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Wie lassen sich belastende Erinnerungen gezielt verändern? Der erste Band der Reihe Erinnern und Heilen vermittelt einen wissenschaftlich fundierten und gut lesbaren Überblick über die Prozesse der Gedächtnisrekonsolidierung sowie über die Netzwerktheorie. Dargestellt werden aktuelle Forschungsergebnisse, die zeigen, wie Erinnerungen so beeinflusst werden können, dass sie zwar weiterhin bewusst zugänglich sind, jedoch keine emotionale Belastung mehr hervorrufen. Der zweite Band von Erinnern und Heilen zeigt Schritt für Schritt, wie sich die Prinzipien der Gedächtnisrekonsolidierung mit hypnotherapeutischen Methoden gezielt anwenden lassen. Die Anleitung ist gut nachvollziehbar und umsetzbar. Die Autorin verbindet darin aktuelle Forschungsergebnisse mit konkreten Praxisanleitungen. Sie beschreibt, wie Hypnose genutzt werden kann, um emotionale Belastungen zu lösen, ohne das Erinnerte zu verdrängen. Die beiden Bände sind auch einzeln erhältlich. Weitere Informationen unter www.jochims-buecher.de
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Seitenzahl: 267
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Erinnern und Heilen, Teil 1
Erinnern und Heilen, Teil 2
Wenn Psychotherapie nicht eines Tages so einfach wird, wie das Bedienen eines Lichtschalters,werden wir den Erdball verlieren.
Alfred Korzybski, Science and Sanity, 1933
***
Erinnerung ist kein Archiv, sondern ein lebendiger Prozess.
Wer ihn versteht, kann Veränderung gezielt ermöglichen.
***
TEILT: GEDÄCHTNISREKONSOLIDIERUNG UND NETZWERKTHEORIE
INKE JOCHIMS
1. Die Maus im Haus
2. Konsolidierung und Rekonsolidierung
3. Gehirn und Gedächtnis
4. Gefühle und Emotionen
5. Drei Netze im Kopf
6. Die Anwendung
7. Abschluss
8. Quellenverzeichnis
Und dann hörte ich den Schrei.
Ich habe Menschen vor meinen Augen sterben sehen, ich habe Menschen schreien hören. Aber nie wieder, wirklich nie wieder, habe ich einen solchen Schrei gehört.
Es war die Lautstärke und der Tonfall eines Menschen, der begreift, dass er sein Leben in den Händen von Folterknechten der grausamsten Art verlieren wird, der sich eines langsamen, qualvollen Todes sicher ist. Es war ein Entsetzen, das aus dem Innersten kam.
Ich saß im Nebenzimmer, Anfang zwanzig, gerade nach Berlin gezogen, bereitete mich auf mein Examen vor, lernte. Die Hauptmieterin war von Beruf Psychotherapeutin.
Ich hörte den Schrei. Ich hörte das Entsetzen.
Ich rannte ins Nebenzimmer. Dort stand eine früh gealterte Frau Ende dreißig, der die Spucke aus dem Mund lief und die am ganzen Körper zitterte.
Was ist los? fragte ich, nun auch voller Entsetzen.
Was ist los?
Die Frau konnte kaum noch sprechen. Sie lallte und der Speichel lief ihr aus dem Mund.
Ich schlug vor, einen Arzt zu rufen.
Nein, sagte sie. Nein.
Was ist denn jetzt los, fragte ich, was ist denn jetzt los?
Wir haben eine Maus in der Wohnung, röchelte die Frau.
Eine Maus!
Ich gebe zu, ich war zu jung. Ich war einfach naiv.
Wir könnten die Maus mit Käse füttern, schlug ich vor, lief in die Küche und holte ein Stück. Vielleicht hat sie Hunger?
Ich übersah den blinden Hass in den Augen der Psychotherapeutin, und kurz darauf musste ich ausziehen.
Abbildung 1: Meine erste Begegnung mit einer schweren Tierphobie.
Angst
Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen kämpften damals verzweifelt mit diesen emotionalen Reaktionen, sei es bei sich selbst oder bei anderen. Das tun sie häufig bis heute.
Anfang der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts war die Menschheit noch weit davon entfernt, zu verstehen, wie es zu diesem scheinbar so irrationalen Verhalten kommen kann. Die Angst und das Entsetzen dieser Frau waren zweifellos echt und am nächsten Tag war sie voller Scham und sich der völligen Irrationalität ihres Verhaltens bewusst.
Wenn man Menschen wie ihr helfen wollte, versuchte man es mit Verhaltenstherapie, man versuchte es mit Psychoanalyse, und in beiden Fällen waren (und sind) die Ergebnisse enttäuschend.
Man versuchte es mit Scheinkonstrukten wie “unbewusster Wille” oder “sekundärer Gewinn”, die heimlich dem Klienten die Schuld in die Schuhe schoben, weil man einfach nicht verstand, warum und wie das menschliche Gehirn lernen kann, eine solche Todesangst mit einem definitiv ungefährlichen Tier zu verbinden.
Vor allem verstand man nicht, wie man Betroffenen beim Umlernen helfen konnte. Warum konnte diese Psychotherapeutin nach all den Jahren eigener Psychotherapie, die sie in ihre Mäusephobie investiert hatte, nicht lernen, was ich als kleines Kind gelernt hatte, das regelmäßig Mäuse aus dem Labor seines Vaters geschenkt bekam, nämlich Mäuse als liebe und freundliche Tierchen zu sehen, die man als Gäste willkommen heißt und bewirtet?
Sucht
Zwei Männer sind auf einer Party.
Der eine trinkt fünf Flaschen Bier und ist ziemlich betrunken, aber er weiß, dass er gehen muss, um die letzte U-Bahn zu erwischen. Er weiß, wenn er diese U-Bahn verpasst, verärgert er seine Frau und am nächsten Tag wahrscheinlich seinen Chef und sein Job ist in Gefahr, wenn er nicht nüchtern zur Arbeit kommt.
Also lehnt er das sechste Bier dankend ab, geht, erreicht die U-Bahn, behält seine Frau, behält seinen Job und bleibt trotz seines insgesamt zu hohen Alkoholkonsums in der Gesellschaft integriert.
Der andere trinkt auch fünf Flaschen Bier, weiß auch, dass er die U-Bahn erreichen muss, aber die Versuchung des sechsten Bieres ist zu groß. Er trinkt das sechste Bier, verpasst die U-Bahn, verärgert seine Frau, die kurz darauf die Scheidung einreicht. Er kommt betrunken zur Arbeit, woraufhin er seinen Job verliert. Bald ist er nicht mehr in die Gesellschaft integriert.
Als ich anfing, mich mit Sucht zu beschäftigen, lernte ich, dass dies der Unterschied zwischen einem Menschen, der zu viel trinkt, und einem echten Alkoholiker ist. Es gibt Menschen, die auch nach fünf Bier noch in der Lage sind, die Folgen ihres Handelns zu antizipieren und diese Antizipation in angemessenes Handeln umzusetzen. Und es gibt Menschen, die dazu nicht mehr in der Lage sind. Letztere gelten als Alkoholiker.
So wie die Menschheit lange Zeit nicht in der Lage war, Menschen aus ihrer Phobie herauszuhelfen, war sie auch nicht in der Lage, die meisten Menschen wirklich von ihrer Sucht zu befreien. Man verstand das Gehirn und seine Funktionsweise einfach nicht gut genug. Die technischen Möglichkeiten standen noch nicht zur Verfügung.
So entschied sich die Psychologie, angeführt von einem gewissen Sigmund Freud, sich nicht mit den neurowissenschaftlichen Grundlagen des menschlichen Verhaltens zu beschäftigen, sondern mit der Analyse einer Art körperlosen Seele, und das hat Folgen, bis heute.
In Therapie und Coaching wird immer noch häufig davon ausgegangen, dass die Ursache für die Angst vor der Maus die Maus selbst ist und das Verlangen nach Alkohol durch das angebotene Bier ausgelöst wird. Es müsse doch einen Grund für die Gier und die Angst geben, und wenn man diesen Grund finde, könne es besser werden.
Der Prozess der Gedächtnisrekonsolidierung geht davon aus, dass es eine oder mehrere Erinnerungen gibt, die immer wieder sehr intensive Emotionen auslösen, sei es unerträgliche Angst, sei es unwiderstehliche Gier.
Eingehende Sinnesreize - wie eben der Anblick einer Maus - werden unterhalb der Bewusstseinsschwelle mit einer Erinnerung verglichen - BEVOR unser Bewusstsein die Information überhaupt erhält. BEVOR wir kognitiv erkennen können, dass hier keine Gefahr besteht, hat sich der Körper längst auf eine akute Gefahr vorbereitet - und ruft z.B. mit einem entsetzten Schrei um Hilfe.
Wenn dem so ist - und das ist der Fall - dann muss man dem Gehirn nicht beibringen, dass Mäuse ungefährlich sind, sondern man muss die Erinnerung verändern, die die Angstreaktion auslöst.
Die Erinnerung an die Vergangenheit und die dadurch ausgelöste Gefühlsintensität beim Anblick einer realen Maus in der Gegenwart wäre dann die eigentliche Ursache des Problems. Die Erinnerung müsste verändert werden, und zwar in Bezug auf die Intensität des Gefühls, das sie auslöst.
Die Neurowissenschaften haben gezeigt, dass dies möglich ist.
Es ist nicht die Maus, es ist nicht das Bier, es ist das Gedächtnis, es sind eine oder mehrere wichtige Erinnerungen, die aus der Maus ein Monster machen und aus der sechsten Flasche Bier den letzten überlebensnotwendigen Tropfen Wasser, der jede Gier und jedes Risiko rechtfertigt.
Tilgung ist möglich
Lange Zeit glaubte man, dass eine einmal erlernte Angst vor Mäusen oder die Gier nach dem sechsten Bier wirklich und faktisch nicht gelöscht werden kann. Die Assoziation bleibt im Kern bestehen. Das Gehirn hat angeblich einmal gelernt, dass Mäuse Monster sind und kann die Angst zwar modifizieren aber nicht mehr wirklich tilgen. Gleiches gilt, so dachte man, auch für Sucht.
Bis zum Jahr 2000 ging die Neurowissenschaft noch davon aus, dass die einmal gespeicherte und von nun an ständig erinnerte Koppelung zwischen einem Ereignis und der damit verbundenen Emotion bzw. Erinnerung nicht mehr veränderbar sei.
Ab 2004 kam es jedoch zu entscheidenden Durchbrüchen: Man erkannte, dass diese Koppelung sehr wohl veränderbar ist - allerdings nur unter Einhaltung eines bestimmten “Codes”. Diesen Code schildere ich im
Kapitel 2
und die Anwendung in
Kapitel 6
.
Seit 2006 begannen sich auch Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten verstärkt für diese Forschung zu interessieren.
1
Was uns helfen kann, uns selbst und anderen zu helfen, heißt also: Gedächtnisrekonsolidierung. Das ist eine zungenbrecherische Bezeichnung für einen neurobiologischen Vorgang.
Aus dem Monster wird mit Hilfe dieses Verfahrens ein Mäuschen, aber nur, wenn der Prozess richtig angewandt wird. Das Gehirn braucht eine exakte Abfolge von Schritten, um diese “Rekonsolidierung” zu erlauben. Bekommt es diese nicht, bleibt die Phobie wirksam, die Sucht bestehen und die nächste therapeutische Stunde ist zur Enttäuschung aller Beteiligten wirkungslos.
Aber wenn das Gehirn bekommt, was es braucht, reichen oft schon wenige Sitzungen, und die Phobie ist nicht mehr abrufbar. Ähnliches gilt für viele andere Ängste, Süchte, Essstörungen und traumatische Beziehungserfahrungen.
Was ist also Gedächtnisrekonsolidierung?
Gedächtnisrekonsolidierung ist ein neurobiologischer Prozess, bei dem bereits gespeicherte Erinnerungen vorübergehend instabil werden und dann erneut gefestigt werden. Dies geschieht typischerweise, wenn eine Erinnerung abgerufen wird. Während dieser Phase kann die Erinnerung verändert, aktualisiert oder sogar gelöscht werden.
Die Netzwerktheorie
Wenn wir über psychische Gesundheit sprechen, beginnt alles mit dem physischen Gehirn - mit seinen Strukturen, den Milliarden von Gehirnzellen und den Verbindungen zwischen ihnen. Wir nennen diese Verbindungen neuronale Netze. Sie bilden die Grundlage für alles, was wir tun: Denken, Fühlen, Erinnern, Planen, Bewegen, Lieben, Lernen und sogar Heilen.
Doch wenn diese Netzwerke aus dem Gleichgewicht geraten, kann das weitreichende Folgen haben - von Angstzuständen über Schlaflosigkeit bis hin zu Konzentrationsproblemen oder “Brain Fog”.
Panikattacken und Sucht sind genau das: Bestimmte neuronale Netzwerke funktionieren im Zusammenspiel nicht mehr richtig und es kommt zu den genannten Symptomen. Diese einzelnen Netze und ihr Zusammenspiel schildere ich in Kapitel 5.
Nach 2020 führten technologische Fortschritte wie hochauflösende funktionelle Bildgebung zu einem Paradigmenwechsel in den Neurowissenschaften: Die Netzwerktheorie entstand.
Die Netzwerktheorie betrachtet das Gehirn nicht mehr primär als Ansammlung isolierter Regionen, sondern als dynamisches Zusammenspiel funktioneller Netzwerke, darunter das Default Mode Network (DMN), das Salienznetzwerk (SN) und das zentrale Exekutivnetzwerk (CEN). Jedes dieser Netzwerke übernimmt spezifische Aufgaben - das DMN ist z.B. bei der Selbstreflexion aktiv, aber auch bei der Produktion übermäßiger Angst. Das SN erkennt relevante Reize, während das CEN für Aufmerksamkeit und Problemlösung zuständig ist.2
Während die Gedächtnisrekonsolidierung den Prozess der Veränderung erklärt, liefert die Netzwerktheorie das Verfahren, d.h. das Verständnis, wo und wie im Gehirn gezielt interveniert werden kann, um Veränderung wirksam zu unterstützen.
Die Netzwerktheorie erklärt, wie es zu dem immer wiederkehrenden Schrecken kommen kann, der das Gehirn daran hindert zu lernen, dass Mäuse harmlos, Bier aber gefährlich sein kann, obwohl die kognitive Einsicht in beiden Fällen ist.
Sucht und Angst haben eines gemeinsam. Nämlich, dass die emotionale Reaktion auf einen auslösenden Reiz, auch “Trigger” genannt, hier als Beispiel die Reaktion auf Maus und Bier, in ihrer Intensität (aus der Sicht eines Beobachters) unangemessen ist.
Es ist die offensichtliche Fehleinschätzung der Gesamtsituation, die es den Betroffenen nicht mehr erlaubt, an den für sie wichtigen langfristigen Zielen festzuhalten.
Die gnadenlose Gier und die überwältigende Angst sowie die Unfähigkeit des Neokortex, bestimmte Verhaltensweisen rechtzeitig zu bremsen und zu modifizieren, sind es, die später die immense Scham auf der einen Seite (die Betroffenen) und die Enttäuschung auf der anderen Seite (die Gemeinschaft der Heilenden) auslösen.
Erst seit sehr, sehr kurzer Zeit weiß die Menschheit, was in einem Menschen vorgeht, der eine Maus mit einem Monster verwechselt und der den Genuss eines sechsten Bieres für so entscheidend hält, dass er bereit ist, dafür seine soziale Existenz aufzugeben.
Die Netzwerktheorie und die Methode der GK (Gedächtnisrekonsolidierung) bieten eine neue Perspektive für Therapie und Coaching.
Richtig angewandt, können die entsprechenden Verfahren die Behandlungsdauer bei Ängsten, Sucht, Traumata, Essstörungen, Phobien, Beziehungsproblemen usw. erheblich verkürzen und viele Medikamente und/oder Scheidungen überflüssig machen.
Ziel dieses Buches ist es, die Netzwerktheorie und die Gedächtnisrekonsolidierung so anschaulich und verständlich zu vermitteln, dass sie nicht nur theoretisch greifbar, sondern auch praktisch erlernbar und für jedermann anwendbar werden.
Als Beispiel biete ich in diesem Buch die Anwendung mit Hypnose an, aber die Anwendung ist mit vielen Verfahren möglich.
1. Ecker, 2016
2. Menon, 2011
Wenn es eine Erinnerung ist, die die Angst oder die Sucht auslöst, und wenn es diese Erinnerung ist, die verändert werden soll, um eine Besserung zu erreichen, dann müssen wir mehr darüber wissen, wie Erinnerungen gespeichert und abgerufen werden.
Der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux3 hat sich intensiv mit diesem Thema beschäftigt und die Darstellungen in diesem Kapitel basieren auf seinen Forschungen und den Ergebnissen zahlreicher anderer Neurowissenschaftler.
Denn die Neurowissenschaft hat gezeigt, dass es möglich ist, Erinnerungen so abzurufen und neu zu speichern, dass man sich zwar noch an das Geschehene erinnert, die überwältigenden Emotionen aber nicht mehr ausgelöst werden. Die Fakten bleiben erhalten, während die Emotionen unabhängig davon verändert werden - weg von “Stress”, hin zu “Toleranz” bzw. “Heilung”.
Vergangene Vorstellungen
Lange Zeit wurde das Gedächtnis mit einem Archiv oder einer Festplatte verglichen - als Ort, an dem Erfahrungen möglichst genau und dauerhaft gespeichert werden.
Erinnerungen galten als getreue Abbilder vergangener Ereignisse, die bei Bedarf abgerufen werden können, ähnlich wie Dateien auf einem Computer. Diese Sichtweise implizierte, dass unser Gehirn Ereignisse wie eine Kamera aufzeichnet - unveränderlich, objektiv und unverfälscht.
Und dass eine Erinnerung nur als Ganzes, also mit den Emotionen, die sie auslöst, erinnert bzw. vergessen werden kann. Lange Zeit war nicht bekannt, dass sich Teile von Erinnerungen verändern lassen, ohne dass die Erinnerung als Ganzes verändert werden muss.
Ein Vergleich wäre der mit einer Bibliothek. Das Gedächtnis ist eine riesige Bibliothek, man geht hinein, zieht ein Buch heraus, liest es und hat nun die Information, die man braucht. Dann stellt man das Buch inhaltlich unverändert ins Regal zurück.
Das heißt, man ging davon aus, dass die Erinnerung durch den Akt des Erinnerns weder verändert noch modifiziert wird. Man ging weiterhin davon aus, dass das, was vor dem inneren Auge erscheint, ein getreues Abbild eines Ereignisses ist, das einmal wirklich und tatsächlich so gewesen ist, wie es erinnert wird.
Überdies nahm man an, dass es “verdrängte” Erinnerungen gibt.
Eine verdrängte Erinnerung ist eine Erinnerung an ein - oft traumatisches oder emotional belastendes - Erlebnis, das aus dem bewussten Gedächtnis verdrängt wurde. Das bedeutet, dass die Person keinen bewussten Zugang mehr dazu hat, obwohl die Erinnerung unbewusst weiterhin Gefühle, Gedanken oder Verhalten beeinflussen kann.
Der Begriff stammt ursprünglich aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds. Er ging davon aus, dass das Gehirn schmerzhafte Erinnerungen ins Unbewusste “abschiebt”, um die Psyche vor zu viel Leid oder Überforderung zu schützen. Verdrängte Erinnerungen sind also nicht gelöscht, so Freud, sondern nur dem bewussten Zugriff entzogen.
Zweifellos gibt es Erinnerungen, die nicht bewusst sind und dennoch unser Verhalten beeinflussen. Das ist richtig. Es gibt jedoch kein Auswahlverfahren, bei dem eine Erinnerung quasi geprüft und entweder zugelassen oder abgelehnt wird. Das Gehirn vollzieht den Akt des Erinnerns als dynamischen Prozess, um uns in einem gegebenen Moment das optimale Überleben zu ermöglichen. Dafür werden alle verfügbaren Erinnerungen genutzt, die passend scheinen – auch wenn viele nicht bewusst sind.
In der Therapie, insbesondere in der Psychoanalyse, hat die Idee der “verdrängten Erinnerungen” zu einer Vorstellung von Therapie geführt, bei der Klient und Therapeut gemeinsam in diese Bibliothek gehen, das richtige Buch (die Ursache) finden und sobald der Klient die Ursache seiner Schwierigkeiten kennt, kann er sich auch ändern. Wenn er oder sie sich nicht ändert, muss die Suche fortgesetzt werden. Es müssen solange Erinnerungen frei assoziiert werden, bis das richtige “Buch” gefunden wurde.
Im Fall einer Phobie, wäre die Suche nach der Ursache die Suche nach der verdrängten Erinnerung. Was sind die Ursachen für die Angst vor Mäusen? Klein? Plötzliche unkontrollierte Aggression? Unterdrückte sexuelle Wünsche? Wo finde ich die Ursache in der Bibliothek?
Neue Erkenntnisse
Doch diese Vorstellungen sind falsch. Unser Gedächtnis ist keine Festplatte mit abrufbaren Dateien und keine Bibliothek mit durch das Lesen unveränderten Büchern.
Erinnerungen sind rekonstruktiv – sie verändern sich jedes Mal, wenn sie abgerufen werden. Je öfter man sich an etwas erinnert, desto weniger genau aber emotional überzeugender wird die Erinnerung. Sogenannte “recovered memories” können daher falsch, suggestiv beeinflusst oder sogar vollständig erfunden sein.
Unser Gedächtnis ist kein statisches Archiv, sondern ein dynamisches System.
Das Gedächtnis rekonstruiert - es reproduziert nicht.
Beim Erinnern greifen wir nicht einfach auf eine gespeicherte Datei zurück, sondern konstruieren die Vergangenheit jedes Mal neu - beeinflusst von aktuellen Emotionen, Kontexten, inneren Überzeugungen und neuen Informationen. Diese Erkenntnis widerspricht der früheren Vorstellung, Erinnerungen seien starr. Tatsächlich ist unser Gedächtnis plastisch - es passt sich an, integriert Neues und ermöglicht es uns, auf veränderte Kontexte zu reagieren.
Erinnerungen sind also Interpretationen, keine Momentaufnahmen.
Das Gedächtnis hat nicht die Aufgabe, uns getreue Abbilder der vergangenen Wirklichkeit zu liefern, es hat eine ganz andere Aufgabe, und dafür ist es im Laufe der Evolution konstruiert worden.
Die Aufgabe des Gedächtnisses ist es, uns zu helfen, im engeren oder weiteren Sinne zu überleben. Es ist dazu da, uns in die Lage zu versetzen, angemessen und unseren Bedürfnissen und Zielen entsprechend, auf den jeweiligen Kontext zu reagieren.
Neue Informationen werden nicht einfach gespeichert und unverändert aufbewahrt, sondern durchlaufen komplexe Prozesse, die über ihre Speicherung und spätere Veränderbarkeit entscheiden. Ziel ist es, unsere Erinnerungen an die Vergangenheit an unsere zukünftigen Bedürfnisse anzupassen.
Was ist Konsolidierung?
Konsolidierung ist der Prozess, durch den neue Erinnerungen stabilisiert und in das Langzeitgedächtnis überführt werden. Jede neue Information wird zunächst im Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis gespeichert. Damit diese Erinnerung langfristig erhalten bleibt, muss sie konsolidiert werden.
Dabei werden zwei Phasen unterschieden:
Synaptische Konsolidierung (innerhalb von Minuten bis Stunden): Veränderungen an den Synapsen der beteiligten Nervenzellen machen die Erinnerung kurzfristig stabil.
Systemische Konsolidierung (Tage bis Jahre): Die Gedächtnisspur wird vom Hippocampus, wo sie ursprünglich verarbeitet wurde, in die Großhirnrinde (Neocortex) übertragen - ein entscheidender Schritt für dauerhaftes Erinnern.
Abbildung 2: Informationsspeicherung. Dieses Bild wurde mit Hilfe von KI erstellt.
Ein zentraler biologischer Mechanismus für beide Prozesse ist die Proteinsynthese: Nervenzellen produzieren neue Proteine, die helfen, die neu gebildeten Verbindungen zu “verkleben” und zu festigen.
Abbildung 3: Synapsen und Gedächtnis. Das was wir "Erinnerung" nennen, ist im Molekül. Bei jedem Abruf einer Erinnerung gehen einige Moleküle verloren. Deshalb muss jede Erinnerung rekonsolidiert werden. Wir können uns nur erinnern, solange wir die entsprechenden Eiweißmoleküle produzieren können. Dieses Bild wurde mit Hilfe von KI erstellt.
Was passiert bei der Rekonsolidierung?
Spannend wird es, wenn wir bereits gespeicherte Erinnerungen abrufen. Denn: Der Abruf macht die Erinnerung instabil - sie wird vorübergehend ‘‘offen” für Veränderungen. Um wieder stabil abgespeichert zu werden, muss sie einen zweiten Verfestigungsprozess durchlaufen: die Rekonsolidierung.
Die neu-alte Erinnerung wird wieder abgespeichert - aber diesmal verändert. Das nennt man Rekonsolidierung.
Auch dabei spielt die Proteinsynthese eine entscheidende Rolle. Wird sie kurz nach dem Abruf künstlich blockiert (z.B. im Experiment), kann die Erinnerung verblassen, abgeschwächt oder sogar verändert werden.
Der Mechanismus der Gedächtnisrekonsolidierung existiert nicht, um Erinnerungen zu löschen, sondern um sie zu aktualisieren. Wenn wir uns an etwas erinnern, greifen wir auf eine frühere Version zurück. Gleichzeitig fließen neue Erfahrungen ein, die bei der erneuten Speicherung Teil der aktualisierten Erinnerung werden. So entsteht bei jeder Reaktivierung eine neue Version der Erinnerung.
Betroffen sind vor allem emotionale Reaktionen, wie sie z.B. von der Amygdala gesteuert werden: Angst, Stress oder Übererregung. Die bewusste Erinnerung bleibt bestehen, verliert aber, wenn wunschgemäß rekonsolidiert, ihre überwältigende emotionale Kraft.
Eine der wichtigsten Aufgaben des Gedächtnisses ist es, relevante von irrelevanten Informationen zu unterscheiden. Was ist wichtig, im jeweiligen Kontext und was nicht? Dazu werden Gedächtnisinhalte emotional eingefärbt. Werden sie unwichtiger oder plötzlich sehr wichtig, werden sie abgerufen und emotional neu bewertet.
Unser Gehirn filtert Informationen nach Bedeutung und emotionaler Relevanz, nicht nach Objektivität. Nur ein Bruchteil dessen, was wir erleben, wird langfristig gespeichert. Emotionen wirken wie eine Art Marker im Gehirn: Sie signalisieren, welche Erfahrungen bedeutsam sind. Inhalte, die emotional aufgeladen sind, haben höhere Chancen, ins Langzeitgedächtnis zu gelangen.
Konsolidierung stabilisiert neue Erinnerungen. Rekonsolidierung erlaubt die Anpassung bereits gespeicherter Inhalte an aktuelle Erfahrungen.
Das Gedächtnis ist also kein passiver Speicher, sondern ein lebendiges System, das sich ständig verändert. Konsolidierung sichert die Existenz von Erinnerungen.
Durch Rekonsolidierung können bestehende Erinnerungen an neue Erfahrungen angepasst werden. Dieses Wissen eröffnet nicht nur neue Einsichten in unser Denken, sondern auch neue Wege für die therapeutische Arbeit mit Erinnerungen - insbesondere bei seelischen Verletzungen.
Therapien, die gezielt mit emotional belastenden Erinnerungen arbeiten (z.B. EMDR, Kohärenz-Therapie, Imaginationstechniken), nutzen genau diese Mechanismen, um Veränderungen im emotionalen Erleben herbeizuführen. Beim Wiedererleben von Erinnerungen kann durch gezielte Interventionen ein emotionales “Umlernen” stattfinden - z.B. durch neue Erfahrungen, die die ursprüngliche Erinnerung herausfordern (Prädiktionsfehler).
Der “Code” für emotionale Veränderung
Um eine tiefgreifende emotionale Veränderung in Gang zu setzen, muss nicht eine verdrängte Erinnerung gefunden werden, sondern eine bereits vorhandene Erinnerung muss erst gefunden, d.h. aufgerufen und dann rekonsolidiert werden. In einem Zwischenschritt muss sie so verändert werden, dass sie keine intensiven Emotionen mehr auslöst.
Dazu benötigt das Gehirn drei aufeinander abgestimmte Schritte.
Reaktivierung des Themas
Die Erfahrung oder das Wissen wird reaktiviert, z.B. durch auffällige Auslösereize oder Kontexte des ursprünglich Gelernten. In der Praxis bedeutet dies, dass nach einer bestimmten Erinnerung gesucht wird, die einer aktuellen Erfahrung ähnelt. Diese Erinnerung wird abgerufen.
Das Gedächtnis arbeitet so, dass das gesamte Netzwerk rund um diese Erfahrung reaktiviert wird: Bilder, Emotionen, Gedanken, körperliche Zustände und Überzeugungen tauchen gemeinsam auf.
Während des Erinnerungsprozesses öffnen sich die Synapsen und die Gedächtnisschältkreise geraten in einen labilen, d.h. veränderbaren Zustand. In diesem Zustand kann das Gehirn neue Informationen aufnehmen.
Diese Aktivierung ist der erste Schritt zur Rekonsolidierung des Gedächtnisses.
Destabilisierung (“Mismatch erzeugen”)
Gleichzeitig zur Reaktivierung wird eine neue Erfahrung möglich und wird in der Praxis auch angeboten, die deutlich von den bisherigen Erwartungen und dem alten Weltmodell abweicht.
Im Rahmen der Gedächtnisrekonsolidierung ist der entscheidende therapeutische Moment derjenige, in dem gleichzeitig mit der Reaktivierung einer alten, emotional besetzten Erinnerung eine neue Erfahrung gemacht wird, die in krassem Widerspruch zu den bisherigen Erwartungen steht. Genau hier greift in faszinierender Weise die Netzwerktheorie des Gehirns.
Das Gehirn erwartet aufgrund seines alten Netzwerks eine bestimmte Reaktion (z.B. Ablehnung, Gefahr, Kritik). Stattdessen erlebt die Person aber eine völlig neue, “inkongruente” Erfahrung: zum Beispiel Zuwendung statt Ablehnung, Sicherheit statt Bedrohung, Verbundenheit statt Isolation.
Diese Erfahrung widerspricht dem bisherigen Weltmodell, also dem Bedeutungsnetzwerk, das bisher mit der Erinnerung verknüpft war. Das Gehirn erkennt einen Vorhersagefehler - ein Schlüsselbegriff der modernen Neurowissenschaft: Die alte Erwartung passt nicht mehr zur aktuellen Realität.
Aber das Gehirn will seine Aufgabe, uns möglichst lange am Leben zu erhalten, unbedingt erfüllen. Und deshalb will es jetzt unbedingt alte “Fehleinschätzungen” korrigieren - auch wenn es das früher unter allen Umständen abgelehnt hat.
Und so ist es diesen Irrtum in der Vorhersage, der die Tür zu einem wirklichen Wandel öffnet.
In diesem Moment beginnt die Neuverkabelung des Netzwerks. Neue synaptische Verbindungen entstehen, alte Verbindungen verlieren an Stärke. Die Bedeutung der ursprünglichen Erfahrung wird neu “gespeichert” und in ein neues, flexibleres Modell der Welt und des Selbst integriert.
Insbesondere bei negativen Erfahrungen, die sehr tief sitzen, z.B. lange Ablehnungszeiten, muss der Prozess mehrmals wiederholt werden, damit er funktioniert. Es ist nicht zu erwarten, wie von manchen Anbietern suggeriert, dass nach einer Sitzung alles erledigt ist.
Die gleichzeitige Aktivierung einer alten Erinnerung und die Erfahrung eines emotional bedeutsamen Widerspruchs ist der Hebel, mit dem das Gehirn beginnt, sein neuronales Netzwerk umzubauen. Die emotionale Ladung wird aufgelöst, die Geschichte neu geschrieben - nicht durch Willenskraft, sondern durch erlebte Realität im richtigen Moment.
Tilgen oder Modifizieren mit Neuem
Im Prozess der Gedächtnisrekonsolidierung öffnet sich nach der Reaktivierung einer emotional bedeutsamen Erinnerung ein zeitlich begrenztes Fenster - in der Regel etwa fünf Stunden -, in dem das mit dieser Erinnerung verbundene neuronale Netzwerk plastisch und damit veränderbar wird.
Innerhalb dieses Zeitfensters von fünf Stunden muss eine neue Erfahrung, eine neue Information oder ein neuer Bedeutungsinhalt integriert werden, damit eine dauerhafte Veränderung eintreten kann.
In dieser labilen Phase kann das Gehirn das Netzwerk entweder:
Überschreiben (löschen):
wenn die neue Erfahrung oder Information dem bisherigen Netzwerk widerspricht, z.B. wenn jemand, der immer Ablehnung erwartet hat, in einer vergleichbaren Situation echte Zuneigung erfährt.
Ergänzen (Modifikation):
wenn die neue Erfahrung das Netzwerk differenziert oder sinnvoll erweitert, z.B. wenn man erfährt: “Damals wurde ich nicht gesehen, aber heute kann ich mich zeigen und werde gehört”.
Das neu Gelernte kann, muss aber nicht identisch sein mit der widersprüchlichen Erfahrung aus dem vorherigen Schritt (Schritt 2).
Wenn es identisch ist, wirkt dieser Schritt als verfestigende Wiederholung: Das neue Muster wird stabil im Netzwerk verankert und erhält die Chance, alte Verbindungen dauerhaft zu ersetzen oder zu modulieren.
Durch den Prozess der Gedächtnisrekonsolidierung entsteht ein neues neuronales Bedeutungsnetzwerk, das nicht nur eine einzelne Erinnerung betrifft, sondern potentiell ganze Handlungsmuster, Selbstbilder und Beziehungserwartungen rekonstruiert.
Alte emotionale Reaktionen (z.B. Angst, Scham, Rückzug) verlieren ihre automatische Dominanz, weil sich ihre neuronalen Grundlagen verändert haben. Dadurch wird das Verhalten langfristig flexibler und angemessener, nicht durch Disziplinierung - sondern durch ein neues inneres Modell der Realität.
Die praktische Umsetzung mit Hilfe von Hypnose wird in Teil 2 dieses Buches dargestellt.
3. LeDoux, 1998
Im vorherigen Kapitel habe ich gezeigt, dass Erinnerungen keine festen Abbilder der Vergangenheit sind, sondern dynamische Konstrukte, die sich bei jeder Reaktivierung verändern können. Das ist die Grundlage des hier dargestellten Verfahrens der Gedächtnisrekonsolidierung.
Der Prozess der Rekonsolidierung spielt dabei eine entscheidende Rolle, da er Veränderungen in der emotionalen Bewertung und Verarbeitung von Erinnerungen ermöglicht.
Um jedoch besser zu verstehen, wie diese Veränderungen im Gehirn ablaufen, ist es wichtig, einen Blick auf die zugrunde liegende biologische Struktur zu werfen. Welche Hirnregionen sind an der Bildung, Speicherung, Veränderung und dem Abruf von Erinnerungen beteiligt?
Wie lernen diese Regionen? Und vor allem: Wenn wir neuen Erfahrungen begegnen, in welcher Reihenfolge werden diese Regionen aktiviert - und warum und wie ist das wiederum wichtig für den Prozess der Gedächtnisrekonsolidierung.
Ein tieferes Verständnis der spezifischen Hirnregionen, die für unsere Erinnerungen verantwortlich sind, hilft, den Prozess der Veränderung und Anpassung von Erinnerungen besser zu verstehen und bereitet das nächste Kapitel, die Darstellung der Netzwerktheorie, vor.
Das dreieinige Gehirn
Das Modell des dreieinigen Gehirns (auch Triune Brain Theory genannt) wurde von dem amerikanischen Neurowissenschaftler Paul D. MacLean entwickelt. Er stellte das Modell in den 1960er Jahren vor.
Das Modell des dreieinigen Gehirns ist heute wissenschaftlich umstritten. Das Gehirn funktioniert eher als ein holistisches Ganzes, die einzelnen Gehirnteile sind viel stärker vernetzt, als man lange annahm.
Das Gehirn arbeitet nicht hierarchisch sondern kooperativ - hunderte Netzwerke wirken gleichzeitig.
Im Kontext dieses Buches verwende ich das Modell von McLean jedoch, um zu zeigen, dass verschiedene Strukturen verschiedene Funktionen haben und dass evolutionär ältere Strukturen evolutionär jüngere dominieren können. Es gibt eine Dominanz von unten nach oben, von alt zu neu.
Dies steht im Gegensatz zu MacLeans ursprünglichen Vorstellungen. McLean hatte noch eine Vorstellung vom Neokortex als einer Art Krone der Schöpfung, die dominant und willensstark auf ihrem Thron sitzt oder zumindest sitzen sollte. Die heutige Neurowissenschaft weiß, dass dies nicht der biologischen Realität entspricht.
Dennoch, ich glaube, dass der Rahmen des Triune Brain Modells für die Darstellung hier sehr gut geeignet ist. Einerseits, um den eigentlichen Entwicklungsprozess des Nervensystems zu verstehen, und andererseits, um verstehen zu können, wie sowohl in der individuellen als auch in der kollektiven evolutionären Entwicklung4 Struktur und Funktion zusammenhängen.
Das Modell ist also nicht mehr völlig aktuell, aber es ist nach wie vor gut genug, um grundsätzliche Zusammenhänge erklären zu können.
MacLean teilte das Gehirn in drei evolutionär aufeinander folgende Teile ein:
Reptiliengehirn (archisches Gehirn):
Der älteste Teil, verantwortlich für grundlegende Überlebensfunktionen wie Atmung, Herzschlag, Territorialverhalten und Instinkte. Es umfasst Hirnstamm und Kleinhirn. Dies ist der rot gezeichnete Anteil in
Abbildung 4
.
Limbisches System (Paläomammalisches Gehirn):
Entsteht mit den frühen Säugetieren, verantwortlich für Emotionen, Bindung und grundlegendes Sozialverhalten. Der gelb gezeichnete Anteil in
Abbildung 4
.
Neokortex (Neomammalisches Gehirn):
Der jüngste Teil, besonders ausgeprägt beim Menschen, verantwortlich für Denken, Sprache, Planung und bewusste Entscheidungen. Der rot gezeichnete Anteil in
Abbildung 4
.
Abbildung 4: Dies ist das Modell des dreiteiligen Gehirns von Paul D. MacLean. Der Neokortex wurde grün gezeichnet, das limbische System gelb und Hirnstamm und Kleinhirn (Cerebellum) rot.
Der Neocortex
Ein zentraler Teil dieses Modells ist der jüngste Teil unseres Gehirns, den wir als “Neokortex” bezeichnen. In Abbildung 4 ist dies der grün gezeichnete Teil des Gehirns.
Dieser Teil steht für die verschiedenen Strukturen, die die höheren Zentren unseres Nervensystems bilden. Sie ermöglichen unsere Persönlichkeit, unsere geistige Wahrnehmung und die Fähigkeit, Kunst, Philosophie und andere wunderbare Ausdrucksformen zu schaffen. Es ist der Teil unseres Nervensystem, der uns zu Menschen macht.
Der Neokortex macht ein Drittel des gesamten Gehirns aus. Er hat, besonders der Teil, der als “präfrontaler Kortex” (PFC) bezeichnet wird,5viele wichtige Funktionen, wie Problemlösung, Konzentration, Arbeitsgedächtnis und Organisation.
Er reguliert Gedankenwechsel, Interpretation von Informationen, Persönlichkeit, Impulskontrolle, Emotionsregulation, Entscheidungsfindung, Abruf von Erinnerungen, expressive Sprache, soziales Urteilsvermögen, Initiierung. Motivation, positive, die in der linken Hemisphäre liegt, und negative, die in der rechten Hemisphäre liegt. Weiterhin Einstellungen, Langzeitgedächtnis, Affekt, Verhalten.
In diesem Zusammenhang ist es sehr wichtig zu wissen, dass die Fähigkeit zu dem, was wir “Wille” oder “Absicht” nennen, größtenteils im präfrontalen Kortex angesiedelt ist. Der präfrontale Kortex (PFC) spielt eine zentrale Rolle bei zielgerichtetem Handeln, Planung, Entscheidungsfindung und Selbstkontrolle – alles Funktionen, die unter den Begriffen “Wille” und “Absicht” zusammengefasst werden können.
Wenn dieser, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr oder nicht mehr vollständig zur Verfügung steht, haben wir keinen oder keinen ausreichenden Willen mehr, um destruktive Impulse zu hemmen.
Es gibt den Willen, nicht bewusst eingesetzt, nicht unbewusst eingesetzt, es gibt ihn einfach nicht, wenn es keinen aktiven oder ausreichend aktiven PFC gibt. Oder, wenn er gerade "offline” ist, dann gibt es ihn nicht mehr oder kaum noch, je nachdem, wie sehr der Neokortex, bzw. PFC "offline” ist.
Das limbische System
Hier geht es um Emotionen, Bindungen und soziale Beziehungen. Es liegt tiefer im Gehirn und es umfasst Strukturen wie den Hippocampus (wichtig für Gedächtnis und räumliche Orientierung) und die Amygdala, die für emotionale Reaktionen - insbesondere Angst - zuständig ist. Diese Bereiche sind schon sehr früh in unserer Entwicklung aktiv.
Das limbische System entwickelt sich auch ontogenetisch (in der individuellen Entwicklung) vor dem Neokortex.
Der Hirnstamm
Der Hirnstamm besteht aus dem Mittelhirn, der Brücke (Pons) und der Medulla oblongata. Seine wichtigsten Funktionen sind: Überleben, Reflexe und grundlegende Körperfunktionen. In diesem Zusammenhang ist der Aspekt des Überlebens entscheidend.
Abbildung 5: Der Hirnstamm. Der rote obere Teil im Bild ist das Mittelhirn. Dies ist eine bearbeitete Version eines Bildes des funktionellen Neurologen Titus Chiu.
Diese Strukturen kontrollieren, wie dargestellt, neben Überlebensreaktionen auch grundlegende Überlebensfunktionen wie Atmung, Herzschlag und Blutdruck. Das Kleinhirn ist klassischerweise für die Koordination von Bewegungen bekannt, aber neuere Studien zeigen, dass es auch eine wichtige Rolle bei der Regulierung des autonomen Nervensystems spielt, d.h. bei der Balance zwischen Sympathikus und Parasympathikus.
Besonders spannend ist das Mittelhirn, also der obere Teil des Hirnstamms. In Abbildung 5 ist es rot eingezeichnet. Wenn dieses Areal aktiviert wird, kann es eine starke sympathische Reaktion auslösen - ein Teil des Überlebensmodus unseres Körpers. Diese Reaktion ist eingebettet in ein größeres neuronales Netzwerk, das “retikuläre Aktivierungssystem”.
Dieses Netzwerk spielt eine zentrale Rolle für Wachsamkeit und das schnelle Erkennen von Gefahren - und damit letztlich für unser Überleben.
Es organisiert und fokussiert unsere Aufmerksamkeit. Wenn man beispielsweise plant, sich einen Golf zu kaufen, sorgt es dafür, dass man auf der Straße ständig Autos der Marke “Golf” entdeckt, die man vorher vielleicht völlig ausgeblendet hätte.
Wenn das Mittelhirn chronisch aktiviert wird, ist man also ständig in höchster Alarmbereitschaft. Das bedeutet, man sucht die Umgebung ständig nach Anzeichen von Gefahren ab.
Wenn das Mittelhirn überaktiv ist, kann dies zu einer verstärkten Kampf-oder-Flucht-Reaktion führen - also zu einer Überaktivierung des sympathischen Nervensystems. Mehr dazu in den Kapiteln 5 und 6.
Es wird häufig gesagt, dass der Hirnstamm bzw. das Reptiliengehirn für unser Überleben zuständig ist. Wahr ist, es geht in allen Teilen des Gehirns ums Überleben. Der Unterschied ist, wie wir überleben.
