Erfolgreich an der Börse - Werner Kurzawa - E-Book

Erfolgreich an der Börse E-Book

Werner Kurzawa

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Beschreibung

Die Börse ist gerade in Deutschland für die meisten noch immer ein Buch mit sieben Siegeln: spannend, aber schwer zu durchschauen, gewinnträchtig, aber zugleich höchst spekulativ. Welche Anlagemöglichkeiten eignen sich für Einsteiger? Aktien, Fonds, ETFs, Optionen oder Futures? Wie komme ich an die nötigen Informationen über Unternehmen? An welcher Börse soll ich mich engagieren? Frankfurt, Tokio oder gar New York? Und wie eröffne und manage ich überhaupt ein Depot? Die ersten Schritte als Privatanleger werden begleitet von unzähligen Fragen und Unsicherheiten – und so lassen sich viele die Chance entgehen, die Börse für den Aufbau von Vermögen oder einer zusätzlichen Altersvorsorge zu nutzen. Doch es geht sehr wohl anders! In diesem äußerst praxisnahen Buch führt der erfahrene Finanzjournalist und frühere Fondsmanager Werner Kurzawa Sie durch die Welt der Börse. Sie erfahren, welche Anlageprodukte sich zum Einstieg an der Börse besonders eignen, wie Sie Ihr Depot je nach Risikobereitschaft und Anlagezielen systematisch aufbauen, verwalten und gegen Verluste absichern können. Schritt für Schritt lernen Sie anhand von leicht nachvollziehbaren Texten und einer Fülle von Schaubildern, Tabellen, Charts sowie konkreten Anlagebeispielen und -empfehlungen das Einmaleins des erfolgreichen Spekulierens. Dr. Werner Kurzawa gilt als einer der renommiertesten Kenner der deutschen und internationalen Finanzmärkte. Er war Chefredakteur verschiedener Geldanlageberatungsmagazine, als Finanzmarktexperte häufiger Gast im ARD-Börsenfernsehen und ab 2003 Berater mehrerer Investmentfonds. Seit 2010 arbeitet er auch für den Finanz- und Wirtschaftsteil der FAZ und FAS.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 443

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Werner Kurzawa

ERFOLG REICH AN DER BÖRSE

Schritt für Schritt von der Depoteröffnung bis zu Absicherungsstrategien

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

1. Auflage 2021

© 2021 by FinanzBuch Verlag,

ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Judith Engst

Korrektorat: Anja Hilgarth

Umschlaggestaltung: Sonja Vallant

Abbildungen im Innenteil (Sprechblase und Explosion): Shutterstock/alimughni

Die Grafiken, Abbildungen und Charts im Innenteil wurden bearbeitet von Tobias Prießner

Satz: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)

Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN Print 978-3-95972-453-1

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-856-0

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-857-7

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de

Für meine KinderWanja & Johannes

Inhalt

Vorwort

Erfolgreich anlegen und vorsorgen auch in unsicheren Zeiten – trotz Minizinsen, ausufernder Staatsverschuldung und zunehmender globaler Krisen

Kapitel 1

Ihre Chancen, an der Börse ein Vermögen zu machen

Reich werden über Nacht?!

Rechnen Sie statt mit nominalen besser mit wahren Renditen – nach Kosten, Steuern und Inflation

Die neue Realität: Notenbanken als entscheidende Kurstreiber an den Börsen

Bürger in der Rentenfalle

Banken- und Versicherungslösungen fragwürdig

Chancen und Risiken gut kalkulieren

Die Aktie: das attraktivste, renditestärkste Anlageinstrument auch für Einsteiger und Vorsorgesparer

Pennystocks – nur für Spieler

So nehmen Sie Ihre Chancen selbst in die Hand: Mit Selbstvertrauen und Disziplin zum Erfolg!

Kapitel 2

Erste Schritte

Kassensturz

Die Auswahl der richtigen Bank

Achten Sie auf ein attraktives Gesamtpaket

Service und Schnelligkeit bei der Auftragsabwicklung

Bestehen Sie auf aktuellen Kursinformationen

Der passende Anlageberater: Trau, schau, wem?

Vertrauenswürdigkeit und Offenheit als Kriterien

Wenn schon, denn schon – entscheiden Sie sich besser für langjährig erfahrene Berater

Die Qualität Ihres Beraters zeigt sich erst in der Krise

Der Börsenzyklus

Informationen sind nicht alles, aber ohne sie ist alles nichts

Wirtschafts- und Börsenzeitschriften: solche und solche

Bleiben Sie kritisch gegenüber Börsenbriefen

Geschönte Direktinformationen

Kapitel 3

Wie Sie aussichtsreiche Aktien finden und deren Chancen beurteilen können

So planen Sie Ihren Einstieg

Die Fundamentalanalyse als wichtigstes Auswahlverfahren

KGV, Cashflow und KBV

Dividendenrendite

Technische Analyse mithilfe von Charts und Indikatoren

Trends und Signale

Gleitender Durchschnitt und Momentum

Widerstands- und Unterstützungszonen

Umsatzvolumen

Das psychologische Umfeld

Chancen gegenteiligen Marktverhaltens

MSCI-Indizes – die wichtigste Quelle zur Beurteilung Ihrer Chancen an den internationalen Finanzmärkten

Kapitel 4

Ihr erster Auftrag am Aktienmarkt

So prüfen Sie Ihren Einstieg auf Herz und Nieren

Gehen Sie heißen Tipps aus dem Weg

Das richtige Timing

Kleiner Exkurs: Wie Kurse entstehen

Auftragsvergabe mit kleinen Finessen

Durch gezielte Platzierung zum ersten Gewinn

Staffellimits mit System

Ordertypen ganz nach Bedarf

Stop-Loss-Strategien zur Gewinnsicherung und Verlustbegrenzung

Kapitel 5

So managen Sie Ihr Depot wie ein Profi

Ausführungskontrolle und Reklamation

Börsentagebuch als Gedächtnisstütze

Vorsicht bei Auslandsaufträgen

Depotüberwachung: Wie Sie als erfolgreicher Börsianer Buch führen

Kursbeobachtung und Erfolgskontrolle nach Plan

Die Goldene Regel: Gewinne laufen lassen – Verluste begrenzen!

Kreditfi nanzierte Spekulation: ein Tanz auf dem Vulkan?

Beleihungsgrenzen

Bei Bedarf wird scharf geschossen

Das richtige Verhältnis zwischen Eigen- und Fremdkapital

Kapitel 6

Prämien, Boni, Dividenden … Freie Fahrt für Aktionäre

Die Jagd nach Dividenden

Bezugsrechte frei Haus

Kapitel 7

Mit Hebelinstrumenten bei steigenden und fallenden Kursen gewinnen

Optionsscheine, die schnellen Läufer

Die große Chance: der Hebeleffekt

Der Preis: das Aufgeld

Die Risiken: freier Fall beim Ausverkauf

Optionen: So setzen Sie an der Terminbörse auf steigende und fallende Kurse

Kaufoptionen (Calls)

Verkaufsoptionen (Puts)

Vorsicht bei zu engen Märkten

Futures: das Millionenspiel – nur für Profis

Kapitel 8

Sicherheitsorientierte Anlageformen: Anleihen, Zinsinstrumente, Gold & Co

Anleihen als schwankungsarmes, ertragsorientiertes Basisinvestment für mehr Sicherheit im Depot

Was Anleihen und andere Rentenpapiere charakterisiert

Wie sich Zinsänderungen auf den Anleihekurs auswirken

Kursänderung von Anleihen bei 1 Prozent Zinsänderung

Ihre Rentenstrategie: Anleiheanteile eher ausbauen, wenn die Zinsen fallen – und abbauen, wenn sie steigen

Hochzins- und Fremdwährungsanleihen als Beimischung zu Ihrem Depot

Goldanlagen: Sicherer Hafen oder spekulatives Investment?

Auch Minenaktien sind nicht vorm Crash gefeit

Kapitel 9

So finden Sie den richtigen Anlagenmix

Nicht die Einzeltitelauswahl, sondern der Depotaufbau entscheidet über Ihren langfristigen Anlageerfolg

Diversifikation, Korrelation und Varianz – die zentralen Begriffe der modernen Portfoliotheorie

So können Sie die Wertschwankungen Ihres Depots und Ihre Anlagerisiken systematisch reduzieren

Entscheiden Sie sich für die Depotaufteilung, die am besten zu Ihnen passt

Drei Basisdepots mit unterschiedlicher Chancen-Risiko-Struktur

Kapitel 10

Anlagealternative I: aktiv gemanagte Investmentfonds

Aktiv gemanagte Fonds

Die richtige Auswahl entscheidet

So prüfen und vergleichen Sie Fonds und die Leistungen des Managements

Ausgewählte Hitlisten und Vergangenheitsergebnisse aktiv gemanagter Investmentfonds

Kapitel 11

Anlagealternative II: passiv anlegende ETF-Indexfonds zur Altersvorsorge

Mit einem gemischten Depot aus Aktien- und Anleihen-ETFs zielgenau investieren

ETF-Einmalanlagen und -Sparpläne als ideale Form der Alters- und Vermögensvorsorge

Die wichtigsten Kennzeichen von ETFs

Warum aktiv gemanagte Fonds gegenüber Indexfonds langfristig im Nachteil sind

Warum ETF-Indexfonds die meisten aktiv gemanagten Fonds nach Kosten langfristig schlagen

Die wichtigsten Merkmale von ETFs auf einen Blick

So nutzen Sie ETF-Sparpläne zum Vermögensaufbau und für Ihre Altersvorsorge

Drei idealtypische Sparplandepot-Varianten

Wie Sie ETF-Strategien einfach umsetzen

Kapitel 12

Zertifikate, CFDs, Robos & Co – Innovationen mit begrenztem Nutzen

Bunter Strauß von Angeboten

Unübersichtliche Vielfalt bei Zertifikaten

Kapitalschutz-Zertifikate und Absolute-Return-Fonds – mehr Schein als Sein

CFDs für Hasardeure

Robo-Advisor als neuer Clou?

Kapitel 13

Kleine Tricks zur Geldvermehrung

Absicherungsstrategien

Alternativabsicherung mit Short-Aktienindex-ETFs

Währungsverlustrisiken sind schwer begrenzbar

Trading: schnelle Geschäfte für Nervenstarke

Wer den Cent nicht ehrt: Tradingstrategien

Typische Möglichkeiten

Denken um mehrere Ecken

Gebühren und Steuern einkalkulieren

Neuemissionen: So stechen Sie selbst Profis aus

Handel per Erscheinen: Verdienen ohne Geldeinsatz

Arbitragegeschäfte – Gewinnen ohne Risiko

Devisenarbitrage – nur für die ganz Großen

Kapitel 14

Lehrstücke frei Haus

Wie Herr Meier seinen Kopf verlor

Was Hänschen nicht lernt …

Luise Schulzes Zitterpartie

Kapitel 15

So vermeiden Sie typische Anlagefehler

Allgemeine Fehler

Fehler bei der richtigen Auswahl

Fehler beim richtigen Timing

Fehler bei der Auftragsvergabe

Fehler beim Aufbau des Depots

Fehler bei der Depotüberwachung

Kapitel 16

Sichere Wege zum Erfolg

Flussdiagramm für die konkrete Entscheidung

Selbsterkenntnis als Erfolgsrezept

Zehn Gebote für den kritischen Börsianer

Ihre Chance, an der Börse erfolgreich zu sein

ANHANG 1

Die neuen Risiken – Lehren aus dem Crash ’87

ANHANG 2

Wie die Krise am US-Immobilienmarkt 2007 zum Kurseinbruch an den internationalen Finanzmärkten führte

ANHANG 3

DAX-Renditedreieck

ANHANG 4

Kopiervorlagen: Mein Börsentagebuch

ANHANG 5

Kleines Börsenlexikon für Einsteiger

Vorwort

Erfolgreich anlegen und vorsorgen auch in unsicheren Zeiten – trotz Minizinsen, ausufernder Staatsverschuldung und zunehmender globaler Krisen

In einem überschaubaren Zeitraum aus einem Euro zwei oder noch mehr Euro machen zu können – das erscheint den meisten Menschen eher wie aus einem Traum oder den Märchengeschichten ihrer Kindheit.

Doch so unrealistisch, wie dies auf den ersten Blick scheint, ist es keineswegs. Denn was in der Welt der Märchen die gute Fee an Wundergaben aus Gold und Geld herbeizuzaubern vermochte, das scheint heutzutage ein »Goldesel« ganz anderer Art leisten zu können: die Börse! Die Börse ist heute der Ort, an dem das Glück par excellence versucht werden kann. Denn sie birgt bei Beachtung gewisser, gar nicht so schwer erlernbarer Regeln allen Unkenrufen zum Trotz sehr viel mehr Chancen als Risiken. Und das gilt trotz zwischenzeitlich immer wieder vorkommender Kurseinbrüche wie im Börsencrash 1987, in der geplatzten Internetblase von 2000, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, in der Weltfinanzkrise 2007/2008 oder im Zuge der Corona-Pandemie 2020/2021.

Vor dem Hintergrund solcher Ausschläge erscheint vielen eine Kapitalanlage in Aktien, Anleihen, Investmentfonds oder anderen börsennotierten Finanzinstrumenten auch und gerade für die eigene Altersvorsorge als viel zu riskant, gar unkalkulierbar. Doch diese Ansicht ist ein gerade in Deutschland weit verbreiteter Irrtum – mit erheblichen Folgen für den eigenen Vermögensaufbau und die Vorsorge fürs Alter. In Zeiten dauerhafter Niedrigzinsen läuft die Zurückhaltung gegenüber Aktien und ähnlichen kurzfristig schwankungsstärkeren Anlageformen auf einen Verzicht an Rendite hinaus. Sie schmälert bei anhaltender Inflation den allein an der realen Kaufkraft festzumachenden tatsächlichen Wert Ihres Vermögens.

Dabei sind Ihre Risiken als Anleger und Anlegerinnen an der Börse durchaus überschaubar. Denn nach jedem der kleineren oder größeren Börsencrashs kam es in der Vergangenheit noch immer zu einer ebenso starken Kurserholung: Allein von 1988 bis 1999 stieg der Deutsche Aktienindex (DAX) von 1000 auf 8000 Punkte, vom Tiefpunkt 2003 bis zum Hochpunkt 2007 sowie von 2009 bis 2020 legte er um jeweils 300 Prozent zu.

So führen alle Bedenken gegen eine »Spekulation«, wie Börseninvestments immer wieder mit moralischem Unterton gebrandmarkt werden, nicht an einer Tatsache vorbei, die durch wissenschaftliche Untersuchungen nachhaltig bestätigt wurde: Wer mittel- bis langfristig an der Börse investiert und sich in unsichereren Phasen durch einfache Absicherungsstrategien vor allzu großen Verlusten schützt, kann sich mit einem gemischten Depot aus Aktien und Anleihen als den beiden wichtigsten Anlageklassen ein solides Vermögen aufbauen, es ausbauen und erhalten! Da bei Anleihen statt auf Kursgewinne auf (regelmäßige) Zinsausschüttungen gesetzt wird, nennt man sie auch Renten(papiere).

Der Erfolg an der Börse kommt allerdings nicht von allein. Ganz mühelos werden sich auch hier nicht tausend Euro in hunderttausend oder gar Millionen Euro verwandeln. Dahinter steckt Arbeit, vor allem Gedankenarbeit, eine im Laufe der Zeit durch die eigene Praxis wachsende Erfahrung, Freude am Aufspüren wirtschaftlicher Zusammenhänge, Mut, Geduld, Gelassenheit und zu guter Letzt immer auch ein Quäntchen Glück.

Hier setzt das vorliegende Werk an – als grundlegende Neubearbeitung meines seit 1991 in zahlreichen Auflagen erschienenen Bestsellers Erfolgreich an der Börse. Es hat viele Leser geprägt, sogar einige, die später beruflich im Finanzbereich selbst zu Profis wurden und die es als grundlegendes Werk und Handbuch für die Kapitalanlage an der Börse genutzt haben. Ausgangspunkt war meine Artikelserie »Absolute Beginners« in der ab Mitte Oktober 1987 – just zum ersten größeren Börsencrash der Nachkriegsgeschichte – herausgebrachten Wochenzeitschrift Börse Online. Mein Ansinnen war es, Privatanleger mit dem Wissen und der Kompetenz auszustatten, die für eine erfolgreiche, selbstbestimmte Kapitalanlage unabhängig von den Empfehlungen interessengeleiteter Anlageberater erforderlich sind.

Insofern ist das mit diesem Buch verbundene Anliegen das gleiche wie damals. Angesichts der radikalen Veränderungen, die seit der Weltfinanzkrise 2007/2008 eingetreten sind – mit »verordneten« Null- bis Minizinsen und den Notenbanken als entscheidenden Mitspielern an den Finanzmärkten – verlangte es aber nach einer grundlegenden Überarbeitung, einer umfänglichen Ergänzung und einer Anpassung der in den früheren Auflagen vorgestellten Gewinnstrategien. So haben Anleihen ihre frühere Funktion als risikoarme Beimischung in einem ansonsten eher auf Aktien basierenden Depot vorübergehend an Attraktivität eingebüßt: Das ist eine der größten Herausforderungen für sicherheits- bis risikobewusst orientierte Anleger, Vermögensverwalter, Fondsmanager, Pensionskassen und Produkte zur privaten Altersvorsorge!

Vor dem Hintergrund dieser disruptiven Veränderungen will mein Buch Ihnen, die Sie als Einsteiger und Einsteigerin noch nichts oder als Fortgeschrittene erst wenig mit der Börse zu tun gehabt haben, den Weg dahin ebnen: durch konkrete, Schritt für Schritt nachvollziehbare, aus langjähriger Praxis gewonnene Erläuterungen, Illustrationen, Tabellen, Rechenbeispiele, Schaubilder, Charts und Kopiervorlagen für Ihr eigenes Börsentagebuch. Hinzu kommen Hinweise auf manchmal selbst erfahrenen Profis wenig bekannte Hintergründe, Zusammenhänge und Strategien, die Sie für Ihren Anlageerfolg auch in unsichereren Marktphasen oder bei fallenden Kursen nutzen können.

In zwischendurch eingestreuten kleinen Episoden werfe ich dabei auch – als Börseninsider – einen sehr persönlichen Blick hinter die Kulissen der Finanzindustrie. Er fällt für manche Akteure, Aufsichtsorgane und Behörden am Finanzplatz nicht immer schmeichelhaft aus.

Mögen Sie als Anlegerinnen und Anleger dieser ganz an Ihren praktischen Bedürfnissen ausgerichteten Darstellung von meinen langjährigen, keineswegs immer ungetrübten Erfahrungen durch Ihren eigenen Börsenerfolg profitieren!

Frankfurt am Main

Dr. Werner Kurzawa

Kapitel 1

Ihre Chancen, an der Börse ein Vermögen zu machen

Viele von Ihnen dürften der folgenden Einschätzung zustimmen: Wer darauf hofft, allein durch eigene abhängige Arbeit ein großes Vermögen zu machen, muss in der Regel schon einen sehr langen Atem haben, damit ihm dies – womöglich erst am Ende eines mühevollen, entbehrungsreichen Lebens – wirklich gelingt. Häufig sind es erst die eigenen Kinder oder Kindeskinder, die mithilfe von ererbten Gütern und Geldern in die Lage versetzt werden, nicht für den täglichen Konsum benötigte Mittel frei anlegen, als Vermögen aufbauen und kräftig mehren zu können. Aus einer Million zwei Millionen zu machen, erscheint dann keine so große Kunst mehr. Doch der Weg bis zur verflixten ersten Million hat es in sich – den meisten bleibt er unter normalen Umständen zeitlebens verwehrt.

Ein Trost ist manchmal nur noch die eigene Phantasie: Reich zu werden über Nacht ohne besonderen persönlichen Einsatz, ohne Risiko, ohne Nervenanstrengung – wer hätte davon nicht schon einmal geträumt? Die ersten Märchen unserer Kindertage haben bereits mit solchen scheinbar nur aufs Materielle gerichteten Wünschen und Motiven zu tun: Wo das Gute über das Böse siegt und der gute Mensch für sein Handeln belohnt wird, da besteht dieser Lohn am Ende nicht selten aus Goldklumpen, Talern und prachtvollen Gaben – ganz zu schweigen von den übermenschlichen Fähigkeiten, die dem Gerechten zeitlebens zuwachsen sollen. Und gerecht sein wollen wir ja alle, vor allem wenn uns der Lohn dafür nicht erst im Jenseits, sondern bereits im diesseitigen Leben beschert werden könnte.

Reich werden über Nacht?!

In Wirklichkeit gibt es zwar manche Beispiele für Fälle, in denen Menschen ganz plötzlich zu großem Reichtum gekommen sind. Selten ist dies dann aber das Ergebnis besonderer persönlicher Verdienste. Da gewinnt einer sechs Millionen im Lotto. Da erbt jemand plötzlich ein großes Vermögen von einem verstorbenen, vielleicht unbekannten Verwandten. Da setzt irgendwer im Roulette mehrfach hintereinander auf die richtige Zahl oder – was durchaus im Rahmen des Möglichen liegt – vervielfacht sein Kapital innerhalb kürzester Zeit durch Spekulation an der Börse.

All das kommt im wirklichen Leben gelegentlich vor, die Regel – selbst im Börsenalltag – ist das jedoch nicht. Mit Aktien kann Ihr Kapital unter normalen Umständen jährlich im Durchschnitt mindestens doppelt oder dreimal so stark wachsen wie mit Zinsanlagen oder ähnlichen ertragsorientierten Finanzinstrumenten. Auch die Chancen auf einen überproportionalen plötzlichen Wertzuwachs sind nirgends größer und realistischer als am Aktienmarkt. Und das gilt trotz, ja gerade auch wegen zwischenzeitlich immer wiederkehrender Kursrückschläge oder gar Crashs an den Börsen. Es sollte Ihnen allerdings klar sein, dass eine solche Geldanlage zwangsläufig auch immer mit höheren Risiken einhergeht. Diese können Sie zwar mit klugen Strategien und durch die Wahl eines längeren Anlagehorizonts deutlich abmildern, aber kurz- und mittelfristig nie völlig vermeiden.

Wo der Kurs einer Aktie oder eines Aktienindex wie des DAX morgen oder in einem halben Jahr steht, kann niemand wissen. Deshalb sind auch die manchmal sehr vollmundig verkündeten Prognosen zum Stand von Aktienindizes, Währungen oder Zinsen zu bestimmten Stichtagen wie dem Jahresende selten mehr als ein von subjektiven Erwartungen geprägter oder von der Marketingabteilung der befragten Institute vorgenommener Blick in die Glaskugel! Je entschiedener solche bis heute nicht auszurottenden Nonsens-Prognosen verkündet werden, desto misstrauischer sollten Sie sein. Denn Risiko und Rendite bleiben an der Börse immer die beiden Seiten einer Medaille: Je höher Ihre Gewinnund Renditeerwartungen an ein Investment sind, desto höher sind im Normalfall auch die Risiken, die Sie damit zwangsläufig eingehen – und umgekehrt. Wer diesen unauflöslichen Zusammenhang ignoriert, macht seine Rechnung ohne den Wirt und dürfte dafür am Ende teuer bezahlen.

Lassen Sie sich deshalb auch nicht von manchen Marktschreiern, allzu forsch daherkommenden Fondsmanagern, sich medial gern in Szene setzenden »Börsenstars« oder den vielen scheinbar immer erfolgreichen Börsenbriefschreibern hinters Licht führen, die Ihnen etwas anderes einzureden versuchen: Angeblich können Sie mit den von ihnen propagierten Anlagestrategien, Fonds oder Finanzbriefen leicht dauerhaft zweistellige jährliche Renditen erzielen und damit Ihr Kapital in fünf, sechs oder sieben Jahren so gut wie automatisch verdoppeln. Dass dies mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat, lässt sich häufig bereits an den Anlageergebnissen ablesen, die diese Gaukler und ihre angepriesenen Produkte erzielen. Betrachten Sie solche überzogenen Gewinnprognosen daher besser gleich als das, was sie meistens sind: pure Werbeversprechen mit geringer Substanz – die häufig nur der Verschleierung ihrer eigentlichen Geschäftsinteressen dienen.

Mit Ihren Träumen als Anlegerin oder Anleger lässt sich denn auch leicht Schindluder treiben! Vor allem dann, wenn man rhetorisch besonders geschickt ist und als Gesicht häufig im Börsenfernsehen erscheint. Fallen Sie nicht auf solche vollmundigen Prognosen herein.

Rechnen Sie statt mit nominalen besser mit wahren Renditen – nach Kosten, Steuern und Inflation

Statt sich von überhöhten und auch in den eigenen Anlageprodukten selten unter Beweis gestellten zweistelligen jährlichen Traumrenditen solcher Selbstvermarkter täuschen zu lassen, sollten Sie daher nur realistische, nachhaltig erzielbare Renditen erwarten. Diese allerdings können sich am Aktienmarkt mittel- und langfristig wirklich sehen lassen! Wissenschaftliche Untersuchungen über einen Anlagezeitraum von 20 Jahren und länger haben gezeigt, dass die mit (deutschen) Aktien und entsprechenden Fonds in der Vergangenheit erzielten durchschnittlichen Renditen pro Jahr deutlich besser ausfallen als die mit zinsorientierten Investments wie Anleihen oder Rentenfonds. Für deutsche Aktien werden hierbei Werte um 7 bis 8 Prozent pro Jahr gemäß der durchschnittlichen Entwicklung des DAX genannt. Ihre Erwartungen sollten Sie allerdings nicht an solchen nominalen Renditen ausrichten, die zwischenzeitliche Kaufkraftverluste unberücksichtigt lassen. Doch auch der Ausweis von realen Renditen, die die Inflation berücksichtigen, zeigt nicht die für Sie persönlich maßgebliche wahre Rendite Ihres Investments. Erst diese ist die Kennzahl, an der Sie den Erfolg Ihres eigenen Investments auch im Vergleich zu denkbaren Alternativen wirklich ablesen können.

Die von mir so genannte wahre Rendite misst Ihre Anlageergebnisse nicht nur nach Inflation, sondern auch Steuern und anfallende Transaktions- und Haltekosten sowie mögliche Ausgabeaufschlägen bei Investmentfonds werden vor der Betrachtung abgezogen. Nur diese Zahl zeigt also, wie sich Ihr eingesetztes Kapital tatsächlich über einen bestimmten Zeitraum entwickelt hat. Was nutzt Ihnen eine nominale Verdoppelung Ihres Anlagevermögens innerhalb von 10 oder 20 Jahren, wenn sich im selben Zeitraum die Kaufkraft Ihres Kapitals halbiert hat? Rein nominale Renditeangaben und -vergleiche führen daher zwangsläufig zu falschen Schlüssen – ja sie sind eigentlich unseriös! Ich habe solche Angaben seit zig Jahren auch in der Öffentlichkeit immer wieder massiv kritisiert. Leider arbeiten die Finanzbranche, Fondsgesellschaften und auch der überwiegende Teil der Finanzpresse fast ausnahmslos immer noch nur mit nominalen Renditeangaben und führen Sie als Anleger oder Anlegerinnen damit bewusst oder unbewusst in die Irre.

Was die Höhe der zu erwartenden wahren Renditen der wichtigsten Anlageinstrumente angeht, kommen seriöse Langfristuntersuchungen im Tenor dabei durchaus zu ähnlichen Ergebnissen: Während man mit Festgeld, Anleihen und – vor dem jüngsten Hype – auch mit Immobilien im Durchschnitt der letzten 20 Jahre bei einer durchschnittlichen Inflationsrate von rund 2 Prozent kaum mehr als 1 Prozent reale Rendite erwirtschaften konnte, kam man mit deutschen Aktien immerhin real auf mehr als 3 Prozent pro Jahr! Vor Inflation lag die Rendite dann immerhin um 5 bis 6 Prozent pro Jahr.

Nur mit solchen, vorsichtig kalkulierten und wirklich nachhaltig erzielbaren Ergebnissen sollten Sie als Anlegerin und Anleger langfristig rechnen. Denn sie erlauben es Ihnen, sich mit Aktien, Aktienfonds und den von mir als Chefredakteur eines großen Anlegermagazins als Erster in Deutschland bereits Ende 2000 umfänglich analysierten börsennotierten Indexfonds (Exchange Traded Funds/ETF) ein solides Vermögen aufzubauen, es auszubauen und unter Schwankungen auch zu erhalten! Dabei spiegeln Indizes wie der Deutsche Aktienindex (DAX) die Entwicklung der darin enthaltenen Aktien wider, während der Deutsche Rentenindex (REX) die Wertentwicklung deutscher Staatsanleihen misst.

Abb. 1.1: Wie sich Aktien (DAX, oben), Anleihen (REX) und Gold (unten, in Dollar!) von 2010 bis 2020 nominal entwickelt haben

Quelle: Comdirect

Aktien und darauf beruhende Investmentfonds sind daher gegenüber den weniger schwankungsanfälligen Rentenanlagen oder auch Goldinvestments mittel- und langfristig eine der chancenreichsten, renditestärksten Anlageinstrumente überhaupt (Abb. 1.1). Je länger Ihr Zeithorizont ist, desto geringer sind umgekehrt auch die damit verbundenen Risiken!

Dabei weisen Aktien, die im Standardwerte-Segment einer Börse wie dem DAX notiert werden, normalerweise eine geringere Wertschwankungsbreite (Volatilität) und damit kurzfristig auch ein geringeres Renditepotenzial auf als solche im Nebenwerte-Index wie dem MDAX (Abb. 1.2). Hier werden Unternehmen mittlerer Größe gelistet, die im Vergleich zu den Standardwerten langfristig wachstumsstärker erscheinen oder erst am Anfang ihrer Entwicklung stehen. Handelt es sich um kleine Unternehmen, die zwar eine beeindruckende Zukunftsvision vermitteln, deren Tragfähigkeit bislang aber noch nicht durch entsprechende Geschäftszahlen unter Beweis stellen können, sind der Phantasie kaum Grenzen gesetzt und psychologische Einflüsse auf die Entwicklung der Kurse besonders groß. Top und Flop liegen hier nah beieinander.

Abb. 1.2: Langfristige Entwicklung von DAX (unten) und MDAX

Quelle: Comdirect

Von Aktien, die übertrieben hoch bewertet sind und deren bisherige Kursentwicklung vor allem auf langfristigen Hoffnungen beruht, sollten Sie bei Ihren ersten Schritten an der Börse zunächst besser die Finger lassen und nicht auf Ihr Glück vertrauen. Denn das Glück ist im Bereich Geldanlage ein kaum kalkulierbarer Partner.

Zwar wird die Entwicklung eines Kurses wie die Börsenentwicklung insgesamt häufig von irrationalen, manchmal auch völlig zufällig erscheinenden Umständen beeinflusst, die selbst der erfahrenste Profi nicht vorhersehen kann. Psychologie ist an der Börse aber kurzfristig ein ernstzunehmender Faktor. Auf längere Sicht spielt sie für die angemessene Bewertung der Aussichten einer Aktie oder eines Aktienmarkts jedoch eine weit geringere Rolle: Da sind es vor allem harte fundamentale Daten und Fakten, die zählen und die sich durch eine Zukunftsstory nicht vom Tisch wischen lassen, die sich noch so schön anhört. Ausnahmen wie zuletzt der amerikanische Elektroautohersteller Tesla bestätigen hierbei nur die Regel.

Das Platzen der Internetblase Anfang 2000 ist ein typisches Beispiel dafür, wie die Börse nach einer viel zu euphorischen Einschätzung der Aussichten der vielen jungen, von allen Seiten hochgejubelten »Wachstumswerte« auf den Boden der Realität zurückgebracht wurde. Die meisten der damals im Neuen-Markt-Index NEMAX gelisteten Firmen gibt es heute schon gar nicht mehr – und den Index übrigens auch nicht.

Dazu folgende Episode: Als ich wenige Wochen vor dem Platzen der Dotcom-Blase im Frühjahr 2000 in einem Beitrag als Chefredakteur des Geldanlage-Beraters meinen Lesern zum sofortigen Ausstieg aus seinerzeit sehr nachgefragten, völlig überteuerten Neuen-Märkte-Fonds riet, rief einer der Fondsmanager meinen Verleger an. In einem unangekündigten Schaltgespräch zwischen uns dreien beschwerte er sich über meine heftige Kritik und die Verkaufsempfehlung. Mein dringender Rat zum Ausstieg aus seinem Fonds betraf allerdings auch andere Akteure wie den damals ähnlich umtriebigen Fondsmanager und Neuen-Markt-Pionier eines bekannten Bankhauses aus der Schweiz. Auch dessen ähnlich aufgestellter Fonds war inzwischen so heiß gelaufen, dass die darin enthaltenen Werte im Krisenfall nur noch zu Schleuderpreisen – wenn überhaupt – hätten verkauft werden können. Ein Crash stand für mich angesichts der völlig übertriebenen, fundamental nicht mehr zu rechtfertigenden Bewertungen am Neuen Markt unzweifelhaft bevor: Da reichte schon ein Blick auf den Indexchart, der zu diesem Zeitpunkt nahezu senkrecht nach oben zeigte. Also war es für mich das Gebot der Stunde, meinen Lesern zu raten, die auf diesem Kursniveau aufgelaufenen hohen Gewinne konsequent zu sichern und entsprechende Anteile zu verkaufen. Und wie ich es erwartet hatte, so kam es denn auch: Beide zig Millionen schweren Fonds der seinerzeit bekanntesten »Börsen-stars« für Nebenwerte waren kurze Zeit nach unserem überraschenden Telefonat tatsächlich kaum mehr als die Hälfte wert. Von März bis Dezember 2000 stürzte der Neue-Markt-Index NEMAX um rund 75 Prozent ab! Den kritisierten Fonds erging es entsprechend: Sie waren bald nur noch reine Vermögensvernichtungsmaschinen! Heute gibt es sie längst nicht mehr.

So war der Kollaps am Neuen Markt denn auch die Folge einer übertriebenen Wachstumseuphorie, die zur völligen Überwertung der dort notierten Aktien geführt hatte. Manche, die sich seinerzeit von der psychologischen Stimmung am Markt zu Investments in entsprechenden Aktien hinreißen ließen, haben dies teuer bezahlt. Das sollte jedem frisch gebackenen Anleger eine Lehre sein.

Tipp: Machen Sie Ihre Entscheidungen für den Einstieg in eine Aktie oder in einen Markt weniger von vorübergehenden Moden, Stimmungen und kurzfristigen Trends abhängig als von mittel- bis langfristig gut überschaubaren Entwicklungen, fundamentalen Daten und Fakten.

Die neue Realität: Notenbanken als entscheidende Kurstreiber an den Börsen

Seit der Jahrtausendwende und vor allem seit dem Ausbruch der Weltfinanzkrise 2007/2008 kommen allerdings neue Akteure hinzu, die es in diesem Ausmaß vorher nie gegeben hat: die internationalen Notenbanken. Sie haben sich mit ihrer expansiven Liquiditätspolitik (Stichwort: »quantitative easing«) zu den größten kursbeeinflussenden Mitspielern an den Finanzmärkten entwickelt, deren Ziele und Interessen Sie bei Ihren eigenen Anlageentscheidungen auf keinen Fall außer Acht lassen dürfen!

Gegen die Notenbanken zu wetten sollten Sie als Anleger erst gar nicht versuchen, selbst wenn Sie deren Handeln kritisch betrachten oder manches davon gar für unverantwortlich halten. Mit ihrer Politik der Mini- und Negativzinsen (Stichwort: »finanzielle Repression«) haben Notenbanken wie die Europäische Zentralbank EZB nicht nur die bisherige Rationalität des Finanzsystems und das originäre Verhältnis zwischen Gläubigern und Schuldnern völlig auf den Kopf gestellt. Indem sich die EZB immer stärker auch zur Steuerung der konjunkturellen Entwicklung von der Politik vereinnahmen lässt, unterminiert sie auch die Unabhängigkeit ihres Mandats.

Durch die systematische Bevorteilung von Schuldnern und verschuldeten Staaten zulasten von Sparern und privaten Gläubigern gefährdet die dauerhaft betriebene Notenbankpolitik des lockeren Geldes gerade in Deutschland altbewährte Geschäftsmodelle der Banken sowie Altersvorsorge-, Lebens- und Rentenversicherungen. Sie erschwert damit den langfristigen Aufbau, Ausbau und Erhalt von Vermögen. Gleichzeitig befeuert sie Preisblasen an den Immobilienmärkten, die über massive Mieterhöhungen in den Ballungszentren zu erheblichen Unruhen in der Bevölkerung und zu tiefgreifenden gesellschaftlichen Verwerfungen führen.

Inzwischen sind die Notenbanken durch den expansiven Aufkauf von Staats- und Unternehmensanleihen, durch gezielte Absenkung des Zinsniveaus bis in den negativen Bereich hinein und durch die Ausweitung ihrer Bilanzen zum größten Staatsfinanzierer geworden – und damit auch zum größten Risiko für die langfristige Stabilität des Finanzsystems. Denn entgegen der weitverbreiteten Legende, Notenbanken seien die »Gläubiger der letzten Instanz« (»Lender of last Resort«), sind es in Wirklichkeit die Bürger, die als letzte Instanz und Kreditgeber früher oder später für die Schulden der Staaten und für die Finanzierungsgarantien der Notenbanken aufkommen müssen. Die mit der expansiven Geldpolitik verbundenen Kollateralschäden werden hinter den verschlossenen Türen der EZB inzwischen denn auch längst diskutiert und mit wachsender Besorgnis zur Kenntnis genommen.

Bürger in der Rentenfalle

Warum sollten Sie mit Börseninvestments beginnen, wo dies doch jahrzehntelang überflüssig und nachgerade gefährlich erschien? Die beklagenswerte Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank ist ein gewichtiger Grund dafür. Es gibt jedoch noch einen weiteren, den Sie in Erwägung ziehen sollten und der sogar noch bedeutender sein dürfte: Die gesetzliche Rente allein wird in Zukunft nicht ausreichen, um im Alter den eigenen Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Durch das bis 2030 erwartete drastisch fallende Rentenniveau entsteht bei vielen Menschen eine erhebliche finanzielle Lücke zum bisherigen Einkommen. Die kann bei den meisten nur durch eine möglichst frühzeitig begonnene private Zusatzvorsorge geschlossen werden.

Abb. 1.3: Fallende Ansprüche aus der gesetzlichen Rentenversicherung – Anteil der Rente in Prozent am Durchschnittseinkommen

*Untergrenze der Niveausicherungsklausel.

Quelle: Daten bis 2008: Deutsche Rentenversicherung Bund, Renten in Zeitreihen 2012. Daten ab 2008: Bundesregierung, Rentenversicherungsbericht 2013.

Abb. 1.3 zeigt, dass die sogenannte Netto-Standardrente (das ist die Brutto-Rente nach Abzug des Kranken- und Pflegeversicherungsanteils) langfristig bis auf 43 Prozent des durchschnittlichen Jahresentgelts fallen könnte. Das inzwischen eingeführte Sicherungsniveau vor Steuern gilt nur bis 2025. Selbst wenn noch Einkünfte aus einer möglichen Betriebsrente dazukommen sollten, bleibt die Versorgungslücke immer noch groß.

Hinzu kommt das vor dem Hintergrund des demografischen Wandels stark gestiegene Risiko, im Alter zum Pflegefall zu werden oder an Demenz zu erkranken. Davon werden in Zukunft jede zweite Frau und jeder dritte Mann betroffen sein! Auch die gesetzliche Pflegeversicherung bietet dafür immer nur eine Teilabsicherung. Ohne eine private Vorsorge werden viele Menschen daher voraussichtlich in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten geraten. Darin sind sich alle Experten einig. Und sie appellieren seit Jahr und Tag an die Bürger, selbst mehr für die private Vorsorge zu tun, um einer drohenden Renten-, Pflege- oder gar Armutsfalle zu entgehen. Dieser Gefahr sind aufgrund ihrer meist nicht lückenlosen Erwerbsbiografie und strukturell niedrigerer Einkommen vor allem Frauen ausgesetzt.

Banken- und Versicherungslösungen fragwürdig

Banken und Versicherungen haben vor diesem Hintergrund eine Fülle von Angeboten entwickelt, mit denen man Sie als Anleger und Vorsorgesparer zu beglücken versucht. Von vielen dieser Produkte ist aber abzuraten. Sie sind überwiegend intransparent, unflexibel und meistens mit sehr hohen Kosten verbunden. Kein Wunder, dass viele Bundesbürger angesichts solcher Mängel verunsichert sind und dann doch lieber auf eine der ihnen vertrautesten, aber am schlechtesten rentierenden Anlageformen zurückgreifen: auf das Sparbuch.

Immerhin 49 Prozent der Bundesbürger gaben in einer Forsa-Umfrage noch vor einiger Zeit an, sie würden auf diese Weise für ihr Alter vorsorgen. Laut Deutscher Bundesbank hatten die privaten Haushalte Mitte 2020 rund 2,4 Billionen Euro ihres Geldvermögens in Spareinlagen, Termingeldern, Sparbriefen, Sichteinlagen und Bargeld angelegt – das waren 40 Prozent ihres insgesamt auf 6,3 Billionen Euro veranschlagten Geldvermögens. Ein Ergebnis mit gravierenden Folgen für die private Vermögensbildung. Denn anders als noch vor Jahren werfen diese zinsbasierten Anlageformen heute kaum noch Erträge ab, sondern entpuppen sich nach Steuern und Inflation sogar als reine Geldvernichtungsprodukte.

Das gilt in einer ausgesprochenen Niedrigzinsphase tendenziell auch für solche scheinbar sicheren Vorsorgeprodukte wie Kapitallebensversicherungen und ähnliche Anlageinstrumente mit sogenannten Kapitalgarantien. Sie werden in der Statistik der Bundesbank mit einem Anteil von rund 37 Prozent am Geldvermögen der Bürger als »Ansprüche gegenüber Versicherungen« ausgewiesen. Immerhin verfügt im Durchschnitt jeder Zweite im mittleren Alter über eine Lebensversicherung. Das Dilemma der Lebensversicherer: Sie sind aufgrund eigener Richtlinien und gesetzlicher Vorgaben gezwungen, überwiegend in festverzinsliche Wertpapiere zu investieren, um Wertschwankungen und Verlustrisiken möglichst aus dem Wege zu gehen.

Dabei müssen die Versicherer ihren Vorsorgesparern seit 2017 gerade mal einen Zins von 0,9 Prozent garantieren. Ab 2022 könnte dieser »Höchstrechnungszins« für Neuverträge sogar auf 0,5 Prozent herabgesetzt werden. Und selbst dieser vermeintliche Garantiezins könnte – was die wenigsten wissen – im Extremfall, wenn alle Stricke reißen und die staatliche Aufsicht das als zwingend ansieht, auch noch ausgesetzt werden. Eigentlich eine komfortable Situation – für die Versicherer. Entsprechend gering ist denn auch deren Bereitschaft, mit ihren Anlagen stärker ins Risiko zu gehen. So lag die Aktienquote der deutschen Lebensversicherer 2019 nur bei gut 5, die Rentenquote aber bei 83 Prozent des Anlagevermögens.

Damit legen die deutschen Versicherer noch konservativer an als der Durchschnitt der deutschen Sparer. Auch die deutschen Privatanleger haben nur einen Bruchteil ihres Geldvermögens in Aktien investiert – trotz der nachgewiesenermaßen langfristig hohen Outperformance von Aktien im Vergleich zu allen anderen Anlageformen. In Summe legten sie im Jahr 2020 rund 1,3 Billionen Euro oder knapp 20 Prozent ihres Geldvermögens in Aktien und entsprechende Fonds an und verschenkten damit in der Vergangenheit erhebliche Renditechancen.

Hohe Produktkosten und Provisionen gepaart mit niedrigen Zinsen ergeben bei einer solch scheinbar sicheren, überwiegend auf Zinserträgen basierenden Vermögensanlage eine Mischung, bei der Sie nur hoffen können, nach Steuern überhaupt noch einen Ertrag zu erzielen. Angesichts einer aktuellen Rendite von kaum mehr als 0 bis 1 Prozent für langfristige Anleihen guter bis sehr guter Qualität, in die die Versicherer überwiegend investieren, ist das für Neuverträge gegenwärtig kaum noch möglich.

Berücksichtigen Sie als Anleger dann auch noch die kontinuierliche Entwertung Ihres Vermögens und dessen Erträge durch die Inflation, führt eine solche extrem sicherheitsorientierte Ausrichtung der Versicherer zwangsläufig zum schleichenden Vermögensverlust. Schließlich kommt es nach der eingangs dargelegten Auffassung nicht auf die mit Ihren Anlagen erzielte nominale, sondern allein auf die wahre Rendite an! Und das ist der Ertrag, den Sie nach Steuern und unter Berücksichtigung des durch Inflation entstandenen Kaufkraftverlustes wirklich erzielt haben.

Statt sich daher als Vorsorgesparer auf solche wenig erfolgversprechenden statischen Versicherungslösungen einzulassen, sollten Sie Ihr Schicksal als Anleger besser selbst in die Hand nehmen. Das gelingt Ihnen am ehesten über den Erwerb von Aktien, durch die Sie Anteilseigner eines Unternehmens werden und an dessen Wachstum und Gewinnen über Dividenden und Kursgewinne partizipieren. Allein die Dividendenausschüttungen der DAX-Unternehmen lagen im langfristigen Durchschnitt der letzten Dekaden deutlich über 3 Prozent pro Jahr. Vor dem Hintergrund einer anhaltenden Minizinsphase spricht man an der Börse inzwischen denn auch schon von Dividenden als dem »neuen Zins«.

Gleichzeitig gehen Sie mit Aktien aber auch zwangsläufig das Risiko ein, dass sich »Ihr« Unternehmen zwischenzeitlich nicht so entwickelt, wie Sie es sich erhofft haben. Das kann am Unternehmen selbst, der allgemeinen Konjunkturentwicklung oder anderen, auch außerhalb der Wirtschaft liegenden Faktoren wie zuletzt den Risiken im Zusammenhang mit dem Ausbruch der Corona-Krise 2020 liegen. Dann kann die Dividende auch einmal geringer oder ganz ausfallen – und auch der Kurs Ihres Beteiligungspapiers kann (mitunter sogar erheblich) unter die Räder kommen.

Grundsätzlich gilt für Aktienkurse aber dennoch, was André Kostolany in seinen Büchern immer wieder auf den Punkt gebracht hat: »Fallen können sie – aber steigen müssen sie!« Das gilt jedenfalls langfristig, weil der Wert eines börsennotierten Unternehmens sich in den Aktienkursen widerspiegelt und mit dessen Wachstum und dem Wirtschaftswachstum der Volkswirtschaft insgesamt nach oben tendiert. Anders würde unternehmerisches Handeln in einer kapitalabhängigen Marktwirtschaft kaum Sinn machen.

Chancen und Risiken gut kalkulieren

Sie wissen nun: Die »neue Realität« sieht dergestalt aus, dass sichere Zinsen nicht mehr zu haben sind, dass eine auskömmliche Rendite überhaupt nur möglich ist, wenn Sie sich auch für die private Altersvorsorge an die Börse trauen, so groß Ihnen die schwankungsbedingten Gefahren dort auch erscheinen mögen. Doch von einem in erster Linie vernunftgeleiteten Konzept zum Vermögensaufbau sollten Sie sich durch Verlustängste nicht abbringen lassen. Überhaupt gilt: Wer langfristig an der Börse erfolgreich sein will, setzt statt auf kurzfristige Ereignisse und Zufälligkeiten auf längerfristige Entwicklungen, auf die eigene Klugheit, auf Wissen und auf immer wieder selbstkritisch überprüfte Erfahrung. Vor allem wird sich der- oder diejenige bemühen, aus den eigenen Anlagefehlern die richtigen Schlüsse zu ziehen für das zukünftige Handeln. Insofern beruht Ihr Erfolg an der Börse trotz der unübersehbaren Einflüsse der neuen Mitspieler sehr viel mehr auf Vernunft, Verstand und der Fähigkeit, die eigenen Entscheidungen bei Bedarf auch infrage zu stellen und zu korrigieren. Dies aber besagt, dass im Prinzip jeder lernen kann, wie man an der Börse gewinnt!

Wer denken kann, dürfte es dabei sogar mit jenen vermeintlichen »Börsenstars« aufnehmen können, die ihre eigene Kunst gern als Geheimwissenschaft preisen – um auf diese Weise über den Verkauf teurer, aber gleichwohl häufig mittelmäßiger Ratschläge und Konzepte bei Ihnen als Anleger Kasse zu machen. Ihre Chance, einen dieser vermeintlich edlen und meistens nicht weniger eitlen Ritter der Zunft durch eigene vernünftige Überlegungen vom hohen Ross werfen zu können, ist nirgends so groß wie im Bereich der Geldanlage.

Dabei gilt: Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, einen Teil Ihres Geldes statt auf ein niedrig, gar nicht mehr oder sogar negativ verzinstes Konto lieber an die Börse zu tragen, sollten Sie sich zunächst darüber Klarheit verschaffen, was Sie da überhaupt tun. Denn Chancen und Risiken liegen auf diesem Markt der Möglichkeiten eng beieinander.

Wahrscheinlich ist Ihnen bewusst, dass der Einsatz von Geld an den Aktienmärkten etwas grundsätzlich anderes ist als eine risikolose Anlage, die Sie etwa für unvorhersehbare Notfälle des täglichen Lebens, kurzfristige Sparziele (Ablösung eines Darlehens, Anschaffung eines neuen Autos, Startkapital zur Gründung eines eigenen Unternehmens und Ähnliches) bereithalten wollen. Als Kontosparer sind Sie mit Festgeld- und Zinsanlagen Gläubiger einer Bank, die mit ihrem Namen und den dahinterstehenden Sicherheiten sowohl die Rückzahlung der eingezahlten Beträge als auch die (äußerst bescheidene) Verzinsung Ihres Kapitals garantiert. Die Chancen, auf diese Weise ein Vermögen zu machen und (nach Abzug von Steuern und Inflation) real zu erhalten oder gar deutlich auszubauen, sind gering. Gering ist andererseits auch das Risiko, dabei einen größeren Teil Ihres Vermögens oder gar alles zu verlieren. Bestenfalls decken die am Jahresende verbuchten Zinsgutschriften gerade das ab, was Sie an Wertverlust aufgrund der zwischenzeitlich eingetretenen Preissteigerungen hinnehmen müssen. Hält dann nach Ausschöpfung möglicher Sparerfreibeträge auch noch der Fiskus die Hand auf, um an den vereinnahmten Zinsen mitzuverdienen, schreiben Sie als Anleger real, also nach Inflation, in aller Regel bereits rote Zahlen. Wenn das dauerhaft der Fall ist, würde dadurch sogar der Wert Ihres Vermögens, in Kaufkraft gerechnet, Jahr für Jahr schrumpfen.

Betrüblich ist das für jene, die gar keine Gelegenheit haben, sich um alternative Anlagekonzepte außer dem Sparbuch zu kümmern. Das ist Grund genug für die anderen Sparer und Anleger, der konservativsten aller Kapitalanlagemöglichkeiten wenigstens teilweise den Rücken zu kehren. Denn am normal verzinslichen Sparbuch verdienen zuerst jene Geld, die die niedrigen Zinsen festsetzen und damit gerade den weniger gut Informierten das vorenthalten, was ihnen eigentlich zukommen sollte – die Banken und Sparkassen selbst. Wenn Sie im Jahr 2020 auf einem normalen Sparbuch oder mit einem kurzfristigen Festgeld gerade mal eine Verzinsung von maximal 1 Prozent erhalten, dieselben Banken dieses Geld an ihre Kunden als Kontokorrentkredite aber für wenigstens 10 Prozent, für Konsumentenkredite mit wenigstens 3 Prozent und selbst im Hypothekenbereich mit immer noch auskömmlichen Zinsspannen weitergeben, wissen Sie, wer hierbei garantiert am besten verdient.

Entgegen allen Gerüchten läuft jedoch ein Engagement am Aktienmarkt nun keineswegs auf ein unbegrenztes Risiko für Sie als Kapitalanleger oder -anlegerin hinaus. Auch das sind Märchen, wie sie in bestimmten politischen Lagern zu finden sind, die sich häufig weniger durch ökonomischen Sachverstand denn durch unerschütterliche Ideologien auszeichnen. Die dort weitverbreitete Stimmungsmache gegen Aktien als »spekulative« und daher nach eigener Auffassung abzulehnende Unternehmensbeteiligungen selbst zum Zwecke einer langfristigen ergänzenden privaten Altersvorsorge spricht für sich. Sie atmet noch immer den Geist eines oberflächlichen Verständnisses von Unternehmertum, wonach jeder Gewinn in Wirklichkeit aus Lohn resultiert, der den Arbeitnehmern eigentlich zustünde, ihnen aber zum Teil vorenthalten wurde. Gewinnausschüttungen an Aktionäre in Form von Dividenden oder auch Kursgewinne sind nach diesem Verständnis nichts anderes als eine Bereicherung auf Kosten der Arbeitnehmer und daher moralisch verwerflich. Die Marx’sche Mehrwertlehre lässt grüßen. Und da nach dieser Ideologie Kursgewinne, Dividenden und Zinsen angeblich leistungsloses Einkommen sind, erscheint es in höchstem Maße suspekt, über ein Börsen-Investment daran teilzuhaben. Diese Auffassung verkennt völlig den Sinn und Nutzen von Unternehmensfinanzierungen über die Ausgabe von Anteilsrechten wie Aktien.

Entsprechende Vorbehalte und Warnungen vor kaum zu bändigenden Verlustrisiken an den Finanzmärkten sind denn auch stark übertrieben. Sie widersprechen allen langfristigen Untersuchungen. Für die Vergangenheit gilt: Wer zehn Jahre Geduld hatte, lag gemäß Deutschem Aktieninstitut DAI mit einem Investment auf den DAX nominal bislang fast immer im Plus, bei 15 Jahren sogar ganz sicher (siehe ANHANG: DAXRenditedreieck, 50 Jahre Aktienrenditen). Gerade die Börse bietet Ihnen als Anleger die Möglichkeit, Chancen und Risiken auf Ihre persönlichen Erfordernisse und Wünsche genauestens einzustellen.

Sie selbst entscheiden, in welchem Umfang Sie auf eher risikoreichere oder risikoärmere Anlageinstrumente und auf deren Mischung setzen wollen. Die Chancen-Risiko-Pyramide (Abb. 1.4) bietet Ihnen dafür eine gute Orientierung.

Dabei gilt ein ehernes Gesetz, das durch noch so klug ausgedachte Konstruktionen niemals auflösbar ist: Je höher das eingegangene Risiko, desto größer sind unter normalen Bedingungen auch Ihre damit verbundenen Renditechancen – und je weniger Sie riskieren, desto geringer sind auch die zu erwartenden Erträge! Denn die Höhe Ihrer Risiken ist nichts anderes als der Preis für die Chance, mit Ihrem Investment entsprechend gewinnen zu können.

Die Anlagepyramide zeigt Ihnen, dass ein Engagement in festverzinslichen Wertpapieren wie Anleihen unter normalen Bedingungen als vergleichsweise risikoarm erscheinen, zugleich aber auch entsprechend geringere Renditechancen erwarten lässt. Demgegenüber ist das »Spiel« mit Option(sschein)en, Futures und bestimmten Ausprägungen von Zertifikaten mit erheblichen Risiken bis hin zum Totalverlust Ihres Einsatzes verbunden, kann andererseits aber auch höchst chancenreich sein.

Abb. 1.4: Anlagepyramide Chancen und Risiken an der Börse

Seit Ausbruch der Weltfinanz- und Staatsschuldenkrise 2007 wissen wir aber auch, dass jahrzehntelang als risikoarm, gar »mündelsicher« verkaufte Anlageinstrumente wie Staatsanleihen Ihnen als Anleger im Extremfall erhebliche Verluste bescheren können. Wenn der Schuldner einer Anleihe, gleich ob Staat, Bank oder Unternehmen, diese nicht mehr mit den zugesagten Zinszahlungen bedient, die Rückzahlung (Tilgung) aussetzt oder gar bei seinen Gläubigern einen Teilverzicht (Schuldenschnitt) durchsetzt, hilft Ihnen auch die unter normalen Umständen richtige Einstufung von Anleihen als risikoarme Investments nichts. Von »sicheren Anleihen« als »Safe Haven« sollte man heute nicht mehr reden, sondern allenfalls von graduell sichereren im Vergleich zu Aktien und ähnlichen risikoreicheren Finanzinstrumenten. Bitte, lieber Leser, glauben Sie es nicht, wenn Ihnen selbst renommierte Finanz- und Wirtschaftszeitschriften etwas anderes vermitteln wollen.

Als vielleicht noch wenig erfahrener Anleger sollten Sie sich dabei zunächst auf Investments mit mittlerem bis geringfügig höherem langfristigen Kursrisiko konzentrieren, also auf die in der Mitte der Anlagepyramide aufgeführten Instrumente: in erster Linie auf Aktien und die aktiv gemanagten Investmentfonds oder passiv gesteuerten Indexfonds (ETFs), die in Aktien investieren.

Erst wenn Sie damit bereits Erfahrungen gewonnen haben, können Sie sich mit einem kleinsten Teil Ihres frei verfügbaren Geldes auch an derivative Instrumente wie die im oberen Drittel der Anlagepyramide angeführten Optionsscheine wagen. Diese sind nämlich bei kluger Anwendung und kleiner Beimischung keineswegs zwangsläufig »Hexenwerk« (Kostolany), sondern ermöglichen es Ihnen in bestimmten Situationen sogar, Ihr Depot vorübergehend vor Kursverlusten zu schützen.

Ich saß seinerzeit mit André Kostolany während der Frankfurter Buchmesse im Hessischen Hof bei einem Essen zusammen, das der ECON-Verlag ausrichtete. Damals versuchte er mir seine ablehnende Haltung als quasi väterlichen Rat näherzubringen. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits weit über 80 Jahre alt und sah moderne derivative Anlageinstrumente zumindest für Normalanleger als äußerst gefährlich an. Als vergleichsweise noch junger Spund an der Börse, aber zusammen mit einer kleinen Gruppe aus unserem Kreis höchst praxiserfahrener Spezialisten in diesem Bereich, widersprach ich ihm in seiner Abneigung gegen derivative Finanzinstrumente also vehement, konnte ihn verständlicherweise aber nicht überzeugen.

In Börsenphasen mit sehr klarem Trend können sich Optionsscheine durchaus als kurzfristige Beimischung und Renditerenner in einem breit aufgestellten Depot erweisen. Denn die Kurse/Preise solcher »abgeleiteten« Anlageinstrumente entwickeln sich aufgrund des ihnen innewohnenden Hebeleffekts um ein Vielfaches stärker – allerdings nach oben wie auch nach unten! Abb. 1.5 zeigt die Entwicklung der Allianz-Aktie im Vergleich zu einem Allianz-Optionsschein mit mittlerem Hebel von Januar bis Juni 2019. Während die Aktie in diesem Zeitraum um 25 Prozent zulegte, waren es beim Optionsschein rund 75 Prozent.

Abb. 1.5: Wertentwicklung Allianz-Aktie versus Allianz-Optionsschein Januar bis Juni 2019

Quelle: Comdirect

Wie heiß das Geschäft mit Hebelprodukten ist, zeigt die Vergangenheit. Wer sich zu Beginn des weltweiten Börsenaufschwungs Anfang der Achtzigerjahre mit Aktien oder Optionsscheinen eingedeckt hatte und seine Papiere bis August 1987 behielt, konnte aus seinem Kapital an den deutschen Börsen nach Steuern fast unbesehen im Durchschnitt das Doppelte, bei deutschen Optionsscheinen gar mehr als das Dreifache machen. Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich nach dem Oktober-Crash 1987 ab Frühjahr 1988 bis zum Jahr 1990.

Auch andere Börsen, von Mailand über Madrid bis Tokio und New York, legten in diesem Zeitraum so kräftig zu, dass es eigentlich schon kaum noch mit rechten Dingen zugehen kann, wenn jemand behauptet, sich in diesem glorreichen Jahrfünft an der Börse keine goldene Nase verdient zu haben. Eine ähnliche Situation ergab sich an den meisten Börsen von 1996 bis 1999 und von März 2003 bis Oktober 2007 – und dann auch wieder im Zuge der Börsenhausse 2009 bis 2020. Gemessen am DAX, legten deutsche Aktien innerhalb dieser Zeiträume nominal zum Teil um 100 bis 200 Prozent zu. Mit Optionsscheinen konnte es dann je nach eingesetztem Hebel auch das Vielfache davon sein.

Die Frage, was es denn nun eigentlich mit den Aktien so Besonderes auf sich habe, dass sie ihren Inhabern tatsächlich zuweilen goldene Berge bescheren, sollte für Sie als Einsteiger oder noch wenig erfahrene Börsianer in diesem Bereich daher ganz am Anfang stehen. Sie sollten als Anleger jedenfalls gut verstehen, auf was Sie da setzen und welche Wirkungsweise für Ihr Vermögen sich damit verbindet.

Die Aktie: das attraktivste, renditestärkste Anlageinstrument auch für Einsteiger und Vorsorgesparer

Aktien sind Wertpapiere, die man eigentlich meint, wenn im landläufigen, aber überwiegend falsch verstandenem Sinn von »Börsenspekulationen« die Rede ist. Sie werden meistens an den dafür eigens eingerichteten Märkten, eben den Aktienbörsen, gehandelt. Ihr Kurs wird je nach Börsensegment und vorhandener Nachfrage und Angebot in der Regel laufend während einer Börsensitzung bestimmt. Der von der Börsenaufsicht überwachte Kursmakler, also Börsenhändler, der fortlaufend Angebot und Nachfrage abgleicht und daraus den Kurs bestimmt, ist dabei verpflichtet, diesen so festzusetzen, dass immer ein möglichst großer Umsatz (= Anzahl der gehandelten Aktien x Kurs in Währung) entsteht. Dies geschieht heutzutage, wo der Parketthandel weitestgehend abgeschafft ist, überwiegend automatisch auf elektronischem Wege über Computeranlagen. So ist in Deutschland beispielsweise der Handel auf XETRA, der größten und umsatzstärksten Börse in Deutschland, ein reiner Computerhandel.

Da Aktien ihrem Inhalt nach Miteigentumsanteile an einem Unternehmen, eben der Aktiengesellschaft, verbriefen, ist dieser Kurs im Grunde nichts anderes als der Preis, den die Marktteilnehmer bei Abschluss ihres Geschäfts für einen solchen Anteil bezahlen. Entsprechend verändert sich dieser Preis (Kurs) je nachdem, wie das Unternehmen nach Einschätzung der Käufer und Verkäufer zum jeweiligen Zeitpunkt wahrgenommen wird. Erwarten diese eine günstige Geschäftsentwicklung des Unternehmens, der Branche oder der Gesamtwirtschaft, wirkt sich das entsprechend in der Regel als Kursanstieg aus, schlechte Nachrichten dagegen führen zum Nachgeben oder gar starken Verfall des Aktienkurses. Wenn, wie in den Jahren 1983 bis 1986, 1996 bis 1997, 2003 bis 2007 oder nach 2009 geschehen, die Gewinne der Unternehmen (wieder) stark wachsen, kommt die Börse nicht umhin, diese positive Entwicklung nachzuvollziehen – sie haussiert. Greift dagegen Pessimismus um sich, sind die Ertragsaussichten von vielen Unwägbarkeiten gekennzeichnet oder gibt die politische Großwetterlage zu plötzlichen Sorgen Anlass, kann es zu erheblichen Kursturbulenzen bis hin zu kleineren oder größeren Crashs kommen, wie wir sie seit 1987 mehrfach und im Zuge der Weltfinanzkrise ab 2007 oder der Corona-Pandemie 2020 mit extremen Ausschlägen nach unten hinnehmen mussten.

Aber nicht nur an solchen Veränderungen der Kurse können Sie als Aktienbesitzer teilhaben, sondern Sie können darüber hinaus je nach wirtschaftlicher Situation des Unternehmens in regelmäßigem, häufig jährlichem Abstand an der Ausschüttung von Gewinnen in Form von Dividenden verdienen. Über die Höhe dieser Ausschüttung entscheiden Sie zusammen mit den übrigen Anteilseignern in der Hauptversammlung des Unternehmens, die alljährlich auch über die Entlastung der Organe der Aktiengesellschaft (Vorstand und Aufsichtsrat) bestimmt. In der Regel aber werden Sie dieses Stimmrecht, durch das Sie auf die Geschäftspolitik der Aktiengesellschaft Einfluss nehmen könnten, allerdings an Ihre Bank übertragen, die dann gemäß Ihrer Weisung auf der Hauptversammlung abstimmen muss. Denn gerade Privatanleger mit geringeren Aktienbeständen nehmen nur selten die Möglichkeit wahr, direkt zu den Hauptversammlungen zu fahren.

Gemessen am jeweiligen Kurswert einer Aktie kann die Verzinsung des eingesetzten Kapitals allein über die erhaltene Dividende in der heutigen Niedrigzinsphase durchaus beachtlich sein. So lag die erwartete Dividendenrendite der Allianz-Aktie auf Basis der geschätzten Ausschüttung von 9,60 Euro und eines Kurses von 201 Euro Mitte Januar 2021 bei einer Rendite vor Steuern und Inflation bei 4,8 Prozent. (Formel: [Ausschüttung je Aktie geteilt durch den aktuellen Aktienkurs] mal 100 Prozent). Die durchschnittliche Dividendenrendite der DAX-Werte lag in den vergangenen Jahren immerhin bei rund 3 Prozent.

Da der DAX ein sogenannter Performance-Index ist, bei dem die Dividende zum Zeitpunkt der Ausschüttung rechnerisch gleich wieder reinvestiert wird, bilden die Dividenden auch den Anteil an seiner Entwicklung, der eben nicht aus der reinen Kursentwicklung der zugrundeliegenden Aktientitel resultiert. Dagegen sind Indizes wie der amerikanische Dow-Jones-Index oder der japanische Nikkei-Index reine Kursindizes, bei denen die Dividenden unberücksichtigt bleiben.

Abb. 1.6: Langfristige Entwicklung des DAX, S&P 500, MSCI-WORLD und NASDAQ (von unten nach oben)

Quelle: Comdirect

Dennoch ist davon auszugehen, dass sich die meisten Kapitalanleger bei der Auswahl von Aktien nicht so sehr an der Höhe der jeweils zu erwartenden Dividende orientieren als vielmehr an der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung des Unternehmens, die bei positiver Einschätzung eine mehr oder weniger starke Kursentwicklung möglich erscheinen lässt.

Sämtliche Gewinne sind allerdings zu versteuern. Seit 2009 gibt es die Kapitalertragsteuer in Form der sogenannten Abgeltungssteuer: So unterliegen sämtliche Kursgewinne unabhängig von der Haltedauer genauso wie Zins- und Dividendeneinnahmen einem einheitlichen Abgeltungssteuersatz von 25 Prozent zuzüglich eines Solidaritätszuschlags darauf von 5,5 Prozent (= insgesamt 26,375 Prozent). Verschont bleibt lediglich der sogenannte Sparerpauschbetrag in Höhe von 801 Euro pro Anleger (beziehungsweise 1602 Euro bei zusammen veranlagten Ehepaaren). Die Politik in Deutschland – ganz gleich von welcher Partei – hat noch immer ein äußerst gespaltenes Verhältnis zur Börse und verhindert damit seit Jahrzehnten die Förderung einer stärker auch auf Aktien beruhenden, ergänzenden langfristigen Altersvorsorge.

Ich kann mich noch an ein Stipendiaten-Treffen der Friedrich-Ebert-Stiftung mit Martin Doerrey und Werner Kilz im legendären Konferenzraum des früheren Spiegel-Redaktionshauses mit seiner eindrucksvollen violetten Bestuhlung erinnern. Daran nahmen auch Verantwortliche des NDR teil, und ich stellte die Frage, warum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen fast gar nicht über die Börse berichtet werde. Ich sah in viele erstaunte Gesichter. Es entspann sich eine lebhafte Diskussion. Die Themen Geldanlage und Vermögensaufbau, Aktien und Finanzmarkt waren in jenen Jahren gerade für eher im linksliberalen Spektrum angesiedelte Medien Dinge, mit denen sie wenig zu tun haben wollten, sie aber auch wohl nicht wirklich verstanden. Mit dem Aufbau einer eigenen ARD-Börsenberichterstattung wurde erst viele Jahre später begonnen. Man trug mir an, daran vom Börsenparkett in Frankfurt aus mitzuwirken. Aber angesichts des zur Verfügung gestellten Zeitrahmens von zwei, drei Schaltungen täglich mit wenigen Minuten Sendezeit, für die ich den ganzen Tag hätte dort sein müssen, schien mir das Ganze als zu wenig fordernd. Zu Unrecht übrigens: Die Sendungen Börse im Ersten ab 2000 und Börse vor acht seit 2012 gehören zum Besten, was die ARD in diesem Bereich vorzuweisen hat. Und die früheren Kurzberichte und Kommentare von Frank Lehmann zum Börsengeschehen waren an Witz und Humor kaum zu übertreffen und brachten das Thema Börse und Geldanlage selbst den »kleinen Leuten« so nahe, wie es nach ihm kaum ein anderer schaffte. Die »große Politik« versteht es heute allerdings immer noch nicht. Selbst die Fähigkeiten vieler der im Bundestag für solche wichtigen Themen eigentlich zuständigen Abgeordneten liegen bis heute ja augenscheinlich noch immer eher auf Hilfsschulniveau. Da muss man sich dann nicht wundern, dass ihnen auch in aufsichtsrechtlichen Fragen wie zuletzt im Skandal um das DAX-Skandalunternehmen Wirecard jede Handlungskompetenz fehlte.

Den hohen Gewinnchancen bei der »Spekulation« mit Aktien steht freilich ein entsprechendes Risiko gegenüber, vor allem dann, wenn Sie als Anleger diese Gelder nicht – wie es die Regel sein sollte – mittel- bis langfristig anlegen wollen und womöglich bei Engpässen genötigt sind, ihren Aktienbestand zu verkaufen. Das Risiko ist zweifellos größer als bei Spareinlagen. Dennoch ist eine plötzliche Halbierung, gar ein Total-verlust des insgesamt eingesetzten Kapitals bei Beachtung bestimmter Sicherheitsregeln ebenso unwahrscheinlich wie eine kurzfristige Verdoppelung oder gar Vervielfachung. Keines unserer großen Unternehmen wie Daimler, Bayer oder Siemens, auf die sich ein erheblicher Teil der Aktieninvestments hierzulande konzentriert, könnte nach menschlichem Ermessen über Nacht in Insolvenz gehen. Ebenso wenig allerdings darf man von solchen vielgehandelten Standardwerten, den sogenannten Blue Chips des deutschen Aktienmarkts, überdimensionale kurzfristige Kurssprünge erwarten. Wie das weiter unten aufgeführte Beispiel zeigt, bestätigen aber auch hier Ausnahmen die Regel.

Schnellere Gewinne, aber auch größere Verlustrisiken indessen bringen Aktien mit sich, die als sogenannte Nebenwerte (Small- und Mid-Caps) notieren. Sie sind im MDAX und im SDAX notiert. Im Vergleich zu den Standardwerten machen sie nur einen Bruchteil des Börsenumsatzes aus. Entsprechend geringer ist auch die Anzahl der tagtäglich in diesen Aktien an der Börse gehandelten Papiere; der Fachmann spricht deshalb von »marktengen« Titeln. Häufig sind dies Aktien von kleineren oder noch jungen, gerade erst an der Börse eingeführten Unternehmen (Start-ups), deren Profil und mögliches Wachstumspotenzial sich erst im Laufe der Zeit beim Börsenpublikum herausbilden kann. Werden solche Werte dann allerdings erst einmal von den Börsianern entdeckt, sind Kurssprünge innerhalb kürzester Zeit fast vorprogrammiert.

Umgekehrt werden Sie diese Titel, wenn diese denn einmal vom Publikum »fallengelassen« werden oder plötzlich schlechte Nachrichten auftauchen, womöglich nur sehr schwer und unter Inkaufnahme hoher Kursabschläge veräußern können. Dass dies selbst in dem eigentlich mit hohen Eintrittshürden und Veröffentlichungspflichten verbundenen ersten Börsensegment der deutschen Börse so sein kann, zeigt der Fall Wirecard (Abb. 1.7). Die im DAX notierte Aktie geriet nach Vorwürfen von Bilanzmanipulationen ab Mitte 2018 kräftig ins Trudeln.

Abb. 1.7: Auf und ab bei Wirecard

Wie die Sache vor dem Hintergrund der von der Financial Times immer wieder befeuerten Unsicherheiten endgültig ausgehen würde, war dabei lange Zeit schwer abzuschätzen. Selbst die deutsche Finanzaufsicht, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), hatte sich bis zuletzt schwer damit getan, das offensichtlich in einigen Bereichen mit krimineller Akribie betriebene Geschäft des Unternehmens kritisch unter die Lupe zu nehmen und dessen märchenhaft anmutende Bilanzdaten zu hinterfragen. Stattdessen verbot sie in der letzten Phase des Unternehmens sogar Leerverkäufe, mit denen professionelle Akteure auf fallende Kurse der Aktie setzen konnten. Schließlich erhärteten sich die Vorwürfe, führten zur Verhaftung des Vorstands und das Unternehmen musste im Juni 2020 Insolvenz anmelden. Für das Ansehen des deutschen Aktienmarkts ein Skandal mit weitreichenden Folgen.

Ein langjähriger Freund und für mich noch immer einer der besten Fondsmanager Deutschlands, Dr. Hendrik Leber von ACATIS, hatte im Juni 2020 im Umfeld des Skandals ein Interview im Börsenfernsehen gegeben und seinen Zweifeln am Geschäftsmodell des Unternehmens in seiner zurückhaltenden Art Ausdruck verliehen. Er, ein eingefleischter Value-Investor und Anhänger Warren Buffetts, hatte in seinen Fonds eine kleinere Position von Wirecard aufgebaut, bis ihm 2018 nach einem Gespräch mit dem Vorstand des Unternehmens erhebliche Zweifel an den in der Öffentlichkeit verbreiteten Geschäftszahlen kamen und er die Aktien (wohl noch mit Gewinn) aus seinen Fonds abverkaufte. Eigentlich hätte er seine Zweifel am Unternehmen schon zur damaligen Zeit gern öffentlich gemacht – und damit dann andere Anleger vermutlich vor erheblichen Schäden bewahrt. Seine Frage damals an mich: Wie und wo kann das überhaupt geschehen? Das Problem für Experten seiner Kategorie ist es hierzulande, dass jede kritische öffentliche Äußerung dieser Art mit erheblichen Regressforderungen der »Gegenseite« bedroht ist – ganz gleich, wie fundiert und juristisch aussichtsreich sie auch immer sein mögen. Findige Anwälte der kritisierten Unternehmen schicken denen, die sich kritisch äußern, schnell eine strafbewährte Unterlassungserklärung, die sie innerhalb weniger Tage unterschreiben müssen, wenn sie der Gefahr hoher Schadenersatzforderungen und langjähriger, kostenintensiver gerichtlicher Auseinandersetzungen aus dem Weg gehen wollen. – Das kenne ich alles sehr gut: Es ist mir in meiner langjährigen Praxis als Finanzjournalist mehrfach so ergangen. Ich werde Ihnen darüber in kleinen Einschüben an geeigneten Stellen dieses Buches noch das eine oder andere Mal berichten.

Pennystocks – nur für Spieler

Ein Segment am deutschen Aktienmarkt gibt es allerdings, dem Sie als noch wenig erfahrener Anleger nur mit größter Vorsicht begegnen sollten: dem sogenannten »Freiverkehr« (Open Market) an der Frankfurter Börse. In diesem nichtregulierten Markt werden neben Anleihen Aktien von Unternehmen gehandelt, die häufig sehr niedrige Handelsumsätze aufweisen und die manchmal niemand so ganz genau kennt. Nur irgendwelche Tippdienste empfehlen Ihnen gerne Aktien aus dem Freiverkehr, mit denen Sie Ihren Einsatz angeblich innerhalb kürzester Zeit vervielfachen können.