendwann in – hoffentlich nicht allzu ferner – Zukunft würde sie aufhören, jeden ihrer Schritte, jede Handlung, jedes Wort ständig zu hinterfragen. Dann würde sie hierhergehören. Denn Arianes Entschluss stand fest: Selbst wenn sie Sam fand, würde sie nie wieder zurückkehren.
Die Unterhaltungen um sie herum brandeten auf und ab, doch zum Glück interessierte sich niemand besonders für die kleine, dunkelhaarige Frau am Tresen. Sie rückte unauffällig ihre Perücke zurecht, die kratzig, viel zu heiß und auch sonst total unbequem war. Ariane malte sich für einen Moment mit Freude aus, wie sie das Ding nachher abnehmen und sich ihre arme Kopfhaut ordentlich kratzen würde. Dass ihr Teint und ihr Aussehen insgesamt hier ungewöhnlich waren, hatte sie gewusst. Nicht so klar war ihr hingegen gewesen, dass in der Welt der Menschen das, was sie für »ungewöhnlich« hielt, »noch nie da gewesen« war. Sie fiel völlig aus dem Rahmen. Sogar unter Vampiren, die auf ihre Gesellschaft nicht gerade scharf waren, wie sie rasch herausgefunden hatte. Lag es daran, dass die Grigori am liebsten unter sich blieben? Hielt man sie für Snobs? Ariane hatte keine Ahnung, und es schien auch niemand geneigt, sie aufzuklären. Stattdessen ging man ihr lieber weiträumig aus dem Weg. Das war nur ein weiterer Grund, aufgebracht darüber zu sein, wie abgeschieden sie tatsächlich gelebt hatte. Und nachdem sie nun einen Monat von zu Hause fort war, hatte sie viele Gründe gefunden. Sie wollte möglichst alles in sich aufsaugen, alles erleben. Aber im Großen und Ganzen hatte sie bislang lediglich beobachtet. Sogar die Vampire hier sprühten vor Leben und ließen ihren Gefühlen freien Lauf. Etwas, das sie während der langen Jahre in der Wüste nicht einmal ansatzweise kennengelernt hatte.
Konnte sie werden wie sie? Mit der Zeit vielleicht. Falls man sie akzeptieren würde. Mit der Zeit …
Ariane nippte erneut an ihrem Drink und genoss den Schokoladengeschmack ebenso wie das leicht euphorisierende Gefühl, das ihr das Mixgetränk verschaffte. Eigentlich genoss sie es auch, hier in dieser Stadt zu sein, so weit das angesichts der Umstände eben möglich war. Charlotte, North Carolina, war Sams letzter bekannter Aufenthaltsort – dies hatte ihr Sariel noch verraten, ehe er ihr wegen der Suchaktion einen Dämpfer verpasst hatte. Deshalb war sie hierhergekommen. Und bislang hatte sie nicht viel herausgefunden, das für eine Weiterreise gesprochen hätte. Ehrlich gesagt hatte sie noch gar nichts herausgefunden. Und das war das Problem. Vielleicht würde sich das heute Abend ändern, wenn die nette Empusa, die sie neulich kennengelernt hatte, die Wahrheit gesagt hatte. Angeblich könnte ihr ein Mann, der hier häufig Gast war, weiterhelfen.
Hoffentlich stimmte das. Die Stadt war zwar ganz hübsch, Ariane war aber nicht auf Urlaub hier. Irgendwo in dieser Gegend war Sam. Davon war sie überzeugt. Sie musste jetzt einfach ein bisschen Glück haben, und das möglichst bald, denn je länger Sam fort war, desto geringer waren die Aussichten, dass er wieder zurückkommen würde.
Die Lichter in der Bar hüllten den Tresen aus Mahagoniholz in ein mattblaues Licht. Am anderen Ende des Raums spielte auf einer kleinen Bühne ein Jazztrio ein langsames, eingängiges Stück, und an der Theke, an den hohen schmalen ringsum verteilten Tischen und in den geräumigen bequemen Nischen entlang der Wände unterhielten sich die Gäste. In elegantes Schwarz gekleidete Kellnerinnen und Kellner glitten alle paar Minuten vorüber. Ariane musterte sie alle. Nicht ein Vampir unter ihnen. Aber sie war geduldig. Und schließlich, gegen halb elf, tauchte endlich einer auf.
Ariane hatte gerade einen weiteren Drink bestellt, als sie aus den Augenwinkeln heraus am Eingang eine Bewegung wahrnahm. Neugierig drehte sie den Kopf. Sie war sich mittlerweile ziemlich sicher gewesen, dass der Mann, auf den sie wartete, nicht mehr kommen würde. Aber statt eines weiteren Pärchens oder einer Clique junger Sterblicher, für die der Abend um diese Zeit erst anfing, erblickte sie … ihn.
Er spazierte mit der Anmut eines Jägers herein, als gehörte der Laden ihm. Ariane registrierte seine breiten Schultern, die dunkelblonden, vorne ein wenig hochgegelten Haare, die makellose Jeans, das perfekt sitzende Sportjackett über dem weißen Button-down-Hemd mit offenem Kragen. Alles Merkmale des Typs, der ihr allmählich vertraut wurde: ein junges Blaublut mit altem Geld. Wären da nicht die winzigen Anzeichen gewesen, die nur einem Vampir auffielen, wenn er seinesgleichen begegnete. Er war einfach ein bisschen zu blass, ein bisschen zu anmutig … und mehr als nur ein bisschen zu gut aussehend, um ein Sterblicher zu sein. Als er zum Jazztrio hinüberschaute, betrachtete Ariane ausführlich sein Profil. Der Anblick gefiel ihr.
Von allen Vergnügungen, die sie außerhalb der Wüste bisher entdeckt hatte, war der Anblick der scheinbar endlosen Vielfalt männlicher Vampire einer ihrer liebsten. Vor allem, weil man ihr so oft vorgebetet hatte, dass die Grigori ausschließlich Krieger wollten. Sie war große, muskelstrotzende Kerle gewöhnt, die aussahen, als würden sie sogar zu Hause das Schwert oder die Axt schwingen. Ihr war gar nicht klar gewesen, dass sich nur die Grigori auf dieses reduzierte Männerbild beschränkten. Der Neuankömmling entsprach eher ihrer Vorstellung von einem hübschen Märchenprinzen, über die sie ab und zu Geschichten gelesen hatte. Dann blieben seine kalten blauen Augen, die suchend den Raum überflogen, an ihr hängen. Sofort wurde Ariane noch etwas klar: Dieser Vampir war gefährlich.
Als sich ihre Blicke trafen, sah sie in seinen Augen nichts als eiskalte Berechnung. Er war auf der Suche nach etwas oder jemandem, und sie war es nicht. Jedes Gefühl von Wärme, das sie bei seinem Anblick empfunden hatte, verflog … und dennoch konnte sie den Blick nicht abwenden.
Er offenbar ebenso wenig. Er schaute kurz weg, aber gleich wieder zu ihr hin. Ariane wusste nicht, wieso sie ihn eigentlich so anstarrte. Ihr war sofort klar gewesen, dass dies nicht der Mann war, auf den sie wartete. Den hatte man ihr als zierlich und dunkelhaarig beschrieben. Noch eine Zufallsbekanntschaft würde sie nicht weiterbringen, schon gar nicht eine mit einem Vampir, der aussah, als ob er ihr ebenso gut einen Dolch in den Hals bohren wie ein paar freundliche Worte mit ihr wechseln könne. Aber irgendetwas zog sie zu ihm hin. Und während sie ihn noch musterte, zog er spöttisch fragend eine Augenbraue hoch, was ihren Ersteindruck kaum zu mildern vermochte, doch sein kalter Blick schien daraufhin etwas wärmer zu werden.
Sie spürte, wie sie errötete, und senkte, von dieser Reaktion äußerst unangenehm berührt, sofort den Kopf. Stirnrunzelnd betrachtete sie ihr Glas und holte erst einmal tief Luft. Auch wenn sie behütet aufgewachsen war, war sie doch nicht so naiv. Bei ihrer Mission war kein Platz für die Bedürfnisse ihres Körpers. Die hatte sie nun schon so lange in den Hintergrund gedrängt, da kam es auf ein paar Monate oder Jahre mehr auch nicht an.
Urplötzlich war dieser Gedanke entsetzlich deprimierend.
Um sich zu trösten, wollte sie gerade den Rest ihres Martinis hinunterkippen, da hörte sie eine warme, einfühlsame Stimme direkt an ihrem Ohr, spürte das sanfte Kitzeln eines Atems, der all ihre Nerven in höchste Alarmbereitschaft versetzte, in Vorfreude auf die kommende Berührung.
Gefährlich. Allerdings, das war er. Und Ariane fragte sich, wie schwierig es wohl sein würde, dieser Art Gefahr zu widerstehen.
Damien betrat das Shades of Blue in der Absicht, Thomas Manon zu finden, sich von ihm auf einen Drink einladen zu lassen, ihm die eine oder andere Information aus der Nase zu ziehen und den Rest der Nacht mit einer willigen Frau etwas Dampf abzulassen.
Unglücklicherweise, und das passte zu Damiens aktueller Pechsträhne, war Manon nirgends zu sehen. Stattdessen ergab ein kurzer Rundblick einen Haufen hirnloser Jugendlicher, ein mittelmäßiges Jazztrio und ein sagenhaftes Paar Beine, das zu einer Vampirin auf einem Barhocker gehörte. Normalerweise hätte er die Beine im Vorbeigehen bewundert und sich dann wieder auf die Suche nach Manon gemacht, hätte ihn die Vampirin nicht so angestarrt.
Es war auch kein bloßes Starren. Sie sah ihn vielmehr so an, als stelle sie sich vor, er wäre eine Schüssel voll Schlagsahne, die sie vernaschen würde.
Vielleicht, dachte Damien, als die Vampirin so süß errötete und den Kopf senkte, würde dieser Abend kein kompletter Reinfall werden, auch wenn Manon sich nicht blicken lassen sollte.
Er ging zu ihr hinüber, beugte sich hinab und sog den verführerischen Duft von Blumen und Vollmond in sich auf, ehe er sie ansprach.
»N’Abend, Kätzchen. Wie wär’s mit ein bisschen Gesellschaft? Ich kann es kaum ertragen, so ein hübsches Ding allein hier rumsitzen zu sehen.«
Als sie den Kopf drehte und ihn anschaute, fielen Damien sofort zwei Dinge auf. Erstens: Was er aus der Ferne für hübsch gehalten hatte, war aus der Nähe betrachtet absolut einzigartig. Und zweitens: Ihre Augen hatten die Farbe schottischen Heidekrauts. Die Kombination konnte nur eines bedeuten.
»Verdammter Mist«, platzte er heraus. »Sie sind die Grigori?«
Sie kniff ihre erstaunlichen Augen zusammen. Ihre Stimme hatte etwas Melodiöses, und sie sprach mit einem leichten Akzent, den er nicht einordnen konnte.
»Ich habe keine Ahnung, wer Sie sind oder was Sie wollen«, sagte sie steif. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich … ich warte auf jemanden.«
Ungläubig schaute Damien zu, wie sie ihm den Rücken zukehrte, ohne ihn noch eines Wortes für würdig zu befinden. Er war ja nun wirklich an schlechte Behandlung gewöhnt (in seltenen Fällen auch an gute, das hing vom jeweiligen Job ab), aber so eiskalt von einer Frau abserviert zu werden, noch dazu von einer, die ihm bei seiner Arbeit dazwischenfunken wollte, das konnte er sich nun doch nicht gefallen lassen.
Abgesehen davon … er wollte sich dieses Gesicht noch einmal ansehen.
Eine finstere Miene, dazu ein kleiner bösartiger mentaler Schub, und der Mann auf dem Stuhl neben ihr suchte blitzartig das Weite. Lächelnd ließ sich Damien auf dem vorgewärmten Platz nieder, gab dem Barkeeper ein Zeichen und bestellte einen Dirty Martini. Er wusste, dass sie mitbekommen hatte, dass er jetzt neben ihr saß. Ihr Unbehagen war mit Händen zu greifen, und Damien schämte sich nicht, dies zu genießen. Er hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es besser war, bemerkt als übersehen zu werden, egal, auf welche Art und Weise man dies erreichte.
Schließlich, gerade als der Barkeeper das Glas vor Damien absetzte, sprach sie wieder. Überaus reserviert.
»Wieso sind Sie immer noch da? Ich glaube, ich habe bereits gesagt, dass ich beschäftigt bin, und ich bin an Ihren Annäherungsversuchen nicht interessiert. Bitte lassen Sie mich in Ruhe.«
Ihre Ansprache war ein wenig bemüht und gestelzt und erinnerte ihn an die paar männlichen Grigori, denen er in der Vergangenheit über den Weg gelaufen war. Letztere hatte er allerdings nicht annähernd so charmant gefunden. Neugierig beschloss er, ein wenig mit ihr zu spielen. Mal sehen, was er noch so entdeckte. »Auch wenn Ihnen meine Gesellschaft nicht gefällt, viel mitzuentscheiden haben Sie da momentan nicht. Also lassen Sie es am besten darauf ankommen und genießen Sie es. Es könnte ja auch schlimmer kommen. Beispielsweise könnte ich jetzt einfach aufstehen, rausgehen und die Kavallerie rufen. Man ist auf der Suche nach Ihnen, weil man Sie zurückhaben will. Als Shade bin ich da bestens informiert.« Er neigte den Kopf, sah, wie sich ihre Schultern versteiften, und musste lächeln. Dass er sich in eine Katze verwandeln konnte, hatte ihm während seines langen Lebens nur wenig Zuneigung eingebracht, seine Stellung als Shade verschaffte ihm wenigstens eine gesunde Portion Respekt.
»Übrigens«, fuhr er wie beiläufig fort, »ist das da eine Perücke? Sie ist einfach grauenhaft.«
Wenn er beabsichtigt hatte, dass sie ihn wieder anschaute, wirkte diese Mischung aus kaum verhüllter Drohung und Beleidigung wie ein Zauberspruch. Um ihre Zuneigung zu gewinnen, war diese Methode weniger geeignet. Als Damien nun das Gesicht der Grigori aus der Nähe betrachtete, flammte in ihm überraschenderweise heftiges Begehren auf. Sie legte den Kopf zur Seite und starrte ihn an. Aus ihren leuchtend amethystfarbenen Augen sprühten Wut und Angst gleichermaßen. Damien ignorierte beides und prüfte erst einmal sorgfältig ihre Gesichtszüge: die gebogene Nase mit der frechen kleinen Sommersprosse auf der Spitze, Lippen wie Rosenknospen, fein geschwungene Augenbrauen, lange dunkle Wimpern. Ihr Gesicht hatte eine perfekt ovale Form, betont durch hohe Wangenknochen. Und in diesem Gesicht konnte er die Gefühle lesen wie in einem Buch.
Irgendwie fand Damien ihre Reaktion auf ihn erfrischend. In seiner Branche war Aufrichtigkeit, in welcher Form auch immer, eine Seltenheit.
»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden, aber wenn Sie nicht gehen, dann gehe ich.« Als sie sich erhob, packte Damien sie am Arm und drückte gerade so fest, dass sie es unangenehm spürte.
Er beugte sich vor, damit nur sie ihn hören konnte. »Das glaube ich kaum, meine Liebe. Zum Glück für Sie bin ich heute Abend in Gönnerlaune. Unterhalten Sie mich eine Weile, dann lasse ich Sie vielleicht in Frieden … vorläufig. Was sagen Sie zu meinem Angebot?«
Damien beobachtete, wie sich in ihr Empörung, dann Unsicherheit und schließlich verhaltene Resignation abzeichneten. Was für ein Gesicht, dachte er verwundert. Als Lügnerin wäre sie eine glatte Fehlbesetzung. Und das war ein Problem für sie, denn wer würde sie nicht die ganze Zeit anschauen? Ihm fiel nichts ein, was je betrachtenswerter gewesen wäre.
Der Gedanke kam ihm ungelegen und verstörte ihn. Damien wischte ihn beiseite und konzentrierte sich wieder auf die Hauptsache. Er hatte schon vieles gesehen, das betrachtenswert gewesen war, rief er sich entschlossen in Erinnerung. Jedenfalls wenn es um Frauen ging. Und Frauen wie diese, die so offensichtlich unschuldig war, waren noch nie sein Fall gewesen. Zu viel Mühe für zu wenig Lohn.
Langsam lockerte er seinen Griff, und die Frau sank wieder auf den Stuhl. Widerstrebend ließ Damien sie los. Seine Hand kribbelte, dort, wo er sie berührt hatte. Für einen kurzen Moment verschwand ihre Verlegenheit, und sie warf ihm einen Blick zu, der so kalt und distanziert war, wie es ihrer Dynastie eigentlich entsprach.
Flüchtig fragte er sich, ob es klug war, auf diese Art mit einer Grigori zu spielen. Seine Bedenken hielten jedoch nicht lange an. Seit Jahrhunderten hatte er immer getan, was er wollte, und alles in allem war er damit nicht schlecht gefahren. Warum sollte er das jetzt ändern?
»Ich bleibe. Vorläufig. Aber unterhalten werde ich Sie nicht, Sie … Kater.« Ihr Blick fiel auf Damiens rechtes Schlüsselbein. Da, verborgen unter dem Hemd, befand sich das Zeichen seiner Blutlinie, drei ineinander verschlungene schwarze Katzen in der Form des keltischen Kreises. Es brandmarkte ihn als Cait Sith, als Katzengestaltwandler.
Darauf hätte sie eigentlich nicht so rasch kommen dürfen.
»Woher haben Sie das gewusst?«, fragte Damien.
Die Frau zuckte mit den Schultern, die ihr kleines, ärmelloses schwarzes Kleid freiließ. Instinktiv schaute er auf ihren Hals. Ein Fehler, wie er sogleich wusste. Von den Wundern, die dieses Kleid so exponiert herausstellte, hätte er sich wochenlang ablenken lassen können. Mit einiger Anstrengung wandte er den Blick ab und schaute ihr wieder in die Augen.
»Ich bin gut darin, Leute zu durchschauen«, antwortete sie zurückhaltend. »Das habe ich gelernt.«
»Tatsächlich? Und was hat mich verraten?«
Sie drehte den Kopf und schaute ihren Drink an. »Spielt das eine Rolle? Sie machen sich doch nur wieder lustig über mich, egal was ich sage.«
Der Vorwurf verblüffte ihn … vor allem, weil sie vermutlich recht hatte. Und dieses Wissen beunruhigte ihn, warum auch immer.
»Das werde ich nicht. Ich bin wirklich neugierig.«
Sie schaute ihn nicht einmal an. »Das bezweifle ich. Ihnen ist bloß langweilig. Verschwinden Sie.«
Damien betrachtete ihr Gesicht und sah den Frust, der vermutlich darin begründet lag, dass sie seit Wochen versuchte, sich irgendwie in der modernen Vampirgesellschaft zurechtzufinden. Diese Erkenntnis stimmte ihn ein wenig weicher. Den Grund dafür zu suchen und zu analysieren versuchte er erst gar nicht, aber selbst für seine eigenen Ohren klang seine Stimme seltsam, als er sie zu beschwichtigen versuchte.
»Ich werde nicht gehen, bis Sie es mir verraten. Aber wenn Ihnen das lieber ist, kann ich es auch gern aussitzen.«
Sie sah ihn durch ihre langen dunklen Wimpern an, und in ihrem Blick lag so viel Weltschmerz, dass er sie am liebsten auf seinen Schoß gezogen und gehätschelt hätte. Die Vorstellung hatte tatsächlich etwas Verlockendes … aber Damien war sich ziemlich sicher, dass diese Geste sie wieder an den Anfang zurückgeworfen hätte. Je länger sie sich gegenseitig anschauten, desto unbehaglicher fühlte sich Damien in seiner Haut. Er hatte den Eindruck, als taxiere sie ihn, als beurteile sie ihn nach einem ihm unbegreiflichen Maßstab. Die Intensität, mit der sie sich auf ihn konzentrierte, war ihm so angenehm wie eine Streicheleinheit. Zu seinem Entsetzen hätte er beinahe versehentlich geschnurrt. Aber er schnurrte nicht, für niemanden. Für niemanden. Und schon gar nicht für so etwas Billiges wie ein wenig Aufmerksamkeit.
Schließlich gab sie seufzend nach. »Einmal Ihre Augen. Die Pupillen verändern sich im Licht auf besondere Weise. Sie ähneln denen einer Katze, wenn man genau hinschaut. Vor allem aber war es die Art, wie Sie sich bewegen. Ich habe darüber gelesen, aber die Worte werden Ihnen nicht gerecht.«
Er runzelte die Stirn, überrascht von der Ehrlichkeit ihrer Antwort. »Ach?«
Sie nickte. Offenbar wusste sie, wovon sie sprach, was Damien lächerlicherweise schmeichelhaft fand. Noch nie hatte eine Frau seine Bewegungen sonderlich erwähnenswert gefunden … außerhalb des Bettes natürlich.
»Ja«, sagte sie. »Sehr anmutig, sehr geschmeidig. Sehr …«
Sie ließ den Satz unvollendet. Offenbar hätte sie fast mehr gesagt, als sie eigentlich wollte. Damien sah, dass sich ihre Wangen wieder röteten.
»Na ja, es ist irgendwie einzigartig. Deshalb …« Sie schaute ein wenig verlegen drein, packte den Martini und trank einen großen Schluck. Dann schaute sie ihn aus schimmernden Augen über den Rand des Glases hinweg an. Und auch Damien war nun etwas verlegen. Alle Vampire sahen sehr gut aus. So gut, dass es nach einer Weile schon langweilig wurde. Aber diese hier war ein wahres Kunstwerk. Bildhauer hätten ihr Konterfei für Tempel verwendet; berühmte Dichter hätten Meisterwerke geschaffen, um ihre Schönheit in höchsten Tönen zu preisen, und sich dann ihretwegen zu Tode gesoffen. Das konnte er sich lebhaft vorstellen.
Nur dass sie sich benahm, als hätte man sie die letzten fünfhundert Jahre in eine Kammer gesperrt.
Der Alkohol schien ihr etwas Mut zu machen. Damien hob sein Glas, das neben ihrem Ellbogen stand, und nippte. Er war gespannt wie ein Flitzebogen, was sie als Nächstes sagen würde.
»Glauben Sie wirklich, dass dies der rechte Ort ist, um über solche Sachen zu sprechen?«, fragte sie. »Hier, in aller Öffentlichkeit?«
