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"Ich danke dem jungen Blutmond für seine Unterstützung!", rief die hohe Hexe aus. "Erenas Fluch" ist der Auftakt einer spannenden und fantastischen Reise. Im ersten Teil lernen wir Erena kennen, eine Hexe, die keine Grenzen scheut, um ihre Ziele zu erreichen. Wir begegnen vom Hunger getriebenen Dämonen, die aus der Unterwelt steigen und wenig mehr als Fressen im Sinn zu haben scheinen und wir begleiten einen alten Mann und dessen Sohn, die absichtsvoll auf äußerst gefährlichen Pfaden wandern. Ein Fantasy-Abenteuer der etwas raueren Art.
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Seitenzahl: 58
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Teil 1
„Junge!“, schrie er seinen Sohn an. „Du bist noch ein Kind! Mein Letztes!“
In seinen Worten schwang eine Menge Bedauern mit. Der alte Herr klopfte mit harter Faust auf den Mittagstisch, dessen beste Zeiten seit Jahrzehnten vorüber waren. Staub fiel aus den spröden Balken und landete im Gemenge des Untergrunds, seinerzeit, so hatte es einmal mit dem Tod der Frau aufgehört besenrein zu sein, war dies ein gepflegtes, mit Fetten geschmiertes Parkett. Jetzt war es mit dem schlammigen, steinigen und von Pferdeäpfeln besudelten Stiefeln der beiden Mannen nur noch zu schunden getreten und verkümmert geblieben. Auch die Schüssel warmen Breis ging bald zu Bruch, wenn er sich aufregte und in Zorn dagegen stieße.
„Ich kann das. Steh ich nicht längst im kräftigen Safte des Knabenalters, Sir?“, widersprach der junge Mann.
„Nicht einmal im Halben!“, brüllte der Alte und fegte dann doch den warmen Brei hernieder, als werfe der Hof geradezu verschwenderisch mit Früchten, Korn und Kalb um sich. Dem Jungen verging die Mahlzeit. Zorn legte sich schwer zwischen seine Augen in Form einer tiefen Falte. Sie würde einst dortbleiben, wenn der Knabe das Gemüt des Vaters zu pflegen gedachte.
„Doch längst älter als es meine Brüder, war ich auch letzten Sommer schon.“
Der Knabe sprach die Worte wie einen stillen Gedanken, den der Alte mit den dicken Ohren wohl kaum zu fassen bekam, um darauf wieder wüten zu können. Er ergriff noch einmal das Wort, wählte diese aber bedachter.
„Ich erkenne es als meine Pflicht an, Vater. Ich will in dieser Sache eine Stütze sein und vergebt mir diese Gedanken: Dies diene mir mehr als euch; müsst ich den Hof allein nähren, ich würd es kaum schaffen.“
Der Alte schwieg eine Zeit lang. In jenem Moment musste er darüber nachgesonnen haben, wie geschwätzig er war, geschwätziger als all die Waschweiber gemeinsam, er hatte diesem Kind jedes seiner eigenen Sorgenfältchen aufgelastet, dieser wusste von der Knappheit der Mittel, der Knappheit des Futters der Tiere und der eigenen, und wusste er doch nicht zuletzt auch von der Verbannung vom Hofe des Königs.
Um die Last zu teilen, nahm er sich den Sohn. Dafür war er gut genug gewesen. Seine Schulde war somit auch die des Knaben. Seine Schulde nicht auf die Burg zu ziehen und dort Handel zu treiben, das war eben jenem verbliebenen Nachkommen gleichfalls untersagt.
„Vater, bitte. Ich kann den Hof nicht mit Sorgfalt halten. Nicht so gut wie Ihr es tätet.“
Im Anschluss lag der Vater drei Nächte wach, haderte mit sich und dem innerlichen Wunsch nachzugeben. Aber er musste scharf nachdenken. Welches Bild würfe das auf Ihn, seinen Sohn dabei zu nehmen? Er wog die Entscheidung ab und entschied sich für das Geringere der Übel.
Am letzten Tag klopfte der Alte am Holzbalken vor der Schwelle zur engen Kammer, die dem Jungen sein Eigen war. Beschwert schaute der Knabe zum Vater auf.
„Wie sprecht Ihr, mein Herr?“
Zittrig nahm er seine Hand vom Balken und packte sie behutsam auf des Sohnes Kopf. Er sagte nichts. Er schnaubte nur einmal kräftig ein und nickte kurz.
Vor der Hütte lag loses Stroh, dass der Alte zu Bündeln flechten wollte. Er schaute von draußen und gegen die milde Sonne durch die verwitterten Balken. Er erkannte, wie sehr sich der Bursche freute. Tanzend und springend rauschte der durch alle Räume des beengten Hauses immerfort von einem frohen Fiepsen begleitet. Vom Fiepsen und vom Staub und Dreck, der stets im Stiefellatsch der beiden Mannen mit sich geführt wurde und sich auf dem einst sauberen Boden der Hütte im erregten Auf und Ab der Knabenfreude bündelte und zappelte.
„Dafür hat es sich gelohnt.“, sprach der Vater sich gut zu. „Dafür schon.“
Der Alte und der Knabe packten gemütlich ihre Taschen, jeweils zwei an der Zahl. Die Aussicht auf das was vor ihnen lag, hetzte sie nicht, war das Vorhaben oder besser die Pflicht derer sie hinzueilten eben eine von der Sorte: Es kommt, wie es kommen muss, besser morgen als heute, den einen Tag mehr im Leben stehend darf ich noch genießen.
Die Mulis ächzten beim Überschlagen der halb gefüllten Gewichte; den aus losen Brettern genagelten Ziehwagen hatte der Vater, nachdem er am Markte des Königshofes nicht mehr erwünscht war, für ein paar Groschen veräußert. Feldflaschen, sechs Rationen oder sparsam auch für ein gutes Dutzend an Tagen ausreichend, randvoll mit dem Wasser des schmalen Bächleins, baumelten außen von Bindfäden gehalten gegen den Rippenbogen des hageren Maulesels, der aus Fraßknappheit an Umfang verlor. Das andere stand ähnlich schlecht im Futter, doch die in der Jünge liegende Kraft machte dies weitestgehend wieder wett. Ein Muli, das alte Tier, wurde mit schwererem Zeug beladen, dachten sich die Mannen, für den alten Hufer musste es anstrengender sein, bei Not würde dieser eh zuerst im Grase liegen bleiben, danach konnte das Jungtier auch mit allen vieren allein weiterziehen.
„Hast du die Bärenfallen in den Beuteln verstaut?“ Der Alte legte einen rauen, ernsten Tonfall an den warmen Frühsommervormittag.
„Ja, mein Herr. Das habe ich. Alle, die im Schuppen waren und zwei von daher, habe ich auch eingesammelt.“ Er zeigte auf das im Westen liegende Waldstück.
„Hast du die Decken aus dem Haus? Hast du den Zwieback? Das Trockenfleisch? Die Kartoffeln? Den Hafer?“
Der Junge nickte und klopfte auf eine der Taschen, die das Muli trug.
„Und Sir?“, der Knabe tat es ihm gleich. „Sir, was ist mit dem Schießeisen?“
Schnurstracks wand sich der Alte von Zaumzeug und Führleine ab, drehte sich schnellen Schrittes dem Jungen zu, er packte seinen Hals und zog mit der anderen Hand nach dem versteckten, kurzen Zweischusser.
„Wofür hältst du dich?“ Er spuckte Gift und Galle. „Soll ich die Pulverladung vielleicht gleich hier verbrauchen, hm? Soll ich dir deine fetten, unbenutzten Eier wegballern?“ Der kurze Lauf zielte auf den Schritt des Jungen. Dieser verzog ängstlich das Gesicht, Tränen rannen über die Wangen und er wimmerte und drehte unter dem festen Griff den Kopf.
„Hör auf zu flennen.“, gleichzeitig mit dem ernst gemeinten Rat verpasste der Alte dem Knaben eine mit dem harten Griffstück des Schießeisens. Dann stopfte er die Waffe zwischen Gürtel und Hosenbund unter Jutestoff versteckt wieder fort.
„Hast du die Äpfel? Hast du die Ersatzriemen? Hast du das Eisenwerkzeug? Hast du die Angeln?“
„Ja, Sir.“
***
Der Alte und der Knabe hatten den Hof hinter sich gelassen. Mit jedem Lidschlag, so schien es, wurde die Erde weicher, die Felder an den Wegen gesünder, die Wiesen grüner. Am Abend rasteten sie ein Stück abseits des Pfades. Umgestürzte Baumstämme dienten als Sitzgelegenheit. Vor ihnen kochte eine heiße Wasserbrühe, getränkt mit den billigen Fettstücken einer ihrer Ziegen. Sie würden als Erstes vergammeln. Der Knabe ließ den Kopf hängen.
„Was bedrückt dich, Junge?“, fragte der Alte.
„Ich sinn darüber nach, auf welche Gefahren wir zuschreiten.“
Der Alte hatte es für sich behalten. Er war sich sicher, es wäre das Beste, den Burschen im Unklaren zu lassen.
