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Traden an den Finanzmärkten und Poker funktionieren nach den gleichen Prinzipien. Auf die Analogien zwischen Traden und Poker haben zahlreiche bekannte Autoren und Praktiker immer wieder hingewiesen. Wer will, nutzt diesen Zusammenhang, um seine Fähigkeiten zu verbessern. Dieser interdisziplinäre Ansatz der beiden Autoren Georg Müller und Thorsten Cmiel entspricht dem Zeitgeist. Für erfolgreiches Traden und Poker sind die gleichen Fähigkeiten und Tugenden entscheidend: Disziplin, Geduld und Erfahrung. Auf der Grundlage spieltheoretischer Überlegungen weisen die Autoren nach, warum erfolgreiche Pokertaktiken und Strategien auch für Trader hilfreich sind. Erfolgreicher Traden durch Poker Know-how ist ein Buch für Trader und Leser, die schon immer etwas mehr über die Praxis des diskretionären Tradens erfahren wollten. Nach Einführung in das Konzept der Spieltheorie und ihre Verbindung zum Traden, wird dem Leser grundlegendes Poker Know-how vermittelt: von der Aus-wahl geeigneter Starthände bis hin zu taktischen Überlegungen. Die Autoren zeigen in einem ausführlichen Teil besonders erfolgversprechende und weniger geeignete Setups beim Traden. Die Tradingsituationen werden durchgängig im Buch mit Situationen beim Poker verglichen. So werden die Analogien deutlich und leicht nachvollziehbar. Auf der Grundlage von Typ-Beschreibungen beim Poker (der Ängstliche, der Maniac, der Berechenbare und der Selbstbewusste) schlagen die Autoren den Bogen zu Fehlern beim Traden. Die Selbstbeobachtung im Erleben und Verhalten beim Poker verdeutlicht die Schwächen beim Traden. In einem Teil über die Psyche des Traders erfährt der Leser, warum Veränderungen so schwer zu bewerkstelligen sind und manche Fehler immer wieder auftreten. Poker ist ein geeignetes Mittel einen ständigen Verbesserungsprozess zu initiieren und das bei garantiertem Spaßfaktor.
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Seitenzahl: 279
Veröffentlichungsjahr: 2008
STRATEGISCHER DENKEN – RISIKEN BESSER BEWERTEN UND GELD EFFIZIENTER MANAGEN
FinanzBuch Verlag
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.
Lektorat: Ina Elisabeth von Gerlach Covergestaltung: Bosbach Kommunikation & Design GmbH, KölnLayout und Druck: Druckerei Joh. Walch, Augsburg
E-Book-Ausgabe (PDF): © 2009 FinanzBuch Verlag GmbH, München www.finanzbuchverlag.de
Print-Ausgabe: © 2008 FinanzBuch Verlag GmbH, München
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ISBN 978-3-89879-399-5 | Print-Ausgabe ISBN 978-3-89879-522-7 | E-Book-Ausgabe (PDF)
Weitere Infos zum Thema:www.finanzbuchverlag.deGerne übersenden wir Ihnen unser aktuelles VerlagsprogrammWie ist es Ihnen beim Lesen des Buchtitels ergangen? Waren sie überrascht, dass ein Spiel, das erst in jüngster Zeit ein besseres Image genießt1, zu Ihrem Erfolg an den Finanzmärkten beitragen soll? Für Eingeweihte ist es längst kein Geheimnis mehr, dass die beiden Disziplinen Traden und Poker zahlreiche Schnittmengen haben. Es gibt hervorragende Pokerspieler, die zugleich sehr gute Trader sind, wie etwa David Grey. Es gibt zahlreiche Autoren in der Trading-Literatur, die immer wieder gerne Analogien zum Pokerspiel verwenden2.
Die große Popularität, die Poker in den letzten Jahren erlangt hat – auch bei den Autoren -, hat uns dazu ermutigt, die Gemeinsamkeiten der Bereiche einmal näher zu betrachten. Wir haben eine Reihe von überzeugenden Zusammenhängen gefunden und möchten Ihnen diese mit diesem Buch nahebringen. Wir werden Ihnen damit eine ganz andere, spielerische Sichtweise des Tradens zeigen. Dabei bedeutet »spielerisch« nicht »zocken«, sondern bezieht sich auf Spieltheorie, eine fundierte wissenschaftliche Methodik, die in vielen Disziplinen Anwender gefunden hat.
Neben den strategischen Gemeinsamkeiten (Erwartungswert, Risiko- und Moneymanagement) sind es vor allem auch die psychologischen Parallelen, die uns beeindruckt haben. Das psychologische Erleben und Verhalten in beiden Disziplinen ähnelt derart, dass wir zwangsläufig zu der folgenden These kommen mussten:
Wer gut pokert und die dort eingesetzten Strategien und Verhaltensweisen auf sein Trading anwendet, wird erfolgreicher agieren.
Ein Trader, der sein Geschäft mit Ernsthaftigkeit betreibt, wird danach streben, immer besser zu werden. Selbst kleine Veränderungen können große Auswirkungen haben und sich in einer ordentlichen Profitsteigerung ausdrücken. Dabei ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit vielversprechender, als die Suche nach immer »neuen« Zauber-Indikatoren. Bei vielen Tradern wiederholen sich bestimmte grobe Fehler immer wieder, bei anderen bleiben suboptimale Verhaltensweisen unentdeckt. Geht man der Sache auf den Grund, wird man herausfinden, dass oft die Struktur der Persönlichkeit dabei eine bedeutende Rolle spielt.
Diese Struktur wird geprägt durch bestimmte Programme, wir nennen sie Schemata, die im Hintergrund bei jedem von uns ablaufen. Erworben haben wir diese Schemata in der frühen Kindheit. Sie können sich später im Leben allgemein, aber auch speziell beim Traden als sehr hinderlich erweisen. Darum sollte man sich ihrer bewusst sein, um entsprechend gegensteuern zu können.
Poker ist ein geeignetes Instrument, die psychologischen Schwächen einer Persönlichkeit zu erkennen und an ihnen zu arbeiten. Dies in Kombination mit der Tatsache, dass sowohl beim Poker wie beim Traden die gleichen Grundprinzipien des Erfolgs bestehen, macht Poker zu einem idealen Trainingsfeld für Trader. Das gilt sowohl für Neulinge wie auch für erfahrene Trader, die sich weiter verbessern wollen. Damit ist »Erfolgreich Traden durch Poker Know-how« eine Methode und ein Tool zur Selbsterkennung und Verbesserung von suboptimalen Verhaltensweisen beim Traden.
Dieser interdisziplinäre Ansatz entspricht dem Zeitgeist. Zuletzt hielt Poker sogar Einzug in die akademische Welt: Charles Nesson, Professor an der Harvard Law School, gründete im August 2007 die Global Poker Strategic Thinking Society (GPSTS)3. Er ist überzeugt davon, dass Studenten durch Poker strategisches Denken und wichtige Managementfähigkeiten erlernen können: Geduld, Risiko- und Moneymanagement. So hat eine Studie ergeben, dass erfahrene Pokerspieler im Vergleich zu Finanzmarkt-Tradern vorsichtiger und weniger übermütig agieren4.
Dieses Buch beinhaltet für Sie vermutlich einige neue Ideen. Was zählt, ist Ihre Bereitschaft, sich auf neue Gedanken einzulassen. Nur so können diese in der Folge auch im günstigsten Fall positive Spuren in Ihrer Tradingbilanz hinterlassen. Diese Bereitschaft setzen wir voraus.
Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.
Köln im Dezember 2007
Georg MüllerThorsten Cmiel
»Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.« Dieses Zitat von Friedrich von Schiller (1759-1805) beschreibt eindrucksvoll, dass in jedem Menschen ein Spieltrieb vorhanden ist.
Spielen ist nicht nur sehr wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, sondern viele Lebensbereiche funktionieren in der Abstraktion nach Spielprinzipien. So haben beispielsweise die Wirtschaftswissenschaften von der Denkweise der Spieltheorie profitiert und die Aussagekraft ihrer Modelle deutlich steigern können. Die abstrakte, formale Herangehensweise von Spieltheoretikern mag gewöhnungsbedürftig sein, sie hilft aber beim Verstehen von Gemeinsamkeiten zweier unterschiedlicher Lebensbereiche oder Spieldisziplinen. Poker und Traden sind zwei solche Spielarten.
Wir haben in diesem Buch eine Reihe von Parallelen beider Spiele dargestellt: Die Akteure treffen in beiden Spielen unzählige Entscheidungen. Der Trader kann bei schlechter Entwicklung seines Engagements jederzeit seine Position schließen. Jede Aktion eines Mitspielers beim Poker verändert die Lage und die Risikosituation. Die einen versuchen, mit Hilfe von Charts und technischen Indikatoren die Zukunft vorherzusagen. Die anderen stellen Wahrscheinlichkeitsüberlegungen an, die ihre Chancenbewertung verbessern sollen. Beim Texas Hold’em5 sieht der Pokerspieler nach der ersten Bietrunde drei Gemeinschaftskarten auf dem Tisch – den Flop. Er muss sich also nicht mit einer Black Box zufriedengeben. Stattdessen kann er das Verhalten der anderen Spieler beobachten und die Entwicklung im Spielverlauf analysieren. Das ist genau wie beim Traden: Der Trader beobachtet die Kursentwicklung in einem Chart, sieht die bisherige Entwicklung und verfolgt die Nachrichten sowie die Dynamik der einzelnen Kursbewegungen. Aus dem bisherigen Marktgeschehen zieht er seine Schlüsse. Beim Poker geben die Gegenspieler durch ihre Spielweise und ihr Verhalten am Tisch wichtige Hinweise – in der Pokersprache »Tells« genannt.
In beiden Disziplinen kann etwas Unvorhergesehenes passieren und den vorhandenen Tradingplan bzw. Spielplan umwerfen: Beim Traden verändert eine überraschende Nachricht die Situation manchmal völlig. Beim Poker kann gegen jede Wahrscheinlichkeitsprognose ein Spieler Glück mit der River-Karte6 haben und »unverdient« gewinnen.
Große Ähnlichkeiten weist das Erleben beider Spiele im Bewusstsein des Protagonisten auf. Legt ein Spieler seinen Einsatz auf den Tisch, so entsteht bei ihm ein innerer Spannungszustand, Stress genannt. Der Körper schüttet Adrenalin aus. Jeder Trader oder Pokerspieler weiß, was gemeint ist. Man fiebert mit seinem Engagement mit. Wird der Markt die gewünschte Richtung einschlagen? Zweifel kommen auf. Argumente für das Schließen der Position fallen uns im Sekundentakt ein. Kurz: Der Spieler erlebt ein emotionales Auf und Ab. Ein Pokerspieler empfindet den Spielverlauf ähnlich. Mit Setzen eines freiwilligen Einsatzes steigt die Aufmerksamkeit, das Herz schlägt schneller und die eigene Gedankenwelt kommt in Bewegung. Welche Karten können die anderen Spieler auf der Hand haben? Was soll ich jetzt machen angesichts des für mich schlechten (guten) Flops? Soll ich durch einen großen Einsatz die anderen verscheuchen oder versuchen, mehr Gewinn aus der Situation herauszuquetschen? In der Realität schießen solche Gedanken viel schneller durch das Gehirn, als wir hier aufschreiben können.
Eine wichtige psychische Gemeinsamkeit ist auch: Falls das Spiel sich nicht wie gewünscht entwickelt, beginnt man an seinen bisherigen Aktionen zu zweifeln – die Schuld für den Misserfolg wird dann bei sich selbst gesucht. Hat man einfach Glück gehabt, wird das eigene Können als Begründung herangezogen. Beim Spielen verliert der Akteur schnell jegliche Objektivität. Die Folge: Die nächsten Aktionen fallen nach besonders guten oder schlechten Trades (Spielaktionen) meist schlechter aus als gewohnt. Kennen Sie dieses Phänomen aus Ihrem Alltag? Erfahrene Trader und Pokerspieler können solche emotionalen Ausnahmesituationen besser meistern als andere. Erfolgreiche Trader müssen also nicht nur über ausgezeichnete handwerkliche Fähigkeiten verfügen, sondern sie sollten darüber hinaus darauf achten, ihre emotionale Balance zu halten.
Zu den Erfolgsfaktoren gehören bei den Spielen Poker und Traden die gleichen Tugenden: Geduld, Erfahrung und Disziplin. Für beide Spielarten gilt: Statt impulsiv auf die erstbeste Chance zu setzen, sollten die Voraussetzungen für die eigene Spielidee stimmen. Langfristig setzt sich beim Pokerspiel trotz allen Wissens immer wieder auch die eigene Persönlichkeit durch: Wer kann schon nach 20 gepassten Händen auch die nächste Starthand weglegen. Können Sie als Daytrader Ihren Markt einige Stunden lang beobachten und genauso lange nicht handeln, da keine für ihre Tradingidee passende Situation vorkommt? In dem Kapitel »Ein Tag im Leben einer Traderin« betrachten und analysieren wir ausführlich einen völlig normalen Handelstag. Dabei sehen Sie, wie sich der Tag entwickelt. Sie sehen, dass es jeden Tag genügend Einstiegschancen gibt. Das zeigt uns die Erfahrung. Es bedarf nur der ebenfalls erforderlichen Geduld. Danach muss die Aktion gemäß dem gewählten Tradingplan nur noch diszipliniert umgesetzt werden. Sie ahnen es sicherlich schon: Beim Poker ist es genauso.
Mancher Trader wird aus für ihn unerklärlichen Gründen zunächst nicht erfolgreich sein. Ein bestimmter Fehler wird immer wieder auftreten und die tägliche Tradingbilanz belasten. Hierfür sind neben den unvermeidlichen Marktrisiken (der Kurs bewegt sich gegen alle Theorie in die »falsche Richtung«) auch in der Person des Traders vorhandene Anlagen verantwortlich. Beim Traden äußern sich diese beispielsweise durch Halsstarrigkeit (»Ich habe Recht!«), eine große Leidensfähigkeit (»Ich hoffe weiter, dass es besser wird!«) und Gier (»Ich verdoppele meine Gewinn noch!«). Jeder erfahrene Trader weiß um die Kostspieligkeit dieser Krankheiten.
Erfolgversprechender wäre es natürlich, die eigenen Anlagen – wir nennen das später Schemata – besser zu kennen und Fehler möglichst zu vermeiden. Dazu müsste man natürlich ehrlich mit seiner täglichen Praxis umgehen: Der lernwillige Trader sollte seine Emotionen bei jedem Trade niederschreiben und regelmäßig seine Trades unter verschiedenen Aspekten analysieren. Diese Methode wird letztlich von nur wenigen Tradern konsequent durchgehalten. Bestimmte Fehler schleifen sich daher ein und finden keine Lösung.
Vergleichbare Fehlermöglichkeiten: Poker und Traden
In diesem Buch zeigen wir Ihnen einen Weg, wie Sie auf spielerische Art und Weise, aber durchaus ernsthaft, Ihrer eigenen Persönlichkeit und Ihren Anlagen auf die Spur kommen können: Spielen Sie Poker.
Zum besseren Verständnis betrachten wir zunächst ein Beispiel aus der Pokerwelt: Sie halten ein Ass und einen König:
Auf dem Tisch sehen Sie folgende fünf Karten:
Es sitzen zehn Spieler am Tisch – fünf sind noch im Spiel. Gespielt wird No Limit Texas Hold’em – eine der zurzeit beliebtesten Pokervarianten. Sie spielen die letzte Bietrunde vor dem Showdown. Ihr Verhalten in dieser Spielrunde war bisher ziemlich passiv – genau genommen haben Sie wie die anderen in keiner Bietrunde den Einsatz erhöht. Die verbliebenen Spieler haben nur die Blinds (Zwangseinsätze) bezahlt. Jetzt sind Sie zuerst gefragt: Was machen Sie? Sollten Sie jetzt auch auf einen Einsatz verzichten? Einer Ihrer vier Mitspieler könnte eine 2 oder die Kombination 6/7 auf der Hand halten – jeweils würde eine Straße Ihr Ass-Paar schlagen. Auch könnten die Gegner zwei kleine Paare kombinieren. Der Nachbar zu Ihrer Linken setzt seinen gesamten Chipbestand und geht All-In. Was nun? Sie passen. Sie haben diese Hand sicherlich nicht zum Besten gespielt, aber Ihre letzte Entscheidung war richtig – immerhin.
Wir wechseln die Spielstätte: Der DAX-Future (FDAX) befindet sich in einem kurzfristigen Abwärtstrend. Sie sehen dieser Entwicklung zunächst nur zu. Schubartig verliert der Index immer weiter an Wert. Nach 15 Minuten deuten sämtliche technische Indikatoren weiter fallende Kurse an. Sie sind sich endlich sicher, eine etablierte Abwärtsbewegung zu beobachten. Der Future hat in den letzten fünf Minuten 30 Punkte verloren. Sie shorten den Future und verkaufen einen Kontrakt. Daraufhin beginnt der Future eine Rallye in die aus Ihrer Sicht falsche Richtung nach oben. Sie steigen mit zehn Punkten Verlust nach drei Minuten entnervt wieder aus und der Index fällt wie ein Stein. Sie gehen Tennis spielen und lassen den Ball Ihre Wut spüren.
Zwei Situationen, zwei unterschiedliche Spiele. Die Fehler waren vergleichbar: Sie waren in beiden Fällen zu zögerlich. Beim Pokerspiel mussten Sie frühzeitig versuchen, die Zahl Ihrer Gegner zu reduzieren – Ihre Hand abzusichern. Stattdessen haben Sie zugesehen, wie sich nur noch die (möglichen) Blätter der anderen Spieler verbesserten. Den FDAX haben Sie zunächst beobachtet, wie er fiel und sich weiter gen Süden bewegte. Dann sind Sie zu spät in den Markt eingestiegen (Chasing). Pünktlich zur technischen Gegenreaktion haben Sie dann ohne Setzen eines Stoppkurses7 Ihren Einsatz gebracht, um im verkehrtesten denkbaren Augenblick wieder auszusteigen. Das ist sicherlich jedem Trader schon einmal passiert – am Anfang seiner Traderkarriere.
Einem guten Pokerspieler oder einem guten Trader wären beide Fehler nicht (mehr) unterlaufen. Gute Chancen muss der erfolgreiche Akteur rechtzeitig ergreifen. Entscheidungsschwäche wird in beiden Spielarten sehr häufig bestraft. Der Pokerspieler geht das Risiko ein, dass ein Mitspieler mit einem relativ schwachen Blatt eine bessere Hand zusammenfindet. Einen frühzeitigen Einsatz hätte dieser vermutlich nicht bezahlt. Ein entscheidungsschwacher Trader riskiert, eine richtig vorhergesagte Kursbewegung teilweise zu verpassen oder an ungünstiger Stelle eine Position zu eröffnen. Er muss an seiner Entscheidungsschwäche und vielleicht auch an seinem Trading Setup arbeiten.
Sie halten kein Pokerbuch in der Hand, sondern ein Buch für Trader. Unsere Grundidee lautet: Jeder Trader kann besser werden. Eine Verbesserung seiner Fähigkeiten beim Traden ist allerdings in den seltensten Fällen durch das Anhäufen weiteren Wissens möglich. Stattdessen sollte der Trader sich mit seinem emotionalen Erleben genauer beschäftigen. Hier liegt die Ursache vieler suboptimaler Aktionen. Anders als bei herkömmlichen Beratungsansätzen und Strategien zur Verbesserung der Performance sollten Sie auf eine rein kopflastige Herangehensweise verzichten. Nur so haben Sie eine Chance, um ihre Emotionen in den Griff zu bekommen. Viele der täglichen Fehler sind in der Persönlichkeit des Traders angelegt und können nicht durch Einsicht und rationalen Appell alleine behoben werden.
Natürlich kann sich ein Trader im täglichen Wettkampf an den Märkten beobachten oder beobachten lassen. Diese Methode ist allerdings sehr aufwändig, wenn Sie einen Coach beschäftigen wollen, der Sie permanent begleitet. Bei der Selbstbeobachtung spielt im teilweise jahrelang einstudierten Alltagsgeschäft die Routine dem Trader einen Streich: Routine führt zu einer Gleichförmigkeit und Gewohnheit beim täglichen Handeln. Durch Routine geht jeder Trade automatisch mit einer reduzierten Aufmerksamkeit und geringerer Konzentration einher. Bei der Selbstbeobachtung wird es schwierig sein zu erkennen, was die tatsächliche Ursache eines Fehlers ist: Liegt ein Routinefehler vor oder ist es ein Fehler, der in der Persönlichkeit des Traders begründet ist. Die These dieses Buches ist: Über die Entfremdungssituation Poker lernen Sie ihre Fehler beim Traden besser kennen und können zudem gewünschte Veränderungen einüben.
Wir haben die Parallelen der beiden Disziplinen Poker und Traden anhand von konkreten Situationen vergleichend beschrieben und illustriert: Wir sind sicher, dass Trader durch das Spielen von Poker viel über ihre eigenen Verhaltensmuster erfahren können. Dabei ist nicht die einzelne Verhaltensweise gemeint, die bei beiden Disziplinen durchaus einmal völlig untypisch ausfallen kann. Es kommt beim Traden wie beim Poker darauf an, seine überwiegenden Verhaltensweisen, seinen eigenen Charakter, zu kennen und damit umzugehen.
Damit Sie sich und Ihr Verhalten besser einschätzen können, haben wir einige Trades für Sie dokumentiert und die Fehler mit Pokersituationen verglichen. Wir sind sicher, dass Sie sich in der einen oder anderen geschilderten Situation wiedererkennen können. Bei beiden Spielen entscheidet die eigene Persönlichkeit über das Auftreten einer Reihe von wiederkehrenden Fehlern. Diese gilt es zunächst zu ermitteln, zu typisieren und später möglichst abzulegen, für mehr Erfolg beim Poker und vor allem beim Traden.
Für Pokerspieler haben sich zwei Beschreibungspaare als sinnvoll herauskristallisiert: »loose«/»tight« sowie »passive«/»aggressive«. Mit den Kombinationen können sämtliche Spielertypen charakterisiert werden. In der Beschreibung steckt schon ein Teil der Bewertung: Ein »loose passive« Spieler beispielsweise ist typischerweise ein Spieler, der überall Chancen sieht, wo keine sind und diese dann nicht einmal konsequent verfolgt. Er wird auf Dauer beim Poker verlieren. Den teuersten Spielcharakter hat ein »loose aggressive« Spieler. Dieser spielt zu viele Hände und ist zu waghalsig. Er scheidet in Pokerturnieren oft als einer der Ersten aus, es sei denn, er hat wirklich sehr viel Glück, dann kann er es weit bringen. Ein »tight passive« Typ steht grundsätzlich auf der Gewinnerseite, könnte aber durch mehr Mut und Entschiedenheit bessere Ergebnisse erzielen. Der beste Spielertyp beim Poker hat das Profil »tight/aggressive«. Er spielt klar definierte Chancen mit Überzeugung und Stärke. Auch für Trader ist diese Kombination von Eigenschaften am erfolgversprechendsten. Er ist das Ideal: der Master Trader.
Unsere Idee, Poker als Methode zur besseren Selbstbeobachtung einzusetzen, dürfte vielen Lesern diesen Erkenntnisprozess erleichtern. Dieses Buch richtet sich damit zum einen an Tradernovizen, die etwas über erfolgreiches Traden aus praktischer Perspektive erfahren wollen. Zum anderen erhalten auch erfahrene Trader Anregungen für Verbesserungen. Wir beschreiben somit ein Tool zur Optimierung von Trading, das zudem erheblichen Spaß bereitet.
Wir empfehlen, Poker in Turnierform zu spielen und zwar in möglichst großer Runde, damit die Entscheidungssituationen etwas komplexer sind. Bevorzugt sollten Trader außerhalb des virtuellen Raumes aktiv sein. Denn der direkte Wettkampf bietet einige Vorteile – auch gegenüber dem eigenen Computerarbeitsplatz: Bei Turnieren kann jeder gegen ein fixes Startgeld seine eigenen Spielfertigkeiten entwickeln und andere Spieler beobachten. Der Erkenntnisgewinn jedenfalls ist den meist geringen Einsatz wert.
Onlinekasinos können wir niemandem empfehlen. Mit ihrer schnellen Spieldurchführung sind diese zwar sicherlich als Trainingscamp für Entscheidungsschwache geeignet, aber mehr als Reaktionsschnelligkeit lässt sich mit Online-Poker kaum trainieren. Auch die Gefahr, dass das Spiel einen dann mehr vereinnahmt, als man eigentlich möchte, ist durchaus gegeben.
Wer mit einem »Spiel« langfristig Geld verdienen will, der sollte jedenfalls an der Börse aktiv sein: Die Gebührenstrukturen beim Poker sind aus Sicht der Marktteilnehmer weitaus schlechter als beim Trading. Poker ist ein faszinierendes Spiel, mehr nicht.
Spätestens, seitdem der »Spiegel« als Abo-Prämien Poker-Sets verteilt.Siehe Literaturverzeichnis: C. Faith, B. Schäfermeier, M. Link.http://gpsts.orgO. V.: Poker - A big deal, in: The Economist, 19. Dezember 2007.Die Pokervariante, auf die wir uns in diesem Buch beziehen.Siehe Glossar: Bei der Pokervariante Texas Hold’em ist das die letzte gemeinsame Karte vor dem Showdown.Beim Wort Stopp haben wir zwei Schreibweisen verwendet: Grundsätzlich gilt die deutsche Schreibweise mit einem doppelten »p«. Bei Verwendung eines festen Begriffes wie Stop Loss haben wir darauf verzichtet.Spielen hat in der Menschheitsgeschichte starke gesellschaftlich-kulturelle Wurzeln. So wurde die Bedeutung des Spiels für das Wohlbefinden der Bevölkerung spätestens durch den römischen Kaiser Vespasian (39 bis 81 n. Chr.) entdeckt. Dieser ließ in Rom das Kolosseum bauen, eine Spielstätte von bombastischen Ausmaßen, die 50.000 Römern das Beobachten von Gladiatorenkämpfen und anderen brutalen »Spielformen« wie Tierhetzen ermöglichte. Die Spiele dienten der Unterhaltung des Volkes. Außerdem verteilten die Herrscher bei diesen Großveranstaltungen Brot an das Volk. Noch heute ist »Brot und Spiele« (lateinisch: panem et circenses) ein geflügeltes Wort, das ursprünglich von dem römischen Satiriker Decimus Iunius Iuvenalis (ungefähr 60 bis 127 n. Chr.) stammt. Die Kaiser konnten durch die Spiele, die an bis zu 100 Tage im Jahr stattfanden, ein unzufriedenes Volk besänftigen und ihre Macht erhalten. Das antike römische Reich überstand immerhin mehr als 500 weitere Jahre – auch dank des Herrschaftsinstrumentes organisierter Spiele.
Im Mittelalter galt Spielen zunächst als Gotteslästerung, wurde dann als unproduktives Teufelszeug angesehen und erst später zumindest geduldet. Die katholische Kirche erlaubte ab dem 17. Jahrhundert das Spielen, da man die finanziellen Chancen des Spielbetriebs erkannte und nutzen wollte. Heute spielen Millionen Menschen das in Italien erfundene Zahlenlotto und finanzieren so in vielen Staaten öffentliche Aufgaben. Dabei ist staatlich organisiertes Lottospiel eines der unfairsten aller Glücksspiele: Den Einzahlungen stehen Auszahlungsquoten von etwa 50 Prozent gegenüber: Für einen Euro Einsatz erhält der Spieler also eine Gewinnchance von 50 Cent. Zu Recht wird das Lottospiel daher gelegentlich als Steuer des kleinen Mannes bezeichnet.
Spielen hat nicht nur gesellschaftliche und finanzielle Aspekte. Für die Entwicklung von Kindern ist der Spieltrieb ein wichtiger Aktivposten: Jedes Kind spielt aus Neugier und Lust am Spielen. Dieser Trieb sollte von Eltern und anderen Erziehenden gefördert werden. Aus Sicht der Entwicklungspsychologie helfen Spiele, um Problemlösungsverhalten schon im Kindesalter zu erlernen. Spielformen finden sich sogar in der Tierwelt und beziehen ihre Funktion dort aus dem Erlernen von Überlebenstechniken. Eine einheitliche Definition des Begriffs »Spiel« ist jedoch schwierig, da sie auf viele unterschiedliche Formen angewandt werden muss. Professor Rolf Oerter, emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, nähert sich in einem noch unveröffentlichten Manuskript einer Definition über die Psychologie des Spiels durch Beschreibung von vier wesentlichen Merkmalen: Selbstzweck des Spiels, Wechsel des Realitätsbezuges, Wiederholung und Ritual sowie Gegenstandsbezug. Mit Selbstzweck ist gemeint: Das Spiel wird um der Tätigkeit selbst willen betrieben und dient keinem Zweck außerhalb des Spiels. Der Wechsel des Realitätsbezugs führt zu dem Erleben einer anderen Welt – einem anderen Handlungsrahmen. Schachspieler kennen dieses Phänomen nach einer langandauernden Schachpartie: Sie können nach dem Spiel nicht sofort in die wahrhaftige Realität zurückkehren. Wiederholung und Ritual sind spieltypische Handlungen, die in »exzessiver Form« auftreten können und sich im Ablauf wiederholen. Darüber hinaus nennt Oerter den Gegenstandsbezug des Spiels als Merkmal. Beispiele sind Spielsachen und andere Objekte, denen in der Spielwelt neue Bedeutungen und somit neue Funktionen zugewiesen werden.
Mit Spielen verbinden wir gemeinhin Vergnügen und Entspannung. Spiele dienen – ungewollt vom Spielenden – der Ausbildung und Weiterentwicklung von verschiedenen Fähigkeiten. So fördert etwa das Schachspiel unter anderem das Erfassen von komplexen Zusammenhängen und die eigene Auffassungsgabe. Nach Meinung der Deutschen Schulschachstiftung lässt das »Spiel der Könige« Rückschlüsse auf Charaktereigenschaften zu und fördert die Entwicklung der Persönlichkeit.
Die Spieltheorie ist ein Teilgebiet der Mathematik mit interdisziplinärer Nutzung. So finden sich spieltheoretische Überlegungen nicht nur für klassische Karten- und Gesellschaftsspiele, sondern auch beispielsweise in der Ökonomie, in der Politik, der Soziologie, der Psychologie und sogar in der Biologie. Die moderne Spieltheorie basiert auf theoretischen Überlegungen der Mathematiker Émile Borel (1871-1956) und John von Neumann (1903-1957). Als grundlegendes Buch mit spieltheoretischen Überlegungen gilt das Werk »Theory of Games and Economic Behavior«, das der Ungar von Neumann zusammen mit seinem deutschen Wirtschaftskollegen aus Princeton, Oskar Morgenstern (1902-1977), verfasste. Morgenstern und von Neumann schrieben ein ganzes Kapitel, das sich mit einem einfachen Pokerspiel beschäftigte. Die Spielregeln waren eine Weiterentwicklung der Überlegungen von Borel, der bei seinem Spiel »la relance« dem ersten zweier Spieler nur zwei Handlungsalternativen zugestand: entweder zu setzen oder zu passen. Passt ein Spieler, dann fällt der gesamte Einsatz automatisch dem anderen Spieler zu. Dadurch erhielt der zweite Spieler einen nachweisbaren Vorteil. Relance war insofern ein unfaires Spiel. Von Neumann/Morgenstern behoben diesen Fehler. Sie gaben beiden Akteuren zusätzlich die Möglichkeit des Checkens (Schieben; dabei bleibt man ohne weitere Erhöhung im Spiel).
Die Spieltheorie stellt den Spielenden und nicht das Spiel in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen: Spieltheoretiker entwickeln mathematische Modelle, die das Verhalten der Spieler vorherzusagen versuchen, und zwar unter der Annahme des Verfolgens einer optimalen Spielstrategie. Damit bereichert die Spieltheorie herkömmliche ökonomische Modelle. Wirtschaftswissenschaftler greifen traditionell auf den sogenannten homo oeconomicus zurück. Dieser fiktive Wirtschaftsteilnehmer handelt in der Theorie immer egoistisch, profitorientiert und rational. Diese Annahme ist in einer abstrakten Entscheidungswelt sinnvoll, aber wirklichkeitsfremd. Die Spieltheorie geht einen Schritt weiter: Der homo ludens ist in seinen Handlungen völlig frei. Er handelt zwar ebenfalls rational, aber auch nach situativen Kriterien, da er nach der optimalen Aktion in einer bestimmten Spielsituation sucht. Ein Beispiel aus jüngster Vergangenheit soll dies veranschaulichen.
Der Torwart-Titan hätte bei der Fußball-WM 2006 möglicherweise zwischen den Pfosten gestanden, wenn er spieltheoretischen Überlegungen gefolgt wäre. Zumindest hätten sich seine Chancen verbessert: Sein Kontrahent Jens Lehmann hatte sehr geschickt frühzeitig angekündigt, dass er als Nummer Zwei im Tor nicht zur Verfügung stehen würde. Oliver Kahn schätzte die Situation falsch ein und reagierte nicht. Zwar kennen wir nicht die Gedanken von Jürgen Klinsmann im Frühjahr 2006, aber versetzen Sie sich nur für einen Moment in seine Lage: Wenn Sie sich für Jens Lehmann entscheiden, dann nimmt der gleichstarke Torhüter Oliver Kahn »vielleicht« auf der Ersatzbank Platz. Entscheiden Sie sich hingegen für Oliver Kahn, dann macht Jens Lehmann im Sommer Urlaub. Wie lautet Ihre Entscheidung? Die Antwort eines Spieltheoretikers ist eindeutig: Sie sollten sich für Jens Lehmann entscheiden, denn die mögliche »Auszahlung« ist größer. Nach der Ankündigung von Jens Lehmann konnte Oliver Kahn Chancengleichheit für sich nur erreichen, indem er sofort die gleiche Konsequenz bei seiner Nichtberücksichtigung als Nummer Eins angekündigt hätte.
Spieltheoretische Überlegungen haben natürlich auch in Alltagssituationen eine wichtige Bedeutung. Sie helfen beispielsweise beim Vorbereiten auf spezielle Situationen: Ein Angestellter will in einer Besprechung mit seinem Personalchef ein höheres Gehalt herausholen. Dafür muss er sich nicht nur eine schlüssige Argumentationskette zurechtlegen, sondern er sollte mögliche Gegenargumente seines Gesprächspartners kennen und widerlegen können. Anders als bei eindimensionalen Aktivitäten ist das Ergebnis eines Spiels also nicht nur von den eigenen Fähigkeiten abhängig, sondern auch von denen der Mitspieler. Ein zweites Beispiel: Eine Gewerkschaft will einen hohen Lohnabschluss erzielen. Dafür benötigen die Arbeitnehmervertreter nicht nur eine gefüllte Streikkasse, sondern der Verhandlungskontrahent muss davon auch wissen. Drohungen und das Aufbauen von glaubwürdigem Drohpotential ist in vielen Spielsituationen ein probates Mittel, um die eigenen Ziele zu erreichen.
Eine der interessantesten Spielsituationen mit Milliardeneinsatz war die deutsche UMTS-Linzenzversteigerung im Jahr 2000. Der Staat vergab Mobilfunklizenzen in einem Auktionsverfahren und konnte damals letztlich eine Einnahme von 50,8 Milliarden Euro erzielen. Die Spielteilnehmer bewarben sich bei vorgegebenen Bietregeln um zwölf Frequenzblöcke – das reichte für vier bis sechs Lizenzen. Ihnen war der Kontakt untereinander verboten. Ein Nichtbefolgen war mit Ausschluss aus dem Verfahren sanktioniert. So konnten die Auktionsteilnehmer lediglich über ihre Gebote Informationen miteinander austauschen. Zwar war die Zahl der Bieter schnell auf sechs Unternehmen bzw. Unternehmensgruppen reduziert, dennoch kam es nicht zu dem erwarteten Ende des Bietprozesses, da größere Wettbewerber mehr als zwei Frequenzblöcke erwerben wollten. Vielleicht spielten auch sehr langfristige Überlegungen eine Rolle: Dabei nimmt ein Spieler zunächst einen eigenen Verlust in Kauf, um durch Verdrängung später bei geringerem Wettbewerb einen weniger stark umkämpften Markt vorzufinden.
Der Spieltheoretiker und erste deutsche Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften (1994), Professor Reinhard Selten, hatte im Vorfeld eines der mitbietenden Unternehmen beraten. Trotz prominenter Unterstützung gab es aus heutiger Sicht keinen Sieger: Die Lizenzkosten waren letztlich zu hoch und sämtliche Unternehmen litten in den Folgejahren darunter. Laut Reinhard Selten (in brandeins 7/2002) wussten die Spielteilnehmer nicht »…was die Lizenzen eigentlich wert sind. Zum anderen hat sich bei der Auktion eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Bei einer Auktion muss man sich an seinen Plan halten. Alle Probleme, die auftreten können, sind vorher absehbar. Dass man sich an diese einfache Regel oft nicht hält, ist allerdings auch typisch. Menschen neigen dazu, sich nicht festzulegen, wenn sie das nicht unbedingt müssen.«
Bei Regelspielen wie Poker stehen die Spiel- und Turnierregeln fest und es gibt einen definierten Spielablauf. Die Spieler verfügen über verschiedene Handlungsoptionen und nutzen diese während des Spiels. Die Spieltheorie versucht, das Ergebnis des Spiels durch strategische Analysen der Ausgangssituation unter Berücksichtigung der Aktionsparameter vorherzusagen. Für viele Spiele schlagen sie optimale Strategien vor: Dieses methodische Vorgehen ist bei Ergebnisprognosen besser als statische Modelle. Eine Schwachstelle bleibt: Auch die Spieltheorie geht im Rahmen der spieltaktischen Überlegungen von rationalen Entscheidungen aus und gerät damit an ihre Grenzen. Denn Menschen steht auch die gesamte Bandbreite von unvernünftigen Entscheidungen zur Verfügung.
Die meisten täglichen Entscheidungen fallen unbewusst. Nicht jedes Handeln ist rational begründbar: Bei keinem Trader sind sämtliche Trades lehrbuchreif. Ein Erfolgsrezept besteht für Börsenspieler darin, die Zahl der schlechten Trades weiter zu reduzieren. Das Gleiche gilt für Pokerspielen: Nicht jeder Pokerspieler spielt jede Hand, wie ein allwissender Computer ihm vorschlagen würde. Emotionale Schwankungen, Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und andere Faktoren spielen ebenfalls eine wichtige Rolle im täglichen Wettkampf. Jeder dieser Einflussfaktoren kann das Tagesergebnis eines Traders verhageln oder in einem Pokerturnier das Turnierende eines Spielers bedeuten.
Sind schlechte Ergebnisse durch Müdigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten – also körperlich – verursacht, liegt die Lösung nahe: Ein müder Trader sollte früher schlafen gehen, eine Mittagsruhe einführen oder einfach nicht in den Märkten aktiv werden. Bei Problemen mit der Konzentration könnte es ausreichen, ablenkende Faktoren und äußere Einflüsse auszuschalten: So konnte der ehemalige Schachweltmeister Tigran Petrosjan (1929 – 1984) sich gelegentlich einen Vorteil gegenüber jüngeren Gegnern verschaffen, indem er bei zu hohem Geräuschpegel einfach sein Hörgerät abschaltete.
Am 30. Oktober 2007 präsentierte Flavio Insinna, einer der beliebtesten Schauspieler Italiens, in seiner Show »Affari Tuoi« den glücklichsten unglücklichen Mann Italiens.
Die Show folgt einem einfachen Spielkonzept: Es gibt so viele Pakete wie italienische Regionen – also 20. Jedes Paket beinhaltet einen Preis. Der Kandidat erhält eines der Pakete sozusagen als Ausgangseinsatz. Die Hälfte der Preise sind nicht der Rede wert. Die andere Hälfte besteht aus Preisen von 10.000 bis 500.000 Euro. Der Spieler muss nun die verschlossenen Pakete reihenweise aus dem Spiel nehmen. Er erfährt sofort, welcher Preis ihm entgangen ist8. Mit Glück bei der Auswahl gelang es einem Kandidaten, folgende spannende Entscheidungssituation herbeizuführen: Er erreichte eine Situation mit vier verschlossenen Paketen, die folgende Preisgelder enthielten: einen wertlosen Trostpreis, 15.000 Euro, 250.000 Euro und 500.000 Euro. Der Spieler erhielt vom »Dottore«, einem anonymen Spielteilnehmer, der beim Veranstalter beschäftigt ist, ein Angebot von 80.000 Euro. Bei Annahme des Preises ist das Spiel beendet.
Der Kandidat überlegte längere Zeit und befragte, wie das bei Italienern üblich ist, seine ganze Familie, was er machen solle. Schließlich lehnte er das Angebot ab und spielte weiter. Durch das Prinzip des Erwartungswertes der Ausgangssituation war seine Entscheidung nachvollziehbar und richtig. Den Erwartungswert ermittelt man als Summe der Werte der Einzelereignisse und bildet das arithmetische Mittel9: Die Preissumme der erfolgversprechenden Ereignisse lag bei 765.000 Euro. Teilt man diese Summe durch vier, dann erhält man 191.250 Euro. Das Angebot des Senders war also erkennbar zu niedrig.
Der Kandidat entschied sich für eines der Pakete und eliminierte in dieser Runde das Paket mit der Preissumme von 15.000 Euro. Diesmal bot der Dottore ihm 120.000 Euro, die der Spieler nach einem längeren Entscheidungsprozess akzeptierte. Diese Entscheidung war mathematisch gesehen falsch. Die Spielsituation war diesmal 250.000 Euro wert, da der Erwartungswert (750.000 Euro durch drei Chancen) betrug. Das Angebot lag damit sogar um die Hälfte niedriger als der Wert der Spielsituation ausmacht. Es wäre daher ohne Frage richtig gewesen, das Angebot abzulehnen.
Was wäre die schlechteste Folge in dem Spiel für den Kandidaten gewesen? Der Mann hätte die 500.000 Euro aus dem Spiel ziehen können. Selbst dann hätte er noch einen mathematischen Erwartungswert von 125.000 Euro gehabt. Zwar hätte der Dottore dann vermutlich sein Angebot etwas reduziert, aber die Chance auf einen deutlich höheren Gewinn wäre das relativ kleine Risiko wert gewesen, zumal das Spiel auch eine erfreulichere Wendung nehmen konnte. Ärgerlicherweise müssen die Kandidaten das Spiel sozusagen als »Papertrade« zuende bringen. Und es kam wie es kommen musste: Der Kandidat nahm den Trostpreis aus dem Spiel. Ihm wären also 250.000 Euro sicher gewesen. Er hätte von der Produktionsfirma vermutlich ein Angebot etwas unterhalb des Erwartungswertes von 375.000 Euro erhalten.
Die Stimmung im Studio war total gedrückt, obwohl der Mann einen der höchsten Preise in über 200 Sendungen mit nach Hause nehmen konnte.
Der Veranstalter, eine Tochtergesellschaft von Endemol, die diese tägliche und erfolgreichste Sendung Italiens produziert, kann die Auszahlungen in Grenzen halten. Der Spieler in diesem Spiel muss nämlich die Sondersituation berücksichtigen. Er wird also im Zweifel nach dem Spatz in der Hand greifen, da keiner vor aller Öffentlichkeit gerne verliert. Während ein Pokerspieler Hunderte von Spielen absolviert und ein Trader ähnlich viele Trades durchführt, ist das Spielereignis für die Spieler im TV ein einmaliges Ereignis. Daher entscheiden sich viele Spieler instinktiv für einen sicheren Gewinn ohne Risiko.
Wie beschrieben wäre ein ähnliches Entscheidungsverhalten wie bei diesem Italiener für einen Pokerspieler oder einen Trader absolut falsch, diese müssen in ihren vielen Entscheidungssituationen bei ihrer Linie bleiben: Der Erwartungswert ist in jedem Fall die Richtschnur für deren Entscheidungen.
Zum Schluss noch eine kleine Definition: Der Erwartungswert ist der Wert, der sich bei einer häufigen Wiederholung eines Experimentes als Mittelwert der Ziehungen ergibt. Berechnet wird der Erwartungswert durch Addition der Ereignis-werte (hier: Preisgelder), die zuvor mit ihrer spezifischen Eintrittswahrscheinlichkeit multipliziert worden sind.
In der Show kommt es immer wieder vor, dass der Kandidat einen der drei Hauptgewinne (500.000, 250.000 und 100.000 Euro) zieht. Das Problem der Kandidaten ist, dass sie das Experiment nicht wiederholen können und daher der Erwartungswert nur eine bedingte Entscheidungshilfe darstellt.
Gegen den Kandidaten in diesem Spiel und für Trader und Pokerspieler spricht das Gesetz der großen Zahl. Dabei handelt es sich um eine Aussage der Wahrscheinlichkeitstheorie: Mit der Erhöhung der Zahl der Zufallsexperimente nähert sich die relative Häufigkeit eines Zufallsergebnisses an seine theoretische Wahrscheinlichkeit an.
Einen Tag später entschied sich ein anderer Mann für die richtige mathematische Chance: Er bekam bei 50.000 Euro Gesamtpreisfonds (ein Trostpreis und ein Gewinner) die Option, 15.000 Euro zu akzeptieren oder es auf einen Showdown ankommen zu lassen. Der Mann lehnte ab: Er riskierte damit 15.000 Euro, um 35.000 Euro mehr gewinnen zu können. Das ist bei einer Wahrscheinlichkeit von 1:1 ein toller Deal. Der Mann hatte Pech und verlor.
Ein professioneller Online-Poker-Spieler überließ uns freundlicherweise eine kurzfristige Spielstatistik für 90 aufeinanderfolgende Sit’n Go-Turniere (siehe Glossar) an 9er Tischen10. Bei diesen Turnieren mit jeweils neun Spielern werden die ersten drei Plätze bezahlt. So erhält beispielsweise bei einem 114 US-Dollar Buy-In der Erste 472,50 US-Dollar, der Zweite 283,50 US-Dollar und der Dritte 189 US-Dollar. Die anderen gehen leer aus.11
Bei den 90 Turnieren belegte er zwanzigmal den ersten, neunmal den zweiten und elfmal den dritten Platz, schaffte es also vierzigmal »ins Geld« (siehe Grafik). Die Summe der Buy-Ins betrug 9.405 US-Dollar, die Summe der Gewinne lag bei 12.692 US-Dollar. Es verblieb somit ein »Netto-Gewinn« von 3.287 US-Dollar.
Abb. 1: Platzierungen bei 90 Sit’n Go’s (Anzahl der Plätze 1-9)
Aus der Grafik ist klar zu erkennen, dass hier keine Normalverteilung der Spielergebnisse vorliegt, sondern eine Linksverschiebung zugunsten der besseren Platzierungen. Das liegt entweder an der kleinen Stichprobe, an der guten Strategie des Spielers oder an Zufallsfaktoren.
