Erfasse komplex, handle einfach - Martin Rufer - E-Book

Erfasse komplex, handle einfach E-Book

Martin Rufer

4,9

Beschreibung

Psychotherapy as practical self-organization may sound complicated, but it actually isn´t. If we look at what Martin Rufer has accomplished, we quickly discover what is meant by this idea.How can we understand and shape therapeutic processes? Who and what is important? Why do some therapies falter and others succeed? In this volume the theory of self-organization forms the basic framework for practitioners to study and understand how therapist and client variables interface. Martin Rufer recounts many case examples from his decades-long experiences concerning the mandate, interventional strategies and stumbling blocks that can crop up in therapeutic settings. The generic principles according to Haken and Schiepek serve as the common theme for setting up cases and for reducing the complexity of the material in order to deal with the case directly and simply.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 389

Veröffentlichungsjahr: 2013

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,9 (16 Bewertungen)
14
2
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Martin Rufer

Erfasse komplex, handle einfach

Systemische Psychotherapie als Praxis der Selbstorganisation – ein Lernbuch

Mit einer Abbildung

Vandenhoeck & Ruprecht

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufb ar.

ISBN 978-3-525-40179-8ISBN 978-3-647-40179-9 (E-Book)

Umschlagabbildung: frau. L. / photocase.com

© 2012, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen / Vandenhoeck & Ruprecht LLC, Bristol, CT, U.S.A.www.v-r.deAlle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schrift lichen Einwilligung des Verlages.Printed in Germany.

Satz: SchwabScantechnik, GöttingenDruck und Bindung: Hubert & Co, Göttingen

Für meine Kinder Moïse und Joël,die mir immer wieder das Einfache zeigen.

Inhalt

Geleitwort von Arnold Retzer

Geleitwort von Franz Caspar

Vorwort des Autors

1 Ein erster Einblick

1.1 Warum und für wen dieses Buch?

1.2 Zum Inhalt

1.3 Zu Aufbau und Gestaltung

1.4 Meine theoretische Position

1.5 Verstehen heißt Fragen stellen

1.6 Therapie lehren und lernen

1.7 Komplex erfassen: Wer will was?

2 Generische Prinzipien: Die Partitur für die Therapie

2.1 Musterhafter Wandel: Zur Theorie der Selbstorganisation

2.2 Generische Prinzipien: Zur Praxis der Selbstorganisation

3 Therapie mit Beziehungen

3.1 Ist alles Beziehung und systemisch?

3.2 Der Therapeut und die Beziehung

3.3 Schwierige Interaktionssituationen

3.4 Systemkompetenz: »Mit Dritten als Dritter im Bunde«

3.5 Einzel-, Paar- oder Familientherapie?

4 Therapie als Prozess

4.1 Alles nur Placebo?

4.2 Passt der Schlüssel?

4.3 Diagnostik: Muster erkennen und Prozesse verstehen

4.4 Prozesssteuerung: Veränderung anstoßen und gestalten

5 Systemische Fallkonzeption – Fallbeispiele

5.1 Stefan Haller

5.2 Ehepaar Fausey

5.3 Familie Kamber

5.4 Max Gerber

5.5 Monika Niederhauser

5.6 Melanie Brunner

6 Therapie im Kontext – ein kritischer Ausblick

6.1 Psychotherapie im medizinischen Kontext

6.2 Ist krank, wer leidet – leidet, wer krank ist?

6.3 Eine oder zwei Psychotherapien?

Dank und Nachwort

Literatur

Geleitwort von Arnold Retzer

Für das Handwerk der Psychotherapie braucht man eigentlich weder eine Theorie noch ein Konzept. Es genügt, dass man weiß, was zu tun ist. Aber woher weiß man, was zu tun ist, und vor allem, wer weiß schon, was zu tun ist? Hier hilft dann schon ein Konzept oder eine Theorie ungemein, vielleicht besser sogar mehrere.

Theorien und Konzepte können die Landkarten sein, an denen man sich orientieren kann: feststellen, wo man sich gerade befindet, festlegen, wohin man will, und entscheiden, was der dafür angemessene Weg ist, also wissen, was zu tun ist.

Ob man dann auch dort ankommt, wo man hin wollte, ist aber noch eine andere Frage. Zumindest lässt sich rechtfertigen und begründen, warum man dies oder das getan hat und jenes nicht. Am Ergebnis lässt sich dann aber auch noch überprüfen, ob die verwendete Landkarte wirklich etwas taugt.

Ist man nicht erfolgreich gewesen, das heißt, kommt man nicht dort an, wo man hin wollte, gibt es zwei Möglichkeiten: Man kann die Landschaft beschuldigen oder beschimpfen, weil sie sich nicht an der Landkarte orientiert, sich nicht an die Landkarte hält. Ins Psychotherapeutische übersetzt: Die Klienten sind schuld, weil sie sich nicht an die Theorien ihres Psychotherapeuten halten – ausgezeichnete Theorie, brillante Methode, leider falsche Klienten.

Man kann aber auch den Misserfolg als Irrtum werten: Die Landkarte ist nicht geeignet, ungenau oder ganz einfach falsch, um mit diesem Klienten adäquat umzugehen. Ein willkommener Anlass, die verwendete Theorie genauer in den Blick zu nehmen, die Landkarte zu überprüfen, zu verändern, wegzulegen oder wegzuwerfen und eine neue Landkarte zu entwickeln.

Die zweite Möglichkeit ist die, die man Psychotherapeuten gern ans Herz legen möchte. Voraussetzung ist allerdings, dass man eine Theorie hat, die aber notwendig begrenzt ist und die man nicht mit der Wirklichkeit, vor allem der unserer Klienten, verwechseln sollte. Denn wenn man mit dem Auto auf der Autobahn stehen bleibt, weil einem das Benzin ausgegangen ist, heißt das ja keineswegs zwangsläufig, dass an der Stelle auch die Autobahn zu Ende ist.

Martin Rufer zeigt an Hand seiner eigenen Entwicklung, den Entwicklungen seiner Psychotherapien und den Entwicklungen seiner Klienten in und nach Psychotherapien, wie er seine Konzepte aufbaut und anwendet. Er zeigt, wie er seine Erfahrungen gemacht hat, wie er seine Theorien erweitert, verwirft, aber auch beibehalten hat. In einer außergewöhnlich offenen Weise lässt er den Leser teilhaben an seinen Erfahrungen. Der Leser wird zum teilnehmenden Beobachter, der sich kaum den Begegnungen zwischen Therapeut und Klienten entziehen kann. Das allein macht das Buch schon zu einer bereichernden Lektüre.

Diese Erfahrungen werden theoriegeleitet dargestellt und auch noch reflektiert. Der Leser erhält also Einblick nicht nur in Erfahrungen, sondern auch in die Theorien und Konzepte, die der Autor und Psychotherapeut verwendet.

Dadurch wird etwas Bemerkenswertes möglich. Erfahrungen kann man noch so viele machen. Sie nützen nichts, wenn man nicht daraus lernt. Und genau das führt Martin Rufer uns vor – wie man etwas lernt. Zu Recht bezeichnet er sein Buch daher als Lernbuch und nicht als Lehrbuch. In den meisten Lehrbüchern wird der Leser ja nur angehalten, manchmal sogar genötigt, etwas für richtig zu halten. Ein Lernbuch ist dagegen etwas anderes. Hier wird niemand genötigt, sondern eingeladen, wenn er möchte, an einem Geschehen teilzuhaben. Der Autor lädt den Leser seines Lernbuches zur Kooperation ein.

Martin Rufer führt in seinem Lernbuch vor, wie er selbst lernte und immer wieder lernt. Es ist eine lebendige Dokumentation des Lernprozesses eines Psychotherapeuten. Dadurch wird sein Buch zu einem Lernbuch für den Leser. Er kann lernen, wie sich das Spiel zwischen Theorie und Praxis kompetent spielen lässt.

Auch wenn dieses Spiel komplex ist, zeigt Martin Rufer, wie die therapeutische Praxis einfacher und vielfach effektiver wird, wenn man geeignete Konzepte zur Verfügung hat. Er zeigt, dass die beachtliche Komplexität seiner Konzepte nicht zu komplexen und dadurch meist nicht handhabbaren Handlungen führt, sondern im Gegenteil einfaches und handhabbares Handeln erst ermöglicht.

Er entgeht der Versuchung vieler Therapeuten, konzeptentlastet vor sich hinzuwursteln. Er gehört stattdessen, und das Buch belegt das, zu den Therapeuten, die eine oder mehrere Theorien haben, mit denen sie rechtfertigen, was sie tun, und begründen, warum sie etwas tun, aber dadurch auch irrtums- und misserfolgssensibel bemerken können, wenn sie damit nicht weiterkommen oder scheitern. Diese Kombination macht Lernen möglich.

Bleibt nur noch die Frage: Von wem lernen? Natürlich von der Wirklichkeit und das sind nun einmal in der Psychotherapie zu einem Großteil die Klienten. Martin Rufer gebührt der Dank, sein Lernen so offen und transparent in seinem Lernbuch darzustellen und damit all den Lesern zugänglich zu machen, die etwas lernen wollen. Es gibt in diesem Buch viel zu lernen!

PD Dr. med. Dipl.-Psych. Arnold RetzerSystemisches Institut Heidelberg (SIH)

Geleitwort von Franz Caspar

Martin Rufer hat uns ein umfangreiches Buch vorgelegt. Es muss umfangreich sein, weil er sich weigert, die Komplexität von Psychotherapie auf ein paar einfache Konzepte zu reduzieren: »A scientific theory should be as simple as possible, but no simpler«, lautet das berühmte Einstein-Zitat, und ich bin mir darin mit Martin Rufer völlig einig, wenn er dieses Motto auch für die Beschäftigung mit Psychotherapie umsetzt.

Es muss auch umfangreich sein, weil es enorm viele praktische Erfahrungen und enorm viel Auseinandersetzung mit einer beeindruckenden Palette von Literatur enthält. Die Fallbeispiele, bei denen er uns in seine innere Auseinandersetzung Einblick nehmen lässt und zudem gekonnt konzeptuelle Bezüge einbettet, sind spannender als das Meiste, was ich schon an Konzepten, aber auch Fallberichten gelesen habe.

Martin Rufer setzt stark auf Selbstorganisation, für die ein Therapeut lediglich mehr oder weniger günstige Bedingungen schaffen kann. Ich habe selbst (wie einige andere Autoren vor und nachher) vor nunmehr zwanzig Jahren dazu angeregt, psychotherapeutische Prozesse so zu verstehen (Caspar, Rothenfluh u. Segal, 1992), und bin von daher wohl unverdächtig, Psychotherapie einfach traditionell mechanistisch zu sehen. Tatsächlich gibt der Autor überzeugende Illustrationen für das Nichtlineare, für »sudden gains« etc. Dennoch gibt es Phasen und sogar ganze Therapien, die mehr aus linearer Entwicklung und Kleinarbeit bestehen. Es gibt Patienten (bzw. Systeme), bei denen der gordische Knoten auch mit einem systemischen Schwert nicht zu durchschlagen ist oder gewesen wäre, oder die, wie Martin Rufer in den Fallbeispielen zeigt und schreibt, einen »langen Atem« (S. 142) erfordern.

Absolut einverstanden bin ich mit der Bedeutung, die er der Prozesssteuerung beimisst: Diese gut zu vermitteln, ist allerdings deutlich schwieriger, als Techniken zu lehren. Deshalb scheinen viele Ausbildungsprogramme das gar nicht ernsthaft zu versuchen, oder sie sind noch am Suchen und Ringen um optimale Wege. Er gibt einen hervorragenden Einblick, wie diese Prozesssteuerung in der konkreten Situation funktionieren kann. Mit vielen weiteren essenziellen Punkten in Martin Rufers Darstellung – wie zum Beispiel, dass Therapiemotivation nicht einfach zur Voraussetzung von Therapien gemacht werden kann, sondern vielfach erst in diesen entsteht – stimme ich voll überein und finde sie in diesem Buch klar formuliert und bestätigt.

Martin Rufer kann attestiert werden, dass er weder den Weg unzulässiger Reduktion auf einfache Wahrheiten noch auf Bauchgefühle geht. Das Buch ist Zeugnis einer jahrzehntelangen Suche, einer reflektierten, belesenen Praxis, in der er als Lohn für das Suchen nicht für alle, aber doch für viele Fragen Antworten gefunden hat.

Marvin Goldfried, ein bekennender kognitiver Verhaltenstherapeut, dessen Herz aber ganz klar auf der integrativen Seite schlägt, ist seit kurzem Präsident der Division 12 der »American Psychological Association« (APA). Er hat sich an vorderster Stelle auf seine Präsidenten-Agenda geschrieben, vermehrt von Praktikern zu lernen: Welche Art Forschung brauchen sie, wie können sie selber die Entwicklung der Psychotherapie voranbringen? Als jemand, der selbst seit bald 40 Jahren praktisch arbeitet und die Psychotherapiepraxis, wenn auch in zeitlicher Konkurrenz zu anderen Aufgaben, immer hochgehalten hat, finde ich die Initiative absolut wichtig und unterstützenswert, und gleichzeitig stört mich das Implikat des Grabens zwischen Wissenschaft und Praxis. Dazu ließe sich viel sagen und schreiben, eines ist klar: Gäbe es mehr Praktiker wie Martin Rufer, dann wäre der Graben kleiner und die Goldfried-Initiative weniger nötig. Als Wissenschaftler würde ich mir wünschen, dass der Entwicklung und Anwendung der Konzepte auch Forschungsbemühungen folgen würden.

Ein Buch durchaus mit Ecken und Kanten, wärmstens zur Lektüre empfohlen: Die Welt der Psychotherapie hat einen klaren Gewinn davon, dass Martin Rufer nicht einfach so praktiziert und seinen Teil dazu gedacht, sondern Fragen gestellt, Antworten gesucht und uns jetzt seine Gedanken offengelegt hat.

Prof. Dr. Franz CasparUniversität Bern, Leiter Abt. Klinische Psychologieund Psychotherapie

Vorwort des Autors

»Together through life«(Bob Dylan, 2009, Sony Music).

Ein Praxisbuch zu schreiben, in welchem ein Psychotherapeut seine Karten zeigt, ohne den damit verbundenen persönlichen Entwicklungsprozess zu reflektieren, wäre wohl mehr als eine Unterlassung. »Natürlich koexistieren die Lebensverläufe von Patienten und Therapeuten. Sie beeinflussen den Gang der Therapie und werden von den Ereignissen der Therapie beeinflusst, ungeachtet dessen, ob man in der Therapie darüber spricht oder nicht« (Orlinsky, 2008, S. 345). Im Rückblick auf mehr als dreißig Berufsjahre stelle ich deshalb den persönlichen Bezug zum Thema an den Anfang.

Meine Geschichte und die berufliche Biografie darin haben mein Menschenbild, meinen therapeutischen Stil, meine handwerkliche und letztlich auch meine berufspolitische Identität als Psychologe und Psychotherapeut nachhaltig geprägt.

Die ersten zwölf Jahre in stationärer Drogentherapie (1978–1990), die Jahre auf der Erziehungsberatung und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (1985–1998) waren als institutionelle Erfahrung genauso prägend wie die letzten zwanzig Jahre in der freien Praxis als Psychotherapeut, Dozent und Supervisor. Dazu gehörte auch die Co-Leitung des »Zentrums für Systemische Therapie und Beratung Bern« (ZSB), unter dessen Dach ich weiterhin meine Praxis führe. So hatte ich das Privileg, in einer Vielzahl von unterschiedlichsten Versorgungskontexten und Funktionen reichhaltigste Erfahrungen zu sammeln.

1979 erhielt ich anlässlich der Aufnahme meiner Berufstätigkeit und sinnigerweise zu meinem 30. Geburtstag die Erzählung von Ingeborg Bachmann »Das dreißigste Jahr« geschenkt, »denn bisher hat er einfach von einem Tag zum anderen gelebt, hat jeden Tag etwas Anderes versucht und ist ohne Arg gewesen« (Bachmann, 1961/1976, S. 15).

Für mich sollte dies nach meinem Psychologiestudium heißen: Konfrontation und Begegnung mit jungen Drogenabhängigen im Rahmen einer Therapeutischen Lebensgemeinschaft. Der damals gängige milieutherapeutische Ansatz (Jones, 1976) – zwischenzeitlich auch in der stationären Psychiatrie etabliert (Linden et al., 2006) – überzeugte mich, konnte ich doch am damaligen Zeitgeist (1968) anknüpfen, und die Klienten konnten in gewissem Sinne am eigenen Leib erfahren, dass »die stärkste und beste Droge für den Menschen der andere Mensch ist« (Bauer, 2006, S. 52).

Im Vertrauen auf die heilende Wirkung der Gemeinschaft musste ich mich dabei immer wieder vom »Bauchgefühl« (Gigerenzer, 2007) leiten lassen, denn das an der Universität Gelernte war bei weitem nicht ausreichend. So kamen unsere Klienten in der Regel auch unfreiwillig, unter Druck einer juristischen Maßnahme oder in hohem Maße verstrickt mit ihrer Herkunftsfamilie. Wir waren also gezwungen, das Dilemma zwischen Freiwilligkeit und Zwang auszuhalten, lernten aber so diesen Konflikt und den Druck auch als Chance zu nutzen. Krisen und Rückfälle waren es schließlich, die uns darüber hinaus den Blick auch auf familiäre Beziehungen und die Ressourcen im Umfeld eröffneten.

Immer deutlicher zeigte sich, dass unser therapeutisches Milieu nur dann erfolgreich sein konnte, wenn wir Therapie nicht in Abgrenzung oder in Konkurrenz zu Angehörigen durchführen wollten, sondern diese aktiv als Mitbetroffene einbezogen und im Milieu der Klienten anknüpften.

Die Sensibilisierung für Kontexte und die Systemdynamik im »Gestrüpp der Institutionen« (Black, 1990) erforderte nun aber nicht nur Therapie-, sondern auch Systemkompetenz (Schiepek, 1999). Unter dem Eindruck dieser Erfahrungen entschied ich mich deshalb neben Kursen in Gestalt-, Hypno- und Verhaltenstherapie schon früh für eine Weiterbildung in Systemischer Therapie. Von dieser versprach ich mir für die Arbeit mit komplexen Systemen am meisten.

Die Konfrontation mit systemwissenschaftlichen Modellen der Selbstorganisation (Haken u. Schiepek, 2006) wurde schließlich auch zum Wegbereiter für dieses Buch. Als Therapeut konnte ich mich in meinem Handeln darin wiedererkennen und so meine therapeutische Praxis theoriegeleitet neu und besser verstehen. »Alles ist einfacher, als man denken kann, zugleich verschränkter, als zu begreifen ist« (Goethe, 1833/1982).

Auch wenn »psychotherapeutische Gespräche stets nur die zweitbeste Form der Kommunikation« sind (Lütz, 2011, S. 71), erlebe ich fast täglich, wie sich Schweres mit Leichtem einfacher bewältigen lässt.

Aber nicht nur das: Ich weiß auch, wie viel dieser Beruf mit Lebenserfahrung und Lebenskunst zu tun hat, und wie viel ich als Psychotherapeut für mein eigenes Leben davon profitiert habe. Deshalb betrachte ich meinen Beruf bis auf den heutigen Tag als ein Privileg, als Berufung und Selbsterfahrung im besten Sinne.

Kurt Ludewig, ein Pionier in der Entwicklung klinischer Konzepte für die Systemische Therapie, hat es vor fast zwanzig Jahren so gesagt: »Psychotherapie muss respektvoll, nützlich und schön sein« (Ludewig, 1992, S. 128). Dem kann ich mich heute wie damals vorbehaltlos anschließen und mit Steve Jobs, einem (inzwischen verstorbenen) Meister im Vereinfachen von Komplexem, anfügen: »Folge immer deinem Herzen. Mach das, woran du glaubst« (zit. nach Der Bund, 26. 08. 2011, S. 13).

In dieser Haltung versuche ich mich auch heute auf das Wesentliche zu beschränken, das zu tun, was ich gut kann – im Vertrauen in die Kompetenzen von Klienten.

1 Ein erster Einblick

»Die Vorstellung von Psychotherapie als Technikraubt dem Prozess seine Seele«(Bleckwedel, 2008, S. 20).

1.1 Warum und für wen dieses Buch?

»Die Bevölkerung sehnt sich nach Zuwendung.« Was der Arzt Dieter Grönemeyer (zit. nach Die Zeit, Nr. 20/2009, S. 39) zur Volksabstimmung über die Kassenzulässigkeit der Alternativmedizin in der Schweiz geschrieben hat, drückt aus, was von hilfesuchenden Menschen gesucht wird und offensichtlich erwünscht wäre: Therapien und Therapeuten1 mit einem Verständnis von Gesundheit nahe am Patienten. Was für die Medizin im Allgemeinen wünschenswert wäre, gilt im Besonderen für Menschen mit psychischen Problemen: Therapien, in denen Patienten2 nicht nur störungsspezifisch erfasst, sondern als Partner mit ihren Anliegen und ihren Lebensentwürfen ernst genommen werden. Wer den Beruf als »Psychohandwerker« nämlich über Jahre ausübt, wird feststellen, dass Klienten dann auf den Punkt kommen, wenn durch professionelle Zuwendung Kooperation zustande kommt. Experten mit der nötigen fachlichen Substanz und Kompetenz sind also gefragt.

Während sich Neurowissenschaftler und Psychotherapieforscher mit der Frage beschäftigen, wie und wo (im Gehirn) Psychotherapie wirkt, stehen die Praktiker und Ausbildner vor der Frage, wie denn der Transfer heilender Worte gelingen kann und welches Wissen nötig ist, damit Hilfesuchende Zuwendung auch als Hilfe erfahren können.

Viele gute Lehrbücher sowie unzählbare wertvolle Publikationen für die Praxis sind geschrieben worden. Warum also noch dieses? Praxisliteratur wie auch Fortbildungen hinterlassen oft den Eindruck, dass Therapie eine Sache der (richtigen) Methode oder Technik sei. Dem gegenüber stehen Erkenntnisse aus Forschung und Praxis, die therapeutische Kompetenz an »common factors« festmachen (u. a. Grawe, 1998; Wampold, 2001) und die Therapeuten als Prozessgestalter und Künstler des Gesprächs verstehen, angefangen bei der Wahl des passenden Settings, über die einzelnen Worte, bis hin zu Tonfall und Gestik. In diesem Sinne sind Psychotherapeuten genauso wie Bäcker oder Dirigenten Handwerker im Bestreben, eine Tätigkeit um ihrer selbst willen gut zu machen (Sennett, 2008).

Dieses an Kompetenz und Komplexität orientierte Wissen und Können so einfach und so nahe wie möglich an der Alltagspraxis darzustellen, war denn auch das Motiv für dieses Buch.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!