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Die Nacht, in der die Hoffnung starb, begann an einem Tag, wo Licht und Dunkel sich finden, um in der Dämmerung zu versinken. Der Krieg mit den Namenlosen hat begonnen. Ein neues Dunkles Zeitalter droht Erea zu verschlingen. Abscheuliche Kreaturen aus der Anderswelt durchstreifen das Land und bringen ungekannte Schrecken über die Lebenden. Reiche zerfallen, Städte verglühen zu Asche – während in der Dunkelheit verborgen vor aller Augen die Diener des Namenlosen Gottes ihre Krallen wetzen. Alte Feindschaften verblassen. Neue Bündnisse müssen geschmiedet werden, um dem erbarmungslosen Ansturm standzuhalten. Doch wie viel Zeit bleibt der Welt? Können die Sharur, Hüter allen Lebens, den Frieden unter den Reichen bewahren? Alaric, Großinquisitor der Sharur, weiß: Nur in Einheit lässt sich der Weltenbrand verhindern. Auf sein Geheiß begibt sich Samas auf eine gefährliche Reise in den Süden. In Lykosura stehen Mira und Pheros vor der nahezu unmöglichen Aufgabe, das Reich gleichzeitig von innen und außen zu verteidigen — während die angestrebten Friedensverhandlungen mit Makhai auf Widerstand stoßen. Diesmal jedoch stehen sie nicht mehr allein. Die Sieben kämpfen an ihrer Seite. Ungebrochen und standhaft, doch können sie auch diesmal siegreich sein?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
WELTENBAUM VERLAG
Vollständige Taschenbuchausgabe
12/2025 1. Auflage
Erea – Der Zorn des Namenlosen
© by Arin Wolf
© by Weltenbaum Verlag
Egerten Straße 42
79400 Kandern
Umschlaggestaltung: © 2025 by Magicalcover
Lektorat: Julia Schoch-Daub / Feder und Flamme Lektorat
Korrektorat: Petra Schütze
Buchsatz: Giusy Amé
Autorenfoto: Privat
ISBN 978-3-69067-022-7
www.weltenbaumverlag.com
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.
ARIN WOLF
Erea
Der Zorn des Namenlosen
High Fantasy Romance
Band 3
Für wahre Freunde und
treue Herzen.
Loyal und unverzichtbar
Liebe*r Leser*innen,
willkommen zurück in Erea! Bist du bereit für die nächste Etappe unserer Heldenreise?
Das Reich der Dunkelelfen haben wir hinter uns gelassen und dafür das Land der Schwarzen Flut betreten. Diesmal werden wir sogar noch tiefer in das Herz Lykosuras vordringen und selbst die dortige Unterwelt genauer in Augenschein nehmen. Auch völlig neue Gestade ergründen wir diesmal. Von Maru und der Roten Wüste bis hin zur sagenumwobenen Nebelinsel der Sharur wirst du diesmal ganz neuen Helden begegnen. Sogar nach Makhai richten wir unseren Blick, doch wie tief und wie lange?
Das musst du selbst herausfinden. Sei gespannt und wappne dich vor der Dunkelheit, die in allen Winkeln Ereas lauert. Leise flüsternd, sich erhebend und von nichts anderem als dem baldigen Untergang kündend …
– Content Notes findest du am Ende des Buches –
Imerugal
Tor der Götter
SAMAS
Ein Ring aus dichtem Nebel umgab die Inselgruppe von Gal. Kein natürliches Wetterereignis, sondern ein magischer Schutzwall, der ein sicheres Manövrieren ohne genaue Kursvorgabe unmöglich machte.
Zum Glück besaß die fürstliche Fregatte Kaukons einen solchen Kursfinder. Samas beobachtete das Licht, das dem Schiff vorauseilte, während sie eine unheimliche Stille umgab. Innerhalb des Nebels vernahm er lediglich das gelegentliche Knacken der Planken. Die Besatzung wagte nicht zu sprechen und nur leise zu atmen. Es gab keine Möwen, die über ihren Köpfen kreisten und damit die Nähe zu Land preisgaben. Nur diese erdrückende, gespenstische Stille. Die kleinen Härchen auf Samas’ Unterarmen stellten sich auf.
Sie segelten durch ein Grab. Hier und da ragte ein Mast, dessen Segel in Fetzen hing, aus dem Wasser wie ein abgenagter Knochen.
»Unheimlich«, flüsterte Khepri, die neben Samas an der Reling stand. Ihre wachsamen goldbraunen Augen folgten dem Licht. »Was ist das?«
»Das Irrlicht meinst du?«
Sie nickte.
»Im Nebel hausen Lichtgestalten. Sie sind Teil des Zaubers und in der Lage, Freund von Feind zu unterscheiden. Bist du ein Freund, führt dich das Licht sicher durch den Nebel. Bist du ein Feind … na ja, dieser Schiffsfriedhof spricht wohl für sich. Es heißt, dass dieser Schutz vor Jahrhunderten errichtet wurde, nachdem Piraten unter der Flagge Doraq des Schlächters auf Gal gelandet waren, um zu morden und zu plündern. Sogar die damalige Pythia sollen sie ermordet haben.«
Jedes Kind kannte die Gruselgeschichten des schwarzen Geisterschiffs Skotia und jeder fürchtete den untoten Kapitän. Dass es diesen Mann einst in irgendeiner Form gegeben haben musste, erschloss sich ihm durch den Nebelzauber. In jeder Legende ruhte wenigstens ein Funke Wahrheit.
»Was bedeutet Imerugal?«
»Du weißt es nicht?«
Die Prinzessin wirkte beschämt, was ihn seine Frage sofort bereuen ließ. »In Maru glauben wir an die Lehren des Goldenen Drachen, nicht an die Acht guten Götter. Weder singen wir die Lieder des Weltensangs, noch erlauben wir uns die Interpretation der göttlichen Absicht. Göttlichkeit liegt für uns in der gerechten Handlung.«
Samas’ Hand schob sich über ihre, die die Reling umklammerte. »Entschuldige. Ich habe es nicht so gemeint.« Eigentlich doch, aber er hatte nicht bedacht, dass die meisten Völker unterhalb der Roten Wüste einer eigenen Religion folgten. Er hatte ihr nicht das Gefühl vermitteln wollen, ungebildet zu sein. Sein Feingefühl ließ dieser Tage wirklich zu wünschen übrig.
Zum Glück war Khepri nicht nachtragend. Sie machte eine wegwischende Geste und lächelte wieder. »Erzähl es mir.«
»Gal besteht aus drei Inseln, die dicht beieinander liegen. Gal bedeutet Götter in der toten Drachensprache.«
»Arkad?«
»Alt-Arkad. Das heute noch geläufige Arkad spricht man nur in Lykosura. Dort, wo die letzten Drakestai zu lebenden Waffen geschliffen wurden, um in der Schwarzen Streitmacht des Kaisers zu dienen.« In Samas’ eigener Familie gab es auch Drakestai. So etwa seinen Vater und älteren Bruder Shim, aber keiner von ihnen sprach den alten Dialekt. »Wir haben nur Bruchstücke von Überlieferungen dieser Sprache. Die drei Inseln sind älter als der Zwillingskontinent.«
Khepris Brauen hoben sich. »Du meinst, diese Inseln gab es schon, bevor der Zerreißende den Kontinent spaltete?«
Das erleichterte Aufatmen der Besatzung lenkte Samas’ Blick kurz fort von ihr. Genau in diesem Moment durchbrachen sie den Nebel und strahlender Sonnenschein empfing sie, begleitet von einer sanften Brise, die über die Wellen zog.
Die Vorboten des Frühlings.
Das Mondfest und damit auch das Neujahr standen vor der Tür. Eigentlich liebte er das Fest, doch die Aussicht, ohne Mira zu feiern, minderte die Freude darauf. »Angeblich war dies das Land der Götter, bevor sie uns erschufen.« Samas machte eine kurze Pause und durchlief in Gedanken die Lehren. »Ganz im Norden befindet sich Venugal. Die Hand der Götter. Auch bekannt als Magierinsel. Es beherbergt die größte Lehranstalt für magiebegabte Wesen. Helix. Die Insel hat die Form einer geöffneten Hand. Dort habe ich studiert. Die mittlere Insel wird Azugal genannt. Das Wort der Götter. Hochburg des Glaubens und Sitz der Pythia. Da gibt es nur den Tempel und viel Wald. Imerugal ist Das Tor der Götter und Heimat der Sharur.«
Samas lehnte sich gegen das Holz und blickte der Landmasse entgegen, die immer größer wurde, während Khepri über seine Worte nachzudenken schien. Er erspähte das kleine Fischerdörfchen, an das er sich so gut erinnern konnte. Etwa ein Dutzend Buden reihten sich am Ufer auf und jede Menge Boote, vertäut an Landungsstegen. Eine Handvoll Sharur saß dort und werkelte an ihren Fischernetzen. Jeder Stein war auf dem anderen geblieben. Viele Sommer hatte er auf dieser Insel verbracht, zusammen mit Mira.
»Sie lassen das Beiboot ins Wasser?«, erklang Khepris Stimme. Da erst bemerkte er das rege Treiben an Deck. Seile wurden geworfen und Anweisungen gebrüllt.
»Um mit dem gesamten Schiff zu ankern, fehlt es auf dieser Seite der Insel an Tiefe. Die Westseite ist der Flotte des Großinquisitors vorbehalten. Wenn ich mich richtig erinnere, dann ankerten dort während der Wintermonate um die 100 Schiffe.«
Khepris Augen weiteten sich. »Eine Armada, die die Welt angreifen könnte.«
Samas nickte. »Zum Glück scheren sich die Sharur nicht um Land und Besitz. Sie bevorzugen es, auf ihrer Insel zu bleiben und nur dann die Kontinente zu betreten, wenn ihre Anwesenheit erforderlich ist. Also wenn es gilt, Kreaturen der Anderswelt zu vernichten, Schwarzlande zu reinigen und an einem der vielen Fürstenhöfe Gericht zu halten.«
»Und wie ist er so? Alaric, meine ich.«
In der vergangenen Woche, in der sie gemeinsam gereist waren, hatte er sie besser kennenlernen dürfen. Die verlorene Prinzessin des Sonnenreichs Maru war nicht erfüllt von Bitterkeit. Auf jeden Fall nicht so, wie man es annehmen sollte, wenn er bedachte, dass Lykosura ihre Heimat erobert und sie damit ins Exil gezwungen hatte. Sie war nicht nur Erbin des Goldenen Throns, sondern auch Sets Nichte und Spionin. Eine Verbündete Makhais. Allein dafür schuldete er ihr die Wahrheit.
»Er ist all das, was die Lieder über ihn sagen.«
Woher ihr explizites Interesse am Großinquisitor kam, verstand Samas sehr gut. Alaric Callean Brennan vom Blute der Istara, Großinquisitor der Sharur und Patron allen Lebens, war auf Brautschau. Und Khepri könnte diese Braut sein.
Obwohl er keinen Adelstitel trug und auch niemals tragen würde, stand Alaric doch in der Pflicht, den nächsten Großinquisitor in die Welt zu setzen. Die Sharur verehrten Istara, ihre Gründerin und erste Großinquisitorin, die das letzte Dunkle Zeitalter beendet hatte. Sie akzeptierten nur ihre direkten Nachkommen als Anführer der Schar. Mehr eine Tradition als offizielle Richtlinie und doch ungebrochen bisher. Die Kinder der Großinquisitoren wurden von klein auf für diese Aufgabe vorbereitet. So war es auch Alaric ergangen und das hatte ihm das Heranwachsen selten leicht gemacht. Darum besuchten Mira und er einst, so oft es ihnen möglich gewesen war, Imerugal.
Könige mochten die Bürde ihrer Ländereien tragen, doch auf Alarics Schultern lastete der Herzschlag der gesamten Welt. Wenn die Pforten aller Neun Höllen sich öffneten, würde man seinen Namen rufen und nicht den eines Königs. Er war die Bastion gegen die Dunkelheit. In seinem Blut ruhte das Erbe und die Macht Istaras. Das allein befähigte ihn dazu, die Anderswelt und all ihre Kreaturen auf Abstand zu halten. Einen ehrenvolleren, undankbareren und gefährlicheren Beruf gab es nicht. Kein Posten, um den Samas ihn jemals beneidet hätte.
Sämtliche Fürsten und Könige rissen sich darum, ihre Kinder mit einem von Istaras Nachkommen zu verbinden. Auf dass ihre Familiennamen ewig im Weltensang besungen wurden. Meist betraf das jedoch nur die zweit- und drittgeborenen Kinder eines Adelshauses, da man von der Frau oder dem Mann des Großinquisitors erwartete, auf Titel und Reichtum zu verzichten. So wie es alle Sharur taten, gemäß ihres Kodex.
In Khepris Fall bot Alarics Name Schutz vor Verfolgung durch Lykosura. Als Erbin des Goldenen Throns stellte sie eine Bedrohung für die alleinige Souveränität des Kaisers über den Sonnenstaat dar. Wenn sie aber als Verlobte des Großinquisitors bekannt wäre, würde niemand es wagen, sie zu verletzen. Gleichsam bedeutete eine solche Hochzeit den Verzicht auf ihren Titel und Anspruch. Wie diese mögliche Ehe und ihr Unterfangen betreffend Maru zusammenpasste, erschloss sich Samas jedoch nicht, doch wer wusste schon, welche Pläne Set va Ankh darüber hinaus schmiedete.
»Alaric ist tapfer und aufopferungsvoll. Ein versierter Krieger. Ein gerechter Mann und Anführer … Aber verrate ihm ja nicht, dass ich das alles gesagt habe! Sonst zieht er mich ewig damit auf.«
Khepri lachte und Samas grinste breit. »Seine Leute folgen ihm nicht grundlos, aber du wirst dir bald selbst ein Bild von ihm machen können.«
Jetzt wirkte ihr Lächeln entspannt. »Danke, Samas.«
»Nicht dafür, Prinzessin.«
Der vertraute Geruch von Salzfisch und Eichen empfing ihn, als sie kurze Zeit später den Steg am Ufer betraten. Ein vertrauter Anblick begrüßte ihn dort.
Alaric.
Da stand er, die Hand lässig auf dem Griff seines Schwertes ruhend, das wiederum an seinem Waffengurt hing. In eine dunkelgrüne Wolltunika gekleidet erschien er als Freund und nicht als Großinquisitor. Der dunkelblonde Haarschopf an den Seiten kurz geschoren, bis auf wenige Millimeter. Die grünblauen Augen, die er mit Mira gemeinsam hatte, waren auf Samas gerichtet. Dabei verzogen sich seine Lippen zu einem Grinsen. Ein Spiegelbild seiner eigenen Gesichtszüge.
»Sam!«, rief er und öffnete weit die Arme. Lachend und beseelt von ehrlicher Freude zogen sie einander in eine Bärenumarmung. Alaric überragte Samas um wenige Zentimeter. Er war auch deutlich muskulöser, gezeichnet vom Leben mit dem Schwert in der Hand. Nicht zuletzt sprachen auch seine Narben davon. Die sichtbarste war die an seiner Unterlippe, die bis hinab zu seinem Kinn verlief. Der Dreitagebart verbarg kaum, was sich an seinem Hals fortsetzte. Im richtigen Winkel betrachtet erkannte Samas die Narbe, die einem einzigen Streich zu verdanken gewesen war. Ein tödlicher Hieb, den Alaric einst nur knapp überlebt hatte.
Rasch verdrängte Samas diese alte Erinnerung wieder, um nicht der Düsternis jener Tage zu verfallen. Viel lieber ergab er sich der gegenwärtigen Wiedersehensfreude.
»Es ist lange her!«
»Viel zu lange!«
Alarics Blick flog über Samas’ Schulter direkt zu Khepri, die sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. Schlagartig wurde der Großinquisitor ernster und seine Haltung straffte sich. Dabei verlor sein Gesicht nichts von der ihm innewohnenden Freundlichkeit. Er deutete eine kleine, aber respektvolle Verneigung an. »Prinzessin, ich heiße euch herzlich willkommen am Tor der Götter.«
Khepri lächelte sanft und zeigte ebenfalls eine angedeutete Verneigung. »Ich danke euch, Großinquisitor.«
Einen Moment länger hielt Alaric ihren Blick fest, bevor er alle dazu einlud, ihm zu folgen. Samas war erstaunt über die Zurückhaltung, die Khepri an den Tag legte. War sie womöglich eingeschüchtert?
Am Ende des Stegs erwartete sie eine kleine Eskorte Reiter, die Krieger der Sharur. Alle Mann mit demselben Haarschnitt wie Alaric oder komplett kahlgeschoren. Die Krieger dieser Zunft kannten keine Eitelkeit, nur praktischen Sinn und Nutzen. Das traf auch auf ihren Kleidungsstil zu, der ganz ohne Schnickschnack auskam. Robustes Leder und einfache Stoffe, die dennoch komfortabel zu tragen waren. Grün und Silber natürlich, die Farben der Sharur.
Der Ritt durch das Tal verlief schweigend. Samas’ Blick glitt dabei immer wieder zu Khepri, deren Augen die Umgebung aufsogen. Für die meisten Festlandbewohner musste dieser Ort mehr Mythos als Wahrheit sein. Dadurch, dass der südliche Kontinent zum Großteil zivilisiert und dicht besiedelt war, gab es für die Sharur nur noch selten Anlass zum Eingreifen. Anders als der nördliche Zwilling, wo das Land noch immer wild war und die Leute in Stämmen oder Stadtstaaten zusammenfanden. Kein Wunder also, dass Khepri voller Neugier dieses sagenumwobene Land in sich aufsog.
Die Insel bestand zum Großteil aus hügeliger Graslandschaft, Ackerfeldern, Wäldchen und acht Siedlungen. Am nördlichsten Punkt thronte auf der Spitze des höchsten Bergs die Sternenwacht.
»Wie geht es Valeria?«, erkundigte sich Samas, nachdem sie ein gutes Stück hinter den anderen zurückgefallen waren.
Ein Schatten huschte über das Gesicht seines Freundes.
Samas erstarrte. »Aru! Sie ist doch nicht gefallen, oder?«
Alaric winkte ab. »Nein! Es ist nur … schwieriger geworden zwischen uns.« Dann stieß er einen gedehnten Seufzer aus. »Diese ganze Brautschausache raubt mir noch den letzten Nerv.«
Das glaubte Samas ihm sofort. Vor allem, da er wusste, wie viel Valeria ihm bedeutete. Nur waren die Umstände ihrer beider Herkunft alles andere als ideal für eine dauerhafte Verbindung. Es gab Erwartungen, die jeder von ihnen zu erfüllen hatte. Eine Pflicht und einen sehr alten Fluch, der es unmöglich machte, miteinander Nachkommen zu zeugen.
»Lass uns bei einer Flasche Wein darüber sprechen«, schlug Alaric vor.
Samas nickte. »Abgemacht.«
Eine Weile herrschte einträchtiges Schweigen, bevor Samas erneut das Wort ergriff. »Was denkst du?«
Ihrer jahrelangen Freundschaft geschuldet wusste Alaric sofort, wovon Samas sprach. Natürlich war der Großinquisitor bestens über die Ereignisse auf dem Kontinent informiert. Etwas anderes hätte Samas auch nicht erwartet. Immerhin standen ihm ein Orakel und ein ganzer Turm voller Meisterspione zur Seite.
»Ich denke, dass Mira unterschätzt wird.« Ein kleines, schiefes Lächeln trat auf seine Lippen. »Erinnerst du dich noch an das Klippenspringen?«
Wie hätte Samas das jemals vergessen können? »Eine Wette zwischen gelangweilten Kindern, die auf einer magischen Insel festsaßen. Mira ist gesprungen, während wir uns gegenseitig schubsen mussten.«
»Also eigentlich habe ich dich geschubst und du hast mich mit dir in den Abgrund gerissen.«
»Stimmt!«
Beide mussten lachen, laut und herzhaft. Es war ein befreiendes Gefühl, das Samas schon viel zu lange vermisst hatte.
»Wenn wir uns einer Sache immer sicher sein können, dann, dass Mira ihrem Herzen folgt und dass sie keine Angst hat, in einen Abgrund zu springen.«
»Ja und genau das macht mir Angst«, murmelte Samas. Gemeinsam hatten sie so viele Abenteuer bestritten. Dabei war er immer an ihrer Seite gewesen, um ihr beizustehen und sie aus dem Chaos herauszuholen, in das sie sich so oft verstricken ließ. Wer stand ihr jetzt zur Seite? Wer half ihr aus dem Abgrund, wenn sie hineingesprungen war?
Alarics Hand fand an Samas’ Schulter. »Sie findet den Weg nach Hause, Sam. Wenn Mira will … kommt sie zu uns zurück. Mach nicht den Fehler zu glauben, dass sie ohne uns nicht zurechtkommt. Dies ist ihre Prüfung.«
Samas wünschte, er besäße Alarics Zuversicht. Nur weil das Gegenteil der Fall war, saß er jetzt auf diesem Pferd mit der Absicht, den Großinquisitor der Sharur um einen unmöglichen Gefallen zu bitten. Das erinnerte ihn daran, dieses sehr spezielle Anliegen noch gar nicht angesprochen zu haben.
»Ja …schau …deshalb bin ich hier. Unter anderem.«
»Kann das warten, bis wir zu Abend gegessen haben?«
»Sicher.«
Bald darauf ließen sie das Wäldchen hinter sich, das sich im Halbkreis um den höchsten Berg der Insel bog. Samas hob den Blick zum Gipfel, wo die Sternenwacht vor ihm aufragte. Ein ebenso imposantes Bauwerk wie die Himmelswacht in Kaukon, sein architektonischer Zwilling. Den Brüdern Jarev und Jaron gewidmet, den erstgeborenen Zwillingssöhnen der Istara. Himmelswacht und Sternenwacht besaßen den Grundriss eines achtzackigen Sterns. Jeder Zacken der Sternenwacht beherbergte einen Turm, der durch die äußere Mauer und den darauf befindlichen Wehrgängen miteinander verbunden war.
Eine breite steinerne Brücke führte zur Toranlage, die sich zwischen dem Turm der Waffen und dem Turm der Winde einfand. Letzterer wurde auch Rabenturm genannt. Der Handel mit Informationen füllte den Alltag der dort lebenden Sharur. Allesamt Spione, die vor allem demRaben Bericht erstatteten. Die Iris-Vögel wohnten ebenfalls unter diesem Dach.
Im Turm der Waffen bezogen die Krieger ihr Quartier. Die Waffenkammer befand sich im Keller und der Trommelturm unter dem Dach.
Als sie in den weitläufigen Innenhof ritten, erspähte Samas die weiße Flamme des Magierturms. Die Kraft von hunderten Sharur-Magiern summte darin. Ein Lächeln stahl sich auf Samas’ Lippen, während er den Blick auf die Turmspitze gerichtet hielt, in der dieses einzigartige Feuer brannte, eingebettet in eine große Waagschale. Der Turm selbst diente den Magiern als Heim und Lehrstätte. Sie erforschten dort vor allem das Andersweltliche.
Der Turm der Wahrheit fing seinen Blick als Nächstes ein. Uraltes Wissen in Form zahlloser Bücher lagerte dort. Die Bibliothek der Sharur, in der das Wissen der Welt aufbewahrt wurde, so hieß es zumindest. Samas’ Lebenszeit reichte nicht aus, um diesem Hörensagen auf den Grund zu gehen.
Eine Taverne mit diversen Gästezimmern gab es innerhalb des Turms des Lebens und wer Heilung suchte, ob körperlich oder seelisch, fand diese im Turm der Ruhe. Manche der acht Zacken verfügten über mehrere Stockwerke, die tief in den Berg hinabführten.
Khepri, die sich an seine Seite begab, nachdem sie abgestiegen waren, würde im Turm des Lebens ihre Unterkunft beziehen. Dort brachte man alle Gäste unter.
Nichts hatte sich verändert.
Ohne sich absprechen zu müssen schritten Alaric und Samas dem Hauptgebäude entgegen. Dem Turm des Himmels. Alarics Erste trat auf sie zu. Sie erreichten einander am unteren Treppenabsatz.
Valeria.
Hexe aus dem Haus des dritten Blutmondes. Das hüftlange Haar streng zum Pferdeschwanz gebunden und blutrot wie ihre Lippen. Alle Hexen ihres Hauses besaßen diese unverkennbaren Merkmale. Der mondscheinhelle Hautton und die schwarze Iris. Wobei Valerias Augen mit einem unterweltlichen Gelbton gesprenkelt waren, was sie als Erbin der Hexenkönigin auswies. Ihr Blick war es, der Samas stets daran erinnerte, welch Raubtier unter ihrer verstörend hübschen Fassade lauerte. Eine grausame Schönheit haftete ihr an. Samas erinnerte sich noch zu gut an die erste Begegnung mit ihr. Heute kam es ihm vor, als läge all das in einer weit entfernten Vergangenheit. In einem völlig anderen Leben sogar.
Falls Valeria sich freute, ihn wiederzusehen, zeigte sie es nicht. Etwas anderes hätte er auch nicht erwartet. Die einzigen beiden Seelen auf dieser Welt, die ihr ein Lächeln abringen konnten, hießen Alaric und Mira. Dem einen hatte sie Treue bis in den Tod geschworen und mit der anderen verband sie ein Band der Freundschaft, besiegelt durch einen Blutschwur.
Valeria hatte nur ein knappes Nicken für ihn übrig, gefolgt von einem ernsten Blick, der Alaric galt. Wie immer kam sie ohne Umschweife zum Punkt:
»Eine Iris brachte Botschaft aus Lykosura … von Mira.«
ALARIC
Der Rabe hatte versucht, Alaric auf diese Möglichkeit vorzubereiten, und doch drang die volle Tragweite dieser Wahrheit erst jetzt zu ihm durch. Nun, da er den Beweis von Miras Abkehr vor Augen hatte, verstand er. Langsam sank er in seinen Sessel, während Samas das Papier auf den Tisch fallen ließ. Kein Wort verließ die Lippen des Prinzen, als er sich umwandte und an das nächstgelegene Fenster trat.
Wie oft hatte er das Schriftstück gelesen?
Alaric hatte nicht mitgezählt. Sein eigener Blick schweifte ziellos durch den Raum, der den Sharur als Ratssaal diente. Gegenwärtig befanden sie sich im Turm des Himmels, ein Stockwerk über der Haupthalle. Der Saal beherbergte einen großen runden Tisch aus massivem Eichenholz mit kunstvollen Verzierungen, die in die Oberfläche eingeritzt waren. Der Kodex der Sharur war darauf verewigt. Überdeckt von mehreren Landkarten, diversen Schriftrollen und kleineren Kisten, die sich darauf türmten. Die vielen Regale und Schränke gefüllt mit Büchern, Schriftrollen und Objekten, die sich im Laufe der Jahrhunderte und der zahlreichen Sitzungen angehäuft hatten. Ein einziges Regal war neu. Das helle Holz hob sich fast schon störend von den restlichen, sehr viel dunkleren Möbeln ab.
Seltsam. Der Ratssaal war ihm ebenso vertraut wie Miras Gesichtszüge und doch waren markante Veränderungen eingetreten, die er nicht hatte kommen sehen. Wenigstens hatten sie jetzt Gewissheit über ihren Verbleib.
Ausgerechnet das imperialistische Lykosura …
Als vor Monaten ihr Verschwinden bekannt geworden war, hätte er am liebsten alles stehen und liegen gelassen, um selbst nach ihr zu suchen. Doch da sie sich als Kampfmagierin einer Kriegspartei angeschlossen hatte, waren ihm die Hände gebunden. Als Großinquisitor war er der Neutralität verpflichtet. Das galt auch für die eigene Familie.
»Was denkst du?«, fragte Samas. Fassungslosigkeit und tiefe Sorge zeichnete das Gesicht seines Freundes. Valerias stechender Blick lastete hingegen schwer auf Alaric. Er spürte es so deutlich, als würde sie ihn mit dem spitzen Ende ihres Dolches pieken, und es nervte ihn.
»Ich verstehe nicht, warum ihr dreinblickt, als wäre Mira tot!« Der Ausdruck auf ihrem Gesicht gewann deutlich an Härte. »Egal, wie sie dorthin gefunden hat, die Entscheidung, dort zu bleiben und sich von Makhai abzuwenden, wird einen triftigen Grund haben.«
»Und wenn sie gezwungen wird?«, sprach Samas aus, woran Alaric nicht mal zu denken wagte.
Valeria stieß ein abfälliges Schnaufen aus. »Hast du vergessen, wozu sie fähig ist? Die Hauptstadt wäre längst ein Häufchen Asche, würde sie irgendjemand zu irgendetwas zwingen wollen.« Sie lachte boshaft und anscheinend auch stolz darüber, weil sie diese impulsive, brachiale Seite mit Mira teilte. Die eine lebte sie nur nicht so offen aus wie die andere.
»Schon vergessen, was sie mit meinem Haus gemacht hat?«
Alaric atmete hörbar aus, während er mit Samas Blicke tauschte. Als könnte auch nur einer von ihnen die Ereignisse des Hexenwaldes jemals wieder vergessen.
»Lykosura bittet offiziell um Hilfe«, fuhr die Hexe unbeirrt fort. »Nicht nur wegen der Namenlosen, sondern auch, um Friedensgespräche mit Makhai einzufädeln. Entsende mich, um das Abkommen unterzeichnen zu lassen. Vorher kann der Imperator ohnehin nicht auf unsere Unterstützung hoffen. Auch nicht auf ein Treffen, um einen Waffenstillstand mit Makhai zu bewirken. Wenn Mira gegen ihren Willen festgehalten wird, werde ich denjenigen zur Strecke bringen, der ihre Ketten hält. Wenn sie aus freien Stücken dort ist, werde ich herausfinden, warum. Ja, ich weiß, wir dürfen nicht parteiisch sein, aber wir wissen alle, das jeder von euch ein Problem mit Lykosura hat. Nur ich komme mit archaischen oder imperialistischen Staatsformen zurecht, also bin ich die beste Wahl, um –«
Unvermittelt erklang eine vertraute Männerstimme im Saal. »Lass mich mit Valeria gehen.«
Schwere Schritte eilten der Ankunft Dorian Redwains voraus. Zweiter der acht Inquisitoren von Gal. Sharur, Magier, Krieger. Teurer Freund und Neffe der Eisfürstin von Neva. Ein Fürstensohn des alten Schlages, der jeden Anspruch auf Erbe und Titel aufgegeben hatte, um Teil der Sharur zu werden.
Ernst und Sorge stand in den braunen Augen des weißblonden Mannes geschrieben. Ein knappes Nicken für Valeria und ein fester Händedruck für Samas folgte, bevor er sich Alaric zuwandte.
»Ich war eben beim Raben. Er hat es mir erzählt«, erklärte Dorian. Wie das Eis seiner Heimat war auch Dorian stets kühl und kontrolliert im Auftreten. Ganz im Gegensatz zu Alarics Erster, deren messerscharfer Blick ihn jetzt wieder zu filetieren schien.
»Sie ist dein Blut!« herrschte sie ihn an, da er noch immer abwog und nachdachte, was in ihren Augen sicherlich einem Zögern gleichkam. »Wie kannst du –«
»Du bist dem Kodex gegenüber verpflichtet, Erste von Gal«, fiel Alaric ihr streng ins Wort. Er hasste jede Silbe davon, denn sein Herz wollte ihr zustimmen, wollte beiden zustimmen, doch das ging nicht. Es gab eine Grenze, die keiner von ihnen überschreiten durfte. Es gab einen Kodex, an den sie sich halten mussten. Andernfalls würde es diesen jahrhundertealten Krieg bis an die eigenen Gestade führen und dafür hatten sie keine Ressourcen übrig. Nicht während die Höllenfürsten sich anschickten, Erea in einen erneuten Weltenbrand zu stürzen.
»Die Sharur werden niemanden umbringen, selbst wenn sie Mira gegen ihren Willen festhalten. Sie hat sich vor Jahren einer Kriegspartei angeschlossen. Nur weil sie die Seite gewechselt hat, ändert sich nichts an der Tatsache, dass sie noch immer einer Kriegspartei dient. Noch gibt es keinen Waffenstillstand. Lykosuras Gesuch werden wir prüfen, und zwar auf angemessene Weise.«
»Und was ist angemessen, Großinquisitor?!«, fauchte Valeria.
Alaric ignorierte ihren Ton und wandte sich stattdessen an Samas. »Was ist dein Anliegen? Wenn wir schon mal hier sind, kannst du es auch gleich vortragen.«
Durch den Themenwechsel signalisierte er seiner Ersten in aller Deutlichkeit, dass dieses Thema beendet war.
Samas zog eine Schriftrolle aus seiner Tasche. »Wenn Lykosura einen Waffenstillstand erbittet, dürfte das hier wohl hinfällig sein, aber … na ja, im Wesentlichen benötigen wir einen deiner Former.«
»Wofür?« erkundigte sich Alaric, während er das Siegel aufbrach und das Papier aufrollte. Cailins Handschrift winkte ihm direkt entgegen. Unverkennbar.
Sterne, seine Cousine schrieb noch immer mit den Füßen. Anders konnte er sich die krakelige Handschrift nicht erklären. In diesem Moment beschloss er, es dem Raben zu überlassen, dieses Wirrwarr an Linien zu entziffern.
»Um einen oder mehrere Talane herzustellen. Wir –«
Talane?! Alarics Blick ruckte in den seines alten Freundes. »Nein«, unterbrach er ihn augenblicklich. »Nein. Ich weiß, was ein Talan ist und ich kann mir denken, zu welchem Zweck Set va Ankh einen solchen haben will.«
Valeria und auch Dorian wirkten alarmiert, hielten sich mit der Sprache aber zurück. Natürlich musste ihnen klar sein, was auf dem Spiel stand, wenn dieser Sturmfürst seine Pläne verwirklichte und die wurden mit diesem Bittgesuch offensichtlich.
Alaric konnte nur mit dem Kopf schütteln. Dass sie überhaupt so weit gingen, ihm dieses Gesuch zu stellen! Eigentlich müsste er ihnen allein dafür Rechte entziehen, die im Abkommen zugunsten Makhais getroffen worden waren. »Euch einen Former zu geben, damit Makhai seine Truppen direkt nach Lykosura führen kann, würde die Sharur zu einer Kriegspartei machen. Streite es nicht ab, die Absicht liegt auf der Hand.«
»Die Zufluchten müssen verschlossen bleiben«, pflichtete Dorian ihm bei.
Irritiert nahm Samas das Schriftstück wieder an sich. »Warum? Es sind doch nur verlassene Kammern, die man einst nutzte, um Schutz vor den Kriegen an der Oberfläche zu suchen, als die Drachen noch ganze Städte von der Luft aus niederbrannten und man von den Kornfeldern nur Asche ernten konnte.«
Erneut schüttelte Alaric ablehnend das Haupt. »Weil uraltes Übel dort eingesperrt wurde. Kreaturen der Anderswelt, die nicht getötet werden konnten. Die Sharur taten ihr Möglichstes, um sämtliche Zugänge zu versiegeln und das Wissen darüber auszulöschen. Darum, Samas, würde ich eher Makhai angreifen, bevor ich zuließe, dass ihr die Zufluchten wieder öffnet.«
Lykosura, Hauptstadt
Irgendwo im angrenzenden Wildwald
MIRA
Kleine Wolken bildeten sich vor Miras Mund, als sie den angehaltenen Atem endlich ausstieß. Frost lag in der Luft, eisig und schneidend kalt. Jeder Atemzug kratzte im Hals. Dabei fiel so weit im Süden des Reichs nie auch nur eine Schneeflocke. Selbst im Winter nicht.
Umso bizarrer mutete die vor ihnen liegende Lichtung an, die vollständig von Schnee bedeckt war. Wachsam glitt ihr Blick über die Handvoll Häuschen aus Stein und Stroh, die sich um einen Brunnen versammelten. Es handelte sich um das Zuhause einer kleinen Gruppe von Leuten, die sich – wegen ihres Berufes zusammengefunden – im Wald eine Bleibe errichtet hatten.
Ein Jäger und ein Gerber mit ihren Frauen. Brüder, wenn sich Mira richtig erinnerte. Ein Kräuterkundler und ein Schmied vervollständigten die Gemeinschaft. Mira kannte beide Frauen beim Namen. Ina und Jera. Sie verkauften auf dem Wochenmarkt ihre Waren. Zwei freundliche Seelen, die sich stets angeregt mit der neuen Beraterin des Kaisers unterhielten. Ganz ohne die Zurückhaltung, die man ihr gegenüber an den Tag legte, seit der Imperator ihren Stand offiziell bekanntgegeben hatte. Die einen begegneten ihr mit Misstrauen, die anderen mit Wohlwollen oder Neugier.
Titanas neuestes Bardenlied handelte von Pheros und ihr. Das hatte zur Folge, dass die jungen Mädchen in der Stadt jetzt ständig kichernd ihre Köpfe zusammensteckten, sobald Pheros an ihnen vorbeikam. Sei es auf dem Markt, den Straßen oder im Palast. Jedermann interessierte sich für die Liebesgeschichte der Sturmfürstin und der Ersten Waffe Lykaons. Die Neugier und eine gehörige Portion Schwärmerei hatten Ina und Jera dazu verleitet, Mira näher kennenlernen zu wollen.
Lautlos legte Lykaja einen Pfeil an die Sehne ihres Bogens. Die Bogenschützin trug ihre volle Kampfmontur: eine pechschwarze Rüstung, die sie von Kopf bis Fuß bedeckte und aus einer Mischung von gehärtetem Leder, robustem Stoff und Drachenschuppen bestand, die Lykaon selbst für seine Tochter angefertigt hatte. Lediglich Halbmaske und Kapuze fehlten, welche das Aussehen aller Waffen Lykaons dominierten. Das lange braune Haar trug sie heute wie eine Krone geflochten auf ihrem Haupt.
Auch Mira war gerüstet für einen möglichen Kampf. Nur nicht in Schwarz gehalten, denn das war allein den Waffen Lykaons und der Schwarzen Streitmacht vorbehalten. Auch trug sie bei weitem nicht so viel Leder am Leib. Lediglich ihre kniehohen, dunkelbraunen Stiefel und die Gürteltasche, die an ihr linkes Bein geschnallt war. Myr zierte ihre rechte Schulter in der Form eines Flügels. Das schulterlange dunkelblonde Haar unfrisiert und lediglich hinter die Ohren geklemmt.
»Haben wir diesen Hinweis deinem Geist zu verdanken?«, erkundigte sich Lykaja flüsternd.
Mira nickte.
Ihr Geist, dachte die Sturmfürstin mürrisch. Eine Seele, dessen Identität niemand kannte. Sie wusste nur, dass es eine Frau sein musste, die nicht damit aufhören wollte, in ihre Gedanken zu flüstern. Diese Stimme kam und ging, wie es ihr beliebte, und sie gab nichts von sich preis. Wenigstens half sie dabei, Probleme zu lösen und erschuf keine neuen. Nur darum duldete Mira dieses sehr spezielle Arrangement. Bisher war jeder ihrer Hinweise nützlich oder wichtig gewesen im Kampf gegen die Namenlosen.
Deshalb saßen sie jetzt auch hier oben auf einem Baum. Wie Vögel auf einem Ast, die Lichtung anstarrend, deren fünf Häuschen mehrere Zentimeter hoch von Schnee bedeckt waren. Eisige Kälte beherrschte diesen Teil des Waldes, bizarr und andersweltlich. Als hätte einer der Götter in die falsche Richtung geniest und dort Frost hinterlassen, wo keiner sein dürfte.
»Namenlose«, murmelte Mira, begleitet von einem Seufzen.
Nun war es Lykaja, die nickte. Dort, wo Miras magische Sinne die Schadmagie erkannten, nahm die Drakestai den modrigen Duft des Todes wahr. Letzteres galt für sie als unbestreitbares Indiz für Schadmagie. So hatten die Waffen es Mira einst erklärt. Inzwischen roch auch sie es und das ganz ohne gesteigerte Sinneskräfte. Beide Frauen sahen einander an und dachten dasselbe. Wenn sie zurückgingen, um Verstärkung zu holen, kam für die Bewohner dieser Lichtung womöglich jede Hilfe zu spät. Die Chancen standen ohnehin schon schlecht, aber wenn sie jetzt noch mehr Zeit verloren, indem sie sich wieder in die Stadt begaben, war das Todesurteil unterzeichnet.
Das Eis oder vielmehr der Zauber, der über dieser Lichtung hing, störte ihre Sinne, die gesteigerten und die magischen. Also blieb ihnen nur eine Möglichkeit. Hingehen und nachsehen. Ohne große Absprache nickten sie einander zu und sprangen hinab vom Baum. Dicht beieinander gehend, halb Rücken an Rücken, näherten sie sich ihrem Ziel. Stille herrschte im Wald, der sie umgab. Nicht ein Tier war zu hören. Weder im dichten Unterholz noch über ihnen am Himmel.
Mira dämpfte ihre Schritte, soweit es ihr möglich war, und blieb abrupt stehen, als jemand sang. Die Tür der hintersten Hütte schwang auf und eine alte Greisin hinkte hinaus. Noch während Mira überlegte, ob sie sich verstecken sollten, zog Lykaja sie mit sich hinter einen Stapel Holzscheite, die an der nächstgelegenen Hauswand aufgestapelt waren. Das Lied der Alten bewirkte eine Gänsehaut bei Mira. Zwar verstand sie die Worte nicht, aber die Tonlage und der Rhythmus lösten Unbehagen in ihr aus. Stimme und Erscheinung sprachen einen alten Instinkt in ihr an: das Bedürfnis, schleunigst das Weite zu suchen.
Auch Lykaja erschauderte, doch keiner von ihnen rührte sich. Beide starrten sie die Greisin an. Bleiche Haut und lange schwarze Haare bedeckten große Teile ihres Gesichts und gebrechlich anmutenden Körpers. Auf den ersten Blick wirkte nichts an ihr ungewöhnlich, doch etwas stimmte ganz und gar nicht mit ihr …
Kein Mensch schoss es Mira durch den Kopf. Das hier war kein Mensch! Sie war … Sie … Die Sturmfürstin hielt den Atem an, als die Alte plötzlich stehen blieb und die Nase schnuppernd in die Luft reckte. Wie ein Bluthund, der eine Fährte aufgenommen hatte. Noch bizarrer wirkte es, als sie den Kopf in einem unnatürlichen Winkel verdrehte und glutrote Augen zwischen den verfilzten Haarsträhnen hervorblitzten.
Direkt in ihre Richtung.
»Nicht gut«, murmelte Mira zeitgleich mit Lykajas »Igitt.«
Nur einen Atemzug später stieß das alte Weib einen schrillen Schrei aus, der Mira durch Mark und Bein ging. Es klang wie das Versprechen eines grausamen Todes.
»Banside!«, rief Mira. Eine verdammte Todesfee!
Türen flogen auf und drei weitere Todesfeen traten hinaus ins Freie. Ihr Kreischen verwob sich zu einer todbringenden Symphonie. Lange Fingernägel, so scharf wie Dolche, wuchsen ihnen aus den Fingern. Das Dröhnen ihrer Schreie wollte Miras Trommelfell zum Bersten bringen. Rasch wirkte sie einen Schallzauber für sich und Lykaja.
»Bannkreis!«, wies die Bogenschützin sie an.
»Schon dabei!« Mira warf einen Ring aus Licht in die Umgebung. Als dieser zu Boden ging, waren sie zusammen mit den Biestern eingeschlossen.
In der Stille, die danach folgte, hätte man eine Schneeflocke fallen hören können.
Dann explodierte die Lichtung.
Blitze und Pfeile zuckten durch die Luft. Schnee wirbelte auf. Die Banside kreischten, sangen, sprachen Flüche und schlugen mit ihren Krallenhänden nach ihnen. In einem einzigen Wirbel aus Metall und Elementen wehrten sich Sturmfürstin und Drakestai gegen ihre Angriffe.
Die verdammten Todesfeen vermochten mit dem Wind zu reisen. So stand eine von ihnen plötzlich dicht neben ihr, obwohl sie eben noch meterweit entfernt gewesen war.
Instinktiv riss Mira den Arm hoch zur Abwehr, einen Schild erzeugend, mit knisternden Blitzen versehen. Die Kreatur schrie auf, als die Ladung ihre Haut versengte, sodass sie zurückweichen musste. So verpasste Mira jedem von ihnen eine Ladung oder sie versuchte es zumindest. Gelegentlich musste sie auch Schutzzauber gegen deren Flüche wirken.
Hier zerfetzte Lykaja einen Arm. Dort durchbohrten ihre Pfeile runzlige Haut, aber es hielt sie nicht auf. Blut spritzte in den weißen Schnee und gegen den grauen Stein der Häuser, schwarzes und rotes. Mira gelang es nicht, auch nur einen gezielt tödlichen Gegenangriff zu landen. Selbst Lykaja, die eine geschliffene Waffe Lykaons war, kam nicht durch das blutige Wirrwarr, um einen tödlichen Hieb zu platzieren. Das aber nur, weil sie sich gezwungen sah, bei Mira zu bleiben, um ihr den Rücken zu decken. Edel, aber alles andere als zielführend. Sie schien zum selben Schluss gekommen zu sein. Zumindest meinte Mira das im hellen Silber ihrer Augen erkannt zu haben. Beide wussten, dass es nur einen Weg gab, diese Sache jetzt rasch zu beenden.
Die krallenbewährte Hand der Banside riss ihr die Seite auf. Stoff und Leder ächzte protestierend und ein scharfer Schmerz durchzuckte ihren gesamten Körper. Von der Hüfte über den Rücken seitwärts hoch. Einnehmender Schmerz flutete Miras Sinne. Sie schrie auf und taumelte rückwärts. Myr allein war es zu verdanken, dass die Krallen der Banside nicht tief genug gingen, um sie einmal sauber entzwei zu teilen. Ihre Magierwaffe formte sich zu einem Schild, der die Bewegung der Kreatur blockte. Noch im Rückwärtstaumeln ließ sie ihren Angreifer den tödlichen Kuss ihrer Blitze spüren. Der rauchende Kadaver ging neben ihr zu Boden, was die verbliebenen Kreaturen nur noch lauter kreischen ließ.
»Mira!«, rief Lykaja entsetzt.
»Schmiede!«, konterte Mira.
Sie sah, wie Lykajas Augen die Farbe von Eis annahmen und ihre gesamte Körperhaltung sich so drastisch veränderte, als stünde eine komplett andere Person hier. Sich die Seite haltend, kroch Mira langsam weg von dem Gemetzel, das die Lichtung verschlang. Dabei wirkte sie die heilenden Fäden, um ein Ausbluten zu verhindern. Was jetzt geschah, war weit davon entfernt, als Kampf bezeichnet zu werden. Es war eine Exekution. In einer einzigen fließenden Abfolge von Bewegungen löschte Lykaja die verbliebenen Banside aus. Sie sprang vor, zog ihre Kurzschwerter, stach zu, wirbelte herum, riss den Kopf vom Rumpf der nächsten und wirbelte weiter.
Brutal. Schnell. Effektiv.
Das Resultat der Kampfkonditionierung, die in jeder Waffe Lykaons wohnte und dank des Drachenbluts in vollendeter Form Gestalt annahm. Gefühle und Emotionen waren für die Dauer dieses Zustands ausgehebelt. Jede Handlung genau berechnet, um zu töten.
Um nicht selbst zum Opfer dieses Todesmalstroms zu werden, erhielt jeder Soldat der Schwarzen Flut einen winzigen Beutel, der eine bestimmte Mischung von Kräutern enthielt und in deren Rüstung eingearbeitet war. Die Waffen erkannten diesen Geruch instinktiv, wodurch der Träger eines solchen Beutels automatisch als Freund eingestuft wurde.
Die einzige Alternative war emotionale Nähe. Der Geruch dieser Person verankerte sich im Unterbewusstsein der Waffe und fungierte gleichsam als Schutz. Ob Miras und Lykajas Verbindung bereits tief genug ging, würde sich bald herausstellen, denn Mira trug keinen dieser Beutel bei sich.
Lykosura, Hauptstadt
Blauer Palast
PHEROS
»Sie haben vor wenigen Minuten das Westtor passiert«, verkündete Ion mit angespannter Miene. Pheros’ Blick flog zur Karte, die an der Wand hing und die Hauptstadt zeigte. Dann dürften Mira und Lykaja in wenigen Minuten den Palast erreichen.
»Was ist?«, fragte Ion, der ihm die Sorge offenbar ansah.
Eine eigenartige Kälte kroch über Pheros’ Flanke den Rücken hinauf. Wie ein Phantomschmerz, den er nicht zum ersten Mal verspürte und sich dann als reale Verletzung irgendwo an Miras Körper offenbarte. Schon seit Wochen nahm er sich vor, dieses eigenartige Empfinden anzusprechen. Ständig hinderte ihn etwas daran. Hier eine Besprechung, da eine Anweisung, dort eine Planung. Sie kamen kaum zu Atem und ausgerechnet heute, da er endlich mal nichts zu klären hatte, war sie mit Lykaja von dannen gezogen. Ganz früh morgens, ohne ein Wort. Nin allein wusste, wohin und warum. Dabei hatte sie ihm versprochen, ihn über ihre Schritte zu informieren. In Lykosura war es noch immer nicht sicher. Die jüngsten Angriffe der Namenlosen machten das deutlich. Egal, wie stark die neuen Schutzrunen an der Mauer auch sein mochten oder wie unwahrscheinlich ein erneuter Direktangriff war, Pheros fühlte sich wohler, wenn er wusste, wo Mira sich aufhielt.
»Ich glaube, Mira ist verletzt«, erklärte Pheros.
Ion stieß ein unwirsches Knurren aus, bevor er sich in Richtung Verbindungstür bewegte, die in den gemeinschaftlichen Speisesaal führte. »Ich frage gar nicht erst, woher du das wissen willst. Ich hole Tyra und Vater.«
Der Imperator leistete seiner schwangeren Lieblingspriesterin gerne Gesellschaft, während diese sich ein paar extra Portionen des Mittagessens schmecken ließ. Tyra befand sich inzwischen im vierten Monat, und das kleine Bäuchlein unter ihren hübschen Kleidern war deutlich sichtbar.
Ion, Lykaon und Tyra betraten zeitgleich mit Mira und Lykaja das Arbeitszimmer des Imperators. Im Zentrum standen zwei lange Tische parallel zueinander. Bücher und Schriftrollen füllten die Regale, die den Raum säumten. Schränke voller Kräuter und magischer Utensilien komplettierten das geordnete Chaos. Von der Decke hingen Objekte, die als Prototyp für verschiedene Zauber dienten. Auf der Galerie ging es genauso weiter. Ein Kamin und bequeme Sitzgelegenheiten gab es. Gegenüber der Verbindungstür zum Speisesaal lag eine weitere, die jedoch zu einem Labor führte.
»Was bei allen Neun Höllen …!«, fluchte Ion und verstummte sofort wieder. Er rümpfte die Nase und auch Pheros entging der Geruch von Blut, aufgewühlter Erde und Moder nicht. Zu zweit schleiften sie einen in einen Teppich gewickelten Körper hinter sich her. Da eine bleiche Krallenhand seitlich heraushing, beschlich Pheros eine Ahnung, was die beiden während der letzten Stunden getrieben haben könnten. Ion nahm ihnen das Ding ab und wuchtete es auf einen der Tische.
Obwohl Pheros’ Muskeln wegen der Vergiftung durch Avinas Klinge noch immer ächzten und er sich schwächer fühlte als er sollte, trat er festen Schrittes auf Mira zu. Mira und Lykaja sahen aus, als kämen sie von einem Schlachtfeld. Sein Sturm hob den Kopf und begegnete seinem Blick, noch bevor er sie erreichte.
»Halb so wild«, sagte sie, sicher im Versuch, ihm zuvorzukommen, doch Pheros ließ sich nicht abwimmeln. Er umfasste ihren Arm und drehte sie so, dass er freie Sicht auf ihre Flanke hatte. Tyra holte scharf Luft, als sie die tiefe, von silbernen Fäden zusammengehaltene Schnittverletzung sah. Pheros’ Kiefer mahlte, während er seine Augen in Miras lenkte, ohne dabei den Kopf zu drehen oder ihren Arm wieder freizugeben. Er war nicht gewillt, den Vorwurf aus seinem Blick zu verbannen. Sie hatte ihm versprochen, sich nicht mehr leichtfertig Risiken auszusetzen. Wenigstens nicht, bis er wieder vollständig genesen war.
Der Imperator stieß einen schockierten Laut aus, der die Aufmerksamkeit sämtlicher Anwesenden auf sich zog. Er hatte den Teppich aufgeschlagen und starrte auf die bleiche, knochige Kreatur darin.
»Was ist das?«, fragte Ion.
Auch Pheros war noch nie so einem Ding begegnet. War das wieder so ein abscheuliches Experiment der Namenlosen? Die geweiteten Augen des Imperators richteten sich auf Lykaja und Mira, voller Unglauben und Staunen. »Ihr habt Todesfeen gejagt?«
»Nicht absichtlich«, erwiderte Mira.
Lykaja nickte. »Ihr Geist hat mal wieder geflüstert.«
Lykaons Stirn legte sich in Falten. »Der Geist hat euch zu diesen Kreaturen geführt?«
Beide nickten. Im Wechsel erzählten sie von der Lichtung und dem Kampf. Die kleine Gemeinschaft, die auf der Lichtung gelebt hatte, war den andersweltlichen Kreaturen zum Opfer gefallen. Ohne den Hinweis von Miras Geist wäre ihnen das Verschwinden dieser Leute erst Wochen später aufgefallen. Hätte man einen Trupp Soldaten ausgesandt, um nach ihnen zu suchen, wären sie wahrscheinlich ebenso getötet worden. Banside ernährten sich vom Leben. Ähnlich wie die wasserliebenden Marits aus der Anderswelt oder die Vampire aus den Schwarzlanden.
Alles Schwellenwesen, die durch ein Schlupfloch in der Barriere nach Erea gelangen konnten. Diese fungierte wie eine Mauer zwischen den Welten, aber sie war nicht undurchdringlich. So hatte Mira es ihm einmal erklärt. Durch Beschwörung konnte man Risse in diese Barriere schlagen und solchen Kreaturen den Zutritt in ihre Welt ermöglichen. Selten geschah es auch ohne das Zutun von Schadmagiern. Das jedoch eher an abgelegenen Stellen in der Welt, wie etwa tief unter der Wasseroberfläche. An Orten wie die Schwarzlande oder in unergründeten Wäldern.
»Ohne diesen Hinweis hätten die Banside sehr viel mehr Leben ausgesaugt«, sagte Lykaja, die sich mit einem Augenrollen von Tyra untersuchen ließ. Miras Schnittwunde und die Reinigung dieser hatte Pheros inzwischen übernommen. Beide Frauen saßen nebeneinander auf dem Tisch und ließen sich verarzten.
Miras Geist. Die Vermutung war einst ausgesprochen worden, dass diese Frau aus den Tunneln, die sie vor dem Großangriff der Namenlosen gewarnt hatte, womöglich ein und dasselbe Wesen war. Nur, weil es sich ihnen als Frau mit langen weißblonden Haaren präsentiert hatte, bedeutete es nicht, dass es sich um die wahre Gestalt handelte. Natürlich hatte Pheros Suchtrupps zusammengestellt, um in den Tunneln nach ihr zu suchen. Ohne Erfolg. Viele der alten Tunnel waren eingestürzt oder zu weitläufig, um eine sichere Rückkehr daraus zu ermöglichen. Letztlich waren sie übereingekommen, keine Energie mehr darauf zu verschwenden. Schließlich stellte der Geist keine akute Bedrohung dar.
»Was ist das für ein Geruch? Und ich meine nicht den generellen Gestank.« Ions Stimme durchbrach den Schleier der Erinnerung, hinter dem Pheros verschwunden war.
»Gift«, antwortete Mira.
Pheros’ Blick ruckte alarmiert zu ihr. Sie neigte den Kopf zur Seite, während sie ihn mit diesem liebevollen Ausdruck bedachte, der nur ihm allein gehörte und für den er ganze Städte niederbrennen würde. Gar nicht so einfach, standhaft wütend zu bleiben, wenn sie ihn so ansah. Noch schwieriger wurde es, als sie ihre Hand ausstreckte, um sie ihm in den Nacken zu legen. Sie lächelte dabei.
»Das Gift der Banside wirkt sehr langsam. Es schwächt das Opfer, bis man träge vor sich hin vegetiert und damit zur leichten Beute wird. Dein Drachenblut hat dich davor bewahrt, dem Gift zu erliegen, aber die anhaltende Schwäche ist damit erklärt.«
Ion stieß ein grunzendes Lachen aus. »Und das ist ein Grund zum Lächeln? Oder ist das Fünkchen jetzt verrückt geworden?«
Mira grinste ihn frech an und Lykaons Mundwinkel hoben sich.
Auch Pheros verstand es jetzt. »Das ist die fehlende Substanz in dem Gift, mit dem Avina mich verwundet hat …«
»Weil Banside nur noch so selten in unsere Welt treten, sind wir nicht darauf gekommen. Bis heute.«
»Darum haben wir das Ding hierher geschleift«, ergänzte Lykaja, und Mira lächelte noch breiter. »Weil wir jetzt ein Gegengift herstellen können.«
LYKAJA
Manchmal wollte sie laut stöhnen und sich über Schmerzen beklagen. Einfach jammern und sich von jemandem den Kopf tätscheln lassen. Dann möge irgendjemand kommen und ihr die Füße massieren. Lykaja stellte sich das herrlich vor, nur leider duldete ihr Vater derlei Verhalten nicht. Deshalb verzog sie keine Miene, während sie sich langsam in den Sessel vor dem Kamin sinken ließ. Der Imperator setzte sich ihr gegenüber auf den Sessel. Mit einer wischenden Handbewegung entfachte er das Feuer und Wärme zupfte an ihrer Haut, während das Gegengift eine ähnliche Hitze in ihren Venen entfachte.
Dunkelheit legte sich über die Stadt und tauchte auch die Galerie, in der sie sich befanden, in ein dämmriges Licht. Unten im Arbeitszimmer erwachten die kleinen Magielichter an den Wänden zum Leben, um wenigstens den Hauch von Helligkeit in das Dunkel zu tragen. Lykaja sah durch die großen Fenster die letzten Sonnenstrahlen hinter dem Horizont versinken. Ein weiterer Tag ohne Angriff, ohne Verluste.
Ein guter Tag.
Jetzt musste sie Vater nur noch ein wenig Gesellschaft leisten, damit auch er beruhigt schlafen gehen konnte. Ein langes ausgedehntes Bad war ihr nächstes Ziel. Diesmal würde sie sogar die duftenden Rosenblätter dazuwerfen, die Tia ihr zum letzten Mondfest geschenkt hatte.
Bei Nin, sie freute sich darauf, aber vorher mussten sich die vielen Schnitte schließen, die sie sich durch den Kampf mit den Banside zugezogen hatte. Die Phiole mit Tyras Heiltrank, um genau das zu beschleunigen, drehte sie gerade zwischen ihren Fingern. Zuvor jedoch musste sie das Gegengift arbeiten lassen. Also etwa eine Stunde noch hatte die Heilerin gesagt. Reichlich Zeit, um sich die zu erwartende Standpauke des Vaters abzuholen und ihn zu besänftigen, damit er im Schlaf nicht wieder Stürme und Höllenwesen entfesselte, die sich seines Körpers bemächtigten …
»Das war leichtsinnig!« Sein tadelnder Blick schob sich in ihr Sichtfeld, weshalb sie sich sofort wieder auf ihn konzentrierte.
»Es war notwendig«, widersprach sie gelassen.
»Du bist meine Tochter, Lykaja. Mein Erbe. Mein …« Er stockte, aber sie wusste auch so, was er sagen wollte und doch nicht in Worte fassen konnte.
Sein Schwachpunkt.
Diese eine Seele, die ihm prophezeit worden war und die dafür gesorgt hatte, dass der verhasste Tyrann Lykosuras seine Menschlichkeit wiederentdeckte.
Sein Segen und sein Fluch.
Seine Sünde und seine Absolution.
So nannte er sie gerne. Ein Wunder, dass er diese Litanei nicht direkt zur Eröffnung des Gesprächs aufgefahren hatte. Vom ersten Moment an, als sie noch ein Säugling gewesen war, hatte sie damit begonnen, ihre Gabe an ihm zu trainieren. Damals noch instinktiv, später bewusster und letztlich gewollt. Aus dem Eis hatte sie ihn befreit, in das er sich selbst verbannt hatte, um all seine Gräueltaten ertragen zu können. Nun saßen sie hier. Sie bedauerte nichts davon, aber musste sie das wirklich in jedem zweiten Streitgespräch zu hören bekommen?
»Ich bin deine Tochter und als solche hast du mich gelehrt, kritisch zu denken.«
»Und was genau hast du kritisch bedacht? Erleuchte mich, Erbin des Schwarzen Throns, denn ich sehe nicht, wie kritische Überlegungen dich auf die Jagd nach Todesfeen geführt haben könnten. Noch dazu ohne einen deiner Geschwister.«
»Das Unterfangen diente nicht dem Zweck, Miras Zuneigung zu gewinnen, falls es das ist, was dich besorgt.« Tatsächlich verbrachte Lykaja sehr gern ihre Zeit mit Mira, aber deshalb ging sie dennoch nicht kopflos auf Bansidejagd mit ihr.
»Vater …«, setzte sie in sanftem Tonfall an. »Ja, ich mag Mira. Ich nenne sie inzwischen Freundin und das nicht nur, weil Pheros sie erwählt hat. Nicht nur weil sie dadurch Teil der Familie wurde. Die Sturmfürstin hat uns im letzten Gefecht gegen die Namenlosen alle gerettet. Sie hat Pheros gerettet und sie ebnet den Weg zu den Sharur. Ohne sie hätten wir vermutlich auch gewonnen, aber die Verluste wären immens gewesen. So erkenne ich durchaus den sehr strategischen Kriegsposten, der sie für uns ist, also lass ab von dem Gedanken, ich könnte Dummheiten begehen, um ihr zu gefallen.« Lächerlich, dass er das überhaupt annahm. Wann hatte sie sich jemals derart verhalten? Nie. »Mira hatte eine Spur, ich hatte Zeit und wir zogen bewaffnet los.« Sie hob den Zeigefinger, da er die Lippen schürzte, wie jedes Mal, bevor er ihr widersprechen wollte. »Du hast mich schon für weniger in gefährlichere Gegenden geschickt.«
Das saß und er nahm die geschürzten Lippen zurück, lehnte sich sogar merklich entspannter zurück in den Sessel. »Sie hatte keinen Beutel dabei?«
»Keinen.«
»Und du hast die Schmiede entfesselt?«
»Ja.«
Er nickte langsam, doch bevor er in seinen Grübeleien versinken konnte, beschloss sie, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen. »Vater, wir müssen Mira einweihen.«
»Worin?«
»Die Wolfsinseln.«
»Warum?«
»Weil uns die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt und ich sie brauche. Lykosura hat nur diese eine Sturmfürstin.« Ihn konnte sie kaum noch dazu zählen. Sein volles Machtpotential stand ohnehin nicht zur Verfügung, denn das würde ihn umbringen und dem Seelenfänger womöglich den Weg in diese Welt bereiten. Es tat ihr weh, nur daran zu denken, dass es sehr bald schon ein Morgen ohne ihn geben würde, aber er hatte sie gelehrt, auch diesen Schmerz anzunehmen, weiterzumachen, das Atmen nie zu vergessen. Außerdem war noch nicht Morgen …
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, legte er die Hand auf ihre. Seine Gesichtszüge wirkten weicher, zugänglicher. So war er nicht immer gewesen. Als Kind hatte sie vor allem seine Strenge gekannt. Disziplin und Studien hatten über allem gestanden.
»Lass uns morgen darüber sprechen«, schlug er vor und sie nickte. Dann zog sie seine Hand an ihre Wange. So wie an jedem Abend, wenn sie einfach nur Vater und Tochter sein konnten.
»Was möchtest du diesmal sehen?« fragte er mit liebevollem Blick und sanfter Stimme. Sein Daumen strich über ihr Jochbein.
»Keine Lektionen heute. Zeig mir etwas Schönes.« Etwas, das er liebte und zwar über alle Leben hinaus. »Zeig mir … den Norden, zeig mir Mutter.«
MIRA
Die Nacht bezwang den Tag und im Palast kehrte Stille ein. Während Mira sich das Blut vom Körper geschrubbt hatte, saß Pheros an seinem Schreibtisch, in eine Decke gewickelt – auf die Mira bestanden hatte – tief in seinen Gedanken versunken. Wie jeden Abend seit seiner Begegnung mit Avina.
Oder dem Großangriff der Namenlosen.
Oder Miras Entscheidung, bei ihm zu bleiben.
Oder, oder, oder …
Es gab einfach zu viele Gründe für sein Grübeln. Sie beobachtete das beinahe jeden Abend.
Gelegentlich floh sein Blick zum Balkon und damit in eine Ferne, die nur er zu sehen schien. Mira hatte beschlossen, ihn seinen Gedanken zu überlassen, auch wenn sie nur zu gern den Austausch mit ihm gesucht hätte. Sie liebte es, mit ihm zu debattieren und Sichtweisen zu erörtern. Allerdings brachte es wenig, ihn zu einer Unterhaltung zu drängen, wenn er noch nicht bereit dafür war, das hatte sie gelernt.
Als sie sich eines seiner Hemden überstreifte, spürte sie seinen Blick überdeutlich auf sich ruhen. Intensiv, als wären es seine Hände und nicht die Augen, die über ihren Körper glitten. Hitze stieg in ihr auf und ihre Fingerspitzen kribbelten vor Verlangen, ihn zu berühren. Sie schob sich das schulterlange, noch vom Baden nasse Haar hinter die Ohren und ging langsam auf ihn zu. Ihre Füße hinterließen dabei kaum einen Laut auf dem dunklen Marmor.
Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Gut. Beinahe lautlos.«
Mira nickte zufrieden. Trug das Anschleichen üben mit Asea und Tegeates also endlich Früchte. Auch das Kämpfen mit verschiedenen Waffen oder das Steigern ihrer Ausdauer. Morgens lief sie mit Lykaja ein paar Runden die Palastmauer entlang. Mittags ging es zum Kampftraining mit Genetor oder Ion. In Makhai hatte Mira eine gute Kampfausbildung erfahren, sodass sie sich auch ohne den Einsatz von Magie behaupten konnte, aber das war kein Vergleich zu der gnadenlosen Perfektion einer Waffe Lykaons. Nicht, dass Mira auch nur ansatzweise daran dachte, ihnen ebenbürtig werden zu wollen. Das war schlicht unmöglich. Von den Besten zu lernen erschien ihr dennoch eine gute Idee zu sein. Als Beraterin des Kaisers lebte man bei weitem nicht so ungefährlich, wie man vielleicht hoffen sollte. Lykaon und seine Sieben hatten darauf bestanden, sie zu trainieren und in jeder nur erdenklichen Hinsicht für diese Aufgabe zu wappnen. Der Imperator protegierte sie in Sachen Politik und Magie, wobei sie sich auch in philosophische Debatten verzettelten. Titana brachte ihr näher, wer im Reich an welchen Stellen das Sagen hatte. Vor wem sie sich zu hüten hatte und wem sie – wie weit genau – trauen konnte. Dabei bewies die Meisterspionin Lykosuras erneut ihren Wert. Sie kannte die schmutzigsten Geheimnisse, bei denen sogar Mira die Schamesröte in die Wangen stieg. So viele Maskeraden und Spielchen. Zwischen Schein und Sein lagen Welten. Alles Dinge, die ihr als Fürstentochter nicht fremd waren. Allerdings hatten Samas und sie sich nicht grundlos vom höfischen Leben ferngehalten. Daher war sie froh, in ihrer Rolle als Beraterin und Günstling des Kaisers nur bedingt auf derlei Spielchen zurückgreifen zu müssen. Mit ihr gewann Lykosura vor allem einen weiteren Beschützer. Eine Sturmfürstin, deren Kräfte dem Reich zugutekamen. Die neuen Schutzrunen an den Stadtmauern hielten ihr Versprechen. Dennoch gab es noch viel zu tun, um die Welt diesseits des Kontinents ein wenig besser zu machen. Vor allem aber, um einen Bürgerkrieg zu verhindern, denn das, was in den Tempeln des Nin geschah, ließ inzwischen nicht nur die Betroffenen laut aufschreien. Es gab so viel zu richten …
Nur nicht mehr heute Nacht.
Jetzt wollte Mira Zeit mit Pheros verbringen. Sie wollte seiner Stimme lauschen, in seinem Geruch, seiner Wärme baden und später mit seinem Herzschlag an ihrem Ohr einschlafen.
Er breitete die Decke aus, damit sie sich hineinkuscheln konnte. Das Gefühl der Geborgenheit umschloss sie so wie seine Arme. Betont langsam zog er sie noch enger an sich. Sie grinste und küsste seinen Hals, was ihm ein seltenes Seufzen entlockte.
»Ich liebe dich«, flüsterte sie, bevor ihre Lippen seine fanden. Sanft und hingebungsvoll, bis sie in der entfachten Glut versanken. Miras Fingerspitzen wanderten über seine Wange zum Hals und seiner Brust. Direkt über seinem Herzen ließ sie ihre Hand liegen. Dabei empfand sie eine so tiefe Zufriedenheit, dass sie die Zeit am liebsten angehalten hätte, um ewig in diesem Moment zu leben. Sie liebte ihn so sehr, dass Worte dem Gefühl in ihrem Herzen kaum gerecht wurden. Der Sex war purer Genuss und sie war süchtig danach, süchtig nach ihm, aber es waren diese Momente der schlichten Zärtlichkeit, der innigen Verbundenheit, die sie daran erinnerte, warum ihr Herz ihn erwählt hatte.
»Mira …« Pheros’ Stimme riss sie aus der wohligen Trägheit ihrer Zweisamkeit. Sachte verschränkte er seine Finger mit ihren. »… da ist etwas, worüber wir sprechen sollten.«
Sie neigte leicht den Kopf, um ihm zu signalisieren, dass sie zuhörte.
»Ich glaube, als du verletzt wurdest, habe ich das …bemerkt.«
»Kalte Stellen auf der Haut?«
Er sah sie überrascht an, doch sie fuhr fort: »Ich fühle es auch. Ich weiß auch immer, dass du es bist, bevor du einen Raum betrittst, und selbst wenn ich nicht weiß, wo du bist, führen mich meine Schritte zu dir. Wie ein Kompass, dessen Nadel immer auf dich zeigt. Kommt dir das bekannt vor?«
Er nickte und musterte sie mit erwachter Neugier.
»Es gibt einen deutlichen Abfärbeeffekt, der sich auf unsere Gaben und Fähigkeiten auswirkt. Der Geruch meiner Magie und ich selbst lösen eine Assoziation bei dir aus … auch ich nehme inzwischen bewusst einen Duft an dir wahr.«
Er dachte länger darüber nach und sagte dann halb amüsiert, halb irritiert: »Das klingt wie ein Bardenlied.«
Sie lachte auf. »Genau dasselbe habe ich auch zu Lykaon gesagt.«
»Du hast mit Lykaon darüber gesprochen?«
»Ja.«
»Wann war das?«
»Vor Wochen … an dem Morgen, an dem du mit den Rauchbomben nach Versio aufgebrochen bist.«
Er hob die Brauen. »So lange schon und du hast nie etwas gesagt?«
Sie stupste mit der Nasenspitze gegen seine. »Du doch auch nicht. Das hier ist unser erster ruhiger Abend seit langem und den haben wir nur, weil die Banside mir die Seite aufgeschlitzt hat.«
Er schnaubte. »Danke, dass du mich daran erinnerst.«
Mira bemühte sich, nicht zu schmunzeln. »Bist du noch böse deshalb?«
Er schüttelte versöhnlich den Kopf und damit war das Thema vom Tisch. Auf diese Weise stritt sie am liebsten mit ihm.
»War es wirklich der Geist, der dich zu der Lichtung geführt hat?«
»Ja«, antwortete sie mit einem leisen Zögern in der Stimme. Es gab da dieses eine unausgesprochene Gesetz zwischen ihnen, einander nie anzulügen. Darum ergänzte sie ihre Antwort um die volle Wahrheit. »Ich habe den Geist gefragt, ob sie mir helfen kann, weil es mich fast wahnsinnig gemacht hat, nicht zu begreifen, was dich nachhaltig schwächt. Das war ihre Antwort darauf. Sie hat mich nicht direkt in ein Nest der Banside geschickt, sondern einfach nur in diese Richtung gelenkt. Der Rest hat sich gefunden.«
Der Blick aus dunkelblauen Augen wurde weicher. Sie spürte, wie sich seine Arme fester um ihre Mitte schlossen. Ergeben schmiegte sie sich an ihn, während ihre Fingerspitzen über seinen Nacken krochen, um am Ansatz seiner Haare zu zupfen.
Pheros neigte den Kopf, wodurch sie besser an seinen Nacken heran kam. »Und wonach rieche ich für dich?«
»Nach Glut und Sandelholz.«
Er hob die Brauen. »Ich rieche also wie ein abgebrannter Baum für dich?«
Sie lachte erneut. »Du riechst wie Zuhause für mich! Ich habe dir doch vom Ewigen Sommergarten in Helix erzählt. Er ist überwuchert von Sandelholzbäumen und Wildblumen. Ich habe mich immer dorthin zurückgezogen, mit Sam und meinen Büchern.« Sie küsste ihn sanft, aber kurz auf den Mund. »In allen Ewigen Sommergärten wachsen Sandelholzbäume, weil sie ein wichtiger Leiter für Wärme sind.« Auch im Palast der Königin in Machon gab es einen solchen Garten. Ebenfalls ein Ort, an dem ein Teil ihres Herzens wohnte. »Du bist mein Zuhause, min Sawel. Kein abgebrannter Baum.«
Er lächelte. »Und was bedeutet das jetzt? Das alles.«
Anstelle einer Antwort ließ sie ein Buch heranschweben. Mira nahm es entgegen und sank mit dem Rücken gegen seine Brust. Mehrere Lesezeichen waren darin eingelegt. Als sie es aufschlug, fielen ein paar kleinere Zettel heraus, die sie gesammelt auf den Tisch schob.
»Es bedeutet, dass wir sehr wahrscheinlich eine seltene Verbindung teilen«, erklärte sie, wobei sie über ein paar Seiten blätterte, um ihm verschiedenste Zeichnungen zu zeigen. Auf manchen Darstellungen sah man sich liebende Pärchen. Hände, die miteinander verflochten waren. Bänder, Brücken, Seile und Ringe. Alles Symbole der Verbundenheit.
»Manche sprechen von einer Art Seelenverbindung.« Sie blätterte weiter und offenbarte andere Illustrationen, die für Freundschaft und Kameradschaft standen, nicht für die romantische Liebe. Sich überkreuzende Waffen, aber auch Ketten, die für den negativen Aspekt derselben Sache standen, folgten. Besessenheit und Wahnsinn waren nur ein paar der Schlagworte, die über diesen Abbildungen prangten.
»Manchmal ist diese Verbindung wohl auch zutiefst vergiftet. Das schadet dann beiden Seiten und mündet in Verderben. Um es besser erforschen zu können, müsste man zunächst klären, was genau eine Seele ist oder was das Ich-Bewusstsein ausmacht. Darüber streiten sich die Gelehrten seit jeher …«, fuhr sie fort, während sie von Lesezeichen zu Lesezeichen sprang. »Durch die Magie wird die Seele als Energie wahrgenommen. In ihrer Reinform so kraftvoll wie die eines Sterns. Sie kann weder gebrochen noch versklavt oder beschädigt werden. Aber der Geist kann es, der mit Körper und Seele verbunden ist.« Sie zeigte auf eine Abbildung, die ein Dreieck darstellte, in dessen Zentrum mehrere Runen einen Ring bildeten. »Diesem Konzept nach gehören manche Seelen zusammen, weil sie in der Welt der Götter als verbundene Zweiheit erschaffen wurden. Um in unsere Welt zu passen, mussten sie jedoch getrennt werden und körperliche Form annehmen.«
»Unsere Welt? Du meinst Erea. Die Welt der Lebenden.«
Mira nickte. »Jede Welt unterliegt eigenen Regeln. Schwerkraft, Körper, fühlen, riechen, hören, tasten und so weiter. Das bestimmt unsere Realität. Andere Ebenen könnten nur aus Energie bestehen oder etwas völlig Fremdartigem.«
